Kategorie: Zeitschriftenarchiv

Die vierte Ohnmacht- Jens Brehl im Interview mit dem Autor Dirk C. Fleck 0

Die vierte Ohnmacht- Jens Brehl im Interview mit dem Autor Dirk C. Fleck

Jour­na­lis­ten genie­ßen zuneh­mend einen schlech­ten Ruf, gelten gar als korrupt und viele Menschen wenden sich enttäuscht über den ober­fläch­li­chen Einheits­brei von etablier­ten Medien ab. Zu recht findet Dirk C. Fleck. Der heute 70jährige „Vater des Ökothril­lers“ schrieb unter ande­rem für namhaf­te Blät­ter wie die „Hambur­ger Morgen­post“, „Die Welt“, „Stern“, „Spie­gel“ und viele mehr. Schon lange würden Medien nicht mehr als Wäch­ter der Demo­kra­tie fungie­ren; es zähle allein die Höhe der verkauf­ten Aufla­gen und Einschalt­quo­ten. Für sein Buch „Die vierte Macht“ sprach er mit 25 Spit­zen­jour­na­lis­ten über ihre Verant­wor­tung in Krisen­zei­ten. Die Zukunft der Medien sieht Fleck aller­dings schwarz.

Jens Brehl: „Warum haben Sie den Beruf des Jour­na­lis­ten ergrif­fen?“

dirk C. Fleck: „Den Berufs­wunsch hatte ich bereits im Alter von 14 Jahren. Im Grunde war ich kein heraus­ra­gen­der Schü­ler, bis ich mein Talent für das Schrei­ben entdeck­te. Plötz­lich erhielt ich zum ersten Mal gute Noten für meine Schul­ar­bei­ten. Dadurch hatte ich endlich meinen Zugang zu den Lehr­in­hal­ten und meiner Krea­ti­vi­tät gefun­den.

Meine Eltern hatten ‚Die Welt‘ abon­niert. Damals war das noch eine links-libe­ra­le Zeitung, was man sich heute gar nicht mehr vorstel­len kann. Jeden­falls waren für mich die Jour­na­lis­ten, die für ‚Die Welt‘ schrie­ben, Helden, denen ich gerne nach­ei­fern wollte. Als ich dann für meine Schule eine Jahres­ar­beit über die Zeitung schrieb, konnte ich die Redak­ti­on besu­chen. Ich bin fast vor Ehrfurcht gestor­ben, als ich die Namens­schil­der meiner Helden auf den diver­sen Türen gese­hen habe. Mein beruf­li­ches Ziel stand danach
endgül­tig fest. Nach meiner Buch­händ­ler­leh­re und dem Ersatz­dienst studier­te ich an der Deut­schen Jour­na­lis­ten­schu­le in München. Da es damals die einzi­ge Jour­na­lis­ten­schu­le in Deutsch­land war, gab es einen entspre­chend großen Andrang. Im Vorfeld muss­ten alle 2.000 Bewer­ber eine Repor­ta­ge einrei­chen. Ledig­lich 40 Anwär­ter wurden zur münd­li­chen Prüfung einge­la­den, doch nur für 20 gab es einen Studi­en­platz. Einer davon war dann ich. “

Entlarvte Pseudo-Demokratie – Wilhelm Schmülling 0

Entlarvte Pseudo-Demokratie – Wilhelm Schmülling

Da sage noch einer, mehr Demo­kra­tie sei nicht möglich. Jetzt wurde sogar das Ergeb­nis des mühsam ausge­han­del­ten Koali­ti­ons­ver­trags den SPD-Mitglie­dern zur Abstim­mung vorge­legt. Welch ein Fort­schritt, so scheint es auf den ersten Blick. In Wirk­lich­keit war es der Versuch, eine im Wahl­kampf fest­ge­leg­te Aussa­ge zu umge­hen und den Mitglie­dern die davon abwei­chen­den Ergeb­nis­se der Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen schmack­haft zu machen. Schließ­lich wurden einige sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Forde­run­gen von der CDU über­nom­men, die Balsam für die sozia­le Seele beider Partei­en sind. Reichen die Beschlüs­se für eine ange­streb­te umfas­sen­de sozia­le Gerech­tig­keit? Wohl kaum.

Warum dieser nichts­nut­zi­ge Streit, ob die SPD mit der Mitglie­der­be­fra­gung zur großen Koali­ti­on die Verfas­sung bricht oder nicht. Auf jeden Fall war es eine Gele­gen­heit mehr Basis­de­mo­kra­tie zu wagen. Wenn man die gerin­ge Anzahl an Versamm­lungs­be­su­chern auf Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen der CDU zum Koali­ti­ons­ver­trag sieht, hat die CDU keinen Anlass zu über­heb­li­cher Kritik.

Das ist eben das Dilem­ma, in einer auf Kapi­tal­ertrag ausge­rich­te­ten Wirt­schafts­ord­nung die system­be­ding­te
Unge­rech­tig­keit produ­ziert sozia­le Gerech­tig­keit zu errei­chen. Das bleibt ein nicht zu lösen­des Problem. Denn Kapi­ta­lis­mus und Markt­wirt­schaft vertra­gen sich nicht, sind sogar krasse Gegen­sät­ze. Die stän­di­ge Gleich­set­zung beider in den Medien ist gewollt. Wer kann schon etwas gegen Markt­wirt­schaft einwen­den? Wer es doch tut, will die Plan­wirt­schaft, unter­stellt man. Und so werden von den Meinungs­bild­nern flugs die „Märkte“, die Kapi­tal­märk­te genann­te werden müss­ten, als Markt­wirt­schaft ausge­ge­ben. Und die Bezeich­nung „Finanz­in­dus­trie“ ist eben­falls ein Mogel­wort. Dort wird nichts produ­ziert, nur speku­liert.

Auf den Märk­ten der Real­wirt­schaft werden Waren und Dienst­leis­tun­gen der arbei­ten­den Menschen getauscht.
Würde auf den Märk­ten dieser Leis­tungs­trä­ger das Geld ausschließ­lich als Tausch­mit­tel einge­setzt und nicht
ein Teil an das Kapi­tal abge­zweigt werden, gäbe es kein Eigen­tum ohne Arbeit. Denn Eigen­tum kommt von eige­nem Tun. Die deut­sche Spra­che hat viele zutref­fen­de Ausdrü­cke, auch für Ökono­men. Auf den angeb­li­chen
Finanz­märk­ten werden ange­eig­ne­te Leis­tun­gen ande­rer Menschen für möglichst hohe Profi­te einge­setzt. Die
heute unter­schied­li­chen Ziel­rich­tun­gen der Märkte, die einen produ­zie­ren Waren, die ande­ren Profi­te, sind
das Grund­übel unse­rer Zeit.

Wisst Ihr denn, wohin Ihr wollt? – Siegfried Wendt 0

Wisst Ihr denn, wohin Ihr wollt? – Siegfried Wendt

1. Der Wunsch der Eltern

Meine Erin­ne­rung reicht zurück bis in die letz­ten Jahre des Zwei­ten Welt­kriegs. Da kannte ich viele Leute, die sagten: „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir.“ Sie hatten tatsäch­lich allen
Grund, dies zu wünschen in Anbe­tracht ihrer gefal­le­nen Verwand­ten und Freun­de, der zerbomb­ten Städte und der Versor­gungs­pro­ble­me hinsicht­lich der elemen­ta­ren Bedürf­nis­se – Nahrung, Klei­dung, Wohnung. Sie wünsch­ten sich eine radi­ka­le Ände­rung der Lebens­ver­hält­nis­se in Deutsch­land. Die anzu­stre­ben­de
Ziel­si­tua­ti­on sollte derart sein, dass möglichst niemand mehr Anlass haben sollte zu dem Wunsch: „Unsere
Kinder sollen es einmal besser haben als wir.“ Wenn man die Leute damals gebe­ten hätte, die gewünsch­te Ziel­si­tua­ti­on ein wenig zu konkre­ti­sie­ren, wäre sehr schnell deut­lich gewor­den, dass der Wunsch zwei klar unter­scheid­ba­re Ziele umfass­te. Das eine Ziel fand von Anfang an seinen Ausdruck in der bekann­ten
Forde­rung „Nie wieder Krieg!“, woge­gen das andere Ziel erst etwas später von Ludwig Ehrhard in die grif­fi­ge Formel „Wohl­stand für alle!“ gepackt wurde. Ich gehöre zu den glück­li­chen Kindern, für
die beide Teile des dama­li­gen Wunsches ihrer Eltern tatsäch­lich in Erfül­lung gegan­gen sind. Seit dem Zwei­ten Welt­krieg hat es in Deutsch­land keinen Krieg mehr gege­ben, und es sieht auch nicht so aus,
als ob ich in der mir verblei­ben­den Lebens­zeit noch mit einem solchen Krieg rech­nen müsste. Auch was den Wohl­stand angeht, ist der Wunsch für mich selbst und viele meiner Verwand­ten und Freun­de in Erfül­lung gegan­gen. Ich meine aber, dass wir das Ziel „Wohl­stand für alle“ nicht nur nicht erreicht haben, sondern
aktu­ell dabei sind, uns wieder weiter von diesem Ziel zu entfer­nen.

2. Die Frage nach dem Ziel­zu­stand

Zustän­de, in denen ein System ewig verblei­ben könnte, obwohl noch dyna­mi­sche Vorgän­ge statt­fin­den, werden
statio­nä­re Zustän­de genannt. Schon in der Bibel (1. Mose 8, Vers 22) wird – obwohl dort natür­lich die Bezeich­nung „statio­nä­rer Zustand“ nicht vorkommt – ein solcher Zustand beschrie­ben: „Solan­ge die Erde steht, soll nicht aufhö­ren Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Ohne Zwei­fel befin­det sich unser Wirt­schafts­sys­tem zur Zeit nicht in einem statio­nä­ren Zustand. Vermut­lich war
die Geschwin­dig­keit der Ände­run­gen im Wirt­schafts­sys­tem noch nie so hoch wie jetzt. Es wird auch von Poli­ti­kern und Wirt­schafts­fach­leu­ten immer wieder betont, dass das beson­ders Posi­ti­ve am aktu­el­len Zustand darin bestehe, dass er in hohem Maße dyna­misch sei. Zur Bestä­ti­gung ihres Urteils verwei­sen sie manch­mal auf das Sprich­wort „Wer rastet, der rostet.“ Und sie meinen, um dem Rosten zu entge­hen, müsse man immer schnel­ler rennen. Ich bin dage­gen über­zeugt, dass wir uns fragen soll­ten, wohin die Reise gehen soll, d. h. ob wir nicht doch einen statio­nä­ren Ziel­zu­stand charak­te­ri­sie­ren können, den fast alle Mitbür­ger posi­tiv beur­tei­len würden. Selbst­ver­ständ­lich kann dieser Ziel­zu­stand kein endgül­ti­ger sein, denn jede „revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­idee“ würde zwangs­läu­fig zum Verlas­sen dieses Zustands führen. Beispie­le für revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­ide­en sind die Erfin­dung des Buch­drucks oder der Dampf­ma­schi­ne, und in neue­rer Zeit die viel­fäl­ti­gen Ideen zur Nutzung der natur­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se in der Physik und der Chemie. Ohne diese Erkennt­nis­se gäbe es keine Autos, kein elek­tri­sches Licht, keine Roll­trep­pen, keine Compu­ter, kein Inter­net und keine draht­lo­se Kommu­ni­ka­ti­on. Aus der Tatsa­che, dass in den letz­ten zwei­hun­dert Jahren in immer kürze­ren Abstän­den revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­ide­en gebo­ren wurden, glau­ben manche Wirt­schafts­pro­phe­ten schlie­ßen zu dürfen, dass sich die zeit­li­chen Abstän­de zwischen solchen Ereig­nis­sen auch weiter­hin verkür­zen werden. Da revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­ide­en aber häufig ihren Ursprung
in über­ra­schen­den natur­wis­sen­schaft­li­chen Entde­ckun­gen haben, sehe ich eine Analo­gie zwischen dem Feld dieser Ideen und einem Erdöl­feld: Lange bleibt es unent­deckt, dann wird es immer schnel­ler ausge­beu­tet und
schließ­lich ist es leer gepumpt. Deshalb halte ich es durch­aus für sinn­voll, darüber nach­zu­den­ken, welchen Zustand unse­res Wirt­schafts­sys­tems wir uns denn wünschen soll­ten unter der Annah­me, dass in den kommen­den
Jahr­zehn­ten keine revo­lu­tio­nä­ren Inno­va­ti­ons­ide­en mehr vom Himmel fallen.

Hamburger Gedanken – Stefan Pinkert 0

Hamburger Gedanken – Stefan Pinkert

Eine ganz persön­li­che Buch­be­spre­chung.

Der ICE ist fast pünkt­lich, dies­mal, auf meiner Reise von Frank­furt nach Hamburg. Im Abteil neben mir ein junger Mann, Student offen­sicht­lich, nicht unfreund­lich. Hat die ganze Fahrt über seinen Laptop in Betrieb, stun­den­lang mit Compu­ter­spie­len. Scheint sich ablen­ken zu müssen; von was eigent­lich, würde ich ihn am liebs­ten fragen.

Gedan­ken kommen und gehen: wach sein, hier sein, unsere Reali­tät sehen, sehen was wirk­lich um uns herum ist… scheint nicht mehr in Mode zu sein bei vielen jungen Leuten. Wie anders war es doch noch in meiner Genera­ti­on, der 68er.

Ich begin­ne mit meiner Reis­e­lek­tü­re: „Profit­wahn“ – Warum sich eine menschen­ge­rech­te Wirt­schaft lohnt‑, von Chris­ti­an Kreiß, einem Wirt­schafts­pro­fes­sor mitt­le­ren Alters. Im Bild auf dem Klap­pen­text mit wachen Augen, die etwas verwun­dert drein schau­en. Hätten wir doch alle tatsäch­lich Grund uns sehr zu wundern, denke ich.

Wie ist es möglich, fragt der Autor, dass wir offen­sicht­lich in einer Art kollek­ti­ver Trance die falschen Grund­an­nah­men unse­rer gängi­gen Wirt­schafts­theo­ri­en nicht wahr­neh­men? Wie war es möglich, denke ich, schon beim Lesen der ersten Seiten, dass damals im drit­ten Reich ein ganzes Volk dem Rassen­wahn verfiel mit den dann schier unglaub­li­chen Folgen? Kreiß versucht immer wieder im Zusam­men­hang mit der neoli­be­ra­len Wirt­schafts­dok­trin eine Antwort auf diese Kern­fra­ge zu geben. Er ist Fach­mann, Insi­der, hoch­kom­pe­tent, scheint mir, und er hat Mut. Braucht es Mut aus kollek­ti­ven Tran­cen aufzu­wa­chen? Ja, und – man muss es wollen.

