Zentralbanken kaufen im großen Stil Aktien 2

Zentralbanken kaufen im großen Stil Aktien

Ende 2013 belief sich laut Statis­tik der Wert aller welt­weit an den Börsen gehan­del­ter Aktien auf 64,3 Billio­nen US-Dollar. Dieser Wert dürfte sich bis Juni 2014 vergrö­ßert haben. Seit 2008 herrscht Welt­wirt­schafts­kri­se, doch keiner weiß so recht, was als nächs­tes passiert. Zinsen fallen auf Null und darun­ter, doch auf den…

EZB senkt Leitzinsen und führt erstmals „Strafzinsen“ ein 0

EZB senkt Leitzinsen und führt erstmals „Strafzinsen“ ein

Gerade wird gemel­det, dass die EZB es getan hat. Der Leit­zins wurde auf 0,15% gesenkt. Und für über Nacht gepark­te Gelder von Geschäfts­ban­ken bei der Zentral­bank wird ein Minus­zins von 0,1 % fällig. Das Ganze hat nichts mit grund­sätz­li­chen Einsich­ten zu tun, sondern ist eine Verzweif­lungs­tat. Mit ihr erhofft man…

Zu den Waffen greifen – Offener Brief von Jürgen Todenhöfer 0

Zu den Waffen greifen – Offener Brief von Jürgen Todenhöfer

Der deut­sche Bundes­prä­si­dent Joachim Gauck über­rasch­te im Januar 2014 vieler seiner Lands­leu­te, als er zum Auftakt der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz dafür plädier­te, Deutsch­land müsse sich – auch mili­tä­risch – stär­ker für Sicher­heit und Menschen­rech­te einset­zen. Das führte zu kontro­ver­sen Diskus­sio­nen darüber, ob wir uns auf Kriege vorbe­rei­ten müss­ten, die nicht mehr…

Der mühsame Weg… – Pat Christ 0

Der mühsame Weg… – Pat Christ

Noch gibt es keinen „Mittel­Fran­ken“. Über Umwege wirbt der Verein Regio-Mark für eine Komple­men­tär­wäh­rung. er nicht mit einem golde­nen Löffel im Mund gebo­ren wurde, wird es kaum schaf­fen, zeit­le­bens einen solchen zu bekom­men. Denn Geld fließt gewöhn­lich zu denen, die Geld haben. Es sei denn, es handelt sich tatsäch­lich um…

Der eine kann dies… – Bericht von Andreas Bangemann 0

Der eine kann dies… – Bericht von Andreas Bangemann

„Wirk­geld statt Würg­geld“ – Der „Regio­nal­geld Schles­wig Holstein e.V.“ feier­te das 10-jähri­ge Jubi­lä­um seines „Kann­Was“ Dr. Frank Schep­ke, Bio-Land­­wirt und ehema­li­ger Olym­pia-Gold­­me­dail­­­len­ge­win­­ner im Rudern, war 2004 Initia­tor und Mitbe­grün­der des Verei­nes, der bis heute die Regio­nal­wäh­rung für Schles­wig Holstein trägt. Ange­tre­ten, um sich für ein besse­res Geld­sys­tem einzu­set­zen, bewies das…

Partnerschaftliches Interview 0

Partnerschaftliches Interview

Von unse­rer Face­book-Seite: Ein viel­sa­gen­des Inter­view zu TTIP. Wohl­ge­merkt: Viel­sa­gend! Nicht aufklä­rend. Gründe GEGEN das TTIP gibt es viele, aber unsere Medien drehen es trotz sich immer stär­ker formie­ren­der Gegen­wehr aus der Bevöl­ke­rung so, als gäbe es nur die Sicht­wei­se derer, deren Inter­es­se sich ausschließ­lich auf die eigene Berei­che­rung rich­tet.…

12 Stunden Goldener Schlaf – Claudia Pflug 0

12 Stunden Goldener Schlaf – Claudia Pflug

Lieber Herr Bange­mann, wir hatten Ende letz­ten Jahres mitein­an­der tele­fo­niert, da ich Ihnen meine neue Anschrift mitge­teilt hatte. Außer­dem war mein klei­nes Baby unter­wegs. Teresa Marie Mild­red ist inzwi­schen schon über drei Monate alt. Im Hinblick auf die Ziele Ihrer Zeit­schrift – die Kritik des Kapi­ta­lis­mus, oder besser, die Über­win­dung…

Die „Schöne aus Marienhöhe“ darf nicht sterben – Pat Christ 0

Die „Schöne aus Marienhöhe“ darf nicht sterben – Pat Christ

Saat­gut­ak­ti­vis­ten kämp­fen gegen die geplan­te Novel­lie­rung einer EU-Veror­d­­nung – Radies­chen, Mohn und Zitro­nen­ba­si­li­kum, Obsi­di­an, Slim Jim und Wilde Rauke: Dutzen­de Rari­tä­ten und bewähr­te Haus­gar­ten­sor­ten gab es im Febru­ar beim Saat­gut-Festi­val im unter­frän­ki­schen Ipho­fen zu bestau­nen und zu erwer­ben. Star­gast der Veran­stal­tung, die mehre­re hundert Besu­cher von teil­wei­se weit­her anzog, war…

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Schon wieder – Laura Gottesdiener

Die Preise für Eigen­hei­me stei­gen! Die Baukon­junk­tur springt wieder an! Die Krise ist über­wun­den! Seit eini­ger Zeit beju­beln die Medien in den USA die wunder­sa­me Wieder­auf­er­ste­hung der Immo­bi­li­en­märk­te. Was sich hinter dem ganzen Tamtam verbirgt, erfährt man nicht. In der Bran­che brei­tet sich seit knapp zwei Jahren eine komplett neue…

Der Strudel in die Sucht – Karl-Dieter Bodack 0

Der Strudel in die Sucht – Karl-Dieter Bodack

• Steu­ern werden als „Last“ bezeich­net, als „Belas­tung“ empfun­den, von der man sich „befrei­en“ sollte;
• „Steu­er­erspar­nis“ wird hoch geschätzt, erhält gesell­schaft­li­chen Wert, es grün­den sich Unter­neh­men, die Steuer„ersparnis“ als Dienst­leis­tung anbie­ten und dafür gute Hono­ra­re verlan­gen;
• In Gesprä­chen lobt sich jeder, der es geschafft hat, Steu­ern zu „sparen“, andere erkun­di­gen sich, es entsteht eine Art neuer Volks­sport des „Steu­er­spa­rens“, mit einem gesell­schaft­li­chen
Wert wie er seiner­zeit dem Spar­buch­spa­ren zukam;
• Von den Poli­ti­kern wird gefor­dert, dass sie alles Wünschens­wer­te schaf­fen, Thea­ter, Schu­len und Kinder­gär­ten, Hilfe für Fami­li­en, die Volks­hoch­schu­le, Umge­hungs­stra­ßen, Bürger­parks, Kinder­spiel­plät­ze, mehr Busver­bin­dun­gen schnel­le­re Zugver­bin­dun­gen;
• Poli­ti­ker werden geschätzt, die das schaf­fen, Steu­ern zu senken und gleich­zei­tig möglichst alle Wünsche erfül­len;
• Die Folge­kos­ten werden igno­riert: Was der Spiel­platz monat­lich in der Pflege, das Thea­ter­en­sem­ble pro Zuschau­er, der Park pro Spazier­gang kostet, ist tabu, niemand spricht darüber,
keiner will es wissen;
• Bürger sparen als Vorsor­ge für schlech­te­re Zeiten oder fürs Alter, brin­gen Geld­be­trä­ge zu Banken, verlan­gen möglichst hohe Zinsen dafür;
• Die Kommu­nen, Länder und der Bund brau­chen viel mehr Geld als sie einneh­men, leihen es von den Banken, rich­ti­ger von den Bürgern mit dem Verspre­chen („Bundes­schät­ze“), es zurück­zu­zah­len;
• Berühmt wird ein Poli­ti­ker nicht mit einem Park für ein paar Millio­nen, sondern erst mit einem „Frei­zeit­park, der ein paar hundert Millio­nen kostet;
• Anfäng­li­che Millio­nen-Anlei­hen werden zu Milli­ar­den-Anlei­hen;
• Poli­ti­ker werden gefei­ert, wenn Sie als „Über­vä­ter“ wissen, was den Bürgern guttut und wenn sie das auch gegen Wider­stän­de all derer, die mangels Einsicht dage­gen sind, durch­drü­cken;
• Die Zinsen für die Kredi­te bean­spru­chen mehr und mehr Antei­le aus den Steu­er­gel­dern;
• Die Kredit­sum­men stei­gen, weil mehr und mehr Steu­er­gel­der von Zins­zah­lun­gen absor­biert und gleich­zei­tig die Projek­te immer größer werden;

Das transatlantische Freihandelsabkommen – Wolfgang Berger 0

Das transatlantische Freihandelsabkommen – Wolfgang Berger

Finan­zi­el­le Massen­ver­nich­tungs­waf­fen fahren die Ernte ein -
»Le Monde diplo­ma­tique – die fran­zö­si­sche Zeitung für auswär­ti­ge Bezie­hun­gen – bezeich­net das trans­at­lan­ti­sche Feihan­dels­ab­kom­men TAFTA (Trans­at­lan­tic Free Trade and Invest­ment Agree­ment) als „Staats­streich in Zeit­lu­pe“. In gehei­men Verhand­lun­gen wird es von den mäch­tigs­ten Konzer­nen der Welt, die von 600 Indus­trie­ver­bän­den vertre­ten werden, vorbe­rei­tet. Geset­ze benach­tei­li­gen immer dieje­ni­gen, die bei ihrer Verfas­sung nicht dabei sind. Dabei wird der Mensch „wie ein Konsum­gut betrach­tet, das man gebrau­chen und dann wegwer­fen kann“, schreibt Papst Fran­zis­kus im Evan­ge­lii Gaudi­um und fügt hinzu: „Diese Wirt­schaft tötet“. Sie tötet die Würde, die Frei­heit und den Sinn des Lebens der meis­ten Menschen. Viel­leicht hat Benito Musso­li­ni den Begriff Faschis­mus passend defi­niert: „Die Fusion zwischen Groß­kon­zer­nen und Staa­ten“. Wie ist dieser Vernich­tungs­feld­zug geplant worden? Wie wird er durch­ge­führt? Das Killer-Spiel „Live and let die“ (Lebe und lass andere ster­ben) Banken verge­ben Kredi­te gegen Sicher­hei­ten. Jeder Firmen­chef und jeder Haus­ei­gen­tü­mer weiß das. Bei der Kredit­prü­fung wird meist ein Fünf­tel Eigen­ka­pi­tal verlangt. Für die Banken selbst gilt diese Regel nicht. Große Banken arbei­ten mit 95 Prozent Fremd­ka­pi­tal und hebeln so den Ertrag auf ihr eige­nes Kapi­tal. Eine Milli­on Gewinn blei­ben eine Milli­on, wenn das Geschäft mit Eigen­ka­pi­tal finan­ziert wird. Bei fünf Prozent Eigen­ka­pi­tal erhöht sich der auf das Eigen­ka­pi­tal bezo­ge­ne Gewinn dann fast um das zwan­zig­fa­che. Damit recht­fer­ti­gen die Banken die Millio­nen­ga­gen Ihrer Topma­na­ger, die diese Gewin­ne „erwirt­schaf­ten“ – oder sollen wir besser „ergau­nern“ sagen? Die Versu­chung ist groß, dabei Risi­ken einzu­ge­hen, die die Bank selbst nicht auffan­gen kann. Gilt die Bank als system­re­le­vant weil sie „too big to fail“ (zu groß zum Schei­tern) ist, werden ihre Verlus­te auf die Steu­er­zah­ler abge­wälzt. So sind die Staats­schul­den explo­diert und ganze Länder in den Bank­rott getrie­ben worden. In der Krise waren die Staa­ten dann „too week to act“ (zu schwach zum Handeln). Der ersten Test­läu­fe für dieses Spiel sind vor zehn Jahren vorbe­rei­tet worden: Nied­ri­ge Hypo­the­ken­zin­sen und die Erwar­tung stei­gen­der Immo­bi­li­en­prei­se haben auch Subprime-Kredit­neh­mer (das sind solche mit schlech­ter Boni­tät) in den USA zu Haus­ei­gen­tü­mern gemacht. Diese Kredi­te wurden zu „Deri­va­ten“ (abge­lei­te­ten Wert­pa­pie­ren) gebün­delt und mit kurz­fris­ti­gen Rück­kauf­ver­ein­ba­run­gen („Repos“: Sale and Repurcha­se Agree­ments) weiter­ver­kauft. Hank Paul­son – von 1999 bis 2006 CEO (Vorstands­vor­sit­zen­der) der Invest­ment­bank Gold­man Sachs – hat die US-Banken Bear Sterns und Lehman Brothers in Deri­vat­ge­schäf­te in Milli­ar­den­hö­he einge­bun­den. 2006 ist Paul­son US-Finanz­mi­nis­ter gewor­den. Danach haben neue Geset­ze „Deri­va­te“ in „safe havens“ (siche­re Häfen) verwan­delt. Das bedeu­tet: Eine Bank, die Wert­pa­pie­re über Deri­va­te besitzt, kann sie beim Konkurs der Schuld­ner­bank behal­ten. 2008 konn­ten Bear Sterns und Lehman Brothers ihre Verpflich­tun­gen zum Rück­kauf der „Deri­va­te“ gegen­über Gold­man Sachs und dem briti­schen Finanz­un­ter­neh­men Barclays nicht erfül­len; sie brachen zusam­men. Die beiden sieg­rei­chen Banken hatten zwei Konkur­ren­tin­nen „gefres­sen“. Durch EU-Direk­ti­ven haben die Besit­zer von Deri­va­ten auch in Europa bevor­zug­ten Gläu­bi­ger­sta­tus. Während es im regu­lä­ren Insol­venz­recht eine Bevor­zu­gung von Gläu­bi­gern nicht gibt, ist sie bei Deri­va­ten jetzt die Norm. Deri­va­te in Verbin­dung mit Repo- Geschäf­ten schöp­fen Geld ohne Sicher­hei­ten. Die eine Bank nimmt, die andere gibt – und das im Kreis­lauf ad infi­ni­tum. Dieses Killer-Spiel wird in den USA „Live and let die“ (Lebe und lass andere ster­ben) genannt.

