HUMANE WIRTSCHAFT ...mehr als eine Zeitschrift

Kant nennt es „Unrecht“ – Thomas Mohrs 0

Kant nennt es „Unrecht“ – Thomas Mohrs

Warum die Geheim­ver­hand­lun­gen über das Handels­ab­kom­men TTIP ein Kultur­bruch sind und warum die Philo­so­phie Einspruch erhebt.

Wie hieß das doch beim alten Kant:
„Alle auf das Recht ande­rer Menschen
bezo­ge­ne Hand­lun­gen, deren Maxime
sich nicht mit der Publi­ci­tät verträgt,
sind Unrecht.“ Über­setzt: Jegli­che
poli­ti­sche Maßnah­me, die vor
ihrer Imple­men­tie­rung das Licht der
Öffent­lich­keit scheu­en muss, ist per
defi­ni­tio­nem Unrecht. 1795 hat Imma­nu­el
Kant das geschrie­ben, in seinem
„Ewigen Frie­den“, einer der ersten
echten Globa­li­sie­rungs-Theo­ri­en. Und
irgend­wie ist noch immer was dran an
dieser „Publizitäts“-These.
Nehmen wir zum Beispiel diese
„Trans­at­lan­tic Trade and Invest­ment
Part­nership“ (TTIP), das
größte „Frei­han­dels­ab­kom­men“ aller
Zeiten, das gerade zwischen der EU und
Nord­ame­ri­ka ausge­han­delt wird. Nein:
Nennen wir das Kind beim Namen:
das gerade übern großen Teich hinweg
in Brüs­sel und Washing­ton ausgemau­schelt
wird. Unter Ausschluss
der Öffent­lich­keit, geheim, hinter verschlos­se­nen
Türen. Abge­schirmt von
Vertre­tern demo­kra­tisch gewähl­ter
Parla­men­te und erst recht von NGOs
und Verbrau­cher- und Konsu­men­ten­schutz­ver­bän­den.
Denn die könn­ten den versam­mel­ten
Lobby­is­ten der globa­len Konzer­ne
und Inves­to­ren womög­lich in die Suppe
spucken – in die Hühner­sup­pe gewis­ser­ma­ßen.
Denn: Wenn das funk­tio­niert
mit der TTIP (bzw. der TAFTA:
Trans­at­lan­tic Free Trade Area), dann
können sich beispiels­wei­se ameri­ka­ni­sche
Fleisch­kon­zer­ne mit ihren
Chlor­hüh­nern, die derzeit in Europa
aufgrund der stren­ge­ren Hygie­ne-
Stan­dards verbo­ten sind, in den euro­päi­schen
Markt einkla­gen. Einfach
so, weil diese „über­zo­ge­nen“ euro­päi­schen
Stan­dards ein Chlor­huhn-Inves­ti­ti­ons­hemm­nis
darstel­len und damit
zukünf­ti­ge mögli­che Gewin­ne der Konzer­ne
gefähr­den.
Und wenn ein euro­päi­scher Staat sich
weigern sollte? Dann entschei­det nicht
die natio­na­le oder die euro­päi­sche Gerichts­bar­keit,
sondern im Rahmen des
Frei­han­dels­ab­kom­mens orga­ni­sier­te
Tribu­na­le, beschickt von inter­na­tio­na­len
Anwalts­kanz­lei­en, deren Vertre­ter
heute Kläger, morgen Vertei­di­ger,
über­mor­gen Rich­ter sind. Und wenn
das von der Welt­bank (!) beauf­sich­tig­te
Tribu­nal entschei­det, dass der reni­ten­te
Staat die „erwar­te­ten künf­ti­gen
Profi­te“ des Konzerns XY „unrecht­mä­ßig“
gefähr­det, dann ist dieser Staat
gezwun­gen, seinen Markt für das
strit­ti­ge Produkt – ob Chlor­huhn, Hormon­fleisch,
genver­än­der­tes Saat­gut,
„groß­zü­gig“ geprüf­te Phar­ma­pro­duk­te,
Benzin mit toxi­schen Zusatz­stof­fen
or whate­ver – zu öffnen. Oder millio­nen­schwe­re
Entschä­di­gun­gen zu zahlen.
Aus Steu­er­gel­dern, versteht sich.
Ein Witz zur Faschings­zeit? Schön
wär’s, wenn auch nur bedingt lustig.
Nein, es ist kein Witz und lustig
schon gar nicht: Was mit dem TTIP auf
uns zukommt, ist – wie es „Le Monde
diplo­ma­tique“ formu­liert – ein
„Staats­streich in Zeit­lu­pe“, die klamm­heim­li­che
Instal­la­ti­on einer „Wirt­schafts-
NATO“, deren Befug­nis­se
buch­stäb­lich gren­zen-los sind. Es ist ein Kultur-Bruch von funda­men­ta­lem
Ausmaß: die totale Unter­wer­fung
des Primats der Poli­tik unter das
Primat der Wirt­schaft.
Daher ist es nötig, das Mons­trum TTIP
als „auf das Recht ande­rer Menschen
bezo­ge­ne Hand­lung“ ins Licht der Öffent­lich­keit
zu stel­len, um zu zeigen,
was es ist: Unrecht!

Vision oder Privatvergnügen? – Pat Christ 0

Vision oder Privatvergnügen? – Pat Christ

Leben ohne Geld und möglichst ohne Bedürf­nis­se wird zum neuen Nischen­li­fe­style.

Er wollte nicht länger um das Golde­ne
Kalb tanzen. Darum entschied sich
Rapha­el Fell­mer vor drei Jahren, in
„Geld­streik“ zu treten. Seit­her macht
er damit Furore. Wobei er keines­wegs
der einzi­ge ist, der sich (vorüber­ge­hen­de?)
„Geld­lo­sig­keit“ zum Ideal
erko­ren hat. Heide­ma­rie Schwer­mer
entschied sich bereits 1996, ohne
Geld zu leben. Mark Boyle gab immer­hin
ein Jahr lang den Konsum­ver­wei­ge­rer.
Auch die Vaga­bun­den­blog­ge­rin
Michel­le stieg für ein Jahr aus und lebte
ohne Heller und Pfen­nig.
Einmal aussche­ren – wer wünsch­te
sich das nicht. Dazu hat auch
jeder das Recht. Inter­es­sant sind
die Missio­nen, die hinter dem jewei­li­gen
Ausstieg stecken. So hat Rapha­el
Fell­mer mit seiner Aktion die „Lage
der Welt“ und die ganze Mensch­heit im
Blick. Darun­ter macht er es nicht. „Mein
Geld­streik ist sehr breit ange­legt“,
meint er im Gespräch mit der HUMANEN
WIRTSCHAFT. Er ist gegen den Kapi­ta­lis­mus.
Gegen die Verschwen­dung.
Gegen die Ausbeu­tung von Tieren. Gegen
die Umwelt­ver­schmut­zung. Als ein
„Ausru­fe- und ein Frage­zei­chen“, sagt
er uns, sehe er seinen Streik.
Fell­mer tramp­te länge­re Zeit und kam
dadurch auf den Geschmack der Frei­heit
und zu seiner Lebens­phi­lo­so­phie.
Man lerne die Dinge mehr zu schät­zen,
wenn man sie nicht einfach kaufen kann,
meint er. „Wenn zum Beispiel beim Tram­pen
endlich ein Auto hält, freut man sich
viel mehr, als wenn man einfach in den
nächs­ten Bus steigt und 2,50 Euro zahlt“,
so der 30-Jähri­ge. Das leuch­tet ein.
Und es erin­nert an „On The Road“, die
Bibel der Beat-Genera­ti­on. Auch hier
nehmen sich junge Menschen eine
Frei­heit, die ihnen die Gesell­schaft
frei­wil­lig nicht gibt. Aber dieses Buch
kennt Fell­mer nicht. „Ich bin nicht sehr
bele­sen“, gibt er zu. Und das ist spür­bar.
Über­haupt hat es Fell­mer nicht mit
Theo­ri­en und Philo­so­phi­en.
Einfach gestrick­tes Welt­bild
Sein einfach gestrick­tes Welt­bild weist
ihn denn auch nicht gerade als Fein­geist
aus. Da gibt es die wenig anspruchs­vol­len
Kate­go­ri­en „Ja“ bezie­hungs­wei­se
„gut“ und „Nein“ bezie­hungs­wei­se
„schlecht“. Rapha­el Fell­mer ist gegen
alles, was nicht gut ist: Den millio­nen­fa­chen
Hunger in der Welt, das „Killen“
von Tieren, die Zerstö­rung der Natur.
Und er ist für alles, was gut ist. Die Liebe.
Die Mensch­heit. Und derglei­chen.
Dass er auf alles eine Antwort parat hat,
wirkt ein wenig ober­schlau. Ober­fried­lich
und ober­öko­lo­gisch ist er sowie­so.
Nur mit Details, stets die Krux an jeder
Proble­ma­tik, hält er sich nicht lange
auf. Irgend­wie scheint es für ihn nichts
tiefer zu verste­hen zu geben… Das ist
entwaff­nend. Dafür mögen ihn viele. Ist
doch die Sehn­sucht nach einfa­chen Erklä­run­gen
und einfa­chen Lösun­gen in
unse­rer hoch­kom­ple­xen Welt groß. Und
wer möchte Kämp­fer für das Gute nicht
gern unter­stüt­zen?
Seine Habe musste er vor seinem Frei­heits­sprung
übri­gens nicht in einem Depot
unter­brin­gen. Fell­mer hat ein Dach
überm Kopf. Bis Ende vergan­ge­nen
Jahres lebte er mit seiner Frau und der
zwei­jäh­ri­gen Toch­ter Alma umsonst im
Frie­dens­haus von Berlin. Zu Jahres­be­ginn
zog er um. Eine Fami­lie nahm die
drei auf: „Wir haben dort ein Zimmer in
einer Fünf-Zimmer-Wohnung.“ Zu eng?
Aber Fell­mer ist ja ohne­hin dauernd
unter­wegs. Vor allem seit sein Buch erschie­nen
ist. Daran verdient er im Übri­gen
nicht, betont er uns gegen­über. Als E-Book sind die Seiten kosten­los herun­ter­zu­la­den.
Von der Aufla­ge wird ein
Drit­tel verschenkt. Der Rest fließt zur
Kosten­de­ckung an den Verlag.
Den Ausschlag für die Entschei­dung,
geld­los zu leben, gab eine Tramp­tour
mit Freun­den nach Mexiko. „Er hatte
kein Geld, kam aber trotz­dem immer
weiter“, schreibt Birgit Baumann über
ihn im „Stan­dard“. „Über den Atlan­tik
nahmen ihn Italie­ner mit dem Segel­boot
mit, in Brasi­li­en saß er hinten auf alten
Last­wa­gen. Er schlief bei der Feuer­wehr
und in Schu­len, von Restau­rants nahm
er sich, was ohne­hin übrig war. Im Gegen­zug
bot er seine Arbeits­kraft an.“
Wer hätte auf solche Sensa­tio­nen in der
großen weiten Welt in jungen Jahren
keine Lust? Die meis­ten jungen Aben­teu­rer
aller­dings lassen es bei einem
einma­li­gen Erleb­nis bewen­den. Nicht
so Rapha­el Fell­mer. Er beschloss nach
seiner Rück­kehr, fortan auch in Berlin
geld­los zu leben.

Verdientes Denkmal für einen großen Freiwirtschafter – Buchrezension von Heinz Girschweiler 0

Verdientes Denkmal für einen großen Freiwirtschafter – Buchrezension von Heinz Girschweiler

Andre­as Müller beleuch­tet Leben und Gedan­ken Fried­rich Salz­manns in einer Biogra­fie.

Er war ein klei­ner, feiner Mann, dazu
ein Leben lang körper­lich behin­dert:
Deshalb zählt Fried­rich Salz­mann
(1915−1990) nicht zu den lauten und
vorder­grün­dig nicht zu den bekann­tes­ten
Köpfen unter den Schwei­zer
Frei­wirt­schaf­tern. Fritz Schwarz, Hans
Konrad Sonder­eg­ger, Hans Bernoul­li,
Werner Schmid und Werner Zimmer­mann
stehen für viele in dieser ersten
Reihe. Zu ihnen gehört aber unzwei­fel­haft
auch Fried­rich Salz­mann. Wer
es nicht ohne­hin schon wusste, dem
macht dies die neu erschie­ne­ne Biogra­fie
klar.
Der Sohn eines Schwei­zer Kauf­manns
– in Persi­en gebo­ren, in
Berlin und in der Schweiz aufge­wach­sen
– hat ein beein­dru­cken­des
schrift­li­ches Werk hinter­las­sen,
und er setzte sich ein Leben lang für
die Umset­zung der Erkennt­nis­se Silvio
Gesells ein.
Schon in der Jugend infi­ziert
Salz­mann kam schon im Eltern­haus
mit den frei­wirt­schaft­li­chen Ideen
in Kontakt. Ja er begeg­ne­te als Jüng­ling
auch noch Silvio Gesell, kurz vor
dessen Tod. So war es für den aufge­weck­ten
jungen Mann eine Selbst­ver­ständ­lich­keit,
sich in der frei­wirt­schaft­li­chen
Jugend­be­we­gung zu
enga­gie­ren. Und früh schon trat er
nach einer kauf­män­ni­schen Lehre
auch als Redner an öffent­li­chen Veran­stal­tun­gen
auf. Als blut­jun­ger Korre­spon­dent
in Paris berich­te­te er für
das „Freie Volk“ über die große Poli­tik
im Vorkriegs­frank­reich. Nach seiner
Rück­kehr trat er – an der Seite des
legen­dä­ren Fritz Schwarz – in die Redak­ti­on
des frei­wirt­schaft­li­chen Organs
ein. Er prägte es entschei­dend
mit. Und er war – zusam­men mit Werner
Schmid – trei­ben­de Kraft bei der
Grün­dung der Libe­ral­so­zia­lis­ti­schen
Partei (LSP) im Jahre 1946. Denn Salz­mann
war über­zeugt, dass man sich
poli­tisch einmi­schen musste, wenn
man die gute Sache vorwärts­brin­gen
wollte.
Als in den Fünf­zi­ger­jah­ren die wirt­schaft­li­che
Basis für die frei­wirt­schaft­li­che
Wochen­zei­tung zuse­hends
schwand, fasste Salz­mann
schwe­ren Herzens einen Entschluss:
Er folgte einem Ruf des Schwei­zer Radios
und trat in deren Inland­re­dak­ti­on
ein. Weil er dank seiner welt­läu­fi­gen
Erzie­hung ein ausge­spro­chen
gepfleg­tes Hoch­deutsch sprach und
über eine tiefe, ruhige Stimme verfüg­te,
war er fürs Radio gebo­ren.
Und Salz­mann blühte in diesem Medium
auf. Er wurde zum aner­kann­ten
Chef der Inland­ab­tei­lung, er mode­rier­te
poli­ti­sche Streit­ge­sprä­che,
und er führte die erste kriti­sche Sendung
für Konsu­men­ten ein. „Mit kriti­schem
Grif­fel“ hieß sie und wurde zur
damals besten Sende­zeit am frühen
Sams­tag­nach­mit­tag ausge­strahlt.
Dann, 1971, wurde er auf der Liste des
Landes­rings der Unab­hän­gi­gen in
Bern über­ra­schend in den Natio­nal­rat
gewählt. Dort fiel er als seriö­ser
Arbei­ter in den Kommis­sio­nen (etwa
zum Medi­en­recht) und als uner­bitt­li­cher
Kriti­ker der bundes­rät­li­chen
Wirt­schafts- und Konjunk­tur­po­li­tik
auf. Dann kam zu seiner Behin­de­rung
durch eine Kinder­läh­mung noch die
Parkin­son-Krank­heit hinzu, und er
musste deshalb 1978 schwe­ren Herzens
aus dem Natio­nal­rat zurück­tre­ten.
Die folgen­den Jahre waren dann
– er hatte seine gelieb­te Gattin, Gefähr­tin
und Betreue­rin Hilde Grünig
schon früh verlo­ren – von einer zuneh­men­den
Verein­sa­mung geprägt.
Seine letz­ten fünf Jahre verbrach­te er
in einem Berner Pfle­ge­heim.
Radi­ka­ler Denker
Neben seinem beruf­li­chen Wirken
und der direk­ten poli­ti­schen Arbeit
steht das schrift­stel­le­ri­sche Werk
Salz­manns. Er hat rund ein Dutzend
Bücher geschrie­ben, dazu zahl­rei­che
Schrif­ten und Tausen­de von Arti­keln.
In „Bürger für die Geset­ze“ (1949)
setzt sich der leiden­schaft­li­che Libe­ra­le
kritisch mit dem Staat als Erzie­her
ausein­an­der und fordert einen
freien Bildungs­markt. In „Jenseits der
Inter­es­sen­po­li­tik“ (1953) widmet er
sich der gros­sen Ausein­an­der­set­zung
zwischen Kommu­nis­mus und Kapi­ta­lis­mus
und plädiert für eine wahr­haft
libe­ra­le Wirt­schafts­ord­nung mit
star­ken staat­li­chen Leit­plan­ken. Und
in „Mit der Frei­heit leben“ (1961) vertieft
er diese Ausein­an­der­set­zung
zwischen den beiden riva­li­sie­ren­den
Gesell­schafts­sys­te­men und fordert
seinen radi­kal libe­ral­so­zia­len drit­ten
Weg.
Salz­manns Biograf weist mit Recht
auf dessen letzte Schrift „Gedan­ken
zu einer lebens­wer­ten Zukunft“
(1985) als eigent­li­ches gedank­li­ches
Vermächt­nis hin. Die program­ma­ti­sche
Schrift fasst die Posi­tio­nen der
Libe­ral­so­zia­lis­ten – wohl­be­grün­det
und konzen­triert – zusam­men. Sie
entstand in enger Zusam­men­ar­beit
mit dem dama­li­gen Sekre­tär der Partei,
Hans Barth. Der Einlei­tungs­satz
ist typisch für das Bürger­ver­ständ­nis
des philo­so­phisch denken­den und
02/2014 www.humane-wirtschaft.de 37
poli­ti­schen handeln­den Menschen
Fried­rich Salz­mann:
„Wir sind nicht nur verant­wort­lich
für das, was wir tun, sondern
auch für alles, was wir wider­spruchs­los
dulden.“

Der spaltende Geist und das Geldsystem – Peter Berner 0

Der spaltende Geist und das Geldsystem – Peter Berner

Für eine Diskus­si­ons­kul­tur im Geiste inte­gra­ler Wahr­heits­fin­dung.