Der Autor hat profun­de Geschichts­kennt­nis­se, verknüpft aktu­el­le Zusam­men­hän­ge damit, er versucht ein
ganz­heit­li­ches Bild unse­rer derzei­ti­gen Wirt­schafts­kri­se zu vermit­teln. Plötz­lich erge­ben die Zusam­men­hän­ge ein verblüf­fend einleuch­ten­des und logisch stim­mi­ges Bild: nur eine gerech­te Wirt­schaft, so Kreiß, kann auf Dauer bestehen. Das lehrt eindrück­lich die jünge­re Geschich­te!

Mir gegen­über im Zug sitzt eine junge Dame mit einem frischen, offe­nen Gesicht, auch sie stun­den­lang am Laptop. Ich erfah­re später, sie schrei­be ihre Master­ar­beit nach elf Semes­tern Psycho­lo­gie­stu­di­um. Man merkt, sie ist ganz absor­biert davon, wohl auch genervt vom vielen kompli­zier­ten Denken. Ihr Enga­ge­ment, ande­ren Menschen zu helfen, nehme ich ihr sofort ab, sie wirkt sehr sympa­thisch.

Ein Satz fällt mir ein, von einem indi­schen
Weisen: Es sei kein Zeichen
geis­ti­ger Gesund­heit sich (und andere)
an eine kranke Gesell­schaft anzu­pas­sen.
Kann ich der jungen Psycho­lo­gie­stu­den­tin
so etwas sagen?

Aus der Logik des Verdrängungswettbewerbs heraushalten – Michael Beleites 0

Aus der Logik des Verdrängungswettbewerbs heraushalten – Michael Beleites

Die bäuer­li­che Lebens­form besteht aus einem Zusam­men­hang von Erwerbs­ar­beit, Eigen­ar­beit, gemein­nüt­zi­ger Arbeit und Erho­lung in einem selbst gestalt­ba­ren Lebens­um­feld. Mit diesem bäuer­li­chen Prin­zip wird der Zusam­men­hang von Wohn- und Arbeits­ort, die Verein­bar­keit von Fami­lie und Beruf, der Zusam­men­halt der Genera­tio­nen, ein hohes Selbst­ver­sor­gungs-Poten­zi­al sowie eine zeit­lich und räum­lich über den Hofall­tag hinaus­rei­chen­de Verant­wor­tung gewähr­leis­tet. Es ist ein Lebens- und Arbeits­mo­dell, das indi­vi­du­el­le
Frei­heit mit einer Begren­zung und Einord­nung in die Natur­zu­sam­men­hän­ge einer endli­chen Welt orga­nisch
verbin­det.

Diese für die Bauern­fa­mi­li­en wie für die Gesell­schaft glei­cher­ma­ßen nütz­li­che und förder­li­che Lebens- und Arbeits­form wird heute erstickt: Wo außer Geld keine ande­ren Werte zählen, wird allein der Sektor der Erwerbs­ar­beit hono­riert – und in den Wett­be­werb gestellt. Das Wett­be­werbs- System führt zwangs­läu­fig dazu, dass dieje­ni­gen gewin­nen, bei denen der Bereich der Erwerbs­ar­beit nahezu 100 % ausmacht, also die ande­ren
Arbeits- und Lebens­be­rei­che weit­ge­hend erdrückt. Je mehr ein Betrieb den Aspekt der Erwerbs­ar­beit zurück­fährt, um den ande­ren Berei­chen Raum zu geben, desto eher wird er zum Verlie­rer in diesem System. Wer mit viel Fläche und weni­gen Arbeits­kräf­ten wirt­schaf­tet, wer viele Tiere auf engem Raum hält, wer auf Kosten der Natur, des Grund­was­sers und der Quali­tät seiner Produk­te die Erträ­ge stei­gert, wer wegen der Flächen­sub­ven­tio­nen die Neuein­rich­tung klei­ner Betrie­be blockiert – verhält sich system­kon­form, ist
aber nicht Urhe­ber dieser Verhält­nis­se.

In den oppo­si­tio­nel­len Grup­pen in der DDR der 80er Jahre habe ich gelernt, dass es nichts bringt, dieje­ni­gen zu kriti­sie­ren, die sich system­kon­form verhal­ten – wenn man nicht das System selber zur Debat­te stellt. Nun ist die heuti­ge Situa­ti­on eine andere als damals. Aber auch heute müssen wir damit rech­nen, dass sich viele Menschen so oder so verhal­ten, weil sie Teil eines gesell­schaft­li­chen Systems sind – und nicht, weil sie sich das in völli­ger Entschei­dungs­frei­heit selbst ausge­dacht haben. Mit dem heuti­gen System meine ich nicht allein die derzei­ti­ge Agrar­po­li­tik, die nur ein Teil davon ist. Ich meine insbe­son­de­re die aus einer falsch verstan­de­nen Biolo­gie (Selek­ti­ons­leh­re) in die Ökono­mie über­tra­ge­ne
und von dort aus in alle Gesell­schafts­be­rei­che einge­drun­ge­ne Wett­be­werbs- Logik. Im Ideal­fall ist eine Gesell­schaft nämlich wie ein Orga­nis­mus verfasst, dessen „Organe“ zum gegen­sei­ti­gen Vorteil und zum Wohle des Ganzen zusam­men­ar­bei­ten – und nicht danach trach­ten, sich gegen­sei­tig zu verdrän­gen.

Wohlstand ohne Zinsen – Bernhard von Sydow 1

Wohlstand ohne Zinsen – Bernhard von Sydow

Auf der Univer­si­tät wird gelehrt, dass die Zinsen eine Beloh­nung für den Konsum­ver­zicht eines Menschen sind. Diese Begrün­dung ist auf den ersten Blick abso­lut verständ­lich und plau­si­bel. Dass dage­gen das Chris­ten­tum in seiner ursprüng­li­chen Lehre – wie andere große Reli­gio­nen auch – es ablehnt, dass die Menschen Zinsen für ihr verlie­he­nes Geld nehmen, wird von den meis­ten verdrängt, sofern dieses Gebot ihnen über­haupt bekannt ist. Zudem leben wir schon seit Jahr­hun­der­ten mit der Vorstel­lung, für unser Geld Zinsen zu bekom­men. Daher können wir uns eine opti­ma­le Volks­wirt­schaft ohne Zinsen über­haupt nicht mehr vorstel­len. Darüber hinaus wird die Metho­de, eine Gebühr für aufbe­wahr­tes Geld (Liege­ge­bühr) zu erhe­ben, ohne­hin für völlig absurd gehal­ten.

Doch die Reali­tät sieht anders aus. Bernard A. Lieta­er beschreibt in seinem Buch „Myste­ri­um Geld“ zwei Epochen, in denen eine Markt­wirt­schaft ohne Zinsen und mit einer Anti-Hortungs­ge­bühr zu einem „außer­ge­wöhn­li­chen Wohl­stand“ der gesam­ten Bevöl­ke­rung geführt hat, nicht nur einer bestimm­ten Schicht: Einmal eine Epoche im alten Ägyp­ten und dann die Zeit des Hoch­mit­tel­al­ters, also etwa vom 10. bis 13. Jahr­hun­dert.

Zwar unter­schie­den sich die Moda­li­tä­ten, unter denen die Gebüh­ren auf das Geld erho­ben wurden, in den beiden Zeit­al­tern. In Ägyp­ten war das System der Liege­ge­büh­ren auf gepark­tes Geld „höher entwi­ckelt als das mittel­al­ter­li­che“. Doch trotz der unter­schied­li­chen Mittel fielen die Resul­ta­te in Ägyp­ten und im Hoch­mit­tel­al­ter „uner­war­tet ähnlich“ aus. Das Geld war zwangs­läu­fig „nur“ Tausch­mit­tel und kein
Wert­ge­gen­stand, der dazu anreizt, es zu horten. Es war wesent­lich sinn­vol­ler, Erspar­nis­se in Form von Produk­ti­ons­gü­tern anzu­le­gen, die lange Bestand hatten, als in Form von Geld. Es gab keine Speku­lan­ten, die auf Kosten einer verarm­ten Bevöl­ke­rung immer reicher wurden. Das Geld blieb dort, wo es gebraucht wurde. Die Umlauf­ge­schwin­dig­keit des Geldes blieb also hoch. Das Geld wurde nicht zuneh­mend knap­per.

Im alten Ägyp­ten dauer­te diese Epoche einer intak­ten Volks­wirt­schaft wesent­lich länger als dieje­ni­ge im Mittel­al­ter. Man schätzt diese Zeit auf immer­hin 1.500 Jahre. Das alte Ägyp­ten mit seinen hohen Getrei­de­er­trä­gen wird ja bekannt­lich als die „Korn­kam­mer der Antike“ bezeich­net. Diese Zeit des Wohl­stan­des und des Reich­tums endete allmäh­lich durch den grie­chi­schen Einfluss, der sich dort ausbrei­te­te. Später ersetz­ten die Römer das dorti­ge Währungs­sys­tem „durch ihr eige­nes mone­tä­res System“, das sich eben­falls nega­tiv auf die Volks­wirt­schaft auswirk­te.

Im Hoch­mit­tel­al­ter war die Phase wirt­schaft­li­cher Expan­si­on von einer star­ken Zunah­me der Bevöl­ke­rung beglei­tet. Zwischen etwa den Jahren 1.000 und 1.300 verdop­pel­te sie sich im euro­päi­schen Raum von ca. fünf auf zehn Millio­nen Menschen. Die Boden­er­trä­ge stie­gen. Im Gewer­be kam es zu einer weite­ren Spezia­li­sie­rung und Arbeits­tei­lung. Es bilde­te sich ein Markt für agra­ri­sche und gewerb­li­che Produk­te.

In dieser Zeit entstan­den auch die meis­ten der berühm­ten und präch­ti­gen Kathe­dra­len. Sie gehör­ten – auch
das ist wenig bekannt – weder der Kirche noch den Fürs­ten, sondern dem einfa­chen Volk, meist den Bürgern der Stadt, in der sie erbaut worden waren. Sie wurden auch von diesen finan­ziert. Die Kirche besaß selbst­ver­ständ­lich ihre „privi­le­gier­ten Zeiten“, in denen die Gottes­diens­te statt­fan­den, sowie ihren „privi­le­gier­ten Raum“ (den Chor um den Altar).

B. A. Lieta­er verdeut­licht in folgen­der Schil­de­rung aus dem norma­len Leben die dama­li­ge Situa­ti­on sehr anschau­lich:

„Natür­lich gibt es für die dama­li­ge Zeit keine ‚Statis­tik‘ in unse­rem heuti­gen Sinne… Dennoch besit­zen wir aussa­ge­kräf­ti­ge Quel­len. So berich­tet beispiels­wei­se Johann Butz­bach in seiner Chro­nik: ‚Die gemei­nen Leute hatten selten weni­ger als vier Gänge bei der Mittags­und Abend­mahl­zeit. Sie aßen Getrei­de und Fleisch, Eier, Käse und Milch zum Früh­stück, und um 10 Uhr morgens und noch einmal um vier Uhr nach­mit­tags
eine leich­te Mahl­zeit.‘ Der Histo­ri­ker Fritz Schwartz brach­te die Verhält­nis­se auf den Punkt: ‚Kein Unter­schied zwischen Bauern­haus und Schloß.‘

Für die Gesel­len war der soge­nann­te blaue Montag frei. Während der Sonn­tag als der ‚Tag des Herrn‘ galt, an dem man sich um öffent­li­che Ange­le­gen­hei­ten kümmer­te, war der Montag der Tag, an dem die Menschen Zeit für ihre Privat­an­ge­le­gen­hei­ten hatten, Zusätz­lich gab es mindes­tens 90 offi­zi­el­le Feier­ta­ge im Jahr! Daher arbei­te­te ein Gesel­le im Durch­schnitt nicht mehr als vier Tage in der Woche. Außer­dem war auch die Zahl der Arbeits­stun­den pro Tag begrenzt. Als die Herzö­ge von Sach­sen die Arbeits­stun­den von sechs auf acht
Stun­den am Tag ausdeh­nen woll­ten, revol­tier­te das Volk. Die Herzö­ge muss­ten ihre Unter­ta­nen zudem ermah­nen, dass ‚Arbei­ter nur vier Gänge bei jeder Mahl­zeit‘ erhal­ten soll­ten.

Die Bauern, die als nied­rigs­ter Stand galten ‚trugen Silber­knöp­fe an Weste und Mantel, meist in Doppel­rei­hen, und verwen­de­ten silber­ne Schnal­len und Verzie­run­gen für ihre Schuhe‘. Sozia­le
Unter­schie­de zwischen hohem und nied­ri­gem Stand, Adel und Bauern, waren deut­lich geschrumpft.“

Die ganze Welt ist ein Theater – Andreas Bangemann 0

Die ganze Welt ist ein Theater – Andreas Bangemann

Gleich­zei­tig Zuschau­er sein und Teil des Gesche­hens. Im Thea­ter ist das seit Jahr­hun­der­ten erleb­bar.
Die ganze Welt ist Bühne
und alle Frauen und Männer bloße Spie­ler.
Sie treten auf und gehen wieder ab,
sein Leben lang spielt einer manche Rollen,
durch sieben Akte hin.
(William Shake­speare, Wie es euch gefällt, II/7, 140–144)

Thea­ter spie­len wurde in London als eine Art „Wunder­waf­fe“ erkannt, weil sich durch diese Kunst­form Poli­tik machen ließ. Köni­gin Elisa­beth I. (sie regier­te von 1558–1603) wusste das für ihre Zwecke zu nutzen und trug mit dazu bei, dass das engli­sche Volk ins Schau­spiel­haus ström­te und in England Thea­ter von Welt­rang gemacht wurde. Einer, der wie kein ande­rer Stücke auf die Bühne zu zaubern verstand, war zwei­fel­los William Shake­speare. Doch ausge­rech­net ihm wird auch nach­ge­sagt, dass er gar nicht der Urhe­ber der ihm zuge­schrie­be­nen Bühnen­wer­ke war. Als wahrer Autor wird am häufigs­ten Sir Fran­cis Bacon, der angeb­li­che, erst­ge­bo­re­ne aber nicht aner­kann­te Sohn Elisa­beths I. genannt. Welche Ironie des Schau­spiels! Von Haus aus Wissen­schaft­ler konnte Bacon die Intel­lek­tu­el­len auf der Verstan­des­ebe­ne über­zeu­gen. Eines seiner weite­ren Talen­te bestand demnach im Verfas­sen von Thea­ter­stü­cken, mit Hilfe derer auch die mensch­li­che Gefühls­ebe­ne ange­spro­chen wurde. Und eine solche Gabe lässt sich bis zum heuti­gen Tage nutzen, um Geschich­ten zu erzäh­len, welche Menschen hören wollen. Geschich­ten, mit denen man die Alltags­sor­gen, die klei­nen wie die großen, hinter sich lassen kann.