Der Bürger und sein Staat – Gerhardus Lang 0

Der Bürger und sein Staat – Gerhardus Lang

Gedan­ken zur „Besteue­rung“ – Jeder Selbst­stän­di­ge beschäf­tigt für
teures Geld einen „Steu­er­be­ra­ter“.
Was berät denn der? Doch nur, wie
man zu viel Steu­ern vermei­det. „Steu­er­ver­mei­dung“
ist der Sinn seines Daseins,
sonst nichts. Jeder macht das
so und befin­det sich damit im gesetz­li­chen
Rahmen. Im Übri­gen ist das
Steu­er­recht noch im Stadi­um wie zu
Zeiten von Chris­ti Geburt, dessen Eltern
zum Zwecke der Steu­er­schät­zung
nach Beth­le­hem reisen muss­ten, um
der Obrig­keit, der wir „unter­tan sind
und die Gewalt über uns hat“, den
geschul­de­ten Obolus zu entrich­ten.
(Jeder­mann sei unter­tan der Obrig­keit, die
Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrig­keit
ohne von Gott; wo aber Obrig­keit ist,
die ist von Gott verord­net, Römer 13,1)
Heute ist die Obrig­keit von den
Partei­en ausge­wählt immer noch
eine Obrig­keit, die Gewalt über
uns hat und die beschließt, was wir ihr
schul­den. Diese als Finanz­be­hör­de fungie­ren­de
Einrich­tung ist ein Staat im
Staate, die in dieser Form schon Jahr­hun­der­te
besteht. Sie hat schon zu Zeiten
der deut­schen Klein­staa­ten exis­tiert,
hat sich mit dem ersten deut­schen
Reich gefes­tigt, hat den ersten und den
zwei­ten Welt­krieg ohne Abstri­che über­stan­den,
hat dem Kaiser­reich das Heer
und die Flotte finan­ziert, hat die Weima­rer
Repu­blik mit Infla­ti­on und Defla­ti­on
über­stan­den. Dann hat sie unge­bro­chen
dem Dikta­tor Hitler seine Groß­machts­plä­ne
finan­ziert und durfte danach die
Staats­plei­te „abwi­ckeln“.
Nehmen und Geben
Wir, das Volk, von dem alle Staats­ge­walt
ausge­hen sollte, müssen nämlich
lang­sam anfan­gen, tatsäch­lich selber
zu beschlie­ßen, was wir für die Zwecke
des Staa­tes ausge­ben wollen. Aber das
wird uns verwei­gert, weil wir so etwas
angeb­lich nicht beur­tei­len könn­ten.
Gerade auf dem Gebiet des Steu­er­rechts
wissen die Mäch­ti­gen genau,
wie sie vorge­hen müssen, denn die
Kuh, die man melkt, soll vom Gemol­ken-
Werden möglichst nichts merken,
es soll diskret zuge­hen (Grund­satz der
Unmerk­lich­keit der Besteue­rung). Es
ist dieses das Prin­zip der Spitz­bu­ben,
dass die Leute, die bestoh­len werden,
es nicht immer gleich merken, damit
nämlich der Dieb möglichst uner­kannt
bleibt. Man hat es dem Gott der Diebe
– Merkur – abge­lauscht: man soll
möglichst über­haupt nichts merken.
Das haben auch die Kauf­leu­te und –
last, but not least – die Ärzte (deren
Gott auch Merkur ist!) an sich, unmerk­lich
das wegzu­schaf­fen, was zu viel ist,
dort­hin, wo es fehlt, wobei sich die drei
Berufe im real exis­tie­ren­den Leben gele­gent­lich
schlecht vonein­an­der unter­schei­den
lassen, weil sie manch­mal im
Einzel­nen als Gemenge­la­ge auftre­ten.
Inwie­weit nun Poli­ti­ker – insbe­son­de­re
Steu­er­po­li­ti­ker – einer der drei genann­ten
Kate­go­ri­en ange­hö­ren, ist so
leicht nicht auszu­ma­chen. Sie müssen
auch einer­seits wegneh­men, damit sie
woan­ders hinzu­fü­gen können. Sie können
dabei ärzt­lich handeln, wenn sie
beab­sich­ti­gen, den kran­ken Zustand
in einen gesun­den zu verwan­deln und
wenn die ergrif­fe­nen Maßnah­men auch
zu diesem hehren Ziel führen. Vorge­ben
tun es die Poli­ti­ker meist laut­hals, dass
genau dieses und nichts ande­res ihre
Absicht sei. Rech­net man es dann aller­dings
vor – oder auch nach –, so landet
zum Schluss das Wegge­nom­me­ne häufig
dort, wo sowie­so schon zu viel ist,
und wird genau denen letzt­lich wegge­nom­men,
denen es gut getan hätte.
Dabei sind die Wege der zu vertei­len­den
Beute oft so verschlun­gen, dass
die Spuren in die Irre führen, was auch
der Gott Merkur bald nach seiner Geburt
meis­ter­lich beherrsch­te, indem er
die seinem Bruder Apollo gestoh­le­nen
Rinder rück­wärts in sein Versteck führte,
damit es so aussä­he, als wären sie in
entge­gen gesetz­ter Rich­tung gelau­fen
Ja, die Frage ist berech­tigt: lässt sich
das Ruder „herum­wer­fen“, oder auch:
lässt sich das oder die Steuer herum­wer­fen?
Wenn die See stür­misch ist,
ist das nicht so einfach, und manch
ein Schiff ist geken­tert, weil das Steuer
zu schnell oder auch zu spät herum­ge­wor­fen
wurde. Deshalb ist es sicher
gut, wenn nicht zu schnell herum­ge­wor­fen
wird, wobei dann vor allem der
neue Kurs stim­men muss: es wird zwar
dauernd der Kurs gewech­selt, aber wo
es letzt­lich hinge­hen soll, welches Ziel
erreicht werden muss, darüber macht
sich kaum einer Gedan­ken. Haupt­sa­che
das Schiff fährt mal wieder in einer
ande­ren Rich­tung, egal wohin die Passa­gie­re
eigent­lich wollen.
Im Mittel­punkt aller steu­er­recht­li­chen
Über­le­gun­gen steht heute der Mensch
nur im Hinblick auf den Wider­stand,
den er der „lega­len“ Enteig­nung entge­gen­brin­gen
wird, aber nicht, wozu das
Ganze eigent­lich dienen soll. Die zentra­le
Frage: „Was ist der Mensch?“ wird
ausge­klam­mert. Die einzi­ge Antwort
darauf lautet heute: Der Mensch ist ein
(böser) Egoist, und deshalb muss man
ihn zum Wohl­tun führen, z. B. durch
Erhe­ben von Steu­ern für das Gemein­wohl,
da dieses nicht egois­tisch, sondern
altru­is­tisch (gut) sei. So wird der
Mensch auch gegen seinen Willen anschei­nend
von einem bösen zu einem
(jeden­falls teil­wei­se) guten Menschen
gemacht, was vom Gesichts­win­kel der
Ewig­keit her ihm wieder­um nützt (jeden­falls
im höhe­ren Sinn). Wozu sich
also noch Gedan­ken machen!

Fehlt den Menschen das Bewusstwerden? – Richard Steinhauser 0

Fehlt den Menschen das Bewusstwerden? – Richard Steinhauser

Gedan­ken zu Charles Eisen­stein: „Die schö­ne­re Welt, von deren Möglich­keit unsere Herzen schon wissen“ -
Der Vision einer
schö­ne­ren Welt von
Charles Eisen­stein
stimme ich voll­auf zu –
sie ist möglich!
Muss man sich aber nicht zuvor
fragen: Warum ist die
heuti­ge Welt nicht so schön?
Alles hat eine Ursa­che.
Was muss mir bewusst werden? Ich
lebe. Ich bin einer von sieben Milli­ar­den
Menschen. Ich bin ein histo­ri­sches,
sozia­les und perso­na­les
Wesen. Ich trage Verant­wor­tung gegen­über
der Geschich­te, der Gesell­schaft
und mir selbst. Der reli­giö­se
Mensch sieht sich als tran­szen­den­ta­les
Wesen in der Verant­wor­tung vor
Gott. Daraus folge­re ich meine Lebens­auf­ga­be:
Ich habe mein Leben auf der
Erde so zu gestal­ten, dass noch weite­re
Genera­tio­nen auf ihr Leben können.
Ist mir das bewusst?
Als geschicht­li­ches Wesen schlum­mern
in mir Genera­tio­nen. Als sozia­lem
Wesen erfah­re ich, dass ich nur
durch das Du zum Ich werde. Eltern
haben mich gezeugt. Ich war hilf­los
und voll­kom­men auf sie ange­wie­sen.
Als Erwach­se­ner habe ich Bedürf­nis­se,
die nur durch eine große Gesell­schaft
erfüllt werden können. Als perso­na­lem
Wesen stehe ich vor allem in
der Verant­wor­tung für meine Gesund­heit.
Nur als gesun­der Mensch kann
ich der Geschich­te, der Gesell­schaft
und mir selbst am besten dienen. Und
als tran­szen­den­ta­les Wesen? Als denken­der
Mensch versu­che ich meinem
Leben einen Sinn zu geben. Ist mir das
bewusst?
Ich bin hinein­ge­bo­ren in die eine
Welt, in ein Volk, in eine Reli­gi­on
(Konfes­si­on), in eine Gemein­de,
in eine Fami­lie. Ich lebe in einem
Staat, der Geset­ze erlässt und dadurch
weit­ge­hend mein Leben bestimmt.
Ich benö­ti­ge täglich Geld.
Das Geld­we­sen wird von der Ideo­lo­gie
des Kapi­ta­lis­mus bestimmt. Der
Staat befin­det über Krieg und Frie­den.
Dies wird von der Ideo­lo­gie des
Mili­ta­ris­mus bestimmt. So leben wir
heute in der Welt des real und global
exis­tie­ren­den Mili­ta­ris­mus. Der
Mili­ta­ris­mus ist ein Gewalt­sys­tem
und der Kapi­ta­lis­mus ein Schma­rot­zer­sys­tem.
Die ganze Welt steckt im
Teufels­kreis der Gewalt und Unge­rech­tig­keit.
Diese Ideo­lo­gi­en sind
die Verur­sa­cher unse­res welt­wei­ten
Dilem­mas. Ist mir das bewusst?
Um leben zu können, braucht der
Mensch keinen ande­ren Menschen zu
töten, nicht einmal ein Tier. Was tut
der Mensch? Er führt Kriege. Es gibt
keine Recht­fer­ti­gung für den Mili­ta­ris­mus.
Um leben zu können, braucht
der Mensch kein Millio­när zu sein.
Was tut der Mensch? Er erfin­det ein
Geld­sys­tem, in dem man Multi­mil­lio­när,
ja sogar Multi­mil­li­ar­där werden
kann. Es gibt keine Recht­fer­ti­gung für
den Kapi­ta­lis­mus. Mili­ta­ris­mus und
Kapi­ta­lis­mus sind Lebens­lü­gen. Sie
sind das insti­tu­tio­na­li­sier­te Böse in
der Welt. Ist mir das bewusst?
„Die Proble­me, die es in dieser Welt
gibt, können nicht mit den glei­chen
Denk­wei­sen gelöst werden, die sie
erzeugt haben.“ (Albert Einstein). Zu
welcher Denk­wei­se müssen wir gelan­gen?
Zur Gewalt (der Krieg ist die
schlimms­te) gibt es nur eine Alter­na­ti­ve,
die Gewalt­frei­heit. Mit der Gewalt
kann kein Kompro­miss geschlos­sen
werden. Die Gewalt­frei­heit ist
eine funda­men­ta­le Wahr­heit. Erst in
ihr sind wir unse­rer Menschen­wür­de
würdig. Die Gewalt­frei­heit ist die Voraus­set­zung
für all unser Denken und
Tun. Nur so können wir unsere Proble­me
und Konflik­te, die es in jedem Zusam­men­le­ben
gibt, gewalt­frei durch
den Dialog lösen. Erst dann verhal­ten
wir uns wie vernunft­be­gab­te Wesen,
sind wir Menschen.
Wie mili­tä­ri­sches Denken hat auch
kapi­ta­lis­ti­sches Denken eine lange
Geschich­te. Wie ein Trauma lasten
Mili­ta­ris­mus und Kapi­ta­lis­mus auf
der Mensch­heit.

Die Teufelei geht weiter! – Kommentar von Wilhelm Schmülling 0

Die Teufelei geht weiter! – Kommentar von Wilhelm Schmülling

Mit welcher Arro­ganz zele­brier­ten bisher
priva­te Banken eine Aura der Serio­si­tät
– bis hin zur Innen­ein­rich­tung
(Inte­ri­eur genannt) und bis hin zum Nadel­strei­fen­an­zug
der Ange­stell­ten. All
das sollte die eigene Geschäfts­tüch­tig­keit
unter­strei­chen und die Wert­schät­zung
gegen­über Kunden, die man groß­zü­gig
am Erfolg des Hauses teil­neh­men
lassen wollte, Boni­tät voraus­ge­setzt.
Einige Privat­ban­ken sortier­ten gleich
bei der Geschäfts­an­bah­nung die „Minder­be­mit­tel­ten“
unter einem sieben­stel­li­gen
Vermö­gen aus. Denen war offen­sicht­lich
nicht zu helfen, den gnädig
aufge­nom­me­nen Kunden der Upper­class
schon, auch zum Vorteil der Bank.
Dieses anma­ßen­de Verhal­ten,
Image-Pflege genannt, setzte
sich mehr oder weni­ger bei allen
Banken durch – mit Ausnah­me bei Spar­kas­sen
und Genos­sen­schafts­ban­ken.
Und so verbrei­te­te sich unter den Kunden
ein nahezu gren­zen­lo­ses Vertrau­en.
Seit der Finanz­kri­se von 2008 zerbrö­sel­te
dieses Bild. Das Geld der Anle­ger wander­te
in zuneh­men­dem Maße – auch
bedingt durch das schwie­ri­ger werden­de
Kredit­ge­schäft mit der Real­wirt­schaft
– an den inter­na­tio­na­len Finanz­markt.
Mit der Verbrie­fung von Hypo­the­ken
wurden zuerst Haus­be­sit­zer in bitte­re
Not gestürzt, dann ganze Länder. Das
Geschäfts­ge­ba­ren bewuss­ter Über­vor­tei­lung
von Kredit­neh­mern wurde ruch­bar.
Einmal demas­kiert, verspra­chen die
Banken Besse­rung. Und alle Welt glaub­te
ihnen. Denn eine solch offen­sicht­lich
schäd­li­che Geschäfts­idee könne keinen
Bestand haben. Weit gefehlt, es muss ja
nicht die glei­che Masche sein.
Wer am 1. 4. 2014 auf ARTE um 23.20
Uhr die Doku­men­ta­ti­on „Die Geschich­te
der fran­zö­si­schen Banken. Eine Tragi­ko­mö­die“
ange­se­hen hat, ist erschüt­tert
über die Rigo­ro­si­tät der Bank­grün­der
und dem Ziel, Profit­ma­xi­mie­rung des
ange­leg­ten Kapi­tals nahezu risi­ko­los
zu errei­chen. Die Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on
bei den Banken ermög­lich­te eine Reich­tums­stei­ge­rung
neben dem Groß­grund­be­sitz
nun beim Geld­adel. Es war die
Grün­dung des moder­nen Kapi­ta­lis­mus
bis hin zum Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus. Alles
bei ARTE gut recher­chiert. Wer sucht,
der findet. Aller­dings zu nacht­schla­fen­der
Zeit. Wer Print­me­di­en bevor­zugt,
findet umfang­rei­che Berich­te in alter­na­ti­ven
Zeit­schrif­ten, wie der HUMANEN
WIRTSCHAFT. Auch die hier vorlie­gen­de
Ausga­be ist dafür ein Beleg.
Jeder Beitrag wäre eines umfang­rei­chen
Kommen­tars würdig. Wenn ich nun das
„Neue Geschäfts­mo­dell mit US-Immo­bi­li­en“
von Laura Gottes­die­ner heraus­grei­fe,
dann deshalb, weil darin exem­pla­risch
„schon wieder“ das kalt­blü­ti­ge
Geschäfts­ge­ba­ren – dies­mal mit Mietern
– beschrie­ben wird. Aus den Desas­tern
des Banken-Crash von 2008
haben jeden­falls die Hedge­fonds nichts
gelernt. Schon 2009 titel­te SPIEGEL
ONLINE „Hedge­fonds star­ten wieder
durch“.
Was aber Laura Gottes­die­ner auf Seite
18 dieser Ausga­be enthüllt, ist die Spitze
der Teufe­lei, nämlich die Abzo­cke der
„Under­class“, vornehm­lich der schwar­zen
Bevöl­ke­rung. Sie wähnte sich am
Ziel Ihrer Träume, eine dauer­haf­te Bleibe
in einer Miet­woh­nung zu finden. Statt­des­sen
zerran­nen viele Träume. Ohne
die Stra­te­gie der Reich­tums­ver­meh­rung
der Banken zu kennen, glaub­ten sie sich
dank der vorge­leg­ten Verträ­ge in Sicher­heit.
Bis sie die Tricks der Banken und
ihrer Haus­ver­wal­tun­gen zu spüren beka­men.
Ergo: Statt Haus­be­sit­zer sind
nun Mieter das Ziel der Abzo­cker.
Die Teufe­lei­en gehen aber nicht nur mit
Häusern und Wohnun­gen weiter. Sie
erfas­sen auch die Welt-Handels­be­zie­hun­gen.
Nur Wenige wissen um das geplan­te
Frei­han­dels- und Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men
(TTIP) zwischen der EU und den
Verei­nig­ten Staa­ten von Nord­ame­ri­ka.
Kein Wunder. Denn die Verhand­lun­gen
wurden geheim geführt. Wohl­ge­merkt
sind die Vertrags­part­ner insge­samt
Demo­kra­ti­en. Wenn­gleich nach dem
öffent­li­chen Druck die Intrans­pa­renz
gelo­ckert wurde, so blei­ben konkre­te
Verhand­lungs­tex­te unver­öf­fent­licht.
Was so begrü­ßens­wert als Frei­han­dels­zo­ne
geplant wurde, entpuppt sich als
ein Versuch, eine Schutz­zo­ne vornehm­lich
für Kapi­tal­in­ves­to­ren und Konzer­ne
einzu­rich­ten. In diesem Heft und schon
in Heft 01/2014 haben unsere Autoren
die infa­men Machen­schaf­ten erläu­tert.
Was schlie­ßen wir daraus? Nur in einer
frei­heit­li­chen Ordnung, nicht aber in einer
ausschließ­lich auf Kapi­tal­ertrag fixier­ten
Wirt­schafts­ord­nung sind grund­le­gen­de
Refor­men möglich.