Meine voran­ge­stell­ten Ausfüh­run­gen
über den Umgang mit Bösem und Gutem
in unse­rer poli­ti­schen Kultur („Vom
spal­ten­den Geist zu inte­gra­ler Poli­tik“,
HUMANE WIRTSCHAFT 01/2014) ende­ten
mit einer Beschrei­bung der posi­ti­ven
Erfah­rung, die ich mit der Dialog-
Metho­de nach David Bohm in einer
Gesprächs­grup­pe zum Thema „Inte­gra­le
Poli­tik“ gemacht habe. Hier wurde
modell­haft jene „inte­gra­le Wahr­heits­fin­dung“
prak­ti­ziert, die ich für
geeig­net halte, den spal­ten­den Geist,
welcher unsere poli­ti­sche Kultur heute
beherrscht, zu über­win­den und ein
huma­nes, fried­vol­les, nach­hal­tig wirt­schaf­ten­des
Gemein­we­sen zu entwi­ckeln
und zu gestal­ten.
Inte­gra­le Wahr­heits­fin­dung
Wieso müssen wir uns über Wahr­heits­fin­dung
über­haupt Gedan­ken machen?
„Wenn ich wissen will, ob es drau­ßen
regnet, gehe ich ans Fens­ter und schaue
nach“, sagt Ken Wilber, und wenn du
mich nach dem Weg zum Bahn­hof fragst
und ich ihn kenne und dir zeige, wissen
wir hinter­her beide, was vorher nur ich
wusste. Wo also liegt das Problem? Nun
– über­all dort, wo ein Bereich der Wirk­lich­keit
komple­xer wird und nicht mehr
durch einen einfa­chen Erkennt­nis­akt zu
erfas­sen ist wie das gegen­wär­ti­ge Wetter
oder der Weg zum Bahn­hof, wird es
natür­lich etwas schwie­ri­ger. Und dies
ist mit vielen Wirk­lich­keits­be­rei­chen,
mit denen wir uns als mensch­li­che Gemein­schaf­ten
befas­sen, eben der Fall –
von der Gestal­tung eines Gartens über
die Leitung eines Unter­neh­mens bis hin
zum Design des welt­wei­ten Geld­sys­tems
oder gar einer geziel­ten Beein­flus­sung
des Erdkli­mas.
In einem solchen Fall kann jede® der
Betei­lig­ten in der Regel nur einen Teil
der Wirk­lich­keit, die gerade zu unter­su­chen
oder zu gestal­ten ist, erken­nen
und verste­hen – was eben­falls
so lange unpro­ble­ma­tisch ist, wie ich
als Betrof­fe­ne® mir dessen bewusst
bin, wo die Gren­zen meines Wissens
liegen. Genau hier aber setzen die
Schwie­rig­kei­ten ein, mit denen wir im
gesell­schaft­li­chen Leben oft zu tun bekom­men,
sei es im Alltag, in der Wissen­schaft
oder in der Poli­tik. Proble­ma­tisch
wird es nämlich dann, wenn
die Menschen, die an einem gemein­sa­men
Prozess der Wahr­heits- und
Entschei­dungs­fin­dung betei­ligt sind,
ihr jewei­li­ges persön­li­ches Teil­wis­sen
(ihre „Halb­wahr­heit“) fälsch­lich mit
der gesam­ten Wahr­heit gleich­set­zen.
Daraus entsteht ein Habi­tus, den ich
als „Hoch­mut der Halb­wahr­heit“ bezeich­nen
möchte. Dieser kann auf unter­schied­li­che
Weise gelebt werden,
sei es ganz offen als missio­na­ri­sche
Haltung, welche die ande­ren über­zeu­gen
und „bekeh­ren“ will oder eher indi­rekt
als jene in der Poli­tik „demo­kra­ti­scher“
Gesell­schaf­ten heute gängi­ge
Haltung, welche versucht, durch Mani­pu­la­ti­ons-
und Macht­mit­tel verschie­de­ner
Art Mehr­hei­ten (oder einfluss­rei­che
Minder­hei­ten) hinter der eige­nen
Posi­ti­on zu versam­meln.
Denn es ist nicht allein die Komple­xi­tät
der Tatsa­chen, die eine Wahr­heits­fin­dung
erschwert. Wir Menschen
haben seit vielen Jahr­tau­sen­den billi­gend
unter­stützt oder aktiv daran mit
gear­bei­tet, dass unsere geis­tig-seeli­sche
Schöp­fer­kraft an pries­ter­li­che
Hier­ar­chi­en oder tech­ni­sche Syste­me
dele­giert und infol­ge­des­sen weit­ge­hend
dege­ne­riert wurde. Dies begann
mit der Einfüh­rung der Schrift
in den alten Hoch­kul­tu­ren, die gemäß
der Warnung dama­li­ger Weiser
tatsäch­lich kollek­tiv unser Gedächt­nis
schwäch­te und endet wahr­schein­lich
noch nicht bei den heuti­gen Navi­ga­ti­ons­sys­te­men,
die begin­nen,
unsere Fähig­keit zu räum­li­cher Orien­tie­rung
verküm­mern zu lassen. Eine
heraus­ra­gen­de Rolle spielt dabei
das Verküm­mern unse­res Wahr­heits­sin­nes
durch einen weit­ge­hen­den Verlust
unse­rer „Seelen­ver­an­ke­rung“,
unse­rer inne­ren Verbin­dung mit jenem
tran­szen­den­ten Seins­grund, dem wir
entstam­men, und damit eine Schwä­chung
unse­rer urei­gens­ten Gewis­sens­bin­dung
oder mora­li­schen Urteils­kraft
– und deren Abtre­tung an äußere Hier­ar­chi­en,
zunächst an die Pries­ter
der verschie­de­nen Reli­gio­nen, heute
zuneh­mend an die Exper­ten der mate­ria­lis­ti­schen
Wissen­schaft und die Produ­zen­ten der moder­nen Massen­me­di­en,
wobei ich diese beiden Syste­me
zusam­men­ge­fasst als „Wahr­heits­in­dus­trie“
bezeich­nen möchte.
Wer heute die Welt, in der wir leben,
möglichst ganz­heit­lich verste­hen will,
muss zwei Schlei­er durch­sto­ßen: zum
einen den psycho­lo­gi­schen Schlei­er
aus Versu­chun­gen zu Scham, Schuld­ge­füh­len,
ohnmäch­ti­ger Resi­gna­ti­on,
pani­scher Angst, priva­ti­sie­ren­der Gier,
heili­gem Zorn oder selbst­ge­rech­ter,
das Böse auf Gegner proji­zie­ren­der
Fehler­su­che, der sich oft vor eine unge­schmink­te
Erkennt­nis der Tatsa­chen
schiebt – zum ande­ren den Schlei­er der
veröf­fent­lich­ten Meinung, den die oben
genann­te Wahr­heits­in­dus­trie über uns
ausbrei­tet. Und groß ist die Versu­chung,
alter­na­ti­ve Wahr­heits­su­che so
zu betrei­ben, dass das Modell „hier
Exper­ten­tum – dort gläu­bi­ge Gefolg­schaft“
einfach kopiert und mit ande­ren,
schein­bar besse­ren oder rich­ti­ge­ren
Inhal­ten verse­hen wird – und dann
versucht wird mit den großen Syste­men
in Konkur­renz zu gehen (was in der Regel
in Einver­lei­bung oder Vernich­tung
der alter­na­ti­ven Heraus­for­de­rung endet),
anstatt diese Dyna­mik grund­sätz­lich
zu tran­szen­die­ren.
Dies nämlich erfor­dert einen Weg, den
ich „Demut der Halb­wahr­heit“ nennen
würde. Hier eben betre­ten wir den Bereich
dessen, was ich[1] als „inte­gra­le
Wahr­heits­fin­dung“ bezeich­nen möchte.
Denn hier wählen wir als Betei­lig­te
eine Grund­hal­tung, die besagt: Da ich
davon ausge­hen kann, dass ich allein
die komple­xe Wirk­lich­keit nicht über­bli­cke
(auch wenn es noch so sehr den
Anschein haben mag), da es aber für
eine gute Entschei­dung des Gemein­we­sens
wich­tig ist, dass wir der jeweils
zutref­fen­den Wahr­heit so nah wie möglich
kommen, bin ich als Teil dieses Gemein­we­sens
essen­zi­ell darauf ange­wie­sen,
dass auch alle ande­ren Betei­lig­ten
ihre Teil­wahr­heit, ihren Zugang zum
Ganzen, eben­falls in den „Pool“ hinein
geben. Das bedeu­tet prak­tisch: Wer
eine profi­lier­te Posi­ti­on bezieht, die mir
befremd­lich erscheint, löst nicht mehr
– wie bisher üblich – den Reflex aus,
ihn in die rich­ti­ge Schub­la­de einzu­ord­nen
und mir damit gege­be­nen­falls vom
Leib zu halten, sondern wird inner­lich
1 in Anleh­nung an die inte­gra­le Philo­so­phie nach Jean
Gebser, Ken Wilber und ande­ren
will­kom­men gehei­ßen als eine Person,
die – über die Stimme ihres Gewis­sens,
welche jede(n) Einzelne(n) an das univer­sel­le
Bewusst­sein zurück bindet
– die Wahr­heits­fin­dung der Gemein­schaft
vervoll­stän­digt.

Unvergängliche Spuren am Strand des Lebens – Die Redaktion 0

Unvergängliche Spuren am Strand des Lebens – Die Redaktion

In memo­ri­am Margrit Kenne­dy.

Am 28. Dezem­ber 2013 verstarb
Margrit Kenne­dy in ihrem Zuhau­se
in Stey­er­berg an Krebs.
Bereits Ende der 70er Jahre begann
sie, inner­halb der beruf­li­chen Tätig­keit
als Archi­tek­tin und Stadt­pla­ne­rin
die ökolo­gi­schen Fragen in
den Mittel­punkt ihres Wirkens zu stel­len.
Ihr Leben bekam jedoch ab 1982
eine unvor­her­seh­ba­re Wendung. Sie
entdeck­te die Ursa­chen für jene Auswir­kun­gen,
die ihre Arbeit als umwelt­be­wusst
denken­de Wissen­schaft­le­rin
und Plane­rin stets maßgeb­lich und vor
allen Dingen nega­tiv beein­träch­tig­ten
im herr­schen­den Geld­sys­tem. Sie war
über­zeugt, dass die Mecha­nis­men einer
auf unend­li­ches Wachs­tum ausge­rich­te­ten
Wirt­schaft niemals mit den
Erfor­der­nis­sen eines respekt­vol­len
und wert­schät­zen­den Umgangs mit
der Natur verein­bar sind. Auch erkann­te
sie, wie die zuneh­men­den sozia­len
Verwer­fun­gen eng mit dem Geld­sys­tem
zusam­men hingen, das vor allen
Dingen zu einem präde­sti­niert war:
Immense Geld­ver­mö­gen bei einer verschwin­dend
gerin­gen Zahl von Menschen
zu kumu­lie­ren. Und das auf Kosten
und zu Lasten der Gesamt­heit. Die
beruf­li­che und gesell­schaft­li­che Stel­lung
erlaub­te es ihr, sich auf wirkungs­vol­le
Weise für Verän­de­run­gen stark­zu­ma­chen.
Doch Margrit Kenne­dy beließ
es nicht bei theo­re­ti­schen Forde­run­gen
an abstrak­te Adres­sa­ten.
Sie ergriff Initia­ti­ve und nutzte inter­na­tio­na­le
Erfah­rung und den Fundus an
Kontak­ten, um konkre­te Projek­te in die
Tat umzu­set­zen.
Sowohl im deutsch­spra­chi­gen Raum
als auch welt­weit wäre die Entwick­lung
komple­men­tä­rer Währun­gen heute
nicht auf dem Stand, auf dem sie
sich befin­det.
Mit Margrit Kenne­dy verliert diese Bewe­gung
zwar eine der heraus­ra­gen­den
Kräfte, aber Impul­se sind längst
in wegwei­sen­den Projek­ten verwirk­licht,
sodass der Geist ihrer Arbeit unver­wüst­li­che
Früch­te trägt. Mit „Geld
ohne Zinsen und Infla­ti­on“ legte sie
bereits 1991 ein leicht verständ­li­ches
Buch vor. Unzäh­li­gen Menschen
wurde damit der Blick in die Welt der
schein­bar undurch­sich­ti­gen Zusam­men­hän­ge
des Geldes geschärft. „Occupy
Money«, ihre letzte Buch­ver­öf­fent­li­chung,
hat die sich welt­weit
formie­ren­de Bewe­gung von Protest­grup­pen
mit grund­le­gen­dem Wissen
inspi­riert. Wissen, das Instru­men­te an
die Hand gibt, mit denen aus Protes­ten
gegen vermeint­lich frag­wür­di­ge
Mächte, eindeu­ti­ge Forde­run­gen für
Zukunfts­lö­sun­gen hervor­ge­hen können.
Natür­lich bemerk­te Margrit Kenne­dy
zeit­le­bens, wie dick die Bret­ter
sind, die man bohren muss, um ein
derart funda­men­ta­les Umden­ken vor
allem auf höchs­ter poli­ti­scher Ebene
zu erwir­ken. Ehrgei­zi­ge Ziele, dessen
war sie sich bewusst, erreicht man nur
durch viel­schich­ti­ge Arbeit, maßgeb­lich
solche, die „von unten“ initi­iert
wird. „Viel­falt“ war ohne­hin ein Stich­wort,
das sie stets beweg­te. „Wir haben
bezüg­lich Klei­dung, Autos und unend­lich
vielen Dingen des Lebens eine
große Viel­falt an Ange­bo­ten. Zu nahezu
jeder einzel­nen Vorlie­be der Menschen
gibt es eine passen­de Auswahl.
Ande­rer­seits schei­nen wir zu glau­ben,
dass eine einzi­ge Geld­form ausreicht,
all die Funk­tio­nen zu erfül­len,
die das Leben mit sich bringt!“ „Warum
lassen wir den Gedan­ken nicht zu,
dass es sinn­voll ist, ein uner­schöpf­li­ches
Reser­voir an Zahlungs­mit­teln zu
gestal­ten, um die unter­schied­li­chen
Aufga­ben zu meis­tern? Warum sollte
es nicht eigens eine Währung für Bildungs­auf­ga­ben
geben? Eine für die Alters­vor­sor­ge?
Oder eine, welche den
Erfor­der­nis­sen der Nutzung unse­rer
Umwelt entspricht?“
In diesem Sinne argu­men­tier­te Margrit
Kenne­dy auf unzäh­li­gen Veran­stal­tun­gen,
auf denen sie als Refe­ren­tin
oder Disku­tan­tin einge­la­den war. Sie
weiger­te sich zu akzep­tie­ren, dass es
„eine Wahr­heit“ für alle Fragen gibt.
Immer war sie von der Tota­li­tät des
Seins über­zeugt. Nichts, was wir tun,
aber auch nichts, was wir nicht tun,
bleibt ohne Folgen für das Ganze.
Sie konnte und wollte nicht verste­hen,
warum die Logik eines Geld­sys­tems,
das alles zu zerstö­ren droht, was den
Menschen lieb und wert­voll ist, von einer
Mehr­heit klag­los hinge­nom­men zu
werden scheint.

