Kategorie: Zeitschriftenarchiv

Steuerhinterziehung – Volkssport in unterschiedlichen Spielklassen – Dirk Löhr 0

Steuerhinterziehung – Volkssport in unterschiedlichen Spielklassen – Dirk Löhr

Plädoy­er für eine Staats­fi­nan­zie­rung aus ökono­mi­schen Renten

Alle tun es. Die Ikone Ulrich Hoeneß.
Der hono­ri­ge CDU-Schatz­meis­ter Helmut
Lins­sen. Die „mora­li­sche Instanz“
Alice Schwar­zer. Der fein­sin­ni­ge Kultur-
Staats­se­kre­tär André Schmitz aus
Berlin. Beson­ders pikant: Letz­te­rer ist
Mitglied derje­ni­gen Partei, die sich
als Vorrei­ter gegen krimi­nel­le Steu­er­hin­ter­zie­her
sieht. Sein Partei­freund
Peer Stein­brück drohte seiner­zeit damit,
die Kaval­le­rie gegen die kleine
Schweiz ausrü­cken zu lassen.
Dabei nimmt sich jeder das, was
er kann. Steu­er­hin­ter­zie­hung ist
ein Volks­sport. Aller­dings gibt es
verschie­de­ne Ligen. Der eine trägt eben
inter­na­tio­na­le Spiele auf den Baha­mas
aus, der andere bleibt in seinem Dorf
stecken – Kreis­klas­se, mit nicht ausge­stell­ten
Hand­wer­ker­rech­nun­gen.
Um das deut­sche Steu­er­sys­tem ranken
sich viele Mythen. 70–80 % der
welt­wei­ten Steu­er­li­te­ra­tur sollen sich
angeb­lich des Problem­fal­les Deutsch­land
anneh­men. Das ist sicher­lich maßlos
über­trie­ben. Doch selbst, wenn es
nur 15 % sind (Späth, o. J.) , ist dies
ange­sichts eines Anteils von 1,2 % an
der Welt­be­völ­ke­rung doch schon eine
recht stolze Zahl. Für den „Vater Staat“
ist es dabei häufig das Klein­vieh, das
Mist macht. Konse­quenz: Gerade Massen­fäl­le
wie Dienst­wa­gen, geld­wer­te
Vortei­le, Dienst­rei­sen etc. werden
so kompli­ziert und klein­lich gere­gelt,
dass kaum jemand mehr durch­blickt.
Hinzu kommt ein Gerech­tig­keits­fim­mel
der deut­schen Gerich­te (der sich
dann irgend­wann auch in den Verwal­tungs­an­wei­sun­gen
nieder­schlägt).
Die Kosten des ganzen Thea­ters werden
zu einem großen Teil auf die Steu­er­pflich­ti­gen
verla­gert (auch in Gestalt
von Rechts­un­si­cher­hei­ten).
Der erwähn­te Gerech­tig­keits­fim­mel
der Gerich­te tobt sich leider an der
voll­kom­men falschen Stelle aus. Das
zentra­le Problem der Renten­öko­no­mie
wird nämlich nicht ange­gan­gen. Am
besten erschließt sich dieses über das
sog. „Henry George-Theo­rem“ („Golden
Rule of Local Public Finan­ce“), das
u.a. vom Nobel­preis­trä­ger und frühe­ren
Welt­bank-Chef­öko­no­men Joseph
Stiglitz forma­li­siert wurde.
Das Henry George-Theo­rem (s. Abb.)
kann von links nach rechts und umge­kehrt
inter­pre­tiert werden: Die öffent­li­chen
Güter (Infra­struk­tur, Sicher­heit,
Bildung, Gesund­heits­ein­rich­tun­gen)
können unter bestimm­ten Bedin­gun­gen
voll­stän­dig aus den Boden­ren­ten
finan­ziert werden, wobei „Boden“ in
einem sehr weiten Sinne verstan­den
wird (als alles, was der Mensch nicht
geschaf­fen hat, und sogar – wie bei
geis­ti­gen Eigen­tums­rech­ten – noch
darüber hinaus). Also: Man bräuch­te
gar keine Steu­ern, wenn man den
Staat aus den ökono­mi­schen Renten
finan­zie­ren würde.

Kapitalismus ohne Rücksicht auf Verluste – Friedrich Müller-Reißmann 0

Kapitalismus ohne Rücksicht auf Verluste – Friedrich Müller-Reißmann

Kapi­ta­lis­mus ist die reale Perver­si­on der idea­len Markt­wirt­schaft Die Markt­wirt­schaft ist ein Wirt­schafts­sys­tem, das die (mate­ri­el­len) Bedürf­nis­se aller Menschen auf effi­zi­en­te,
nach­hal­ti­ge Weise erfüllt und leis­tungs­lo­se Einkom­men tenden­zi­ell unter­bin­det. Kapi­ta­lis­mus bewirkt syste­ma­tisch das Gegen­teil: Verschwen­dung begrenz­ter Ressour­cen und Erzeu­gung
riesi­ger leis­tungs­lo­ser Einkom­men zulas­ten
der arbei­ten­den Menschen. Kapi­ta­lis­mus
ist die große wirkungs­vol­le
Metho­de der Privi­le­gier­ten, den Angriff
der Markt­wirt­schaft auf ihre Privi­le­gi­en
ins Leere laufen zu lassen.
Hoch­glanz­sys­tem
Kapi­ta­lis­mus
Die Rekla­me liefert tagtäg­lich den Beweis
für das Versa­gen des gegen­wär­ti­gen
Systems. Sie ist das allge­gen­wär­ti­ge
Armuts­zeug­nis des Kapi­ta­lis­mus, gewis­ser­ma­ßen
ein Armuts­zeug­nis auf Hoch­glanz­pa­pier.
Ihre Botschaft zwischen
den Zeilen lautet: „Ein mündi­ger Verbrau­cher
wäre eine Kata­stro­phe. Lasst euch mani­pu­lie­ren
und kauft, was ihr eigent­lich nicht
braucht, und vor allem stän­dig mehr – sonst
funk­tio­niert unsere Wirt­schaft nicht!“. Kann
aber ein System auf die Dauer funk­tio­nie­ren,
das einen beispiel­lo­sen Wett­be­werb
um die Gunst der Dumm­heit (Eitel­keit,
Verschwen­dungs­sucht, Ange­be­rei
usw.) entfa­chen und stän­dig schü­ren
muss, um zu funk­tio­nie­ren?
Der Wett­lauf der Titanic’s
Jeder ist verzwei­felt bemüht, an der Spitze
mitzu­hal­ten. Wer nicht ande­ren voraus
ist, hat schon verlo­ren. Ein Wett­lauf,
ohne das Ziel zu kennen. Niemand fragt
nach der Rich­tung, niemand stellt sich
die Frage, ob am Ende ein Ziel winkt, für
das sich die ganze Anstren­gung lohnt.
Noch schlim­mer: ein Ende dieses gigan­ti­schen
Wett­laufs ist gar nicht vorstell­bar.
Der Kapi­tän und die Offi­zie­re feuern
die Mann­schaft an, das Letzte zu geben.
Auch die Passa­gie­re, vor allem die weni­ger
privi­le­gier­ten unter ihnen, werden
aufge­ru­fen, „umzu­den­ken“, Abstri­che
an ihren gewohn­ten Rech­ten hinzu­neh­men
und alles in den Dienst des Wett­laufs
zu stel­len…
„Und glaubt ja nicht, denen auf den ande­ren
Schif­fen ginge es besser. Auch die
brin­gen schmerz­haf­te Opfer, um nicht
abge­hängt zu werden“. Warum dieser
Wahn­sinn? Eine mögli­che Antwort: Niemand
weiß, wie man sich von diesem
Wett­lauf abkop­pelt, ohne dass man
dann auf einer lang­sam verrot­ten­den Tita­nic
einsam durch den Ozean dümpelt.
Also schlicht und einfach Mangel an
mach­ba­ren und attrak­ti­ven Alter­na­ti­ven
zum bedin­gungs­lo­sen Wett­lauf?
Doch das kann nicht die ganze Antwort
sein. Denn sie erklärt nicht, warum die
Suche nach Alter­na­ti­ven von den Kapi­tä­nen
und Offi­zie­ren immer so schnell
als Phan­tas­te­rei, Spin­ne­rei, Wunsch­den­ken
usw. abge­tan oder sogar als gefähr­li­che
System­ver­än­de­rung diffa­miert
wird. Nein, die Erklä­rung ist meines Erach­tens
darin zu suchen, dass in ihren
Köpfen eine ideo­lo­gi­sche Verklä­rung
des Wett­laufs als Garant gren­zen­lo­sen
Fort­schritts exis­tiert, wohl­ge­merkt,
genau dieses gigan­ti­schen Wett­laufs,
nicht des Wett­be­werbs als stimu­lie­ren­dem
Prin­zips der Evolu­ti­on, sonst könnte
man ja auch seine Kraft auf den Wett­be­werb
der Ideen konzen­trie­ren, wie
das Leben auf dem Schiff am schöns­ten
und gerech­tes­ten für alle Schiffs­be­woh­ner
zu gestal­ten ist. Doch man vertraut
lieber darauf, dass man sich diesen
schwie­ri­gen Fragen nach Lebens­qua­li­tät
und Gerech­tig­keit nicht stel­len muss,
wenn man nur im großen Wett­lauf die
ande­ren Schif­fe hinter sich lässt.
Ideo­lo­gi­sche Dogmen schwe­ben nicht
im reali­täts­lee­ren Raum. Im Grunde wissen
die Kapi­tä­ne, dass sie selbst nur
dann über­pro­por­tio­nal vom Wett­kampf
profi­tie­ren, wenn sie vorn liegen und
das heißt: Wer auf den hinte­ren Plät­zen
liegt, zahlt über­pro­por­tio­nal. Eigent­lich
wird das ziem­lich offen ausge­spro­chen.
„Wenn wir unse­ren Wohl­stand halten
wollen, müssen wir im inter­na­tio­na­len
Wett­be­werb die Nase vorn behal­ten.“
Man sagt zwar: Vom freien Welt­han­del
profi­tie­ren alle, aber man weiß: So gut
wie es uns geht, kann es uns nur gehen,
wenn es den ande­ren nicht so gut geht.
Das ist die Ideo­lo­gie hinter der Ideo­lo­gie
unse­res Wirt­schafts­sys­tem: Wir können
uns das Glück gar nicht mehr anders
vorstel­len als das Glück von Siegern.
Und Sieger siegen nun mal auf Kosten
der Verlie­rer.

