Kategorie: Editorial

Andreas Bangemann 0

Wären Sie gerne reich, wenn Sie tot sind? – Editorial

Der welt­wei­te Wirt­schafts­leis­tungs­mo­tor läuft heiß und heißer. Das Ziel lautet Wohl­stand. Dafür scheint „Reich­tum“ unent­behr­lich zu sein. Diesem Ziel brin­gen wir Opfer.
Die Umwelt zum Beispiel. Oder die persön­li­che Gesund­heit. Wir bren­nen uns aus, denn das Bestre­ben steht über allem: Wohl­stand. Reich­sein. Dabei sind wir längst so reich wie nie zuvor in der Mensch­heits­ge­schich­te.
Gleich­zei­tig müssen wir uns aber mit zuneh­men­den Armuts­pro­ble­men befas­sen. Mauern mit Stachel­draht umge­ben die Paläs­te der Milli­ar­dä­re. In gepan­zer­ten Fahr­zeu­gen werden ihre Kinder, in Städ­ten wie São
Paulo, vorbei an den Blech­hüt­ten der Slums zur Schule gefah­ren. Auch in den wirt­schaft­lich leis­tungs­fä­higs­ten Ländern der Erde pral­len unbe­greif­li­che Gegen­sät­ze aufein­an­der.
Dabei erkennt man immer das iden­ti­sche Muster: prot­zi­ger Luxus und bekla­gens­wer­te Bedürf­tig­keit zur selben Zeit am glei­chen Ort. Reich­tum ist auf tragi­sche Weise ungleich verteilt. Warum ist das so?
Raymond Firth schrieb 1959 in seinen Studi­en zur Ökono­mie der neusee­län­di­schen Maori: „In den Wäldern von Neusee­land wie in den Savan­nen im Sudan, über­all ist eines Reali­tät: Fami­li­en, die Hunger erlei­den müssen
oder denen es an Lebens­not­wen­di­gem fehlt, sind in einem Dorf unmög­lich, in dem es Fami­li­en gibt, die üppig versorgt sind.“ Da drängt sich die Frage auf: Mit welchem Recht bezeich­nen wir Natur­völ­ker als „primi­tiv“?
„Reich­tum und Armut gehö­ren nicht in einen geord­ne­ten Staat“ erkann­te der 1930 verstor­be­ne Refor­mer Silvio Gesell im Laufe von Studi­en, die in sein Haupt­werk „Die Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung“ münde­ten.
Der Fran­zo­se Thomas Piket­ty ist 42 Jahre alt und gegen­wär­tig Wirt­schafts­pro­fes­sor an der „Paris School of Econo­mics“. Dieser Tage ist die engli­sche Über­set­zung seines Buches „Capi­tal in the 21st centu­ry“ (Kapi­tal im 21.
Jahr­hun­dert) erschie­nen. Der Wirt­schafts­no­bel­preis­trä­ger Paul Krug­man aus den USA bezeich­net das Werk als eines, das die Art wie wir über Gesell­schaft und Wirt­schaft denken, grund­le­gend verän­dern werde.
Piket­ty unter­such­te die Wirt­schafts­wachs­tums­pro­zes­se über einen langen Zeit­raum und glich die Ergeb­nis­se mit der Entwick­lung der Vertei­lung der Geld­ver­mö­gen ab. Dabei stell­te er fest, dass die Geld­ver­mö­gen stets schnel­ler
wuch­sen, als die Wirt­schafts­leis­tung. Bis zum Vorabend des 1. Welt­kriegs war demnach das Kapi­tal in Europa auf das 6- bis 7‑fache der gesam­ten Wirt­schafts­leis­tung eines Jahres ange­wach­sen. Eine Situa­ti­on, die mit der heuti­gen
