Kategorie: Zeitschriftenarchiv

Andreas Bangemann 0

Wären Sie gerne reich, wenn Sie tot sind? – Editorial

Der welt­wei­te Wirt­schafts­leis­tungs­mo­tor läuft heiß und heißer. Das Ziel lautet Wohl­stand. Dafür scheint „Reich­tum“ unent­behr­lich zu sein. Diesem Ziel brin­gen wir Opfer.
Die Umwelt zum Beispiel. Oder die persön­li­che Gesund­heit. Wir bren­nen uns aus, denn das Bestre­ben steht über allem: Wohl­stand. Reich­sein. Dabei sind wir längst so reich wie nie zuvor in der Mensch­heits­ge­schich­te.
Gleich­zei­tig müssen wir uns aber mit zuneh­men­den Armuts­pro­ble­men befas­sen. Mauern mit Stachel­draht umge­ben die Paläs­te der Milli­ar­dä­re. In gepan­zer­ten Fahr­zeu­gen werden ihre Kinder, in Städ­ten wie São
Paulo, vorbei an den Blech­hüt­ten der Slums zur Schule gefah­ren. Auch in den wirt­schaft­lich leis­tungs­fä­higs­ten Ländern der Erde pral­len unbe­greif­li­che Gegen­sät­ze aufein­an­der.
Dabei erkennt man immer das iden­ti­sche Muster: prot­zi­ger Luxus und bekla­gens­wer­te Bedürf­tig­keit zur selben Zeit am glei­chen Ort. Reich­tum ist auf tragi­sche Weise ungleich verteilt. Warum ist das so?
Raymond Firth schrieb 1959 in seinen Studi­en zur Ökono­mie der neusee­län­di­schen Maori: „In den Wäldern von Neusee­land wie in den Savan­nen im Sudan, über­all ist eines Reali­tät: Fami­li­en, die Hunger erlei­den müssen
oder denen es an Lebens­not­wen­di­gem fehlt, sind in einem Dorf unmög­lich, in dem es Fami­li­en gibt, die üppig versorgt sind.“ Da drängt sich die Frage auf: Mit welchem Recht bezeich­nen wir Natur­völ­ker als „primi­tiv“?
„Reich­tum und Armut gehö­ren nicht in einen geord­ne­ten Staat“ erkann­te der 1930 verstor­be­ne Refor­mer Silvio Gesell im Laufe von Studi­en, die in sein Haupt­werk „Die Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung“ münde­ten.
Der Fran­zo­se Thomas Piket­ty ist 42 Jahre alt und gegen­wär­tig Wirt­schafts­pro­fes­sor an der „Paris School of Econo­mics“. Dieser Tage ist die engli­sche Über­set­zung seines Buches „Capi­tal in the 21st centu­ry“ (Kapi­tal im 21.
Jahr­hun­dert) erschie­nen. Der Wirt­schafts­no­bel­preis­trä­ger Paul Krug­man aus den USA bezeich­net das Werk als eines, das die Art wie wir über Gesell­schaft und Wirt­schaft denken, grund­le­gend verän­dern werde.
Piket­ty unter­such­te die Wirt­schafts­wachs­tums­pro­zes­se über einen langen Zeit­raum und glich die Ergeb­nis­se mit der Entwick­lung der Vertei­lung der Geld­ver­mö­gen ab. Dabei stell­te er fest, dass die Geld­ver­mö­gen stets schnel­ler
wuch­sen, als die Wirt­schafts­leis­tung. Bis zum Vorabend des 1. Welt­kriegs war demnach das Kapi­tal in Europa auf das 6- bis 7‑fache der gesam­ten Wirt­schafts­leis­tung eines Jahres ange­wach­sen. Eine Situa­ti­on, die mit der heuti­gen
vergleich­bar ist. Die wissen­schaft­li­che Erkennt­nis, die sich daraus ablei­tet, lautet: Wach­sen­de Geld­ver­mö­gen gehen grund­sätz­lich einher mit zuneh­men­der Ungleich­ver­tei­lung. Die Autoren der HUMANEN WIRTSCHAFT, allen voran Helmut
Creutz und der in der vorlie­gen­den Ausga­be schrei­ben­de Günther Moewes, bestä­ti­gen in mitt­ler­wei­le Jahr­zehn­te anhal­ten­der Arbeit Piket­tys jetzi­ge Forschungs­er­geb­nis­se. Der zu erwar­ten­de Erfolg des Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers
aus Paris wäre auch einer der akri­bisch im Hinter­grund forschen­den „freien Geis­ter“, die sich – teil­wei­se ein Leben lang – für die grund­le­gen­de Erneue­rung des Geld­sys­tems und des Boden­rechts einset­zen. Schließ­lich kamen
sie zu glei­chen Ergeb­nis­sen, nur ohne die Unter­stüt­zung eines Wissen­schafts­be­triebs. Thomas Piket­ty scheint der rich­ti­ge Mann zum passen­den Zeit­punkt zu sein. Das „Handels­blatt“ traut ihm
zu, er werde „Epoche machen“ und der engli­sche „Guar­di­an“ meint, er versen­ke „rigo­ros alles, was Kapi­ta­lis­ten über die Ethik des Geld­ma­chens denken“. Er kann es demnach schaf­fen, auf höchs­ter Ebene Bewe­gung in die
vermut­lich zentrals­te Aufga­be der Neuzeit zu brin­gen: die Erfor­schung des Geld­sys­tems und dessen Folgen. Können wir eine Kata­stro­phe, wie sie sich vor 100 Jahren schon einmal anbahn­te noch abwen­den?
Wenn die Raten des Geld­ver­mö­gens­wachs­tums dauer­haft über jenen des Wirt­schafts­wachs­tums liegen „neigt die Vergan­gen­heit dazu, die Zukunft zu verschlin­gen“, konsta­tiert Piket­ty. Das Schick­sal unse­rer Gesell­schaft
ist geprägt von der Domi­nanz ererb­ten Geld­ver­mö­gens. Wer tot ist, den hat die Vergäng­lich­keit des Lebens einge­holt. Die Ansprü­che der Geld­ver­mö­gen von Toten wach­sen genera­tio­nen­über­grei­fend weiter. Thomas Piket­ty
empfiehlt eine welt­weit orga­ni­sier­te Vermö­gens­steu­er gegen die Reich­tums­kon­zen­tra­ti­on. Das dürfte ein hinrei­chen­des Instru­ment für den erfor­der­li­chen schnel­len Eingriff darstel­len. Löst man damit das ursäch­li­che Problem
auf Dauer? Wenn Geld­ver­mö­gen (Kapi­tal) sich infol­ge Zins und Zinses­zins von selbst vermeh­ren und wach­sen­de Ansprü­che an zukünf­ti­ge Leis­tun­gen von Menschen stel­len, dann kann das Abschöp­fen infol­ge leis­tungs­lo­ser Einkom­men
entstan­de­nen Kapi­tals nur der erste Schritt sein. Warum soll­ten wir dabei stehen blei­ben und nur versu­chen, die Ergeb­nis­se eines unge­rech­ten und fehler­haf­ten Systems wieder zu vertei­len, anstatt nicht direkt derlei Erträ­ge
durch System­än­de­run­gen zu verhin­dern? Viele freie Geis­ter und Verfech­ter einer huma­nen Wirt­schaft befas­sen sich mit den Ursa­chen der Ungleich­ver­tei­lung. Sie erar­bei­ten dabei auch Lösungs­vor­schlä­ge.
Alles deutet darauf hin, dass die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten nach­zie­hen können.

Herz­lich grüßt Ihr Andre­as Bange­mann

Leserbriefe 02/2014 0

Leserbriefe 02/2014

Ihre Meinung ist uns wich­tig! Senden Sie uns Ihre Fragen, Anre­gun­gen oder persön­li­chen Meinun­gen. Wir bemü­hen uns, so viele Leser­brie­fe unter­zu­brin­gen, wie möglich. Wenn wir Leser­brie­fe kürzen, dann so, dass das Anlie­gen der Schrei­ben­den gewahrt bleibt. Leser­brie­fe geben nicht die Meinung der Redak­ti­on wieder.

Zum Arti­kel „Geht es auch ohne Geld?“ – Da wird meiner Meinung nach kräf­tig übers Ziel hinaus­ge­schos­sen.
Ich sehe das prag­ma­ti­scher. Sicher ist der Mensch Teil der Natur,
was bedeu­tet, dass er morgens wenn er aufge­stan­den ist, Hunger
hat und sich aufma­chen muss (etwa arbei­ten gehen?) um was
Essba­res zu finden. In der heuti­gen Zeit der arbeits­tei­li­gen Gesell­schaft
(finde ich gar nicht so schlecht) gehe ich um die Ecke zu meinem
Bäcker. Was aber wenn der Bäcker keine Lust hat und heute
lieber faul sein möchte? Und die Kassie­re­rin bei ALDI auch, dann
habe ich ein Problem. Geld an sich ist eine gute Erfin­dung, es darf
sich nur nicht von allei­ne vermeh­ren, es soll nur Tausch­mit­tel sein…

Papst Franziskus – Wegbereiter für die Überwindung der Dominanz des Ökonomischen? – Christoph Rinneberg 0

Papst Franziskus – Wegbereiter für die Überwindung der Dominanz des Ökonomischen? – Christoph Rinneberg

Seit dem 24. Novem­ber 2013 geht ein
Text um die Welt, den wohl kirchen­na­he
und erst recht kirchen­fer­ne Menschen
der katho­li­schen Kirche kaum zuge­traut
haben. Es ist das erste „Apos­to­li­sche
Schrei­ben“ des neuen Paps­tes in Rom,
der als erster sich durch seine Namens­ge­bung
mit Fran­zis­kus von Assisi verbin­det.
Vor rund 800 Jahren hat dieser
Fran­ces­co („klei­ner Fran­zo­se“), wie ihn
seine Eltern liebe­voll nann­ten, durch
sein radi­ka­les „Verlas­sen der Welt“
sein neues Verständ­nis von „Gott und
Mensch“ wieder in diese Welt gebracht
und durch sein Leben beglau­bigt. Wegen
seiner Glaub­wür­dig­keit hatten
manche seiner Zeit­ge­nos­sen in ihm gar
einen zwei­ten Chris­tus gese­hen.
Mit den Worten „Die Freude des
Evan­ge­li­ums sei immer in euren
Herzen“ lädt Papst Fran­zis­kus
alle „christ­gläu­bi­gen“ Menschen
ein, sich auf „Evan­ge­lii Gaudi­um“, die
Freude des Evan­ge­li­ums einzu­las­sen
– und könnte damit kaum protes­tan­ti­scher
sein. Evan­ge­li­um – über­setzt:
frohe Botschaft – ist zum Begriff für
eine Über­win­dung der Exis­tenz­ängs­te,
für eine Befrei­ung von TINA-diktier­ten
– „There Is No Alter­na­ti­ve“ – sog. Sach­zwän­gen
gewor­den. Der neue Papst
hat im Grunde von den ersten Minu­ten
an in seinem Amt durch ebenso über­ra­schen­de
wie glaub­wür­di­ge Gesten
dafür gesorgt, dass seine Worte kaum
Barrie­ren zu über­win­den haben, um
auch bei Menschen anzu­kom­men, die
sich nicht als „christ­gläu­big“ verste­hen.
Damit hat der Papst kein Wunder
voll­bracht, er hat sich „nur“ voll und
ganz – in Diet­rich Bonhoef­fers Sinne –
der Dies­sei­tig­keit dieser Welt und der
Aufga­be der christ­li­chen Kirchen in dieser
Welt gestellt: Leben geht vor Lehre,
könnte man seine so über­ra­schend
neu klin­gen­de Botschaft auf den Punkt
brin­gen.
In dieser Betrach­tung der umfang­rei­chen
– in 288 Absät­ze geglie­der­ten
und mit 217 Lite­ra­tur­ver­wei­sen verse­he­nen
– päpst­li­chen Botschaft soll es
in erster Linie um die Abschnit­te 52 bis
60 gehen, in denen „Einige Heraus­for­de­run­gen
der Welt von heute“ thema­ti­siert
werden. Diesen rund 3 Seiten Text
kann man unschwer eine der ärzt­li­chen
Profes­sio­na­li­tät entlie­he­ne Glie­de­rung
nach Symptom, Anamne­se, Diagno­se
und Thera­pie unter­le­gen:
Zu den Sympto­men erfah­ren wir:
„Die Mensch­heit erlebt im Moment eine
histo­ri­sche Wende, die wir an den Fort­schrit­ten
able­sen können, die auf verschie­de­nen
Gebie­ten gemacht werden.
Lobens­wert sind die Erfol­ge, die zum
Wohl der Menschen beitra­gen, zum Beispiel
im Bereich der Gesund­heit, der Erzie­hung
und der Kommu­ni­ka­ti­on. Wir
dürfen jedoch nicht verges­sen, dass der
größte Teil der Männer und Frauen unse­rer
Zeit in tägli­cher Unsi­cher­heit lebt,
mit unheil­vol­len Konse­quen­zen. Einige
Patho­lo­gien nehmen zu. Angst und Verzweif­lung
ergrei­fen das Herz vieler Menschen,
sogar in den soge­nann­ten reichen
Ländern. Häufig erlischt die Lebens­freu­de,
nehmen Respekt­lo­sig­keit und Gewalt
zu, die sozia­le Ungleich­heit tritt immer
klarer zutage. Man muss kämp­fen, um
zu leben – und oft wenig würde­voll zu leben….“
(52)
Ergän­zend hierzu wird in den folgen­den
Absät­zen u. a. der Hunger in der Welt,
das Wegwer­fen von Lebens­mit­teln, die
Speku­la­ti­on mit Nahrungs­mit­teln, die
Zunah­me des Reich­tums Weni­ger und
der Verar­mung Vieler, die ökono­mi­sche
Ausbeu­tung und die sozia­le Unter­drü­ckung
ange­führt.
Die Anamne­se ist nicht weni­ger deut­lich:
„Dieser epocha­le Wandel ist verur­sacht
worden durch die enor­men Sprün­ge, die
in Bezug auf Quali­tät, Quan­ti­tät, Schnel­lig­keit
und Häufung im wissen­schaft­li­chen
Fort­schritt sowie in den tech­no­lo­gi­schen
Neue­run­gen und ihren promp­ten
Anwen­dun­gen in verschie­de­nen Berei­chen
der Natur und des Lebens zu verzeich­nen
sind. Wir befin­den uns im Zeit­al­ter
des Wissens und der Infor­ma­ti­on,
einer Quelle neuer Formen einer sehr oft
anony­men Macht.“ (52)
Weiter lesen wir:
Das herr­schen­de „Ungleich­ge­wicht geht
auf Ideo­lo­gien zurück, die die abso­lu­te
Auto­no­mie der Märkte und die Finanz­spe­ku­la­ti­on
vertei­di­gen. Darum bestrei­ten
sie das Kontroll­recht der Staa­ten, die
beauf­tragt sind, über den Schutz des Gemein­wohls
zu wachen. …“(56)
Die Diagno­se bietet für jeder­mann nach­voll­zieh­ba­re
Erklä­run­gen:
Die unüber­seh­ba­re, zuneh­men­de sozia­le
Ungleich­heit hat sich nicht einfach so
erge­ben:
„… Heute spielt sich alles nach den Krite­ri­en
der Konkur­renz­fä­hig­keit und nach
dem Gesetz des Stär­ke­ren ab, wo der
Mäch­ti­ge­re den Schwä­che­ren zunich­te
macht. Als Folge dieser Situa­ti­on sehen
sich große Massen der Bevöl­ke­rung ausge­schlos­sen
und an den Rand gedrängt:
Ohne Arbeit, ohne Aussich­ten, ohne Ausweg.
Der Mensch an sich wird wie ein
Konsum­gut betrach­tet, das man gebrau­chen
und dann wegwer­fen kann. Wir haben
die ‚Wegwerf­kul­tur‘ einge­führt, die
sogar geför­dert wird. Es geht nicht mehr
einfach um das Phäno­men der Ausbeu­tung
und der Unter­drü­ckung, sondern
um etwas Neues: Mit der Ausschlie­ßung
ist die Zuge­hö­rig­keit zu der Gesell­schaft,
in der man lebt, an ihrer Wurzel getrof­fen,
denn durch sie befin­det man sich nicht in
der Unter­schicht, am Rande oder gehört
zu den Macht­lo­sen, sondern man steht
drau­ßen. Die Ausge­schlos­se­nen sind
nicht ‚Ausge­beu­te­te‘, sondern Müll, ‚Abfall‘.“
(53)
Die „Trick­le-Down-Theo­rie“ geht davon
aus, „dass jedes vom freien Markt begüns­tig­te
Wirt­schafts­wachs­tum von sich
aus eine größe­re Gleich­heit und sozia­le
Einbin­dung in der Welt hervor­zu­ru­fen vermag.
Diese Ansicht, die nie von den Fakten
bestä­tigt wurde, drückt ein undif­fe­ren­zier­tes,
naives Vertrau­en auf die Güte
derer aus, die die wirt­schaft­li­che Macht in
Händen halten, wie auch auf die vergöt­ter­ten
Mecha­nis­men des herr­schen­den
Wirt­schafts­sys­tems. … Um einen Lebens­stil
vertre­ten zu können, der die ande­ren
ausschließt, … hat sich eine Globa­li­sie­rung
der Gleich­gül­tig­keit entwi­ckelt. Fast
ohne es zu merken, werden wir unfä­hig,
Mitleid zu empfin­den gegen­über dem
schmerz­vol­len Aufschrei der ande­ren, wir weinen nicht mehr ange­sichts des Dramas
der ande­ren, noch sind wir daran
inter­es­siert, uns um sie zu kümmern, als
sei all das eine uns fern liegen­de Verant­wor­tung,
die uns nichts angeht. Die Kultur
des Wohl­stands betäubt uns….“ (54)
Ein Grund für die in (54) geschil­der­te Situa­ti­on
„… liegt in der Bezie­hung, die wir
zum Geld herge­stellt haben, denn fried­lich
akzep­tie­ren wir seine Vorherr­schaft
über uns und über unsere Gesell­schaf­ten.
Die Finanz­kri­se, die wir durch­ma­chen,
lässt uns verges­sen, dass an ihrem
Ursprung eine tiefe anthro­po­lo­gi­sche Krise
steht: die Leug­nung des Vorrangs des
Menschen! Wir haben neue Götzen geschaf­fen.
Die Anbe­tung des anti­ken golde­nen
Kalbs (vgl. Ex. 32, 1–35) hat eine
neue und erbar­mungs­lo­se Form gefun­den
im Feti­schis­mus des Geldes und in
der Dikta­tur einer Wirt­schaft ohne Gesicht
und ohne ein wirk­lich mensch­li­ches
Ziel. Die welt­wei­te Krise, die das Finanz­we­sen
und die Wirt­schaft erfasst, macht
ihre Unaus­ge­gli­chen­hei­ten und vor allem
den schwe­ren Mangel an einer anthro­po­lo­gi­schen
Orien­tie­rung deut­lich – ein
Mangel, der den Menschen auf nur eines
seiner Bedürf­nis­se redu­ziert: Auf den
Konsum.“ (55)

Kant nennt es „Unrecht“ – Thomas Mohrs 0

Kant nennt es „Unrecht“ – Thomas Mohrs

Warum die Geheim­ver­hand­lun­gen über das Handels­ab­kom­men TTIP ein Kultur­bruch sind und warum die Philo­so­phie Einspruch erhebt.