Kapitalismus – Wort ohne Bedeutung? – Andreas Bangemann 0

Kapitalismus – Wort ohne Bedeutung? – Andreas Bangemann

Kapi­ta­lis­mus – Wort ohne Bedeu­tung?
Eine Spuren­su­che

Kapi­ta­lis­mus­kri­tik ist welt­weit an der
Tages­ord­nung. Alle schrei­ben darüber,
alle reden davon. Doch worüber eigent­lich?
Was ist Kapi­ta­lis­mus?
Auf der Entde­ckungs­rei­se gelangt man zu
einem leeren Gefäß, in das viele hinein­ru­fen.
Und die Töne der Rufen­den schal­len
zurück.
„Unprä­zi­ser Begriff für ein moder­nes
Wirt­schafts­sys­tem …“
So beginnt im „Brock­haus“ die Erklä­rung
unter dem Stich­wort „Kapi­ta­lis­mus“.
Es folgen zahl­rei­che Hinwei­se auf ökono­mi­sche
Denker, die mit ihrer Defi­ni­ti­on
versuch­ten, die Betrach­tungs­wei­se
zum Kapi­ta­lis­mus zu prägen.
Priva­tes Eigen­tum ist für viele eine
Grund­vor­aus­set­zung des Kapi­ta­lis­mus.
Darauf baute Karl Marx seine
Kritik auf und prägte maßgeb­lich die
Diskus­si­on. In den seit Ausbruch der
Wirt­schafts- und Finanz­kri­se sich formie­ren­den,
kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen
Grup­pen und Orga­ni­sa­tio­nen finden
sich bis zum heuti­gen Tage die Marx­schen
Darle­gun­gen wieder.
„Occupy“ – „deutsch: beset­zen, bean­spru­chen“
ist das bedeut­sams­te
– auch im nicht englisch­spra­chi­gen
Raum genutz­te – Wort für das Ziel der
Occupy-Bewe­gung. Das Gefühl der
Ohnmacht im Anblick der immensen
Kapi­tal­sum­men, die dazu zu ermäch­ti­gen
schei­nen, die gesam­te Mensch­heit
in den Abgrund zu stür­zen, beför­dert
den Wunsch nach einem Ende der bedroh­li­chen
Entwick­lung. Man wünscht
sich die Quelle des Irrsinns zu beset­zen.
Doch wo ist diese Quelle?
Folgt man der Spur des Geldes, dann
stößt man auf Perso­nen. Super­rei­che,
Banker und Finanz­ak­teu­re, die mit Milli­ar­den
jonglie­ren können und die offen­bar
die Augen vor den Folgen ihres Tuns
verschlie­ßen. Der Gedan­ke, die Profi­teu­re
des Systems der Macht zu berau­ben
und sie selbst zu bean­spru­chen,
liegt auf der Hand. Doch was wäre mit
einer solchen Aneig­nung erreicht?
Haben nicht ausge­rech­net die von Karl
Marx vorge­schla­ge­nen Lösun­gen einer
völli­gen Enteig­nung der Menschen zu
Guns­ten einer „Allge­mein­heit“ in der
Praxis hinläng­lich bewie­sen, dass trotz
alle­dem ein wesent­li­ches Element des
Wirt­schaf­tens immer weiter fröh­li­che
Urstän­de feiert?
Die Versu­chung ist groß: Soll ich den
unzäh­li­gen Defi­ni­tio­nen von Kapi­ta­lis­mus
noch eine hinzu­zu­fü­gen? Schließ­lich
habe ich – wie alle ande­ren – mir
auch eine eigene Vorstel­lung davon
heraus­ge­bil­det, was ich unter diesem
Begriff verste­he. Und da es ja nichts
„Präzi­ses“ und Allge­mein­gül­ti­ges gibt,
warum also nicht?
Außer Kopf­ni­cken von jenen, die meine
Auffas­sung teilen – und ihr sicher noch
einige Details hinzu­fü­gen würden – wäre
damit nicht viel gewon­nen. Ausnah­me:
die Defi­ni­ti­on schaff­te es zu allge­mei­ner
Aner­ken­nung und ihr würde im Brock­haus
„Präzi­si­on“ attes­tiert werden.
Das ist schon sehr unwahr­schein­lich.
Apro­pos Wahr­schein­lich­keit:
In den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten gibt
es keine Natur­ge­set­ze, wie in der Physik.
Spätes­tens seit der Globa­li­sie­rung
scheint niemand mehr in der Lage, abge­schlos­se­ne
Räume zu defi­nie­ren, inner­halb
welcher Wirt­schaf­ten nach klaren
Regeln mit vorher­seh­ba­ren Folgen
ablau­fen kann. Sobald wir Wirt­schaf­ten,
also mitein­an­der in Bezie­hung treten
zum Zwecke eines „Ener­gie­aus­tau­sches
«, gelan­gen wir in Sphä­ren, die
der Physi­ker im Mikrobe­reich längst
als allen eindeu­ti­gen Vorher­sa­gen entzo­gen
bezeich­nen und nur noch von
Wahr­schein­lich­keit spre­chen würde.
Eine Tatsa­che, die den sich immer auf
der Grund­la­ge voll­stän­di­ger Kausa­li­täts­for­de­run­gen
gewähn­ten Physi­kern
zu Beginn des vori­gen Jahr­hun­derts
fast den Verstand raubte.
Albert Einstein formu­lier­te es 1924
nach vielen Jahren des Erkennt­nis­wachs­tums,
beina­he verzwei­felt klin­gend,
so: „Der Gedan­ke, dass ein einem
Strahl ausge­setz­tes Elek­tron aus
freiem Entschluss den Augen­blick und
die Rich­tung wählt, in der es fort­sprin­gen
will, ist mir uner­träg­lich. Wenn
schon, dann möchte ich lieber Schus­ter
oder Ange­stell­ter einer Spiel­bank sein
als Physiker.“[1]
Es ist deshalb nach­voll­zieh­bar, dass
wir uns heute einer uner­schöpf­lich
schei­nen­den Zahl an Erklä­rungs­ver­su­chen
für die Vorgän­ge in der Wirt­schaft