Die größere humanitäre Geste – Johannes Korten, Interview mit Ilija Trojanow 0

Die größere humanitäre Geste – Johannes Korten, Interview mit Ilija Trojanow

Johan­nes Korten führte das Inter­view mit Ilija Troja­now -
Ende Dezem­ber 2013 hat GLS Online-Redak­teur Johan­nes
Korten in Stutt­gart den Schrift­stel­ler und Autor Ilija Troja­now
getrof­fen. Im Gespräch ging es um die Daten­sam­mel­wut von
Staa­ten und Unter­neh­men, fehlen­des Bürger­en­ga­ge­ment,
innere Wider­sprü­che und die Arbeit als Schrift­stel­ler. Ilija
Troja­now ist Kunde und Mitglied der GLS Bank.
»Mit Gewalt kann der Mensch nehmen,
aber nicht geben.« (Ilija Troja­now)
„Das Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung
und die Verhin­de­rung anlass­lo­ser Gene­ral­über­wa­chung
sind zentra­le Themen, für die Sie sich immer
wieder und mit großem Enga­ge­ment einset­zen.
Was treibt Sie dabei ganz persön­lich an?“
„Die Frage ist eher, wieso spüre ich diesen Zugriff
und andere nicht? Die Moti­va­ti­on ist ja meis­tens
wirk­lich so ein Bauch­ge­fühl, so eine Uner­träg­lich­keit.
Stel­len Sie sich vor, jemand guckt Ihnen über
die Schul­ter und schaut, was Sie gerade in Ihr Handy oder in
Ihren Compu­ter tippen. Da kann und wird wahr­schein­lich jeder
von uns mit Ableh­nung reagie­ren oder mit Abwehr. Wie
kann es aber sein, dass Menschen es nicht als Über­griff, als
Repres­si­on, als Verach­tung ihrer Würde empfin­den, dass
Staa­ten und Groß­kon­zer­ne sie in dieser Art über­wa­chen, kontrol­lie­ren
und ihre Daten nach Belie­ben verwen­den. Ich persön­lich
empfin­de das als nicht erträg­lich und kann mir auch
eine Gesell­schaft, die halb­wegs human ist und so etwas akzep­tiert,
nicht vorstel­len.“
„Was glau­ben Sie, worin diese Lethar­gie, diese
Gleich­gül­tig­keit begrün­det ist? Warum bleibt dieser
Aufschrei, warum bleibt diese Wehr­haf­tig­keit in
weiten Teilen der Gesell­schaft aus?“
„Ich glaube, es gibt ein grund­le­gen­des Problem.
Wir bilden uns ein, wir seien demo­kra­tisch verfasst.
Dabei unter­liegt – so glaube ich – unsere Ausbil­dung
und unsere Kondi­tio­nie­rung weiter­hin einer
uralten Logik, die alles andere als demo­kra­tisch ist, sondern
hier­ar­chisch, eher gehor­sam folgend als selbst­be­stimmt denkend
und agie­rend. Von den Menschen wird eher ein Mitschwim­men,
ein Mitlau­fen, ein Kuschen verlangt, als dass
das demo­kra­ti­sche Ideal eines selbst­be­stimm­ten Indi­vi­du­ums
verwirk­licht wäre, das sich Gedan­ken macht, hinter­fragt,
kritisch agiert, sich enga­giert und immer wieder diese Frei­heit
für sich selber und seine Zeit erkämpft, vertei­digt und erwei­tert.
Zumal Wider­stand ja auch anstren­gend ist und von
einem selbst ausge­hen muss. In unse­rer Gesell­schaft herrscht
ja das Prin­zip der Fremd­ver­sor­gung. Dissens wird aber nicht
bereit­ge­stellt. Das muss man sich selbst erar­bei­ten.
Die meis­ten Leute haben das Gefühl, irgend­wie wäre
ihnen eine vage formu­lier­te Frei­heit gewähr­leis­tet. Manche
setzen diese Zuver­sicht mit unse­rem Grund­ge­setz und den
darin verbrief­ten Bürger­rech­ten in Bezie­hung. Aber viele erlie­gen
dem Irrtum, diese Frei­heit sei so stabil wie die Mauern
ihres Hauses. Das ist ein großes Miss­ver­ständ­nis. Ich
glaube nicht, dass dieses System tatsäch­lich ein Inter­es­se
daran hat, den von mir erwünsch­ten freien und frei­heit­lich
denken­den kriti­schen Menschen zu erzeu­gen. Im Gegen­teil,
wenn man sich anschaut, was in den letz­ten zehn Jahren
passiert ist, Stich­wort Bildungs­re­form, geht es ja genau
in die entge­gen­ge­setz­te Rich­tung: Frei­räu­me veren­gen und
noch mehr zuspit­zen auf ganz bestimm­te, meist wirt­schaft­lich
rele­van­te Tätig­kei­ten.“
„Das klingt ja wenig opti­mis­tisch. Wo sehen Sie
denn Chan­cen, dieses Verhal­ten aufzu­bre­chen, die
Menschen dahin zu bewe­gen, die rich­ti­gen Fragen
zu stel­len und quasi eine System­ver­än­de­rung in Ihrem
Sinne herbei­zu­füh­ren?“
„Es ist ein Miss­ver­ständ­nis zu glau­ben, dass die genaue
Analy­se der herr­schen­den Verhält­nis­se eine
pessi­mis­ti­sche Haltung zum Ausdruck bringt. Im
Gegen­teil, genau das gibt uns Ermu­ti­gung. Wir können
keinen Mut fassen und wir können eine andere, besse­re
Welt über­haupt nicht imagi­nie­ren, geschwei­ge denn ihr entge­gen­ge­hen,
wenn wir nicht ein klares Verständ­nis davon haben,
was uns im Moment einengt, was uns bindet, uns in unse­ren
Möglich­kei­ten begrenzt, genau­so wie ein Verständ­nis
der Fehler­haf­tig­kei­ten, der inne­ren Wider­sprü­che, der Risse
dieses Systems abso­lut uner­läss­lich ist, um eine sinn­vol­le alter­na­ti­ve
Arbeit zu machen. Das Alter­na­ti­ve beinhal­tet ja seman­tisch,
dass man sich abgrenzt vom Exis­tie­ren­den, und
um das sinn­voll zu tun, muss man ja die Fehler des Exis­tie­ren­den
erst mal begrei­fen, um dann einen besse­ren Weg einzu­ge­hen.
Meine Hoff­nung grün­det auf zwei Sach­ver­hal­te: Zum einen die
Geschich­te der Frei­heit. Es ist faszi­nie­rend zu sehen, dass Menschen
immer wieder gegen alle mögli­chen Wider­stän­de in verschie­de­ner
Weise aufbe­geh­ren. Wir haben das in den letz­ten
Jahren inter­na­tio­nal erlebt, Stich­wort Brasi­li­en, arabi­sche Welt,
Länder, in denen niemand, selbst die Spezia­lis­ten, das erwar­tet
hatten; Zum ande­ren mein Zweck­op­ti­mis­mus. Mit dem
enor­men Privi­leg eines Schrift­stel­lers, sehr viel Zeit zu haben,
beschäf­ti­ge ich mich seit 20 Jahren mit dieser Entwick­lung. Die
kata­stro­pha­len Folgen des globa­li­sier­ten Kapi­ta­lis­mus sind
nicht Entwick­lun­gen, die man achsel­zu­ckend wie medi­ka­men­tö­se
Neben­wir­kun­gen hinneh­men kann. Die gegen­wär­ti­ge Entwick­lung
stellt das Wesen von Huma­ni­tät an sich in Frage.“

Ausgebrannt – Ralf Oettmeier 0

Ausgebrannt – Ralf Oettmeier

Fakten, tatsäch­li­che Hinter­grün­de, Bewäl­ti­gungs- und Vermei­dungs­stra­te­gi­en zum Burn­out­pro­blem.
BURNOUT ist in aller Munde. Kaum ein
Tag vergeht, an dem nicht neue Nach­rich­ten
über den Ausstieg von promi­nen­ten
Sport­lern, Trai­nern, Poli­ti­kern, Mana­gern
aus der Leis­tungs­ge­sell­schaft
erschei­nen. Der Zustand tota­ler Über­for­de­rung
und Erschöp­fung ist dabei nach
Krite­ri­en der Univer­si­täts­me­di­zin noch
nicht einmal eine Diagno­se, sondern nur
eine Störung. Diese zerstört aber viele
Exis­ten­zen, stürzt Fami­li­en ins Unglück,
fördert Firmen­plei­ten und ist schließ­lich
einer der Haupt­ur­sa­chen für Selbst­mord.
Kaum einer der Leser wird nicht in seinem
Umfeld jeman­den kennen, welcher
von der offen­bar moder­nen Volks­seu­che
betrof­fen ist. Und betrach­tet man unsere
finanz­po­li­ti­sche Situa­ti­on natio­nal,
euro­pä­isch wie global, so lassen sich
hier erstaun­li­che Paral­le­len zum Burn­out­pro­blem
der Menschen aufzei­gen,
welche durch Aufstau von Proble­men
und einem Unver­mö­gen von dessen Lösung
gekenn­zeich­net sind. Als Arzt habe
ich mich zunächst den mensch­lich-medi­zi­ni­schen
Hinter­grün­den gestellt. Bei
der tief­grün­di­gen Ursa­chen­for­schung
kommt man jedoch nicht an finanz­öko­no­mi­schen
Zusam­men­hän­gen vorbei.
Vorbe­mer­kun­gen und Defi­ni­ti­on
Defi­ni­ti­ons­ge­mäß beschreibt Burnout
einen Zustand anhal­ten­der Über­for­de­rung
(Stress) mit Erschöp­fung, Leis­tungs­ab­fall,
inne­rer Distan­zie­rung und
psycho­so­ma­ti­schen Beschwer­den. Es
handelt sich dabei im eigent­li­chen Sinne
nicht um eine aner­kann­te Krank­heit,
sondern eine Lebens­si­tua­ti­on ganz persön­li­cher
Art. In den Indus­trie­staa­ten
nimmt diese Proble­ma­tik stetig zu. Insbe­son­de­re
in Leis­tungs­be­ru­fen
mit
einem Höchst­maß
an Verant­wor­tung,
wie bei Ärzten, Führungs­kräf­ten,
Verkaufs­ma­nage­ment
und Poli­ti­kern geht
man von einer Quote
von 30–40 % der
über 40-jähri­gen
aus. Auch bei Lehrern,
Anwäl­ten und
in Pfle­ge­be­ru­fen
wird eine hohe Rate
beob­ach­tet. Nach
aktu­el­len Schät­zun­gen sollen gegen­wär­tig
etwa 4 Millio­nen Deut­sche Zeichen
dieses Über­las­tungs- und Schwä­che­zu­stan­des
haben. Nach Anga­ben
der Kran­ken­kas­sen stel­len die Burnout­ty­pi­schen
Sympto­me, wie Depres­si­on,
psychi­sche Störun­gen, psycho­so­ma­ti­sche
Erkran­kungs­zei­chen und Anpas­sungs­stö­run­gen
inzwi­schen die häufigs­te
Krank­schrei­bungs­ur­sa­che (AOK:
22,5 Tage/Jahr) dar. Der entste­hen­de
volks­wirt­schaft­li­che Scha­den durch
Arbeits­aus­fall, vermin­der­te Leis­tungs­fä­hig­keit
und Total­aus­fall geht jähr­lich
in die Milli­ar­den.