Fast kommt es einem vor, als würde die Geschich­te vom „guten Kapi­ta­lis­mus“ bereits Jahr­hun­der­te lang erzählt. Und selbst in seiner milli­ons­ten Varia­ti­on strö­men die Massen noch immer in das Thea­ter der Exper­ten, um bei diesem uralten Stück dabei zu sein.

Das Thea­ter von heute sind die unend­lich vielen Fern­seh­sen­der. Mich macht es zuneh­mend sprach­los, wenn ich erlebe, wie sich in den Talk­show­ses­seln vermeint­li­che Auto­ri­tä­ten mit Worten äußern, deren Sinn eigent­lich dazu geeig­net wäre, die „alte Geschich­te“ in Frage zu stel­len und die Forde­rung nach einer neuen damit zu verbin­den. Jedoch, erkenn­bar gefähr­li­che Entwick­lun­gen werden indi­vi­du­el­len Fehl­leis­tun­gen zuge­schrie­ben, und als eine mensch­li­che Entglei­sung darge­stellt, die nicht den Wahr­heits­ge­halt der alten Geschich­te gefähr­det. Diese wird munter weiter­erzählt. Von allen, gleich welchen poli­ti­schen Lagern sie ange­hö­ren. Niemand stellt grund­sätz­lich in Frage, sondern erzählt nur eine weite­re Varia­ti­on der alten Geschich­te. Mir scheint, als seien wir vermit­tels Spra­che
kaum noch in der Lage, das Gesche­hen­de wieder­zu­ge­ben. Offen­bar müssen wir erle­ben, um wahr­zu­neh­men. Wie kann dieses Erle­ben ausse­hen, damit es uns wach­rüt­telt? Gibt es da etwas ande­res als Bege­ben­hei­ten, die wir uns besser nicht ausma­len wollen? Dinge wie Nahrungs­mit­tel­knapp­heit, Gewalt, Kriege usw.

Zu allen Zeiten spiel­ten ökono­mi­sche Belan­ge und Inter­es­sen die Haupt­rol­le. Selbst die seich­tes­ten Stücke des tägli­chen Thea­ters haben mit Geld zu tun. Wirt­schaf­ten bedeu­tet in Bezie­hung stehen. Weil wir Menschen nur in Gemein­schaft fort­be­stehen können, ist die Art, wie wir mitein­an­der umge­hen eine der wesent­lichs­ten Voraus­set­zun­gen für das Über­le­ben unse­rer Spezi­es. Als solche sind wir Teil allen Lebens auf der Erde und auch Teil des unend­li­chen Univer­sums. Mitt­ler­wei­le spüren die aller­meis­ten, wie stark sich jegli­ches Handeln der „alten Geschich­te“ des kapi­ta­lis­ti­schen Denkens anpasst. Die Beschaf­fen­heit des Geld­we­sens bestimmt unsere Denk­wei­se. Es wird Zeit, das zu erken­nen.

Wir sind Akteu­re und Zuschau­er zugleich. Wir sind Teil eines Ganzen, dessen Schick­sal auch unser Schick­sal ist. Nichts, was wir tun – aber auch nichts, was wir nicht tun – bleibt ohne Folgen für uns selbst.

Als Leser der HUMANEN WIRTSCHAFT sind Sie Teil des Wider­stands. Aber auch die Verkör­pe­rung des Neuen. Im „Thea­ter des Lebens“ sind wir die Stören­frie­de. Im Bemü­hen um eine klare Spra­che hinsicht­lich aller Fragen zum Geld und seinen Wirkun­gen hat sich kaum einer so verdient gemacht, wie unser Autor Helmut Creutz.

Im Bemü­hen um die Einbet­tung des Wirt­schafts­sys­tems in den großen Zusam­men­hang allen Seins schickt sich derzeit Charles Eisen­stein aus den USA an, die Augen zu öffnen. Es macht Freude, ihm zuzu­hö­ren, denn einer, wie er hat uns noch gefehlt. Einer der die Verstan­des­welt ratio­na­ler Fakten in ein Gesamt­bild über­führt, das auch „gefühlt“ werden kann. Vieles von dem, worüber er philo­so­phiert lässt sich mit jener nüch­ter­nen Logik errei­chen, die unsere Reform­vor­schlä­ge zur Geld- und Boden­ord­nung prägen. Logik und Gefühl – wir sind nicht umsonst mit beidem von der Natur ausge­stat­tet worden.

Lassen Sie uns gemein­sam mit allen unse­ren vortreff­li­chen Autoren – in dieser und in allen ande­ren Ausga­ben – versu­chen, den letz­ten Akt dieses Schau­spiels im „Thea­ter des Scheins“ in den ersten Akt einer neuen Geschich­te zu über­füh­ren. Wir haben das Zeug dazu.

Herz­lich grüßt Ihr Andre­as Bange­mann

Leserbriefe 06/2013 0

Leserbriefe 06/2013

Fünf Seiten von Lesern für Leser. Die Leser­brie­fe dieser Ausga­be. Ihre Meinung ist uns wich­tig! Senden Sie uns Ihre Fragen, Anre­gun­gen oder persön­li­chen Meinun­gen. Wir bemü­hen uns, so viele
Leser­brie­fe unter­zu­brin­gen, wie möglich. Wenn wir Leser­brie­fe kürzen, dann so, dass das Anlie­gen der Schrei­ben­den gewahrt bleibt. Leser­brie­fe geben nicht die Meinung der Redak­ti­on wieder.

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In Wuppertal steinreich werden – Andreas Bangemann

Die Frei­licht­büh­ne an der Silvio-Gesell-Tagungs­stät­te wird mehr als 80 Jahre nach ihrer Entste­hung wieder mit Leben erfüllt.

Jona­than Ries als „Baulei­ter“ und die Fami­lie Bange­mann achten dabei darauf, dem „Geist“ des Gelän­des und der herr­li­chen Natur Rech­nung zu tragen. Der Frei­wirt­schaft­li­che Jugend­ver­band Deutsch­land e. V. als Träger und Eigen­tü­mer des Gelän­des sucht auf beson­de­re Weise Unter­stüt­zer. Mit der Über­nah­me einer „Stein­pa­ten­schaft“ kann das Projekt, das 2015 voll­endet werden soll, unter­stützt werden.

Gedan­ken, die zur Entschei­dung für Steine geführt haben

Die Terras­sie­rung des Sitz­be­rei­ches, die später einmal die Stufen des Zuschau­er­rau­mes bilden wird, soll aus massi­ven Stein­blö­cken gestal­tet werden. Die Model­lie­rung des Erdreichs, seine Verdich­tung und der Unter­grund für die „Sitz­stei­ne“ stel­len dabei eine Heraus­for­de­rung dar.

Die Frei­licht­büh­ne in Form einer unver­wüst­li­chen Wahr­heit, als Spagat zwischen mani­fes­ter Masse und geis­ti­gem Leben. Dem Stein und seiner alles mensch­li­che Leben über­dau­ern­den Stärke, soll in Form der Nutzung der Bühne die Leich­tig­keit des Gedan­ken­spiels in allen künst­le­ri­schen Facet­ten begeg­nen. Der Stein als das Symbol der Zeit­lo­sig­keit trifft in der zukünf­ti­gen Bühne auf die leben­di­ge Krea­ti­vi­tät von Mensch und Natur.

Diese Ambi­va­lenz bezieht ihre Über­ra­schungs­mo­men­te aus den immensen zeit­li­chen Versatz­stü­cken von Entwick­lun­gen. Hier das ewig Gelten­de, Verstei­ner­te, dort das Flüch­ti­ge, die dem mensch­li­chen Geist entsprin­gen­de Moment­auf­nah­me. Hier das Behä­bi­ge, Unbe­weg­li­che und dort das Flie­ßen­de und auf ganz beson­de­re Weise Verän­de­rung Herbei­füh­ren­de.

Der Stein ist Stein und bleibt es ewig. Der Mensch vergeht in kürzes­ter Zeit und nährt sich von den Früch­ten der Natur und des Geis­tes. Leben vergeht und entsteht in unend­li­chem Kreis­lauf. Ein Kunst­werk, das auf einer Bühne aufge­führt wird, ist Vergäng­lich­keit im Stun­den­takt.

Doch diese Frei­licht­büh­ne wird mit ihrem Ensem­ble aus Kunst, Archi­tek­tur und Krea­ti­vi­tät für unge­ahn­te Refle­xio­nen und blei­ben­de Eindrü­cke sorgen. Bäume, Sträu­cher, Pflan­zen und die Tiere des Waldes und der angren­zen­den Felder, berei­chern die Kulis­se, welche der Mensch mit seiner Krea­ti­vi­tät erfüllt.

Reden aller Art, Klein­kunst, Akro­ba­tik, Bewe­gungs­kunst, Thea­ter, Tanz, Musik, kind­li­che Entde­ckungs­rei­sen, Semi­nar­ver­an­stal­tun­gen und, und, und …

Der zukünf­ti­gen Nutzung als Spiel- und Ausdrucks­raum für viel­fäl­ti­ge Zwecke sind kaum Gren­zen gesetzt.

Die gewal­ti­ge, zeit­lo­se, mit Ewig­keits­an­spruch verse­he­ne Form der gesam­ten Anlage bietet einen Raum, der den Menschen täglich aufs Neue die Frei­heit bietet, sie mit Künst­le­ri­schem und Krea­ti­vem auszu­fül­len. Dem unauf­hör­li­chen Werden und Verge­hen wird ein einzig­ar­ti­ger Rahmen gege­ben. Dem Entste­hen der Verän­de­rung wird Raum gege­ben.

Stein­pa­ten­schaf­ten

Viele hundert Steine werden nötig sein,
bis die zukünf­ti­gen Sitz­ge­le­gen­hei­ten
geschaf­fen sind. Ein einzel­ner dieser Muschel­kalk­stei­ne
wird etwa 45 cm x 45 cm
im Quer­schnitt messen, ca. 80 bis 100 cm
lang sein und rund 500 kg wiegen.

Tragen Sie mit einer Stein­pa­ten­schaft
zum Gelin­gen dieses außer­ge­wöhn­li­chen
Bauwerks bei. Es werden Paten­schaf­ten
mit 50,- € (ein Sitz­platz),
100,- € (zwei Sitz­plät­ze) oder 150,- €
(drei Sitz­plät­ze, entspricht einem ganzen
Stein) aufge­legt. Das wird mit einer
Urkun­de doku­men­tiert und durch eine
Gravur auf den Stei­nen für alle Zeiten
sicht­bar gemacht.

Über­wei­sun­gen bitten mit dem Hinweis
„Stein­pa­ten­schaf­ten“ verse­hen
und gut leser­lich Vor- und Zuna­men für
die Gravur eintra­gen.

Kontakt im Zusam­men­hang mit dem Projekt:
Jona­than Ries, Silvio-Gesell-Tagungs­stät­te, Schan­zen­weg 86, 42111 Wupper­tal
Email: jonathanries82@hotmail.com
Mobil: 0163–1461604 oder: 02053–423766
Projekt­web­site: http://www.wflb.de

Spen­den­kon­to des gemein­nüt­zi­gen Träger­ver­eins der Tagungs­stät­te und des Frei­licht­büh­nen-Projek­tes:
Konto­in­ha­ber: Frei­wirt­schaft­li­cher Jugend­ver­band
Deutsch­land e. V. (kurz FJvD e. V.)
Konto­num­mer: 26357251
Bank­leit­zahl: 334 500 00
Spar­kas­se Hilden-Ratin­gen-Velbert

Wir alle haben Talent – Andreas Bangemann 0

Wir alle haben Talent – Andreas Bangemann

Vor 20 Jahren hat eine Initia­ti­ve starke Impul­se ausge­sen­det, die in der Folge eine Tausch­ring- und Regio­nal­geld­wel­le auslös­te: Das Schwei­zer „Talent­ex­pe­ri­ment“

Es geschah in einer Zeit weit entfernt von echten ökono­mi­schen Krisen. Ein Land, das durch seine Neutra­li­tät Jahr­hun­der­te lang weit­ge­hend im Frie­den leben konnte und die vermeint­lich stärks­te Währung der Welt aufbau­te, wurde zur Heimat einer selbst­ge­mach­ten, loka­len und zins­frei­en Zweit­wäh­rung. In der Schweiz konnte man in bestimm­ten Regio­nen ab 1993 mit seinen „Talen­ten“ bezah­len.
Im Früh­jahr 1993 haben Mitglie­der der INWO Schweiz (Initia­ti­ve für Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung) und weite­re Inter­es­sier­te den Start­schuss für eine Bewe­gung gege­ben, die sich über ganz Europa
ausbrei­te­te. Das Talent­ex­pe­ri­ment wurde zur Blau­pau­se vieler nach­fol­gen­der Initia­ti­ven und Projek­te.

Auf einer Tagung im Novem­ber 1992 wurde ein inhalt­li­cher Grund­stein gelegt. Aus dem dama­li­gen Tagungs­pro­spekt: Eine gerech­te Wirt­schaft ist nur mit einem gerech­ten Geld­sys­tem möglich, das echte Produk­ti­vi­tät fördert und die versteck­te Einkom­men­sum­ver­tei­lung durch den Zins elimi­niert. Ein Geld­we­sen auf Zins­ba­sis ist nicht nur eine sozia­le ökolo­gi­sche Zeit­bom­be, sondern desta­bi­li­siert sich selber durch das expo­nen­ti­el­le Schul­den­wachs­tum. Je unsi­che­rer das inter­na­tio­na­le Währungs- und Finanz­sys­tem wird, desto wich­ti­ger werden lokale, zins­freie Austausch­sys­te­me. Wenn auch für viele die Krise erst 2008 ausbrach, so gab es in alter­na­ti­ven Krei­sen dennoch Weit­bli­cken­de, die sehr genau erkann­ten, wohin eine Wirt­schaft treibt, wenn alles der Kapi­tal­ren­di­te unter­ord­net wird.
„Ein zins­frei­es Tausch­mit­tel, das sich nach den Bedürf­nis­sen der Menschen rich­tet und nicht dem Profit­hun­ger der Finanz­märk­te dient.“ Die Illu­si­on des ewig jungen Geldes stellt mensch­li­che Wert­vor­stel­lun­gen auf den Kopf.