und am Finanz­markt gegen­über­se­hen.
Die daran geknüpf­ten Erwar­tun­gen für
die weite­re Entwick­lung können nur mit
Hilfe des Zufalls eintref­fen. In Wahr­heit
fischen alle „Exper­ten“ im Trüben. Zuge­ben
würde das nur keiner.
Einen Unter­schied zwischen Physi­kern
und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lern gibt
es jedoch. In der Physik will man die beob­ach­te­ten
Erschei­nun­gen in der Natur
aufde­cken und ihre kausa­len Zusam­men­hän­ge
ergrün­den. Erst Beob­ach­ten,
dann Ergrün­den. Man kann sich des
1 Quelle: »Albert Einstein«, Hedwig und Max Born (1969),
S. 118. Brief von Einstein an Max Born, 29. April 1924)
Eindrucks nicht erweh­ren, dass das bei
den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten anders
läuft, um nicht zu sagen umge­kehrt.
Man verfügt über einen immer gülti­gen
Theo­rie-Werk­zeug­kas­ten und schaut in
der Reali­tät nach den Abläu­fen, die dazu
passen und sich damit formen lassen.
Die ande­ren blen­det man aus.
Die Neutra­li­tät des Geldes
Ein Beispiel: In der Ökono­mie wird
ausge­rech­net der essen­zi­ells­te Ener­gie­trä­ger
nicht in seinen Eigen­schaf­ten
und Wirkun­gen erforscht. In Zeiten
des Papier­gel­des und der Bits und
Bytes verzich­tet man, offen­bar wegen
der vermeint­li­chen Ener­gie­lo­sig­keit
des Trägers, dessen Rele­vanz hinsicht­lich
der ausge­lös­ten Prozes­se zu erfor­schen.
So wird bis heute in den Stan­dard­wer­ken
der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten die
„Neutra­li­tät des Geldes“ gelehrt. Zwar
ist die Rede von einem „Schlei­er“, den
das Geld über Trans­ak­tio­nen legt, man
misst ihm aber dennoch keine Bedeu­tung
in Bezug auf die realen Prozes­se
der Wirt­schaft bei.
Ob ein Physi­ker anstel­le eines Ökono­men
das jemals so sähe, ange­sichts
der Tatsa­che, dass es im Zusam­men­hang
mit Geld einen Selbst­ver­meh­rungs­pro­zess,
wie den des Zins- und
Zinses­zins­sys­tems gibt, darf stark bezwei­felt
werden.
Im Rahmen der Spei­che­rung von Geld
in unter­schied­li­che „Kapi­tal­for­men“
entsteht mehr Geld, was wieder­um zu
Auswir­kun­gen in der Wirt­schaft führt.
Zum Beispiel zu realem Wachs­tum, in
Form von mehr Autos, mehr Gebäu­den
und vieler­lei ande­ren mate­ri­el­len Dingen.
Versucht man die beharr­li­che Sicht­wei­se
der Neutra­li­tät des Geldes in der
Ökono­mie zu ergrün­den, kommt man
auf aller­lei – für die Betrof­fe­nen wenig
schmei­chel­haf­te – Erklä­rungs­ver­su­che,
die hinsicht­lich der Motive zwei­fel­los
speku­la­tiv sind.
Die Daseins­be­rech­ti­gung und Repu­ta­ti­on
dieses Wissens­zwei­ges hängt maßgeb­lich
davon ab, wie die postu­lier­ten
Erkennt­nis­se mit der von jeder­mann
beob­acht­ba­ren Reali­tät in Einklang stehen.
Da erscheint es ange­sichts der im
Vergleich zur Physik mangeln­den Wissen­schaft­lich­keit
nur plau­si­bel, dass
sich Beob­ach­tun­gen und Erkennt­nis­se
zu selbst­er­fül­len­den Prophe­zei­un­gen
ausprä­gen.
Solan­ge die maßgeb­li­chen Wirt­schafts­teil­neh­mer
ihr Verhal­ten, an die von feder­füh­ren­den
Stel­len vorge­ge­be­nen
Bedin­gun­gen anpas­sen, handeln auch
alle ande­ren danach. Die immer aufs
Neue entste­hen­den, „natür­lich unvor­her­seh­ba­ren
«, Neben­wir­kun­gen werden
auf Basis des glei­chen Denkens
sogleich in das bestehen­de Denk­mus­ter
inte­griert und sind infol­ge­des­sen
auch erklärt. So arbei­ten keine Wissen­schaft­ler.
So arbei­ten Schar­la­ta­ne.
Wozu führt das in der Reali­tät? Welche
Auswir­kun­gen hat eine solche Wissen­schaft
auf wirt­schaft­li­che Abläu­fe?
Zunächst einmal erzeugt und verfes­tigt
man damit Mythen.
• Zum Beispiel den Mythos von den
Flei­ßi­gen, die ausschließ­lich durch ihrer
Hände und ihres Geis­tes Arbeit zu
Reich­tum kamen.
• Reich wird man nur dank außer­or­dent­li­chem
Fleiß.
• Wer Arm ist, hat enor­men Nach­hol­be­darf
an Streb­sam­keit und dem Aneig­nen
von Fähig­kei­ten, welche die Gesell­schaft
– genau­er: die Wirt­schaft
– von einem erwar­tet.
• Reich sein ist ein Beweis für groß­ar­ti­ge
Leis­tungs­fä­hig­keit.
• Arm sein einer für einen Mangel an gesell­schaft­li­cher
Anpas­sungs­fä­hig­keit.
• Der „Vom-Teller­wä­scher-zum-Millio­när-
Mythos“ ist auch einer, der nur
aufrecht­zu­er­hal­ten ist, wenn dem
Geld Neutra­li­tät beigemes­sen wird.
Der Liste ließen sich unzäh­li­ge andere
Beispie­le hinzu­fü­gen. Doch, was hilft
uns das weiter, in einer Welt, in der diese
Mythen mehr Einfluss auf das tägli­che
Leben ausüben, als gutge­mein­te
„Gegen­ent­wür­fe“.

