Zwei Geschichten über Bargeld – Editorial

Die erste Reise ohne meine Eltern führte mich 1972 im Alter von 15 Jahren nach Frank­reich. Zusam­men mit eini­gen Freun­den ging es auf aben­teu­er­li­che Fahrt über fast 1.000 Kilo­me­ter mit dem Mofa. Diese Zwei­rä­der hatten eine Höchst­ge­schwin­dig­keit von 25 km/h. Auf der Hinfahrt über­quer­ten wir die Alpen und an manchen Anstie­gen kam es mir so vor, als könnte ich zu Fuß gehend rascher voran­kom­men. Die 1,5 PS der Kreid­ler MF-2 waren nur auf der Ebene oder bergab dazu geeig­net, die lange Mähne, die man in den 70ern zu haben pfleg­te, im „Easy-Rider-Stil“ im Wind wehen zu lassen. Wie nicht anders zu erwar­ten, kam es auch zu tech­ni­schen Pannen. Meine „Kreid­ler“ gab im fran­zö­si­schen Niemands­land ihren Geist auf. In einem klei­nen Dorf hatten wir das Glück und entdeck­ten eine Repa­ra­tur­werk­statt, bei dem noch ein „Allround-Künst­ler“ werkel­te, der alles, was Räder hat, repa­rie­ren konnte. Fran­coise hatte spür­bar Freude, den lang­haa­ri­gen Halb­wüch­si­gen aus dem Nach­bar­land zu helfen, die – das erste Mal von Zuhau­se weg – ausge­rech­net bei ihm lande­ten.

Als er das Zwei­rad wieder fahr­tüch­tig gemacht hatte, fragte ich ihn nach dem Preis für seine Diens­te. Ich müsse nichts bezah­len, sagte er. Es sei ihm ein Vergnü­gen gewe­sen. Nur eine Bitte hätte er, wenn es schon um Geld ginge. Er wünsch­te sich ein D-Mark-Stück. Eine Deut­sche Mark, die würde er gerne haben. Über­rascht von so viel Groß­zü­gig­keit war ich froh in meiner Geld­bör­se ein Mark­stück zu finden und gab es ihm natür­lich. Hoffent­lich hat er es heute noch. Ich habe nämlich keines mehr.

Bargeld hat unzäh­li­ge Facet­ten. Diese Geschich­te handelt von der Symbol­haf­tig­keit des Geldes. Vermut­lich hatte Fran­coise die deut­schen Tugen­den und das in den 70ern welt­weit so hoch­ge­schätz­te „Made in Germa­ny“ vor Augen als er um das Geld­stück bat. Ich kann nicht wissen, was er für ein Mensch war, bei mir blieb nur seine Gene­ro­si­tät hängen. Und so denke ich bis heute an seine Güte zurück. Die vielen weite­ren Zahlungs­vor­gän­ge, die es auf der Reise auch noch gab, fehlen in meiner Erin­ne­rung. Ich stelle mir vor, wie Fran­coise das Mark­stück gut einseh­bar in der Werk­statt ausstell­te und seinen Freun­den und Kunden erzähl­te, wie er den Jugend­li­chen bei ihrer Fahrt durch Frank­reich helfen konnte.

Aus mir wurde – unter ande­rem – ein „Geld­theo­re­ti­ker“. Ich kann mich mit Fach­leu­ten über wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che Abhand­lun­gen und abstrak­te Betrach­tun­gen hinsicht­lich Gewich­tun­gen der Funk­tio­nen von Zahlungs­mit­teln ausein­an­der­set­zen. Ich bin in der Lage so tief in Theo­ri­en einzu­stei­gen, dass ich begin­ne diese Denk­wel­ten und die ratio­na­len Schluss­fol­ge­run­gen für wahr­haf­tig zu halten. Aber sind nicht Fran­coise und all die zwischen­mensch­li­chen Erleb­nis­se von heute das echte Leben?

2. Geschich­te:

Stel­len Sie sich vor, Sie werden Zeuge einer Szene: Jemand über­reicht einer Frau einige Geld­schei­ne. Sie nimmt das Geld mit beiden Händen entge­gen, so dass es aussieht, als falte sie sie wie zu einem Gebet zusam­men. Dann macht sie lächelnd eine tiefe Verbeu­gung. Die über­rei­chen­de Person strahlt eben­falls und genießt die Geld­über­ga­be offen­sicht­lich. Während der „Trans­ak­ti­on“ sehen sie sich an. Wenn das Ganze auch nur ein paar Sekun­den dauert, so kommt es dem Betrach­ter viel länger vor. Eini­ges an dieser »Bezah­lung« ist frag­wür­dig: Ist die Frau in Abhän­gig­keit von der Person und ihr Verhal­ten eine erwar­te­te Geste der Unter­wür­fig­keit? Ist ihr Lächeln eine Maske­ra­de? Wie ist die schein­ba­re Freude des Geben­den zu erklä­ren?

Es könnte eine Szene aus einer ande­ren Zeit sein. Zahlungs­vor­gän­ge, wie wir sie heute kennen, sind schnell und geschäf­tig, beglei­tet von star­ren Minen. Oder verdeckt und auf eine Weise unper­sön­lich, die aufblit­zen lässt, dass dem Geld etwas anhaf­tet, über das man eher den Mantel des Schwei­gens legt. Geld ist heut­zu­ta­ge fast noch ausge­präg­ter tabui­siert, als Glaube, Sexua­li­tät oder der Tod. Ausge­stat­tet mit west­li­cher Menta­li­tät, können wir uns schwer vorstel­len, dass die Frau aus der Szene im 21. Jahr­hun­dert lebt und mit ihrer Geste dem Geben­den ein Geschenk macht. Sie möchte seine Freude über das Geben des Geldes ehren und verstär­ken. Sie stammt aus einem Teil Asiens, in dem man so etwas bis heute kennt und pflegt. Mit der Freude des Gebens ist jeder Mensch vertraut. Im Zusam­men­hang mit Geld sind wir es heut­zu­ta­ge aber eher gewohnt, mit Tamtam bei Wohl­tä­tig­keits­ver­an­stal­tun­gen das Gewis­sen mit Spen­den zu beru­hi­gen. Dabei, wie bei nahezu allen ande­ren Gele­gen­hei­ten, achten wir pein­lich darauf, dass wir nur so viel herge­ben, wie es unbe­dingt sein muss. Fest­hal­ten ist das Credo.

Die Frage, die ich in den Raum stel­len möchte, lautet: Sind wir so gewor­den, weil Fest­hal­ten und Horten der wahre Kern unse­res Wesens ist oder tun wir es, da das Klima, das um uns herrscht, derar­ti­ges Verhal­ten fördert? Wenn Letz­te­res stimmt: Wie kommt es zum Klima der Blocka­de? Warum geben wir nicht leich­ten Herzens hin?

Mögli­cher­wei­se hilft Ihnen diese Ausga­be bei der Spuren­su­che.
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Herz­lich grüßt Ihr Andre­as Bange­mann

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