Zeit für etwas Neues – Pat Christ 0

Zeit für etwas Neues – Pat Christ

Zum Jahres­en­de verlässt Vorstands­frau Sylke Schrö­der die Ethik­Bank -
Vergli­chen mit der Deut­schen Bank,
die eine Bilanz­sum­me von 2,2 Billio­nen
Euro auswei­sen kann, ist die
Ethik­Bank klein: Hier liegt die Bilanz­sum­me
bei unter 300 Millio­nen Euro.
Doch inner­halb des alter­na­ti­ven Banken­sek­tors
hat sich die Ethik­Bank einen
Namen gemacht. „Wir kommen in
der Wahr­neh­mung der Menschen heute
direkt hinter der GLS-Bank“, sagt
Sylke Schrö­der. Die Mitbe­grün­de­rin
der Ethik­Bank gehör­te bisher dem
Vorstand an. Zum Jahres­en­de will sie
die Bank verlas­sen.
Was nicht an einer sich womög­lich
geän­der­ten Unter­neh­mens­phi­lo­so­phie
und auch
nicht an Clinch mit Kolle­gen liegt. Sylke
Schrö­der steht heute noch genau­so
wie bei der Grün­dung vor zwölf Jahren
zu „ihrer“ Bank. 2002 wurde sie von
ihr und Klaus Euler als Zweig­nie­der­las­sung
der Volks­bank Eisen­berg eG
gegrün­det.
Die Konstruk­ti­on bietet bis heute eine
beson­de­re Siche­rung der Kunden­gel­der:
Zum gesetz­li­chen Einla­gen­schutz
kommt der Schutz durch die Siche­rungs­ein­rich­tung
des Bundes­ver­ban­des
der Volks­ban­ken und Raiff­ei­sen­ban­ken.
Beson­ders bei der Ethik­Bank
ist aber auch, dass es seit 2005 eigene
Mikro­Kon­ten für Insol­venz­schuld­ner
gibt. Seit 2009 vergibt die Ethik­Bank
eigene ÖkoBau­kre­di­te.
Banken haben einen schlech­ten Ruf,
weil immer wieder aufkommt, wie sie
trick­sen. Sie nutzen jedes Schlupf­loch
im Steu­er­sys­tem aus, locken Anle­ger
in hoch­ris­kan­te Unter­neh­mens­be­tei­li­gun­gen
und verschwei­gen versteck­te
Kosten. Sich in diesem Haifisch­be­cken
zu behaup­ten, ist eine gewal­ti­ge Heraus­for­de­rung.
Sylke Schrö­der hat diese
Heraus­for­de­rung mit ihren Kolle­gen
gemeis­tert. Darum hängt sie an „ihrer“
Bank. „Doch ich bin auch noch jung
genug, um etwas Neues anzu­fan­gen“,
meint die 48-Jähri­ge. Erleich­tert wurde
ihre Entschei­dung, zu gehen, dadurch,
dass sie die Bank bei Klaus Euler und
Thomas Zahn in guten Händen weiß.
Auszeit auf dem Jakobs­weg
Außer­dem verlässt sie die Ethik­Bank
in einer prospe­rie­ren­den Phase. Auch
das macht den Ausstieg einfa­cher. Wie
es nach ihrem Abschied weiter­ge­hen
wird, steht noch nicht fest: „Ich werde
mir erst einmal für drei Monate eine Auszeit
nehmen.“ In dieser Zeit möchte Sylke
Schrö­der den Jakobs­weg entlang von
Frank­reich bis Santia­go de Compos­te­la
wandern. Und sich dabei über­le­gen,
was sie in Zukunft tun möchte. „Es gibt
unter­schied­li­che Optio­nen, die ich derzeit
sondie­re“, sagt sie. Gern würde sie
etwas Krea­ti­ves machen: „Ich habe da
schon lange eine Geschäfts­idee, die es
so noch nicht gibt. Die würde ich gerne
auspro­bie­ren.“

Ei Wei 0

Die Oligarchen kommen – Günther Moewes

2004 habe ich in meinem Buch „Geld oder Leben“ zwei­er­lei darzu­stel­len versucht: Wie und warum ein Finanz­crash unaus­weich­lich war und weiter ist. Und warum der Spät­ka­pi­ta­lis­mus ebenso
unaus­weich­lich in eine Pluto­kra­tie, eine Olig­ar­chen­herr­schaft münden muss, und diese wieder­um in die Mafia. Damals wurde das als Schwarz­ma­le­rei und „Kultur­pes­si­mis­mus“ belä­chelt
oder igno­riert. Inzwi­schen hat die Reali­tät meine Voraus­sa­gen weit über­holt. Inzwi­schen besit­zen die welt­weit 85 reichs­ten Olig­ar­chen so viel wie die halbe Mensch­heit und 1 % der Mensch­heit
(70 Mio.) besitzt die Hälfte des Welt­ver­mö­gens. Soge­nann­te „OECD-Exper­ten“ glau­ben zwar, in Deutsch­land seien die Verhält­nis­se güns­ti­ger, weil die einkom­mens­stärks­ten 10 % der Bevöl­ke­rung
nur 6,7 mal so viel verdie­nen wie die einkom­mens­schwächs­ten 10 % (OECD-Durch­schnitt 9,5 mal so viel).

Aber das ist aus zwei Grün­den falsch: Erstens wird die Ungleich­ver­tei­lung nicht von den Einkom­men bestimmt, sondern von den Vermö­gen. Und zwei­tens spielt sich die Ungleich­ver­tei­lung
nicht zwischen den oberen und unte­ren 10 Prozent ab, sondern zwischen den obers­ten 1 Promil­le der Olig­ar­chen und den übri­gen 99,9 % der Bevöl­ke­rung. Die Vermö­gen dieser 1 Promil­le
haben sich seit etwa 1980 real verdop­pelt. Und der US-Vertei­lungs­for­scher Paul Krug­man schätzt, dass in den USA bereits ein Drit­tel der 50 größ­ten Vermö­gen nicht erar­bei­tet, sondern
ererbt wurde und das zweite Drit­tel in den nächs­ten 20 Jahren vererbt werden wird.[New York Times, 4. 4. 2014] Ausführ­lich wurde die welt­wei­te Ungleich­ver­tei­lung von mir in der Ausga­be 2–2014 der „Huma­nen Wirt­schaft“
darge­stellt. Am glei­chen Tag, als diese Ausga­be erschien, wurde auch die neues­te Vermö­gens­un­ter­su­chung des DIW veröf­fent­licht. Sie zeigt, dass meine Zahlen über Armut und Reich­tum noch
zu nied­rig gegrif­fen waren. Inzwi­schen beschrän­ken sich die Olig­ar­chen nicht mehr darauf, im Gehei­men auf den Finanz­märk­ten zu operie­ren und ihre meist leis­tungs­los erwirt­schaf­te­ten
priva­ten Milli­ar­den diskret zu genie­ßen. Sie beschrän­ken sich auch nicht mehr darauf, ihre Direk­ti­ven in Davos, auf der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz, über Troi­kas, Stif­tun­gen und Think­tanks unmiss­ver­ständ­lich
an die Poli­tik weiter­zu­ge­ben. Oder in Cara­cas, Bang­kok Kairo, Tunis oder Kiew die angeb­li­chen Mittel­schicht­re­vol­ten gegen gewähl­te Regie­run­gen anzu­zet­teln. Mehr und
mehr stei­gen die Olig­ar­chen, wie in den USA, Itali­en, Öster­reich oder jetzt in der Ukrai­ne und der Slowa­kei ganz persön­lich in die Poli­tik ein. In Saudi-Arabi­en, den Emira­ten und Brunei war
das ja schon immer so. Die West-Olig­ar­chen und ihre Haus­me­di­en versu­chen auch, die Ost-Olig­ar­chen (oder, wie DER SPIEGEL schrieb: „die russi­sche Finanz­eli­te“) gegen den „unbe­que­men Putin“
aufzu­wie­geln, offen­sicht­lich koor­di­niert, wie das plötz­li­che, zeit­glei­che Auftau­chen neuer Begriffs­bil­dun­gen zeigt („Russ­land­ver­ste­her“, „Putin­ver­ste­her“). West­li­che Medien beschrän­ken
den Begriff „Olig­ar­chen“ auch gern auf Ostmil­li­ar­dä­re. Nach­dem diese in der Ukrai­ne unge­wählt als „kommis­sa­ri­sche“ Provinz­fürs­ten einge­setzt wurden, machte ihnen der deut­sche Außen­mi­nis­ter flugs seine Aufwar­tung.

Andreas Bangemann 0

Wären Sie gerne reich, wenn Sie tot sind? – Editorial

Der welt­wei­te Wirt­schafts­leis­tungs­mo­tor läuft heiß und heißer. Das Ziel lautet Wohl­stand. Dafür scheint „Reich­tum“ unent­behr­lich zu sein. Diesem Ziel brin­gen wir Opfer.
Die Umwelt zum Beispiel. Oder die persön­li­che Gesund­heit. Wir bren­nen uns aus, denn das Bestre­ben steht über allem: Wohl­stand. Reich­sein. Dabei sind wir längst so reich wie nie zuvor in der Mensch­heits­ge­schich­te.
Gleich­zei­tig müssen wir uns aber mit zuneh­men­den Armuts­pro­ble­men befas­sen. Mauern mit Stachel­draht umge­ben die Paläs­te der Milli­ar­dä­re. In gepan­zer­ten Fahr­zeu­gen werden ihre Kinder, in Städ­ten wie São
Paulo, vorbei an den Blech­hüt­ten der Slums zur Schule gefah­ren. Auch in den wirt­schaft­lich leis­tungs­fä­higs­ten Ländern der Erde pral­len unbe­greif­li­che Gegen­sät­ze aufein­an­der.
Dabei erkennt man immer das iden­ti­sche Muster: prot­zi­ger Luxus und bekla­gens­wer­te Bedürf­tig­keit zur selben Zeit am glei­chen Ort. Reich­tum ist auf tragi­sche Weise ungleich verteilt. Warum ist das so?
Raymond Firth schrieb 1959 in seinen Studi­en zur Ökono­mie der neusee­län­di­schen Maori: „In den Wäldern von Neusee­land wie in den Savan­nen im Sudan, über­all ist eines Reali­tät: Fami­li­en, die Hunger erlei­den müssen
oder denen es an Lebens­not­wen­di­gem fehlt, sind in einem Dorf unmög­lich, in dem es Fami­li­en gibt, die üppig versorgt sind.“ Da drängt sich die Frage auf: Mit welchem Recht bezeich­nen wir Natur­völ­ker als „primi­tiv“?
„Reich­tum und Armut gehö­ren nicht in einen geord­ne­ten Staat“ erkann­te der 1930 verstor­be­ne Refor­mer Silvio Gesell im Laufe von Studi­en, die in sein Haupt­werk „Die Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung“ münde­ten.
Der Fran­zo­se Thomas Piket­ty ist 42 Jahre alt und gegen­wär­tig Wirt­schafts­pro­fes­sor an der „Paris School of Econo­mics“. Dieser Tage ist die engli­sche Über­set­zung seines Buches „Capi­tal in the 21st centu­ry“ (Kapi­tal im 21.
Jahr­hun­dert) erschie­nen. Der Wirt­schafts­no­bel­preis­trä­ger Paul Krug­man aus den USA bezeich­net das Werk als eines, das die Art wie wir über Gesell­schaft und Wirt­schaft denken, grund­le­gend verän­dern werde.
Piket­ty unter­such­te die Wirt­schafts­wachs­tums­pro­zes­se über einen langen Zeit­raum und glich die Ergeb­nis­se mit der Entwick­lung der Vertei­lung der Geld­ver­mö­gen ab. Dabei stell­te er fest, dass die Geld­ver­mö­gen stets schnel­ler
wuch­sen, als die Wirt­schafts­leis­tung. Bis zum Vorabend des 1. Welt­kriegs war demnach das Kapi­tal in Europa auf das 6- bis 7‑fache der gesam­ten Wirt­schafts­leis­tung eines Jahres ange­wach­sen. Eine Situa­ti­on, die mit der heuti­gen
vergleich­bar ist. Die wissen­schaft­li­che Erkennt­nis, die sich daraus ablei­tet, lautet: Wach­sen­de Geld­ver­mö­gen gehen grund­sätz­lich einher mit zuneh­men­der Ungleich­ver­tei­lung. Die Autoren der HUMANEN WIRTSCHAFT, allen voran Helmut
Creutz und der in der vorlie­gen­den Ausga­be schrei­ben­de Günther Moewes, bestä­ti­gen in mitt­ler­wei­le Jahr­zehn­te anhal­ten­der Arbeit Piket­tys jetzi­ge Forschungs­er­geb­nis­se. Der zu erwar­ten­de Erfolg des Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers
aus Paris wäre auch einer der akri­bisch im Hinter­grund forschen­den „freien Geis­ter“, die sich – teil­wei­se ein Leben lang – für die grund­le­gen­de Erneue­rung des Geld­sys­tems und des Boden­rechts einset­zen. Schließ­lich kamen
sie zu glei­chen Ergeb­nis­sen, nur ohne die Unter­stüt­zung eines Wissen­schafts­be­triebs. Thomas Piket­ty scheint der rich­ti­ge Mann zum passen­den Zeit­punkt zu sein. Das „Handels­blatt“ traut ihm
zu, er werde „Epoche machen“ und der engli­sche „Guar­di­an“ meint, er versen­ke „rigo­ros alles, was Kapi­ta­lis­ten über die Ethik des Geld­ma­chens denken“. Er kann es demnach schaf­fen, auf höchs­ter Ebene Bewe­gung in die
vermut­lich zentrals­te Aufga­be der Neuzeit zu brin­gen: die Erfor­schung des Geld­sys­tems und dessen Folgen. Können wir eine Kata­stro­phe, wie sie sich vor 100 Jahren schon einmal anbahn­te noch abwen­den?
Wenn die Raten des Geld­ver­mö­gens­wachs­tums dauer­haft über jenen des Wirt­schafts­wachs­tums liegen „neigt die Vergan­gen­heit dazu, die Zukunft zu verschlin­gen“, konsta­tiert Piket­ty. Das Schick­sal unse­rer Gesell­schaft
ist geprägt von der Domi­nanz ererb­ten Geld­ver­mö­gens. Wer tot ist, den hat die Vergäng­lich­keit des Lebens einge­holt. Die Ansprü­che der Geld­ver­mö­gen von Toten wach­sen genera­tio­nen­über­grei­fend weiter. Thomas Piket­ty
empfiehlt eine welt­weit orga­ni­sier­te Vermö­gens­steu­er gegen die Reich­tums­kon­zen­tra­ti­on. Das dürfte ein hinrei­chen­des Instru­ment für den erfor­der­li­chen schnel­len Eingriff darstel­len. Löst man damit das ursäch­li­che Problem
auf Dauer? Wenn Geld­ver­mö­gen (Kapi­tal) sich infol­ge Zins und Zinses­zins von selbst vermeh­ren und wach­sen­de Ansprü­che an zukünf­ti­ge Leis­tun­gen von Menschen stel­len, dann kann das Abschöp­fen infol­ge leis­tungs­lo­ser Einkom­men
entstan­de­nen Kapi­tals nur der erste Schritt sein. Warum soll­ten wir dabei stehen blei­ben und nur versu­chen, die Ergeb­nis­se eines unge­rech­ten und fehler­haf­ten Systems wieder zu vertei­len, anstatt nicht direkt derlei Erträ­ge
durch System­än­de­run­gen zu verhin­dern? Viele freie Geis­ter und Verfech­ter einer huma­nen Wirt­schaft befas­sen sich mit den Ursa­chen der Ungleich­ver­tei­lung. Sie erar­bei­ten dabei auch Lösungs­vor­schlä­ge.
Alles deutet darauf hin, dass die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten nach­zie­hen können.

Herz­lich grüßt Ihr Andre­as Bange­mann

Leserbriefe 02/2014 0

Leserbriefe 02/2014

Ihre Meinung ist uns wich­tig! Senden Sie uns Ihre Fragen, Anre­gun­gen oder persön­li­chen Meinun­gen. Wir bemü­hen uns, so viele Leser­brie­fe unter­zu­brin­gen, wie möglich. Wenn wir Leser­brie­fe kürzen, dann so, dass das Anlie­gen der Schrei­ben­den gewahrt bleibt. Leser­brie­fe geben nicht die Meinung der Redak­ti­on wieder.