Der KannWas kann was! – Redaktion 0

Der KannWas kann was! – Redaktion

Das Kann­Was-Jubi­lä­um – 31. Mai bis 01. Juni 2014 in Kiel
10 Jahre Regio­nal­wäh­rung für Schles­wig-Holstein
Sieben enga­gier­te Menschen, die sich für ein gerech­tes Geld­sys­tem einset­zen, grün­de­ten 2004 auf Initia­ti­ve von Dr. Frank Schep­ke, den Verein
Regio­nal­geld Schles­wig-Holstein e. V. und began­nen das Regio­nal­geld Kann­Was heraus­zu­ge­ben. Anläss­lich des 10-jähri­gen Jubi­lä­ums hat der Verein
ein inter­es­san­tes und abwechs­lungs­rei­ches Tagungs­pro­gramm erar­bei­tet und namhaf­te Refe­ren­ten für diese Veran­stal­tung gewin­nen können.
Die Refe­ren­ten:
Prof. Dr. Wolf­gang Berger, Karls­ru­he. Leiter der Busi­ness Reframing GmbH,Institut für Orga­ni­sa­ti­on und Manage­ment, mit dem
er „Flow“ in Unter­neh­men veran­kert. „Wer etwas verän­dern will, hat alle gegen sich, die sich in den alten Zustän­den bequem
einge­rich­tet haben.“
Dr. Elisa­beth Meyer-Rensch­hau­sen, Berlin, ist frei­schaf­fen­de Autorin und Privat­do­zen­tin am Insti­tut für Sozio­lo­gie der Freien
Univer­si­tät Berlin.
Dr. Regula Müller, Kiel, gibt Gebrauchs­an­wei­sung zur Herstel­lung von Terra preta heraus und infor­miert über Grund­prin­zi­pi­en
einer ökolo­gi­schen Kreis­lauf­wirt­schaft.
Andre­as Bange­mann, Wupper­tal, ist verant­wort­li­cher Redak­teur der Zeit­schrift „HUMANE WIRTSCHAFT“.
Matthi­as Stühr­woldt, Stolpe, ist Bauer und Schrift­stel­ler zugleich.
Jona­than Ries, Wupper­tal, ist gelern­ter Sport­wis­sen­schaft­ler mit dem Schwer­punkt Bewe­gungs­thea­ter.
Bern­hard Scha­ef­fer, Berlin, Physi­ker, der sich mit der Entwick­lung von Misch­dampf-Kraft­wer­ken beschäf­tigt.
Prof. Dr. Wolf­gang Deppert, Hamburg, pensio­nier­ter Profes­sor für Philo­so­phie und promo­vier­ter Physi­ker. Grün­dungs­rek­tor des
Sokra­tes-Univer­si­täts­ver­eins e. V.
Volker Viehoff, Jürgen Ceynowa und Bernd Petrosch­ka, Lübeck, Sie sind bei uns mit „Rhythm & Lyrics“.
Dr. Frank Schep­ke, Löptin, Bio-Bauer im Unru­he­stand, Begrün­der des Regio­nal­gel­des Kann­Was für Schles­wig-Holstein.
Seit 2004 im Vorstand des Vereins Regio­nal­geld Schles­wig-Holstein e.V.
Anmel­dung, Tickets und weite­re Infor­ma­tio­nen: http://www.kannwas.org

Alter Taler im neuen Gewand – Lukas Walter 0

Alter Taler im neuen Gewand – Lukas Walter

Der FREITALER aus Frei­burg im Breis­gau

Regio­nal­wäh­run­gen sind ein alter Hut,
könnte man meinen. Dass dem nicht
so ist, zeigen etablier­te Dauer­bren­ner,
aber auch Regio­gel­der, die sich
neu erfin­den. Die Gemein­schafts­wäh­rung
FREITALER exis­tiert seit 2008.
Damals orien­tier­ten sich die Macher,
wie viele aus der Szene, an den Lehren
von Silvio Gesell. So konnte sich
schnell ein klei­ner, aber enga­gier­ter
Freun­des­kreis bilden. Im Jahre 2012
wurde dann die Umstel­lung beschlos­sen.
Weg vom Regio­geld hin zur Spen­den­platt­form.
Als regio­na­les Zahlungs­mit­tel
und Spen­den­platt­form hat der
FREITALER nun etwa 130 Unter­neh­men
ange­schlos­sen. Diese
Entwick­lung, ein lang­sa­mes
aber steti­ges Wachs­tum, dauert
nach wie vor an.

Das Beson­de­re:
Keine Klebe­mar­ken
Eine tief grei­fen­de und bis heute disku­tier­te
Verän­de­rung, war die Abschaf­fung
des Umlauf­im­pul­ses in Form von Klebe­mar­ken.
Dieser Impuls, wie er bei vielen
Regio­gel­dern, wie beispiels­wei­se dem
„Chiem­gau­er“ verwen­det wird, kann
für einen schnel­le­ren Umlauf des Geldes
sorgen. Die „Umlauf­ge­bühr“ muss
durch den Kauf einer Klebe­mar­ke bezahlt
werden, die dann auf den Schein aufge­bracht
wird. Dadurch ist jeder ange­hal­ten
das Geld schnell weiter zu geben, um keine
Klebe­mar­ken kaufen zu müssen.
In Frei­burg brauch­te es oft viel Über­zeu­gungs­ar­beit
die Unter­neh­men und
Verbrau­cher fürs Kleben zu begeis­tern.
Dies und der erhöh­te Verwal­tungs­auf­wand
waren die Haupt­grün­de, es 2012 erst einmal ohne Umlauf­ge­bühr zu versu­chen.
Dafür trat die Projekt­för­de­rung
in den Vorder­grund.
Die Projekt­för­de­rung im Fokus
Wie bei vielen Regio­nal­wäh­run­gen werden
auch Spen­den für gemein­nüt­zi­ge
Verei­ne in der Region gene­riert.
Die Förde­rung fließt, sobald beim Eintausch
von Euro in FREITALER ein Projekt
ange­ge­ben wird. Mitt­ler­wei­le können
über 20 verschie­de­ne Projek­te geför­dert
werden. Im Mittel­punkt stehen rela­tiv
klei­nen Initia­ti­ven, bei denen schon gerin­ge
Beträ­ge eine große Wirkung hervor­ru­fen.
Das neues­te Projekt ist die Studen­ten­in­itia­ti­ve
Weit­blick Frei­burg e. V.
Sie konn­ten kürz­lich ihre erste Förde­rung
von 74 FREITALER abho­len. Unter­stüt­zer
des Projekts tausch­ten insge­samt 3700 €
in FREITALER ein, 2 % davon gingen sofort
an Weit­blick Frei­burg e. V. „Wir waren
freu­dig über­rascht, dass wir als neues
Projekt mit dieser Förde­rung einstei­gen,“
so das Vorstands­mit­glied Eva Kimmig.
Das Beson­de­re dabei ist, dass die Projek­te
keine gemein­nüt­zig einge­tra­ge­nen
Verei­ne sein müssen. Ob ein Projekt förde­rungs­wür­dig
ist oder nicht, entschei­den
die Bürger vor Ort, indem sie beim
Eintausch ein Projekt wählen. So können
viele verschie­de­ne Initia­ti­ven und Neugrün­dun­gen
eine größe­re Bekannt­heit
errei­chen und Spen­den gene­rie­ren. Im
ersten Jahr mit Projekt­för­de­rung wurden
etwa 100.000 € einge­tauscht.
„Die FREITALER werden wir bei einer loka­len
Drucke­rei wieder ausge­ben“, so Eva
Kimmig weiter „Zuvor haben wir bei einer
Online­dru­cke­rei drucken lassen“. Der
gemein­nüt­zi­ge Verein verkauft jedes Jahr
Frei­burg­ka­len­der, die in loka­len Schreib­wa­ren­ge­schäf­ten
erhält­lich sind. Vom
Erlös werden ein Frei­bur­ger Flücht­lings­wohn­heim
und ein Schul­pro­jekt in Kenia
unter­stützt. „Global denken und lokal
handeln, das ist auch unser Motto“, sagt
Kimmig. Durch den FREITALER, der sich
als Vermitt­ler zwischen Unter­neh­men
und Projek­ten versteht, kann die Spende
als Start­ka­pi­tal einge­setzt werden, um
weite­re Unter­stüt­zer, wie die Drucke­rei,
zu gewin­nen. Da die Spende in FREITALER
ausge­zahlt wird, fließt sie wieder in
die regio­na­le Wirt­schaft zurück.

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Sommertagung der HUMANEN WIRTSCHAFT – Freiburg 2014 – Redaktion

Sams­tag, den 21. Juni 2014 in Frei­burg im Breis­gau
Veran­stal­tungs­ort: Histo­ri­sches Kauf­haus Frei­burg – Kamin­saal Müns­ter­platz 24 79098 Frei­burg
Einlass: 9:00 Uhr
Programm von 10:00 bis 18:00 Uhr

Gesprä­che über Geld im Kauf­haus – Kann es einen besse­ren Ort dafür geben?
In unmit­tel­ba­rer Nähe zum Frei­bur­ger Müns­ter liegt das schöne, histo­ri­sche Gebäu­de, in dem die Sommer­ta­gung 2014 statt­fin­det.
In der sonnen­reichs­ten Region Deutsch­lands den längs­ten Tag des Jahres erle­ben!