Wie hieß das doch beim alten Kant:
„Alle auf das Recht ande­rer Menschen
bezo­ge­ne Hand­lun­gen, deren Maxime
sich nicht mit der Publi­ci­tät verträgt,
sind Unrecht.“ Über­setzt: Jegli­che
poli­ti­sche Maßnah­me, die vor
ihrer Imple­men­tie­rung das Licht der
Öffent­lich­keit scheu­en muss, ist per
defi­ni­tio­nem Unrecht. 1795 hat Imma­nu­el
Kant das geschrie­ben, in seinem
„Ewigen Frie­den“, einer der ersten
echten Globa­li­sie­rungs-Theo­rien. Und
irgend­wie ist noch immer was dran an
dieser „Publizitäts“-These.
Nehmen wir zum Beispiel diese
„Trans­at­lan­tic Trade and Invest­ment
Part­ners­hip“ (TTIP), das
größte „Frei­han­dels­ab­kom­men“ aller
Zeiten, das gerade zwischen der EU und
Nord­ame­ri­ka ausge­han­delt wird. Nein:
Nennen wir das Kind beim Namen:
das gerade übern großen Teich hinweg
in Brüs­sel und Washing­ton ausge­mau­schelt
wird. Unter Ausschluss
der Öffent­lich­keit, geheim, hinter verschlos­se­nen
Türen. Abge­schirmt von
Vertre­tern demo­kra­tisch gewähl­ter
Parla­men­te und erst recht von NGOs
und Verbrau­cher- und Konsu­men­ten­schutz­ver­bän­den.
Denn die könn­ten den versam­mel­ten
Lobby­is­ten der globa­len Konzer­ne
und Inves­to­ren womög­lich in die Suppe
spucken – in die Hühner­sup­pe gewis­ser­ma­ßen.
Denn: Wenn das funk­tio­niert
mit der TTIP (bzw. der TAFTA:
Trans­at­lan­tic Free Trade Area), dann
können sich beispiels­wei­se ameri­ka­ni­sche
Fleisch­kon­zer­ne mit ihren
Chlor­hüh­nern, die derzeit in Europa
aufgrund der stren­ge­ren Hygie­ne-
Stan­dards verbo­ten sind, in den euro­päi­schen
Markt einkla­gen. Einfach
so, weil diese „über­zo­ge­nen“ euro­päi­schen
Stan­dards ein Chlor­huhn-Inves­ti­ti­ons­hemm­nis
darstel­len und damit
zukünf­ti­ge mögli­che Gewin­ne der Konzer­ne
gefähr­den.
Und wenn ein euro­päi­scher Staat sich
weigern sollte? Dann entschei­det nicht
die natio­na­le oder die euro­päi­sche Gerichts­bar­keit,
sondern im Rahmen des
Frei­han­dels­ab­kom­mens orga­ni­sier­te
Tribu­na­le, beschickt von inter­na­tio­na­len
Anwalts­kanz­lei­en, deren Vertre­ter
heute Kläger, morgen Vertei­di­ger,
über­mor­gen Rich­ter sind. Und wenn
das von der Welt­bank (!) beauf­sich­tig­te
Tribu­nal entschei­det, dass der reni­ten­te
Staat die „erwar­te­ten künf­ti­gen
Profi­te“ des Konzerns XY „unrecht­mä­ßig“
gefähr­det, dann ist dieser Staat
gezwun­gen, seinen Markt für das
strit­ti­ge Produkt – ob Chlor­huhn, Hormon­fleisch,
genver­än­der­tes Saat­gut,
„groß­zü­gig“ geprüf­te Phar­ma­pro­duk­te,
Benzin mit toxi­schen Zusatz­stof­fen
or whate­ver – zu öffnen. Oder millio­nen­schwe­re
Entschä­di­gun­gen zu zahlen.
Aus Steu­er­gel­dern, versteht sich.
Ein Witz zur Faschings­zeit? Schön
wär’s, wenn auch nur bedingt lustig.
Nein, es ist kein Witz und lustig
schon gar nicht: Was mit dem TTIP auf
uns zukommt, ist – wie es „Le Monde
diplo­ma­tique“ formu­liert – ein
„Staats­streich in Zeit­lu­pe“, die klamm­heim­li­che
Instal­la­ti­on einer „Wirt­schafts-
NATO“, deren Befug­nis­se
buch­stäb­lich gren­zen-los sind. Es ist ein Kultur-Bruch von funda­men­ta­lem
Ausmaß: die totale Unter­wer­fung
des Primats der Poli­tik unter das
Primat der Wirt­schaft.
Daher ist es nötig, das Mons­trum TTIP
als „auf das Recht ande­rer Menschen
bezo­ge­ne Hand­lung“ ins Licht der Öffent­lich­keit
zu stel­len, um zu zeigen,
was es ist: Unrecht!

Vision oder Privatvergnügen? – Pat Christ 0

Vision oder Privatvergnügen? – Pat Christ

Leben ohne Geld und möglichst ohne Bedürf­nis­se wird zum neuen Nischen­li­fe­style.

Er wollte nicht länger um das Golde­ne
Kalb tanzen. Darum entschied sich
Rapha­el Fell­mer vor drei Jahren, in
„Geld­streik“ zu treten. Seit­her macht
er damit Furore. Wobei er keines­wegs
der einzi­ge ist, der sich (vorüber­ge­hen­de?)
„Geld­lo­sig­keit“ zum Ideal
erko­ren hat. Heide­ma­rie Schwer­mer
entschied sich bereits 1996, ohne
Geld zu leben. Mark Boyle gab immer­hin
ein Jahr lang den Konsum­ver­wei­ge­rer.
Auch die Vaga­bun­den­blog­ge­rin
Michel­le stieg für ein Jahr aus und lebte
ohne Heller und Pfen­nig.
Einmal aussche­ren – wer wünsch­te
sich das nicht. Dazu hat auch
jeder das Recht. Inter­es­sant sind
die Missio­nen, die hinter dem jewei­li­gen
Ausstieg stecken. So hat Rapha­el
Fell­mer mit seiner Aktion die „Lage
der Welt“ und die ganze Mensch­heit im
Blick. Darun­ter macht er es nicht. „Mein
Geld­streik ist sehr breit ange­legt“,
meint er im Gespräch mit der HUMANEN
WIRTSCHAFT. Er ist gegen den Kapi­ta­lis­mus.
Gegen die Verschwen­dung.
Gegen die Ausbeu­tung von Tieren. Gegen
die Umwelt­ver­schmut­zung. Als ein
„Ausru­fe- und ein Frage­zei­chen“, sagt
er uns, sehe er seinen Streik.
Fell­mer tramp­te länge­re Zeit und kam
dadurch auf den Geschmack der Frei­heit
und zu seiner Lebens­phi­lo­so­phie.
Man lerne die Dinge mehr zu schät­zen,
wenn man sie nicht einfach kaufen kann,
meint er. „Wenn zum Beispiel beim Tram­pen
endlich ein Auto hält, freut man sich
viel mehr, als wenn man einfach in den
nächs­ten Bus steigt und 2,50 Euro zahlt“,
so der 30-Jähri­ge. Das leuch­tet ein.
Und es erin­nert an „On The Road“, die
Bibel der Beat-Genera­ti­on. Auch hier
nehmen sich junge Menschen eine
Frei­heit, die ihnen die Gesell­schaft
frei­wil­lig nicht gibt. Aber dieses Buch
kennt Fell­mer nicht. „Ich bin nicht sehr
bele­sen“, gibt er zu. Und das ist spür­bar.
Über­haupt hat es Fell­mer nicht mit
Theo­rien und Philo­so­phien.
Einfach gestrick­tes Welt­bild
Sein einfach gestrick­tes Welt­bild weist
ihn denn auch nicht gerade als Fein­geist
aus. Da gibt es die wenig anspruchs­vol­len
Kate­go­rien „Ja“ bezie­hungs­wei­se
„gut“ und „Nein“ bezie­hungs­wei­se
„schlecht“. Rapha­el Fell­mer ist gegen
alles, was nicht gut ist: Den millio­nen­fa­chen
Hunger in der Welt, das „Killen“
von Tieren, die Zerstö­rung der Natur.
Und er ist für alles, was gut ist. Die Liebe.
Die Mensch­heit. Und derglei­chen.
Dass er auf alles eine Antwort parat hat,
wirkt ein wenig ober­schlau. Ober­fried­lich
und ober­öko­lo­gisch ist er sowie­so.
Nur mit Details, stets die Krux an jeder
Proble­ma­tik, hält er sich nicht lange
auf. Irgend­wie scheint es für ihn nichts
tiefer zu verste­hen zu geben… Das ist
entwaff­nend. Dafür mögen ihn viele. Ist
doch die Sehn­sucht nach einfa­chen Erklä­run­gen
und einfa­chen Lösun­gen in
unse­rer hoch­kom­ple­xen Welt groß. Und
wer möchte Kämp­fer für das Gute nicht
gern unter­stüt­zen?
Seine Habe musste er vor seinem Frei­heits­sprung
übri­gens nicht in einem Depot
unter­brin­gen. Fell­mer hat ein Dach
überm Kopf. Bis Ende vergan­ge­nen
Jahres lebte er mit seiner Frau und der
zwei­jäh­ri­gen Toch­ter Alma umsonst im
Frie­dens­haus von Berlin. Zu Jahres­be­ginn
zog er um. Eine Fami­lie nahm die
drei auf: „Wir haben dort ein Zimmer in
einer Fünf-Zimmer-Wohnung.“ Zu eng?
Aber Fell­mer ist ja ohne­hin dauernd
unter­wegs. Vor allem seit sein Buch erschie­nen
ist. Daran verdient er im Übri­gen
nicht, betont er uns gegen­über. Als E‑Book sind die Seiten kosten­los herun­ter­zu­la­den.
Von der Aufla­ge wird ein
Drit­tel verschenkt. Der Rest fließt zur
Kosten­de­ckung an den Verlag.
Den Ausschlag für die Entschei­dung,
geld­los zu leben, gab eine Tramp­tour
mit Freun­den nach Mexiko. „Er hatte
kein Geld, kam aber trotz­dem immer
weiter“, schreibt Birgit Baumann über
ihn im „Stan­dard“. „Über den Atlan­tik
nahmen ihn Italie­ner mit dem Segel­boot
mit, in Brasi­li­en saß er hinten auf alten
Last­wa­gen. Er schlief bei der Feuer­wehr
und in Schu­len, von Restau­rants nahm
er sich, was ohne­hin übrig war. Im Gegen­zug
bot er seine Arbeits­kraft an.“
Wer hätte auf solche Sensa­tio­nen in der
großen weiten Welt in jungen Jahren
keine Lust? Die meis­ten jungen Aben­teu­rer
aller­dings lassen es bei einem
einma­li­gen Erleb­nis bewen­den. Nicht
so Rapha­el Fell­mer. Er beschloss nach
seiner Rück­kehr, fortan auch in Berlin
geld­los zu leben.

Verdientes Denkmal für einen großen Freiwirtschafter – Buchrezension von Heinz Girschweiler 0

Verdientes Denkmal für einen großen Freiwirtschafter – Buchrezension von Heinz Girschweiler

Andre­as Müller beleuch­tet Leben und Gedan­ken Fried­rich Salz­manns in einer Biogra­fie.

Er war ein klei­ner, feiner Mann, dazu
ein Leben lang körper­lich behin­dert:
Deshalb zählt Fried­rich Salz­mann
(1915–1990) nicht zu den lauten und
vorder­grün­dig nicht zu den bekann­tes­ten
Köpfen unter den Schwei­zer
Frei­wirt­schaf­tern. Fritz Schwarz, Hans
Konrad Sonder­eg­ger, Hans Bernoul­li,
Werner Schmid und Werner Zimmer­mann
stehen für viele in dieser ersten
Reihe. Zu ihnen gehört aber unzwei­fel­haft
auch Fried­rich Salz­mann. Wer
es nicht ohne­hin schon wusste, dem
macht dies die neu erschie­ne­ne Biogra­fie
klar.
Der Sohn eines Schwei­zer Kauf­manns
– in Persi­en gebo­ren, in
Berlin und in der Schweiz aufge­wach­sen
– hat ein beein­dru­cken­des
schrift­li­ches Werk hinter­las­sen,
und er setzte sich ein Leben lang für
die Umset­zung der Erkennt­nis­se Silvio
Gesells ein.
Schon in der Jugend infi­ziert
Salz­mann kam schon im Eltern­haus
mit den frei­wirt­schaft­li­chen Ideen
in Kontakt. Ja er begeg­ne­te als Jüng­ling
auch noch Silvio Gesell, kurz vor
dessen Tod. So war es für den aufge­weck­ten
jungen Mann eine Selbst­ver­ständ­lich­keit,
sich in der frei­wirt­schaft­li­chen
Jugend­be­we­gung zu
enga­gie­ren. Und früh schon trat er
nach einer kauf­män­ni­schen Lehre
auch als Redner an öffent­li­chen Veran­stal­tun­gen
auf. Als blut­jun­ger Korre­spon­dent
in Paris berich­te­te er für
das „Freie Volk“ über die große Poli­tik
im Vorkriegs­frank­reich. Nach seiner
Rück­kehr trat er – an der Seite des
legen­dä­ren Fritz Schwarz – in die Redak­ti­on
des frei­wirt­schaft­li­chen Organs
ein. Er prägte es entschei­dend
mit. Und er war – zusam­men mit Werner
Schmid – trei­ben­de Kraft bei der
Grün­dung der Libe­ral­so­zia­lis­ti­schen
Partei (LSP) im Jahre 1946. Denn Salz­mann
war über­zeugt, dass man sich
poli­tisch einmi­schen musste, wenn
man die gute Sache vorwärts­brin­gen
wollte.
Als in den Fünf­zi­ger­jah­ren die wirt­schaft­li­che
Basis für die frei­wirt­schaft­li­che
Wochen­zei­tung zuse­hends
schwand, fasste Salz­mann
schwe­ren Herzens einen Entschluss:
Er folgte einem Ruf des Schwei­zer Radios
und trat in deren Inland­re­dak­ti­on
ein. Weil er dank seiner welt­läu­fi­gen
Erzie­hung ein ausge­spro­chen
gepfleg­tes Hoch­deutsch sprach und
über eine tiefe, ruhige Stimme verfüg­te,
war er fürs Radio gebo­ren.
Und Salz­mann blühte in diesem Medium
auf. Er wurde zum aner­kann­ten
Chef der Inland­ab­tei­lung, er mode­rier­te
poli­ti­sche Streit­ge­sprä­che,
und er führte die erste kriti­sche Sendung
für Konsu­men­ten ein. „Mit kriti­schem
Grif­fel“ hieß sie und wurde zur
damals besten Sende­zeit am frühen
Sams­tag­nach­mit­tag ausge­strahlt.
Dann, 1971, wurde er auf der Liste des
Landes­rings der Unab­hän­gi­gen in
Bern über­ra­schend in den Natio­nal­rat
gewählt. Dort fiel er als seriö­ser
Arbei­ter in den Kommis­sio­nen (etwa
zum Medi­en­recht) und als uner­bitt­li­cher
Kriti­ker der bundes­rät­li­chen
Wirt­schafts- und Konjunk­tur­po­li­tik
auf. Dann kam zu seiner Behin­de­rung
durch eine Kinder­läh­mung noch die
Parkin­son-Krank­heit hinzu, und er
musste deshalb 1978 schwe­ren Herzens
aus dem Natio­nal­rat zurück­tre­ten.
Die folgen­den Jahre waren dann
– er hatte seine gelieb­te Gattin, Gefähr­tin
und Betreue­rin Hilde Grünig
schon früh verlo­ren – von einer zuneh­men­den
Verein­sa­mung geprägt.
Seine letz­ten fünf Jahre verbrach­te er
in einem Berner Pfle­ge­heim.
Radi­ka­ler Denker
Neben seinem beruf­li­chen Wirken
und der direk­ten poli­ti­schen Arbeit
steht das schrift­stel­le­ri­sche Werk
Salz­manns. Er hat rund ein Dutzend
Bücher geschrie­ben, dazu zahl­rei­che
Schrif­ten und Tausen­de von Arti­keln.
In „Bürger für die Geset­ze“ (1949)
setzt sich der leiden­schaft­li­che Libe­ra­le
kritisch mit dem Staat als Erzie­her
ausein­an­der und fordert einen
freien Bildungs­markt. In „Jenseits der
Inter­es­sen­po­li­tik“ (1953) widmet er
sich der gros­sen Ausein­an­der­set­zung
zwischen Kommu­nis­mus und Kapi­ta­lis­mus
und plädiert für eine wahr­haft
libe­ra­le Wirt­schafts­ord­nung mit
star­ken staat­li­chen Leit­plan­ken. Und
in „Mit der Frei­heit leben“ (1961) vertieft
er diese Ausein­an­der­set­zung
zwischen den beiden riva­li­sie­ren­den
Gesell­schafts­sys­te­men und fordert
seinen radi­kal libe­ral­so­zia­len drit­ten
Weg.
Salz­manns Biograf weist mit Recht
auf dessen letzte Schrift „Gedan­ken
zu einer lebens­wer­ten Zukunft“
(1985) als eigent­li­ches gedank­li­ches
Vermächt­nis hin. Die program­ma­ti­sche
Schrift fasst die Posi­tio­nen der
Libe­ral­so­zia­lis­ten – wohl­be­grün­det
und konzen­triert – zusam­men. Sie
entstand in enger Zusam­men­ar­beit
mit dem dama­li­gen Sekre­tär der Partei,
Hans Barth. Der Einlei­tungs­satz
ist typisch für das Bürger­ver­ständ­nis
des philo­so­phisch denken­den und
02/2014 www.humane-wirtschaft.de 37
poli­ti­schen handeln­den Menschen
Fried­rich Salz­mann:
„Wir sind nicht nur verant­wort­lich
für das, was wir tun, sondern
auch für alles, was wir wider­spruchs­los
dulden.“

Der spaltende Geist und das Geldsystem – Peter Berner 0

Der spaltende Geist und das Geldsystem – Peter Berner

Für eine Diskus­si­ons­kul­tur im Geiste inte­gra­ler Wahr­heits­fin­dung.