Zum Arti­kel „Geht es auch ohne Geld?“ – Da wird meiner Meinung nach kräf­tig übers Ziel hinaus­ge­schos­sen.
Ich sehe das prag­ma­ti­scher. Sicher ist der Mensch Teil der Natur,
was bedeu­tet, dass er morgens wenn er aufge­stan­den ist, Hunger
hat und sich aufma­chen muss (etwa arbei­ten gehen?) um was
Essba­res zu finden. In der heuti­gen Zeit der arbeits­tei­li­gen Gesell­schaft
(finde ich gar nicht so schlecht) gehe ich um die Ecke zu meinem
Bäcker. Was aber wenn der Bäcker keine Lust hat und heute
lieber faul sein möchte? Und die Kassie­re­rin bei ALDI auch, dann
habe ich ein Problem. Geld an sich ist eine gute Erfin­dung, es darf
sich nur nicht von allei­ne vermeh­ren, es soll nur Tausch­mit­tel sein…

Papst Franziskus – Wegbereiter für die Überwindung der Dominanz des Ökonomischen? – Christoph Rinneberg 0

Papst Franziskus – Wegbereiter für die Überwindung der Dominanz des Ökonomischen? – Christoph Rinneberg

Seit dem 24. Novem­ber 2013 geht ein
Text um die Welt, den wohl kirchen­na­he
und erst recht kirchen­fer­ne Menschen
der katho­li­schen Kirche kaum zuge­traut
haben. Es ist das erste „Apos­to­li­sche
Schrei­ben“ des neuen Paps­tes in Rom,
der als erster sich durch seine Namens­ge­bung
mit Fran­zis­kus von Assisi verbin­det.
Vor rund 800 Jahren hat dieser
Fran­ces­co („klei­ner Fran­zo­se“), wie ihn
seine Eltern liebe­voll nann­ten, durch
sein radi­ka­les „Verlas­sen der Welt“
sein neues Verständ­nis von „Gott und
Mensch“ wieder in diese Welt gebracht
und durch sein Leben beglau­bigt. Wegen
seiner Glaub­wür­dig­keit hatten
manche seiner Zeit­ge­nos­sen in ihm gar
einen zwei­ten Chris­tus gese­hen.
Mit den Worten „Die Freude des
Evan­ge­li­ums sei immer in euren
Herzen“ lädt Papst Fran­zis­kus
alle „christ­gläu­bi­gen“ Menschen
ein, sich auf „Evan­ge­lii Gaudi­um“, die
Freude des Evan­ge­li­ums einzu­las­sen
– und könnte damit kaum protes­tan­ti­scher
sein. Evan­ge­li­um – über­setzt:
frohe Botschaft – ist zum Begriff für
eine Über­win­dung der Exis­tenz­ängs­te,
für eine Befrei­ung von TINA-diktier­ten
– „There Is No Alter­na­ti­ve“ – sog. Sach­zwän­gen
gewor­den. Der neue Papst
hat im Grunde von den ersten Minu­ten
an in seinem Amt durch ebenso über­ra­schen­de
wie glaub­wür­di­ge Gesten
dafür gesorgt, dass seine Worte kaum
Barrie­ren zu über­win­den haben, um
auch bei Menschen anzu­kom­men, die
sich nicht als „christ­gläu­big“ verste­hen.
Damit hat der Papst kein Wunder
voll­bracht, er hat sich „nur“ voll und
ganz – in Diet­rich Bonhoef­fers Sinne –
der Dies­sei­tig­keit dieser Welt und der
Aufga­be der christ­li­chen Kirchen in dieser
Welt gestellt: Leben geht vor Lehre,
könnte man seine so über­ra­schend
neu klin­gen­de Botschaft auf den Punkt
brin­gen.
In dieser Betrach­tung der umfang­rei­chen
– in 288 Absät­ze geglie­der­ten
und mit 217 Lite­ra­tur­ver­wei­sen verse­he­nen
– päpst­li­chen Botschaft soll es
in erster Linie um die Abschnit­te 52 bis
60 gehen, in denen „Einige Heraus­for­de­run­gen
der Welt von heute“ thema­ti­siert
werden. Diesen rund 3 Seiten Text
kann man unschwer eine der ärzt­li­chen
Profes­sio­na­li­tät entlie­he­ne Glie­de­rung
nach Symptom, Anamne­se, Diagno­se
und Thera­pie unter­le­gen:
Zu den Sympto­men erfah­ren wir:
„Die Mensch­heit erlebt im Moment eine
histo­ri­sche Wende, die wir an den Fort­schrit­ten
able­sen können, die auf verschie­de­nen
Gebie­ten gemacht werden.
Lobens­wert sind die Erfol­ge, die zum
Wohl der Menschen beitra­gen, zum Beispiel
im Bereich der Gesund­heit, der Erzie­hung
und der Kommu­ni­ka­ti­on. Wir
dürfen jedoch nicht verges­sen, dass der
größte Teil der Männer und Frauen unse­rer
Zeit in tägli­cher Unsi­cher­heit lebt,
mit unheil­vol­len Konse­quen­zen. Einige
Patho­lo­gi­en nehmen zu. Angst und Verzweif­lung
ergrei­fen das Herz vieler Menschen,
sogar in den soge­nann­ten reichen
Ländern. Häufig erlischt die Lebens­freu­de,
nehmen Respekt­lo­sig­keit und Gewalt
zu, die sozia­le Ungleich­heit tritt immer
klarer zutage. Man muss kämp­fen, um
zu leben – und oft wenig würde­voll zu leben….“
(52)
Ergän­zend hierzu wird in den folgen­den
Absät­zen u. a. der Hunger in der Welt,
das Wegwer­fen von Lebens­mit­teln, die
Speku­la­ti­on mit Nahrungs­mit­teln, die
Zunah­me des Reich­tums Weni­ger und
der Verar­mung Vieler, die ökono­mi­sche
Ausbeu­tung und die sozia­le Unter­drü­ckung
ange­führt.
Die Anamne­se ist nicht weni­ger deut­lich:
„Dieser epocha­le Wandel ist verur­sacht
worden durch die enor­men Sprün­ge, die
in Bezug auf Quali­tät, Quan­ti­tät, Schnel­lig­keit
und Häufung im wissen­schaft­li­chen
Fort­schritt sowie in den tech­no­lo­gi­schen
Neue­run­gen und ihren promp­ten
Anwen­dun­gen in verschie­de­nen Berei­chen
der Natur und des Lebens zu verzeich­nen
sind. Wir befin­den uns im Zeit­al­ter
des Wissens und der Infor­ma­ti­on,
einer Quelle neuer Formen einer sehr oft
anony­men Macht.“ (52)
Weiter lesen wir:
Das herr­schen­de „Ungleich­ge­wicht geht
auf Ideo­lo­gi­en zurück, die die abso­lu­te
Auto­no­mie der Märkte und die Finanz­spe­ku­la­ti­on
vertei­di­gen. Darum bestrei­ten
sie das Kontroll­recht der Staa­ten, die
beauf­tragt sind, über den Schutz des Gemein­wohls
zu wachen. …“(56)
Die Diagno­se bietet für jeder­mann nach­voll­zieh­ba­re
Erklä­run­gen:
Die unüber­seh­ba­re, zuneh­men­de sozia­le
Ungleich­heit hat sich nicht einfach so
erge­ben:
„… Heute spielt sich alles nach den Krite­ri­en
der Konkur­renz­fä­hig­keit und nach
dem Gesetz des Stär­ke­ren ab, wo der
Mäch­ti­ge­re den Schwä­che­ren zunich­te
macht. Als Folge dieser Situa­ti­on sehen
sich große Massen der Bevöl­ke­rung ausge­schlos­sen
und an den Rand gedrängt:
Ohne Arbeit, ohne Aussich­ten, ohne Ausweg.
Der Mensch an sich wird wie ein
Konsum­gut betrach­tet, das man gebrau­chen
und dann wegwer­fen kann. Wir haben
die ‚Wegwerf­kul­tur‘ einge­führt, die
sogar geför­dert wird. Es geht nicht mehr
einfach um das Phäno­men der Ausbeu­tung
und der Unter­drü­ckung, sondern
um etwas Neues: Mit der Ausschlie­ßung
ist die Zuge­hö­rig­keit zu der Gesell­schaft,
in der man lebt, an ihrer Wurzel getrof­fen,
denn durch sie befin­det man sich nicht in
der Unter­schicht, am Rande oder gehört
zu den Macht­lo­sen, sondern man steht
drau­ßen. Die Ausge­schlos­se­nen sind
nicht ‚Ausge­beu­te­te‘, sondern Müll, ‚Abfall‘.“
(53)
Die „Trick­le-Down-Theo­rie“ geht davon
aus, „dass jedes vom freien Markt begüns­tig­te
Wirt­schafts­wachs­tum von sich
aus eine größe­re Gleich­heit und sozia­le
Einbin­dung in der Welt hervor­zu­ru­fen vermag.
Diese Ansicht, die nie von den Fakten
bestä­tigt wurde, drückt ein undif­fe­ren­zier­tes,
naives Vertrau­en auf die Güte
derer aus, die die wirt­schaft­li­che Macht in
Händen halten, wie auch auf die vergöt­ter­ten
Mecha­nis­men des herr­schen­den
Wirt­schafts­sys­tems. … Um einen Lebens­stil
vertre­ten zu können, der die ande­ren
ausschließt, … hat sich eine Globa­li­sie­rung
der Gleich­gül­tig­keit entwi­ckelt. Fast
ohne es zu merken, werden wir unfä­hig,
Mitleid zu empfin­den gegen­über dem
schmerz­vol­len Aufschrei der ande­ren, wir weinen nicht mehr ange­sichts des Dramas
der ande­ren, noch sind wir daran
inter­es­siert, uns um sie zu kümmern, als
sei all das eine uns fern liegen­de Verant­wor­tung,
die uns nichts angeht. Die Kultur
des Wohl­stands betäubt uns….“ (54)
Ein Grund für die in (54) geschil­der­te Situa­ti­on
„… liegt in der Bezie­hung, die wir
zum Geld herge­stellt haben, denn fried­lich
akzep­tie­ren wir seine Vorherr­schaft
über uns und über unsere Gesell­schaf­ten.
Die Finanz­kri­se, die wir durch­ma­chen,
lässt uns verges­sen, dass an ihrem
Ursprung eine tiefe anthro­po­lo­gi­sche Krise
steht: die Leug­nung des Vorrangs des
Menschen! Wir haben neue Götzen geschaf­fen.
Die Anbe­tung des anti­ken golde­nen
Kalbs (vgl. Ex. 32, 1–35) hat eine
neue und erbar­mungs­lo­se Form gefun­den
im Feti­schis­mus des Geldes und in
der Dikta­tur einer Wirt­schaft ohne Gesicht
und ohne ein wirk­lich mensch­li­ches
Ziel. Die welt­wei­te Krise, die das Finanz­we­sen
und die Wirt­schaft erfasst, macht
ihre Unaus­ge­gli­chen­hei­ten und vor allem
den schwe­ren Mangel an einer anthro­po­lo­gi­schen
Orien­tie­rung deut­lich – ein
Mangel, der den Menschen auf nur eines
seiner Bedürf­nis­se redu­ziert: Auf den
Konsum.“ (55)

Kant nennt es „Unrecht“ – Thomas Mohrs 0

Kant nennt es „Unrecht“ – Thomas Mohrs

Warum die Geheim­ver­hand­lun­gen über das Handels­ab­kom­men TTIP ein Kultur­bruch sind und warum die Philo­so­phie Einspruch erhebt.

Wie hieß das doch beim alten Kant:
„Alle auf das Recht ande­rer Menschen
bezo­ge­ne Hand­lun­gen, deren Maxime
sich nicht mit der Publi­ci­tät verträgt,
sind Unrecht.“ Über­setzt: Jegli­che
poli­ti­sche Maßnah­me, die vor
ihrer Imple­men­tie­rung das Licht der
Öffent­lich­keit scheu­en muss, ist per
defi­ni­tio­nem Unrecht. 1795 hat Imma­nu­el
Kant das geschrie­ben, in seinem
„Ewigen Frie­den“, einer der ersten
echten Globa­li­sie­rungs-Theo­ri­en. Und
irgend­wie ist noch immer was dran an
dieser „Publizitäts“-These.
Nehmen wir zum Beispiel diese
„Trans­at­lan­tic Trade and Invest­ment
Part­nership“ (TTIP), das
größte „Frei­han­dels­ab­kom­men“ aller
Zeiten, das gerade zwischen der EU und
Nord­ame­ri­ka ausge­han­delt wird. Nein:
Nennen wir das Kind beim Namen:
das gerade übern großen Teich hinweg
in Brüs­sel und Washing­ton ausgemau­schelt
wird. Unter Ausschluss
der Öffent­lich­keit, geheim, hinter verschlos­se­nen
Türen. Abge­schirmt von
Vertre­tern demo­kra­tisch gewähl­ter
Parla­men­te und erst recht von NGOs
und Verbrau­cher- und Konsu­men­ten­schutz­ver­bän­den.
Denn die könn­ten den versam­mel­ten
Lobby­is­ten der globa­len Konzer­ne
und Inves­to­ren womög­lich in die Suppe
spucken – in die Hühner­sup­pe gewis­ser­ma­ßen.
Denn: Wenn das funk­tio­niert
mit der TTIP (bzw. der TAFTA:
Trans­at­lan­tic Free Trade Area), dann
können sich beispiels­wei­se ameri­ka­ni­sche
Fleisch­kon­zer­ne mit ihren
Chlor­hüh­nern, die derzeit in Europa
aufgrund der stren­ge­ren Hygie­ne-
Stan­dards verbo­ten sind, in den euro­päi­schen
Markt einkla­gen. Einfach
so, weil diese „über­zo­ge­nen“ euro­päi­schen
Stan­dards ein Chlor­huhn-Inves­ti­ti­ons­hemm­nis
darstel­len und damit
zukünf­ti­ge mögli­che Gewin­ne der Konzer­ne
gefähr­den.
Und wenn ein euro­päi­scher Staat sich
weigern sollte? Dann entschei­det nicht
die natio­na­le oder die euro­päi­sche Gerichts­bar­keit,
sondern im Rahmen des
Frei­han­dels­ab­kom­mens orga­ni­sier­te
Tribu­na­le, beschickt von inter­na­tio­na­len
Anwalts­kanz­lei­en, deren Vertre­ter
heute Kläger, morgen Vertei­di­ger,
über­mor­gen Rich­ter sind. Und wenn
das von der Welt­bank (!) beauf­sich­tig­te
Tribu­nal entschei­det, dass der reni­ten­te
Staat die „erwar­te­ten künf­ti­gen
Profi­te“ des Konzerns XY „unrecht­mä­ßig“
gefähr­det, dann ist dieser Staat
gezwun­gen, seinen Markt für das
strit­ti­ge Produkt – ob Chlor­huhn, Hormon­fleisch,
genver­än­der­tes Saat­gut,
„groß­zü­gig“ geprüf­te Phar­ma­pro­duk­te,
Benzin mit toxi­schen Zusatz­stof­fen
or whate­ver – zu öffnen. Oder millio­nen­schwe­re
Entschä­di­gun­gen zu zahlen.
Aus Steu­er­gel­dern, versteht sich.
Ein Witz zur Faschings­zeit? Schön
wär’s, wenn auch nur bedingt lustig.
Nein, es ist kein Witz und lustig
schon gar nicht: Was mit dem TTIP auf
uns zukommt, ist – wie es „Le Monde
diplo­ma­tique“ formu­liert – ein
„Staats­streich in Zeit­lu­pe“, die klamm­heim­li­che
Instal­la­ti­on einer „Wirt­schafts-
NATO“, deren Befug­nis­se
buch­stäb­lich gren­zen-los sind. Es ist ein Kultur-Bruch von funda­men­ta­lem
Ausmaß: die totale Unter­wer­fung
des Primats der Poli­tik unter das
Primat der Wirt­schaft.
Daher ist es nötig, das Mons­trum TTIP
als „auf das Recht ande­rer Menschen
bezo­ge­ne Hand­lung“ ins Licht der Öffent­lich­keit
zu stel­len, um zu zeigen,
was es ist: Unrecht!

Vision oder Privatvergnügen? – Pat Christ 0

Vision oder Privatvergnügen? – Pat Christ

Leben ohne Geld und möglichst ohne Bedürf­nis­se wird zum neuen Nischen­li­fe­style.