Erle­ben Sie die HUMANE WIRTSCHAFT leib­haf­tig:
Sommer­ta­gung am 21. Juni 2014 in Frei­burg im Breis­gau.
Ein kurz­wei­li­ger Tag unter ande­rem mit Vorträ­gen von Prof. Dr. Dirk Löhr
und Andre­as Bange­mann bringt die Arbeit und die Menschen hinter der
Zeit­schrift näher.
Weite­re Infor­ma­tio­nen und Anmel­dun­gen in unse­rer Geschäfts­stel­le bei Frau
Erika Schmied:
Luit­pold­str. 10,
91413 Neustadt a.d. Aisch
Tel. (09161) 87 28 672 (vormit­tags),
Fax (09161) 87 28 673
E‑Mail: service@humane-wirtschaft.de
Die Anmel­dung über ein Anmel­de­for­mu­lar mit allen wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen ist
auch im Inter­net möglich: http://goo.gl/njHaFb

Leserbriefe 03/2014 0

Leserbriefe 03/2014

Ihre Meinung ist uns wich­tig! Senden Sie uns Ihre Fragen, Anre­gun­gen oder persön­li­chen Meinun­gen. Wir bemü­hen uns, so viele
Leser­brie­fe unter­zu­brin­gen, wie möglich. Wenn wir Leser­brie­fe kürzen, dann so, dass das Anlie­gen der Schrei­ben­den gewahrt bleibt.
Leser­brie­fe geben nicht die Meinung der Redak­ti­on wieder.

Mit Termin­hin­weis zum Kongress – Burnout und Resi­li­enz – Bewusst­seins­kom­pe­tenz für Wirt­schaft und Gesell­schaft
22. bis 25. Mai 2014, Bad Kissin­gen, Regen­ten­bau und Heili­gen­feld Klini­ken. siehe auch www.kongress-heiligenfeld.de

Ist die HUMANE WIRTSCHAFT kapitalismuskritisch? – Andreas Bangemann 0

Ist die HUMANE WIRTSCHAFT kapitalismuskritisch? – Andreas Bangemann

Wenn man die Frage bis in die Details durch­denkt, ist sie
nicht so leicht zu beant­wor­ten. Es wird behaup­tet, dass
der Mangel etwas sei, das system­be­dingt zum Kapi­ta­lis­mus
gehört. Ob das ein Grund ist, weshalb es an einer
allge­mein­gül­ti­gen Defi­ni­ti­on für den Termi­nus mangelt?
Bedingt durch diesen Mangel, liegt die Fest­stel­lung, ob
Kapi­ta­lis­mus­kri­tik vorliegt oder nicht, im Auge des Betrach­ters.
Zu dem Bemü­hen, das Beob­acht­ba­re wissen­schaft­lich
zu unter­su­chen und darin Gesetz­mä­ßig­kei­ten
zu entde­cken, kommt erschwe­rend hinzu, dass es nur
wenige Grund­an­nah­men gibt, worauf man verläss­li­che
Aussa­gen aufbau­en kann. Ein Beispiel: „Die Akteu­re auf
dem Markt“ verhal­ten sich „ökono­misch“. Der daraus
entstan­de­ne, vom berühm­ten Adam Smith ins Leben geru­fe­ne
„Homo Oeco­mi­cus“ wurde mitt­ler­wei­le zum Verwahr­stück
in der wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Asser­va­ten­kam­mer.

Er taugt nicht mehr für Forschun­gen.
Was aus dem Fehlen der Grund­la­gen folgt, ist für die
ganze Welt fatal. Ein undurch­dring­bar komple­xes Gebil­de,
namens „Markt“ erzeugt Folgen, dessen Ursa­chen
man nur „erra­ten“ kann. Um beson­ders bedroh­lich
wirken­de Sympto­me kümmern sich Poli­ti­ker und Exper­ten
hastig mit Maßnah­men, deren Konse­quen­zen sie
nur erhof­fen können. Was mit an Sicher­heit gren­zen­der
Wahr­schein­lich­keit erreicht wird, sind neuar­ti­ge Auswir­kun­gen.
„Unvor­her­seh­ba­re“ natür­lich.
Mitt­ler­wei­le hegt kaum mehr jemand Zwei­fel daran,
dass mit dem Geld in der Wirt­schaft etwas nicht stimmt.
Was aller­dings die Wissen­schaft dennoch nicht dazu verlei­tet,
der hinter dem Geld stehen­den Syste­ma­tik auf
die Spur zu gehen. Man bleibt dabei und kümmert sich
um die Auswir­kun­gen. Markt­ver­hal­ten am Kapi­tal­markt
spiel­theo­re­tisch zu analy­sie­ren, bringt den forschen­den
Wissen­schaft­lern Nobel­prei­se ein.
Auf dem Gebiet der Ursa­chen­for­schung kann man keine
Blumen­töp­fe gewin­nen.
Die Ökono­mie führt zu Recht die Markt­wirt­schaft als
derzeit beste und der Frei­heit Rech­nung tragen­de Wirt­schafts­ord­nung
auf. Doch im glei­chen Atem­zug stellt man
ihr den „Kapi­ta­lis­mus“ zur Seite. Ohne Erklä­rung, ob es
sich um das Glei­che handelt oder nur eine Ergän­zung. Kapi­ta­lis­mus
kommt wie der unbe­kann­te und gleich­sam unsicht­ba­re
Beglei­ter der Markt­wirt­schaft daher.
Gemein­sam garan­tie­ren die beiden, dass wir, im Rahmen
ein „paar weni­ger“ Geset­ze, aber immer noch frei,
tun und lassen können, was wir wollen. So haben wir angeb­lich
unser Schick­sal in der Hand. Jede Frau und jeder
Mann kann es zu etwas brin­gen, in der freien, kapi­ta­lis­ti­schen
Markt­wirt­schaft.
Eine große Mehr­heit der Menschen erliegt dieser Illu­si­on
nach wie vor.
In Wahr­heit ist der unsicht­ba­re
Beglei­ter „Kapi­ta­lis­mus“ jedoch
Desi­gner.
Er lässt uns tun, was wir wollen,
aber uns nicht sein,
was wir doch sind.
Gefan­gen ohne Mauern
glau­ben wir zu tun,
was wir wollen.
Jedoch am Ende tun wir,
was er will.
Wir nehmen im kapi­ta­lis­ti­schen „Kunst­werk“ eine fest­ge­schrie­be­ne
Funk­ti­on ein. Wir bemer­ken es nicht, also kümmert
es uns nicht. Wir tun was wir wollen und erfül­len dennoch
den Plan des Desi­gners. Beispiels­wei­se beim Konsu­mie­ren
immer unsin­ni­ge­rer Produk­te. Beim klag­lo­sen
Akzep­tie­ren immer größe­rer Schä­den am Sozi­al­we­sen und
an der Natur. Die notwen­di­gen Repa­ra­tu­ren nehmen wir gar
schul­ter­klop­fend als Leis­tungs­zu­wachs zur Kennt­nis.
Indem wir will­fäh­rig mithel­fen, alle Berei­che des Lebens zu
„mone­ti­sie­ren“. Im Laufe der Zeit erschlos­sen wir – im „Geheim­auf­trag
des Desi­gners“ – immer weite­re Gebie­te. Auf
der Geschäfts­idee der Betreu­ung von Kindern oder Senio­ren
konnte vor 30 Jahren kaum jemand eine Exis­tenz aufbau­en.
Heute ist das ein boomen­der Milli­ar­den­markt, geprägt
von skan­da­lö­sen Mitar­bei­ter-Entloh­nungs­mo­del­len.
Glaubt jemand ernst­haft, dass wir so sind? Wenn Geld
das beherr­schen­de Ziel unse­rer Bestre­bun­gen ist, dann
wird davon alles aufge­saugt. Was sich nicht verein­nah­men
lässt, wird als minder­wer­tig an den Rand gedrückt.
Markt­wirt­schaft und Kapi­ta­lis­mus sind keine Menschen.
Sie sind menschen­ge­macht. Es liegt in unse­rer Hand, die
Unsicht­bar­keit des Kapi­ta­lis­mus zu been­den und den Vorgän­gen
in der Wirt­schaft den Geld­schlei­er zu entrei­ßen.
Nur so können wir die Frage beant­wor­ten: „Wird es Zeit
für einen Abschied?“ Betrach­tet man den Kapi­ta­lis­mus als
ein unab­hän­gig von der Markt­wirt­schaft funk­tio­nie­ren­des
System, das aber maßgeb­li­chen, zerstö­re­ri­schen Einfluss
ausübt, dann ist Kriti­sie­ren vergeu­de­te Zeit. Die Aufga­be
muss deshalb lauten: Entwick­lung völlig neuer Syste­me.
Wie könnte ein Geld­sys­tem und dazu korre­spon­die­ren­des
Eigen­tums­recht ausse­hen?
Eines, das uns in Wirk­lich­keit frei macht? Womög­lich
eines, das uns die Frei­heit zu Geben bringt, verbun­den
mit der Entde­ckung wie dadurch Wohl­stand in einer nie
gekann­ten Dimen­si­on entsteht.
Eines, mit dem wir sein können, was wir sind!
Herz­lich grüßt Ihr Andre­as Bange­mann.