Meine voran­ge­stell­ten Ausfüh­run­gen
über den Umgang mit Bösem und Gutem
in unse­rer poli­ti­schen Kultur („Vom
spal­ten­den Geist zu inte­gra­ler Poli­tik“,
HUMANE WIRTSCHAFT 01/2014) ende­ten
mit einer Beschrei­bung der posi­ti­ven
Erfah­rung, die ich mit der Dialog-
Metho­de nach David Bohm in einer
Gesprächs­grup­pe zum Thema „Inte­gra­le
Poli­tik“ gemacht habe. Hier wurde
modell­haft jene „inte­gra­le Wahr­heits­fin­dung“
prak­ti­ziert, die ich für
geeig­net halte, den spal­ten­den Geist,
welcher unsere poli­ti­sche Kultur heute
beherrscht, zu über­win­den und ein
huma­nes, fried­vol­les, nach­hal­tig wirt­schaf­ten­des
Gemein­we­sen zu entwi­ckeln
und zu gestal­ten.
Inte­gra­le Wahr­heits­fin­dung
Wieso müssen wir uns über Wahr­heits­fin­dung
über­haupt Gedan­ken machen?
„Wenn ich wissen will, ob es drau­ßen
regnet, gehe ich ans Fens­ter und schaue
nach“, sagt Ken Wilber, und wenn du
mich nach dem Weg zum Bahn­hof fragst
und ich ihn kenne und dir zeige, wissen
wir hinter­her beide, was vorher nur ich
wusste. Wo also liegt das Problem? Nun
– über­all dort, wo ein Bereich der Wirk­lich­keit
komple­xer wird und nicht mehr
durch einen einfa­chen Erkennt­nis­akt zu
erfas­sen ist wie das gegen­wär­ti­ge Wetter
oder der Weg zum Bahn­hof, wird es
natür­lich etwas schwie­ri­ger. Und dies
ist mit vielen Wirk­lich­keits­be­rei­chen,
mit denen wir uns als mensch­li­che Gemein­schaf­ten
befas­sen, eben der Fall –
von der Gestal­tung eines Gartens über
die Leitung eines Unter­neh­mens bis hin
zum Design des welt­wei­ten Geld­sys­tems
oder gar einer geziel­ten Beein­flus­sung
des Erdkli­mas.
In einem solchen Fall kann jede® der
Betei­lig­ten in der Regel nur einen Teil
der Wirk­lich­keit, die gerade zu unter­su­chen
oder zu gestal­ten ist, erken­nen
und verste­hen – was eben­falls
so lange unpro­ble­ma­tisch ist, wie ich
als Betrof­fe­ne® mir dessen bewusst
bin, wo die Gren­zen meines Wissens
liegen. Genau hier aber setzen die
Schwie­rig­kei­ten ein, mit denen wir im
gesell­schaft­li­chen Leben oft zu tun bekom­men,
sei es im Alltag, in der Wissen­schaft
oder in der Poli­tik. Proble­ma­tisch
wird es nämlich dann, wenn
die Menschen, die an einem gemein­sa­men
Prozess der Wahr­heits- und
Entschei­dungs­fin­dung betei­ligt sind,
ihr jewei­li­ges persön­li­ches Teil­wis­sen
(ihre „Halb­wahr­heit“) fälsch­lich mit
der gesam­ten Wahr­heit gleich­set­zen.
Daraus entsteht ein Habi­tus, den ich
als „Hoch­mut der Halb­wahr­heit“ bezeich­nen
möchte. Dieser kann auf unter­schied­li­che
Weise gelebt werden,
sei es ganz offen als missio­na­ri­sche
Haltung, welche die ande­ren über­zeu­gen
und „bekeh­ren“ will oder eher indi­rekt
als jene in der Poli­tik „demo­kra­ti­scher“
Gesell­schaf­ten heute gängi­ge
Haltung, welche versucht, durch Mani­pu­la­ti­ons-
und Macht­mit­tel verschie­de­ner
Art Mehr­hei­ten (oder einfluss­rei­che
Minder­hei­ten) hinter der eige­nen
Posi­ti­on zu versam­meln.
Denn es ist nicht allein die Komple­xi­tät
der Tatsa­chen, die eine Wahr­heits­fin­dung
erschwert. Wir Menschen
haben seit vielen Jahr­tau­sen­den billi­gend
unter­stützt oder aktiv daran mit
gear­bei­tet, dass unsere geis­tig-seeli­sche
Schöp­fer­kraft an pries­ter­li­che
Hier­ar­chien oder tech­ni­sche Syste­me
dele­giert und infol­ge­des­sen weit­ge­hend
dege­ne­riert wurde. Dies begann
mit der Einfüh­rung der Schrift
in den alten Hoch­kul­tu­ren, die gemäß
der Warnung dama­li­ger Weiser
tatsäch­lich kollek­tiv unser Gedächt­nis
schwäch­te und endet wahr­schein­lich
noch nicht bei den heuti­gen Navi­ga­ti­ons­sys­te­men,
die begin­nen,
unsere Fähig­keit zu räum­li­cher Orien­tie­rung
verküm­mern zu lassen. Eine
heraus­ra­gen­de Rolle spielt dabei
das Verküm­mern unse­res Wahr­heits­sin­nes
durch einen weit­ge­hen­den Verlust
unse­rer „Seelen­ver­an­ke­rung“,
unse­rer inne­ren Verbin­dung mit jenem
tran­szen­den­ten Seins­grund, dem wir
entstam­men, und damit eine Schwä­chung
unse­rer urei­gens­ten Gewis­sens­bin­dung
oder mora­li­schen Urteils­kraft
– und deren Abtre­tung an äußere Hier­ar­chien,
zunächst an die Pries­ter
der verschie­de­nen Reli­gio­nen, heute
zuneh­mend an die Exper­ten der mate­ria­lis­ti­schen
Wissen­schaft und die Produ­zen­ten der moder­nen Massen­me­di­en,
wobei ich diese beiden Syste­me
zusam­men­ge­fasst als „Wahr­heits­in­dus­trie“
bezeich­nen möchte.
Wer heute die Welt, in der wir leben,
möglichst ganz­heit­lich verste­hen will,
muss zwei Schlei­er durch­sto­ßen: zum
einen den psycho­lo­gi­schen Schlei­er
aus Versu­chun­gen zu Scham, Schuld­ge­füh­len,
ohnmäch­ti­ger Resi­gna­ti­on,
pani­scher Angst, priva­ti­sie­ren­der Gier,
heili­gem Zorn oder selbst­ge­rech­ter,
das Böse auf Gegner proji­zie­ren­der
Fehler­su­che, der sich oft vor eine unge­schmink­te
Erkennt­nis der Tatsa­chen
schiebt – zum ande­ren den Schlei­er der
veröf­fent­lich­ten Meinung, den die oben
genann­te Wahr­heits­in­dus­trie über uns
ausbrei­tet. Und groß ist die Versu­chung,
alter­na­ti­ve Wahr­heits­su­che so
zu betrei­ben, dass das Modell „hier
Exper­ten­tum – dort gläu­bi­ge Gefolg­schaft“
einfach kopiert und mit ande­ren,
schein­bar besse­ren oder rich­ti­ge­ren
Inhal­ten verse­hen wird – und dann
versucht wird mit den großen Syste­men
in Konkur­renz zu gehen (was in der Regel
in Einver­lei­bung oder Vernich­tung
der alter­na­ti­ven Heraus­for­de­rung endet),
anstatt diese Dyna­mik grund­sätz­lich
zu tran­szen­die­ren.
Dies nämlich erfor­dert einen Weg, den
ich „Demut der Halb­wahr­heit“ nennen
würde. Hier eben betre­ten wir den Bereich
dessen, was ich[1] als „inte­gra­le
Wahr­heits­fin­dung“ bezeich­nen möchte.
Denn hier wählen wir als Betei­lig­te
eine Grund­hal­tung, die besagt: Da ich
davon ausge­hen kann, dass ich allein
die komple­xe Wirk­lich­keit nicht über­bli­cke
(auch wenn es noch so sehr den
Anschein haben mag), da es aber für
eine gute Entschei­dung des Gemein­we­sens
wich­tig ist, dass wir der jeweils
zutref­fen­den Wahr­heit so nah wie möglich
kommen, bin ich als Teil dieses Gemein­we­sens
essen­zi­ell darauf ange­wie­sen,
dass auch alle ande­ren Betei­lig­ten
ihre Teil­wahr­heit, ihren Zugang zum
Ganzen, eben­falls in den „Pool“ hinein
geben. Das bedeu­tet prak­tisch: Wer
eine profi­lier­te Posi­ti­on bezieht, die mir
befremd­lich erscheint, löst nicht mehr
– wie bisher üblich – den Reflex aus,
ihn in die rich­ti­ge Schub­la­de einzu­ord­nen
und mir damit gege­be­nen­falls vom
Leib zu halten, sondern wird inner­lich
1 in Anleh­nung an die inte­gra­le Philo­so­phie nach Jean
Gebser, Ken Wilber und ande­ren
will­kom­men gehei­ßen als eine Person,
die – über die Stimme ihres Gewis­sens,
welche jede(n) Einzelne(n) an das univer­sel­le
Bewusst­sein zurück bindet
– die Wahr­heits­fin­dung der Gemein­schaft
vervoll­stän­digt.

Unvergängliche Spuren am Strand des Lebens – Die Redaktion 0

Unvergängliche Spuren am Strand des Lebens – Die Redaktion

In memo­ri­am Margrit Kenne­dy.

Am 28. Dezem­ber 2013 verstarb
Margrit Kenne­dy in ihrem Zuhau­se
in Stey­er­berg an Krebs.
Bereits Ende der 70er Jahre begann
sie, inner­halb der beruf­li­chen Tätig­keit
als Archi­tek­tin und Stadt­pla­ne­rin
die ökolo­gi­schen Fragen in
den Mittel­punkt ihres Wirkens zu stel­len.
Ihr Leben bekam jedoch ab 1982
eine unvor­her­seh­ba­re Wendung. Sie
entdeck­te die Ursa­chen für jene Auswir­kun­gen,
die ihre Arbeit als umwelt­be­wusst
denken­de Wissen­schaft­le­rin
und Plane­rin stets maßgeb­lich und vor
allen Dingen nega­tiv beein­träch­tig­ten
im herr­schen­den Geld­sys­tem. Sie war
über­zeugt, dass die Mecha­nis­men einer
auf unend­li­ches Wachs­tum ausge­rich­te­ten
Wirt­schaft niemals mit den
Erfor­der­nis­sen eines respekt­vol­len
und wert­schät­zen­den Umgangs mit
der Natur verein­bar sind. Auch erkann­te
sie, wie die zuneh­men­den sozia­len
Verwer­fun­gen eng mit dem Geld­sys­tem
zusam­men hingen, das vor allen
Dingen zu einem präde­sti­niert war:
Immense Geld­ver­mö­gen bei einer verschwin­dend
gerin­gen Zahl von Menschen
zu kumu­lie­ren. Und das auf Kosten
und zu Lasten der Gesamt­heit. Die
beruf­li­che und gesell­schaft­li­che Stel­lung
erlaub­te es ihr, sich auf wirkungs­vol­le
Weise für Verän­de­run­gen stark­zu­ma­chen.
Doch Margrit Kenne­dy beließ
es nicht bei theo­re­ti­schen Forde­run­gen
an abstrak­te Adres­sa­ten.
Sie ergriff Initia­ti­ve und nutzte inter­na­tio­na­le
Erfah­rung und den Fundus an
Kontak­ten, um konkre­te Projek­te in die
Tat umzu­set­zen.
Sowohl im deutsch­spra­chi­gen Raum
als auch welt­weit wäre die Entwick­lung
komple­men­tä­rer Währun­gen heute
nicht auf dem Stand, auf dem sie
sich befin­det.
Mit Margrit Kenne­dy verliert diese Bewe­gung
zwar eine der heraus­ra­gen­den
Kräfte, aber Impul­se sind längst
in wegwei­sen­den Projek­ten verwirk­licht,
sodass der Geist ihrer Arbeit unver­wüst­li­che
Früch­te trägt. Mit „Geld
ohne Zinsen und Infla­ti­on“ legte sie
bereits 1991 ein leicht verständ­li­ches
Buch vor. Unzäh­li­gen Menschen
wurde damit der Blick in die Welt der
schein­bar undurch­sich­ti­gen Zusam­men­hän­ge
des Geldes geschärft. „Occupy
Money«, ihre letzte Buch­ver­öf­fent­li­chung,
hat die sich welt­weit
formie­ren­de Bewe­gung von Protest­grup­pen
mit grund­le­gen­dem Wissen
inspi­riert. Wissen, das Instru­men­te an
die Hand gibt, mit denen aus Protes­ten
gegen vermeint­lich frag­wür­di­ge
Mächte, eindeu­ti­ge Forde­run­gen für
Zukunfts­lö­sun­gen hervor­ge­hen können.
Natür­lich bemerk­te Margrit Kenne­dy
zeit­le­bens, wie dick die Bret­ter
sind, die man bohren muss, um ein
derart funda­men­ta­les Umden­ken vor
allem auf höchs­ter poli­ti­scher Ebene
zu erwir­ken. Ehrgei­zi­ge Ziele, dessen
war sie sich bewusst, erreicht man nur
durch viel­schich­ti­ge Arbeit, maßgeb­lich
solche, die „von unten“ initi­iert
wird. „Viel­falt“ war ohne­hin ein Stich­wort,
das sie stets beweg­te. „Wir haben
bezüg­lich Klei­dung, Autos und unend­lich
vielen Dingen des Lebens eine
große Viel­falt an Ange­bo­ten. Zu nahezu
jeder einzel­nen Vorlie­be der Menschen
gibt es eine passen­de Auswahl.
Ande­rer­seits schei­nen wir zu glau­ben,
dass eine einzi­ge Geld­form ausreicht,
all die Funk­tio­nen zu erfül­len,
die das Leben mit sich bringt!“ „Warum
lassen wir den Gedan­ken nicht zu,
dass es sinn­voll ist, ein uner­schöpf­li­ches
Reser­voir an Zahlungs­mit­teln zu
gestal­ten, um die unter­schied­li­chen
Aufga­ben zu meis­tern? Warum sollte
es nicht eigens eine Währung für Bildungs­auf­ga­ben
geben? Eine für die Alters­vor­sor­ge?
Oder eine, welche den
Erfor­der­nis­sen der Nutzung unse­rer
Umwelt entspricht?“
In diesem Sinne argu­men­tier­te Margrit
Kenne­dy auf unzäh­li­gen Veran­stal­tun­gen,
auf denen sie als Refe­ren­tin
oder Disku­tan­tin einge­la­den war. Sie
weiger­te sich zu akzep­tie­ren, dass es
„eine Wahr­heit“ für alle Fragen gibt.
Immer war sie von der Tota­li­tät des
Seins über­zeugt. Nichts, was wir tun,
aber auch nichts, was wir nicht tun,
bleibt ohne Folgen für das Ganze.
Sie konnte und wollte nicht verste­hen,
warum die Logik eines Geld­sys­tems,
das alles zu zerstö­ren droht, was den
Menschen lieb und wert­voll ist, von einer
Mehr­heit klag­los hinge­nom­men zu
werden scheint.