Er wollte nicht länger um das Golde­ne
Kalb tanzen. Darum entschied sich
Rapha­el Fell­mer vor drei Jahren, in
„Geld­streik“ zu treten. Seit­her macht
er damit Furore. Wobei er keines­wegs
der einzi­ge ist, der sich (vorüber­ge­hen­de?)
„Geld­lo­sig­keit“ zum Ideal
erko­ren hat. Heide­ma­rie Schwer­mer
entschied sich bereits 1996, ohne
Geld zu leben. Mark Boyle gab immer­hin
ein Jahr lang den Konsum­ver­wei­ge­rer.
Auch die Vaga­bun­den­blog­ge­rin
Michel­le stieg für ein Jahr aus und lebte
ohne Heller und Pfen­nig.
Einmal aussche­ren – wer wünsch­te
sich das nicht. Dazu hat auch
jeder das Recht. Inter­es­sant sind
die Missio­nen, die hinter dem jewei­li­gen
Ausstieg stecken. So hat Rapha­el
Fell­mer mit seiner Aktion die „Lage
der Welt“ und die ganze Mensch­heit im
Blick. Darun­ter macht er es nicht. „Mein
Geld­streik ist sehr breit ange­legt“,
meint er im Gespräch mit der HUMANEN
WIRTSCHAFT. Er ist gegen den Kapi­ta­lis­mus.
Gegen die Verschwen­dung.
Gegen die Ausbeu­tung von Tieren. Gegen
die Umwelt­ver­schmut­zung. Als ein
„Ausru­fe- und ein Frage­zei­chen“, sagt
er uns, sehe er seinen Streik.
Fell­mer tramp­te länge­re Zeit und kam
dadurch auf den Geschmack der Frei­heit
und zu seiner Lebens­phi­lo­so­phie.
Man lerne die Dinge mehr zu schät­zen,
wenn man sie nicht einfach kaufen kann,
meint er. „Wenn zum Beispiel beim Tram­pen
endlich ein Auto hält, freut man sich
viel mehr, als wenn man einfach in den
nächs­ten Bus steigt und 2,50 Euro zahlt“,
so der 30-Jähri­ge. Das leuch­tet ein.
Und es erin­nert an „On The Road“, die
Bibel der Beat-Genera­ti­on. Auch hier
nehmen sich junge Menschen eine
Frei­heit, die ihnen die Gesell­schaft
frei­wil­lig nicht gibt. Aber dieses Buch
kennt Fell­mer nicht. „Ich bin nicht sehr
bele­sen“, gibt er zu. Und das ist spür­bar.
Über­haupt hat es Fell­mer nicht mit
Theo­ri­en und Philo­so­phi­en.
Einfach gestrick­tes Welt­bild
Sein einfach gestrick­tes Welt­bild weist
ihn denn auch nicht gerade als Fein­geist
aus. Da gibt es die wenig anspruchs­vol­len
Kate­go­ri­en „Ja“ bezie­hungs­wei­se
„gut“ und „Nein“ bezie­hungs­wei­se
„schlecht“. Rapha­el Fell­mer ist gegen
alles, was nicht gut ist: Den millio­nen­fa­chen
Hunger in der Welt, das „Killen“
von Tieren, die Zerstö­rung der Natur.
Und er ist für alles, was gut ist. Die Liebe.
Die Mensch­heit. Und derglei­chen.
Dass er auf alles eine Antwort parat hat,
wirkt ein wenig ober­schlau. Ober­fried­lich
und ober­öko­lo­gisch ist er sowie­so.
Nur mit Details, stets die Krux an jeder
Proble­ma­tik, hält er sich nicht lange
auf. Irgend­wie scheint es für ihn nichts
tiefer zu verste­hen zu geben… Das ist
entwaff­nend. Dafür mögen ihn viele. Ist
doch die Sehn­sucht nach einfa­chen Erklä­run­gen
und einfa­chen Lösun­gen in
unse­rer hoch­kom­ple­xen Welt groß. Und
wer möchte Kämp­fer für das Gute nicht
gern unter­stüt­zen?
Seine Habe musste er vor seinem Frei­heits­sprung
übri­gens nicht in einem Depot
unter­brin­gen. Fell­mer hat ein Dach
überm Kopf. Bis Ende vergan­ge­nen
Jahres lebte er mit seiner Frau und der
zwei­jäh­ri­gen Toch­ter Alma umsonst im
Frie­dens­haus von Berlin. Zu Jahres­be­ginn
zog er um. Eine Fami­lie nahm die
drei auf: „Wir haben dort ein Zimmer in
einer Fünf-Zimmer-Wohnung.“ Zu eng?
Aber Fell­mer ist ja ohne­hin dauernd
unter­wegs. Vor allem seit sein Buch erschie­nen
ist. Daran verdient er im Übri­gen
nicht, betont er uns gegen­über. Als E‑Book sind die Seiten kosten­los herun­ter­zu­la­den.
Von der Aufla­ge wird ein
Drit­tel verschenkt. Der Rest fließt zur
Kosten­de­ckung an den Verlag.
Den Ausschlag für die Entschei­dung,
geld­los zu leben, gab eine Tramp­tour
mit Freun­den nach Mexiko. „Er hatte
kein Geld, kam aber trotz­dem immer
weiter“, schreibt Birgit Baumann über
ihn im „Stan­dard“. „Über den Atlan­tik
nahmen ihn Italie­ner mit dem Segel­boot
mit, in Brasi­li­en saß er hinten auf alten
Last­wa­gen. Er schlief bei der Feuer­wehr
und in Schu­len, von Restau­rants nahm
er sich, was ohne­hin übrig war. Im Gegen­zug
bot er seine Arbeits­kraft an.“
Wer hätte auf solche Sensa­tio­nen in der
großen weiten Welt in jungen Jahren
keine Lust? Die meis­ten jungen Aben­teu­rer
aller­dings lassen es bei einem
einma­li­gen Erleb­nis bewen­den. Nicht
so Rapha­el Fell­mer. Er beschloss nach
seiner Rück­kehr, fortan auch in Berlin
geld­los zu leben.

Verdientes Denkmal für einen großen Freiwirtschafter – Buchrezension von Heinz Girschweiler 0

Verdientes Denkmal für einen großen Freiwirtschafter – Buchrezension von Heinz Girschweiler

Andre­as Müller beleuch­tet Leben und Gedan­ken Fried­rich Salz­manns in einer Biogra­fie.

Er war ein klei­ner, feiner Mann, dazu
ein Leben lang körper­lich behin­dert:
Deshalb zählt Fried­rich Salz­mann
(1915–1990) nicht zu den lauten und
vorder­grün­dig nicht zu den bekann­tes­ten
Köpfen unter den Schwei­zer
Frei­wirt­schaf­tern. Fritz Schwarz, Hans
Konrad Sonder­eg­ger, Hans Bernoul­li,
Werner Schmid und Werner Zimmer­mann
stehen für viele in dieser ersten
Reihe. Zu ihnen gehört aber unzwei­fel­haft
auch Fried­rich Salz­mann. Wer
es nicht ohne­hin schon wusste, dem
macht dies die neu erschie­ne­ne Biogra­fie
klar.
Der Sohn eines Schwei­zer Kauf­manns
– in Persi­en gebo­ren, in
Berlin und in der Schweiz aufge­wach­sen
– hat ein beein­dru­cken­des
schrift­li­ches Werk hinter­las­sen,
und er setzte sich ein Leben lang für
die Umset­zung der Erkennt­nis­se Silvio
Gesells ein.
Schon in der Jugend infi­ziert
Salz­mann kam schon im Eltern­haus
mit den frei­wirt­schaft­li­chen Ideen
in Kontakt. Ja er begeg­ne­te als Jüng­ling
auch noch Silvio Gesell, kurz vor
dessen Tod. So war es für den aufge­weck­ten
jungen Mann eine Selbst­ver­ständ­lich­keit,
sich in der frei­wirt­schaft­li­chen
Jugend­be­we­gung zu
enga­gie­ren. Und früh schon trat er
nach einer kauf­män­ni­schen Lehre
auch als Redner an öffent­li­chen Veran­stal­tun­gen
auf. Als blut­jun­ger Korre­spon­dent
in Paris berich­te­te er für
das „Freie Volk“ über die große Poli­tik
im Vorkriegs­frank­reich. Nach seiner
Rück­kehr trat er – an der Seite des
legen­dä­ren Fritz Schwarz – in die Redak­ti­on
des frei­wirt­schaft­li­chen Organs
ein. Er prägte es entschei­dend
mit. Und er war – zusam­men mit Werner
Schmid – trei­ben­de Kraft bei der
Grün­dung der Libe­ral­so­zia­lis­ti­schen
Partei (LSP) im Jahre 1946. Denn Salz­mann
war über­zeugt, dass man sich
poli­tisch einmi­schen musste, wenn
man die gute Sache vorwärts­brin­gen
wollte.
Als in den Fünf­zi­ger­jah­ren die wirt­schaft­li­che
Basis für die frei­wirt­schaft­li­che
Wochen­zei­tung zuse­hends
schwand, fasste Salz­mann
schwe­ren Herzens einen Entschluss:
Er folgte einem Ruf des Schwei­zer Radios
und trat in deren Inland­re­dak­ti­on
ein. Weil er dank seiner welt­läu­fi­gen
Erzie­hung ein ausge­spro­chen
gepfleg­tes Hoch­deutsch sprach und
über eine tiefe, ruhige Stimme verfüg­te,
war er fürs Radio gebo­ren.
Und Salz­mann blühte in diesem Medium
auf. Er wurde zum aner­kann­ten
Chef der Inland­ab­tei­lung, er mode­rier­te
poli­ti­sche Streit­ge­sprä­che,
und er führte die erste kriti­sche Sendung
für Konsu­men­ten ein. „Mit kriti­schem
Grif­fel“ hieß sie und wurde zur
damals besten Sende­zeit am frühen
Sams­tag­nach­mit­tag ausge­strahlt.
Dann, 1971, wurde er auf der Liste des
Landes­rings der Unab­hän­gi­gen in
Bern über­ra­schend in den Natio­nal­rat
gewählt. Dort fiel er als seriö­ser
Arbei­ter in den Kommis­sio­nen (etwa
zum Medi­en­recht) und als uner­bitt­li­cher
Kriti­ker der bundes­rät­li­chen
Wirt­schafts- und Konjunk­tur­po­li­tik
auf. Dann kam zu seiner Behin­de­rung
durch eine Kinder­läh­mung noch die
Parkin­son-Krank­heit hinzu, und er
musste deshalb 1978 schwe­ren Herzens
aus dem Natio­nal­rat zurück­tre­ten.
Die folgen­den Jahre waren dann
– er hatte seine gelieb­te Gattin, Gefähr­tin
und Betreue­rin Hilde Grünig
schon früh verlo­ren – von einer zuneh­men­den
Verein­sa­mung geprägt.
Seine letz­ten fünf Jahre verbrach­te er
in einem Berner Pfle­ge­heim.
Radi­ka­ler Denker
Neben seinem beruf­li­chen Wirken
und der direk­ten poli­ti­schen Arbeit
steht das schrift­stel­le­ri­sche Werk
Salz­manns. Er hat rund ein Dutzend
Bücher geschrie­ben, dazu zahl­rei­che
Schrif­ten und Tausen­de von Arti­keln.
In „Bürger für die Geset­ze“ (1949)
setzt sich der leiden­schaft­li­che Libe­ra­le
kritisch mit dem Staat als Erzie­her
ausein­an­der und fordert einen
freien Bildungs­markt. In „Jenseits der
Inter­es­sen­po­li­tik“ (1953) widmet er
sich der gros­sen Ausein­an­der­set­zung
zwischen Kommu­nis­mus und Kapi­ta­lis­mus
und plädiert für eine wahr­haft
libe­ra­le Wirt­schafts­ord­nung mit
star­ken staat­li­chen Leit­plan­ken. Und
in „Mit der Frei­heit leben“ (1961) vertieft
er diese Ausein­an­der­set­zung
zwischen den beiden riva­li­sie­ren­den
Gesell­schafts­sys­te­men und fordert
seinen radi­kal libe­ral­so­zia­len drit­ten
Weg.
Salz­manns Biograf weist mit Recht
auf dessen letzte Schrift „Gedan­ken
zu einer lebens­wer­ten Zukunft“
(1985) als eigent­li­ches gedank­li­ches
Vermächt­nis hin. Die program­ma­ti­sche
Schrift fasst die Posi­tio­nen der
Libe­ral­so­zia­lis­ten – wohl­be­grün­det
und konzen­triert – zusam­men. Sie
entstand in enger Zusam­men­ar­beit
mit dem dama­li­gen Sekre­tär der Partei,
Hans Barth. Der Einlei­tungs­satz
ist typisch für das Bürger­ver­ständ­nis
des philo­so­phisch denken­den und
02/2014 www.humane-wirtschaft.de 37
poli­ti­schen handeln­den Menschen
Fried­rich Salz­mann:
„Wir sind nicht nur verant­wort­lich
für das, was wir tun, sondern
auch für alles, was wir wider­spruchs­los
dulden.“

Der spaltende Geist und das Geldsystem – Peter Berner 0

Der spaltende Geist und das Geldsystem – Peter Berner

Für eine Diskus­si­ons­kul­tur im Geiste inte­gra­ler Wahr­heits­fin­dung.