Mit Talen­ten bezah­len konnte man ausschließ­lich bargeld­los. „Wer Talent hat, hat Kredit“, laute­te das Credo. Die Hürden zum Mitma­chen wurden nied­rig ange­setzt. Trans­pa­renz war ein weite­rer wich­ti­ger Punkt in der Konzep­ti­on der Paral­lel­wäh­rung. Thomas Ester­mann schrieb 1994 dazu in der „Zeit­schrift für Sozi­al­öko­no­mie“ unter dem Titel „Das Talent-Expe­ri­ment der INWO Schweiz“: Trans­pa­renz als Schutz vor Macht­miss­brauch…

Termine 01/2014 0

Termine 01/2014

Termin­über­sicht 01/2014 mit vielen hervor­ra­gen­den Veran­stal­tun­gen ab Januar 2014 und Termi­nen bis in den Septem­ber, die Sie sich unbe­dingt vormer­ken soll­ten.

Repariert nicht, was euch kaputt macht! – Streifzüge-Redaktion 0

Repariert nicht, was euch kaputt macht! – Streifzüge-Redaktion

Ausdruck des Webein­trags von www.streifzuege.org
Heraus­ge­ber und Inha­ber: Kriti­scher Kreis. – Verein für gesell­schaft­li­che Trans­for­ma­ti­ons­kun­de – Marga­re­ten­stra­ße 71–73/1/23, 1050 Wien
Der Beitrag ist auf „Streif­zü­ge“ nach­zu­le­sen unter: http://www.streifzuege.org/2013/repariert-nicht-was-euch-kaputt-macht

Geht es auch ohne Geld? – Redaktion 0

Geht es auch ohne Geld? – Redaktion

Der Mensch ist Teil der Natur, das steht außer Zwei­fel. Die Natur kennt kein Geld, erzeugt keinen Abfall, bewer­tet nicht. Sie ist verschwen­de­risch, voller Reich­tum und ohne Schul­den.

Könnte das ein Hinweis sein, wie wir unsere Ökono­mie entwi­ckeln soll­ten?

Ist eine Wirt­schaft ohne Geld denk­bar? Inter­es­san­ter­wei­se decken sich die Analy­sen, poli­tisch links gerich­te­ter Kreise immer mehr mit jenen, die Geld­sys­tem­kri­ti­ker für ihre Zwecke nutzen. Das führt zu Irri­ta­tio­nen, jedoch nur bis zu dem Punkt, an dem man fest­stellt, wie weit die Lösungs­vor­schlä­ge ausein­an­der­lie­gen. Linke, für die Karl Marx und seine Sicht­wei­se nach wie vor das Maß aller Dinge sind, schei­nen sich nicht mit Leuten eini­gen zu können, deren Verän­de­rungs­wil­le sich ganz auf die Trans­ak­ti­ons- oder Zirku­la­ti­ons­sphä­re des Geldes rich­tet. Dem Schei­tern Marx­scher Ideen in der Praxis folgte unter ande­rem auch eine größer werden­de „Szene“ von Linken mit neuen Befrei­ungs­ide­en. Die Herr­schaft der Funk­tio­nä­re, wozu der Kommu­nis­mus letzt­lich führte, soll und kann verhin­dert werden, wenn wir uns vom Geld befrei­en, meinen so manche. Das Vorbild der „Freien Soft­ware“ (z. B. Linux) oder von Inter­net­por­ta­len wie Wiki­pe­dia, zu dem Menschen bedin­gungs­los beitra­gen, ohne „Gegen­for­de­run­gen“ zu stel­len, dient als Grund­la­ge für ein System­den­ken jenseits des Geldes. Damit scheint der Spagat geschafft, das reale Schei­tern des marxis­ti­schen Sozia­lis­mus in seiner „Prole­ta­ri­ats­dik­ta­tur-Phan­ta­sie“ doch noch mit dem eigent­li­chen Ziel, der Auflö­sung des Staa­tes, zu verei­nen. Und das, ohne sich von dem Denken verab­schie­den zu müssen, dass es einzig die Produk­ti­ons­mit­tel sind, die den Kapi­ta­lis­mus ausma­chen.

In dieser Ausga­be der Zeit­schrift haben wir uns vorge­nom­men, Denk­wei­sen Raum zu geben, die das Thema Geld aus einer ande­ren Sicht betrach­ten. Für „Geld­re­for­mer“ ist es befremd­lich, einmal darüber nach­zu­den­ken, wie die Wirt­schaft ganz ohne Geld funk­tio­nie­ren könnte. Aber das sollte uns nicht daran hindern, es einmal zu tun.

Das Geschäft mit der Massenvernichtung – Redaktion 0

Das Geschäft mit der Massenvernichtung – Redaktion

Inves­ti­tio­nen deut­scher Banken in Atom­waf­fen­her­stel­ler

Laut dem Erfolgs­au­tor, David Graeber, („Schul­den Die letz­ten 5000 Jahre“) ist das Aufkom­men von Münz­geld im Wesent­li­chen auf die Finan­zie­rung von Krie­gen zurück­zu­füh­ren. Staats­schul­den sind Kriegs­schul­den. „Der Link zwischen Geld und Gewalt zieht sich durch die Geschich­te der Mensch­heit“, sagt er am 10. Okto­ber 2013 in einem Inter­view des Schwei­zer Fern­se­hens DRS.

„Alle moder­nen Regie­run­gen sind verschul­det und meis­tens sind es Kriegs­schul­den.“ Zwar wach­sen die heuti­gen Staats­schul­den im Grunde nur durch die
nicht mehr bedien­ba­ren Zins­las­ten, doch im Gegen­satz zu Sozi­al­aus­ga­ben stehen die Ausga­ben für Vertei­di­gung eher selten auf der Streich­lis­te der Staats­haus­hal­te.

Wurden Kriege und Gewalt zu frühe­ren Zeiten von unde­mo­kra­ti­schen Herr­schern geführt, so hat sich das zwar geän­dert, nicht jedoch die Tatsa­che, dass Kriege und vor allem schreck­li­che Waffen, wie zum Beispiel Atom­waf­fen, nach wie vor finan­ziert werden müssen. Konn­ten die Herr­scher früher das durch Ausbeu­tung eige­ner Gold- und Silber­mi­nen, so müssen die Krieg­füh­ren­den, aber auch die Produ­zen­ten der Waffen­sys­te­me, heut­zu­ta­ge auf den Finanz­markt zurück­grei­fen, um Kriege und Waffen finan­zie­ren zu können. Ange­sichts der immensen Summen, die mitt­ler­wei­le dafür aufge­wen­det werden, fragt man sich, wie das möglich ist? Wer kennt schon Jeman­den persön­lich, der einem Atom­waf­fen­her­stel­ler Kredit geben würde? Und doch sind viele Im Boot, die es selbst nicht wissen, wenn es an die Beant­wor­tung dieser Frage geht. Oftmals genügt es dazu, einen Spar­be­trag auf dem Konto einer namhaf­ten deut­schen Bank zu haben. Schon ist man unter den Finan­ziers von Atom­waf­fen.

Buchvorstellungen 06/2013 0

Buchvorstellungen 06/2013

Drei Bücher zum Thema Geld werden hier vorge­stellt:
1.) Chris­ti­an Kreiß: „Profit­wahn“ – Warum sich eine menschen­ge­rech­te­re Wirt­schaft lohnt – Tectum Verlag (15. 6. 2013), Klap­pen­bro­schur, 200 Seiten, 17,95 €, ISBN 978–3‑8288–3159‑9
2.) Dirk Löhr: „Prin­zip Renten­öko­no­mie: Wenn Eigen­tum zu Dieb­stahl wird“ – Verlag Metro­po­lis (1. 5. 2013), broschiert, 196 Seiten, 22,00 €, ISBN 978–3‑7316–1013‑7
3.) Charles Eisen­stein, „Ökono­mie der Verbun­den­heit: Wie das Geld die Welt an den Abgrund führte – und sie dennoch jetzt retten kann.“ (Mit einem Vorwort von Margrit Kenne­dy) Scor­pio Verlag (11. März 2013), gebun­den, 496 S., 19,99 €, ISBN-13: 978–3‑943416–03‑9
Alle drei Bücher können auch über unse­ren Online-Shop http://shop.humane-wirtschaft.de bezo­gen werden.

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Charles Eisenstein und die Agenten des Wandels – Ein Bericht von Andreas Bangemann

Der US-ameri­ka­ni­sche Kultur­phi­lo­soph Charles Eisen­stein kommt, wenn er geru­fen wird. Seine Reisen werden auf außer­ge­wöhn­li­che Weise orga­ni­siert. Immer mit einem gewis­sen finan­zi­el­len Risiko, denn der Erfolgs­au­tor vertraut dabei auf die Gaben­be­reit­schaft seiner Zuhö­rer, Spon­so­ren und Veran­stal­ter. Er will dem bedin­gungs­lo­sen Geben einen größe­ren Stel­len­wert im mensch­li­chen Mitein­an­der verschaf­fen und geht deshalb beispiel­haft voran. Eine Euro­pa­rei­se im Septem­ber führte ihn in die Schweiz und nach Luxem­burg. Charles Eisen­stein ist für viele zu einem Hoff­nungs­trä­ger gewor­den. Er verkör­pert den Wandel hin zu einer „Ökono­mie der Verbun­den­heit“. Das ist zugleich der Titel seines aktu­el­len Buches (das Nächs­te ist im Entste­hen).

Das Programm hatte dementspre­chend einen Schwer­punkt in Vorträ­gen rund um das Schaf­fen des erfolg­rei­chen Buch­au­tors und Wirt­schafts­ana­ly­ti­kers. Am 21. Und 22. Septem­ber 2013 luden CELL („Centre for Ecolo­gi­cal Lear­ning Luxem­bourg“) in Zusam­men­ar­beit mit weite­ren Einrich­tun­gen und Orga­ni­sa­tio­nen zu einem Abend­vor­trag und Work­shop am darauf folgen­den Tag nach Luxem­burg ein. Mit im Orga­ni­sa­ti­ons­team waren Katy Fox, Alex Hornung, Max Hilbert, Anke Colditz und viele Aktive der Luxem­bur­ger Regio­nal­wäh­rung „Beki“, sowie der Luxem­bur­ger Initia­ti­ve für bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men.
In seiner spür­ba­ren Beschei­den­heit wurde er mitt­ler­wei­le zu einem Symbol der Verän­de­rung. Die soge­nann­te „Occupy-Bewe­gung“, die exis­tent, aber doch nicht greif­bar erscheint, hat Charles Eisen­stein zu einem ihrer philo­so­phi­schen
Vorden­ker erko­ren. Wird seine Präsenz gewünscht, kommt er dem best­mög­lich nach, stets im Geiste seiner „Philo­so­phie“, die ihre Kraft aus der Gewiss­heit einer Gaben­kul­tur schöpft, die laut Eisen­stein fest im Menschen veran­kert ist.

Während seines Vortra­ges am 21. 9. vor rund 120 Gästen wurde deut­lich, wie es zu seiner welt­wei­ten Aner­ken­nung kam. Trotz seiner eher schmäch­ti­gen Statur strahlt er eine charis­ma­ti­sche Präsenz aus. In den kurzen Sprech­pau­sen, die er häufig einlegt und bei denen er auf eine anste­cken­de Weise nach­denk­lich wirkt, würde man eine Steck­na­del fallen hören. Seine Persön­lich­keit in Verbin­dung mit allen spür­ba­ren Fein­hei­ten, die nur die leib­haf­ti­ge Erschei­nung bieten können, zieht die Anwe­sen­den in seinen Bann. Das wäre vermut­lich nicht so, wenn das Gesag­te selbst nicht Anlass zur Hoff­nung gäbe. Und das obwohl Eisen­stein eine scho­nungs­lo­se Analy­se des heuti­gen Zustands liefert. „Die Krise“, sagt er, „wurde nicht gelöst. Sie wurde nur zeit­wei­se verdeckt.“ Wir befän­den uns auch nicht in einer rein ökono­mi­schen Krise, sondern in einer grund­sätz­li­chen. Ein Denken, das darauf aufbaut, stän­di­ges Wachs­tum zu fordern und zu fördern, kann nur schei­tern. Dauer­haf­tes Wirt­schafts­wachs­tum gibt es nur zum Preis zerstö­re­ri­schen Ausbeu­tens der Natur und des Menschen.