Erinnerungen an Margrit Kennedy – Helmut Creutz 0

Erinnerungen an Margrit Kennedy – Helmut Creutz

Erin­ne­run­gen
an meine ersten
Kontak­te mit
den mone­tä­ren
Reali­tä­ten –
und der Rolle
Margrit Kenne­dys
in diesem
Lebens­ab­schnitt.
Der viel zu frühe Tod von Margrit Kenne­dy
hat bei mir viele Erin­ne­run­gen
wach­ge­ru­fen. Vor allem bezo­gen auf
meine ersten Schrit­te in Sachen Zins
und Frei­wirt­schaft und damit jenem
völlig unge­plan­ten Lebens­ab­schnitt,
der für mich, Ende der 1970er Jahre,
durch einen Zufall begann und wenige
Jahre später, durch die Begeg­nung
mit Margrit, äußerst wich­ti­ge Mut machen­de
Impul­se erhal­ten hat.
Wie schon häufi­ger berich­tet,
wurde ich Ende 1977, durch
die Zuschrift eines Lesers meines
Schul­ta­ge­buchs „Haken krümmt
man beizei­ten“, mit diesen geld­be­zo­ge­nen
Begrif­fen und Themen bekannt.
Jenes Buches, das vor allem durch die
Fern­seh-Vorstel­lung in „Titel, Thesen,
Tempe­ra­men­te“ als Buch des Monats
viele Reak­tio­nen in der Öffent­lich­keit
auslös­te, darun­ter auch diese Zuschrift
von Walter Michel aus Berlin, die mein
Leben verän­dern sollte.
Wie sich später heraus­stell­te, handel­te
es sich um einen selbst­stän­di­gen Hand­werks­meis­ter,
der nach dem Krieg in der
DDR annahm, für das Thema Frei­wirt­schaft
und Gesell wieder öffent­lich eintre­ten
zu können. Er hatte sich jedoch
geirrt und wurde wegen seiner Veröf­fent­li­chun­gen
von der damals noch vorherr­schen­den
sowje­ti­schen Besat­zungs­macht
verhaf­tet, erst zum Tode verur­teilt
und dann zu lebens­läng­li­cher Haft in der
berüch­tig­ten Festung Baut­zen „begna­digt“,
einer Strafe, von der er mehr als
zehn Jahre absit­zen musste.
Was Walter Michel mir schrieb, war für
mich anfangs völlig unver­ständ­lich. Weder
den Namen Silvio Gesell noch den
Begriff „Frei­wirt­schaft“ (der mich immer
an eine sommer­li­che Garten­wirt­schaft
erin­ner­te!) hatte ich je gehört. Und das
Glei­che galt auch für das beigeleg­te
kleine Buch eines Hans Kühn, „5000
Jahre Kapi­ta­lis­mus“, dem dann jedoch –
wenn auch stilis­tisch etwas aufge­motzt
– einige konkre­te­re Anga­ben und Zahlen
zu entneh­men waren die mich neugie­rig
mach­ten. Das beson­ders im Hinblick
auf die Auswir­kun­gen expo­nen­ti­ell
wirken­der Abläu­fe, mit denen er den
Zinses­zins-Effekt beschrieb – einer Proble­ma­tik,
die mir dadurch zum ersten
Mal deut­lich wurde und für die ich viel­leicht
auch nur deshalb offen war, weil
sich mir damals, Ende der 1970er Jahre
und ange­sichts der allge­mei­nen Wachs­tums­eu­pho­rie,
schon die Frage aufge­drängt
hatte, wie lange das eigent­lich
noch weiter gehen sollte. Doch diese
von Hans Kühn gemach­ten Ausfüh­run­gen
musste ich jedoch vor einer Antwort
an Walter Michel unbe­dingt über­prü­fen.
Das betraf vor allem die Gegen­sätz­lich­kei­ten
von linea­rem und expo­nen­ti­el­lem
Wachs­tum und deren Verglei­che
mit den natür­li­chen Wachs­tums­ab­läu­fen.
Bei denen die zeit­li­chen Abstän­de
zwischen den Verdopp­lun­gen bekannt­lich
immer größer und schließ­lich „unend­lich“
werden, wie wir aus unse­rer
eige­nen Entwick­lung ab 18-
20 Jahren
wissen. Im Gegen­satz dazu, nahm ein
expo­nen­ti­el­les Wachs­tum, mit gleich
blei­bend langen Verdopp­lungs-Schrit­ten,
stän­dig schnel­ler zu – wie bei den
Geld­an­la­gen durch Zins und Zinses­zins
der Fall. Eine Entwick­lung, die –
das hatte ich nach der Schrift von Hans
Kühn verin­ner­licht – förm­lich zu Explo­sio­nen
führen musste!
Erfah­run­gen zu den Zins­aus­wir­kun­gen
in der Praxis
Zinsen waren mir – damals bereits 55
Jahre alt – bis dahin immer nur als eine
schöne Ange­le­gen­heit bekannt, über
deren Gutschrift auf dem Spar­buch
man sich am Jahres­an­fang immer freute.
Und bezo­gen auf die Hypo­the­ken,
die ich für Bauwer­ke laufend aufneh­men
musste, blieb der Mix von Zinsen
und Tilgung in der Miete als Summe
häufig gleich. „Bewei­se“ für die zins­be­ding­ten
Wachs­tums-Wirkun­gen in unse­rem
norma­len Leben und vor allem
deren Brisanz, entdeck­te ich dann erst
im Zusam­men­hang mit grafi­schen Aufzeich­nun­gen
von Miet­be­rech­nun­gen
und deren Bestand­teil-Verschie­bun­gen
im Laufe der Jahre und Jahr­zehn­te.
Obwohl diese Berech­nun­gen bei den
Wohnungs­bau­fi­nan­zie­run­gen eine
der Voraus­set­zun­gen für die staat­li­chen
zins­güns­ti­gen Zuschüs­se waren
und man sie im Vorhin­ein nach­wei­sen
musste, waren mir diese Wech­sel­wir­kun­gen
nie aufge­fal­len. Und wirk­lich
über­zeu­gend wurden sie für mich erst
dann, als ich sie beispiel­haft neben­ein­an­der
in Grafi­ken umsetz­te. Das
vor allem bezo­gen auf jene Vorgän­ge
im Geld- und Kredit­be­reich, die mir
bislang als problem­los erschie­nen waren:
Wenn man zu viel Geld in der Tasche
hatte und vorerst nicht brauch­te,
zahlte man es eben bei den Banken
ein, die es dann zwischen­zeit­lich weiter
verlie­hen. Und dass man dafür einen
– meist nur rela­tiv gerin­gen – Zins
erhielt, war eine kleine Beloh­nung für
diese Erspar­nis­bil­dung, die dann der
Kredit­neh­mer seiner­seits jeweils an
die Bank zu zahlen hatte.

Auf Raiffeisens Spuren – Bericht von Pat Christ 0

Auf Raiffeisens Spuren – Bericht von Pat Christ

Im deutsch­spra­chi­gen Raum grün­den sich immer mehr Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten

Ob Post­dienst, Dorf­la­den, Arzt­pra­xen,
Kinder­be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen oder
Busver­bin­dun­gen – in länd­li­chen Räumen
dünnt die Infra­struk­tur zum Teil
drama­tisch aus. Hier­auf reagie­ren Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten.
Sie setzen sich
für demenz­kran­ke Menschen ein oder
zielen, in Form von Senio­ren­ge­nos­sen­schaf­ten,
auf ein koope­ra­ti­ves Altern
ab. Der Genos­sen­schafts­ge­dan­ke
wächst stetig. So wurden in den vergan­ge­nen
acht Jahren in Deutsch­land rund
1.300 Genos­sen­schaf­ten gegrün­det.
Eine Sozi­al­ge­nos­sen­schaft ist eine
Versi­che­rung auf Gegen­sei­tig­keit:
Man gibt und hilft sich soli­da­risch.
Dahin­ter steckt die bereits
von Fried­rich Wilhelm Raiff­ei­sen forcier­te
Idee, dass alle gemein­sam viel
mehr auf die Beine zu stel­len vermö­gen
als ein Mensch allei­ne. Das gilt laut
Heike Walk vom Zentrum Tech­nik und
Gesell­schaft (ZTG) der TU Berlin auch
für ein so aktu­el­les Thema wie „Klima­wan­del“.
Als kollek­ti­ve Zusam­men­schlüs­se
haben Genos­sen­schaf­ten
den Analy­sen der Geschäfts­füh­re­rin
des ZTG-Insti­tuts für Protest- und Bewe­gungs­for­schung
zufol­ge viel­fäl­ti­ge
Hand­lungs­mög­lich­kei­ten, um den Klima­schutz
in Städ­ten voran­zu­trei­ben.
Viele Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten treten
als klas­si­sche Non-Profit-Orga­ni­sa­tio­nen
auf. Hier schlie­ßen sich Menschen
auf der Basis von Selbst­hil­fe oder ehren­amt­li­chen
Enga­ge­ment koope­ra­tiv
zu zusam­men. Dane­ben exis­tie­ren aber
auch Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten, die zu
bezah­len­de Leis­tun­gen erbrin­gen, die
zwar gesell­schaft­lich notwen­dig und
zentral für eine nach­hal­ti­ge Entwick­lung
sind, vom Markt aber nicht mehr
zur Verfü­gung gestellt werden.
Von pallia­ti­ver Hilfe
bis zur Nahraum­ver­sor­gung
Die Hand­lungs­fel­der von Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten
fächern sich demnach
stark auf. Allein im Gesund­heits- und
Pfle­ge­sek­tor exis­tiert heute eine breite
Ange­bots­pa­let­te, die vom Pallia­tiv­be­reich
über das Senio­ren­woh­nen bis
hin zu Kran­ken­haus­netz­wer­ken reicht.
Selbst der Bereit­schafts­dienst von
Ärzten kann sozi­al­ge­nos­sen­schaft­lich
orga­ni­siert werden. Viele Genos­sen­schaf­ten
enga­gie­ren sich vor dem
Hinter­grund des demo­gra­phi­schen
Wandels auch dafür, die sozia­le Infra­struk­tur
vor Ort zu erhal­ten oder sie neu
zu schaf­fen. Dies betrifft die Kinder­be­treu­ung
und die Jugend­hil­fe ebenso wie
die Themen „Alters­ge­rech­tes Wohnen“
und „Nahraum­ver­sor­gung“.
Um die psycho­so­zia­le Gesund­heit von
Kindern und Jugend­li­chen kümmert
sich im italie­ni­schen Bruneck seit vielen
Jahren die Sozi­al­ge­nos­sen­schaft
EOS. Bereits 1995 eröff­ne­te die Orga­ni­sa­ti­on
eine sozi­al­päd­ago­gi­sche WG
für psych­ia­trisch auffäl­li­ge Jugend­li­che.
Vier Jahre später star­te­te sie in Bruneck
ein Projekt für ein Beglei­te­tes Wohnen
von Heran­wach­sen­den mit seeli­schen
Proble­men. Ein zwei­tes Projekt dieser
Art wurde 2001 in Bozen eröff­net. 2005
star­te­te die von der Genos­sen­schaft orga­ni­sier­te
Ambu­lan­te sozi­al­päd­ago­gi­sche
Fami­li­en­ar­beit im Puster­tal. Von
Jahr zu Jahr wuchs die Mitar­bei­ter­zahl.
Heute liegt sie bei um die 80.

Auf, auf zum ersten Gefecht – Kommentar von Wilhelm Schmülling 0

Auf, auf zum ersten Gefecht – Kommentar von Wilhelm Schmülling

Wer den Frie­den will, darf nicht rüsten,
denn der Rüstung folgt der Krieg. Da
Deutsch­land keine Feinde hat, bräuch­te
es auch keine Rüstung.
Wenn nur nicht die Rüstungs­lob­by
mit dem Argu­ment „Arbeits­plät­ze“
hausie­ren ginge,
natür­lich nicht bei Ihnen, Sie wollen
sich doch keinen Panzer in den Vorgar­ten
stel­len, sondern bei denen,
die das Geld dafür haben: bei den Regie­ren­den.
Genau genom­men, haben
auch die Regie­run­gen dafür kein Geld,
das holen sie sich bei Ihnen. Nicht mit
einem bewaff­ne­ten Stoß­trupp, sondern
unbe­waff­net mit Wahl­un­ter­la­gen,
damit Sie ja die fried­lie­ben­den
Rüstungs­be­für­wor­ter wählen. Sehr
freund­lich reden sie über „Frie­dens­si­che­rung“,
leben wir doch in einem
demo­kra­ti­schen Land, das vertei­digt
werden müsse.
In Mali, Soma­lia oder Afgha­ni­stan und
vielen Ländern dieser Welt ist das anders.
Da herr­schen Dikta­tur und Not.
Die Terro­ris­ten nützen das scham­los
aus, holen die jungen Männern aus
den Hütten, verspre­chen ihnen Brot
und Spiele, grei­fen erst ihre Lands­leu­te,
dann auch uns an. Also müssen
wir uns bewaff­net vertei­di­gen,
auch am Hindu­kusch. So hieß doch
der Schlacht­ruf zum ersten Gefecht in
Afgha­ni­stan. Jetzt schließt Ursula von
der Leyen Kampf­ein­sät­ze in Mali nicht
mehr aus.
Vertei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ursula von
der Leyen plädier­te für ein stär­ke­res,
inter­na­tio­na­les Enga­ge­ment in Afrika.
Die Trup­pen­stär­ke in Mali soll von
180 auf 250 Solda­ten erhöht werden.
Dort leben 15 Millio­nen Menschen, die
Hälfte davon – so Frau von der Leyen
– sind unter 15 Jahre alt. Können wir
sie bis zum Erwach­se­nen­al­ter mit verstärk­ter
Entwick­lungs­hil­fe versor­gen?
Wohl kaum. Also wird Deutsch­land
zunächst auch Waffen liefern. Da aber
Malis und andere
Afri­ka­ner damit
nicht umge­hen
können, müssen
deut­sche Solda­ten
vor Ort sein,
um den Umgang
mit der Waffe zu
lehren, auch um
zu töten. Wenn
Terro­ris­ten dabei
stören, wird
zurück­ge­schos­sen.
Einige Gutmen­schen
schla­gen doch tatsäch­lich
vor, wir soll­ten nur Brun­nen bauen und
Acker­bau betrei­ben. Was für Narren!
Frie­dens­ver­tei­di­gung ohne Waffen? Ja,
das muss möglich sein, denn wie weit
haben uns bewaff­ne­te „Landes­ver­tei­di­gun­gen“
gebracht? Kürz­lich plaka­tier­te
MISEREOR „Mut ist, Waffen mit
Worten zu bekämp­fen.“ Sich darauf beschrän­ken
bedeu­tet aller­dings, den Zustand
des Elends zu festi­gen. Und hier
muss ange­setzt werden: Gerech­tig­keit
zur Grund­la­ge der Poli­tik machen!
Trach­ten wir zuerst nach der Gerech­tig­keit
und alles andere wird uns zufal­len.
Statt mili­tä­ri­scher Vertei­di­gung unhalt­ba­rer
Zustän­de in der Welt – auch
bei uns – muss die sozia­le Frage gelöst
werden. Ihre Ursa­che muss erkannt
und besei­tigt werden. In einer auf Profit
ausge­rich­te­ten Wirt­schafts­ord­nung
ist das unmög­lich. Eine auf Arbeits­er­trag
fixier­te Wirt­schafts­ord­nung muss
einge­rich­tet werden.
Es gibt Hoff­nung. Wir sind dabei, unsere
Einheit mit all unse­ren Mitmen­schen
zu erken­nen, so dass es bald
unmög­lich sein wird, einan­der auszu­beu­ten,
zu berau­ben oder gar zu
töten. Solan­ge uns das nicht gelingt,
können wir nicht behaup­ten, in einer
zivi­li­sier­ten Welt zu leben.

Auf, auf zum letz­ten Gefecht zur
Besei­ti­gung system­be­ding­ter
Unge­rech­tig­kei­ten –
ohne Waffen!

Arbeit zwischen Verherrlichung und Entwertung – Günther Moewes 0

Arbeit zwischen Verherrlichung und Entwertung – Günther Moewes

„In Deutsch­land waren noch nie so viele Menschen in Arbeit wie 2013“ tönt es aus den Medien. Und seit 1960 regel­mä­ßig von allen Kanz­lern: „Die Wende auf dem Arbeits­markt steht unmit­tel­bar bevor.“ Es wird der Eindruck erweckt, die Arbeit nähme wieder zu. Die Reali­tät sieht anders aus. Tatsäch­lich hat die Zahl der durch­schnitt­lich geleis­te­ten Jahres­ar­beits­stun­den in Deutsch­land von 1960 bis 2012 um 35,4 auf 64,6 % abge­nom­men, d.h. um mehr als ein Drit­tel. Wenn sich die Zahl der Beschäf­tig­ten trotz­dem erhöht hat, dann nur, weil diese Verrin­ge­rung des tatsäch­lich erbrach­ten Arbeits­vo­lu­mens in Form von unbe­zahl­ter Arbeits­zeit­ver­kür­zung auf drei Millio­nen Teil­zeit­be­schäf­tig­te abge­la­den wurde. Deren Zahl ist inzwi­schen höher als die der 2,95 Mio. Arbeits­lo­sen. Diese 64,6 % der 1960 erbrach­ten Arbeits­stun­den geben jedoch noch nicht den tatsäch­li­chen Rück­gang des Arbeits­vo­lu­mens wieder. Denn in ihr ist ja noch nicht die enorm gestie­ge­ne Arbeits­lo­sig­keit enthal­ten. 2012 betrug die Arbeits­lo­sig­keit in Deutsch­land 6,8 % (= 2,95 Mio.), 1960 ganze 1,3 % (0,27 Mio.). Würde man die 2012 insge­samt tatsäch­lich geleis­te­ten Jahres­ar­beits­stun­den mit auf die Arbeits­lo­sen vertei­len,
hätte jeder Erwerbs­fä­hi­ge pro Jahr 142 Std. weni­ger arbei­ten müssen. Das so ermit­tel­te heute erbrach­te Arbeits­vo­lu­men pro Erwerbs­fä­hi­gen beträgt dann nur noch 59 % dessen von 1960, also über 40% weni­ger.