Meine voran­ge­stell­ten Ausfüh­run­gen
über den Umgang mit Bösem und Gutem
in unse­rer poli­ti­schen Kultur („Vom
spal­ten­den Geist zu inte­gra­ler Poli­tik“,
HUMANE WIRTSCHAFT 01/2014) ende­ten
mit einer Beschrei­bung der posi­ti­ven
Erfah­rung, die ich mit der Dialog-
Metho­de nach David Bohm in einer
Gesprächs­grup­pe zum Thema „Inte­gra­le
Poli­tik“ gemacht habe. Hier wurde
modell­haft jene „inte­gra­le Wahr­heits­fin­dung“
prak­ti­ziert, die ich für
geeig­net halte, den spal­ten­den Geist,
welcher unsere poli­ti­sche Kultur heute
beherrscht, zu über­win­den und ein
huma­nes, fried­vol­les, nach­hal­tig wirt­schaf­ten­des
Gemein­we­sen zu entwi­ckeln
und zu gestal­ten.
Inte­gra­le Wahr­heits­fin­dung
Wieso müssen wir uns über Wahr­heits­fin­dung
über­haupt Gedan­ken machen?
„Wenn ich wissen will, ob es drau­ßen
regnet, gehe ich ans Fens­ter und schaue
nach“, sagt Ken Wilber, und wenn du
mich nach dem Weg zum Bahn­hof fragst
und ich ihn kenne und dir zeige, wissen
wir hinter­her beide, was vorher nur ich
wusste. Wo also liegt das Problem? Nun
– über­all dort, wo ein Bereich der Wirk­lich­keit
komple­xer wird und nicht mehr
durch einen einfa­chen Erkennt­nis­akt zu
erfas­sen ist wie das gegen­wär­ti­ge Wetter
oder der Weg zum Bahn­hof, wird es
natür­lich etwas schwie­ri­ger. Und dies
ist mit vielen Wirk­lich­keits­be­rei­chen,
mit denen wir uns als mensch­li­che Gemein­schaf­ten
befas­sen, eben der Fall –
von der Gestal­tung eines Gartens über
die Leitung eines Unter­neh­mens bis hin
zum Design des welt­wei­ten Geld­sys­tems
oder gar einer geziel­ten Beein­flus­sung
des Erdkli­mas.
In einem solchen Fall kann jede® der
Betei­lig­ten in der Regel nur einen Teil
der Wirk­lich­keit, die gerade zu unter­su­chen
oder zu gestal­ten ist, erken­nen
und verste­hen – was eben­falls
so lange unpro­ble­ma­tisch ist, wie ich
als Betrof­fe­ne® mir dessen bewusst
bin, wo die Gren­zen meines Wissens
liegen. Genau hier aber setzen die
Schwie­rig­kei­ten ein, mit denen wir im
gesell­schaft­li­chen Leben oft zu tun bekom­men,
sei es im Alltag, in der Wissen­schaft
oder in der Poli­tik. Proble­ma­tisch
wird es nämlich dann, wenn
die Menschen, die an einem gemein­sa­men
Prozess der Wahr­heits- und
Entschei­dungs­fin­dung betei­ligt sind,
ihr jewei­li­ges persön­li­ches Teil­wis­sen
(ihre „Halb­wahr­heit“) fälsch­lich mit
der gesam­ten Wahr­heit gleich­set­zen.
Daraus entsteht ein Habi­tus, den ich
als „Hoch­mut der Halb­wahr­heit“ bezeich­nen
möchte. Dieser kann auf unter­schied­li­che
Weise gelebt werden,
sei es ganz offen als missio­na­ri­sche
Haltung, welche die ande­ren über­zeu­gen
und „bekeh­ren“ will oder eher indi­rekt
als jene in der Poli­tik „demo­kra­ti­scher“
Gesell­schaf­ten heute gängi­ge
Haltung, welche versucht, durch Mani­pu­la­ti­ons-
und Macht­mit­tel verschie­de­ner
Art Mehr­hei­ten (oder einfluss­rei­che
Minder­hei­ten) hinter der eige­nen
Posi­ti­on zu versam­meln.
Denn es ist nicht allein die Komple­xi­tät
der Tatsa­chen, die eine Wahr­heits­fin­dung
erschwert. Wir Menschen
haben seit vielen Jahr­tau­sen­den billi­gend
unter­stützt oder aktiv daran mit
gear­bei­tet, dass unsere geis­tig-seeli­sche
Schöp­fer­kraft an pries­ter­li­che
Hier­ar­chi­en oder tech­ni­sche Syste­me
dele­giert und infol­ge­des­sen weit­ge­hend
dege­ne­riert wurde. Dies begann
mit der Einfüh­rung der Schrift
in den alten Hoch­kul­tu­ren, die gemäß
der Warnung dama­li­ger Weiser
tatsäch­lich kollek­tiv unser Gedächt­nis
schwäch­te und endet wahr­schein­lich
noch nicht bei den heuti­gen Navi­ga­ti­ons­sys­te­men,
die begin­nen,
unsere Fähig­keit zu räum­li­cher Orien­tie­rung
verküm­mern zu lassen. Eine
heraus­ra­gen­de Rolle spielt dabei
das Verküm­mern unse­res Wahr­heits­sin­nes
durch einen weit­ge­hen­den Verlust
unse­rer „Seelen­ver­an­ke­rung“,
unse­rer inne­ren Verbin­dung mit jenem
tran­szen­den­ten Seins­grund, dem wir
entstam­men, und damit eine Schwä­chung
unse­rer urei­gens­ten Gewis­sens­bin­dung
oder mora­li­schen Urteils­kraft
– und deren Abtre­tung an äußere Hier­ar­chi­en,
zunächst an die Pries­ter
der verschie­de­nen Reli­gio­nen, heute
zuneh­mend an die Exper­ten der mate­ria­lis­ti­schen
Wissen­schaft und die Produ­zen­ten der moder­nen Massen­me­di­en,
wobei ich diese beiden Syste­me
zusam­men­ge­fasst als „Wahr­heits­in­dus­trie“
bezeich­nen möchte.
Wer heute die Welt, in der wir leben,
möglichst ganz­heit­lich verste­hen will,
muss zwei Schlei­er durch­sto­ßen: zum
einen den psycho­lo­gi­schen Schlei­er
aus Versu­chun­gen zu Scham, Schuld­ge­füh­len,
ohnmäch­ti­ger Resi­gna­ti­on,
pani­scher Angst, priva­ti­sie­ren­der Gier,
heili­gem Zorn oder selbst­ge­rech­ter,
das Böse auf Gegner proji­zie­ren­der
Fehler­su­che, der sich oft vor eine unge­schmink­te
Erkennt­nis der Tatsa­chen
schiebt – zum ande­ren den Schlei­er der
veröf­fent­lich­ten Meinung, den die oben
genann­te Wahr­heits­in­dus­trie über uns
ausbrei­tet. Und groß ist die Versu­chung,
alter­na­ti­ve Wahr­heits­su­che so
zu betrei­ben, dass das Modell „hier
Exper­ten­tum – dort gläu­bi­ge Gefolg­schaft“
einfach kopiert und mit ande­ren,
schein­bar besse­ren oder rich­ti­ge­ren
Inhal­ten verse­hen wird – und dann
versucht wird mit den großen Syste­men
in Konkur­renz zu gehen (was in der Regel
in Einver­lei­bung oder Vernich­tung
der alter­na­ti­ven Heraus­for­de­rung endet),
anstatt diese Dyna­mik grund­sätz­lich
zu tran­szen­die­ren.
Dies nämlich erfor­dert einen Weg, den
ich „Demut der Halb­wahr­heit“ nennen
würde. Hier eben betre­ten wir den Bereich
dessen, was ich[1] als „inte­gra­le
Wahr­heits­fin­dung“ bezeich­nen möchte.
Denn hier wählen wir als Betei­lig­te
eine Grund­hal­tung, die besagt: Da ich
davon ausge­hen kann, dass ich allein
die komple­xe Wirk­lich­keit nicht über­bli­cke
(auch wenn es noch so sehr den
Anschein haben mag), da es aber für
eine gute Entschei­dung des Gemein­we­sens
wich­tig ist, dass wir der jeweils
zutref­fen­den Wahr­heit so nah wie möglich
kommen, bin ich als Teil dieses Gemein­we­sens
essen­zi­ell darauf ange­wie­sen,
dass auch alle ande­ren Betei­lig­ten
ihre Teil­wahr­heit, ihren Zugang zum
Ganzen, eben­falls in den „Pool“ hinein
geben. Das bedeu­tet prak­tisch: Wer
eine profi­lier­te Posi­ti­on bezieht, die mir
befremd­lich erscheint, löst nicht mehr
– wie bisher üblich – den Reflex aus,
ihn in die rich­ti­ge Schub­la­de einzu­ord­nen
und mir damit gege­be­nen­falls vom
Leib zu halten, sondern wird inner­lich
1 in Anleh­nung an die inte­gra­le Philo­so­phie nach Jean
Gebser, Ken Wilber und ande­ren
will­kom­men gehei­ßen als eine Person,
die – über die Stimme ihres Gewis­sens,
welche jede(n) Einzelne(n) an das univer­sel­le
Bewusst­sein zurück bindet
– die Wahr­heits­fin­dung der Gemein­schaft
vervoll­stän­digt.

Unvergängliche Spuren am Strand des Lebens – Die Redaktion 0

Unvergängliche Spuren am Strand des Lebens – Die Redaktion

In memo­ri­am Margrit Kenne­dy.

Am 28. Dezem­ber 2013 verstarb
Margrit Kenne­dy in ihrem Zuhau­se
in Stey­er­berg an Krebs.
Bereits Ende der 70er Jahre begann
sie, inner­halb der beruf­li­chen Tätig­keit
als Archi­tek­tin und Stadt­pla­ne­rin
die ökolo­gi­schen Fragen in
den Mittel­punkt ihres Wirkens zu stel­len.
Ihr Leben bekam jedoch ab 1982
eine unvor­her­seh­ba­re Wendung. Sie
entdeck­te die Ursa­chen für jene Auswir­kun­gen,
die ihre Arbeit als umwelt­be­wusst
denken­de Wissen­schaft­le­rin
und Plane­rin stets maßgeb­lich und vor
allen Dingen nega­tiv beein­träch­tig­ten
im herr­schen­den Geld­sys­tem. Sie war
über­zeugt, dass die Mecha­nis­men einer
auf unend­li­ches Wachs­tum ausge­rich­te­ten
Wirt­schaft niemals mit den
Erfor­der­nis­sen eines respekt­vol­len
und wert­schät­zen­den Umgangs mit
der Natur verein­bar sind. Auch erkann­te
sie, wie die zuneh­men­den sozia­len
Verwer­fun­gen eng mit dem Geld­sys­tem
zusam­men hingen, das vor allen
Dingen zu einem präde­sti­niert war:
Immense Geld­ver­mö­gen bei einer verschwin­dend
gerin­gen Zahl von Menschen
zu kumu­lie­ren. Und das auf Kosten
und zu Lasten der Gesamt­heit. Die
beruf­li­che und gesell­schaft­li­che Stel­lung
erlaub­te es ihr, sich auf wirkungs­vol­le
Weise für Verän­de­run­gen stark­zu­ma­chen.
Doch Margrit Kenne­dy beließ
es nicht bei theo­re­ti­schen Forde­run­gen
an abstrak­te Adres­sa­ten.
Sie ergriff Initia­ti­ve und nutzte inter­na­tio­na­le
Erfah­rung und den Fundus an
Kontak­ten, um konkre­te Projek­te in die
Tat umzu­set­zen.
Sowohl im deutsch­spra­chi­gen Raum
als auch welt­weit wäre die Entwick­lung
komple­men­tä­rer Währun­gen heute
nicht auf dem Stand, auf dem sie
sich befin­det.
Mit Margrit Kenne­dy verliert diese Bewe­gung
zwar eine der heraus­ra­gen­den
Kräfte, aber Impul­se sind längst
in wegwei­sen­den Projek­ten verwirk­licht,
sodass der Geist ihrer Arbeit unver­wüst­li­che
Früch­te trägt. Mit „Geld
ohne Zinsen und Infla­ti­on“ legte sie
bereits 1991 ein leicht verständ­li­ches
Buch vor. Unzäh­li­gen Menschen
wurde damit der Blick in die Welt der
schein­bar undurch­sich­ti­gen Zusam­men­hän­ge
des Geldes geschärft. „Occupy
Money«, ihre letzte Buch­ver­öf­fent­li­chung,
hat die sich welt­weit
formie­ren­de Bewe­gung von Protest­grup­pen
mit grund­le­gen­dem Wissen
inspi­riert. Wissen, das Instru­men­te an
die Hand gibt, mit denen aus Protes­ten
gegen vermeint­lich frag­wür­di­ge
Mächte, eindeu­ti­ge Forde­run­gen für
Zukunfts­lö­sun­gen hervor­ge­hen können.
Natür­lich bemerk­te Margrit Kenne­dy
zeit­le­bens, wie dick die Bret­ter
sind, die man bohren muss, um ein
derart funda­men­ta­les Umden­ken vor
allem auf höchs­ter poli­ti­scher Ebene
zu erwir­ken. Ehrgei­zi­ge Ziele, dessen
war sie sich bewusst, erreicht man nur
durch viel­schich­ti­ge Arbeit, maßgeb­lich
solche, die „von unten“ initi­iert
wird. „Viel­falt“ war ohne­hin ein Stich­wort,
das sie stets beweg­te. „Wir haben
bezüg­lich Klei­dung, Autos und unend­lich
vielen Dingen des Lebens eine
große Viel­falt an Ange­bo­ten. Zu nahezu
jeder einzel­nen Vorlie­be der Menschen
gibt es eine passen­de Auswahl.
Ande­rer­seits schei­nen wir zu glau­ben,
dass eine einzi­ge Geld­form ausreicht,
all die Funk­tio­nen zu erfül­len,
die das Leben mit sich bringt!“ „Warum
lassen wir den Gedan­ken nicht zu,
dass es sinn­voll ist, ein uner­schöpf­li­ches
Reser­voir an Zahlungs­mit­teln zu
gestal­ten, um die unter­schied­li­chen
Aufga­ben zu meis­tern? Warum sollte
es nicht eigens eine Währung für Bildungs­auf­ga­ben
geben? Eine für die Alters­vor­sor­ge?
Oder eine, welche den
Erfor­der­nis­sen der Nutzung unse­rer
Umwelt entspricht?“
In diesem Sinne argu­men­tier­te Margrit
Kenne­dy auf unzäh­li­gen Veran­stal­tun­gen,
auf denen sie als Refe­ren­tin
oder Disku­tan­tin einge­la­den war. Sie
weiger­te sich zu akzep­tie­ren, dass es
„eine Wahr­heit“ für alle Fragen gibt.
Immer war sie von der Tota­li­tät des
Seins über­zeugt. Nichts, was wir tun,
aber auch nichts, was wir nicht tun,
bleibt ohne Folgen für das Ganze.
Sie konnte und wollte nicht verste­hen,
warum die Logik eines Geld­sys­tems,
das alles zu zerstö­ren droht, was den
Menschen lieb und wert­voll ist, von einer
Mehr­heit klag­los hinge­nom­men zu
werden scheint.