vergleich­bar ist. Die wissen­schaft­li­che Erkennt­nis, die sich daraus ablei­tet, lautet: Wach­sen­de Geld­ver­mö­gen gehen grund­sätz­lich einher mit zuneh­men­der Ungleich­ver­tei­lung. Die Autoren der HUMANEN WIRTSCHAFT, allen voran Helmut
Creutz und der in der vorlie­gen­den Ausga­be schrei­ben­de Günther Moewes, bestä­ti­gen in mitt­ler­wei­le Jahr­zehn­te anhal­ten­der Arbeit Piket­tys jetzi­ge Forschungs­er­geb­nis­se. Der zu erwar­ten­de Erfolg des Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers
aus Paris wäre auch einer der akri­bisch im Hinter­grund forschen­den „freien Geis­ter“, die sich – teil­wei­se ein Leben lang – für die grund­le­gen­de Erneue­rung des Geld­sys­tems und des Boden­rechts einset­zen. Schließ­lich kamen
sie zu glei­chen Ergeb­nis­sen, nur ohne die Unter­stüt­zung eines Wissen­schafts­be­triebs. Thomas Piket­ty scheint der rich­ti­ge Mann zum passen­den Zeit­punkt zu sein. Das „Handels­blatt“ traut ihm
zu, er werde „Epoche machen“ und der engli­sche „Guar­di­an“ meint, er versen­ke „rigo­ros alles, was Kapi­ta­lis­ten über die Ethik des Geld­ma­chens denken“. Er kann es demnach schaf­fen, auf höchs­ter Ebene Bewe­gung in die
vermut­lich zentrals­te Aufga­be der Neuzeit zu brin­gen: die Erfor­schung des Geld­sys­tems und dessen Folgen. Können wir eine Kata­stro­phe, wie sie sich vor 100 Jahren schon einmal anbahn­te noch abwen­den?
Wenn die Raten des Geld­ver­mö­gens­wachs­tums dauer­haft über jenen des Wirt­schafts­wachs­tums liegen „neigt die Vergan­gen­heit dazu, die Zukunft zu verschlin­gen“, konsta­tiert Piket­ty. Das Schick­sal unse­rer Gesell­schaft
ist geprägt von der Domi­nanz ererb­ten Geld­ver­mö­gens. Wer tot ist, den hat die Vergäng­lich­keit des Lebens einge­holt. Die Ansprü­che der Geld­ver­mö­gen von Toten wach­sen genera­tio­nen­über­grei­fend weiter. Thomas Piket­ty
empfiehlt eine welt­weit orga­ni­sier­te Vermö­gens­steu­er gegen die Reich­tums­kon­zen­tra­ti­on. Das dürfte ein hinrei­chen­des Instru­ment für den erfor­der­li­chen schnel­len Eingriff darstel­len. Löst man damit das ursäch­li­che Problem
auf Dauer? Wenn Geld­ver­mö­gen (Kapi­tal) sich infol­ge Zins und Zinses­zins von selbst vermeh­ren und wach­sen­de Ansprü­che an zukünf­ti­ge Leis­tun­gen von Menschen stel­len, dann kann das Abschöp­fen infol­ge leis­tungs­lo­ser Einkom­men
entstan­de­nen Kapi­tals nur der erste Schritt sein. Warum soll­ten wir dabei stehen blei­ben und nur versu­chen, die Ergeb­nis­se eines unge­rech­ten und fehler­haf­ten Systems wieder zu vertei­len, anstatt nicht direkt derlei Erträ­ge
durch System­än­de­run­gen zu verhin­dern? Viele freie Geis­ter und Verfech­ter einer huma­nen Wirt­schaft befas­sen sich mit den Ursa­chen der Ungleich­ver­tei­lung. Sie erar­bei­ten dabei auch Lösungs­vor­schlä­ge.
Alles deutet darauf hin, dass die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten nach­zie­hen können.