Steuerhinterziehung – Volkssport in unterschiedlichen Spielklassen – Dirk Löhr 0

Steuerhinterziehung – Volkssport in unterschiedlichen Spielklassen – Dirk Löhr

Plädoy­er für eine Staats­fi­nan­zie­rung aus ökono­mi­schen Renten

Alle tun es. Die Ikone Ulrich Hoeneß.
Der hono­ri­ge CDU-Schatz­meis­ter Helmut
Lins­sen. Die „mora­li­sche Instanz“
Alice Schwar­zer. Der fein­sin­ni­ge Kultur-
Staats­se­kre­tär André Schmitz aus
Berlin. Beson­ders pikant: Letz­te­rer ist
Mitglied derje­ni­gen Partei, die sich
als Vorrei­ter gegen krimi­nel­le Steu­er­hin­ter­zie­her
sieht. Sein Partei­freund
Peer Stein­brück drohte seiner­zeit damit,
die Kaval­le­rie gegen die kleine
Schweiz ausrü­cken zu lassen.
Dabei nimmt sich jeder das, was
er kann. Steu­er­hin­ter­zie­hung ist
ein Volks­sport. Aller­dings gibt es
verschie­de­ne Ligen. Der eine trägt eben
inter­na­tio­na­le Spiele auf den Baha­mas
aus, der andere bleibt in seinem Dorf
stecken – Kreis­klas­se, mit nicht ausge­stell­ten
Hand­wer­ker­rech­nun­gen.
Um das deut­sche Steu­er­sys­tem ranken
sich viele Mythen. 70–80 % der
welt­wei­ten Steu­er­li­te­ra­tur sollen sich
angeb­lich des Problem­fal­les Deutsch­land
anneh­men. Das ist sicher­lich maßlos
über­trie­ben. Doch selbst, wenn es
nur 15 % sind (Späth, o. J.) , ist dies
ange­sichts eines Anteils von 1,2 % an
der Welt­be­völ­ke­rung doch schon eine
recht stolze Zahl. Für den „Vater Staat“
ist es dabei häufig das Klein­vieh, das
Mist macht. Konse­quenz: Gerade Massen­fäl­le
wie Dienst­wa­gen, geld­wer­te
Vortei­le, Dienst­rei­sen etc. werden
so kompli­ziert und klein­lich gere­gelt,
dass kaum jemand mehr durch­blickt.
Hinzu kommt ein Gerech­tig­keits­fim­mel
der deut­schen Gerich­te (der sich
dann irgend­wann auch in den Verwal­tungs­an­wei­sun­gen
nieder­schlägt).
Die Kosten des ganzen Thea­ters werden
zu einem großen Teil auf die Steu­er­pflich­ti­gen
verla­gert (auch in Gestalt
von Rechts­un­si­cher­hei­ten).
Der erwähn­te Gerech­tig­keits­fim­mel
der Gerich­te tobt sich leider an der
voll­kom­men falschen Stelle aus. Das
zentra­le Problem der Renten­öko­no­mie
wird nämlich nicht ange­gan­gen. Am
besten erschließt sich dieses über das
sog. „Henry George-Theo­rem“ („Golden
Rule of Local Public Finan­ce“), das
u.a. vom Nobel­preis­trä­ger und frühe­ren
Welt­bank-Chef­öko­no­men Joseph
Stiglitz forma­li­siert wurde.
Das Henry George-Theo­rem (s. Abb.)
kann von links nach rechts und umge­kehrt
inter­pre­tiert werden: Die öffent­li­chen
Güter (Infra­struk­tur, Sicher­heit,
Bildung, Gesund­heits­ein­rich­tun­gen)
können unter bestimm­ten Bedin­gun­gen
voll­stän­dig aus den Boden­ren­ten
finan­ziert werden, wobei „Boden“ in
einem sehr weiten Sinne verstan­den
wird (als alles, was der Mensch nicht
geschaf­fen hat, und sogar – wie bei
geis­ti­gen Eigen­tums­rech­ten – noch
darüber hinaus). Also: Man bräuch­te
gar keine Steu­ern, wenn man den
Staat aus den ökono­mi­schen Renten
finan­zie­ren würde.

Kapitalismus ohne Rücksicht auf Verluste – Friedrich Müller-Reißmann 0

Kapitalismus ohne Rücksicht auf Verluste – Friedrich Müller-Reißmann

Kapi­ta­lis­mus ist die reale Perver­si­on der idea­len Markt­wirt­schaft Die Markt­wirt­schaft ist ein Wirt­schafts­sys­tem, das die (mate­ri­el­len) Bedürf­nis­se aller Menschen auf effi­zi­en­te,
nach­hal­ti­ge Weise erfüllt und leis­tungs­lo­se Einkom­men tenden­zi­ell unter­bin­det. Kapi­ta­lis­mus bewirkt syste­ma­tisch das Gegen­teil: Verschwen­dung begrenz­ter Ressour­cen und Erzeu­gung
riesi­ger leis­tungs­lo­ser Einkom­men zulas­ten
der arbei­ten­den Menschen. Kapi­ta­lis­mus
ist die große wirkungs­vol­le
Metho­de der Privi­le­gier­ten, den Angriff
der Markt­wirt­schaft auf ihre Privi­le­gi­en
ins Leere laufen zu lassen.
Hoch­glanz­sys­tem
Kapi­ta­lis­mus
Die Rekla­me liefert tagtäg­lich den Beweis
für das Versa­gen des gegen­wär­ti­gen
Systems. Sie ist das allge­gen­wär­ti­ge
Armuts­zeug­nis des Kapi­ta­lis­mus, gewis­ser­ma­ßen
ein Armuts­zeug­nis auf Hoch­glanz­pa­pier.
Ihre Botschaft zwischen
den Zeilen lautet: „Ein mündi­ger Verbrau­cher
wäre eine Kata­stro­phe. Lasst euch mani­pu­lie­ren
und kauft, was ihr eigent­lich nicht
braucht, und vor allem stän­dig mehr – sonst
funk­tio­niert unsere Wirt­schaft nicht!“. Kann
aber ein System auf die Dauer funk­tio­nie­ren,
das einen beispiel­lo­sen Wett­be­werb
um die Gunst der Dumm­heit (Eitel­keit,
Verschwen­dungs­sucht, Ange­be­rei
usw.) entfa­chen und stän­dig schü­ren
muss, um zu funk­tio­nie­ren?
Der Wett­lauf der Titanic’s
Jeder ist verzwei­felt bemüht, an der Spitze
mitzu­hal­ten. Wer nicht ande­ren voraus
ist, hat schon verlo­ren. Ein Wett­lauf,
ohne das Ziel zu kennen. Niemand fragt
nach der Rich­tung, niemand stellt sich
die Frage, ob am Ende ein Ziel winkt, für
das sich die ganze Anstren­gung lohnt.
Noch schlim­mer: ein Ende dieses gigan­ti­schen
Wett­laufs ist gar nicht vorstell­bar.
Der Kapi­tän und die Offi­zie­re feuern
die Mann­schaft an, das Letzte zu geben.
Auch die Passa­gie­re, vor allem die weni­ger
privi­le­gier­ten unter ihnen, werden
aufge­ru­fen, „umzu­den­ken“, Abstri­che
an ihren gewohn­ten Rech­ten hinzu­neh­men
und alles in den Dienst des Wett­laufs
zu stel­len…
„Und glaubt ja nicht, denen auf den ande­ren
Schif­fen ginge es besser. Auch die
brin­gen schmerz­haf­te Opfer, um nicht
abge­hängt zu werden“. Warum dieser
Wahn­sinn? Eine mögli­che Antwort: Niemand
weiß, wie man sich von diesem
Wett­lauf abkop­pelt, ohne dass man
dann auf einer lang­sam verrot­ten­den Tita­nic
einsam durch den Ozean dümpelt.
Also schlicht und einfach Mangel an
mach­ba­ren und attrak­ti­ven Alter­na­ti­ven
zum bedin­gungs­lo­sen Wett­lauf?
Doch das kann nicht die ganze Antwort
sein. Denn sie erklärt nicht, warum die
Suche nach Alter­na­ti­ven von den Kapi­tä­nen
und Offi­zie­ren immer so schnell
als Phan­tas­te­rei, Spin­ne­rei, Wunsch­den­ken
usw. abge­tan oder sogar als gefähr­li­che
System­ver­än­de­rung diffa­miert
wird. Nein, die Erklä­rung ist meines Erach­tens
darin zu suchen, dass in ihren
Köpfen eine ideo­lo­gi­sche Verklä­rung
des Wett­laufs als Garant gren­zen­lo­sen
Fort­schritts exis­tiert, wohl­ge­merkt,
genau dieses gigan­ti­schen Wett­laufs,
nicht des Wett­be­werbs als stimu­lie­ren­dem
Prin­zips der Evolu­ti­on, sonst könnte
man ja auch seine Kraft auf den Wett­be­werb
der Ideen konzen­trie­ren, wie
das Leben auf dem Schiff am schöns­ten
und gerech­tes­ten für alle Schiffs­be­woh­ner
zu gestal­ten ist. Doch man vertraut
lieber darauf, dass man sich diesen
schwie­ri­gen Fragen nach Lebens­qua­li­tät
und Gerech­tig­keit nicht stel­len muss,
wenn man nur im großen Wett­lauf die
ande­ren Schif­fe hinter sich lässt.
Ideo­lo­gi­sche Dogmen schwe­ben nicht
im reali­täts­lee­ren Raum. Im Grunde wissen
die Kapi­tä­ne, dass sie selbst nur
dann über­pro­por­tio­nal vom Wett­kampf
profi­tie­ren, wenn sie vorn liegen und
das heißt: Wer auf den hinte­ren Plät­zen
liegt, zahlt über­pro­por­tio­nal. Eigent­lich
wird das ziem­lich offen ausge­spro­chen.
„Wenn wir unse­ren Wohl­stand halten
wollen, müssen wir im inter­na­tio­na­len
Wett­be­werb die Nase vorn behal­ten.“
Man sagt zwar: Vom freien Welt­han­del
profi­tie­ren alle, aber man weiß: So gut
wie es uns geht, kann es uns nur gehen,
wenn es den ande­ren nicht so gut geht.
Das ist die Ideo­lo­gie hinter der Ideo­lo­gie
unse­res Wirt­schafts­sys­tem: Wir können
uns das Glück gar nicht mehr anders
vorstel­len als das Glück von Siegern.
Und Sieger siegen nun mal auf Kosten
der Verlie­rer.