Roland Geitmann war ein feiner Mensch – Die Redaktion 0

Roland Geitmann war ein feiner Mensch – Die Redaktion

Am 4. 12. 2013 ist Roland Geit­mann gestor­ben.
Er war ein feiner Mensch.

Er war ein feiner Mensch.

Er verkör­per­te den Frie­den, der ihn als
großes Ziel beweg­te. Seine sympa­thi­sche
Art, die sich in respekt­vol­ler
Zuwen­dung zu seinen Mitmen­schen
ebenso ausdrück­te, wie in seiner Liebe
zur Natur und den klei­nen Freu­den des
Lebens, war vorbild­lich. Mit spon­ta­nen
Klavier­stü­cken erfreu­te er in den
Pausen die Gäste unse­rer Veran­stal­tun­gen.
2012, anläss­lich des 150-jähri­gen
Geburts­tags­ju­bi­lä­ums von Silvio
Gesell sprach er in Wupper­tal zu einem
ihm am Herzen liegen­den Thema,
nämlich der Rolle direk­ter Demo­kra­tie
für die Idee der sozia­len Plas­tik im Sinne
von Joseph Beuys. Mit diesem Beitrag
berei­cher­te er die Veran­stal­tung
„Gesell­Schafft­Kunst“ im Mai 2012 in
Wupper­tal.
Sein Wirken für die gute Sache wird
nicht in Verges­sen­heit gera­ten. Wir
empfin­den es als ein Geschenk von
uner­mess­li­chem Wert, dass er sich
gemein­sam mit uns einge­setzt hat.
Seine Kompe­tenz spen­de­te Kraft und
Selbst­ver­trau­en. Sein Mensch­sein
lebt in vielen seiner geis­ti­gen und
persön­li­chen Freun­de weiter. Wir zählen
uns dazu.
Zitat Roland Geit­mann:
„Im zerstö­re­ri­schen Umgang mit Geld
und mit der Erde offen­bart sich das Innen­le­ben,
die geis­tig-seeli­sche Verfas­sung
einer Gesell­schaft. Eine solche
Problem­la­ge lässt sich nicht wie
ein tech­ni­scher Defekt repa­rie­ren.
So drin­gend notwen­dig unsere Geld­und
Boden­re­form­maß­nah­men wären,
so unwahr­schein­lich ist es vorerst,
dass sie ergrif­fen werden. Denn
so tief im Denken, Fühlen und Wollen
der Menschen verwur­zel­te Verhält­nis­se
ändern sich nur gemein­sam mit
den Menschen und durch sie. So mühsam
Demo­kra­tie ist, zeich­net sie doch
aus, dass sich Erneue­rungs­im­pul­se
aus klei­nen Anfän­gen ausbrei­ten können
und letzt­lich auch durch­drin­gen,
wenn ihre Zeit gekom­men ist.“
Zitiert aus „Lob der Viel­falt“ von Roland
Geit­mann erschie­nen in HUMANE WIRTSCHAFT,
Ausga­be 5–2007
Roland Geit­mann
(gebo­ren am 13. April 1941 in Silde­mow
bei Rostock, gestor­ben am 4. Dezem­ber
2013 in Kehl)
Roland Geit­mann war Verwal­tungs­recht­ler.
Er war von 1974 bis 1982 Ober­bür­ger­meis­ter
der Stadt Schram­berg
und von 1983 bis 2006 Profes­sor für
Öffent­li­ches Recht an der Hoch­schu­le
Kehl. 1988 wurde Roland Geit­mann
Vorsit­zen­der der Arbeits­ge­mein­schaft
frei­wirt­schaft­li­cher Chris­ten (AfC).
Seit 1989 führt dieser 1950 gegrün­de­te
Verein den Namen „Chris­ten für gerech­te
Wirt­schafts­ord­nung e. V.“ (CGW). Im
Jahre 2009 gab Roland Geit­mann das
Amt des Vorsit­zen­den weiter. Als Ehren­vor­sit­zen­der
beglei­te­te er die CGW
bis zu seinem Tode.
Auch war er Spre­cher des Kura­to­ri­ums
von Mehr Demo­kra­tie e. V. sowie verant­wort­li­cher
Heraus­ge­ber der Schrif­ten­rei­he
der Arbeits­grup­pe Gerech­te
Wirt­schafts­ord­nung.

Leserbriefe 01/2014 0

Leserbriefe 01/2014

Ihre Meinung ist uns wich­tig! Senden Sie uns Ihre Fragen, Anre­gun­gen oder persön­li­chen Meinun­gen. Wir bemü­hen uns, so viele Leser­brie­fe unter­zu­brin­gen, wie möglich. Wenn wir Leser­brie­fe kürzen, dann so, dass das Anlie­gen der Schrei­ben­den gewahrt bleibt. Leser­brie­fe geben nicht die Meinung der Redak­ti­on wieder.
In dieser Ausga­be:
Raum für Neues – Wirt­schaf­ten und Gesund­heit
„Steu­ern – Dieb­stahl an der Allge­mein­heit“
Zur Kritik am Außen­han­dels­über­schuss Deutsch­lands
Die Poli­tik des Geldes
Das nicht zu verges­sen­de Ereig­nis

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer 0

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer

Wir verbrin­gen einen großen Teil unse­rer Zeit mit Dingen, die uns nicht wirk­lich glück­lich macht: Arbei­ten, Kaufen, Konsu­mie­ren. Die wahren Quel­len des Glücks liegen aber im „inne­ren Selbst“. Warum wir dennoch das Glück im Außen suchen, hängt mit unse­rem moder­nen Geld zusam­men.