Erinnerungen an Margrit Kennedy – Helmut Creutz 0

Erinnerungen an Margrit Kennedy – Helmut Creutz

Erin­ne­run­gen
an meine ersten
Kontak­te mit
den mone­tä­ren
Reali­tä­ten –
und der Rolle
Margrit Kenne­dys
in diesem
Lebens­ab­schnitt.
Der viel zu frühe Tod von Margrit Kenne­dy
hat bei mir viele Erin­ne­run­gen
wach­ge­ru­fen. Vor allem bezo­gen auf
meine ersten Schrit­te in Sachen Zins
und Frei­wirt­schaft und damit jenem
völlig unge­plan­ten Lebens­ab­schnitt,
der für mich, Ende der 1970er Jahre,
durch einen Zufall begann und wenige
Jahre später, durch die Begeg­nung
mit Margrit, äußerst wich­ti­ge Mut machen­de
Impul­se erhal­ten hat.
Wie schon häufi­ger berich­tet,
wurde ich Ende 1977, durch
die Zuschrift eines Lesers meines
Schul­ta­ge­buchs „Haken krümmt
man beizei­ten“, mit diesen geld­be­zo­ge­nen
Begrif­fen und Themen bekannt.
Jenes Buches, das vor allem durch die
Fern­seh-Vorstel­lung in „Titel, Thesen,
Tempe­ra­men­te“ als Buch des Monats
viele Reak­tio­nen in der Öffent­lich­keit
auslös­te, darun­ter auch diese Zuschrift
von Walter Michel aus Berlin, die mein
Leben verän­dern sollte.
Wie sich später heraus­stell­te, handel­te
es sich um einen selbst­stän­di­gen Hand­werks­meis­ter,
der nach dem Krieg in der
DDR annahm, für das Thema Frei­wirt­schaft
und Gesell wieder öffent­lich eintre­ten
zu können. Er hatte sich jedoch
geirrt und wurde wegen seiner Veröf­fent­li­chun­gen
von der damals noch vorherr­schen­den
sowje­ti­schen Besat­zungs­macht
verhaf­tet, erst zum Tode verur­teilt
und dann zu lebens­läng­li­cher Haft in der
berüch­tig­ten Festung Baut­zen „begna­digt“,
einer Strafe, von der er mehr als
zehn Jahre absit­zen musste.
Was Walter Michel mir schrieb, war für
mich anfangs völlig unver­ständ­lich. Weder
den Namen Silvio Gesell noch den
Begriff „Frei­wirt­schaft“ (der mich immer
an eine sommer­li­che Garten­wirt­schaft
erin­ner­te!) hatte ich je gehört. Und das
Glei­che galt auch für das beigeleg­te
kleine Buch eines Hans Kühn, „5000
Jahre Kapi­ta­lis­mus“, dem dann jedoch –
wenn auch stilis­tisch etwas aufge­motzt
– einige konkre­te­re Anga­ben und Zahlen
zu entneh­men waren die mich neugie­rig
mach­ten. Das beson­ders im Hinblick
auf die Auswir­kun­gen expo­nen­ti­ell
wirken­der Abläu­fe, mit denen er den
Zinses­zins-Effekt beschrieb – einer Proble­ma­tik,
die mir dadurch zum ersten
Mal deut­lich wurde und für die ich viel­leicht
auch nur deshalb offen war, weil
sich mir damals, Ende der 1970er Jahre
und ange­sichts der allge­mei­nen Wachs­tums­eu­pho­rie,
schon die Frage aufge­drängt
hatte, wie lange das eigent­lich
noch weiter gehen sollte. Doch diese
von Hans Kühn gemach­ten Ausfüh­run­gen
musste ich jedoch vor einer Antwort
an Walter Michel unbe­dingt über­prü­fen.
Das betraf vor allem die Gegen­sätz­lich­kei­ten
von linea­rem und expo­nen­ti­el­lem
Wachs­tum und deren Verglei­che
mit den natür­li­chen Wachs­tums­ab­läu­fen.
Bei denen die zeit­li­chen Abstän­de
zwischen den Verdopp­lun­gen bekannt­lich
immer größer und schließ­lich „unend­lich“
werden, wie wir aus unse­rer
eige­nen Entwick­lung ab 18-
20 Jahren
wissen. Im Gegen­satz dazu, nahm ein
expo­nen­ti­el­les Wachs­tum, mit gleich
blei­bend langen Verdopp­lungs-Schrit­ten,
stän­dig schnel­ler zu – wie bei den
Geld­an­la­gen durch Zins und Zinses­zins
der Fall. Eine Entwick­lung, die –
das hatte ich nach der Schrift von Hans
Kühn verin­ner­licht – förm­lich zu Explo­sio­nen
führen musste!
Erfah­run­gen zu den Zins­aus­wir­kun­gen
in der Praxis
Zinsen waren mir – damals bereits 55
Jahre alt – bis dahin immer nur als eine
schöne Ange­le­gen­heit bekannt, über
deren Gutschrift auf dem Spar­buch
man sich am Jahres­an­fang immer freute.
Und bezo­gen auf die Hypo­the­ken,
die ich für Bauwer­ke laufend aufneh­men
musste, blieb der Mix von Zinsen
und Tilgung in der Miete als Summe
häufig gleich. „Bewei­se“ für die zins­be­ding­ten
Wachs­tums-Wirkun­gen in unse­rem
norma­len Leben und vor allem
deren Brisanz, entdeck­te ich dann erst
im Zusam­men­hang mit grafi­schen Aufzeich­nun­gen
von Miet­be­rech­nun­gen
und deren Bestand­teil-Verschie­bun­gen
im Laufe der Jahre und Jahr­zehn­te.
Obwohl diese Berech­nun­gen bei den
Wohnungs­bau­fi­nan­zie­run­gen eine
der Voraus­set­zun­gen für die staat­li­chen
zins­güns­ti­gen Zuschüs­se waren
und man sie im Vorhin­ein nach­wei­sen
musste, waren mir diese Wech­sel­wir­kun­gen
nie aufge­fal­len. Und wirk­lich
über­zeu­gend wurden sie für mich erst
dann, als ich sie beispiel­haft neben­ein­an­der
in Grafi­ken umsetz­te. Das
vor allem bezo­gen auf jene Vorgän­ge
im Geld- und Kredit­be­reich, die mir
bislang als problem­los erschie­nen waren:
Wenn man zu viel Geld in der Tasche
hatte und vorerst nicht brauch­te,
zahlte man es eben bei den Banken
ein, die es dann zwischen­zeit­lich weiter
verlie­hen. Und dass man dafür einen
– meist nur rela­tiv gerin­gen – Zins
erhielt, war eine kleine Beloh­nung für
diese Erspar­nis­bil­dung, die dann der
Kredit­neh­mer seiner­seits jeweils an
die Bank zu zahlen hatte.

Auf Raiffeisens Spuren – Bericht von Pat Christ 0

Auf Raiffeisens Spuren – Bericht von Pat Christ

Im deutsch­spra­chi­gen Raum grün­den sich immer mehr Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten

Ob Post­dienst, Dorf­la­den, Arzt­pra­xen,
Kinder­be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen oder
Busver­bin­dun­gen – in länd­li­chen Räumen
dünnt die Infra­struk­tur zum Teil
drama­tisch aus. Hier­auf reagie­ren Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten.
Sie setzen sich
für demenz­kran­ke Menschen ein oder
zielen, in Form von Senio­ren­ge­nos­sen­schaf­ten,
auf ein koope­ra­ti­ves Altern
ab. Der Genos­sen­schafts­ge­dan­ke
wächst stetig. So wurden in den vergan­ge­nen
acht Jahren in Deutsch­land rund
1.300 Genos­sen­schaf­ten gegrün­det.
Eine Sozi­al­ge­nos­sen­schaft ist eine
Versi­che­rung auf Gegen­sei­tig­keit:
Man gibt und hilft sich soli­da­risch.
Dahin­ter steckt die bereits
von Fried­rich Wilhelm Raiff­ei­sen forcier­te
Idee, dass alle gemein­sam viel
mehr auf die Beine zu stel­len vermö­gen
als ein Mensch allei­ne. Das gilt laut
Heike Walk vom Zentrum Tech­nik und
Gesell­schaft (ZTG) der TU Berlin auch
für ein so aktu­el­les Thema wie „Klima­wan­del“.
Als kollek­ti­ve Zusam­men­schlüs­se
haben Genos­sen­schaf­ten
den Analy­sen der Geschäfts­füh­re­rin
des ZTG-Insti­tuts für Protest- und Bewe­gungs­for­schung
zufol­ge viel­fäl­ti­ge
Hand­lungs­mög­lich­kei­ten, um den Klima­schutz
in Städ­ten voran­zu­trei­ben.
Viele Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten treten
als klas­si­sche Non-Profit-Orga­ni­sa­tio­nen
auf. Hier schlie­ßen sich Menschen
auf der Basis von Selbst­hil­fe oder ehren­amt­li­chen
Enga­ge­ment koope­ra­tiv
zu zusam­men. Dane­ben exis­tie­ren aber
auch Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten, die zu
bezah­len­de Leis­tun­gen erbrin­gen, die
zwar gesell­schaft­lich notwen­dig und
zentral für eine nach­hal­ti­ge Entwick­lung
sind, vom Markt aber nicht mehr
zur Verfü­gung gestellt werden.
Von pallia­ti­ver Hilfe
bis zur Nahraum­ver­sor­gung
Die Hand­lungs­fel­der von Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten
fächern sich demnach
stark auf. Allein im Gesund­heits- und
Pfle­ge­sek­tor exis­tiert heute eine breite
Ange­bots­pa­let­te, die vom Pallia­tiv­be­reich
über das Senio­ren­woh­nen bis
hin zu Kran­ken­haus­netz­wer­ken reicht.
Selbst der Bereit­schafts­dienst von
Ärzten kann sozi­al­ge­nos­sen­schaft­lich
orga­ni­siert werden. Viele Genos­sen­schaf­ten
enga­gie­ren sich vor dem
Hinter­grund des demo­gra­phi­schen
Wandels auch dafür, die sozia­le Infra­struk­tur
vor Ort zu erhal­ten oder sie neu
zu schaf­fen. Dies betrifft die Kinder­be­treu­ung
und die Jugend­hil­fe ebenso wie
die Themen „Alters­ge­rech­tes Wohnen“
und „Nahraum­ver­sor­gung“.
Um die psycho­so­zia­le Gesund­heit von
Kindern und Jugend­li­chen kümmert
sich im italie­ni­schen Bruneck seit vielen
Jahren die Sozi­al­ge­nos­sen­schaft
EOS. Bereits 1995 eröff­ne­te die Orga­ni­sa­ti­on
eine sozi­al­päd­ago­gi­sche WG
für psych­ia­trisch auffäl­li­ge Jugend­li­che.
Vier Jahre später star­te­te sie in Bruneck
ein Projekt für ein Beglei­te­tes Wohnen
von Heran­wach­sen­den mit seeli­schen
Proble­men. Ein zwei­tes Projekt dieser
Art wurde 2001 in Bozen eröff­net. 2005
star­te­te die von der Genos­sen­schaft orga­ni­sier­te
Ambu­lan­te sozi­al­päd­ago­gi­sche
Fami­li­en­ar­beit im Puster­tal. Von
Jahr zu Jahr wuchs die Mitar­bei­ter­zahl.
Heute liegt sie bei um die 80.

Auf, auf zum ersten Gefecht – Kommentar von Wilhelm Schmülling 0

Auf, auf zum ersten Gefecht – Kommentar von Wilhelm Schmülling

Wer den Frie­den will, darf nicht rüsten,
denn der Rüstung folgt der Krieg. Da
Deutsch­land keine Feinde hat, bräuch­te
es auch keine Rüstung.
Wenn nur nicht die Rüstungs­lob­by
mit dem Argu­ment „Arbeits­plät­ze“
hausie­ren ginge,
natür­lich nicht bei Ihnen, Sie wollen
sich doch keinen Panzer in den Vorgar­ten
stel­len, sondern bei denen,
die das Geld dafür haben: bei den Regie­ren­den.
Genau genom­men, haben
auch die Regie­run­gen dafür kein Geld,
das holen sie sich bei Ihnen. Nicht mit
einem bewaff­ne­ten Stoß­trupp, sondern
unbe­waff­net mit Wahl­un­ter­la­gen,
damit Sie ja die fried­lie­ben­den
Rüstungs­be­für­wor­ter wählen. Sehr
freund­lich reden sie über „Frie­dens­si­che­rung“,
leben wir doch in einem
demo­kra­ti­schen Land, das vertei­digt
werden müsse.
In Mali, Soma­lia oder Afgha­ni­stan und
vielen Ländern dieser Welt ist das anders.
Da herr­schen Dikta­tur und Not.
Die Terro­ris­ten nützen das scham­los
aus, holen die jungen Männern aus
den Hütten, verspre­chen ihnen Brot
und Spiele, grei­fen erst ihre Lands­leu­te,
dann auch uns an. Also müssen
wir uns bewaff­net vertei­di­gen,
auch am Hindu­kusch. So hieß doch
der Schlacht­ruf zum ersten Gefecht in
Afgha­ni­stan. Jetzt schließt Ursula von
der Leyen Kampf­ein­sät­ze in Mali nicht
mehr aus.
Vertei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ursula von
der Leyen plädier­te für ein stär­ke­res,
inter­na­tio­na­les Enga­ge­ment in Afrika.
Die Trup­pen­stär­ke in Mali soll von
180 auf 250 Solda­ten erhöht werden.
Dort leben 15 Millio­nen Menschen, die
Hälfte davon – so Frau von der Leyen
– sind unter 15 Jahre alt. Können wir
sie bis zum Erwach­se­nen­al­ter mit verstärk­ter
Entwick­lungs­hil­fe versor­gen?
Wohl kaum. Also wird Deutsch­land
zunächst auch Waffen liefern. Da aber
Malis und andere
Afri­ka­ner damit
nicht umge­hen
können, müssen
deut­sche Solda­ten
vor Ort sein,
um den Umgang
mit der Waffe zu
lehren, auch um
zu töten. Wenn
Terro­ris­ten dabei
stören, wird
zurück­ge­schos­sen.
Einige Gutmen­schen
schla­gen doch tatsäch­lich
vor, wir soll­ten nur Brun­nen bauen und
Acker­bau betrei­ben. Was für Narren!
Frie­dens­ver­tei­di­gung ohne Waffen? Ja,
das muss möglich sein, denn wie weit
haben uns bewaff­ne­te „Landes­ver­tei­di­gun­gen“
gebracht? Kürz­lich plaka­tier­te
MISEREOR „Mut ist, Waffen mit
Worten zu bekämp­fen.“ Sich darauf beschrän­ken
bedeu­tet aller­dings, den Zustand
des Elends zu festi­gen. Und hier
muss ange­setzt werden: Gerech­tig­keit
zur Grund­la­ge der Poli­tik machen!
Trach­ten wir zuerst nach der Gerech­tig­keit
und alles andere wird uns zufal­len.
Statt mili­tä­ri­scher Vertei­di­gung unhalt­ba­rer
Zustän­de in der Welt – auch
bei uns – muss die sozia­le Frage gelöst
werden. Ihre Ursa­che muss erkannt
und besei­tigt werden. In einer auf Profit
ausge­rich­te­ten Wirt­schafts­ord­nung
ist das unmög­lich. Eine auf Arbeits­er­trag
fixier­te Wirt­schafts­ord­nung muss
einge­rich­tet werden.
Es gibt Hoff­nung. Wir sind dabei, unsere
Einheit mit all unse­ren Mitmen­schen
zu erken­nen, so dass es bald
unmög­lich sein wird, einan­der auszu­beu­ten,
zu berau­ben oder gar zu
töten. Solan­ge uns das nicht gelingt,
können wir nicht behaup­ten, in einer
zivi­li­sier­ten Welt zu leben.

Auf, auf zum letz­ten Gefecht zur
Besei­ti­gung system­be­ding­ter
Unge­rech­tig­kei­ten –
ohne Waffen!

Arbeit zwischen Verherrlichung und Entwertung – Günther Moewes 0

Arbeit zwischen Verherrlichung und Entwertung – Günther Moewes

„In Deutsch­land waren noch nie so viele Menschen in Arbeit wie 2013“ tönt es aus den Medien. Und seit 1960 regel­mä­ßig von allen Kanz­lern: „Die Wende auf dem Arbeits­markt steht unmit­tel­bar bevor.“ Es wird der Eindruck erweckt, die Arbeit nähme wieder zu. Die Reali­tät sieht anders aus. Tatsäch­lich hat die Zahl der durch­schnitt­lich geleis­te­ten Jahres­ar­beits­stun­den in Deutsch­land von 1960 bis 2012 um 35,4 auf 64,6 % abge­nom­men, d.h. um mehr als ein Drit­tel. Wenn sich die Zahl der Beschäf­tig­ten trotz­dem erhöht hat, dann nur, weil diese Verrin­ge­rung des tatsäch­lich erbrach­ten Arbeits­vo­lu­mens in Form von unbe­zahl­ter Arbeits­zeit­ver­kür­zung auf drei Millio­nen Teil­zeit­be­schäf­tig­te abge­la­den wurde. Deren Zahl ist inzwi­schen höher als die der 2,95 Mio. Arbeits­lo­sen. Diese 64,6 % der 1960 erbrach­ten Arbeits­stun­den geben jedoch noch nicht den tatsäch­li­chen Rück­gang des Arbeits­vo­lu­mens wieder. Denn in ihr ist ja noch nicht die enorm gestie­ge­ne Arbeits­lo­sig­keit enthal­ten. 2012 betrug die Arbeits­lo­sig­keit in Deutsch­land 6,8 % (= 2,95 Mio.), 1960 ganze 1,3 % (0,27 Mio.). Würde man die 2012 insge­samt tatsäch­lich geleis­te­ten Jahres­ar­beits­stun­den mit auf die Arbeits­lo­sen vertei­len,
hätte jeder Erwerbs­fä­hi­ge pro Jahr 142 Std. weni­ger arbei­ten müssen. Das so ermit­tel­te heute erbrach­te Arbeits­vo­lu­men pro Erwerbs­fä­hi­gen beträgt dann nur noch 59 % dessen von 1960, also über 40% weni­ger.