Herz­lich grüßt Ihr Andre­as Bange­mann

„Kein Recht im Unrecht – kein gutes Leben im schlechten“ – Andreas Bangemann 0

„Kein Recht im Unrecht – kein gutes Leben im schlechten“ – Andreas Bangemann

Durch unser Geld­sys­tem und das darauf aufbau­en­de Boden­recht werden allen Menschen dieser Erde Tag für Tag immer größer werden­de Teile ihrer eige­nen Leis­tung wegge­nom­men. Auch im Hinblick auf Paten­te und das Urhe­ber­recht gibt es zu hinter­fra­gen­de Entwick­lun­gen, die Räume für Privi­le­gi­en schaf­fen, von denen nur sehr wenige profi­tie­ren. Das geschieht für viele unbe­merkt, denn es werden dazu in den seltens­ten Fällen direk­te Rech­nun­gen ausge­stellt. Die in unse­rem Recht und dem genutz­ten Geld­sys­tem veran­ker­ten Mecha­nis­men sorgen für die Bedie­nung dieser Privi­le­gi­en über die Preise und Steu­ern,
die jeder von uns für den Lebens­un­ter­halt bezahlt.

Allegorische Darstellung der Lust am Stadttheater, Gießen. 0

Lust auf neues Geld – Andreas Bangemann

Das ist doch einmal etwas ande­res. Statt sich mit den immer wirrer werden­den Gescheh­nis­sen um Poli­tik und Finanz­markt herum­zu­är­gern, frönen wir der Lust! Doch was ist wohl mit „neuem Geld“ gemeint? Mit dem Geld, das wir zu kennen glaub­ten, scheint ja etwas Grund­le­gen­des im Argen zu liegen. Wir erle­ben, wie es sich erkenn­bar in unvor­stell­ba­ren Mengen bei eini­gen weni­gen sammelt und es bei den aller­meis­ten hinten und vorne fehlt, bei manchen gar über­haupt nicht mehr ankommt. Immer klarer wird dabei: Es handelt sich nicht um einen Prozess, der maßgeb­lich durch mehr oder weni­ger Leis­tung beein­flusst wird, sondern das im Besitz haben von Geld genügt, um zu Reich­tum zu kommen. Immer klarer wird auch, dass wir mit diesem Geld einer leid­vol­len Kata­stro­phe entge­gen gehen. Von einem solchen Geld haben wir und immer mehr Menschen auf der ganzen Welt die Nase voll. Dieses Geld entzweit, macht einsam und zerstört nach und nach alles, was uns lieb und „teuer“ ist. Wir wissen, was wir nicht mehr wollen.

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Editorial: Dschungelcamp im Schilderwald – Andreas Bangemann

Das Fern­seh­for­mat, das sich keiner anschaut, von dem aber viele reden, ist dieses Mal der Einstieg, der mich einmal mehr zu jenem Thema führt, das im
Grunde wie kein ande­res unsere Zukunft bedeu­tet: die Wirt­schafts- und Finanz­kri­se, die längst zur System­kri­se des Kapi­ta­lis­mus gewor­den ist. Sie wird uns nicht mehr loslas­sen. Das wäre ja auch noch schö­ner, für die Zeit­schrift, die den Weg zu einer huma­nen Wirt­schaft als Ziel hat! Wir lassen in dieser Sache nicht mehr nach.

Unwort des Jahres 2011: „Schuldenbremse“ – Andreas Bangemann 1

Unwort des Jahres 2011: „Schuldenbremse“ – Andreas Bangemann

Seit gefühl­ten 100 Jahren erklä­ren uns alle Exper­ten, wie schlecht stän­dig wach­sen­de Staats­schul­den für uns und vor allem „die nach­fol­gen­den Genera­tio­nen“ sind. Als 1979 Franz Josef Strauß in einer legen­dä­ren Bundes­tags­sit­zung den Abge­ord­ne­ten die aus heuti­ger Sicht gera­de­zu lächer­li­che Staats­ver­schul­dung von 33 Milli­ar­den D‑Mark in seiner unnach­ahm­li­chen Rheto­rik zum höchs­ten Berg Deutsch­lands auftürm­te, wenn man ihn in 1.000-Mark-Scheinen über­ein­an­der legen würde (3.500 Meter), war ich gerade mal 22 Jahre alt und wohl jene Genera­ti­on, die er gemeint haben könnte, wenn er von einer zukünf­ti­gen sprach. Die Summe der dama­li­gen Staats­schul­den würden wir heute an einem Sonn­tag im Klin­gel­beu­tel in den Kirchen einsam­meln.