Erinnerungen an Margrit Kennedy – Helmut Creutz 0

Erinnerungen an Margrit Kennedy – Helmut Creutz

Erin­ne­run­gen
an meine ersten
Kontak­te mit
den mone­tä­ren
Reali­tä­ten –
und der Rolle
Margrit Kenne­dys
in diesem
Lebens­ab­schnitt.
Der viel zu frühe Tod von Margrit Kenne­dy
hat bei mir viele Erin­ne­run­gen
wach­ge­ru­fen. Vor allem bezo­gen auf
meine ersten Schrit­te in Sachen Zins
und Frei­wirt­schaft und damit jenem
völlig unge­plan­ten Lebens­ab­schnitt,
der für mich, Ende der 1970er Jahre,
durch einen Zufall begann und wenige
Jahre später, durch die Begeg­nung
mit Margrit, äußerst wich­ti­ge Mut machen­de
Impul­se erhal­ten hat.
Wie schon häufi­ger berich­tet,
wurde ich Ende 1977, durch
die Zuschrift eines Lesers meines
Schul­ta­ge­buchs „Haken krümmt
man beizei­ten“, mit diesen geld­be­zo­ge­nen
Begrif­fen und Themen bekannt.
Jenes Buches, das vor allem durch die
Fern­seh-Vorstel­lung in „Titel, Thesen,
Tempe­ra­men­te“ als Buch des Monats
viele Reak­tio­nen in der Öffent­lich­keit
auslös­te, darun­ter auch diese Zuschrift
von Walter Michel aus Berlin, die mein
Leben verän­dern sollte.
Wie sich später heraus­stell­te, handel­te
es sich um einen selbst­stän­di­gen Hand­werks­meis­ter,
der nach dem Krieg in der
DDR annahm, für das Thema Frei­wirt­schaft
und Gesell wieder öffent­lich eintre­ten
zu können. Er hatte sich jedoch
geirrt und wurde wegen seiner Veröf­fent­li­chun­gen
von der damals noch vorherr­schen­den
sowje­ti­schen Besat­zungs­macht
verhaf­tet, erst zum Tode verur­teilt
und dann zu lebens­läng­li­cher Haft in der
berüch­tig­ten Festung Baut­zen „begna­digt“,
einer Strafe, von der er mehr als
zehn Jahre absit­zen musste.
Was Walter Michel mir schrieb, war für
mich anfangs völlig unver­ständ­lich. Weder
den Namen Silvio Gesell noch den
Begriff „Frei­wirt­schaft“ (der mich immer
an eine sommer­li­che Garten­wirt­schaft
erin­ner­te!) hatte ich je gehört. Und das
Glei­che galt auch für das beigeleg­te
kleine Buch eines Hans Kühn, „5000
Jahre Kapi­ta­lis­mus“, dem dann jedoch –
wenn auch stilis­tisch etwas aufge­motzt
– einige konkre­te­re Anga­ben und Zahlen
zu entneh­men waren die mich neugie­rig
mach­ten. Das beson­ders im Hinblick
auf die Auswir­kun­gen expo­nen­ti­ell
wirken­der Abläu­fe, mit denen er den
Zinses­zins-Effekt beschrieb – einer Proble­ma­tik,
die mir dadurch zum ersten
Mal deut­lich wurde und für die ich viel­leicht
auch nur deshalb offen war, weil
sich mir damals, Ende der 1970er Jahre
und ange­sichts der allge­mei­nen Wachs­tums­eu­pho­rie,
schon die Frage aufge­drängt
hatte, wie lange das eigent­lich
noch weiter gehen sollte. Doch diese
von Hans Kühn gemach­ten Ausfüh­run­gen
musste ich jedoch vor einer Antwort
an Walter Michel unbe­dingt über­prü­fen.
Das betraf vor allem die Gegen­sätz­lich­kei­ten
von linea­rem und expo­nen­ti­el­lem
Wachs­tum und deren Verglei­che
mit den natür­li­chen Wachs­tums­ab­läu­fen.
Bei denen die zeit­li­chen Abstän­de
zwischen den Verdopp­lun­gen bekannt­lich
immer größer und schließ­lich „unend­lich“
werden, wie wir aus unse­rer
eige­nen Entwick­lung ab 18-
20 Jahren
wissen. Im Gegen­satz dazu, nahm ein
expo­nen­ti­el­les Wachs­tum, mit gleich
blei­bend langen Verdopp­lungs-Schrit­ten,
stän­dig schnel­ler zu – wie bei den
Geld­an­la­gen durch Zins und Zinses­zins
der Fall. Eine Entwick­lung, die –
das hatte ich nach der Schrift von Hans
Kühn verin­ner­licht – förm­lich zu Explo­sio­nen
führen musste!
Erfah­run­gen zu den Zins­aus­wir­kun­gen
in der Praxis
Zinsen waren mir – damals bereits 55
Jahre alt – bis dahin immer nur als eine
schöne Ange­le­gen­heit bekannt, über
deren Gutschrift auf dem Spar­buch
man sich am Jahres­an­fang immer freute.
Und bezo­gen auf die Hypo­the­ken,
die ich für Bauwer­ke laufend aufneh­men
musste, blieb der Mix von Zinsen
und Tilgung in der Miete als Summe
häufig gleich. „Bewei­se“ für die zins­be­ding­ten
Wachs­tums-Wirkun­gen in unse­rem
norma­len Leben und vor allem
deren Brisanz, entdeck­te ich dann erst
im Zusam­men­hang mit grafi­schen Aufzeich­nun­gen
von Miet­be­rech­nun­gen
und deren Bestand­teil-Verschie­bun­gen
im Laufe der Jahre und Jahr­zehn­te.
Obwohl diese Berech­nun­gen bei den
Wohnungs­bau­fi­nan­zie­run­gen eine
der Voraus­set­zun­gen für die staat­li­chen
zins­güns­ti­gen Zuschüs­se waren
und man sie im Vorhin­ein nach­wei­sen
musste, waren mir diese Wech­sel­wir­kun­gen
nie aufge­fal­len. Und wirk­lich
über­zeu­gend wurden sie für mich erst
dann, als ich sie beispiel­haft neben­ein­an­der
in Grafi­ken umsetz­te. Das
vor allem bezo­gen auf jene Vorgän­ge
im Geld- und Kredit­be­reich, die mir
bislang als problem­los erschie­nen waren:
Wenn man zu viel Geld in der Tasche
hatte und vorerst nicht brauch­te,
zahlte man es eben bei den Banken
ein, die es dann zwischen­zeit­lich weiter
verlie­hen. Und dass man dafür einen
– meist nur rela­tiv gerin­gen – Zins
erhielt, war eine kleine Beloh­nung für
diese Erspar­nis­bil­dung, die dann der
Kredit­neh­mer seiner­seits jeweils an
die Bank zu zahlen hatte.

Auf Raiffeisens Spuren – Bericht von Pat Christ 0

Auf Raiffeisens Spuren – Bericht von Pat Christ

Im deutsch­spra­chi­gen Raum grün­den sich immer mehr Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten

Ob Post­dienst, Dorf­la­den, Arzt­pra­xen,
Kinder­be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen oder
Busver­bin­dun­gen – in länd­li­chen Räumen
dünnt die Infra­struk­tur zum Teil
drama­tisch aus. Hier­auf reagie­ren Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten.
Sie setzen sich
für demenz­kran­ke Menschen ein oder
zielen, in Form von Senio­ren­ge­nos­sen­schaf­ten,
auf ein koope­ra­ti­ves Altern
ab. Der Genos­sen­schafts­ge­dan­ke
wächst stetig. So wurden in den vergan­ge­nen
acht Jahren in Deutsch­land rund
1.300 Genos­sen­schaf­ten gegrün­det.
Eine Sozi­al­ge­nos­sen­schaft ist eine
Versi­che­rung auf Gegen­sei­tig­keit:
Man gibt und hilft sich soli­da­risch.
Dahin­ter steckt die bereits
von Fried­rich Wilhelm Raiff­ei­sen forcier­te
Idee, dass alle gemein­sam viel
mehr auf die Beine zu stel­len vermö­gen
als ein Mensch allei­ne. Das gilt laut
Heike Walk vom Zentrum Tech­nik und
Gesell­schaft (ZTG) der TU Berlin auch
für ein so aktu­el­les Thema wie „Klima­wan­del“.
Als kollek­ti­ve Zusam­men­schlüs­se
haben Genos­sen­schaf­ten
den Analy­sen der Geschäfts­füh­re­rin
des ZTG-Insti­tuts für Protest- und Bewe­gungs­for­schung
zufol­ge viel­fäl­ti­ge
Hand­lungs­mög­lich­kei­ten, um den Klima­schutz
in Städ­ten voran­zu­trei­ben.
Viele Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten treten
als klas­si­sche Non-Profit-Orga­ni­sa­tio­nen
auf. Hier schlie­ßen sich Menschen
auf der Basis von Selbst­hil­fe oder ehren­amt­li­chen
Enga­ge­ment koope­ra­tiv
zu zusam­men. Dane­ben exis­tie­ren aber
auch Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten, die zu
bezah­len­de Leis­tun­gen erbrin­gen, die
zwar gesell­schaft­lich notwen­dig und
zentral für eine nach­hal­ti­ge Entwick­lung
sind, vom Markt aber nicht mehr
zur Verfü­gung gestellt werden.
Von pallia­ti­ver Hilfe
bis zur Nahraum­ver­sor­gung
Die Hand­lungs­fel­der von Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten
fächern sich demnach
stark auf. Allein im Gesund­heits- und
Pfle­ge­sek­tor exis­tiert heute eine breite
Ange­bots­pa­let­te, die vom Pallia­tiv­be­reich
über das Senio­ren­woh­nen bis
hin zu Kran­ken­haus­netz­wer­ken reicht.
Selbst der Bereit­schafts­dienst von
Ärzten kann sozi­al­ge­nos­sen­schaft­lich
orga­ni­siert werden. Viele Genos­sen­schaf­ten
enga­gie­ren sich vor dem
Hinter­grund des demo­gra­phi­schen
Wandels auch dafür, die sozia­le Infra­struk­tur
vor Ort zu erhal­ten oder sie neu
zu schaf­fen. Dies betrifft die Kinder­be­treu­ung
und die Jugend­hil­fe ebenso wie
die Themen „Alters­ge­rech­tes Wohnen“
und „Nahraum­ver­sor­gung“.
Um die psycho­so­zia­le Gesund­heit von
Kindern und Jugend­li­chen kümmert
sich im italie­ni­schen Bruneck seit vielen
Jahren die Sozi­al­ge­nos­sen­schaft
EOS. Bereits 1995 eröff­ne­te die Orga­ni­sa­ti­on
eine sozi­al­päd­ago­gi­sche WG
für psych­ia­trisch auffäl­li­ge Jugend­li­che.
Vier Jahre später star­te­te sie in Bruneck
ein Projekt für ein Beglei­te­tes Wohnen
von Heran­wach­sen­den mit seeli­schen
Proble­men. Ein zwei­tes Projekt dieser
Art wurde 2001 in Bozen eröff­net. 2005
star­te­te die von der Genos­sen­schaft orga­ni­sier­te
Ambu­lan­te sozi­al­päd­ago­gi­sche
Fami­li­en­ar­beit im Puster­tal. Von
Jahr zu Jahr wuchs die Mitar­bei­ter­zahl.
Heute liegt sie bei um die 80.

Auf, auf zum ersten Gefecht – Kommentar von Wilhelm Schmülling 0

Auf, auf zum ersten Gefecht – Kommentar von Wilhelm Schmülling

Wer den Frie­den will, darf nicht rüsten,
denn der Rüstung folgt der Krieg. Da
Deutsch­land keine Feinde hat, bräuch­te
es auch keine Rüstung.
Wenn nur nicht die Rüstungs­lob­by
mit dem Argu­ment „Arbeits­plät­ze“
hausie­ren ginge,
natür­lich nicht bei Ihnen, Sie wollen
sich doch keinen Panzer in den Vorgar­ten
stel­len, sondern bei denen,
die das Geld dafür haben: bei den Regie­ren­den.
Genau genom­men, haben
auch die Regie­run­gen dafür kein Geld,
das holen sie sich bei Ihnen. Nicht mit
einem bewaff­ne­ten Stoß­trupp, sondern
unbe­waff­net mit Wahl­un­ter­la­gen,
damit Sie ja die fried­lie­ben­den
Rüstungs­be­für­wor­ter wählen. Sehr
freund­lich reden sie über „Frie­dens­si­che­rung“,
leben wir doch in einem
demo­kra­ti­schen Land, das vertei­digt
werden müsse.
In Mali, Soma­lia oder Afgha­ni­stan und
vielen Ländern dieser Welt ist das anders.
Da herr­schen Dikta­tur und Not.
Die Terro­ris­ten nützen das scham­los
aus, holen die jungen Männern aus
den Hütten, verspre­chen ihnen Brot
und Spiele, grei­fen erst ihre Lands­leu­te,
dann auch uns an. Also müssen
wir uns bewaff­net vertei­di­gen,
auch am Hindu­kusch. So hieß doch
der Schlacht­ruf zum ersten Gefecht in
Afgha­ni­stan. Jetzt schließt Ursula von
der Leyen Kampf­ein­sät­ze in Mali nicht
mehr aus.
Vertei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ursula von
der Leyen plädier­te für ein stär­ke­res,
inter­na­tio­na­les Enga­ge­ment in Afrika.
Die Trup­pen­stär­ke in Mali soll von
180 auf 250 Solda­ten erhöht werden.
Dort leben 15 Millio­nen Menschen, die
Hälfte davon – so Frau von der Leyen
– sind unter 15 Jahre alt. Können wir
sie bis zum Erwach­se­nen­al­ter mit verstärk­ter
Entwick­lungs­hil­fe versor­gen?
Wohl kaum. Also wird Deutsch­land
zunächst auch Waffen liefern. Da aber
Malis und andere
Afri­ka­ner damit
nicht umge­hen
können, müssen
deut­sche Solda­ten
vor Ort sein,
um den Umgang
mit der Waffe zu
lehren, auch um
zu töten. Wenn
Terro­ris­ten dabei
stören, wird
zurück­ge­schos­sen.
Einige Gutmen­schen
schla­gen doch tatsäch­lich
vor, wir soll­ten nur Brun­nen bauen und
Acker­bau betrei­ben. Was für Narren!
Frie­dens­ver­tei­di­gung ohne Waffen? Ja,
das muss möglich sein, denn wie weit
haben uns bewaff­ne­te „Landes­ver­tei­di­gun­gen“
gebracht? Kürz­lich plaka­tier­te
MISEREOR „Mut ist, Waffen mit
Worten zu bekämp­fen.“ Sich darauf beschrän­ken
bedeu­tet aller­dings, den Zustand
des Elends zu festi­gen. Und hier
muss ange­setzt werden: Gerech­tig­keit
zur Grund­la­ge der Poli­tik machen!
Trach­ten wir zuerst nach der Gerech­tig­keit
und alles andere wird uns zufal­len.
Statt mili­tä­ri­scher Vertei­di­gung unhalt­ba­rer
Zustän­de in der Welt – auch
bei uns – muss die sozia­le Frage gelöst
werden. Ihre Ursa­che muss erkannt
und besei­tigt werden. In einer auf Profit
ausge­rich­te­ten Wirt­schafts­ord­nung
ist das unmög­lich. Eine auf Arbeits­er­trag
fixier­te Wirt­schafts­ord­nung muss
einge­rich­tet werden.
Es gibt Hoff­nung. Wir sind dabei, unsere
Einheit mit all unse­ren Mitmen­schen
zu erken­nen, so dass es bald
unmög­lich sein wird, einan­der auszu­beu­ten,
zu berau­ben oder gar zu
töten. Solan­ge uns das nicht gelingt,
können wir nicht behaup­ten, in einer
zivi­li­sier­ten Welt zu leben.

Auf, auf zum letz­ten Gefecht zur
Besei­ti­gung system­be­ding­ter
Unge­rech­tig­kei­ten –
ohne Waffen!

Arbeit zwischen Verherrlichung und Entwertung – Günther Moewes 0

Arbeit zwischen Verherrlichung und Entwertung – Günther Moewes

„In Deutsch­land waren noch nie so viele Menschen in Arbeit wie 2013“ tönt es aus den Medien. Und seit 1960 regel­mä­ßig von allen Kanz­lern: „Die Wende auf dem Arbeits­markt steht unmit­tel­bar bevor.“ Es wird der Eindruck erweckt, die Arbeit nähme wieder zu. Die Reali­tät sieht anders aus. Tatsäch­lich hat die Zahl der durch­schnitt­lich geleis­te­ten Jahres­ar­beits­stun­den in Deutsch­land von 1960 bis 2012 um 35,4 auf 64,6 % abge­nom­men, d.h. um mehr als ein Drit­tel. Wenn sich die Zahl der Beschäf­tig­ten trotz­dem erhöht hat, dann nur, weil diese Verrin­ge­rung des tatsäch­lich erbrach­ten Arbeits­vo­lu­mens in Form von unbe­zahl­ter Arbeits­zeit­ver­kür­zung auf drei Millio­nen Teil­zeit­be­schäf­tig­te abge­la­den wurde. Deren Zahl ist inzwi­schen höher als die der 2,95 Mio. Arbeits­lo­sen. Diese 64,6 % der 1960 erbrach­ten Arbeits­stun­den geben jedoch noch nicht den tatsäch­li­chen Rück­gang des Arbeits­vo­lu­mens wieder. Denn in ihr ist ja noch nicht die enorm gestie­ge­ne Arbeits­lo­sig­keit enthal­ten. 2012 betrug die Arbeits­lo­sig­keit in Deutsch­land 6,8 % (= 2,95 Mio.), 1960 ganze 1,3 % (0,27 Mio.). Würde man die 2012 insge­samt tatsäch­lich geleis­te­ten Jahres­ar­beits­stun­den mit auf die Arbeits­lo­sen vertei­len,
hätte jeder Erwerbs­fä­hi­ge pro Jahr 142 Std. weni­ger arbei­ten müssen. Das so ermit­tel­te heute erbrach­te Arbeits­vo­lu­men pro Erwerbs­fä­hi­gen beträgt dann nur noch 59 % dessen von 1960, also über 40% weni­ger.