Unser Geld­sys­tem lässt Schul­den uner­bitt­lich wach­sen. Deshalb ist ökono­mi­sches Wachs­tum unab­ding­bar. Tag für Tag treten die Schuld­ner mehr von ihrem Leben an die Gläu­bi­ger ab. Es ist effi­zi­en­ter und dient der heuti­gen Wirt­schaft in größe­rem Maße, wenn eine Kinder­gärt­ne­rin auf 50 Kinder aufpasst, anstatt jede Fami­lie selbst ihre Kinder betreut. Es ist effi­zi­en­ter, wenn Maschi­nen physi­sche Arbeit von Menschen erset­zen und Compu­ter die geis­ti­ge. Die Ökono­men können erklä­ren, was das Geld tut, aber nicht, was es ist. Durch das Einge­ben eini­ger Symbo­le in die Tasta­tur eines Compu­ters, kann man in der Reali­tät Gebäu­de entste­hen oder sich Pakete vor die Haus­tü­re stel­len lassen. Geld ist ein Zauber, dem wir verfal­len schei­nen und der es schafft unsere Sinne derart abzu­stump­fen, dass wir gravie­ren­de Krisen auf alles Mögli­che zurück­füh­ren nur nicht auf Geld. Dabei bekom­men wir es mit einer zuneh­men­den Zahl an Krisen zu tun: Energie‑, Wasser‑, Gesund­heits­kri­sen u.v.m. deuten an, wohin das nur führen kann: zum tota­len Kollaps. Und doch bleibt
das Geld auf eine gespens­ti­sche Weise außen vor. Schuld­ner wissen nicht, dass sie Schuld­ner sind, weil sie denken dazu gehöre es, persön­lich verschul­det zu sein. Oder die Schul­den müss­ten ihr Vermö­gen deut­lich über­stei­gen, um sie zu Schuld­nern zu machen. Im Geld­sys­tem liegt eine undurch­schau­bar schei­nen­de Fins­ter­nis, in die einzu­drin­gen vermie­den wird. Dabei zeigt Charles Eisen­stein auf, wie es zu allen Zeiten – bis zum heuti­gen Tage – Grup­pen von Menschen gab, die viele Trans­ak­tio­nen orga­ni­sie­ren konn­ten und dafür kein Geld brauch­ten. „Man nennt diese Grup­pen ‚Fami­lie‘ oder auch ‚commu­nities‘“, sagt Charles Eisen­stein mit einem verschmitz­ten Lächeln. Der Geist inner­halb von Fami­li­en scheint ein voll­kom­men ande­rer zu sein, als jener in der harten ökono­mi­schen Außen­welt. Warum das so ist und wie es gelin­gen kann,das „Terrain“ der Gaben­kul­tur zu erwei­tern, das sind für Charles Eisen­stein wich­ti­ge Zukunfts­fra­gen. …

Gewinnstreben – Ursache oder Symptom? – Interview mit Dr. Ernst Niemeier 0

Gewinnstreben – Ursache oder Symptom? – Interview mit Dr. Ernst Niemeier

Dr. Ernst Niemei­er ist ein Mann, der in seinem Leben so manche „Schlacht“ geschla­gen hat. Über 30 Jahre arbei­te­te er in verschie­de­nen Berei­chen der IBM Deutsch­land. Dabei fungier­te er auch als Betriebs­rat und setzte sich für die Belan­ge der Mitar­bei­ter in seinem Verant­wor­tungs­be­reich ein. Von frühe­ren Kolle­gin­nen und Kolle­gen wurde er für seine uner­bitt­li­che Aufrich­tig­keit geschätzt, die sich auch darin ausdrück­te, dass er sich nicht vor gericht­li­chen Ausein­an­der­set­zun­gen mit seinem Arbeit­ge­ber scheu­te. Mit der Aufde­ckung rechts­wid­ri­ger Maßnah­men zu Lasten der Mitar­bei­ter errang
er sich in den Augen der Kolle­gin­nen und Kolle­gen große Verdiens­te. Gravie­ren­de Fälle hat er jetzt in seinem Buch verar­bei­tet. Dabei sieht er das „Profit­stre­ben“ als „kapi­ta­lis­ti­sche Kern­ener­gie“ an und warnt vor zerstö­re­ri­schen Folgen für das gesam­te Gesell­schafts­ge­fü­ge.

Im Buch beschreibt und analy­siert er ein ekla­tan­tes Beispiel der Fehl­ent­wick­lung des schran­ken­lo­sen Gewinn­stre­bens. Er führt zu seinem Buch aus: „In diesem Fall rich­te­te es sich gegen die (produk­ti­ven) Beschäf­tig­ten eines Welt­un­ter­neh­mens – einge­lei­tet von dem späte­ren BDI-Präsi­den­ten
Hans-Olaf Henkel, den die Süddeut­sche Zeitung schon einmal als den Mann für das Grobe bezeich­net hatte. Ein solches Verhal­ten verhin­dert nicht nur, dass ein markt­wirt­schaft­lich mögli­ches sozi­al­öko­no­mi­sches Opti­mum nähe­rungs­wei­se erreicht wird. Letzt­lich bedroht es auch die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Markt­sys­tems. Deshalb ist es genau zu analy­sie­ren, und aus den Erkennt­nis­sen sind Konse­quen­zen zu ziehen, die darauf hinaus­lau­fen, dass eine wirk­sa­me Gegen­macht zu bilden ist. Um die Einkom­men und die sons­ti­gen Arbeits­be­din­gun­gen in histo­risch einma­li­ger Breite
und Höhe rechts­wid­rig absen­ken zu können, wurde bei IBM mit einer nicht tarif­fä­hi­gen Orga­ni­sa­ti­on, einem ‚Drit­ten‘ also, ein Vertrag abge­schlos­sen, der dann allen Beschäf­tig­ten oktroy­iert wurde. Auf diese Weise wurden zahl­rei­che bestehen­de Arbeits­ver­trags­in­hal­te einsei­tig und ohne Ände­rungs­kün­di­gung (die aller­dings ange­sichts der Gewinn­si­tua­ti­on aussichts­los gewe­sen wäre) gravie­rend verschlech­tert.
Die Beschäf­tig­ten, die sich gegen den Rechts­bruch wehr­ten, wurden bedroht, diffa­miert, mit Sank­tio­nen belegt, mit Abmah­nun­gen und Kündi­gungs­ver­su­chen über­zo­gen. Diese Einschüch­te­rungs­maß­nah­men verfehl­ten nicht ihre Wirkung und führ­ten dazu, dass sich der gericht­lich
fest­ge­stell­te Macht­miss­brauch und Rechts­bruch durch­setz­te. Es geschah also das, was die Cambridge-Ökono­min Joan Robin­son schon Mitte des letz­ten Jahr­hun­derts in die Worte fasste: ‚Wenn (allein) das Trach­ten nach Profit das Krite­ri­um rich­ti­gen Verhal­tens ist, gibt es keine Möglich­keit, produk­ti­ves Handeln von Räube­rei zu unter­schei­den‘“.

Inwie­weit Dr. Niemei­er das Gewinn­stre­ben als Ursa­che allen Übels ansieht, bzw. ob er dahin­ter noch andere trei­ben­de Kräfte wahr­nimmt, das wollte Andre­as Bange­mann im Inter­view heraus­fin­den.

Finanzwelt auf der Bühne – Eine schwierige Annäherung – Pat Christ 0

Finanzwelt auf der Bühne – Eine schwierige Annäherung – Pat Christ

Das Thea­ter kann das Thema „Geld“ (noch) nicht so rich­tig packen

Sie joggen zwei­mal in der Woche, ernäh­ren sich gesund – und haben ansons­ten nur eines im Sinn: Umsatz zu machen. Dafür nehmen die drei Finanz­be­ra­ter in Robert Woel­fls Stück „Wir verkau­fen immer“ alle nur denk­ba­ren Konse­quen­zen in Kauf: Bruch mit der eige­nen Fami­lie, Bezie­hungs­ab­sti­nenz, Einsam­keit. Beacht­lich, dass es ein Stück über die Finanz­welt auf die Thea­ter­büh­ne geschafft hat. Nur leider bleibt es – und nicht nur dieses Stück – inhalt­lich weit hinter den Erwar­tun­gen an ein solches Thema zurück.

Sie sind weder noncha­lant noch fies oder ausge­bufft, die beiden Finanz­be­ra­ter und die Finanz­be­ra­te­rin, die Regis­seur Stephan Susch­ke bei der Urauf­füh­rung des Stücks im Septem­ber im Würz­bur­ger Stadt­thea­ter zum Tria­log antre­ten lässt. Unsi­cher sind sie. Und geknickt. Vor allem Martin, in Würz­burg von Robin Bohn darge­stellt, ist ganz betrübt darüber, dass seine Eltern ihn der Falsch­be­ra­tung bezich­ti­gen – haben sie doch dank seiner Einflüs­te­run­gen all ihr Geld in Aktien inves­tiert, deren Kurs dann massiv gefal­len ist. Seit­dem reden sie nicht mehr mit ihrem Sohn. Zu groß ist (noch) der Schock darüber, dass all ihr Vermö­gen vernich­tet ist.

Die drei von Woelfl kreierten Finanz­be­ra­ter müssen sich unge­mein abschuf­ten. Tja. Hätten Sie bloß was Vernünf­ti­ges gelernt… Das Leben genie­ßen, nein, das können Julia, Martin und Ricar­do nicht. Denn da ist ja die perma­nen­te Hatz nach dem Geld. Immer hinken sie hinter ihren eige­nen Erwar­tun­gen her. Immer ist da die Angst vor dem Absturz. Und immer stehen sie mit dem Rücken an der Wand. Gefun­den haben sie sich für den Moment des Tria­logs auch nicht aus alter Freund­schaft. Eher zum Schlag­ab­tausch. Ähnlich Mitglie­dern einer Sekte feuern sie sich gegen­sei­tig an, das zu glau­ben, was als Glaube in ihnen längst am Bröckeln ist. Woelfl präsen­tiert seine Figu­ren verhed­dert in einem Job, der abso­lut nicht zum Glück­lich­ma­chen taugt.

Zu bloßen „Kunden“ degra­diert Wie sie mit ande­ren umge­hen, treibt ihnen beim Erzäh­len keines­wegs die Röte ins Gesicht. Sie schei­nen nicht zu checken, in welchem unmensch­li­chen Maß sie ihre Mitmen­schen zu bloßen „Kunden“ degra­die­ren. Was frei­lich schon etwas mit der Reali­tät zu tun hat. Unbe­strit­ten gehört die Angst davor, zu wenige Kunden zu haben oder bereits gewon­ne­ne Kunden zu verlie­ren, zur Reali­tät von Finanz­be­ra­tern. Realen Schil­de­run­gen zufol­ge gera­ten nicht wenige Finanz­be­ra­ter gar so stark ins Trudeln, dass sie in die Privat­in­sol­venz
hinein­schlid­dern. Denn neue Kunden zu finden, ist schwer. Auch für Woel­fls farb­lo­se Figu­ren bedeu­tet dies eine chro­nisch stres­sen­de Heraus­for­de­rung. Dabei versu­chen sie auf Teufel komm raus, zu neuen Geschäfts­kon­tak­ten zu kommen. Und weil sie es so sehr versu­chen, passie­ren Pannen. Werden andere geschä­digt. Um exis­ten­zi­ell notwen­di­ges Geld gebracht. Wie Martins Eltern…

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Zeichnen für den Frieden – www.neuesgeld.net

Die gemein­nüt­zi­ge Gesell­schaft „Neues Geld“ aus Leip­zig zeich­net sich durch krea­ti­ve Ideen für ihr Ziel, „das flie­ßen­de Geld“ aus. Die Zusam­men­ar­beit mit der HUMANEN WIRTSCHAFT ist eng, was sich auch in gemein­sa­men Akti­vi­tä­ten hinsicht­lich vieler Stamm­ti­sche zeigt. (Siehe Seite 24–25). Mit der Aktion „Zeich­nen für den Frie­den“ verbin­den die akti­ven Leip­zi­ger das Thema Kunst mit Geld und schaf­fen so Räume für Ideen, wie „Flie­ßen­dem Geld“ als Lösung Ausdruck verlie­hen werden kann.

Aus der Ankün­di­gung der Aktion: Der herz­li­che Wunsch dieser Aktion ist, dass sich Künst­ler mit dem Gedan­ken des flie­ßen­den Geldes krea­tiv ausein­an­der­set­zen. Die Veröf­fent­li­chung der schöp­fe­ri­schen Werke soll darüber hinaus den Bekannt­heits­grad des flie­ßen­den Geldes weiter erhö­hen.
Fried­li­che Verän­de­run­gen dieser beacht­li­chen Dimen­si­on stehen auch stark mit Emotio­nen in Verbin­dung. Kunst und Kultur kann helfen, eine posi­ti­ve Vision, gepaart mit Hoff­nung und Glück, zu trans­por­tie­ren. Sie möch­ten mitma­chen?
Bitte infor­mie­ren Sie uns kurz per Mail (henke@neuesgeld.net), dass Sie bei dieser beson­de­ren Initia­ti­ve dabei sein möch­ten, dies hilft uns bei der Planung. Bei Teil­nah­me schen­ken Sie uns bitte das Nutzungs­recht am Bild, damit wir dieses auf unse­rer Inter­net­prä­senz (www.lustauf-neues-geld.de) einstel­len können. Ihre Arbeit muss bis spätes­tens 31. 12. 2013 bei uns einge­trof­fen sein. Die Kosten der Über­sen­dung, wenn Sie dies wünschen, tragen wir für Sie.
Die Bilder sind dann für weite­re drei Monate auf unse­rer Home­page zu sehen. Die Besu­cher unse­rer Seiten können dann als Bewer­tung Herzen verge­ben.
Die Maler der 3 Bilder mit den jeweils höchs­ten Bewer­tun­gen, also den meis­ten Herzen, (Stich­tag: 30. 03. 2014) laden wir herz­lich in die schöne Messe­stadt Leip­zig ein. Für drei Künst­le­rin­nen oder Künst­ler wird es als Gewinn einen zwei­tä­gi­gen Aufent­halt in Leip­zig geben, umrahmt mit einem eigens dafür zusam­men­ge­stell­ten Programm. Am Ende der Aktion sind Verstei­ge­run­gen der Bilder geplant. Der Erlös kommt der gemein­nüt­zi­gen Gesell­schaft zugute und beför­dert auf diese wahr­lich krea­ti­ve Weise den Gedan­ken des Flie­ßen­den Geldes.

© Jorma Bork / pixelio.de 625168 0

Steuern: Diebstahl an der Allgemeinheit – Dirk Löhr

Über die Priva­ti­sie­rung öffent­li­cher und die Konfis­ka­ti­on priva­ter Werte.

Angela Merkel hat die Bundes­tags­wahl gewon­nen. Frei­lich, ein Triumph sieht anders aus. Alles steu­ert auf eine große Koali­ti­on zu, und hier ist Frau Merkel auf einen poten­ti­el­len Part­ner ange­wie­sen, der sich Steu­er­erhö­hun­gen in sein Wahl­pro­gramm geschrie­ben hat.