Steuerhinterziehung – Volkssport in unterschiedlichen Spielklassen – Dirk Löhr 0

Steuerhinterziehung – Volkssport in unterschiedlichen Spielklassen – Dirk Löhr

Plädoy­er für eine Staats­fi­nan­zie­rung aus ökono­mi­schen Renten

Alle tun es. Die Ikone Ulrich Hoeneß.
Der hono­ri­ge CDU-Schatz­meis­ter Helmut
Lins­sen. Die „mora­li­sche Instanz“
Alice Schwar­zer. Der fein­sin­ni­ge Kultur-
Staats­se­kre­tär André Schmitz aus
Berlin. Beson­ders pikant: Letz­te­rer ist
Mitglied derje­ni­gen Partei, die sich
als Vorrei­ter gegen krimi­nel­le Steu­er­hin­ter­zie­her
sieht. Sein Partei­freund
Peer Stein­brück drohte seiner­zeit damit,
die Kaval­le­rie gegen die kleine
Schweiz ausrü­cken zu lassen.
Dabei nimmt sich jeder das, was
er kann. Steu­er­hin­ter­zie­hung ist
ein Volks­sport. Aller­dings gibt es
verschie­de­ne Ligen. Der eine trägt eben
inter­na­tio­na­le Spiele auf den Baha­mas
aus, der andere bleibt in seinem Dorf
stecken – Kreis­klas­se, mit nicht ausge­stell­ten
Hand­wer­ker­rech­nun­gen.
Um das deut­sche Steu­er­sys­tem ranken
sich viele Mythen. 70–80 % der
welt­wei­ten Steu­er­li­te­ra­tur sollen sich
angeb­lich des Problem­fal­les Deutsch­land
anneh­men. Das ist sicher­lich maßlos
über­trie­ben. Doch selbst, wenn es
nur 15 % sind (Späth, o. J.) , ist dies
ange­sichts eines Anteils von 1,2 % an
der Welt­be­völ­ke­rung doch schon eine
recht stolze Zahl. Für den „Vater Staat“
ist es dabei häufig das Klein­vieh, das
Mist macht. Konse­quenz: Gerade Massen­fäl­le
wie Dienst­wa­gen, geld­wer­te
Vortei­le, Dienst­rei­sen etc. werden
so kompli­ziert und klein­lich gere­gelt,
dass kaum jemand mehr durch­blickt.
Hinzu kommt ein Gerech­tig­keits­fim­mel
der deut­schen Gerich­te (der sich
dann irgend­wann auch in den Verwal­tungs­an­wei­sun­gen
nieder­schlägt).
Die Kosten des ganzen Thea­ters werden
zu einem großen Teil auf die Steu­er­pflich­ti­gen
verla­gert (auch in Gestalt
von Rechts­un­si­cher­hei­ten).
Der erwähn­te Gerech­tig­keits­fim­mel
der Gerich­te tobt sich leider an der
voll­kom­men falschen Stelle aus. Das
zentra­le Problem der Renten­öko­no­mie
wird nämlich nicht ange­gan­gen. Am
besten erschließt sich dieses über das
sog. „Henry George-Theo­rem“ („Golden
Rule of Local Public Finan­ce“), das
u.a. vom Nobel­preis­trä­ger und frühe­ren
Welt­bank-Chef­öko­no­men Joseph
Stiglitz forma­li­siert wurde.
Das Henry George-Theo­rem (s. Abb.)
kann von links nach rechts und umge­kehrt
inter­pre­tiert werden: Die öffent­li­chen
Güter (Infra­struk­tur, Sicher­heit,
Bildung, Gesund­heits­ein­rich­tun­gen)
können unter bestimm­ten Bedin­gun­gen
voll­stän­dig aus den Boden­ren­ten
finan­ziert werden, wobei „Boden“ in
einem sehr weiten Sinne verstan­den
wird (als alles, was der Mensch nicht
geschaf­fen hat, und sogar – wie bei
geis­ti­gen Eigen­tums­rech­ten – noch
darüber hinaus). Also: Man bräuch­te
gar keine Steu­ern, wenn man den
Staat aus den ökono­mi­schen Renten
finan­zie­ren würde.

Kapitalismus ohne Rücksicht auf Verluste – Friedrich Müller-Reißmann 0

Kapitalismus ohne Rücksicht auf Verluste – Friedrich Müller-Reißmann

Kapi­ta­lis­mus ist die reale Perver­si­on der idea­len Markt­wirt­schaft Die Markt­wirt­schaft ist ein Wirt­schafts­sys­tem, das die (mate­ri­el­len) Bedürf­nis­se aller Menschen auf effi­zi­en­te,
nach­hal­ti­ge Weise erfüllt und leis­tungs­lo­se Einkom­men tenden­zi­ell unter­bin­det. Kapi­ta­lis­mus bewirkt syste­ma­tisch das Gegen­teil: Verschwen­dung begrenz­ter Ressour­cen und Erzeu­gung
riesi­ger leis­tungs­lo­ser Einkom­men zulas­ten
der arbei­ten­den Menschen. Kapi­ta­lis­mus
ist die große wirkungs­vol­le
Metho­de der Privi­le­gier­ten, den Angriff
der Markt­wirt­schaft auf ihre Privi­le­gi­en
ins Leere laufen zu lassen.
Hoch­glanz­sys­tem
Kapi­ta­lis­mus
Die Rekla­me liefert tagtäg­lich den Beweis
für das Versa­gen des gegen­wär­ti­gen
Systems. Sie ist das allge­gen­wär­ti­ge
Armuts­zeug­nis des Kapi­ta­lis­mus, gewis­ser­ma­ßen
ein Armuts­zeug­nis auf Hoch­glanz­pa­pier.
Ihre Botschaft zwischen
den Zeilen lautet: „Ein mündi­ger Verbrau­cher
wäre eine Kata­stro­phe. Lasst euch mani­pu­lie­ren
und kauft, was ihr eigent­lich nicht
braucht, und vor allem stän­dig mehr – sonst
funk­tio­niert unsere Wirt­schaft nicht!“. Kann
aber ein System auf die Dauer funk­tio­nie­ren,
das einen beispiel­lo­sen Wett­be­werb
um die Gunst der Dumm­heit (Eitel­keit,
Verschwen­dungs­sucht, Ange­be­rei
usw.) entfa­chen und stän­dig schü­ren
muss, um zu funk­tio­nie­ren?
Der Wett­lauf der Titanic’s
Jeder ist verzwei­felt bemüht, an der Spitze
mitzu­hal­ten. Wer nicht ande­ren voraus
ist, hat schon verlo­ren. Ein Wett­lauf,
ohne das Ziel zu kennen. Niemand fragt
nach der Rich­tung, niemand stellt sich
die Frage, ob am Ende ein Ziel winkt, für
das sich die ganze Anstren­gung lohnt.
Noch schlim­mer: ein Ende dieses gigan­ti­schen
Wett­laufs ist gar nicht vorstell­bar.
Der Kapi­tän und die Offi­zie­re feuern
die Mann­schaft an, das Letzte zu geben.
Auch die Passa­gie­re, vor allem die weni­ger
privi­le­gier­ten unter ihnen, werden
aufge­ru­fen, „umzu­den­ken“, Abstri­che
an ihren gewohn­ten Rech­ten hinzu­neh­men
und alles in den Dienst des Wett­laufs
zu stel­len…
„Und glaubt ja nicht, denen auf den ande­ren
Schif­fen ginge es besser. Auch die
brin­gen schmerz­haf­te Opfer, um nicht
abge­hängt zu werden“. Warum dieser
Wahn­sinn? Eine mögli­che Antwort: Niemand
weiß, wie man sich von diesem
Wett­lauf abkop­pelt, ohne dass man
dann auf einer lang­sam verrot­ten­den Tita­nic
einsam durch den Ozean dümpelt.
Also schlicht und einfach Mangel an
mach­ba­ren und attrak­ti­ven Alter­na­ti­ven
zum bedin­gungs­lo­sen Wett­lauf?
Doch das kann nicht die ganze Antwort
sein. Denn sie erklärt nicht, warum die
Suche nach Alter­na­ti­ven von den Kapi­tä­nen
und Offi­zie­ren immer so schnell
als Phan­tas­te­rei, Spin­ne­rei, Wunsch­den­ken
usw. abge­tan oder sogar als gefähr­li­che
System­ver­än­de­rung diffa­miert
wird. Nein, die Erklä­rung ist meines Erach­tens
darin zu suchen, dass in ihren
Köpfen eine ideo­lo­gi­sche Verklä­rung
des Wett­laufs als Garant gren­zen­lo­sen
Fort­schritts exis­tiert, wohl­ge­merkt,
genau dieses gigan­ti­schen Wett­laufs,
nicht des Wett­be­werbs als stimu­lie­ren­dem
Prin­zips der Evolu­ti­on, sonst könnte
man ja auch seine Kraft auf den Wett­be­werb
der Ideen konzen­trie­ren, wie
das Leben auf dem Schiff am schöns­ten
und gerech­tes­ten für alle Schiffs­be­woh­ner
zu gestal­ten ist. Doch man vertraut
lieber darauf, dass man sich diesen
schwie­ri­gen Fragen nach Lebens­qua­li­tät
und Gerech­tig­keit nicht stel­len muss,
wenn man nur im großen Wett­lauf die
ande­ren Schif­fe hinter sich lässt.
Ideo­lo­gi­sche Dogmen schwe­ben nicht
im reali­täts­lee­ren Raum. Im Grunde wissen
die Kapi­tä­ne, dass sie selbst nur
dann über­pro­por­tio­nal vom Wett­kampf
profi­tie­ren, wenn sie vorn liegen und
das heißt: Wer auf den hinte­ren Plät­zen
liegt, zahlt über­pro­por­tio­nal. Eigent­lich
wird das ziem­lich offen ausge­spro­chen.
„Wenn wir unse­ren Wohl­stand halten
wollen, müssen wir im inter­na­tio­na­len
Wett­be­werb die Nase vorn behal­ten.“
Man sagt zwar: Vom freien Welt­han­del
profi­tie­ren alle, aber man weiß: So gut
wie es uns geht, kann es uns nur gehen,
wenn es den ande­ren nicht so gut geht.
Das ist die Ideo­lo­gie hinter der Ideo­lo­gie
unse­res Wirt­schafts­sys­tem: Wir können
uns das Glück gar nicht mehr anders
vorstel­len als das Glück von Siegern.
Und Sieger siegen nun mal auf Kosten
der Verlie­rer.

Kapitalismus – Wort ohne Bedeutung? – Andreas Bangemann 0

Kapitalismus – Wort ohne Bedeutung? – Andreas Bangemann

Kapi­ta­lis­mus – Wort ohne Bedeu­tung?
Eine Spuren­su­che

Kapi­ta­lis­mus­kri­tik ist welt­weit an der
Tages­ord­nung. Alle schrei­ben darüber,
alle reden davon. Doch worüber eigent­lich?
Was ist Kapi­ta­lis­mus?
Auf der Entde­ckungs­rei­se gelangt man zu
einem leeren Gefäß, in das viele hinein­ru­fen.
Und die Töne der Rufen­den schal­len
zurück.
„Unprä­zi­ser Begriff für ein moder­nes
Wirt­schafts­sys­tem …“
So beginnt im „Brock­haus“ die Erklä­rung
unter dem Stich­wort „Kapi­ta­lis­mus“.
Es folgen zahl­rei­che Hinwei­se auf ökono­mi­sche
Denker, die mit ihrer Defi­ni­ti­on
versuch­ten, die Betrach­tungs­wei­se
zum Kapi­ta­lis­mus zu prägen.
Priva­tes Eigen­tum ist für viele eine
Grund­vor­aus­set­zung des Kapi­ta­lis­mus.
Darauf baute Karl Marx seine
Kritik auf und prägte maßgeb­lich die
Diskus­si­on. In den seit Ausbruch der
Wirt­schafts- und Finanz­kri­se sich formie­ren­den,
kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen
Grup­pen und Orga­ni­sa­tio­nen finden
sich bis zum heuti­gen Tage die Marx­schen
Darle­gun­gen wieder.
„Occupy“ – „deutsch: beset­zen, bean­spru­chen“
ist das bedeut­sams­te
– auch im nicht englisch­spra­chi­gen
Raum genutz­te – Wort für das Ziel der
Occupy-Bewe­gung. Das Gefühl der
Ohnmacht im Anblick der immensen
Kapi­tal­sum­men, die dazu zu ermäch­ti­gen
schei­nen, die gesam­te Mensch­heit
in den Abgrund zu stür­zen, beför­dert
den Wunsch nach einem Ende der bedroh­li­chen
Entwick­lung. Man wünscht
sich die Quelle des Irrsinns zu beset­zen.
Doch wo ist diese Quelle?
Folgt man der Spur des Geldes, dann
stößt man auf Perso­nen. Super­rei­che,
Banker und Finanz­ak­teu­re, die mit Milli­ar­den
jonglie­ren können und die offen­bar
die Augen vor den Folgen ihres Tuns
verschlie­ßen. Der Gedan­ke, die Profi­teu­re
des Systems der Macht zu berau­ben
und sie selbst zu bean­spru­chen,
liegt auf der Hand. Doch was wäre mit
einer solchen Aneig­nung erreicht?
Haben nicht ausge­rech­net die von Karl
Marx vorge­schla­ge­nen Lösun­gen einer
völli­gen Enteig­nung der Menschen zu
Guns­ten einer „Allge­mein­heit“ in der
Praxis hinläng­lich bewie­sen, dass trotz
alle­dem ein wesent­li­ches Element des
Wirt­schaf­tens immer weiter fröh­li­che
Urstän­de feiert?
Die Versu­chung ist groß: Soll ich den
unzäh­li­gen Defi­ni­tio­nen von Kapi­ta­lis­mus
noch eine hinzu­zu­fü­gen? Schließ­lich
habe ich – wie alle ande­ren – mir
auch eine eigene Vorstel­lung davon
heraus­ge­bil­det, was ich unter diesem
Begriff verste­he. Und da es ja nichts
„Präzi­ses“ und Allge­mein­gül­ti­ges gibt,
warum also nicht?
Außer Kopf­ni­cken von jenen, die meine
Auffas­sung teilen – und ihr sicher noch
einige Details hinzu­fü­gen würden – wäre
damit nicht viel gewon­nen. Ausnah­me:
die Defi­ni­ti­on schaff­te es zu allge­mei­ner
Aner­ken­nung und ihr würde im Brock­haus
„Präzi­si­on“ attes­tiert werden.
Das ist schon sehr unwahr­schein­lich.
Apro­pos Wahr­schein­lich­keit:
In den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten gibt
es keine Natur­ge­set­ze, wie in der Physik.
Spätes­tens seit der Globa­li­sie­rung
scheint niemand mehr in der Lage, abge­schlos­se­ne
Räume zu defi­nie­ren, inner­halb
welcher Wirt­schaf­ten nach klaren
Regeln mit vorher­seh­ba­ren Folgen
ablau­fen kann. Sobald wir Wirt­schaf­ten,
also mitein­an­der in Bezie­hung treten
zum Zwecke eines „Ener­gie­aus­tau­sches
«, gelan­gen wir in Sphä­ren, die
der Physi­ker im Mikro­be­reich längst
als allen eindeu­ti­gen Vorher­sa­gen entzo­gen
bezeich­nen und nur noch von
Wahr­schein­lich­keit spre­chen würde.
Eine Tatsa­che, die den sich immer auf
der Grund­la­ge voll­stän­di­ger Kausa­li­täts­for­de­run­gen
gewähn­ten Physi­kern
zu Beginn des vori­gen Jahr­hun­derts
fast den Verstand raubte.
Albert Einstein formu­lier­te es 1924
nach vielen Jahren des Erkennt­nis­wachs­tums,
beina­he verzwei­felt klin­gend,
so: „Der Gedan­ke, dass ein einem
Strahl ausge­setz­tes Elek­tron aus
freiem Entschluss den Augen­blick und
die Rich­tung wählt, in der es fort­sprin­gen
will, ist mir uner­träg­lich. Wenn
schon, dann möchte ich lieber Schus­ter
oder Ange­stell­ter einer Spiel­bank sein
als Physiker.“[1]
Es ist deshalb nach­voll­zieh­bar, dass
wir uns heute einer uner­schöpf­lich
schei­nen­den Zahl an Erklä­rungs­ver­su­chen
für die Vorgän­ge in der Wirt­schaft
und am Finanz­markt gegen­über­se­hen.
Die daran geknüpf­ten Erwar­tun­gen für
die weite­re Entwick­lung können nur mit
Hilfe des Zufalls eintref­fen. In Wahr­heit
fischen alle „Exper­ten“ im Trüben. Zuge­ben
würde das nur keiner.
Einen Unter­schied zwischen Physi­kern
und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lern gibt
es jedoch. In der Physik will man die beob­ach­te­ten
Erschei­nun­gen in der Natur
aufde­cken und ihre kausa­len Zusam­men­hän­ge
ergrün­den. Erst Beob­ach­ten,
dann Ergrün­den. Man kann sich des
1 Quelle: »Albert Einstein«, Hedwig und Max Born (1969),
S. 118. Brief von Einstein an Max Born, 29. April 1924)
Eindrucks nicht erweh­ren, dass das bei
den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten anders
läuft, um nicht zu sagen umge­kehrt.
Man verfügt über einen immer gülti­gen
Theo­rie-Werk­zeug­kas­ten und schaut in
der Reali­tät nach den Abläu­fen, die dazu
passen und sich damit formen lassen.
Die ande­ren blen­det man aus.
Die Neutra­li­tät des Geldes
Ein Beispiel: In der Ökono­mie wird
ausge­rech­net der essen­zi­ells­te Ener­gie­trä­ger
nicht in seinen Eigen­schaf­ten
und Wirkun­gen erforscht. In Zeiten
des Papier­gel­des und der Bits und
Bytes verzich­tet man, offen­bar wegen
der vermeint­li­chen Ener­gie­lo­sig­keit
des Trägers, dessen Rele­vanz hinsicht­lich
der ausge­lös­ten Prozes­se zu erfor­schen.
So wird bis heute in den Stan­dard­wer­ken
der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten die
„Neutra­li­tät des Geldes“ gelehrt. Zwar
ist die Rede von einem „Schlei­er“, den
das Geld über Trans­ak­tio­nen legt, man
misst ihm aber dennoch keine Bedeu­tung
in Bezug auf die realen Prozes­se
der Wirt­schaft bei.
Ob ein Physi­ker anstel­le eines Ökono­men
das jemals so sähe, ange­sichts
der Tatsa­che, dass es im Zusam­men­hang
mit Geld einen Selbst­ver­meh­rungs­pro­zess,
wie den des Zins- und
Zinses­zins­sys­tems gibt, darf stark bezwei­felt
werden.
Im Rahmen der Spei­che­rung von Geld
in unter­schied­li­che „Kapi­tal­for­men“
entsteht mehr Geld, was wieder­um zu
Auswir­kun­gen in der Wirt­schaft führt.
Zum Beispiel zu realem Wachs­tum, in
Form von mehr Autos, mehr Gebäu­den
und vieler­lei ande­ren mate­ri­el­len Dingen.
Versucht man die beharr­li­che Sicht­wei­se
der Neutra­li­tät des Geldes in der
Ökono­mie zu ergrün­den, kommt man
auf aller­lei – für die Betrof­fe­nen wenig
schmei­chel­haf­te – Erklä­rungs­ver­su­che,
die hinsicht­lich der Motive zwei­fel­los
speku­la­tiv sind.
Die Daseins­be­rech­ti­gung und Repu­ta­ti­on
dieses Wissens­zwei­ges hängt maßgeb­lich
davon ab, wie die postu­lier­ten
Erkennt­nis­se mit der von jeder­mann
beob­acht­ba­ren Reali­tät in Einklang stehen.
Da erscheint es ange­sichts der im
Vergleich zur Physik mangeln­den Wissen­schaft­lich­keit
nur plau­si­bel, dass
sich Beob­ach­tun­gen und Erkennt­nis­se
zu selbst­er­fül­len­den Prophe­zei­un­gen
ausprä­gen.
Solan­ge die maßgeb­li­chen Wirt­schafts­teil­neh­mer
ihr Verhal­ten, an die von feder­füh­ren­den
Stel­len vorge­ge­be­nen
Bedin­gun­gen anpas­sen, handeln auch
alle ande­ren danach. Die immer aufs
Neue entste­hen­den, „natür­lich unvor­her­seh­ba­ren
«, Neben­wir­kun­gen werden
auf Basis des glei­chen Denkens
sogleich in das bestehen­de Denk­mus­ter
inte­griert und sind infol­ge­des­sen
auch erklärt. So arbei­ten keine Wissen­schaft­ler.
So arbei­ten Schar­la­ta­ne.
Wozu führt das in der Reali­tät? Welche
Auswir­kun­gen hat eine solche Wissen­schaft
auf wirt­schaft­li­che Abläu­fe?
Zunächst einmal erzeugt und verfes­tigt
man damit Mythen.
• Zum Beispiel den Mythos von den
Flei­ßi­gen, die ausschließ­lich durch ihrer
Hände und ihres Geis­tes Arbeit zu
Reich­tum kamen.
• Reich wird man nur dank außer­or­dent­li­chem
Fleiß.
• Wer Arm ist, hat enor­men Nach­hol­be­darf
an Streb­sam­keit und dem Aneig­nen
von Fähig­kei­ten, welche die Gesell­schaft
– genau­er: die Wirt­schaft
– von einem erwar­tet.
• Reich sein ist ein Beweis für groß­ar­ti­ge
Leis­tungs­fä­hig­keit.
• Arm sein einer für einen Mangel an gesell­schaft­li­cher
Anpas­sungs­fä­hig­keit.
• Der „Vom-Teller­wä­scher-zum-Millio­när-
Mythos“ ist auch einer, der nur
aufrecht­zu­er­hal­ten ist, wenn dem
Geld Neutra­li­tät beigemes­sen wird.
Der Liste ließen sich unzäh­li­ge andere
Beispie­le hinzu­fü­gen. Doch, was hilft
uns das weiter, in einer Welt, in der diese
Mythen mehr Einfluss auf das tägli­che
Leben ausüben, als gutge­mein­te
„Gegen­ent­wür­fe“.