Eisschirmchen, © Martin Bangemann, Kontakt über http://bestmoose.de 0

Editorial: Von Schirmchen und Paketen – Andreas Bangemann

Mit dem Euro­päi­schen Stabi­li­täts­me­cha­nis­mus (ESM), der zunächst mit rund 700 Milli­ar­den Euro ausge­stat­tet wurde, soll die Schul­den­kri­se in Europa beherrscht und den Finanz­märk­ten die Kraft poli­ti­scher Hand­lungs­fä­hig­keit gezeigt werden. Direkt kommen auf jeden Einwoh­ner in Deutsch­land rund 1.500 € Belas­tung zu. Ein grie­chi­scher Einwoh­ner hält mit rund 1.100 € zusätz­lich zu bedie­nen­der Staats­schul­den jenen Rettungs­schirm, der angeb­lich für ihn aufge­spannt wurde.

Editorial: Der Klabautermann führt das Narrenschiff – Andreas Bangemann 0

Editorial: Der Klabautermann führt das Narrenschiff – Andreas Bangemann

Inner­halb weni­ger Tage, ja manch­mal nur Stun­den, kann sich derzeit so Manches in sein komplet­tes Gegen­teil verwan­deln. Aus Atom­kraft­werks-Befür­wor­tern werden ‑Abschal­ter. Aus Konser­va­ti­ven werden Linke. Die Chart­kur­ven der Börsen glei­chen Achter­bah­nen. Super­rei­che werden zu Kämp­fern für mehr Steu­ern von Super­rei­chen.

Editorial: Schütze die Flamme – Andreas Bangemann 0

Editorial: Schütze die Flamme – Andreas Bangemann

Es wäre vermes­sen, wenn ich versu­chen wollte, der Gedan­ken- und Gefühls­welt von Joseph Beuys gerecht zu werden. In seiner letz­ten großen Rede im Januar 1986, anläss­lich einer Preis­ver­lei­hung wieder­hol­te er mehr­mals den Satz „Schüt­ze die Flamme“. Wärme, mensch­li­che Wärme, muss ihm sehr wich­tig gewe­sen sein. Genau wie sein Gesell­schafts­mo­dell der „Sozia­len Plas­tik“.

Ein Herz aus Stein 1

Editorial: „Trägst du ein Herz von Fleisch, erhärte es zu Stein“ – Andreas Bangemann

„Trägst du ein Herz von Fleisch, erhär­te es zu Stein
und wund’re dich nicht, wenn es nicht gleich gelingt.
Sei einmal hart vor einer großen Not,
bald siehst du zu, wenn wer ins Wasser springt.
Das garan­tiert die Krone des Gewinns:
Zins und Zinses­zins.“
** Ute Lemper in dem „Lied des Lotte­rie­agen­ten“, geschrie­ben von Kurt Weill.

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Editorial: Keine Freiheit ohne soziale Gerechtigkeit – Andreas Bangemann

Wenn dieser Tage von den Ereig­nis­sen in Ägyp­ten und den arabi­schen Ländern die Rede ist, dann steht in erster Linie immer das Stre­ben der Bevöl­ke­rung nach Frei­heit und Demo­kra­tie im Lichte der Bericht­erstat­tun­gen. In Neben­sät­zen und Rand­be­mer­kun­gen wird die schrei­en­de Unge­rech­tig­keit erwähnt, unter der die Menschen zu leiden und zu leben haben.

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Die Befreiung vom Zins (Editorial) – Andreas Bangemann

Zins und Zinses­zins sind die unbe­herrsch­ba­ren Kräfte im Motor unse­res Wirt­schafts­damp­fers.
Kräfte, die uns in den Unter­gang trei­ben können.
Es wäre in jeder Hinsicht eine Befrei­ung, wenn wir den Zins und seine zerstö­re­ri­sche
Macht über­win­den würden. Im Zins verste­cken sich durch­aus sinn­vol­le
Kosten­fak­to­ren, die als ein Preis für Dienst­leis­tun­gen, bzw. Risi­ken bezahlt werden
soll­ten. Doch das ist weni­ger als die halbe Wahr­heit.