Kapitalismus – Wort ohne Bedeutung? – Andreas Bangemann 0

Kapitalismus – Wort ohne Bedeutung? – Andreas Bangemann

Kapi­ta­lis­mus – Wort ohne Bedeu­tung?
Eine Spuren­su­che

Kapi­ta­lis­mus­kri­tik ist welt­weit an der
Tages­ord­nung. Alle schrei­ben darüber,
alle reden davon. Doch worüber eigent­lich?
Was ist Kapi­ta­lis­mus?
Auf der Entde­ckungs­rei­se gelangt man zu
einem leeren Gefäß, in das viele hinein­ru­fen.
Und die Töne der Rufen­den schal­len
zurück.
„Unprä­zi­ser Begriff für ein moder­nes
Wirt­schafts­sys­tem …“
So beginnt im „Brock­haus“ die Erklä­rung
unter dem Stich­wort „Kapi­ta­lis­mus“.
Es folgen zahl­rei­che Hinwei­se auf ökono­mi­sche
Denker, die mit ihrer Defi­ni­ti­on
versuch­ten, die Betrach­tungs­wei­se
zum Kapi­ta­lis­mus zu prägen.
Priva­tes Eigen­tum ist für viele eine
Grund­vor­aus­set­zung des Kapi­ta­lis­mus.
Darauf baute Karl Marx seine
Kritik auf und prägte maßgeb­lich die
Diskus­si­on. In den seit Ausbruch der
Wirt­schafts- und Finanz­kri­se sich formie­ren­den,
kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen
Grup­pen und Orga­ni­sa­tio­nen finden
sich bis zum heuti­gen Tage die Marx­schen
Darle­gun­gen wieder.
„Occupy“ – „deutsch: beset­zen, bean­spru­chen“
ist das bedeut­sams­te
– auch im nicht englisch­spra­chi­gen
Raum genutz­te – Wort für das Ziel der
Occupy-Bewe­gung. Das Gefühl der
Ohnmacht im Anblick der immensen
Kapi­tal­sum­men, die dazu zu ermäch­ti­gen
schei­nen, die gesam­te Mensch­heit
in den Abgrund zu stür­zen, beför­dert
den Wunsch nach einem Ende der bedroh­li­chen
Entwick­lung. Man wünscht
sich die Quelle des Irrsinns zu beset­zen.
Doch wo ist diese Quelle?
Folgt man der Spur des Geldes, dann
stößt man auf Perso­nen. Super­rei­che,
Banker und Finanz­ak­teu­re, die mit Milli­ar­den
jonglie­ren können und die offen­bar
die Augen vor den Folgen ihres Tuns
verschlie­ßen. Der Gedan­ke, die Profi­teu­re
des Systems der Macht zu berau­ben
und sie selbst zu bean­spru­chen,
liegt auf der Hand. Doch was wäre mit
einer solchen Aneig­nung erreicht?
Haben nicht ausge­rech­net die von Karl
Marx vorge­schla­ge­nen Lösun­gen einer
völli­gen Enteig­nung der Menschen zu
Guns­ten einer „Allge­mein­heit“ in der
Praxis hinläng­lich bewie­sen, dass trotz
alle­dem ein wesent­li­ches Element des
Wirt­schaf­tens immer weiter fröh­li­che
Urstän­de feiert?
Die Versu­chung ist groß: Soll ich den
unzäh­li­gen Defi­ni­tio­nen von Kapi­ta­lis­mus
noch eine hinzu­zu­fü­gen? Schließ­lich
habe ich – wie alle ande­ren – mir
auch eine eigene Vorstel­lung davon
heraus­ge­bil­det, was ich unter diesem
Begriff verste­he. Und da es ja nichts
„Präzi­ses“ und Allge­mein­gül­ti­ges gibt,
warum also nicht?
Außer Kopf­ni­cken von jenen, die meine
Auffas­sung teilen – und ihr sicher noch
einige Details hinzu­fü­gen würden – wäre
damit nicht viel gewon­nen. Ausnah­me:
die Defi­ni­ti­on schaff­te es zu allge­mei­ner
Aner­ken­nung und ihr würde im Brock­haus
„Präzi­si­on“ attes­tiert werden.
Das ist schon sehr unwahr­schein­lich.
Apro­pos Wahr­schein­lich­keit:
In den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten gibt
es keine Natur­ge­set­ze, wie in der Physik.
Spätes­tens seit der Globa­li­sie­rung
scheint niemand mehr in der Lage, abge­schlos­se­ne
Räume zu defi­nie­ren, inner­halb
welcher Wirt­schaf­ten nach klaren
Regeln mit vorher­seh­ba­ren Folgen
ablau­fen kann. Sobald wir Wirt­schaf­ten,
also mitein­an­der in Bezie­hung treten
zum Zwecke eines „Ener­gie­aus­tau­sches
«, gelan­gen wir in Sphä­ren, die
der Physi­ker im Mikrobe­reich längst
als allen eindeu­ti­gen Vorher­sa­gen entzo­gen
bezeich­nen und nur noch von
Wahr­schein­lich­keit spre­chen würde.
Eine Tatsa­che, die den sich immer auf
der Grund­la­ge voll­stän­di­ger Kausa­li­täts­for­de­run­gen
gewähn­ten Physi­kern
zu Beginn des vori­gen Jahr­hun­derts
fast den Verstand raubte.
Albert Einstein formu­lier­te es 1924
nach vielen Jahren des Erkennt­nis­wachs­tums,
beina­he verzwei­felt klin­gend,
so: „Der Gedan­ke, dass ein einem
Strahl ausge­setz­tes Elek­tron aus
freiem Entschluss den Augen­blick und
die Rich­tung wählt, in der es fort­sprin­gen
will, ist mir uner­träg­lich. Wenn
schon, dann möchte ich lieber Schus­ter
oder Ange­stell­ter einer Spiel­bank sein
als Physiker.“[1]
Es ist deshalb nach­voll­zieh­bar, dass
wir uns heute einer uner­schöpf­lich
schei­nen­den Zahl an Erklä­rungs­ver­su­chen
für die Vorgän­ge in der Wirt­schaft
und am Finanz­markt gegen­über­se­hen.
Die daran geknüpf­ten Erwar­tun­gen für
die weite­re Entwick­lung können nur mit
Hilfe des Zufalls eintref­fen. In Wahr­heit
fischen alle „Exper­ten“ im Trüben. Zuge­ben
würde das nur keiner.
Einen Unter­schied zwischen Physi­kern
und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lern gibt
es jedoch. In der Physik will man die beob­ach­te­ten
Erschei­nun­gen in der Natur
aufde­cken und ihre kausa­len Zusam­men­hän­ge
ergrün­den. Erst Beob­ach­ten,
dann Ergrün­den. Man kann sich des
1 Quelle: »Albert Einstein«, Hedwig und Max Born (1969),
S. 118. Brief von Einstein an Max Born, 29. April 1924)
Eindrucks nicht erweh­ren, dass das bei
den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten anders
läuft, um nicht zu sagen umge­kehrt.
Man verfügt über einen immer gülti­gen
Theo­rie-Werk­zeug­kas­ten und schaut in
der Reali­tät nach den Abläu­fen, die dazu
passen und sich damit formen lassen.
Die ande­ren blen­det man aus.
Die Neutra­li­tät des Geldes
Ein Beispiel: In der Ökono­mie wird
ausge­rech­net der essen­zi­ells­te Ener­gie­trä­ger
nicht in seinen Eigen­schaf­ten
und Wirkun­gen erforscht. In Zeiten
des Papier­gel­des und der Bits und
Bytes verzich­tet man, offen­bar wegen
der vermeint­li­chen Ener­gie­lo­sig­keit
des Trägers, dessen Rele­vanz hinsicht­lich
der ausge­lös­ten Prozes­se zu erfor­schen.
So wird bis heute in den Stan­dard­wer­ken
der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten die
„Neutra­li­tät des Geldes“ gelehrt. Zwar
ist die Rede von einem „Schlei­er“, den
das Geld über Trans­ak­tio­nen legt, man
misst ihm aber dennoch keine Bedeu­tung
in Bezug auf die realen Prozes­se
der Wirt­schaft bei.
Ob ein Physi­ker anstel­le eines Ökono­men
das jemals so sähe, ange­sichts
der Tatsa­che, dass es im Zusam­men­hang
mit Geld einen Selbst­ver­meh­rungs­pro­zess,
wie den des Zins- und
Zinses­zins­sys­tems gibt, darf stark bezwei­felt
werden.
Im Rahmen der Spei­che­rung von Geld
in unter­schied­li­che „Kapi­tal­for­men“
entsteht mehr Geld, was wieder­um zu
Auswir­kun­gen in der Wirt­schaft führt.
Zum Beispiel zu realem Wachs­tum, in
Form von mehr Autos, mehr Gebäu­den
und vieler­lei ande­ren mate­ri­el­len Dingen.
Versucht man die beharr­li­che Sicht­wei­se
der Neutra­li­tät des Geldes in der
Ökono­mie zu ergrün­den, kommt man
auf aller­lei – für die Betrof­fe­nen wenig
schmei­chel­haf­te – Erklä­rungs­ver­su­che,
die hinsicht­lich der Motive zwei­fel­los
speku­la­tiv sind.
Die Daseins­be­rech­ti­gung und Repu­ta­ti­on
dieses Wissens­zwei­ges hängt maßgeb­lich
davon ab, wie die postu­lier­ten
Erkennt­nis­se mit der von jeder­mann
beob­acht­ba­ren Reali­tät in Einklang stehen.
Da erscheint es ange­sichts der im
Vergleich zur Physik mangeln­den Wissen­schaft­lich­keit
nur plau­si­bel, dass
sich Beob­ach­tun­gen und Erkennt­nis­se
zu selbst­er­fül­len­den Prophe­zei­un­gen
ausprä­gen.
Solan­ge die maßgeb­li­chen Wirt­schafts­teil­neh­mer
ihr Verhal­ten, an die von feder­füh­ren­den
Stel­len vorge­ge­be­nen
Bedin­gun­gen anpas­sen, handeln auch
alle ande­ren danach. Die immer aufs
Neue entste­hen­den, „natür­lich unvor­her­seh­ba­ren
«, Neben­wir­kun­gen werden
auf Basis des glei­chen Denkens
sogleich in das bestehen­de Denk­mus­ter
inte­griert und sind infol­ge­des­sen
auch erklärt. So arbei­ten keine Wissen­schaft­ler.
So arbei­ten Schar­la­ta­ne.
Wozu führt das in der Reali­tät? Welche
Auswir­kun­gen hat eine solche Wissen­schaft
auf wirt­schaft­li­che Abläu­fe?
Zunächst einmal erzeugt und verfes­tigt
man damit Mythen.
• Zum Beispiel den Mythos von den
Flei­ßi­gen, die ausschließ­lich durch ihrer
Hände und ihres Geis­tes Arbeit zu
Reich­tum kamen.
• Reich wird man nur dank außer­or­dent­li­chem
Fleiß.
• Wer Arm ist, hat enor­men Nach­hol­be­darf
an Streb­sam­keit und dem Aneig­nen
von Fähig­kei­ten, welche die Gesell­schaft
– genau­er: die Wirt­schaft
– von einem erwar­tet.
• Reich sein ist ein Beweis für groß­ar­ti­ge
Leis­tungs­fä­hig­keit.
• Arm sein einer für einen Mangel an gesell­schaft­li­cher
Anpas­sungs­fä­hig­keit.
• Der „Vom-Teller­wä­scher-zum-Millio­när-
Mythos“ ist auch einer, der nur
aufrecht­zu­er­hal­ten ist, wenn dem
Geld Neutra­li­tät beigemes­sen wird.
Der Liste ließen sich unzäh­li­ge andere
Beispie­le hinzu­fü­gen. Doch, was hilft
uns das weiter, in einer Welt, in der diese
Mythen mehr Einfluss auf das tägli­che
Leben ausüben, als gutge­mein­te
„Gegen­ent­wür­fe“.

Der KannWas kann was! – Redaktion 0

Der KannWas kann was! – Redaktion

Das Kann­Was-Jubi­lä­um – 31. Mai bis 01. Juni 2014 in Kiel
10 Jahre Regio­nal­wäh­rung für Schles­wig-Holstein
Sieben enga­gier­te Menschen, die sich für ein gerech­tes Geld­sys­tem einset­zen, grün­de­ten 2004 auf Initia­ti­ve von Dr. Frank Schep­ke, den Verein
Regio­nal­geld Schles­wig-Holstein e. V. und began­nen das Regio­nal­geld Kann­Was heraus­zu­ge­ben. Anläss­lich des 10-jähri­gen Jubi­lä­ums hat der Verein
ein inter­es­san­tes und abwechs­lungs­rei­ches Tagungs­pro­gramm erar­bei­tet und namhaf­te Refe­ren­ten für diese Veran­stal­tung gewin­nen können.
Die Refe­ren­ten:
Prof. Dr. Wolf­gang Berger, Karls­ru­he. Leiter der Busi­ness Reframing GmbH,Institut für Orga­ni­sa­ti­on und Manage­ment, mit dem
er „Flow“ in Unter­neh­men veran­kert. „Wer etwas verän­dern will, hat alle gegen sich, die sich in den alten Zustän­den bequem
einge­rich­tet haben.“
Dr. Elisa­beth Meyer-Rensch­hau­sen, Berlin, ist frei­schaf­fen­de Autorin und Privat­do­zen­tin am Insti­tut für Sozio­lo­gie der Freien
Univer­si­tät Berlin.
Dr. Regula Müller, Kiel, gibt Gebrauchs­an­wei­sung zur Herstel­lung von Terra preta heraus und infor­miert über Grund­prin­zi­pi­en
einer ökolo­gi­schen Kreis­lauf­wirt­schaft.
Andre­as Bange­mann, Wupper­tal, ist verant­wort­li­cher Redak­teur der Zeit­schrift „HUMANE WIRTSCHAFT“.
Matthi­as Stühr­woldt, Stolpe, ist Bauer und Schrift­stel­ler zugleich.
Jona­than Ries, Wupper­tal, ist gelern­ter Sport­wis­sen­schaft­ler mit dem Schwer­punkt Bewe­gungs­thea­ter.
Bern­hard Scha­ef­fer, Berlin, Physi­ker, der sich mit der Entwick­lung von Misch­dampf-Kraft­wer­ken beschäf­tigt.
Prof. Dr. Wolf­gang Deppert, Hamburg, pensio­nier­ter Profes­sor für Philo­so­phie und promo­vier­ter Physi­ker. Grün­dungs­rek­tor des
Sokra­tes-Univer­si­täts­ver­eins e. V.
Volker Viehoff, Jürgen Ceynowa und Bernd Petrosch­ka, Lübeck, Sie sind bei uns mit „Rhythm & Lyrics“.
Dr. Frank Schep­ke, Löptin, Bio-Bauer im Unru­he­stand, Begrün­der des Regio­nal­gel­des Kann­Was für Schles­wig-Holstein.
Seit 2004 im Vorstand des Vereins Regio­nal­geld Schles­wig-Holstein e.V.
Anmel­dung, Tickets und weite­re Infor­ma­tio­nen: http://www.kannwas.org

Alter Taler im neuen Gewand – Lukas Walter 0

Alter Taler im neuen Gewand – Lukas Walter

Der FREITALER aus Frei­burg im Breis­gau

Regio­nal­wäh­run­gen sind ein alter Hut,
könnte man meinen. Dass dem nicht
so ist, zeigen etablier­te Dauer­bren­ner,
aber auch Regio­gel­der, die sich
neu erfin­den. Die Gemein­schafts­wäh­rung
FREITALER exis­tiert seit 2008.
Damals orien­tier­ten sich die Macher,
wie viele aus der Szene, an den Lehren
von Silvio Gesell. So konnte sich
schnell ein klei­ner, aber enga­gier­ter
Freun­des­kreis bilden. Im Jahre 2012
wurde dann die Umstel­lung beschlos­sen.
Weg vom Regio­geld hin zur Spen­den­platt­form.
Als regio­na­les Zahlungs­mit­tel
und Spen­den­platt­form hat der
FREITALER nun etwa 130 Unter­neh­men
ange­schlos­sen. Diese
Entwick­lung, ein lang­sa­mes
aber steti­ges Wachs­tum, dauert
nach wie vor an.

Das Beson­de­re:
Keine Klebe­mar­ken
Eine tief grei­fen­de und bis heute disku­tier­te
Verän­de­rung, war die Abschaf­fung
des Umlauf­im­pul­ses in Form von Klebe­mar­ken.
Dieser Impuls, wie er bei vielen
Regio­gel­dern, wie beispiels­wei­se dem
„Chiem­gau­er“ verwen­det wird, kann
für einen schnel­le­ren Umlauf des Geldes
sorgen. Die „Umlauf­ge­bühr“ muss
durch den Kauf einer Klebe­mar­ke bezahlt
werden, die dann auf den Schein aufge­bracht
wird. Dadurch ist jeder ange­hal­ten
das Geld schnell weiter zu geben, um keine
Klebe­mar­ken kaufen zu müssen.
In Frei­burg brauch­te es oft viel Über­zeu­gungs­ar­beit
die Unter­neh­men und
Verbrau­cher fürs Kleben zu begeis­tern.
Dies und der erhöh­te Verwal­tungs­auf­wand
waren die Haupt­grün­de, es 2012 erst einmal ohne Umlauf­ge­bühr zu versu­chen.
Dafür trat die Projekt­för­de­rung
in den Vorder­grund.
Die Projekt­för­de­rung im Fokus
Wie bei vielen Regio­nal­wäh­run­gen werden
auch Spen­den für gemein­nüt­zi­ge
Verei­ne in der Region gene­riert.
Die Förde­rung fließt, sobald beim Eintausch
von Euro in FREITALER ein Projekt
ange­ge­ben wird. Mitt­ler­wei­le können
über 20 verschie­de­ne Projek­te geför­dert
werden. Im Mittel­punkt stehen rela­tiv
klei­nen Initia­ti­ven, bei denen schon gerin­ge
Beträ­ge eine große Wirkung hervor­ru­fen.
Das neues­te Projekt ist die Studen­ten­in­itia­ti­ve
Weit­blick Frei­burg e. V.
Sie konn­ten kürz­lich ihre erste Förde­rung
von 74 FREITALER abho­len. Unter­stüt­zer
des Projekts tausch­ten insge­samt 3700 €
in FREITALER ein, 2 % davon gingen sofort
an Weit­blick Frei­burg e. V. „Wir waren
freu­dig über­rascht, dass wir als neues
Projekt mit dieser Förde­rung einstei­gen,“
so das Vorstands­mit­glied Eva Kimmig.
Das Beson­de­re dabei ist, dass die Projek­te
keine gemein­nüt­zig einge­tra­ge­nen
Verei­ne sein müssen. Ob ein Projekt förde­rungs­wür­dig
ist oder nicht, entschei­den
die Bürger vor Ort, indem sie beim
Eintausch ein Projekt wählen. So können
viele verschie­de­ne Initia­ti­ven und Neugrün­dun­gen
eine größe­re Bekannt­heit
errei­chen und Spen­den gene­rie­ren. Im
ersten Jahr mit Projekt­för­de­rung wurden
etwa 100.000 € einge­tauscht.
„Die FREITALER werden wir bei einer loka­len
Drucke­rei wieder ausge­ben“, so Eva
Kimmig weiter „Zuvor haben wir bei einer
Online­dru­cke­rei drucken lassen“. Der
gemein­nüt­zi­ge Verein verkauft jedes Jahr
Frei­burg­ka­len­der, die in loka­len Schreib­wa­ren­ge­schäf­ten
erhält­lich sind. Vom
Erlös werden ein Frei­bur­ger Flücht­lings­wohn­heim
und ein Schul­pro­jekt in Kenia
unter­stützt. „Global denken und lokal
handeln, das ist auch unser Motto“, sagt
Kimmig. Durch den FREITALER, der sich
als Vermitt­ler zwischen Unter­neh­men
und Projek­ten versteht, kann die Spende
als Start­ka­pi­tal einge­setzt werden, um
weite­re Unter­stüt­zer, wie die Drucke­rei,
zu gewin­nen. Da die Spende in FREITALER
ausge­zahlt wird, fließt sie wieder in
die regio­na­le Wirt­schaft zurück.

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Sommertagung der HUMANEN WIRTSCHAFT – Freiburg 2014 – Redaktion

Sams­tag, den 21. Juni 2014 in Frei­burg im Breis­gau
Veran­stal­tungs­ort: Histo­ri­sches Kauf­haus Frei­burg – Kamin­saal Müns­ter­platz 24 79098 Frei­burg
Einlass: 9:00 Uhr
Programm von 10:00 bis 18:00 Uhr

Gesprä­che über Geld im Kauf­haus – Kann es einen besse­ren Ort dafür geben?
In unmit­tel­ba­rer Nähe zum Frei­bur­ger Müns­ter liegt das schöne, histo­ri­sche Gebäu­de, in dem die Sommer­ta­gung 2014 statt­fin­det.
In der sonnen­reichs­ten Region Deutsch­lands den längs­ten Tag des Jahres erle­ben!

Erle­ben Sie die HUMANE WIRTSCHAFT leib­haf­tig:
Sommer­ta­gung am 21. Juni 2014 in Frei­burg im Breis­gau.
Ein kurz­wei­li­ger Tag unter ande­rem mit Vorträ­gen von Prof. Dr. Dirk Löhr
und Andre­as Bange­mann bringt die Arbeit und die Menschen hinter der
Zeit­schrift näher.
Weite­re Infor­ma­tio­nen und Anmel­dun­gen in unse­rer Geschäfts­stel­le bei Frau
Erika Schmied:
Luit­pold­str. 10,
91413 Neustadt a.d. Aisch
Tel. (09161) 87 28 672 (vormit­tags),
Fax (09161) 87 28 673
E-Mail: service@humane-wirtschaft.de
Die Anmel­dung über ein Anmel­de­for­mu­lar mit allen wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen ist
auch im Inter­net möglich: http://goo.gl/njHaFb

Leserbriefe 03/2014 0

Leserbriefe 03/2014

Ihre Meinung ist uns wich­tig! Senden Sie uns Ihre Fragen, Anre­gun­gen oder persön­li­chen Meinun­gen. Wir bemü­hen uns, so viele
Leser­brie­fe unter­zu­brin­gen, wie möglich. Wenn wir Leser­brie­fe kürzen, dann so, dass das Anlie­gen der Schrei­ben­den gewahrt bleibt.
Leser­brie­fe geben nicht die Meinung der Redak­ti­on wieder.