Vermut­lich kennen Sie die Anek­do­te zur Senkung der Arbeits­mo­ral von Hein­rich Böll (1963). Darin beschreibt er einen ärmlich geklei­de­ten Fischer, der in einem Hafen an der West­küs­te Euro­pas schläft. Er wird durch das Klicken des Foto­ap­pa­ra­tes eines Touris­ten geweckt. Der Tourist fragt den Fischer, warum er denn nicht fische, wo doch so idea­les Wetter dafür sei. Nach eini­gem Zögern antwor­tet der Fischer, dass er heute schon drau­ßen gewe­sen sei und einen so guten Fang gehabt hätte, dass es für die nächs­ten Tage noch reiche. Nach eini­gem Zögern geht mit dem Touris­ten die Phan­ta­sie durch: Wenn der Fischer heute doch noch drei- oder vier­mal hinaus­fah­ren würde, dann würde er viel verdie­nen. Damit könnte er mittel­fris­tig ein klei­nes Unter­neh­men grün­den und immer weiter wach­sen. Das Unter­neh­men könnte so groß werden, dass er sogar ins Ausland Fische liefern könne. Und, dann – der Tourist kommt zum Ende seiner Phan­ta­sier­ei­se – dann hätte der Fischer genug verdient, um einfach am Hafen sitzen und sich ruhig entspan­nen zu können. Darauf entgeg­net der Fischer gelas­sen, am Hafen sitzen und sich entspan­nen könne er doch jetzt schon. Das mache er ja gerade. Darauf­hin
verschlägt es dem Touris­ten die Spra­che, nach­denk­lich und ein wenig neidisch geht er fort.

Ich denke, an dieser klei­nen Geschich­te werden zwei konträ­re Welt­an­schau­un­gen deut­lich. Der Fischer lebt im „Hier und Jetzt“. Er hat heute genug für seinen Lebens­un­ter­halt getan, ja er hat sogar so viel gefan­gen, dass er an den nächs­ten Tagen nichts tun muss. Frei­lich: Er ist ärmlich geklei­det, er besitzt vermut­lich selbst keinen Foto­ap­pa­rat und er kann sich vermut­lich auch keine teuren Touris­ten­aus­flü­ge leis­ten. Aber ich stelle mir ihn als einen glück­li­chen und zufrie­de­nen Menschen vor: Er verfügt über wenig
mate­ri­el­len Reich­tum, aber er hat einen großen Luxus an frei verfüg­ba­rer Zeit: Er hat so Zeit für ein Schläf­chen am hell­lich­ten Tag. Er hat vermut­lich auch Zeit für seine Freun­dIn­nen, seine Kinder, seine Leiden­schaf­ten; ja Zeit, um mit sich (seinem „inne­ren Selbst“) in gutem Kontakt zu stehen. Der Fischer
steht für die Über­zeu­gung, dass sich das „gute Leben“ einstel­len wird, wenn wir unsere Lebens­zeit für eine
gute Bezie­hung zu unse­rem Selbst und zu unse­ren Mitmen­schen aufbau­en; oder in ande­ren Worten.

Entscheidend ist die Tat – Pat Christ 0

Entscheidend ist die Tat – Pat Christ

Zahl­rei­che Freun­de, Wegge­fähr­ten, Neugie­ri­ge und Inter­es­sier­te kamen vom 31. Okto­ber bis 3. Novem­ber
zur „Jahres­fei­er Humane Wirt­schaft 2013“ des Förder­ver­eins Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung e. V. in die Wupper­ta­ler Silvio-Gesell-Tagungs­stät­te. „Entschei­dend ist die Tat“ laute­te das dies­jäh­ri­ge Motto.

„Theo­ri­en und Philo­so­phi­en sind sicher wich­tig,“ so Chef­re­dak­teur Andre­as Bange­mann zum Auftakt. „Doch von ebenso großer Bedeu­tung ist es, etwas real umzu­set­zen und etwas zu bewe­gen.“ Ein großes Ziel ist allen Human­wirt­schaft­le­rin­nen und Human­wirt­schaft­lern klar. Es heißt: Eine Geld­ord­nung schaf­fen, in der sich das
Geld nicht mehr, wie den derzeit herr­schen­den Spiel­re­geln zufol­ge, selbst vermeh­ren und dadurch die Gesell­schaft immer weiter aufspal­ten kann. Doch der Weg dahin ist noch ziem­lich weit.

Sehr ferne Ziele können demo­ti­vie­ren. Vor allem, wenn es nicht gewiss erscheint, dass sie auch erreicht werden können. Damit die Einsatz­freu­de nicht nach­lässt, sind sinn­vol­le Zwischen­etap­pen und eine Menge
klei­ner, krea­ti­ver Ideen nötig. „Was wir anstre­ben, kann nur dann rich­tig Wirkung entfal­ten, wenn es in sehr vielen Köpfen ist und wenn sich sehr viele Menschen daran betei­li­gen“, beton­te Bange­mann.

Dafür müssen die Menschen begeis­tert werden. Und zwar durch etwas, was konkret und „anfass­bar“ ist. Was akti­viert. Statt ledig­lich Diskus­sio­nen auszu­lö­sen. Ist es doch auf Dauer äußerst unbe­frie­di­gend, nur immer über die Gier der Reichen und die Blind­heit der Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker zu schimp­fen. Solche
Debat­ten erschöp­fen sich irgend­wann. Besser versu­chen, von unten etwas zu verän­dern. Dass die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer der Jahres­fei­er tatsäch­lich den großen Wunsch haben, etwas zu bewe­gen, machte die „Murmel­run­de“ am Eröff­nungs­abend deut­lich. Span­nen­der Tagungs­ein­stieg Was immer einem selbst gerade keine Ruhe lässt, womit man sich gerade beschäf­tigt und wie man über­haupt auf das Thema „Humane Wirt­schaft“ kam, das erzähl­ten sich je zwei Teil­neh­me­rIn­nen bei diesem unge­wöhn­li­chen Einstieg in die Tagung. In sechs Minu­ten mach­ten sich zwei Menschen, die sich bis dato noch nie gese­hen hatten, auf diese inten­si­ve Weise mitein­an­der bekannt. Wech­sel­sei­tig stell­ten sie sich später im Plenum vor. Heraus kamen facet­ten­rei­che Persön­lich­keits­be­schrei­bun­gen, Infor­ma­tio­nen über inter­es­san­te biogra­phi­sche Wege, unge­wöhn­li­che Pläne und erste konkre­te Projek­te.

Am zwei­ten Abend kam bei Andre­as Bange­mann Gold­grä­ber­stim­mung auf: In der Rolle des Fürch­te­gott Zwei­fel­mann brach­te er gegen­über Stef­fen Unver­zagt alias Stef­fen Henke erfreut zum Ausdruck, wie
gran­di­os sich sein Geld vermehrt. In den 80er Jahre habe er eine kleine Erbschaft von seinem Groß­va­ter bekom­men, erzähl­te er. Immer­hin 10.000 Mark. Die hat er als flei­ßi­ger schwä­bi­scher Sparer gleich ange­legt – und nun verdop­pelt sich dieses Vermö­gen alle zwölf Jahre.

Vom spaltenden Geist zu integraler Politik – Peter Berner 0

Vom spaltenden Geist zu integraler Politik – Peter Berner

Ein beson­ders aufge­weck­ter Grund­schü­ler fragte vor kurzem meine Frau, die als Märchen­er­zäh­le­rin tätig ist: „Warum ist das so, dass im Märchen immer die Guten gewin­nen, aber in der Wirk­lich­keit immer die Bösen?“ Dieser junge Mensch also warf beherzt die Ponerologiefrage[1] auf, die von uns Erwach­se­nen meist tabui­siert wird, obwohl – oder gerade weil? – deren Beant­wor­tung für gesell­schafts­po­li­ti­sches Handeln oder Nicht-Handeln von zentra­ler Bedeu­tung sein dürfte. Ob wir über­haupt die Einschät­zung dieses Jungen teilen und wenn ja, wie wir seine Frage beant­wor­ten, dürfte einen hohen Einfluss darauf haben, wie es nicht nur um unser poli­ti­sches Enga­ge­ment, sondern darüber hinaus auch um unsere innere Ausge­gli­chen­heit, Gesund­heit und Lebens-Quali­tät bestellt ist. Deswe­gen möchte ich – als Psycho­the­ra­peut, dem seit Jahr­zehn­ten immer wieder auch die Heilung unse­res Gemein­we­sens beson­ders am Herzen liegt – hier meine persön­li­che Antwort
auf diese Frage ins Gespräch brin­gen.