Der Staat, so SPD und Grüne, sei unter­fi­nan­ziert. Hier haben sie ohne Zwei­fel Recht. Aber, so merk­wür­dig es klingt – das Problem ließe sich auch ohne Steu­er­erhö­hun­gen lösen, ja wahr­schein­lich zum aller­größ­ten Teil voll­kom­men ohne die Steu­ern, wie wir sie heut­zu­ta­ge kennen. Rund die Hälfte der Steu­er­ein­nah­men resul­tiert aus der Lohn- und der Mehr­wert­steu­er – und diese tref­fen durch­aus nicht die Reichen. Dabei wird die Wirt­schafts­tä­tig­keit auch noch entmu­tigt: Wer bei Aufnah­me eines Neben­jobs z. B. 30 oder 40 % Steu­ern auf die zusätz­li­chen Einkünf­te an Einkom­men­steu­ern zahlen muss, über­legt sich das drei­mal. Dabei ginge es auch anders. Die staat­li­chen Leis­tun­gen könn­ten auch über die ökono­mi­schen Renten finan­ziert werden. Dabei handelt es sich grob gesagt um Extra­ge­win­ne, die von den Anbie­tern eigent­lich gar nicht benö­tigt werden, um die Leis­tung hervor­zu­brin­gen. Der Proto­typ der ökono­mi­schen
Rente ist die Boden­ren­te. Seit Ricar­do (1817) wird sie vor allem als „Diffe­ren­ti­al­ren­te“ verstan­den, d. h. als
Kosten- oder Ertrags­vor­teil einer Schol­le gegen­über dem Land, das gerade noch kosten­de­ckend bewirt­schaf­tet werden kann („Grenz­bo­den“). Mit den ökono­mi­schen Klas­si­kern kann man dabei „Land“ in einem sehr weiten Sinne verste­hen – als alles, was der Mensch nicht geschaf­fen hat. Dies sind z. B. Wasser, die Atmo­sphä­re, Rohstoff­quel­len – doch auch „virtu­el­les Land“ kann man hierzu zählen (v. a. Paten­te) – als Rechte, die dem Proto­typ Boden in vieler­lei Hinsicht
nach­ge­bil­det sind. Denn wie bei Boden i. e. S. kann man z. B. auch mit Paten­ten mono­pol­ar­ti­ge Renten einfah­ren, andere
Akteu­re blockie­ren und die damit verbun­de­nen Kosten auf andere, schlecht orga­ni­sier­te Grup­pen abwäl­zen.

Heut­zu­ta­ge werden die ökono­mi­schen Renten weit­ge­hend priva­ti­siert. Die Boden­ren­ten landen in den Taschen der
Boden­ei­gen­tü­mer, die Wasser­ren­ten u. a. bei Nestlé & Co., die Ölren­ten bei den großen Mine­ral­öl­kon­zer­nen etc. Es handelt sich hier­bei um beträcht­li­che Beträ­ge: Die ökono­mi­schen Renten werden je nach Ökono­mie auf zwischen 20 bis 40 Prozent des Volks­ein­kom­mens geschätzt (bislang liegen nur verein­zel­te Unter­su­chun­gen hierzu vor). Nach dem Henry George-Theo­rem können die öffent­li­chen Güter (Infra­struk­tur, Sicher­heit, Bildung, Gesund­heits­ein­rich­tun­gen) unter bestimm­ten Bedin­gun­gen voll­stän­dig aus den Boden­ren­ten finan­ziert werden. Das Theo­rem kann aber auch umge­kehrt gele­sen werden: Danach werden die Boden­ren­ten erst durch die öffent­li­chen Leis­tun­gen erzeugt. Der Staat kann inso­weit als „rent crea­ting insti­tu­ti­on“ verstan­den werden. Werden nun aber die (Boden-)Renten priva­ti­siert und damit der durch das
Henry George-Theo­rem beschrie­be­ne sach­ge­setz­li­che Zusam­men­hang durch­bro­chen (der eine Verge­mein­schaf­tung der Renten impli­ziert), entste­hen Verzichts­kos­ten: Die Inwert­set­zung der öffent­li­chen Güter muss dann nämlich durch Steu­ern auf Kapi­tal und Arbeit finan­ziert werden.

Norbert Rost - Foto: © Pat Christ
Foto: © Pat Christ
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Arbeits- und Kapitaleinkommen – Norbert Rost

Ein alter­na­ti­ver Blick auf unser Wirt­schafts­sys­tem

In der öffent­li­chen Debat­te um die (2. Welt-)Wirtschaftskrise ist das Thema Arbeits­ein­kom­men allge­gen­wär­tig.
Derzeit z. B. in Form der Diskus­si­on zum Thema „Gesetz­li­cher Mindest­lohn“. Tabui­siert wird eine Debat­te um die andere Seite dieser Medail­le: die Kapi­tal­kos­ten und Kapi­tal­ein­kom­men. Jene stel­len nicht nur die eigent­li­che Ursa­che der Wirt­schafts­kri­se dar, sondern mani­fes­tie­ren zugleich eine gesell­schaft­lich legi­ti­mier­te Art der Skla­ve­rei, indem die Arbeits- und damit Lebens­zeit der großen Masse der Bevöl­ke­rung in einer unge­recht­fer­tig­ten Form einer vergleichs­wei­se
klei­nen, aber vermö­gen­den Minder­heit zukommt.

Wenn eine Person eine andere zwingt, ohne Gegen­leis­tung Zeit zu opfern, um Arbei­ten zu verrich­ten, so lässt sich dies als Skla­ve­rei bezeich­nen. Skla­ve­rei geht einher mit Frei­heits­be­rau­bung der Skla­ven und ist Dieb­stahl ihrer Lebens­zeit.
Skla­ve­rei ist in der soge­nann­ten „zivi­li­sier­ten Welt“ mora­lisch geäch­tet und gesetz­lich unter­sagt. Trotz­dem findet sie in einem Maße statt, das nur weni­gen bewusst ist. Der Groß­teil der Mensch­heit wird dabei von einer klei­nen vermö­gen­den Élite als Skla­ven einge­setzt – legi­ti­miert und geför­dert durch Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, Poli­tik, einem passen­den Rechts­sys­tem sowie einem durch indi­rek­te Wirkungs­wei­sen undurch­sich­tig wirken­den Wirt­schafts­sys­tem. Diese weit­rei­chen­de Aussa­ge verlangt berech­tig­ter­wei­se eine Erklä­rung. In einer Wirt­schaft gibt es grund­sätz­lich nur zwei Arten von Einkom­men: Arbeits­ein­kom­men und Kapi­tal­ein­kom­men. Arbeits­ein­kom­men wird von jenen erzielt, welche ihre Arbeits­kraft gegen Lohn oder Gehalt anbie­ten. Kapi­tal­ein­kom­men erhal­ten die Bereit­stel­ler von Kapi­tal, häufig auch „Inves­to­ren“ oder „Kapi­ta­lis­ten“ genannt. Dabei „strei­ten“ sich aber beide Inter­es­sen­grup­pe um ein Gesamt­ein­kom­men, nämlich um das, was inner­halb einer bestimm­ten Peri­ode in der Volks­wirt­schaft produ­ziert wird. Verein­facht: das Volks­ein­kom­men. Volks­ein­kom­men = Kapi­tal­ein­kom­men + Arbeits­ein­kom­men

Insge­samt kann in einer Volk­wirt­schaft nur das verteilt werden, was zuvor produ­ziert wurde. Wenn also Kapi­tal­be­reit­stel­ler und Arbeits­zeit­be­reit­stel­lern sich die Gesamt­pro­duk­ti­on teilen müssen, so wird deut­lich, dass die jewei­li­ge Gruppe nur das bekom­men kann, was die andere Gruppe „übrig“ gelas­sen hat. Es gilt also:
Volks­ein­kom­men = Kapi­tal­ein­kom­men + Arbeits­ein­kom­men.

Anhän­ger marxis­ti­scher Wirt­schafts­theo­ri­en unter­tei­len aufgrund dieser Einkom­mens­ar­ten die Gesell­schaft in „Klas­sen“,
in diesem Fall in „Arbei­ter­klas­se“ und „Kapi­ta­lis­ten“. In unse­rer Gesell­schaft ist es weit­ge­hend unhin­ter­frag­ter Bestand­teil, dass die Bereit­stel­ler von Kapi­tal einen entspre­chen­den Bonus erhal­ten. Dieser Bonus nennt sich Zins, Divi­den­de, Miete, Ausschüt­tung oder Rendi­te. Die Summe aller dieser Boni, die in einer Volks­wirt­schaft meist von Unter­neh­men gezahlt werden, nennt man Kapi­tal­kos­ten.

Die Kapi­tal­kos­ten der Unter­neh­mer sind entspre­chend Kapi­tal­ein­kom­men der Kapi­tal­ge­ber. Diese Kapi­tal­ein­kom­men müssen von den Unter­neh­men aber über den Verkauf von Produk­ten erzielt werden. Oder anders: Die Kunden der Unter­neh­men bezah­len nicht nur die Kosten für real getane Arbeit in den Unter­neh­men (Perso­nal­kos­ten), sondern auch die darüber
hinaus­ge­hen­den Boni für die Kapi­tal­ge­ber. Jeder Kunde zahlt somit Kapi­tal­ein­kom­men über die Preise. Helmut Creutz kommt in seinen Analy­sen auf einen durch­schnitt­li­chen Kapi­tal­kos­ten­an­teil in den Verkaufs­prei­sen von bis zu 40 %.
Ein Beispiel soll zeigen, dass diese Zahlen durch­aus realis­tisch sind. Bekannt­lich erhal­ten Vermie­ter allein für den
Besitz ihrer Immo­bi­lie vom Mieter ein Einkom­men (Miete), zu welchem die laufen­den Kosten in Form von „Neben­kos­ten“
hinzu­ge­rech­net werden. Bei einer Wohnung im Wert von 100.000 Euro erwar­tet der Besit­zer eine Verzin­sung seines inves­tier­ten Kapi­tals mindes­tens entspre­chend dem Geld­markt­zins­satz. Eine Verzin­sung von 5 % entsprä­che hier­bei 5.000 Euro jähr­lich bzw. ca. 420 Euro monat­lich, die der Mieter pro Jahr an den Wohnungs­be­sit­zer bezah­len muss.

Dieser Zahlung steht keine konkre­te Leis­tung gegen­über, weil der Bau der Immo­bi­lie offen­sicht­lich bereits abge­schlos­sen ist und nun nur noch die Knapp­heits­si­tua­ti­on auf dem Markt vom Besit­zer ausge­nutzt wird. Beträgt die Monats­mie­te dieser beispiel­haft ange­nom­me­nen Situa­ti­on 600 Euro, so entspre­chen die ca. 420 Euro monat­li­cher
Kapi­tal­kos­ten etwa 70 % des „Wohnungs­prei­ses“. Dabei gilt: Je höher der Kapi­tal­ein­satz bei einem Produkt, umso höher auch die Kapi­tal­kos­ten­an­tei­le (Kosten für den Mieter, Einkom­men für den Vermie­ter) in den Verkaufs­prei­sen.

Leis­tungs­lo­ses Einkom­men = Einkom­mens­lo­se Leis­tung = gestoh­le­ne Lebens­zeit = gesell­schaft­lich legi­ti­mier­te Skla­ve­rei
Kapi­tal­ein­kom­men stel­len genau den Punkt dar, an welchem von gesell­schaft­li­cher Skla­ve­rei die Rede sein darf. Dieje­ni­gen, die Kapi­tal­ein­kom­men durch die Bereit­stel­lung ihres Eigen­tums erzie­len, müssen dafür Arbeits- und Kapi­tal­ein­kom­men nichts tun. Sie erzie­len diese Einkom­men allein durch den Besitz. Man spricht deshalb von „leis­tungs­lo­sen Einkommen“.Erkennbar sollte sein, dass dann, wenn jemand Einkom­men erzielt, ein ande­rer Ausga­ben haben muss. Wenn also die Kapi­tal­be­sit­zer Einkom­men erzie­len, ohne eine Leis­tung dafür zu erbrin­gen, so müssen andere eine Leis­tung erbrin­gen, ohne dafür ein Einkom­men zu erzie­len: einkom­mens­lo­se Leis­tung. Erbracht werden muss diese Leis­tung
ohne Gegen­leis­tung von allen Kunden, die über die Preise – ohne wirk­lich eine Wahl zu haben – erhöh­te Ausga­ben haben.
Die meis­ten Kunden sind aber Arbeit­neh­mer, die ihre Einkäu­fe mit ihrer Lebens­zeit bezah­len, indem sie in ihrem Job, ihr Know-how und ihre Arbeits­zeit zur Verfü­gung stel­len. Einkom­mens­lo­se Leis­tung ist demnach nichts weiter als Zeit­auf­wand der Arbei­ten­den ohne eine entspre­chen­de Gegen­leis­tung erwar­ten zu dürfen. Oder eben: Skla­ve­rei mittels eines auf Kapi­tal­ein­kom­men basie­ren­den Wirt­schafts­sys­tems zuguns­ten der Besit­zen­den. Micha­el Ende hat diese Zusam­men­hän­ge in seinem Buch „Momo“ meta­pho­risch darge­stellt. Dort wird den Bewoh­ner von den „Zeit­die­ben“, welche die Menschen zum „Zeit­spa­ren“ bewe­gen, hinter­lis­tig ihrer Lebens­zeit und Lebens­freu­de beraubt. Es gibt mehre­re Gründe, die heuti­gen Besitz­stän­de und die Möglich­keit der Erzie­lung leis­tungs­lo­ser Einkom­men (Kapi­tal­ein­kom­men) in Frage zu stel­len.

Zum einen geht es hier­bei um Gerech­tig­keit. Die Aneig­nung der Arbeits- und damit Lebens­zeit ande­rer, nur durch den bloßen Besitz, wäre mora­lisch zu verur­tei­len. Abseits von einer Moral­dis­kus­si­on ist jedoch auch die Stabi­li­tät eines Wirt­schafts­sys­tems gefähr­det, wenn es leis­tungs­lo­se Einkom­men zulässt. Die Ursa­che zykli­scher Wirt­schafts­kri­sen in kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­te­men ist nicht in zu hohen Lohn­ne­ben­kos­ten oder zu gerin­gen Wachs­tums­ra­ten zu finden, wie uns eine auf dem kapi­ta­len Auge blinde poli­ti­sche „Élite“ weis­ma­chen will, sondern in einem Vertei­lungs­pro­blem des
Wirt­schafts­sys­tems. Lässt man leis­tungs­lo­se Kapi­tal­ein­kom­men zu, so bedeu­tet das, dass Kapi­tal­be­sit­zer allein durch die Nicht-Zurück­hal­tung ihres Kapi­tals noch mehr Kapi­tal erzie­len. Sie nutzen ihren Besitz­vor­teil gegen­über der Gesell­schaft, indem sie ihr „Privat­ei­gen­tum“ nur gegen eine Beloh­nung zur Verfü­gung stel­len. Die Vermö­gen der Besit­zen­den werden auf diesem Wege immer größer. Die stän­dig wach­sen­den Vermö­gen werden jedoch erneut zins­brin­gend in der Volks­wirt­schaft inves­tiert und erhö­hen somit die Kapi­tal­ein­kom­men der späte­ren Peri­oden und so weiter. Dies ist ein sich expo­nen­ti­ell beschleu­ni­gen­der Prozess.