Mit Termin­hin­weis zum Kongress – Burnout und Resi­li­enz – Bewusst­seins­kom­pe­tenz für Wirt­schaft und Gesell­schaft
22. bis 25. Mai 2014, Bad Kissin­gen, Regen­ten­bau und Heili­gen­feld Klini­ken. siehe auch www.kongress-heiligenfeld.de

Ist die HUMANE WIRTSCHAFT kapitalismuskritisch? – Andreas Bangemann 0

Ist die HUMANE WIRTSCHAFT kapitalismuskritisch? – Andreas Bangemann

Wenn man die Frage bis in die Details durch­denkt, ist sie
nicht so leicht zu beant­wor­ten. Es wird behaup­tet, dass
der Mangel etwas sei, das system­be­dingt zum Kapi­ta­lis­mus
gehört. Ob das ein Grund ist, weshalb es an einer
allge­mein­gül­ti­gen Defi­ni­ti­on für den Termi­nus mangelt?
Bedingt durch diesen Mangel, liegt die Fest­stel­lung, ob
Kapi­ta­lis­mus­kri­tik vorliegt oder nicht, im Auge des Betrach­ters.
Zu dem Bemü­hen, das Beob­acht­ba­re wissen­schaft­lich
zu unter­su­chen und darin Gesetz­mä­ßig­kei­ten
zu entde­cken, kommt erschwe­rend hinzu, dass es nur
wenige Grund­an­nah­men gibt, worauf man verläss­li­che
Aussa­gen aufbau­en kann. Ein Beispiel: „Die Akteu­re auf
dem Markt“ verhal­ten sich „ökono­misch“. Der daraus
entstan­de­ne, vom berühm­ten Adam Smith ins Leben geru­fe­ne
„Homo Oeco­mi­cus“ wurde mitt­ler­wei­le zum Verwahr­stück
in der wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Asser­va­ten­kam­mer.

Er taugt nicht mehr für Forschun­gen.
Was aus dem Fehlen der Grund­la­gen folgt, ist für die
ganze Welt fatal. Ein undurch­dring­bar komple­xes Gebil­de,
namens „Markt“ erzeugt Folgen, dessen Ursa­chen
man nur „erra­ten“ kann. Um beson­ders bedroh­lich
wirken­de Sympto­me kümmern sich Poli­ti­ker und Exper­ten
hastig mit Maßnah­men, deren Konse­quen­zen sie
nur erhof­fen können. Was mit an Sicher­heit gren­zen­der
Wahr­schein­lich­keit erreicht wird, sind neuar­ti­ge Auswir­kun­gen.
„Unvor­her­seh­ba­re“ natür­lich.
Mitt­ler­wei­le hegt kaum mehr jemand Zwei­fel daran,
dass mit dem Geld in der Wirt­schaft etwas nicht stimmt.
Was aller­dings die Wissen­schaft dennoch nicht dazu verlei­tet,
der hinter dem Geld stehen­den Syste­ma­tik auf
die Spur zu gehen. Man bleibt dabei und kümmert sich
um die Auswir­kun­gen. Markt­ver­hal­ten am Kapi­tal­markt
spiel­theo­re­tisch zu analy­sie­ren, bringt den forschen­den
Wissen­schaft­lern Nobel­prei­se ein.
Auf dem Gebiet der Ursa­chen­for­schung kann man keine
Blumen­töp­fe gewin­nen.
Die Ökono­mie führt zu Recht die Markt­wirt­schaft als
derzeit beste und der Frei­heit Rech­nung tragen­de Wirt­schafts­ord­nung
auf. Doch im glei­chen Atem­zug stellt man
ihr den „Kapi­ta­lis­mus“ zur Seite. Ohne Erklä­rung, ob es
sich um das Glei­che handelt oder nur eine Ergän­zung. Kapi­ta­lis­mus
kommt wie der unbe­kann­te und gleich­sam unsicht­ba­re
Beglei­ter der Markt­wirt­schaft daher.
Gemein­sam garan­tie­ren die beiden, dass wir, im Rahmen
ein „paar weni­ger“ Geset­ze, aber immer noch frei,
tun und lassen können, was wir wollen. So haben wir angeb­lich
unser Schick­sal in der Hand. Jede Frau und jeder
Mann kann es zu etwas brin­gen, in der freien, kapi­ta­lis­ti­schen
Markt­wirt­schaft.
Eine große Mehr­heit der Menschen erliegt dieser Illu­si­on
nach wie vor.
In Wahr­heit ist der unsicht­ba­re
Beglei­ter „Kapi­ta­lis­mus“ jedoch
Desi­gner.
Er lässt uns tun, was wir wollen,
aber uns nicht sein,
was wir doch sind.
Gefan­gen ohne Mauern
glau­ben wir zu tun,
was wir wollen.
Jedoch am Ende tun wir,
was er will.
Wir nehmen im kapi­ta­lis­ti­schen „Kunst­werk“ eine fest­ge­schrie­be­ne
Funk­ti­on ein. Wir bemer­ken es nicht, also kümmert
es uns nicht. Wir tun was wir wollen und erfül­len dennoch
den Plan des Desi­gners. Beispiels­wei­se beim Konsu­mie­ren
immer unsin­ni­ge­rer Produk­te. Beim klag­lo­sen
Akzep­tie­ren immer größe­rer Schä­den am Sozi­al­we­sen und
an der Natur. Die notwen­di­gen Repa­ra­tu­ren nehmen wir gar
schul­ter­klop­fend als Leis­tungs­zu­wachs zur Kennt­nis.
Indem wir will­fäh­rig mithel­fen, alle Berei­che des Lebens zu
„mone­ti­sie­ren“. Im Laufe der Zeit erschlos­sen wir – im „Geheim­auf­trag
des Desi­gners“ – immer weite­re Gebie­te. Auf
der Geschäfts­idee der Betreu­ung von Kindern oder Senio­ren
konnte vor 30 Jahren kaum jemand eine Exis­tenz aufbau­en.
Heute ist das ein boomen­der Milli­ar­den­markt, geprägt
von skan­da­lö­sen Mitar­bei­ter-Entloh­nungs­mo­del­len.
Glaubt jemand ernst­haft, dass wir so sind? Wenn Geld
das beherr­schen­de Ziel unse­rer Bestre­bun­gen ist, dann
wird davon alles aufge­saugt. Was sich nicht verein­nah­men
lässt, wird als minder­wer­tig an den Rand gedrückt.
Markt­wirt­schaft und Kapi­ta­lis­mus sind keine Menschen.
Sie sind menschen­ge­macht. Es liegt in unse­rer Hand, die
Unsicht­bar­keit des Kapi­ta­lis­mus zu been­den und den Vorgän­gen
in der Wirt­schaft den Geld­schlei­er zu entrei­ßen.
Nur so können wir die Frage beant­wor­ten: „Wird es Zeit
für einen Abschied?“ Betrach­tet man den Kapi­ta­lis­mus als
ein unab­hän­gig von der Markt­wirt­schaft funk­tio­nie­ren­des
System, das aber maßgeb­li­chen, zerstö­re­ri­schen Einfluss
ausübt, dann ist Kriti­sie­ren vergeu­de­te Zeit. Die Aufga­be
muss deshalb lauten: Entwick­lung völlig neuer Syste­me.
Wie könnte ein Geld­sys­tem und dazu korre­spon­die­ren­des
Eigen­tums­recht ausse­hen?
Eines, das uns in Wirk­lich­keit frei macht? Womög­lich
eines, das uns die Frei­heit zu Geben bringt, verbun­den
mit der Entde­ckung wie dadurch Wohl­stand in einer nie
gekann­ten Dimen­si­on entsteht.
Eines, mit dem wir sein können, was wir sind!
Herz­lich grüßt Ihr Andre­as Bange­mann.

Roland Geitmann war ein feiner Mensch – Die Redaktion 0

Roland Geitmann war ein feiner Mensch – Die Redaktion

Am 4. 12. 2013 ist Roland Geit­mann gestor­ben.
Er war ein feiner Mensch.

Er war ein feiner Mensch.

Er verkör­per­te den Frie­den, der ihn als
großes Ziel beweg­te. Seine sympa­thi­sche
Art, die sich in respekt­vol­ler
Zuwen­dung zu seinen Mitmen­schen
ebenso ausdrück­te, wie in seiner Liebe
zur Natur und den klei­nen Freu­den des
Lebens, war vorbild­lich. Mit spon­ta­nen
Klavier­stü­cken erfreu­te er in den
Pausen die Gäste unse­rer Veran­stal­tun­gen.
2012, anläss­lich des 150-jähri­gen
Geburts­tags­ju­bi­lä­ums von Silvio
Gesell sprach er in Wupper­tal zu einem
ihm am Herzen liegen­den Thema,
nämlich der Rolle direk­ter Demo­kra­tie
für die Idee der sozia­len Plas­tik im Sinne
von Joseph Beuys. Mit diesem Beitrag
berei­cher­te er die Veran­stal­tung
„Gesell­Schafft­Kunst“ im Mai 2012 in
Wupper­tal.
Sein Wirken für die gute Sache wird
nicht in Verges­sen­heit gera­ten. Wir
empfin­den es als ein Geschenk von
uner­mess­li­chem Wert, dass er sich
gemein­sam mit uns einge­setzt hat.
Seine Kompe­tenz spen­de­te Kraft und
Selbst­ver­trau­en. Sein Mensch­sein
lebt in vielen seiner geis­ti­gen und
persön­li­chen Freun­de weiter. Wir zählen
uns dazu.
Zitat Roland Geit­mann:
„Im zerstö­re­ri­schen Umgang mit Geld
und mit der Erde offen­bart sich das Innen­le­ben,
die geis­tig-seeli­sche Verfas­sung
einer Gesell­schaft. Eine solche
Problem­la­ge lässt sich nicht wie
ein tech­ni­scher Defekt repa­rie­ren.
So drin­gend notwen­dig unsere Geld­und
Boden­re­form­maß­nah­men wären,
so unwahr­schein­lich ist es vorerst,
dass sie ergrif­fen werden. Denn
so tief im Denken, Fühlen und Wollen
der Menschen verwur­zel­te Verhält­nis­se
ändern sich nur gemein­sam mit
den Menschen und durch sie. So mühsam
Demo­kra­tie ist, zeich­net sie doch
aus, dass sich Erneue­rungs­im­pul­se
aus klei­nen Anfän­gen ausbrei­ten können
und letzt­lich auch durch­drin­gen,
wenn ihre Zeit gekom­men ist.“
Zitiert aus „Lob der Viel­falt“ von Roland
Geit­mann erschie­nen in HUMANE WIRTSCHAFT,
Ausga­be 5–2007
Roland Geit­mann
(gebo­ren am 13. April 1941 in Silde­mow
bei Rostock, gestor­ben am 4. Dezem­ber
2013 in Kehl)
Roland Geit­mann war Verwal­tungs­recht­ler.
Er war von 1974 bis 1982 Ober­bür­ger­meis­ter
der Stadt Schram­berg
und von 1983 bis 2006 Profes­sor für
Öffent­li­ches Recht an der Hoch­schu­le
Kehl. 1988 wurde Roland Geit­mann
Vorsit­zen­der der Arbeits­ge­mein­schaft
frei­wirt­schaft­li­cher Chris­ten (AfC).
Seit 1989 führt dieser 1950 gegrün­de­te
Verein den Namen „Chris­ten für gerech­te
Wirt­schafts­ord­nung e. V.“ (CGW). Im
Jahre 2009 gab Roland Geit­mann das
Amt des Vorsit­zen­den weiter. Als Ehren­vor­sit­zen­der
beglei­te­te er die CGW
bis zu seinem Tode.
Auch war er Spre­cher des Kura­to­ri­ums
von Mehr Demo­kra­tie e. V. sowie verant­wort­li­cher
Heraus­ge­ber der Schrif­ten­rei­he
der Arbeits­grup­pe Gerech­te
Wirt­schafts­ord­nung.

Leserbriefe 01/2014 0

Leserbriefe 01/2014

Ihre Meinung ist uns wich­tig! Senden Sie uns Ihre Fragen, Anre­gun­gen oder persön­li­chen Meinun­gen. Wir bemü­hen uns, so viele Leser­brie­fe unter­zu­brin­gen, wie möglich. Wenn wir Leser­brie­fe kürzen, dann so, dass das Anlie­gen der Schrei­ben­den gewahrt bleibt. Leser­brie­fe geben nicht die Meinung der Redak­ti­on wieder.
In dieser Ausga­be:
Raum für Neues – Wirt­schaf­ten und Gesund­heit
„Steu­ern – Dieb­stahl an der Allge­mein­heit“
Zur Kritik am Außen­han­dels­über­schuss Deutsch­lands
Die Poli­tik des Geldes
Das nicht zu verges­sen­de Ereig­nis

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer 0

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer

Wir verbrin­gen einen großen Teil unse­rer Zeit mit Dingen, die uns nicht wirk­lich glück­lich macht: Arbei­ten, Kaufen, Konsu­mie­ren. Die wahren Quel­len des Glücks liegen aber im „inne­ren Selbst“. Warum wir dennoch das Glück im Außen suchen, hängt mit unse­rem moder­nen Geld zusam­men.

Vermut­lich kennen Sie die Anek­do­te zur Senkung der Arbeits­mo­ral von Hein­rich Böll (1963). Darin beschreibt er einen ärmlich geklei­de­ten Fischer, der in einem Hafen an der West­küs­te Euro­pas schläft. Er wird durch das Klicken des Foto­ap­pa­ra­tes eines Touris­ten geweckt. Der Tourist fragt den Fischer, warum er denn nicht fische, wo doch so idea­les Wetter dafür sei. Nach eini­gem Zögern antwor­tet der Fischer, dass er heute schon drau­ßen gewe­sen sei und einen so guten Fang gehabt hätte, dass es für die nächs­ten Tage noch reiche. Nach eini­gem Zögern geht mit dem Touris­ten die Phan­ta­sie durch: Wenn der Fischer heute doch noch drei- oder vier­mal hinaus­fah­ren würde, dann würde er viel verdie­nen. Damit könnte er mittel­fris­tig ein klei­nes Unter­neh­men grün­den und immer weiter wach­sen. Das Unter­neh­men könnte so groß werden, dass er sogar ins Ausland Fische liefern könne. Und, dann – der Tourist kommt zum Ende seiner Phan­ta­sier­ei­se – dann hätte der Fischer genug verdient, um einfach am Hafen sitzen und sich ruhig entspan­nen zu können. Darauf entgeg­net der Fischer gelas­sen, am Hafen sitzen und sich entspan­nen könne er doch jetzt schon. Das mache er ja gerade. Darauf­hin
verschlägt es dem Touris­ten die Spra­che, nach­denk­lich und ein wenig neidisch geht er fort.

Ich denke, an dieser klei­nen Geschich­te werden zwei konträ­re Welt­an­schau­un­gen deut­lich. Der Fischer lebt im „Hier und Jetzt“. Er hat heute genug für seinen Lebens­un­ter­halt getan, ja er hat sogar so viel gefan­gen, dass er an den nächs­ten Tagen nichts tun muss. Frei­lich: Er ist ärmlich geklei­det, er besitzt vermut­lich selbst keinen Foto­ap­pa­rat und er kann sich vermut­lich auch keine teuren Touris­ten­aus­flü­ge leis­ten. Aber ich stelle mir ihn als einen glück­li­chen und zufrie­de­nen Menschen vor: Er verfügt über wenig
mate­ri­el­len Reich­tum, aber er hat einen großen Luxus an frei verfüg­ba­rer Zeit: Er hat so Zeit für ein Schläf­chen am hell­lich­ten Tag. Er hat vermut­lich auch Zeit für seine Freun­dIn­nen, seine Kinder, seine Leiden­schaf­ten; ja Zeit, um mit sich (seinem „inne­ren Selbst“) in gutem Kontakt zu stehen. Der Fischer
steht für die Über­zeu­gung, dass sich das „gute Leben“ einstel­len wird, wenn wir unsere Lebens­zeit für eine
gute Bezie­hung zu unse­rem Selbst und zu unse­ren Mitmen­schen aufbau­en; oder in ande­ren Worten.

Entscheidend ist die Tat – Pat Christ 0

Entscheidend ist die Tat – Pat Christ

Zahl­rei­che Freun­de, Wegge­fähr­ten, Neugie­ri­ge und Inter­es­sier­te kamen vom 31. Okto­ber bis 3. Novem­ber
zur „Jahres­fei­er Humane Wirt­schaft 2013“ des Förder­ver­eins Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung e. V. in die Wupper­ta­ler Silvio-Gesell-Tagungs­stät­te. „Entschei­dend ist die Tat“ laute­te das dies­jäh­ri­ge Motto.

„Theo­ri­en und Philo­so­phi­en sind sicher wich­tig,“ so Chef­re­dak­teur Andre­as Bange­mann zum Auftakt. „Doch von ebenso großer Bedeu­tung ist es, etwas real umzu­set­zen und etwas zu bewe­gen.“ Ein großes Ziel ist allen Human­wirt­schaft­le­rin­nen und Human­wirt­schaft­lern klar. Es heißt: Eine Geld­ord­nung schaf­fen, in der sich das
Geld nicht mehr, wie den derzeit herr­schen­den Spiel­re­geln zufol­ge, selbst vermeh­ren und dadurch die Gesell­schaft immer weiter aufspal­ten kann. Doch der Weg dahin ist noch ziem­lich weit.