Der KannWas kann was! – Redaktion 0

Der KannWas kann was! – Redaktion

Das Kann­Was-Jubi­lä­um – 31. Mai bis 01. Juni 2014 in Kiel
10 Jahre Regio­nal­wäh­rung für Schles­wig-Holstein
Sieben enga­gier­te Menschen, die sich für ein gerech­tes Geld­sys­tem einset­zen, grün­de­ten 2004 auf Initia­ti­ve von Dr. Frank Schep­ke, den Verein
Regio­nal­geld Schles­wig-Holstein e. V. und began­nen das Regio­nal­geld Kann­Was heraus­zu­ge­ben. Anläss­lich des 10-jähri­gen Jubi­lä­ums hat der Verein
ein inter­es­san­tes und abwechs­lungs­rei­ches Tagungs­pro­gramm erar­bei­tet und namhaf­te Refe­ren­ten für diese Veran­stal­tung gewin­nen können.
Die Refe­ren­ten:
Prof. Dr. Wolf­gang Berger, Karls­ru­he. Leiter der Busi­ness Reframing GmbH,Institut für Orga­ni­sa­ti­on und Manage­ment, mit dem
er „Flow“ in Unter­neh­men veran­kert. „Wer etwas verän­dern will, hat alle gegen sich, die sich in den alten Zustän­den bequem
einge­rich­tet haben.“
Dr. Elisa­beth Meyer-Rensch­hau­sen, Berlin, ist frei­schaf­fen­de Autorin und Privat­do­zen­tin am Insti­tut für Sozio­lo­gie der Freien
Univer­si­tät Berlin.
Dr. Regula Müller, Kiel, gibt Gebrauchs­an­wei­sung zur Herstel­lung von Terra preta heraus und infor­miert über Grund­prin­zi­pi­en
einer ökolo­gi­schen Kreis­lauf­wirt­schaft.
Andre­as Bange­mann, Wupper­tal, ist verant­wort­li­cher Redak­teur der Zeit­schrift „HUMANE WIRTSCHAFT“.
Matthi­as Stühr­woldt, Stolpe, ist Bauer und Schrift­stel­ler zugleich.
Jona­than Ries, Wupper­tal, ist gelern­ter Sport­wis­sen­schaft­ler mit dem Schwer­punkt Bewe­gungs­thea­ter.
Bern­hard Scha­ef­fer, Berlin, Physi­ker, der sich mit der Entwick­lung von Misch­dampf-Kraft­wer­ken beschäf­tigt.
Prof. Dr. Wolf­gang Deppert, Hamburg, pensio­nier­ter Profes­sor für Philo­so­phie und promo­vier­ter Physi­ker. Grün­dungs­rek­tor des
Sokra­tes-Univer­si­täts­ver­eins e. V.
Volker Viehoff, Jürgen Ceynowa und Bernd Petrosch­ka, Lübeck, Sie sind bei uns mit „Rhythm & Lyrics“.
Dr. Frank Schep­ke, Löptin, Bio-Bauer im Unru­he­stand, Begrün­der des Regio­nal­gel­des Kann­Was für Schles­wig-Holstein.
Seit 2004 im Vorstand des Vereins Regio­nal­geld Schles­wig-Holstein e.V.
Anmel­dung, Tickets und weite­re Infor­ma­tio­nen: http://www.kannwas.org

Alter Taler im neuen Gewand – Lukas Walter 0

Alter Taler im neuen Gewand – Lukas Walter

Der FREITALER aus Frei­burg im Breis­gau

Regio­nal­wäh­run­gen sind ein alter Hut,
könnte man meinen. Dass dem nicht
so ist, zeigen etablier­te Dauer­bren­ner,
aber auch Regio­gel­der, die sich
neu erfin­den. Die Gemein­schafts­wäh­rung
FREITALER exis­tiert seit 2008.
Damals orien­tier­ten sich die Macher,
wie viele aus der Szene, an den Lehren
von Silvio Gesell. So konnte sich
schnell ein klei­ner, aber enga­gier­ter
Freun­des­kreis bilden. Im Jahre 2012
wurde dann die Umstel­lung beschlos­sen.
Weg vom Regio­geld hin zur Spen­den­platt­form.
Als regio­na­les Zahlungs­mit­tel
und Spen­den­platt­form hat der
FREITALER nun etwa 130 Unter­neh­men
ange­schlos­sen. Diese
Entwick­lung, ein lang­sa­mes
aber steti­ges Wachs­tum, dauert
nach wie vor an.

Das Beson­de­re:
Keine Klebe­mar­ken
Eine tief grei­fen­de und bis heute disku­tier­te
Verän­de­rung, war die Abschaf­fung
des Umlauf­im­pul­ses in Form von Klebe­mar­ken.
Dieser Impuls, wie er bei vielen
Regio­gel­dern, wie beispiels­wei­se dem
„Chiem­gau­er“ verwen­det wird, kann
für einen schnel­le­ren Umlauf des Geldes
sorgen. Die „Umlauf­ge­bühr“ muss
durch den Kauf einer Klebe­mar­ke bezahlt
werden, die dann auf den Schein aufge­bracht
wird. Dadurch ist jeder ange­hal­ten
das Geld schnell weiter zu geben, um keine
Klebe­mar­ken kaufen zu müssen.
In Frei­burg brauch­te es oft viel Über­zeu­gungs­ar­beit
die Unter­neh­men und
Verbrau­cher fürs Kleben zu begeis­tern.
Dies und der erhöh­te Verwal­tungs­auf­wand
waren die Haupt­grün­de, es 2012 erst einmal ohne Umlauf­ge­bühr zu versu­chen.
Dafür trat die Projekt­för­de­rung
in den Vorder­grund.
Die Projekt­för­de­rung im Fokus
Wie bei vielen Regio­nal­wäh­run­gen werden
auch Spen­den für gemein­nüt­zi­ge
Verei­ne in der Region gene­riert.
Die Förde­rung fließt, sobald beim Eintausch
von Euro in FREITALER ein Projekt
ange­ge­ben wird. Mitt­ler­wei­le können
über 20 verschie­de­ne Projek­te geför­dert
werden. Im Mittel­punkt stehen rela­tiv
klei­nen Initia­ti­ven, bei denen schon gerin­ge
Beträ­ge eine große Wirkung hervor­ru­fen.
Das neues­te Projekt ist die Studen­ten­in­itia­ti­ve
Weit­blick Frei­burg e. V.
Sie konn­ten kürz­lich ihre erste Förde­rung
von 74 FREITALER abho­len. Unter­stüt­zer
des Projekts tausch­ten insge­samt 3700 €
in FREITALER ein, 2 % davon gingen sofort
an Weit­blick Frei­burg e. V. „Wir waren
freu­dig über­rascht, dass wir als neues
Projekt mit dieser Förde­rung einstei­gen,“
so das Vorstands­mit­glied Eva Kimmig.
Das Beson­de­re dabei ist, dass die Projek­te
keine gemein­nüt­zig einge­tra­ge­nen
Verei­ne sein müssen. Ob ein Projekt förde­rungs­wür­dig
ist oder nicht, entschei­den
die Bürger vor Ort, indem sie beim
Eintausch ein Projekt wählen. So können
viele verschie­de­ne Initia­ti­ven und Neugrün­dun­gen
eine größe­re Bekannt­heit
errei­chen und Spen­den gene­rie­ren. Im
ersten Jahr mit Projekt­för­de­rung wurden
etwa 100.000 € einge­tauscht.
„Die FREITALER werden wir bei einer loka­len
Drucke­rei wieder ausge­ben“, so Eva
Kimmig weiter „Zuvor haben wir bei einer
Online­dru­cke­rei drucken lassen“. Der
gemein­nüt­zi­ge Verein verkauft jedes Jahr
Frei­burg­ka­len­der, die in loka­len Schreib­wa­ren­ge­schäf­ten
erhält­lich sind. Vom
Erlös werden ein Frei­bur­ger Flücht­lings­wohn­heim
und ein Schul­pro­jekt in Kenia
unter­stützt. „Global denken und lokal
handeln, das ist auch unser Motto“, sagt
Kimmig. Durch den FREITALER, der sich
als Vermitt­ler zwischen Unter­neh­men
und Projek­ten versteht, kann die Spende
als Start­ka­pi­tal einge­setzt werden, um
weite­re Unter­stüt­zer, wie die Drucke­rei,
zu gewin­nen. Da die Spende in FREITALER
ausge­zahlt wird, fließt sie wieder in
die regio­na­le Wirt­schaft zurück.

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Sommertagung der HUMANEN WIRTSCHAFT – Freiburg 2014 – Redaktion

Sams­tag, den 21. Juni 2014 in Frei­burg im Breis­gau
Veran­stal­tungs­ort: Histo­ri­sches Kauf­haus Frei­burg – Kamin­saal Müns­ter­platz 24 79098 Frei­burg
Einlass: 9:00 Uhr
Programm von 10:00 bis 18:00 Uhr

Gesprä­che über Geld im Kauf­haus – Kann es einen besse­ren Ort dafür geben?
In unmit­tel­ba­rer Nähe zum Frei­bur­ger Müns­ter liegt das schöne, histo­ri­sche Gebäu­de, in dem die Sommer­ta­gung 2014 statt­fin­det.
In der sonnen­reichs­ten Region Deutsch­lands den längs­ten Tag des Jahres erle­ben!

Erle­ben Sie die HUMANE WIRTSCHAFT leib­haf­tig:
Sommer­ta­gung am 21. Juni 2014 in Frei­burg im Breis­gau.
Ein kurz­wei­li­ger Tag unter ande­rem mit Vorträ­gen von Prof. Dr. Dirk Löhr
und Andre­as Bange­mann bringt die Arbeit und die Menschen hinter der
Zeit­schrift näher.
Weite­re Infor­ma­tio­nen und Anmel­dun­gen in unse­rer Geschäfts­stel­le bei Frau
Erika Schmied:
Luit­pold­str. 10,
91413 Neustadt a.d. Aisch
Tel. (09161) 87 28 672 (vormit­tags),
Fax (09161) 87 28 673
E‑Mail: service@humane-wirtschaft.de
Die Anmel­dung über ein Anmel­de­for­mu­lar mit allen wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen ist
auch im Inter­net möglich: http://goo.gl/njHaFb

Leserbriefe 03/2014 0

Leserbriefe 03/2014

Ihre Meinung ist uns wich­tig! Senden Sie uns Ihre Fragen, Anre­gun­gen oder persön­li­chen Meinun­gen. Wir bemü­hen uns, so viele
Leser­brie­fe unter­zu­brin­gen, wie möglich. Wenn wir Leser­brie­fe kürzen, dann so, dass das Anlie­gen der Schrei­ben­den gewahrt bleibt.
Leser­brie­fe geben nicht die Meinung der Redak­ti­on wieder.

Mit Termin­hin­weis zum Kongress – Burnout und Resi­li­enz – Bewusst­seins­kom­pe­tenz für Wirt­schaft und Gesell­schaft
22. bis 25. Mai 2014, Bad Kissin­gen, Regen­ten­bau und Heili­gen­feld Klini­ken. siehe auch www.kongress-heiligenfeld.de

Ist die HUMANE WIRTSCHAFT kapitalismuskritisch? – Andreas Bangemann 0

Ist die HUMANE WIRTSCHAFT kapitalismuskritisch? – Andreas Bangemann

Wenn man die Frage bis in die Details durch­denkt, ist sie
nicht so leicht zu beant­wor­ten. Es wird behaup­tet, dass
der Mangel etwas sei, das system­be­dingt zum Kapi­ta­lis­mus
gehört. Ob das ein Grund ist, weshalb es an einer
allge­mein­gül­ti­gen Defi­ni­ti­on für den Termi­nus mangelt?
Bedingt durch diesen Mangel, liegt die Fest­stel­lung, ob
Kapi­ta­lis­mus­kri­tik vorliegt oder nicht, im Auge des Betrach­ters.
Zu dem Bemü­hen, das Beob­acht­ba­re wissen­schaft­lich
zu unter­su­chen und darin Gesetz­mä­ßig­kei­ten
zu entde­cken, kommt erschwe­rend hinzu, dass es nur
wenige Grund­an­nah­men gibt, worauf man verläss­li­che
Aussa­gen aufbau­en kann. Ein Beispiel: „Die Akteu­re auf
dem Markt“ verhal­ten sich „ökono­misch“. Der daraus
entstan­de­ne, vom berühm­ten Adam Smith ins Leben geru­fe­ne
„Homo Oeco­mic­us“ wurde mitt­ler­wei­le zum Verwahr­stück
in der wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Asser­va­ten­kam­mer.

Er taugt nicht mehr für Forschun­gen.
Was aus dem Fehlen der Grund­la­gen folgt, ist für die
ganze Welt fatal. Ein undurch­dring­bar komple­xes Gebil­de,
namens „Markt“ erzeugt Folgen, dessen Ursa­chen
man nur „erra­ten“ kann. Um beson­ders bedroh­lich
wirken­de Sympto­me kümmern sich Poli­ti­ker und Exper­ten
hastig mit Maßnah­men, deren Konse­quen­zen sie
nur erhof­fen können. Was mit an Sicher­heit gren­zen­der
Wahr­schein­lich­keit erreicht wird, sind neuar­ti­ge Auswir­kun­gen.
„Unvor­her­seh­ba­re“ natür­lich.
Mitt­ler­wei­le hegt kaum mehr jemand Zwei­fel daran,
dass mit dem Geld in der Wirt­schaft etwas nicht stimmt.
Was aller­dings die Wissen­schaft dennoch nicht dazu verlei­tet,
der hinter dem Geld stehen­den Syste­ma­tik auf
die Spur zu gehen. Man bleibt dabei und kümmert sich
um die Auswir­kun­gen. Markt­ver­hal­ten am Kapi­tal­markt
spiel­theo­re­tisch zu analy­sie­ren, bringt den forschen­den
Wissen­schaft­lern Nobel­prei­se ein.
Auf dem Gebiet der Ursa­chen­for­schung kann man keine
Blumen­töp­fe gewin­nen.
Die Ökono­mie führt zu Recht die Markt­wirt­schaft als
derzeit beste und der Frei­heit Rech­nung tragen­de Wirt­schafts­ord­nung
auf. Doch im glei­chen Atem­zug stellt man
ihr den „Kapi­ta­lis­mus“ zur Seite. Ohne Erklä­rung, ob es
sich um das Glei­che handelt oder nur eine Ergän­zung. Kapi­ta­lis­mus
kommt wie der unbe­kann­te und gleich­sam unsicht­ba­re
Beglei­ter der Markt­wirt­schaft daher.
Gemein­sam garan­tie­ren die beiden, dass wir, im Rahmen
ein „paar weni­ger“ Geset­ze, aber immer noch frei,
tun und lassen können, was wir wollen. So haben wir angeb­lich
unser Schick­sal in der Hand. Jede Frau und jeder
Mann kann es zu etwas brin­gen, in der freien, kapi­ta­lis­ti­schen
Markt­wirt­schaft.
Eine große Mehr­heit der Menschen erliegt dieser Illu­si­on
nach wie vor.
In Wahr­heit ist der unsicht­ba­re
Beglei­ter „Kapi­ta­lis­mus“ jedoch
Desi­gner.
Er lässt uns tun, was wir wollen,
aber uns nicht sein,
was wir doch sind.
Gefan­gen ohne Mauern
glau­ben wir zu tun,
was wir wollen.
Jedoch am Ende tun wir,
was er will.
Wir nehmen im kapi­ta­lis­ti­schen „Kunst­werk“ eine fest­ge­schrie­be­ne
Funk­ti­on ein. Wir bemer­ken es nicht, also kümmert
es uns nicht. Wir tun was wir wollen und erfül­len dennoch
den Plan des Desi­gners. Beispiels­wei­se beim Konsu­mie­ren
immer unsin­ni­ge­rer Produk­te. Beim klag­lo­sen
Akzep­tie­ren immer größe­rer Schä­den am Sozi­al­we­sen und
an der Natur. Die notwen­di­gen Repa­ra­tu­ren nehmen wir gar
schul­ter­klop­fend als Leis­tungs­zu­wachs zur Kennt­nis.
Indem wir will­fäh­rig mithel­fen, alle Berei­che des Lebens zu
„mone­ti­sie­ren“. Im Laufe der Zeit erschlos­sen wir – im „Geheim­auf­trag
des Desi­gners“ – immer weite­re Gebie­te. Auf
der Geschäfts­idee der Betreu­ung von Kindern oder Senio­ren
konnte vor 30 Jahren kaum jemand eine Exis­tenz aufbau­en.
Heute ist das ein boomen­der Milli­ar­den­markt, geprägt
von skan­da­lö­sen Mitar­bei­ter-Entloh­nungs­mo­del­len.
Glaubt jemand ernst­haft, dass wir so sind? Wenn Geld
das beherr­schen­de Ziel unse­rer Bestre­bun­gen ist, dann
wird davon alles aufge­saugt. Was sich nicht verein­nah­men
lässt, wird als minder­wer­tig an den Rand gedrückt.
Markt­wirt­schaft und Kapi­ta­lis­mus sind keine Menschen.
Sie sind menschen­ge­macht. Es liegt in unse­rer Hand, die
Unsicht­bar­keit des Kapi­ta­lis­mus zu been­den und den Vorgän­gen
in der Wirt­schaft den Geld­schlei­er zu entrei­ßen.
Nur so können wir die Frage beant­wor­ten: „Wird es Zeit
für einen Abschied?“ Betrach­tet man den Kapi­ta­lis­mus als
ein unab­hän­gig von der Markt­wirt­schaft funk­tio­nie­ren­des
System, das aber maßgeb­li­chen, zerstö­re­ri­schen Einfluss
ausübt, dann ist Kriti­sie­ren vergeu­de­te Zeit. Die Aufga­be
muss deshalb lauten: Entwick­lung völlig neuer Syste­me.
Wie könnte ein Geld­sys­tem und dazu korre­spon­die­ren­des
Eigen­tums­recht ausse­hen?
Eines, das uns in Wirk­lich­keit frei macht? Womög­lich
eines, das uns die Frei­heit zu Geben bringt, verbun­den
mit der Entde­ckung wie dadurch Wohl­stand in einer nie
gekann­ten Dimen­si­on entsteht.
Eines, mit dem wir sein können, was wir sind!
Herz­lich grüßt Ihr Andre­as Bange­mann.