Anhand von Volks­ein­kom­men = Kapi­tal­ein­kom­men + Arbeits­ein­kom­men lässt sich ablei­ten, dass nur dann die Kapi­tal­ein­kom­men stei­gen können, ohne die Arbeits­ein­kom­men zu schmä­lern, wenn die Gesamt­wirt­schaft wächst (= stei­gen­des Volks­ein­kom­men). Anhand dieser simp­len Zusam­men­hän­ge ließe sich somit nicht nur der Wachs­tums­zwang
unse­rer Volks­wirt­schaf­ten erklä­ren (Wachs­tum, Wachs­tum über alles), sondern kann zugleich abge­le­sen werden,
welcher Inter­es­sen­grup­pe die heuti­ge Wirt­schafts­po­li­tik wirk­lich dient: den Kapi­tal­be­sit­zern. Der Kapi­ta­lis­mus als insta­bi­les Gesell­schafts­sys­tem Ein Wirt­schafts­sys­tem, das leis­tungs­lo­se Kapi­tal­ein­kom­men zulässt, tendiert dazu, den Besit­zen­den immer mehr Besitz zuzu­schan­zen, während für die Arbei­ten­den immer weni­ger übrig bleibt. Es dürfte selbst den Reichs­ten der Reichen auffal­len, dass eine Gesell­schaft, welche diesen Gesetz­mä­ßig­kei­ten unter­liegt, nicht dauer­haft stabil sein kann, sondern sich in Arm und Reich aufspal­tet und zugleich die Wirt­schaft schä­digt. Denn:
Arbeits­ein­kom­men werden über­wie­gend verkon­su­miert, anstatt inves­tiert, kurbeln demnach den Konsum und damit den Wirt­schafts­kreis­lauf an und helfen vor allem der klei­nen und mittel­stän­di­schen Wirt­schaft. Kapi­tal­ein­kom­men
dage­gen werden meist nur dann in die Wirt­schaft in Form von Inves­ti­tio­nen oder Kredi­ten „zurück­ge­führt“, wenn eine entspre­chen­de Rendi­te erzielt wird – was erneut die Konzen­tra­ti­on der Vermö­gen und damit die Insta­bi­li­tät des Wirt­schafts­sys­tems fördert.

Bischof Tebartz-van Elst. Bild: Bistum Limburg 0

Limburg: Das „Wandlitz“ der Kirche – Norbert Rost

Wieso schreit das Volk plötz­lich auf, wo es um die konse­quen­te Mittel­ver­wen­dung eines bischöf­li­chen Stuhls geht?

Was war das damals für ein Thea­ter, als erst­mals ein Film­team in die Sied­lung des SED-Polit­bü­ros kam und doku­men­tier­te, wie die Obers­ten des
DDR-Staa­tes lebten. „Wand­litz“ ist seit­dem im Osten ein Begriff für die Abson­de­rung der Herr­schen­den und zugleich für die Armse­lig­keit ihrer Lebens­wei­se. Zugleich ist „Wand­litz“ aber auch ein Symbol für die Skan­da­li­sie­rung der Vier­ten Macht, die anno 1989 Bana­nen und Oran­gen in den Mittel­punkt der Wand­litz-Bericht­erstat­tung rücken musste, weil es bei all der Spie­ßig­keit viel mehr kaum zu skan­da­li­sie­ren gab.

2013 nun kriegt die katho­li­sche Kirche ihr „Wand­litz“, es wird künf­tig „Limburg“ heißen. Ein altern­der Bischof, der in seiner Zunft dennoch als
„jung“ gilt, hat sich eine Luxus-Hütte bauen lassen, die symbo­lisch für die Abge­ho­ben­heit der Kirchen­fürs­ten steht. Einige nehmen an, er sei „verrückt“, was auch immer das heißen mag. Aber wer ist schon „verrückt“, wenn er zum Auto­kra­ten bestimmt über angeb­lich 100 Millio­nen Euro schwar­zer Bischofs­kas­sen verfü­gen kann und dies auch tut? Ist er nicht konse­quen­ter Arbeits­platz­be­schaf­fer, wenn er das Geld
seiner Insti­tu­ti­on ausgibt, statt es zins­brin­gend anzu­le­gen? Ist nicht die Arbeits­platz­re­li­gi­on gesell­schaft­lich so breit gewach­sen, dass selbst Sozi­al­de­mo­kra­ten als Gläu­bi­ge gelten müssen? Wo alles getan wird, um Arbeits­plät­ze unge­ach­tet von Wech­sel- und Neben­wir­kun­gen zu schaf­fen, muss doch die ganze Gesell­schaft und nicht nur ein einzel­ner Bischof als „verrückt“ gelten!

Zudem: Luxus, Protz und kranke Bauwut gibt es ja bei weitem nicht nur in Limburg. Viel­mehr quel­len diese Sakra­men­te tagtäg­lich aus all jenen Medi­en­ka­nä­len, die sich jetzt der Hetz­jagd an das waid­ge­schos­se­ne Kirchen­tier anschlie­ßen. Als wäre Reich­tum nicht das Ziel jedes Arbeits­le­bens? Als wären Millio­nen­ge­häl­ter von Fußball­spie­lern (Fußball­spie­ler!!) nicht gesell­schaft­lich akzep­tiert und sogar hoch­ge­ach­tet,
teil­wei­se sogar unter Erlas­sung aller Steu­er­sün­den? Wieso schreit das Volk plötz­lich auf, wo es um die konse­quen­te Mittel­ver­wen­dung eines bischöf­li­chen Stuhls geht, der doch wohl mit seinem Gelde tun und lassen kann, was ihm beliebt? Zumal seine Mitglie­der sich immer mehr ausdün­nen und damit immer mehr Vermö­gen auf immer weni­ger Köpfe zu vertei­len bleibt (sofern man auf die verrück­te Idee käme, SO ETWAS zu tun).

Helmut Creutz 2013
Foto: Privat
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Problemfeld Inflation – Helmut Creutz

„Infla­ti­on ist nicht nur Betrug am Sparer, nicht nur die unso­zi­als­te Form der Umver­tei­lung, sondern auch die Erwerbs­lo­sig­keit von morgen. Längst ist wider­legt, dass fünf Prozent Infla­ti­on leich­ter zu ertra­gen seien als fünf Prozent Arbeits­lo­sig­keit; viel­mehr sind null Prozent Infla­ti­on die vorzüg­lichs­te Voraus­set­zung für null Prozent Erwerbs­lo­se. Der Glaube, Voll­be­schäf­ti­gung lasse sich mit ‚ein biss­chen Preis­stei­ge­rung‘ erkau­fen, musste welt­weit teuer bezahlt werden.“ Peter Gillies, 1987

Das schrieb Peter Gillies, Chef­re­dak­teur der deut­schen Tages­zei­tung DIE WELT, im Jahre 1987, als die Infla­ti­on – zum drit­ten Mal in der Nach­kriegs­zeit – wieder zu einem stei­len Anstieg ansetz­te. Und zwar bezo­gen auf eine Aussa­ge des dama­li­gen Bundes­kanz­lers Helmut Schmidt, der bereits in den 1970er Jahren einmal die Ansicht vertre­ten hatte, dass „fünf Prozent Infla­ti­on besser sind als fünf Prozent Arbeits­lo­sig­keit!“ –

Wie frag­wür­dig diese Auffas­sung jedoch war, geht aus der Darstel­lung 1 hervor, die jenen Zeit­raum zwischen 1965 und 2005 erfasst, in dem die Infla­ti­ons­sät­ze drei Mal Höchst­stän­de erreich­ten. Erkenn­bar werden daraus auch die jewei­li­gen Folgen: Anstie­ge der Zins­sät­ze und – mit etwa zwei­jäh­ri­ger Verzö­ge­rung – die der Arbeits­lo­sig­keit sowie der zusätz­lich einge­tra­ge­nen Firmen­plei­ten.

Diese Auswir­kun­gen in der Real­wirt­schaft werden noch deut­li­cher, wenn man – wie in der Grafik gesche­hen – die Infla­ti­ons- und Zins­kur­ven einmal um zwei Jahre nach rechts verschiebt und damit die zeit­li­chen Verzö­ge­run­gen zwischen
beiden Vorgän­gen neutra­li­siert. Nun mag die Infla­ti­on in unse­ren Tagen und ange­sichts der heuti­gen Raten von inzwi­schen etwa zwei Prozent, gar kein großes Thema mehr sein. Aber denkt man an die Massen von Bargeld, die heute in der Welt vorhan­den aber nicht im Umlauf sind, kann sich das sehr schnell verän­dern! Deshalb ist es auch in unse­ren Tagen sinn­voll, sich nicht nur an jene Hyper­in­fla­ti­on der Zwan­zi­ger Jahre zu erin­nern, sondern sich auch mit jenen Entwick­lun­gen aus unse­rer Wirt­schafts­epo­che zu befas­sen, die – bezo­gen auf die letz­ten Jahr­zehn­te – aus der Darstel­lung 1 hervor­ge­hen.

Infla­tio­nen als Ursa­chen der Konjunk­tur­schwan­kun­gen Wie diese Darstel­lung vermit­telt, war die Ursa­che des stän­di­gen Auf und Ab in unse­rer jüngs­ten Vergan­gen­heit im ersten Schritt die Schwan­kun­gen der Infla­ti­ons­sät­ze, denen dann im Gleich­schritt jeweils die der Gutha­ben- und Kredit­zin­sen folg­ten. Aufge­schla­gen wird bei diesen Kredit­zin­sen dann noch
jene Marge, mit der die Banken ihre eige­nen Kosten absi­chern, vor allem für Perso­nal und Risiko. Und natür­lich – wie bei jedem Unter­neh­men – auch noch der betriebs­not­wen­di­ge Gewinn, der allei­ne schon zur Bedie­nung des Eigen­ka­pi­tals erfor­der­lich ist. Aus der Darstel­lung 1 geht vor allem aber auch der lang­fris­ti­ge Anstieg des Arbeits­lo­sen­so­ckels
hervor, auf den sich die infla­ti­ons­be­ding­ten aktu­el­len Schübe jeweils aufsat­teln. Wieder­ge­ge­ben ist diese Arbeits­lo­sig­keit jeweils in Prozen­ten der Erwerbs­tä­ti­gen, als so genann­te „Arbeits­lo­sen­quo­te“, deren Sockel – wie
ersicht­lich – von etwa einem Prozent Anfang der 1970er Jahre bis 2005 auf fast zehn Prozent ange­stie­gen ist. Die über der Arbeits­lo­sen­quo­te einge­tra­ge­ne zusätz­li­che Kurve der Insol­ven­zen, also der Firmen­schlie­ßun­gen, folgt – wie ersicht­lich – mit ihren Schwan­kun­gen eben­falls den Entwick­lun­gen von Infla­ti­on und Zinsen, verstärkt sogar ab 1990.

Und was sind die Ursa­chen der Infla­ti­on?

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Die Welt retten – aber wie? – Wilhelm Schmülling

Da gibt es zwei Grup­pen. Die einen tun so als ob sie die Welt retten und verdie­nen dabei gut; die ande­ren wollen für die Rettung alles tun und verdie­nen dabei nichts. So ist eben das Leben in einer unge­rech­ten Welt. Wer sich damit abfin­det, ist ein Defätist[1], wer nicht ein Opti­mist.
([1] Jemand, der mut- und hoffungs­los ist und annimmt, dass sich alles nega­tiv entwi­ckeln wird.)

Wenn selbst ein Kaba­ret­tist seine Sendun­gen mit „Welt retten“ (Priol) ankün­digt, blei­ben seine Aussa­gen wenig konkret, gleich­wohl rütteln sie die Bürger mehr auf als jedes Partei­pro­gramm, das im Gegen­satz zu Kaba­rett­ver­an­stal­tun­gen ernst genom­men werden möchte. Ein Kaba­rett verlangt nach­den­ken, ein
Partei­pro­gramm nach­plap­pern; womit sich Bewer­tungs­kri­te­ri­en erüb­ri­gen.

Ist nun das Anlie­gen, die Welt zu retten völlig abwe­gig? Nach den Aussa­gen von Wahl­kampf­red­nern, es gehe uns in Deutsch­land doch gut, ist wohl die Rettung Deutsch­lands nicht gefragt, die Rettung Ameri­kas von Europa aus jedoch unmög­lich. Denn die Verschul­dung der USA ist das Problem und macht die Finanz­märk­te nervös. Auf allen Welt(gipfel)-Konferenzen ist es mit der Ruhe vorbei, seit­dem die USA, der Anker der Welt­wirt­schaft, krampf­haft in aller Öffent­lich­keit versucht, die Pleite abzu­wen­den. Der IWF (Inter­na­tio­na­le Währungs­fonds) kann bei einem Schul­den­stand von 16,7 Billio­nen US-Dollar nur mahnen, nicht helfen. Ameri­ka muss sich schon selbst aus dem Sumpf einer auf Kapi­tal­ertrag ausge­rich­te­ten Wirt­schafts­ord­nung ziehen, die immer noch als Markt­wirt­schaft getarnt wird. Ein solcher Etiket­ten­schwin­del redu­ziert jeden Rettungs­ver­such auf Banken­ret­tung, deut­li­cher gesagt auf System­ret­tung.

Das System zu erken­nen, ist weit schwie­ri­ger als das Erken­nen seiner Auswir­kun­gen. Leicht ist es vorzu­ge­ben, die notlei­den­de Natur und die notlei­den­den Menschen in den Mittel­punkt poli­ti­schen Wirkens zu stel­len. Hart im Raum der Finan­zen steht die Wand aus Geld gebrannt. Mitte Okto­ber erleb­te die Welt, was ein unter­bro­che­ner Geld­kreis­lauf in den USA bewirkt: Chaos bei den Sozi­al­sys­te­men und bei vielen Unter­neh­men. Oft tref­fen Volks­weis­hei­ten ins Schwar­ze. „Der Rubel muss rollen“ ist so eine. Wird ein Staat zahlungs­un­fä­hig, bricht das Gemein­we­sen zusam­men. Lebens­mit­tel­vor­rä­te retten allen­falls
über einige Tage. Und dann? Es kommt zu Gewalt­aus­brü­chen, in den Geschäf­ten und vor den Banken. Man mag sich die Auswir­kun­gen einer länge­ren Zahlungs­blo­cka­de gar nicht vorstel­len.