Sehr ferne Ziele können demo­ti­vie­ren. Vor allem, wenn es nicht gewiss erscheint, dass sie auch erreicht werden können. Damit die Einsatz­freu­de nicht nach­lässt, sind sinn­vol­le Zwischen­etap­pen und eine Menge
klei­ner, krea­ti­ver Ideen nötig. „Was wir anstre­ben, kann nur dann rich­tig Wirkung entfal­ten, wenn es in sehr vielen Köpfen ist und wenn sich sehr viele Menschen daran betei­li­gen“, beton­te Bange­mann.

Dafür müssen die Menschen begeis­tert werden. Und zwar durch etwas, was konkret und „anfass­bar“ ist. Was akti­viert. Statt ledig­lich Diskus­sio­nen auszu­lö­sen. Ist es doch auf Dauer äußerst unbe­frie­di­gend, nur immer über die Gier der Reichen und die Blind­heit der Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker zu schimp­fen. Solche
Debat­ten erschöp­fen sich irgend­wann. Besser versu­chen, von unten etwas zu verän­dern. Dass die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer der Jahres­fei­er tatsäch­lich den großen Wunsch haben, etwas zu bewe­gen, machte die „Murmel­run­de“ am Eröff­nungs­abend deut­lich. Span­nen­der Tagungs­ein­stieg Was immer einem selbst gerade keine Ruhe lässt, womit man sich gerade beschäf­tigt und wie man über­haupt auf das Thema „Humane Wirt­schaft“ kam, das erzähl­ten sich je zwei Teil­neh­me­rIn­nen bei diesem unge­wöhn­li­chen Einstieg in die Tagung. In sechs Minu­ten mach­ten sich zwei Menschen, die sich bis dato noch nie gese­hen hatten, auf diese inten­si­ve Weise mitein­an­der bekannt. Wech­sel­sei­tig stell­ten sie sich später im Plenum vor. Heraus kamen facet­ten­rei­che Persön­lich­keits­be­schrei­bun­gen, Infor­ma­tio­nen über inter­es­san­te biogra­phi­sche Wege, unge­wöhn­li­che Pläne und erste konkre­te Projek­te.

Am zwei­ten Abend kam bei Andre­as Bange­mann Gold­grä­ber­stim­mung auf: In der Rolle des Fürch­te­gott Zwei­fel­mann brach­te er gegen­über Stef­fen Unver­zagt alias Stef­fen Henke erfreut zum Ausdruck, wie
gran­di­os sich sein Geld vermehrt. In den 80er Jahre habe er eine kleine Erbschaft von seinem Groß­va­ter bekom­men, erzähl­te er. Immer­hin 10.000 Mark. Die hat er als flei­ßi­ger schwä­bi­scher Sparer gleich ange­legt – und nun verdop­pelt sich dieses Vermö­gen alle zwölf Jahre.

Die schönere Welt… – Charles Eisenstein 0

Die schönere Welt… – Charles Eisenstein

„Es ist möglich, dass wir erst dann vor unse­rer wirk­li­chen Aufga­be stehen, wenn wir nicht mehr wissen, was zu tun ist. Und viel­leicht haben wir unsere wirk­li­che Reise erst dann begon­nen, wenn wir nicht mehr wissen, welchen Weg wir einschla­gen sollen. Der Geist, der nicht ratlos ist, ist unter­for­dert. Es ist der in seinem Lauf behin­der­te Strom, der singt.“ (Wendell Berry)

Als ich die Einlei­tung von „Ökono­mie der Verbun­den­heit“ »der schö­ne­ren Welt, von deren Möglich­keit
uns unsere Herzen erzäh­len« widme­te, schrieb ich von einem Wider­stand im Denken dage­gen, dass die
Welt ganz anders sein könnte, als wir sie immer kann­ten. Tatsäch­lich haben wir uns viele Jahr­hun­der­te und sogar Jahr­tau­sen­de an eine Welt von großer und immer weiter stei­gen­der Ungleich­heit, von Gewalt, Häss­lich­keit und Kampf gewöhnt.

Manch­mal erin­nert uns ein Ausflug in die unbe­rühr­te Natur, zu einer tradi­tio­nel­len Kultur oder in die von der verarm­ten moder­nen Welt verschlei­er­te reich­hal­ti­ge Sinnen­welt an das, was verlo­ren gegan­gen ist. Und diese Erin­ne­rung schmerzt, streut Salz in die Wunde der Getrennt­heit. Solche Erfah­run­gen zeigen uns zumin­dest, was möglich ist, was gewe­sen ist und was sein kann, aber sie zeigen uns nicht, wie wir eine solche Welt erschaf­fen können. Ange­sichts der enor­men Kräfte, die in Stel­lung gebracht wurden, um den Status quo beizu­be­hal­ten, lassen wir verzagt den Mut sinken. Die flüch­ti­gen Blicke auf eine schö­ne­re Welt, die wir in der Natur erha­schen, oder bei spezi­el­len Begeg­nun­gen, auf Musik­fes­ti­vals, bei Zere­mo­ni­en, in der Liebe und im Spiel, sind umso entmu­ti­gen­der, wenn wir glau­ben, dass sie niemals mehr sein können als kurz­zei­ti­ge Verschnauf­pau­sen von der seelen­ver­nich­ten­den, geld­ge­trie­be­nen Welt, an die wir gewöhnt sind.

Ein Haupt­ziel war, die Logik der Vernunft mit dem Wissen des Herzens in Einklang zu brin­gen: nicht nur deut­lich zu machen, was möglich ist, sondern auch, wie wir dort­hin gelan­gen können. Wenn ich das Wort „möglich“ verwen­de, meine ich es nicht im Sinn von „viel­leicht“, wie: „Es könnte viel­leicht passie­ren, wenn wir nur Glück haben.“ Ich meine möglich im Sinn von Selbst­be­stim­mung: eine schö­ne­re Welt als etwas, das wir schaf­fen können. Ich habe viele Bewei­se für diese Möglich­keit gelie­fert: den unaus­weich­li­chen Nieder­gang eines Geld­sys­tems, das von expo­nen­ti­el­lem Wachs­tum abhän­gig ist, einen Bewusst­seins­wan­del hin
zu einem Selbst in Verbun­den­heit in einer kokrea­ti­ven Part­ner­schaft mit der Erde, und ich habe viele Beispie­le ange­führt, dass die nöti­gen Einzel­tei­le einer heili­gen Ökono­mie schon im Entste­hen begrif­fen sind. Das ist etwas, das wir schaf­fen. Wir können es, und wir tun es. Und können Sie sich ange­sichts dessen, dass so viel Schlech­tes und Häss­li­ches in der gegen­wär­ti­gen Welt auf das Geld zurück­ge­führt werden
kann, vorstel­len, wie die Welt sein wird, wenn einmal das Geld umge­stal­tet worden ist? Ich kann sie mir nicht vorstel­len, nicht alles davon, obwohl ich manch­mal Visio­nen von ihr habe, die mir den Atem stocken lassen. Viel­leicht stimmt es gar nicht, dass ich sie mir nicht vorstel­len kann – viel­leicht wage ich es nicht. Eine Vision von einer wahr­haft heili­gen Welt, einer heili­gen Ökono­mie, macht das Ausmaß unse­res heuti­gen Leidens umso deut­li­cher. Aber ich will mit Ihnen teilen, was ich in meinen Visio­nen gese­hen habe, selbst die speku­la­tivs­ten, die naivs­ten, unprak­tischs­ten und verträum­tes­ten Aspek­te. Ich hoffe, dass
meine Offen­heit nicht die Glaub­wür­dig­keit (sofern vorhan­den) dessen infra­ge stellt, was ich hier aufge­baut
habe, indem ich die Konzep­te einer heili­gen Ökono­mie in einer schlüs­si­gen und logi­schen Weise darleg­te.

Vom spaltenden Geist zu integraler Politik – Peter Berner 0

Vom spaltenden Geist zu integraler Politik – Peter Berner

Ein beson­ders aufge­weck­ter Grund­schü­ler fragte vor kurzem meine Frau, die als Märchen­er­zäh­le­rin tätig ist: „Warum ist das so, dass im Märchen immer die Guten gewin­nen, aber in der Wirk­lich­keit immer die Bösen?“ Dieser junge Mensch also warf beherzt die Ponerologiefrage[1] auf, die von uns Erwach­se­nen meist tabui­siert wird, obwohl – oder gerade weil? – deren Beant­wor­tung für gesell­schafts­po­li­ti­sches Handeln oder Nicht-Handeln von zentra­ler Bedeu­tung sein dürfte. Ob wir über­haupt die Einschät­zung dieses Jungen teilen und wenn ja, wie wir seine Frage beant­wor­ten, dürfte einen hohen Einfluss darauf haben, wie es nicht nur um unser poli­ti­sches Enga­ge­ment, sondern darüber hinaus auch um unsere innere Ausge­gli­chen­heit, Gesund­heit und Lebens-Quali­tät bestellt ist. Deswe­gen möchte ich – als Psycho­the­ra­peut, dem seit Jahr­zehn­ten immer wieder auch die Heilung unse­res Gemein­we­sens beson­ders am Herzen liegt – hier meine persön­li­che Antwort
auf diese Frage ins Gespräch brin­gen.

Wir Menschen auf dieser Erde leben – so würde ich es formu­lie­ren – seit mehre­ren Jahr­tau­sen­den
unter der sich zuspit­zen­den Herr­schaft eines diabo­li­schen, krie­ge­ri­schen, spal­ten­den Geis­tes, welcher sich
in beson­de­rer Weise gegen seine eigene Aufklä­rung immu­ni­siert hat – so ähnlich wie wir es in der Tiefen­psy­cho­lo­gie als „Wider­stand“ gegen das Erken­nen unbe­wuss­ter selbst­schä­di­gen­der Denk- und Verhal­tens­mus­ter kennen. „Geist“ ist hier­bei durch­aus in seiner doppel­ten Bedeu­tung gemeint: Einer­seits als Feld­ef­fekt im kollek­ti­ven Bewusst­sein, als weit verbrei­te­tes Denk- und Inter­pre­ta­ti­ons-Muster – ande­rer­seits als indi­vi­du­el­le Wesen­heit mit Durch­set­zungs­wil­len und Selbst­er­hal­tungs­in­ter­es­se.

Diese Sicht­wei­se folgt einem trans­per­so­na­len Welt­bild, demzu­fol­ge den Erschei­nun­gen der mate­ri­el­len Welt Kräfte und Forma­tio­nen auf fein­stoff­li­cher und Bewusst­seins­ebe­ne zugrun­de liegen – und sie folgt einem mehr­per­spek­ti­vi­schen, inte­gra­len Ansatz, dem zufol­ge beispiels­wei­se auch das abso­lu­te, allum­fas­sen­de,
allem zugrun­de liegen­de Bewusst­sein („Gott“) zugleich so etwas wie eine abstrak­te Ener­gie und so etwas
wie eine indi­vi­du­el­le Persön­lich­keit ist.

[1] „Pone­ro­lo­gie“ ist ein selten gebrauch­ter Ausdruck für „die Lehre vom Bösen“

Problemfeld Geld – Fakten und Fehlvorstellungen – Helmut Creutz 0

Problemfeld Geld – Fakten und Fehlvorstellungen – Helmut Creutz

Vorbe­mer­kun­gen

Das Thema Geld und allem was damit zusam­men­hängt, findet in unse­ren Tagen zuneh­men­de Beach­tung. Bedingt
nicht nur durch das stän­dig disku­tier­te und publi­zier­te Krisen­ge­sche­hen im Umfeld der Börsen und Banken,
sondern vor allem auch vor dem Hinter­grund der Staats-Über­schul­dun­gen und der diver­sen „Rettungs­schir­me“
durch Regie­run­gen und Noten­ban­ken.

Inzwi­schen wird sogar, zur Lösung der Proble­me, selbst die Abschaf­fung des Bargelds disku­tiert, weil dann die Zentral­ban­ken die Möglich­keit haben würden, die Leit­zin­sen auch auf null zu senken! Andere schla­gen sogar vor, die Sicht­gut­ha­ben der Bürger mit Straf­zin­sen zu bele­gen, obwohl die darauf gepark­te Kauf­kraft zum größ­ten Teil den Banken für zwischen­zeit­li­che Kredit­ver­ga­ben zu Verfü­gung steht. Doch unge­klärt bleibt bei allen Diskus­sio­nen zumeist, wen man mit diesen Straf­an­dro­hun­gen eigent­lich tref­fen will, die Bürger oder die Banken?

Wie wir aus den Medien wissen, ist inzwi­schen sogar das Thema „Minus­zin­sen“ kein Tabu mehr, jedoch nicht –
wie in dieser Zeit­schrift immer wieder gefor­dert – bezo­gen als Kosten auf das umlau­fen­de Bargeld in den Händen der Bürger, sondern statt dessen bezo­gen auf die Zurver­fü­gung­stel­lung des Zentral­bank­gel­des an die Banken. Also auf jene Bestän­de, die den Banken nicht nur als Bargeld­re­ser­ven dienen, sondern auch als Basis für die Verrech­nun­gen und damit Absi­che­run­gen jener unzäh­li­gen Geld-Gutha­ben-Über­tra­gun­gen, die wir als Bank­kun­den über unsere Sicht­gut­ha­ben täglich abwi­ckeln. Manche Kriti­ker und Refor­mer in unse­ren Tagen plädie­ren sogar dafür – wie z. B. die „Voll­geld-Initia­ti­ve“ – die Sicht­gut­ha­ben­be­stän­de dem Bargeld gleich­zu­stel­len und die Ausga­be des auf diese Weise verviel­fach­ten Geldes direkt an den Staat vorzu­neh­men. Wobei sie offen­sicht­lich den Tatbe­stand verdrän­gen, dass diese Bestän­de auf den Sicht­gut­ha­ben von den Bürgern durch Einzah­lun­gen von Bargeld aufge­baut worden sind.

Was ist über­haupt Geld?

Beur­tei­len kann man alle diese Aussa­gen und Ansich­ten zum Geld nur dann, wenn man sich, sowohl bezo­gen auf
die heuti­ge Situa­ti­on als auch fast alle Reform­vor­schlä­ge, über die sach­be­zo­ge­nen Größen, Gege­ben­hei­ten und Entwick­lun­gen in Sachen Geld im Klaren ist. Ausge­hend vor allem von den statis­tisch erfass- und damit nach­weis­ba­ren Größen und Vorgän­gen, die von der Deut­schen Bundes­bank seit Jahr­zehn­ten für unse­ren natio­na­len Wirt­schafts­raum erfasst und ausge­wie­sen worden sind. Doch geht man diesen Spuren noch weiter und ins Allge­mei­ne nach, dann ist Geld zuerst einmal eine ganz tolle Erfin­dung. Eine Erfin­dung, die den Handel und Austausch von Gütern ähnlich erleich­tert hat, wie die Erfin­dung des Rades den Trans­port. Geld
ist weiter­hin – im Normal­fall – der Lohn für eine einge­brach­te Leis­tung und der Anspruch auf eine gleich­wer­ti­ge Gegen­leis­tung. Und schließ­lich ist Geld in einem Wirt­schafts­raum zumeist das gesetz­lich einge­führ­te und allge­mein akzep­tier­te Zahlungs­mit­tel. Also jenes Medium, das man – orts- wie zeit­ver­setzt
– für belie­bi­ge Zahlungs­zwe­cke verwen­den und damit als ein Binde­glied zwischen auszu­tau­schen­den
Leis­tun­gen sehen kann.

Ähnlich wie die Maßstä­be für Längen und Gewich­te, ist Geld also ein univer­sa­ler Maßstab aller Werte und damit auch aller Preis­ge­stal­tun­gen. Ein Maßstab, mit dessen Hilfe man in unse­ren Tagen sämt­li­che Güter- und Leis­tun­gen mitein­an­der verglei­chen und verrech­nen kann und der ähnlich stabil sein sollte, wie die Maßstä­be für Längen oder Gewich­te. Und dieser Wert­maß­stab Geld ist deshalb als umlau­fen­des offi­zi­el­les Zahlungs­mit­tel sogar mit einem Annah­me­zwang für alle Wirt­schafts­teil­neh­mer verbun­den, die in dem jewei­li­gen Wirt­schafts­raum Leis­tun­gen einbrin­gen oder Waren zum Verkauf anbie­ten.

TAFTA Currencies mit Globus © Martin Bangemann 0

TAFTA – die große Unterwerfung – Lori Wallach

Über­tra­gung aus dem Engli­schen von Niels Kadritz­ke

Aufge­reg­te Poli­ti­ker von Berlin bis Brüs­sel sehen durch den NSA-Skan­dal das Trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­ab­kom­men in Gefahr. Über das, was in dem ange­streb­ten Vertrag stehen soll, reden sie nicht so gern. Ein Blick auf die ersten Blau­pau­sen lässt ahnen, was Euro­pas Bürger nicht zu früh erfah­ren sollen.