Roland Geitmann war ein feiner Mensch – Die Redaktion 0

Roland Geitmann war ein feiner Mensch – Die Redaktion

Am 4. 12. 2013 ist Roland Geit­mann gestor­ben.
Er war ein feiner Mensch.

Er war ein feiner Mensch.

Er verkör­per­te den Frie­den, der ihn als
großes Ziel beweg­te. Seine sympa­thi­sche
Art, die sich in respekt­vol­ler
Zuwen­dung zu seinen Mitmen­schen
ebenso ausdrück­te, wie in seiner Liebe
zur Natur und den klei­nen Freu­den des
Lebens, war vorbild­lich. Mit spon­ta­nen
Klavier­stü­cken erfreu­te er in den
Pausen die Gäste unse­rer Veran­stal­tun­gen.
2012, anläss­lich des 150-jähri­gen
Geburts­tags­ju­bi­lä­ums von Silvio
Gesell sprach er in Wupper­tal zu einem
ihm am Herzen liegen­den Thema,
nämlich der Rolle direk­ter Demo­kra­tie
für die Idee der sozia­len Plas­tik im Sinne
von Joseph Beuys. Mit diesem Beitrag
berei­cher­te er die Veran­stal­tung
„Gesell­Schaff­tKunst“ im Mai 2012 in
Wupper­tal.
Sein Wirken für die gute Sache wird
nicht in Verges­sen­heit gera­ten. Wir
empfin­den es als ein Geschenk von
uner­mess­li­chem Wert, dass er sich
gemein­sam mit uns einge­setzt hat.
Seine Kompe­tenz spen­de­te Kraft und
Selbst­ver­trau­en. Sein Mensch­sein
lebt in vielen seiner geis­ti­gen und
persön­li­chen Freun­de weiter. Wir zählen
uns dazu.
Zitat Roland Geit­mann:
„Im zerstö­re­ri­schen Umgang mit Geld
und mit der Erde offen­bart sich das Innen­le­ben,
die geis­tig-seeli­sche Verfas­sung
einer Gesell­schaft. Eine solche
Problem­la­ge lässt sich nicht wie
ein tech­ni­scher Defekt repa­rie­ren.
So drin­gend notwen­dig unsere Geldund
Boden­re­form­maß­nah­men wären,
so unwahr­schein­lich ist es vorerst,
dass sie ergrif­fen werden. Denn
so tief im Denken, Fühlen und Wollen
der Menschen verwur­zel­te Verhält­nis­se
ändern sich nur gemein­sam mit
den Menschen und durch sie. So mühsam
Demo­kra­tie ist, zeich­net sie doch
aus, dass sich Erneue­rungs­im­pul­se
aus klei­nen Anfän­gen ausbrei­ten können
und letzt­lich auch durch­drin­gen,
wenn ihre Zeit gekom­men ist.“
Zitiert aus „Lob der Viel­falt“ von Roland
Geit­mann erschie­nen in HUMANE WIRTSCHAFT,
Ausga­be 5–2007
Roland Geit­mann
(gebo­ren am 13. April 1941 in Silde­mow
bei Rostock, gestor­ben am 4. Dezem­ber
2013 in Kehl)
Roland Geit­mann war Verwal­tungs­recht­ler.
Er war von 1974 bis 1982 Ober­bür­ger­meis­ter
der Stadt Schram­berg
und von 1983 bis 2006 Profes­sor für
Öffent­li­ches Recht an der Hoch­schu­le
Kehl. 1988 wurde Roland Geit­mann
Vorsit­zen­der der Arbeits­ge­mein­schaft
frei­wirt­schaft­li­cher Chris­ten (AfC).
Seit 1989 führt dieser 1950 gegrün­de­te
Verein den Namen „Chris­ten für gerech­te
Wirt­schafts­ord­nung e. V.“ (CGW). Im
Jahre 2009 gab Roland Geit­mann das
Amt des Vorsit­zen­den weiter. Als Ehren­vor­sit­zen­der
beglei­te­te er die CGW
bis zu seinem Tode.
Auch war er Spre­cher des Kura­to­ri­ums
von Mehr Demo­kra­tie e. V. sowie verant­wort­li­cher
Heraus­ge­ber der Schrif­ten­rei­he
der Arbeits­grup­pe Gerech­te
Wirt­schafts­ord­nung.

Leserbriefe 01/2014 0

Leserbriefe 01/2014

Ihre Meinung ist uns wich­tig! Senden Sie uns Ihre Fragen, Anre­gun­gen oder persön­li­chen Meinun­gen. Wir bemü­hen uns, so viele Leser­brie­fe unter­zu­brin­gen, wie möglich. Wenn wir Leser­brie­fe kürzen, dann so, dass das Anlie­gen der Schrei­ben­den gewahrt bleibt. Leser­brie­fe geben nicht die Meinung der Redak­ti­on wieder.
In dieser Ausga­be:
Raum für Neues – Wirt­schaf­ten und Gesund­heit
„Steu­ern – Dieb­stahl an der Allge­mein­heit“
Zur Kritik am Außen­han­dels­über­schuss Deutsch­lands
Die Poli­tik des Geldes
Das nicht zu verges­sen­de Ereig­nis

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer 0

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer

Wir verbrin­gen einen großen Teil unse­rer Zeit mit Dingen, die uns nicht wirk­lich glück­lich macht: Arbei­ten, Kaufen, Konsu­mie­ren. Die wahren Quel­len des Glücks liegen aber im „inne­ren Selbst“. Warum wir dennoch das Glück im Außen suchen, hängt mit unse­rem moder­nen Geld zusam­men.

Vermut­lich kennen Sie die Anek­do­te zur Senkung der Arbeits­mo­ral von Hein­rich Böll (1963). Darin beschreibt er einen ärmlich geklei­de­ten Fischer, der in einem Hafen an der West­küs­te Euro­pas schläft. Er wird durch das Klicken des Foto­ap­pa­ra­tes eines Touris­ten geweckt. Der Tourist fragt den Fischer, warum er denn nicht fische, wo doch so idea­les Wetter dafür sei. Nach eini­gem Zögern antwor­tet der Fischer, dass er heute schon drau­ßen gewe­sen sei und einen so guten Fang gehabt hätte, dass es für die nächs­ten Tage noch reiche. Nach eini­gem Zögern geht mit dem Touris­ten die Phan­ta­sie durch: Wenn der Fischer heute doch noch drei- oder vier­mal hinaus­fah­ren würde, dann würde er viel verdie­nen. Damit könnte er mittel­fris­tig ein klei­nes Unter­neh­men grün­den und immer weiter wach­sen. Das Unter­neh­men könnte so groß werden, dass er sogar ins Ausland Fische liefern könne. Und, dann – der Tourist kommt zum Ende seiner Phan­ta­sier­ei­se – dann hätte der Fischer genug verdient, um einfach am Hafen sitzen und sich ruhig entspan­nen zu können. Darauf entgeg­net der Fischer gelas­sen, am Hafen sitzen und sich entspan­nen könne er doch jetzt schon. Das mache er ja gerade. Darauf­hin
verschlägt es dem Touris­ten die Spra­che, nach­denk­lich und ein wenig neidisch geht er fort.

Ich denke, an dieser klei­nen Geschich­te werden zwei konträ­re Welt­an­schau­un­gen deut­lich. Der Fischer lebt im „Hier und Jetzt“. Er hat heute genug für seinen Lebens­un­ter­halt getan, ja er hat sogar so viel gefan­gen, dass er an den nächs­ten Tagen nichts tun muss. Frei­lich: Er ist ärmlich geklei­det, er besitzt vermut­lich selbst keinen Foto­ap­pa­rat und er kann sich vermut­lich auch keine teuren Touris­ten­aus­flü­ge leis­ten. Aber ich stelle mir ihn als einen glück­li­chen und zufrie­de­nen Menschen vor: Er verfügt über wenig
mate­ri­el­len Reich­tum, aber er hat einen großen Luxus an frei verfüg­ba­rer Zeit: Er hat so Zeit für ein Schläf­chen am hell­lich­ten Tag. Er hat vermut­lich auch Zeit für seine Freun­dIn­nen, seine Kinder, seine Leiden­schaf­ten; ja Zeit, um mit sich (seinem „inne­ren Selbst“) in gutem Kontakt zu stehen. Der Fischer
steht für die Über­zeu­gung, dass sich das „gute Leben“ einstel­len wird, wenn wir unsere Lebens­zeit für eine
gute Bezie­hung zu unse­rem Selbst und zu unse­ren Mitmen­schen aufbau­en; oder in ande­ren Worten.

Entscheidend ist die Tat – Pat Christ 0

Entscheidend ist die Tat – Pat Christ

Zahl­rei­che Freun­de, Wegge­fähr­ten, Neugie­ri­ge und Inter­es­sier­te kamen vom 31. Okto­ber bis 3. Novem­ber
zur „Jahres­fei­er Humane Wirt­schaft 2013“ des Förder­ver­eins Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung e. V. in die Wupper­ta­ler Silvio-Gesell-Tagungs­stät­te. „Entschei­dend ist die Tat“ laute­te das dies­jäh­ri­ge Motto.

„Theo­rien und Philo­so­phien sind sicher wich­tig,“ so Chef­re­dak­teur Andre­as Bange­mann zum Auftakt. „Doch von ebenso großer Bedeu­tung ist es, etwas real umzu­set­zen und etwas zu bewe­gen.“ Ein großes Ziel ist allen Human­wirt­schaft­le­rin­nen und Human­wirt­schaft­lern klar. Es heißt: Eine Geld­ord­nung schaf­fen, in der sich das
Geld nicht mehr, wie den derzeit herr­schen­den Spiel­re­geln zufol­ge, selbst vermeh­ren und dadurch die Gesell­schaft immer weiter aufspal­ten kann. Doch der Weg dahin ist noch ziem­lich weit.

Sehr ferne Ziele können demo­ti­vie­ren. Vor allem, wenn es nicht gewiss erscheint, dass sie auch erreicht werden können. Damit die Einsatz­freu­de nicht nach­lässt, sind sinn­vol­le Zwischen­etap­pen und eine Menge
klei­ner, krea­ti­ver Ideen nötig. „Was wir anstre­ben, kann nur dann rich­tig Wirkung entfal­ten, wenn es in sehr vielen Köpfen ist und wenn sich sehr viele Menschen daran betei­li­gen“, beton­te Bange­mann.

Dafür müssen die Menschen begeis­tert werden. Und zwar durch etwas, was konkret und „anfass­bar“ ist. Was akti­viert. Statt ledig­lich Diskus­sio­nen auszu­lö­sen. Ist es doch auf Dauer äußerst unbe­frie­di­gend, nur immer über die Gier der Reichen und die Blind­heit der Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker zu schimp­fen. Solche
Debat­ten erschöp­fen sich irgend­wann. Besser versu­chen, von unten etwas zu verän­dern. Dass die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer der Jahres­fei­er tatsäch­lich den großen Wunsch haben, etwas zu bewe­gen, machte die „Murmel­run­de“ am Eröff­nungs­abend deut­lich. Span­nen­der Tagungs­ein­stieg Was immer einem selbst gerade keine Ruhe lässt, womit man sich gerade beschäf­tigt und wie man über­haupt auf das Thema „Humane Wirt­schaft“ kam, das erzähl­ten sich je zwei Teil­neh­me­rIn­nen bei diesem unge­wöhn­li­chen Einstieg in die Tagung. In sechs Minu­ten mach­ten sich zwei Menschen, die sich bis dato noch nie gese­hen hatten, auf diese inten­si­ve Weise mitein­an­der bekannt. Wech­sel­sei­tig stell­ten sie sich später im Plenum vor. Heraus kamen facet­ten­rei­che Persön­lich­keits­be­schrei­bun­gen, Infor­ma­tio­nen über inter­es­san­te biogra­phi­sche Wege, unge­wöhn­li­che Pläne und erste konkre­te Projek­te.

Am zwei­ten Abend kam bei Andre­as Bange­mann Gold­grä­ber­stim­mung auf: In der Rolle des Fürch­te­gott Zwei­fel­mann brach­te er gegen­über Stef­fen Unver­zagt alias Stef­fen Henke erfreut zum Ausdruck, wie
gran­di­os sich sein Geld vermehrt. In den 80er Jahre habe er eine kleine Erbschaft von seinem Groß­va­ter bekom­men, erzähl­te er. Immer­hin 10.000 Mark. Die hat er als flei­ßi­ger schwä­bi­scher Sparer gleich ange­legt – und nun verdop­pelt sich dieses Vermö­gen alle zwölf Jahre.

Die schönere Welt… – Charles Eisenstein 0

Die schönere Welt… – Charles Eisenstein

„Es ist möglich, dass wir erst dann vor unse­rer wirk­li­chen Aufga­be stehen, wenn wir nicht mehr wissen, was zu tun ist. Und viel­leicht haben wir unsere wirk­li­che Reise erst dann begon­nen, wenn wir nicht mehr wissen, welchen Weg wir einschla­gen sollen. Der Geist, der nicht ratlos ist, ist unter­for­dert. Es ist der in seinem Lauf behin­der­te Strom, der singt.“ (Wendell Berry)

Als ich die Einlei­tung von „Ökono­mie der Verbun­den­heit“ »der schö­ne­ren Welt, von deren Möglich­keit
uns unsere Herzen erzäh­len« widme­te, schrieb ich von einem Wider­stand im Denken dage­gen, dass die
Welt ganz anders sein könnte, als wir sie immer kann­ten. Tatsäch­lich haben wir uns viele Jahr­hun­der­te und sogar Jahr­tau­sen­de an eine Welt von großer und immer weiter stei­gen­der Ungleich­heit, von Gewalt, Häss­lich­keit und Kampf gewöhnt.

Manch­mal erin­nert uns ein Ausflug in die unbe­rühr­te Natur, zu einer tradi­tio­nel­len Kultur oder in die von der verarm­ten moder­nen Welt verschlei­er­te reich­hal­ti­ge Sinnen­welt an das, was verlo­ren gegan­gen ist. Und diese Erin­ne­rung schmerzt, streut Salz in die Wunde der Getrennt­heit. Solche Erfah­run­gen zeigen uns zumin­dest, was möglich ist, was gewe­sen ist und was sein kann, aber sie zeigen uns nicht, wie wir eine solche Welt erschaf­fen können. Ange­sichts der enor­men Kräfte, die in Stel­lung gebracht wurden, um den Status quo beizu­be­hal­ten, lassen wir verzagt den Mut sinken. Die flüch­ti­gen Blicke auf eine schö­ne­re Welt, die wir in der Natur erha­schen, oder bei spezi­el­len Begeg­nun­gen, auf Musik­fes­ti­vals, bei Zere­mo­nien, in der Liebe und im Spiel, sind umso entmu­ti­gen­der, wenn wir glau­ben, dass sie niemals mehr sein können als kurz­zei­ti­ge Verschnauf­pau­sen von der seelen­ver­nich­ten­den, geld­ge­trie­be­nen Welt, an die wir gewöhnt sind.