Nun wäre es billig, hier die vorzu­neh­men­den Maßnah­men im Einzel­nen aufzu­füh­ren, denn sie wären nur ein Kurie­ren an den Sympto­men einer falschen Geld­ord­nung. Die ameri­ka­ni­sche Zentral­bank (in priva­tem Besitz) und auch die Euro­päi­sche Zentral­bank (im Besitz der euro­päi­schen Staa­ten) bekämp­fen die Krise mit der Ausga­be einer zusätz­li­chen riesi­gen Geld­men­ge. Zu diesem Zweck kaufen sie am soge­nann­ten „Sekun­där­markt“, also von Banken und Fonds, Staats­an­lei­hen auf. Das dient der Stabi­li­sie­rung des Finanz­mark­tes und beför­dert die Speku­la­ti­on. Dort aber werden keine Werte geschaf­fen. Symptom­be­hand­lung ist nicht nur verge­bens, sie ist krisen­ver­schär­fend.

Eine der segens­reichs­ten Erfin­dun­gen der Mensch­heit, das Geld, wurde zweck­ent­frem­det. Geld ist ein Tausch­mit­tel. Alle ande­ren Verwen­dungs­mög­lich­kei­ten wie zur Wert­auf­be­wah­rung, Speku­la­ti­on und Zins-Erpres­sung sind Verge­wal­ti­gun­gen zum Zweck, sich den Arbeits­er­trag ande­rer Menschen anzu­eig­nen. Ist das sozial? Es ist immer noch legal. Wie lange noch?

Dabei ist die Umstel­lung von einer Kapi­tal­ertrags­ori­en­tie­rung auf eine Arbeits­er­trags­ori­en­tie­rung durch flie­ßen­des Geld so einfach, dass man sich wundert, wieso dieser Weg noch nicht beschrit­ten wurde. In der Demo­kra­tie bestimmt die Mehr­heit die Poli­tik und das sind die werte­schaf­fen­den Arbei­ter und Unter­neh­mer. Die Minder­heit der Kapi­tal­rent­ner (1% der Bürger) stellt sich dage­gen – verständ­li­cher­wei­se. Haben die werte­schaf­fen­den Bürger dafür Verständ­nis?

Wer die Welt retten will, muss damit begin­nen, das jetzi­ge Wirt­schafts­sys­tem als unge­recht zu erken­nen, um es in eine natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung umzu­wan­deln.

„Das Volk leidet, wenn die Herr­schen­den es aussau­gen, daher seine Not.“ Lao-Tse, Tao Te King

ans Ruder © 2013 Pat Christ
Foto: © Pat Christ
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Vorgegaukelte Demokratie – Pat Christ

Hambur­ger Poli­tik­wis­sen­schaft­ler unter­su­chen Entwick­lung hin zur Post­de­mo­kra­tie

Wohin steu­ert unsere Poli­tik? Nach Ansicht vieler Poli­tik­wis­sen­schaft­ler mitten hinein in die Post­de­mo­kra­tie. Erkenn­bar, sagen sie, ist dies vor allem daran, wie Poli­tik heute begrün­det wird. Dem demo­kra­ti­schen Ideal zufol­ge ist Poli­tik prin­zi­pi­ell verhan­del­bar. Doch de facto wird heute immer weni­ger debat­tiert, ver- und ausge­han­delt. Was angeb­lich zwin­gend imple­men­tiert werden muss, steht von vorne­her­ein fest.

Die Globa­li­sie­rung ist nur eine Entwick­lung von vielen, die so, wie sie sich voll­zieht, als schick­sals­haft und alter­na­tiv­los darge­stellt wird. Poli­ti­sche Gegen­ar­gu­men­te sind rar. Aber auch in ande­ren Feldern wird poli­ti­sches Handeln zuneh­mend als „alter­na­tiv­los“ darge­stellt. Wirt­schaft­li­che Sach­zwän­ge und Zwänge des Mark­tes, Effi­zi­enz- und Kosten­ar­gu­men­te dienen immer häufi­ger als Begrün­dung für Entschei­dun­gen. Für den Bürger ist dies nicht unbe­dingt zu verspü­ren – handelt es sich doch um einen schlei­chen­den Prozess. Bürge­rin­nen und Bürger, die sich wünschen, in einer Welt zu leben, die noch halb­wegs in Ordnung ist, behar­ren darauf: Wir haben eine Demo­kra­tie! Inwie­weit wir tatsäch­lich längst im Post­de­mo­kra­ti­schen gelan­det sind, das unter­sucht Matthi­as Lemke an der Helmut-Schmidt-Univer­si­tät in Hamburg. Über 3,5 Millio­nen Zeitungs­ar­ti­kel aus der Frank­fur­ter Allge­mei­nen Zeitung, der ZEIT, der Süddeut­schen Zeitung und der taz, die seit 1949 erschie­nen, werden seit einem Jahr von ihm und seinen Kolle­gen ausge­wer­tet. Das Projekt dauert noch zwei Jahre. Viel häufi­ger „unver­zicht­bar“ Nach wie vor werden Wahlen durch­ge­führt und Regie­run­gen wech­seln. Doch das hat mit Demo­kra­tie immer weni­ger zu tun, erga­ben laut Lemke die bishe­ri­gen Ergeb­nis­se. „Wir unter­su­chen unter ande­rem die Häufig­keit von Wörtern im Zeit­ver­lauf“, erklärt er gegen­über der HUMANEN WIRTSCHAFT: „Dazu etablier­ten wir ein Wörter­buch mit Begrif­fen, die Alter­na­tiv­lo­sig­keit ausdrü­cken.“

Statt stich­hal­ti­ge Argu­men­te zu liefern, operie­ren Anhän­ger der Alter­na­tiv­lo­sig­keits­rhe­to­rik zum Beispiel gern mit den Worten „unver­zicht­bar“, „unab­ding­bar“ oder „Sach­zwang“. Lemke: „Solche Wörter haben zuge­nom­men.“ Im nächs­ten Schritt werden die Begrif­fe analy­siert, die sich in der Nach­bar­schaft dieser Wörter befin­den. So kann fest­ge­stellt werden, in welchem Kontext etwa in einem Zeitungs­be­richt vom „Sach­zwang“ die Rede ist. Mit diesem Wort könnte ja auch davor gewarnt werden, die Demo­kra­tie auszu­höh­len. Dann wäre das Wort „Sach­zwang“ als nega­ti­ver Begriff in einem Arti­kel aufge­taucht. „Derzeit wissen wir einfach noch nicht, ob die Nach­bar­wör­ter jeweils posi­tiv oder nega­tiv sind“, sagt Lemke. Klar sei auf alle Fälle, dass gerade im Kontext der poli­ti­schen – weni­ger der wirt­schaft­li­chen – Bericht­erstat­tung heute Wörter, die der Alter­na­tiv­lo­sig­keits­rhe­to­rik entstam­men, wesent­lich häufi­ger auftre­ten als früher. Am stärks­ten ist der Zuwachs beim Wort „alter­na­tiv­los“. Aber auch „unver­zicht­bar“ wird von Polit­kern heute häufi­ger verwen­det als in der Nach­kriegs­ära.

Andreas Bangemann 0

Möglichkeitsräume – Andreas Bangemann

Aris­to­te­les erkann­te bereits, dass in der Demo­kra­tie „wo die Bürger, da sie sich gleich­ge­stellt sind und viele Dinge gemein­sam besit­zen“ das Prin­zip der Freund­schaft und Gegen­sei­tig­keit am meis­ten Raum hat, sich zu entfal­ten.

Dabei verstand er die Gleich­stel­lung ausdrück­lich ökono­misch und nicht etwa juris­tisch, wie das heute in poli­ti­schen
Sonn­tags­re­den immer betont wird.

Das gesell­schaft­li­che Band der „polis“ ist am robus­tes­ten, wenn es hinsicht­lich der Über­schüs­se an mate­ri­el­lem, geis­ti­gem, künst­le­ri­schem und mensch­li­chem Wert­zu­wachs zu keinen Akku­mu­la­tio­nen – Anhäu­fun­gen bei eini­gen weni­gen – kommt. Die Teil­ha­be aller am Erwirt­schaf­te­ten, und zwar auf eine Weise, mit der die Exis­tenz gesi­chert und die Würde gewahrt ist, müsste der anzu­stre­ben­de Königs­weg jeder „Staats­füh­rung“ in demo­kra­ti­schen Ländern sein. Gelingt das nicht, spre­chen wir mit Recht von einem Schei­tern der Poli­tik.

Wir befin­den uns bereits in einem Stadi­um, in dem nicht mehr die Frage ökono­mi­scher Gleich­stel­lung im Raum steht. Das bedroh­li­che Ausein­an­der­drif­ten von Arm und Reich zu verlang­sa­men, ist alles, was man noch anstrebt und errei­chen kann. Es ist, als hätten alle schon aufge­ge­ben. Als wäre das Schick­sal des sozia­len Ausein­an­der­bre­chens alter­na­tiv­los. Das ist vergleich­bar mit der Staats­schul­den­pro­ble­ma­tik. Ein Rück­gang der Neuver­schul­dung feiert man als heraus­ra­gen­den Erfolg, obwohl die Gesamt­si­tua­ti­on sich verschlech­tert hat.

Die Gemein­sam­keit der gängi­gen Vorschlä­ge für das weite­re
Vorge­hen ist offen­kun­dig. Immer geht es um ein „mehr“.
Weil die erhoff­te Verbes­se­rung nicht eintritt, versucht man
es mit einer höhe­ren Dosis des glei­chen „Lösungs­mit­tels“.

Denken braucht Zeit und Raum – Zitatsammlung 0

Denken braucht Zeit und Raum – Zitatsammlung

Eine inter­es­san­te Zitat­samm­lung rund ums Geld.

Ferdinand Knauß 0

Die Fünf-Prozent-Hürde pervertiert den Wählerwillen – Ferdinand Knauß

Noch nie hat der Bundes­tag so wenige Wähler reprä­sen­tiert wie der jetzt gewähl­te. Die Fünf-Prozent-Hürde hat ein Ergeb­nis produ­ziert, das der poli­ti­schen Kultur scha­det. Sie muss endlich gesenkt werden.

Die Bundes­tags­wah­len 2013 waren aus ästhe­ti­scher Perspek­ti­ve ein Tief­punkt in der bundes­re­pu­bli­ka­ni­schen Geschich­te. Abge­schmack­ter
noch als die von jeder poli­ti­schen Aussa­ge befrei­ten Wahl­pla­ka­te und die Sprech­bla­sen beim so genann­ten Fern­seh­du­ell, über die schon vor dem 22. Septem­ber viel geklagt wurde, war die Reak­ti­on der Partei, die sich als der große Gewin­ner inter­pre­tiert. Wenn Angela Merkel und andere Spit­zen­po­li­ti­ker wie Volker Kauder und Hermann Gröhe in der Wahl­nacht vor laufen­den Kame­ras herum­wip­pen wie der Vorstand eines Karne­vals­ver­eins und „An Tagen wie diesen“ von den „Toten Hosen“ grölen, wenn also Partei­en das Ergeb­nis von Wahlen feiern wie den Gewinn einer Fußball­meis­ter­schaft, beschä­digt das die Würde dieses zentra­len Aktes der Souve­rä­ni­tät des Volkes.

Doch nicht nur die äußere Form, in der sich die Freude der Unions­par­tei­en äußer­te, sondern auch deren von den meis­ten Jour­na­lis­ten über­nom­me­ne Inter­pre­ta­ti­on eines angeb­lich klaren Auftra­ges für Merkel weiter­zu­re­gie­ren, war bei genaue­rer Betrach­tung befremd­lich. Denn die Frage, ob eine abso­lu­te Mehr­heit der Wähler – geschwei­ge denn der Wahl­be­rech­tig­ten – weiter von Merkel und der amtie­ren­den Koali­ti­on regiert werden möchte, lässt sich doch ganz eindeu­tig beant­wor­ten: Nein! Nur die Wähler von CDU/CSU (41,5 %) und FDP (4,8 %), also insge­samt 46,3 Prozent, wünsch­ten sich eine Fort­set­zung der Merkel­schen Kanz­ler­schaft. Alle ande­ren woll­ten das ganz offen­sicht­lich lieber nicht. In Wahr­heit verdankt Merkel ihre bevor­ste­hen­den weite­ren Regie­rungs­jah­re nicht dem Wähler­vo­tum, sondern allein der Koali­ti­ons­un­fä­hig­keit der Linken. Fünf-Prozent-Hürde verzerrt das Wahl­re­sul­tat Das wirk­lich Besorg­nis­er­re­gen­de an dieser Wahl, oder genau­er: an dem Parla­ment, das aus ihr hervor­geht, ist: Nie seit 1949 hat ein deut­scher Bundes­tag einen so gerin­gen Teil der Wahl­be­rech­tig­ten
reprä­sen­tiert wie der, der sich am 22. Okto­ber in Berlin konsti­tu­iert. Durch das knappe Schei­tern der FDP und der neu gegrün­de­ten Alter­na­ti­ve für Deutsch­land (4,7 %) sowie die 2,2 % der Pira­ten und die 1,3 % der NPD ist der Anteil der nicht im Bundes­tag vertre­te­nen Wähler mit insge­samt rund 15,8 % so hoch wie nie zuvor in der deut­schen Parla­ments­ge­schich­te. Die den Wähler­wil­len verzer­ren­de Wirkung der Fünf-Prozent-Hürde war in vorher­ge­gan­ge­nen Wahlen längst nicht so stark, weil in der Regel keine oder allen­falls eine Partei knapp schei­ter­te – zum Beispiel 1969 die NPD (4,3 %) oder 1990 die Grünen im Westen (4,8 %). Meist erreich­ten alle „sons­ti­gen“ Partei­en zusam­men weni­ger als 5 %. Die Verzer­rung des Wahl­re­sul­tats ist bedenk­lich: Mit zusam­men nur 42,7 % der Stim­men haben SPD, Grüne und Linke im Bundes­tag eine rech­ne­ri­sche Mehr­heit von 320 von 631 Bundes­tags­sit­zen. An den Wahl­ur­nen dage­gen war ein zumin­dest nach herkömm­li­chem Schema klares Bild des Wähler­wil­lens erkenn­bar: Die Deut­schen haben zu rund 51 Prozent bürger­lich-libe­ral gewählt, wenn man zu den Stim­men der Unions­par­tei­en und der FDP noch die „Alter­na­ti­ve für Deutsch­land“ hinzu­zählt. Doch für den Bundes­tag und die nächs­ten vier Jahre im poli­ti­schen Berlin spielt dieser Wähler­wil­le keine Rolle. Ganz konkret bedeu­tet das zum Beispiel: Obwohl die Deut­schen
die Steu­er­er­hö­her­par­tei­en abge­wählt haben, werden sie wohl demnächst Staats­kas­se gebe­ten.