Bereits vor fünf­zehn Jahren versuch­ten Groß­un­ter­neh­men bei den Verhand­lun­gen über das Multi­la­te­ra­le Abkom­men über Inves­ti­tio­nen (MAI) ihre Macht heim­lich still und leise in unvor­stell­ba­rem Maße auszu­wei­ten. Damals schei­ter­te das Projekt am hart­nä­cki­gen Wider­stand der Öffent­lich­keit und der Parla­men­te. Damit wurde unter ande­rem verhin­dert, dass sich einzel­ne Konzer­ne densel­ben Rechts­sta­tus wie Natio­nal­staa­ten verschaf­fen konn­ten. Das hätte etwa bedeu­tet, dass Unter­neh­men eine Regie­rung verkla­gen können, „entgan­ge­ne Gewin­ne“ aus Steu­er­gel­dern auszu­glei­chen.

Jetzt aber kommen diese Pläne erneut auf den Tisch, und zwar in deut­lich verschärf­ter Fassung. Der offi­zi­el­le Name des neuen Projekts lautet „Trans-Atlan­tic Trade and Invest­ment Part­nership“, abge­kürzt TTIP. Dieses trans­at­lan­ti­sche Handels- und Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men soll, ähnlich wie früher das MAI, die Privi­le­gi­en von Konzer­nen und Inves­to­ren absi­chern und sogar noch auswei­ten. So wollen die EU und die USA ihre jewei­li­gen Stan­dards in „nicht handels­po­li­ti­schen“ Berei­chen verein­heit­li­chen. Diese ange­streb­te „Harmo­ni­sie­rung“ orien­tiert sich erwar­tungs­ge­mäß an den Inter­es­sen der Konzer­ne und Inves­to­ren. Werden deren Stan­dards nicht erfüllt, können zeit­lich unbe­grenz­te Handels­sank­tio­nen verhängt werden. Oder es werden gigan­ti­sche Entschä­di­gun­gen für die Unter­neh­men fällig.

Die Verhand­lun­gen über diese Art Staats­streich in Zeit­lu­pe haben im Juli dieses Jahres in Washing­ton begon­nen – mit der erklär­ten Absicht, in zwei Jahren ein Abkom­men zu unter­zeich­nen, das eine trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­zo­ne „Trans-Atlan­tic Free Trade Area“ (TAFTA) begrün­den wird. Das gesam­te TTIP-TAFTA-Projekt
gleicht dem Mons­ter aus einem Horror­film, das durch nichts totzu­krie­gen ist. Denn die Vortei­le, die eine solche „Wirt­schafts-NATO“ den Unter­neh­men bieten würde, wären bindend, dauer­haft und prak­tisch irrever­si­bel, weil jede einzel­ne Bestim­mung
nur mit Zustim­mung sämt­li­cher Unter­zeich­ner­staa­ten geän­dert werden kann.

Ist die deutsche Energiewende rentabel? – Wolfgang Berger 0

Ist die deutsche Energiewende rentabel? – Wolfgang Berger

Emnid hat ermit­telt, dass 84 Prozent der Deut­schen eine rasche und voll­stän­di­ge Ener­gie­ver­sor­gung mit erneu­er­ba­ren Ener­gi­en wünschen. Jeder Dritte würde sich an Erneu­er­ba­re-Ener­gi­en-Anla­gen in seiner Nähe finan­zi­ell betei­li­gen. Das sind über 20 Millio­nen poten­zi­el­le Inves­to­ren. Ist diese Präfe­renz ratio­nal oder ist es eine emotio­na­le Präfe­renz jenseits unter­neh­me­ri­schen Kalküls?

Die meis­ten Unter­neh­men berech­nen die Renta­bi­li­tät ihrer mögli­chen oder geplan­ten Inves­ti­tio­nen mit einer einfa­chen Rech­nung: Sie ermit­teln die zusätz­li­chen Ausga­ben, die bei einer Inves­ti­ti­on Jahr für Jahr notwen­dig werden und die zusätz­li­chen Einnah­men, die diese Inves­ti­ti­on Jahr für Jahr bringt. Die jähr­li­chen Salden dieser Zahlen­rei­he stehen für die Ertrags­kraft der Inves­ti­ti­on.

Nun können wir diese Salden aber nicht einfach addie­ren – wir müssen sie mit der Zeit gewich­ten. Eine Milli­on in diesem Jahr ist mehr als eine Milli­on im nächs­ten Jahr, denn wenn wir es gut anfan­gen, hat sich die eine Milli­on in diesem Jahr bis zum nächs­ten Jahr vermehrt. Wollen wir die Zahlen addie­ren, müssen sie zuvor vergleich­bar gemacht und auf den heuti­gen Tag abzinst werden. Diese „Kapi­tal­wert­me­tho­de“ ist der umge­kehr­te Rechen­vor­gang wie die Zins­be­rech­nung für die Zukunft, nur dass hier die Zahlen nicht größer, sondern klei­ner werden, je weiter das Jahr in der Zukunft liegt, auf das sie sich bezie­hen.

Wenn wir beim Abzin­sen mit zehn Prozent rech­nen, sind eine Milli­on Euro in einem Jahr heute 910.000 Euro wert, denn wenn ich heute 910.000 Euro mit zehn Prozent anlege, habe ich in einem Jahr eine Milli­on. Nicht weil die Zinsen heute zehn Prozent sind; sie sind nied­ri­ger. Aber Inves­ti­ti­ons­kre­di­te sind trotz­dem teuer und Über­zie­hungs­zin­sen sind auch bei einem Leit­zins­satz der Zentral­bank nahe Null weit über zehn Prozent.

Wenn wir mit zehn Prozent rech­nen, sind eine Milli­on Euro in zwei Jahren dann heute noch einmal zehn Prozent weni­ger wert, also 830.000 Euro. Und so können wir weiter rech­nen: Eine Milli­on Euro in zehn Jahren sind heute 390.000 Euro wert. Eine Milli­on Euro in 100 Jahren sind heute 700 Euro wert. Eine Milli­on Euro in 200 Jahren sind heute drei Euro wert und eine Milli­on Euro in 250 Jahren sind abge­zinst heute nur ganze vier Cent wert.

Weil die lang­fris­ti­gen Auswir­kun­gen so lächer­lich gering sind, brau­chen wir die Rech­nung nur für gut zehn
Jahre durch­zu­füh­ren. Was danach geschieht, wirkt sich auf das Ergeb­nis kaum noch aus. Was danach geschieht, beein­flusst die Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen also nicht mehr. In unse­rem gegen­wär­ti­gen destruk­ti­ven Geld­sys­tem erzwingt der Rendi­te­zwang deshalb die Zerstö­rung der Umwelt. Der Erhalt der Umwelt wirkt sich erst lang­fris­tig aus und ist deshalb nicht renta­bel. Eine Nach-uns-die-Sint­flut-Menta­li­tät erhöht den Börsen­wert des Unter­neh­mens (Share­hol­der Value) und ist deshalb die logi­sche Konse­quenz.
In Zeiten nied­ri­ger Zinsen wach­sen die großen Vermö­gen über Aktien und die Speku­la­ti­on mit Deri­va­ten.
Nied­ri­ge Zinsen verlei­hen Deri­va­ten eine Hebel­wir­kung, mit der sie fast die ganze Welt aufkau­fen können.

Bei flie­ßen­dem Geld pendelt der effek­tiv gezahl­te Markt­zins um Null; zusätz­li­che Einnah­men und Ausga­ben von Inves­ti­tio­nen werden deshalb nicht mehr abge­zinst. Damit wird es renta­bel, die Umwelt zu erhal­ten. In einem solchen Geld­sys­tem werden die Märkte deshalb Nach­hal­tig­keit und dauer­haft halt­ba­re Güter erzwin­gen.

Die Mehrheit in Deutschland profitiert nicht vom Euro – Felix Fuders 0

Die Mehrheit in Deutschland profitiert nicht vom Euro – Felix Fuders

Immer häufi­ger ließt man in Kommen­ta­ren der inter­na­tio­na­len Presse, dass Deutsch­land mit seinen enor­men Handels­bi­lanz­über­schüs­sen, die zuletzt sogar größer waren als dieje­ni­gen Chinas, Schuld sei an der defi­zi­tä­ren Handels­bi­lanz der südli­chen Länder Euro­pas. In einem Arti­kel in der New York Times[1] beschwer­te sich Ökono­mie Nobel­preis­trä­ger Paul Krug­man kürz­lich beispiels­wei­se über die seiner Meinung nach „depres­sing Germans“[2]. Der Tenor des Arti­kels ist, dass Deutsch­land durch eine expan­si­ve Geld- und Fiskal­po­li­tik eigen­nüt­zig hohe Export­über­schüs­se auf Kosten der euro­päi­schen Nach­barn erzie­le und damit sogar auch die Stabi­li­tät der Welt­wirt­schaft gefähr­de. Da Export­über­schüs­se eines Landes immer eine nega­ti­ve Handels­bi­lanz in einem ande­ren Land erzeu­gen müssen[3], sei Deutsch­land mitver­ant­wort­lich für
die hohe Arbeits­lo­sig­keit etwa in Spani­en. Deutsch­land solle Maßnah­men tref­fen, den Export­über­schuss zu verrin­gern. Tatsäch­lich haben die Handels­bi­lanz­un­gleich­ge­wich­te in Europa nur wenig mit der Wirt­schafts- und Außen­han­dels­po­li­tik Deutsch­lands, sondern viel­mehr mit dem Euro zu tun. Das soll im Folgen­den erklärt werden. Anschlie­ßend wir darauf einge­gan­gen werden, dass der Euro im Übri­gen auch nicht gut ist für die Mehr­heit der Deut­schen, da er einen indi­rek­ten Wohl­stands­trans­fer der Haus­hal­te der produk­ti­ve­ren hin zu
den Haus­hal­ten der weni­ger produk­ti­ven Ländern der Euro­zo­ne darstellt.

[1] Paul Krug­man, Those depres­sing Germans, in: Inter­na­tio­nal New York Times, v. 5. 11. 2013
[2[ Es sei ange­merkt, dass Alfred Nobel niemals einen Preis im Fach­ge­biet Ökono­mie vorge­schla­gen hatte, es folg­lich also keinen „Nobel­preis für Ökono­mie“ gibt. Der so genann­te „Nobel­preis für Ökono­mie“ ist ein von der schwe­di­schen Natio­nal­bank heraus­ge­ge­be­ner Preis für heraus­ra­gen­de wissen­schaft­li­che Leis­tun­gen im Fach­ge­biet Ökono­mie, der in Ange­den­ken Alfred Nobels verlie­hen wird
[3[ Vgl. etwa Karl- Heinz Moritz, Georg Stadt­mann, Mone­tä­re Außen­wirt­schaft, 2. Aufl. München 2011, S. 15

Die vierte Ohnmacht- Jens Brehl im Interview mit dem Autor Dirk C. Fleck 0

Die vierte Ohnmacht- Jens Brehl im Interview mit dem Autor Dirk C. Fleck

Jour­na­lis­ten genie­ßen zuneh­mend einen schlech­ten Ruf, gelten gar als korrupt und viele Menschen wenden sich enttäuscht über den ober­fläch­li­chen Einheits­brei von etablier­ten Medien ab. Zu recht findet Dirk C. Fleck. Der heute 70jährige „Vater des Ökothril­lers“ schrieb unter ande­rem für namhaf­te Blät­ter wie die „Hambur­ger Morgen­post“, „Die Welt“, „Stern“, „Spie­gel“ und viele mehr. Schon lange würden Medien nicht mehr als Wäch­ter der Demo­kra­tie fungie­ren; es zähle allein die Höhe der verkauf­ten Aufla­gen und Einschalt­quo­ten. Für sein Buch „Die vierte Macht“ sprach er mit 25 Spit­zen­jour­na­lis­ten über ihre Verant­wor­tung in Krisen­zei­ten. Die Zukunft der Medien sieht Fleck aller­dings schwarz.

Jens Brehl: „Warum haben Sie den Beruf des Jour­na­lis­ten ergrif­fen?“

dirk C. Fleck: „Den Berufs­wunsch hatte ich bereits im Alter von 14 Jahren. Im Grunde war ich kein heraus­ra­gen­der Schü­ler, bis ich mein Talent für das Schrei­ben entdeck­te. Plötz­lich erhielt ich zum ersten Mal gute Noten für meine Schul­ar­bei­ten. Dadurch hatte ich endlich meinen Zugang zu den Lehr­in­hal­ten und meiner Krea­ti­vi­tät gefun­den.

Meine Eltern hatten ‚Die Welt‘ abon­niert. Damals war das noch eine links-libe­ra­le Zeitung, was man sich heute gar nicht mehr vorstel­len kann. Jeden­falls waren für mich die Jour­na­lis­ten, die für ‚Die Welt‘ schrie­ben, Helden, denen ich gerne nach­ei­fern wollte. Als ich dann für meine Schule eine Jahres­ar­beit über die Zeitung schrieb, konnte ich die Redak­ti­on besu­chen. Ich bin fast vor Ehrfurcht gestor­ben, als ich die Namens­schil­der meiner Helden auf den diver­sen Türen gese­hen habe. Mein beruf­li­ches Ziel stand danach
endgül­tig fest. Nach meiner Buch­händ­ler­leh­re und dem Ersatz­dienst studier­te ich an der Deut­schen Jour­na­lis­ten­schu­le in München. Da es damals die einzi­ge Jour­na­lis­ten­schu­le in Deutsch­land war, gab es einen entspre­chend großen Andrang. Im Vorfeld muss­ten alle 2.000 Bewer­ber eine Repor­ta­ge einrei­chen. Ledig­lich 40 Anwär­ter wurden zur münd­li­chen Prüfung einge­la­den, doch nur für 20 gab es einen Studi­en­platz. Einer davon war dann ich. “

Entlarvte Pseudo-Demokratie – Wilhelm Schmülling 0

Entlarvte Pseudo-Demokratie – Wilhelm Schmülling

Da sage noch einer, mehr Demo­kra­tie sei nicht möglich. Jetzt wurde sogar das Ergeb­nis des mühsam ausge­han­del­ten Koali­ti­ons­ver­trags den SPD-Mitglie­dern zur Abstim­mung vorge­legt. Welch ein Fort­schritt, so scheint es auf den ersten Blick. In Wirk­lich­keit war es der Versuch, eine im Wahl­kampf fest­ge­leg­te Aussa­ge zu umge­hen und den Mitglie­dern die davon abwei­chen­den Ergeb­nis­se der Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen schmack­haft zu machen. Schließ­lich wurden einige sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Forde­run­gen von der CDU über­nom­men, die Balsam für die sozia­le Seele beider Partei­en sind. Reichen die Beschlüs­se für eine ange­streb­te umfas­sen­de sozia­le Gerech­tig­keit? Wohl kaum.

Warum dieser nichts­nut­zi­ge Streit, ob die SPD mit der Mitglie­der­be­fra­gung zur großen Koali­ti­on die Verfas­sung bricht oder nicht. Auf jeden Fall war es eine Gele­gen­heit mehr Basis­de­mo­kra­tie zu wagen. Wenn man die gerin­ge Anzahl an Versamm­lungs­be­su­chern auf Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen der CDU zum Koali­ti­ons­ver­trag sieht, hat die CDU keinen Anlass zu über­heb­li­cher Kritik.

Das ist eben das Dilem­ma, in einer auf Kapi­tal­ertrag ausge­rich­te­ten Wirt­schafts­ord­nung die system­be­ding­te
Unge­rech­tig­keit produ­ziert sozia­le Gerech­tig­keit zu errei­chen. Das bleibt ein nicht zu lösen­des Problem. Denn Kapi­ta­lis­mus und Markt­wirt­schaft vertra­gen sich nicht, sind sogar krasse Gegen­sät­ze. Die stän­di­ge Gleich­set­zung beider in den Medien ist gewollt. Wer kann schon etwas gegen Markt­wirt­schaft einwen­den? Wer es doch tut, will die Plan­wirt­schaft, unter­stellt man. Und so werden von den Meinungs­bild­nern flugs die „Märkte“, die Kapi­tal­märk­te genann­te werden müss­ten, als Markt­wirt­schaft ausge­ge­ben. Und die Bezeich­nung „Finanz­in­dus­trie“ ist eben­falls ein Mogel­wort. Dort wird nichts produ­ziert, nur speku­liert.

Auf den Märk­ten der Real­wirt­schaft werden Waren und Dienst­leis­tun­gen der arbei­ten­den Menschen getauscht.
Würde auf den Märk­ten dieser Leis­tungs­trä­ger das Geld ausschließ­lich als Tausch­mit­tel einge­setzt und nicht
ein Teil an das Kapi­tal abge­zweigt werden, gäbe es kein Eigen­tum ohne Arbeit. Denn Eigen­tum kommt von eige­nem Tun. Die deut­sche Spra­che hat viele zutref­fen­de Ausdrü­cke, auch für Ökono­men. Auf den angeb­li­chen
Finanz­märk­ten werden ange­eig­ne­te Leis­tun­gen ande­rer Menschen für möglichst hohe Profi­te einge­setzt. Die
heute unter­schied­li­chen Ziel­rich­tun­gen der Märkte, die einen produ­zie­ren Waren, die ande­ren Profi­te, sind
das Grund­übel unse­rer Zeit.