Ein Haupt­ziel war, die Logik der Vernunft mit dem Wissen des Herzens in Einklang zu brin­gen: nicht nur deut­lich zu machen, was möglich ist, sondern auch, wie wir dort­hin gelan­gen können. Wenn ich das Wort „möglich“ verwen­de, meine ich es nicht im Sinn von „viel­leicht“, wie: „Es könnte viel­leicht passie­ren, wenn wir nur Glück haben.“ Ich meine möglich im Sinn von Selbst­be­stim­mung: eine schö­ne­re Welt als etwas, das wir schaf­fen können. Ich habe viele Bewei­se für diese Möglich­keit gelie­fert: den unaus­weich­li­chen Nieder­gang eines Geld­sys­tems, das von expo­nen­ti­el­lem Wachs­tum abhän­gig ist, einen Bewusst­seins­wan­del hin
zu einem Selbst in Verbun­den­heit in einer kokrea­ti­ven Part­ner­schaft mit der Erde, und ich habe viele Beispie­le ange­führt, dass die nöti­gen Einzel­tei­le einer heili­gen Ökono­mie schon im Entste­hen begrif­fen sind. Das ist etwas, das wir schaf­fen. Wir können es, und wir tun es. Und können Sie sich ange­sichts dessen, dass so viel Schlech­tes und Häss­li­ches in der gegen­wär­ti­gen Welt auf das Geld zurück­ge­führt werden
kann, vorstel­len, wie die Welt sein wird, wenn einmal das Geld umge­stal­tet worden ist? Ich kann sie mir nicht vorstel­len, nicht alles davon, obwohl ich manch­mal Visio­nen von ihr habe, die mir den Atem stocken lassen. Viel­leicht stimmt es gar nicht, dass ich sie mir nicht vorstel­len kann – viel­leicht wage ich es nicht. Eine Vision von einer wahr­haft heili­gen Welt, einer heili­gen Ökono­mie, macht das Ausmaß unse­res heuti­gen Leidens umso deut­li­cher. Aber ich will mit Ihnen teilen, was ich in meinen Visio­nen gese­hen habe, selbst die speku­la­tivs­ten, die naivs­ten, unprak­tischs­ten und verträum­tes­ten Aspek­te. Ich hoffe, dass
meine Offen­heit nicht die Glaub­wür­dig­keit (sofern vorhan­den) dessen infra­ge stellt, was ich hier aufge­baut
habe, indem ich die Konzep­te einer heili­gen Ökono­mie in einer schlüs­si­gen und logi­schen Weise darleg­te.

Vom spaltenden Geist zu integraler Politik – Peter Berner 0

Vom spaltenden Geist zu integraler Politik – Peter Berner

Ein beson­ders aufge­weck­ter Grund­schü­ler fragte vor kurzem meine Frau, die als Märchen­er­zäh­le­rin tätig ist: „Warum ist das so, dass im Märchen immer die Guten gewin­nen, aber in der Wirk­lich­keit immer die Bösen?“ Dieser junge Mensch also warf beherzt die Ponerologiefrage[1] auf, die von uns Erwach­se­nen meist tabui­siert wird, obwohl – oder gerade weil? – deren Beant­wor­tung für gesell­schafts­po­li­ti­sches Handeln oder Nicht-Handeln von zentra­ler Bedeu­tung sein dürfte. Ob wir über­haupt die Einschät­zung dieses Jungen teilen und wenn ja, wie wir seine Frage beant­wor­ten, dürfte einen hohen Einfluss darauf haben, wie es nicht nur um unser poli­ti­sches Enga­ge­ment, sondern darüber hinaus auch um unsere innere Ausge­gli­chen­heit, Gesund­heit und Lebens-Quali­tät bestellt ist. Deswe­gen möchte ich – als Psycho­the­ra­peut, dem seit Jahr­zehn­ten immer wieder auch die Heilung unse­res Gemein­we­sens beson­ders am Herzen liegt – hier meine persön­li­che Antwort
auf diese Frage ins Gespräch brin­gen.

Wir Menschen auf dieser Erde leben – so würde ich es formu­lie­ren – seit mehre­ren Jahr­tau­sen­den
unter der sich zuspit­zen­den Herr­schaft eines diabo­li­schen, krie­ge­ri­schen, spal­ten­den Geis­tes, welcher sich
in beson­de­rer Weise gegen seine eigene Aufklä­rung immu­ni­siert hat – so ähnlich wie wir es in der Tiefen­psy­cho­lo­gie als „Wider­stand“ gegen das Erken­nen unbe­wuss­ter selbst­schä­di­gen­der Denk- und Verhal­tens­mus­ter kennen. „Geist“ ist hier­bei durch­aus in seiner doppel­ten Bedeu­tung gemeint: Einer­seits als Feld­ef­fekt im kollek­ti­ven Bewusst­sein, als weit verbrei­te­tes Denk- und Inter­pre­ta­ti­ons-Muster – ande­rer­seits als indi­vi­du­el­le Wesen­heit mit Durch­set­zungs­wil­len und Selbst­er­hal­tungs­in­ter­es­se.

Diese Sicht­wei­se folgt einem trans­per­so­na­len Welt­bild, demzu­fol­ge den Erschei­nun­gen der mate­ri­el­len Welt Kräfte und Forma­tio­nen auf fein­stoff­li­cher und Bewusst­seins­ebe­ne zugrun­de liegen – und sie folgt einem mehr­per­spek­ti­vi­schen, inte­gra­len Ansatz, dem zufol­ge beispiels­wei­se auch das abso­lu­te, allum­fas­sen­de,
allem zugrun­de liegen­de Bewusst­sein („Gott“) zugleich so etwas wie eine abstrak­te Ener­gie und so etwas
wie eine indi­vi­du­el­le Persön­lich­keit ist.

[1] „Pone­ro­lo­gie“ ist ein selten gebrauch­ter Ausdruck für „die Lehre vom Bösen“

Problemfeld Geld – Fakten und Fehlvorstellungen – Helmut Creutz 0

Problemfeld Geld – Fakten und Fehlvorstellungen – Helmut Creutz

Vorbe­mer­kun­gen

Das Thema Geld und allem was damit zusam­men­hängt, findet in unse­ren Tagen zuneh­men­de Beach­tung. Bedingt
nicht nur durch das stän­dig disku­tier­te und publi­zier­te Krisen­ge­sche­hen im Umfeld der Börsen und Banken,
sondern vor allem auch vor dem Hinter­grund der Staats-Über­schul­dun­gen und der diver­sen „Rettungs­schir­me“
durch Regie­run­gen und Noten­ban­ken.

Inzwi­schen wird sogar, zur Lösung der Proble­me, selbst die Abschaf­fung des Bargelds disku­tiert, weil dann die Zentral­ban­ken die Möglich­keit haben würden, die Leit­zin­sen auch auf null zu senken! Andere schla­gen sogar vor, die Sicht­gut­ha­ben der Bürger mit Straf­zin­sen zu bele­gen, obwohl die darauf gepark­te Kauf­kraft zum größ­ten Teil den Banken für zwischen­zeit­li­che Kredit­ver­ga­ben zu Verfü­gung steht. Doch unge­klärt bleibt bei allen Diskus­sio­nen zumeist, wen man mit diesen Straf­an­dro­hun­gen eigent­lich tref­fen will, die Bürger oder die Banken?

Wie wir aus den Medien wissen, ist inzwi­schen sogar das Thema „Minus­zin­sen“ kein Tabu mehr, jedoch nicht –
wie in dieser Zeit­schrift immer wieder gefor­dert – bezo­gen als Kosten auf das umlau­fen­de Bargeld in den Händen der Bürger, sondern statt dessen bezo­gen auf die Zurver­fü­gung­stel­lung des Zentral­bank­gel­des an die Banken. Also auf jene Bestän­de, die den Banken nicht nur als Bargeld­re­ser­ven dienen, sondern auch als Basis für die Verrech­nun­gen und damit Absi­che­run­gen jener unzäh­li­gen Geld-Gutha­ben-Über­tra­gun­gen, die wir als Bank­kun­den über unsere Sicht­gut­ha­ben täglich abwi­ckeln. Manche Kriti­ker und Refor­mer in unse­ren Tagen plädie­ren sogar dafür – wie z. B. die „Voll­geld-Initia­ti­ve“ – die Sicht­gut­ha­ben­be­stän­de dem Bargeld gleich­zu­stel­len und die Ausga­be des auf diese Weise verviel­fach­ten Geldes direkt an den Staat vorzu­neh­men. Wobei sie offen­sicht­lich den Tatbe­stand verdrän­gen, dass diese Bestän­de auf den Sicht­gut­ha­ben von den Bürgern durch Einzah­lun­gen von Bargeld aufge­baut worden sind.

Was ist über­haupt Geld?

Beur­tei­len kann man alle diese Aussa­gen und Ansich­ten zum Geld nur dann, wenn man sich, sowohl bezo­gen auf
die heuti­ge Situa­ti­on als auch fast alle Reform­vor­schlä­ge, über die sach­be­zo­ge­nen Größen, Gege­ben­hei­ten und Entwick­lun­gen in Sachen Geld im Klaren ist. Ausge­hend vor allem von den statis­tisch erfass- und damit nach­weis­ba­ren Größen und Vorgän­gen, die von der Deut­schen Bundes­bank seit Jahr­zehn­ten für unse­ren natio­na­len Wirt­schafts­raum erfasst und ausge­wie­sen worden sind. Doch geht man diesen Spuren noch weiter und ins Allge­mei­ne nach, dann ist Geld zuerst einmal eine ganz tolle Erfin­dung. Eine Erfin­dung, die den Handel und Austausch von Gütern ähnlich erleich­tert hat, wie die Erfin­dung des Rades den Trans­port. Geld
ist weiter­hin – im Normal­fall – der Lohn für eine einge­brach­te Leis­tung und der Anspruch auf eine gleich­wer­ti­ge Gegen­leis­tung. Und schließ­lich ist Geld in einem Wirt­schafts­raum zumeist das gesetz­lich einge­führ­te und allge­mein akzep­tier­te Zahlungs­mit­tel. Also jenes Medium, das man – orts- wie zeit­ver­setzt
– für belie­bi­ge Zahlungs­zwe­cke verwen­den und damit als ein Binde­glied zwischen auszu­tau­schen­den
Leis­tun­gen sehen kann.

Ähnlich wie die Maßstä­be für Längen und Gewich­te, ist Geld also ein univer­sa­ler Maßstab aller Werte und damit auch aller Preis­ge­stal­tun­gen. Ein Maßstab, mit dessen Hilfe man in unse­ren Tagen sämt­li­che Güter- und Leis­tun­gen mitein­an­der verglei­chen und verrech­nen kann und der ähnlich stabil sein sollte, wie die Maßstä­be für Längen oder Gewich­te. Und dieser Wert­maß­stab Geld ist deshalb als umlau­fen­des offi­zi­el­les Zahlungs­mit­tel sogar mit einem Annah­me­zwang für alle Wirt­schafts­teil­neh­mer verbun­den, die in dem jewei­li­gen Wirt­schafts­raum Leis­tun­gen einbrin­gen oder Waren zum Verkauf anbie­ten.

TAFTA Currencies mit Globus © Martin Bangemann 0

TAFTA – die große Unterwerfung – Lori Wallach

Über­tra­gung aus dem Engli­schen von Niels Kadritz­ke

Aufge­reg­te Poli­ti­ker von Berlin bis Brüs­sel sehen durch den NSA-Skan­dal das Trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­ab­kom­men in Gefahr. Über das, was in dem ange­streb­ten Vertrag stehen soll, reden sie nicht so gern. Ein Blick auf die ersten Blau­pau­sen lässt ahnen, was Euro­pas Bürger nicht zu früh erfah­ren sollen.

Bereits vor fünf­zehn Jahren versuch­ten Groß­un­ter­neh­men bei den Verhand­lun­gen über das Multi­la­te­ra­le Abkom­men über Inves­ti­tio­nen (MAI) ihre Macht heim­lich still und leise in unvor­stell­ba­rem Maße auszu­wei­ten. Damals schei­ter­te das Projekt am hart­nä­cki­gen Wider­stand der Öffent­lich­keit und der Parla­men­te. Damit wurde unter ande­rem verhin­dert, dass sich einzel­ne Konzer­ne densel­ben Rechts­sta­tus wie Natio­nal­staa­ten verschaf­fen konn­ten. Das hätte etwa bedeu­tet, dass Unter­neh­men eine Regie­rung verkla­gen können, „entgan­ge­ne Gewin­ne“ aus Steu­er­gel­dern auszu­glei­chen.

Jetzt aber kommen diese Pläne erneut auf den Tisch, und zwar in deut­lich verschärf­ter Fassung. Der offi­zi­el­le Name des neuen Projekts lautet „Trans-Atlan­tic Trade and Invest­ment Part­ners­hip“, abge­kürzt TTIP. Dieses trans­at­lan­ti­sche Handels- und Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men soll, ähnlich wie früher das MAI, die Privi­le­gi­en von Konzer­nen und Inves­to­ren absi­chern und sogar noch auswei­ten. So wollen die EU und die USA ihre jewei­li­gen Stan­dards in „nicht handels­po­li­ti­schen“ Berei­chen verein­heit­li­chen. Diese ange­streb­te „Harmo­ni­sie­rung“ orien­tiert sich erwar­tungs­ge­mäß an den Inter­es­sen der Konzer­ne und Inves­to­ren. Werden deren Stan­dards nicht erfüllt, können zeit­lich unbe­grenz­te Handels­sank­tio­nen verhängt werden. Oder es werden gigan­ti­sche Entschä­di­gun­gen für die Unter­neh­men fällig.

Die Verhand­lun­gen über diese Art Staats­streich in Zeit­lu­pe haben im Juli dieses Jahres in Washing­ton begon­nen – mit der erklär­ten Absicht, in zwei Jahren ein Abkom­men zu unter­zeich­nen, das eine trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­zo­ne „Trans-Atlan­tic Free Trade Area“ (TAFTA) begrün­den wird. Das gesam­te TTIP-TAFTA-Projekt
gleicht dem Mons­ter aus einem Horror­film, das durch nichts totzu­krie­gen ist. Denn die Vortei­le, die eine solche „Wirt­schafts-NATO“ den Unter­neh­men bieten würde, wären bindend, dauer­haft und prak­tisch irrever­si­bel, weil jede einzel­ne Bestim­mung
nur mit Zustim­mung sämt­li­cher Unter­zeich­ner­staa­ten geän­dert werden kann.

Ist die deutsche Energiewende rentabel? – Wolfgang Berger 0

Ist die deutsche Energiewende rentabel? – Wolfgang Berger

Emnid hat ermit­telt, dass 84 Prozent der Deut­schen eine rasche und voll­stän­di­ge Ener­gie­ver­sor­gung mit erneu­er­ba­ren Ener­gien wünschen. Jeder Dritte würde sich an Erneu­er­ba­re-Ener­gien-Anla­gen in seiner Nähe finan­zi­ell betei­li­gen. Das sind über 20 Millio­nen poten­zi­el­le Inves­to­ren. Ist diese Präfe­renz ratio­nal oder ist es eine emotio­na­le Präfe­renz jenseits unter­neh­me­ri­schen Kalküls?

Die meis­ten Unter­neh­men berech­nen die Renta­bi­li­tät ihrer mögli­chen oder geplan­ten Inves­ti­tio­nen mit einer einfa­chen Rech­nung: Sie ermit­teln die zusätz­li­chen Ausga­ben, die bei einer Inves­ti­ti­on Jahr für Jahr notwen­dig werden und die zusätz­li­chen Einnah­men, die diese Inves­ti­ti­on Jahr für Jahr bringt. Die jähr­li­chen Salden dieser Zahlen­rei­he stehen für die Ertrags­kraft der Inves­ti­ti­on.

Nun können wir diese Salden aber nicht einfach addie­ren – wir müssen sie mit der Zeit gewich­ten. Eine Milli­on in diesem Jahr ist mehr als eine Milli­on im nächs­ten Jahr, denn wenn wir es gut anfan­gen, hat sich die eine Milli­on in diesem Jahr bis zum nächs­ten Jahr vermehrt. Wollen wir die Zahlen addie­ren, müssen sie zuvor vergleich­bar gemacht und auf den heuti­gen Tag abzinst werden. Diese „Kapi­tal­wert­me­tho­de“ ist der umge­kehr­te Rechen­vor­gang wie die Zins­be­rech­nung für die Zukunft, nur dass hier die Zahlen nicht größer, sondern klei­ner werden, je weiter das Jahr in der Zukunft liegt, auf das sie sich bezie­hen.

Wenn wir beim Abzin­sen mit zehn Prozent rech­nen, sind eine Milli­on Euro in einem Jahr heute 910.000 Euro wert, denn wenn ich heute 910.000 Euro mit zehn Prozent anlege, habe ich in einem Jahr eine Milli­on. Nicht weil die Zinsen heute zehn Prozent sind; sie sind nied­ri­ger. Aber Inves­ti­ti­ons­kre­di­te sind trotz­dem teuer und Über­zie­hungs­zin­sen sind auch bei einem Leit­zins­satz der Zentral­bank nahe Null weit über zehn Prozent.

Wenn wir mit zehn Prozent rech­nen, sind eine Milli­on Euro in zwei Jahren dann heute noch einmal zehn Prozent weni­ger wert, also 830.000 Euro. Und so können wir weiter rech­nen: Eine Milli­on Euro in zehn Jahren sind heute 390.000 Euro wert. Eine Milli­on Euro in 100 Jahren sind heute 700 Euro wert. Eine Milli­on Euro in 200 Jahren sind heute drei Euro wert und eine Milli­on Euro in 250 Jahren sind abge­zinst heute nur ganze vier Cent wert.

Weil die lang­fris­ti­gen Auswir­kun­gen so lächer­lich gering sind, brau­chen wir die Rech­nung nur für gut zehn
Jahre durch­zu­füh­ren. Was danach geschieht, wirkt sich auf das Ergeb­nis kaum noch aus. Was danach geschieht, beein­flusst die Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen also nicht mehr. In unse­rem gegen­wär­ti­gen destruk­ti­ven Geld­sys­tem erzwingt der Rendi­te­zwang deshalb die Zerstö­rung der Umwelt. Der Erhalt der Umwelt wirkt sich erst lang­fris­tig aus und ist deshalb nicht renta­bel. Eine Nach-uns-die-Sint­flut-Menta­li­tät erhöht den Börsen­wert des Unter­neh­mens (Share­hol­der Value) und ist deshalb die logi­sche Konse­quenz.
In Zeiten nied­ri­ger Zinsen wach­sen die großen Vermö­gen über Aktien und die Speku­la­ti­on mit Deri­va­ten.
Nied­ri­ge Zinsen verlei­hen Deri­va­ten eine Hebel­wir­kung, mit der sie fast die ganze Welt aufkau­fen können.

Bei flie­ßen­dem Geld pendelt der effek­tiv gezahl­te Markt­zins um Null; zusätz­li­che Einnah­men und Ausga­ben von Inves­ti­tio­nen werden deshalb nicht mehr abge­zinst. Damit wird es renta­bel, die Umwelt zu erhal­ten. In einem solchen Geld­sys­tem werden die Märkte deshalb Nach­hal­tig­keit und dauer­haft halt­ba­re Güter erzwin­gen.