Wir Menschen auf dieser Erde leben – so würde ich es formu­lie­ren – seit mehre­ren Jahr­tau­sen­den
unter der sich zuspit­zen­den Herr­schaft eines diabo­li­schen, krie­ge­ri­schen, spal­ten­den Geis­tes, welcher sich
in beson­de­rer Weise gegen seine eigene Aufklä­rung immu­ni­siert hat – so ähnlich wie wir es in der Tiefen­psy­cho­lo­gie als „Wider­stand“ gegen das Erken­nen unbe­wuss­ter selbst­schä­di­gen­der Denk- und Verhal­tens­mus­ter kennen. „Geist“ ist hier­bei durch­aus in seiner doppel­ten Bedeu­tung gemeint: Einer­seits als Feld­ef­fekt im kollek­ti­ven Bewusst­sein, als weit verbrei­te­tes Denk- und Inter­pre­ta­ti­ons-Muster – ande­rer­seits als indi­vi­du­el­le Wesen­heit mit Durch­set­zungs­wil­len und Selbst­er­hal­tungs­in­ter­es­se.

Diese Sicht­wei­se folgt einem trans­per­so­na­len Welt­bild, demzu­fol­ge den Erschei­nun­gen der mate­ri­el­len Welt Kräfte und Forma­tio­nen auf fein­stoff­li­cher und Bewusst­seins­ebe­ne zugrun­de liegen – und sie folgt einem mehr­per­spek­ti­vi­schen, inte­gra­len Ansatz, dem zufol­ge beispiels­wei­se auch das abso­lu­te, allum­fas­sen­de,
allem zugrun­de liegen­de Bewusst­sein („Gott“) zugleich so etwas wie eine abstrak­te Ener­gie und so etwas
wie eine indi­vi­du­el­le Persön­lich­keit ist.

[1] „Pone­ro­lo­gie“ ist ein selten gebrauch­ter Ausdruck für „die Lehre vom Bösen“

Die schönere Welt… – Charles Eisenstein 0

Die schönere Welt… – Charles Eisenstein

„Es ist möglich, dass wir erst dann vor unse­rer wirk­li­chen Aufga­be stehen, wenn wir nicht mehr wissen, was zu tun ist. Und viel­leicht haben wir unsere wirk­li­che Reise erst dann begon­nen, wenn wir nicht mehr wissen, welchen Weg wir einschla­gen sollen. Der Geist, der nicht ratlos ist, ist unter­for­dert. Es ist der in seinem Lauf behin­der­te Strom, der singt.“ (Wendell Berry)

Als ich die Einlei­tung von „Ökono­mie der Verbun­den­heit“ »der schö­ne­ren Welt, von deren Möglich­keit
uns unsere Herzen erzäh­len« widme­te, schrieb ich von einem Wider­stand im Denken dage­gen, dass die
Welt ganz anders sein könnte, als wir sie immer kann­ten. Tatsäch­lich haben wir uns viele Jahr­hun­der­te und sogar Jahr­tau­sen­de an eine Welt von großer und immer weiter stei­gen­der Ungleich­heit, von Gewalt, Häss­lich­keit und Kampf gewöhnt.

Manch­mal erin­nert uns ein Ausflug in die unbe­rühr­te Natur, zu einer tradi­tio­nel­len Kultur oder in die von der verarm­ten moder­nen Welt verschlei­er­te reich­hal­ti­ge Sinnen­welt an das, was verlo­ren gegan­gen ist. Und diese Erin­ne­rung schmerzt, streut Salz in die Wunde der Getrennt­heit. Solche Erfah­run­gen zeigen uns zumin­dest, was möglich ist, was gewe­sen ist und was sein kann, aber sie zeigen uns nicht, wie wir eine solche Welt erschaf­fen können. Ange­sichts der enor­men Kräfte, die in Stel­lung gebracht wurden, um den Status quo beizu­be­hal­ten, lassen wir verzagt den Mut sinken. Die flüch­ti­gen Blicke auf eine schö­ne­re Welt, die wir in der Natur erha­schen, oder bei spezi­el­len Begeg­nun­gen, auf Musik­fes­ti­vals, bei Zere­mo­ni­en, in der Liebe und im Spiel, sind umso entmu­ti­gen­der, wenn wir glau­ben, dass sie niemals mehr sein können als kurz­zei­ti­ge Verschnauf­pau­sen von der seelen­ver­nich­ten­den, geld­ge­trie­be­nen Welt, an die wir gewöhnt sind.

Ein Haupt­ziel war, die Logik der Vernunft mit dem Wissen des Herzens in Einklang zu brin­gen: nicht nur deut­lich zu machen, was möglich ist, sondern auch, wie wir dort­hin gelan­gen können. Wenn ich das Wort „möglich“ verwen­de, meine ich es nicht im Sinn von „viel­leicht“, wie: „Es könnte viel­leicht passie­ren, wenn wir nur Glück haben.“ Ich meine möglich im Sinn von Selbst­be­stim­mung: eine schö­ne­re Welt als etwas, das wir schaf­fen können. Ich habe viele Bewei­se für diese Möglich­keit gelie­fert: den unaus­weich­li­chen Nieder­gang eines Geld­sys­tems, das von expo­nen­ti­el­lem Wachs­tum abhän­gig ist, einen Bewusst­seins­wan­del hin
zu einem Selbst in Verbun­den­heit in einer kokrea­ti­ven Part­ner­schaft mit der Erde, und ich habe viele Beispie­le ange­führt, dass die nöti­gen Einzel­tei­le einer heili­gen Ökono­mie schon im Entste­hen begrif­fen sind. Das ist etwas, das wir schaf­fen. Wir können es, und wir tun es. Und können Sie sich ange­sichts dessen, dass so viel Schlech­tes und Häss­li­ches in der gegen­wär­ti­gen Welt auf das Geld zurück­ge­führt werden
kann, vorstel­len, wie die Welt sein wird, wenn einmal das Geld umge­stal­tet worden ist? Ich kann sie mir nicht vorstel­len, nicht alles davon, obwohl ich manch­mal Visio­nen von ihr habe, die mir den Atem stocken lassen. Viel­leicht stimmt es gar nicht, dass ich sie mir nicht vorstel­len kann – viel­leicht wage ich es nicht. Eine Vision von einer wahr­haft heili­gen Welt, einer heili­gen Ökono­mie, macht das Ausmaß unse­res heuti­gen Leidens umso deut­li­cher. Aber ich will mit Ihnen teilen, was ich in meinen Visio­nen gese­hen habe, selbst die speku­la­tivs­ten, die naivs­ten, unprak­tischs­ten und verträum­tes­ten Aspek­te. Ich hoffe, dass
meine Offen­heit nicht die Glaub­wür­dig­keit (sofern vorhan­den) dessen infra­ge stellt, was ich hier aufge­baut
habe, indem ich die Konzep­te einer heili­gen Ökono­mie in einer schlüs­si­gen und logi­schen Weise darleg­te.

Problemfeld Geld – Fakten und Fehlvorstellungen – Helmut Creutz 0

Problemfeld Geld – Fakten und Fehlvorstellungen – Helmut Creutz

Vorbe­mer­kun­gen

Das Thema Geld und allem was damit zusam­men­hängt, findet in unse­ren Tagen zuneh­men­de Beach­tung. Bedingt
nicht nur durch das stän­dig disku­tier­te und publi­zier­te Krisen­ge­sche­hen im Umfeld der Börsen und Banken,
sondern vor allem auch vor dem Hinter­grund der Staats-Über­schul­dun­gen und der diver­sen „Rettungs­schir­me“
durch Regie­run­gen und Noten­ban­ken.

Inzwi­schen wird sogar, zur Lösung der Proble­me, selbst die Abschaf­fung des Bargelds disku­tiert, weil dann die Zentral­ban­ken die Möglich­keit haben würden, die Leit­zin­sen auch auf null zu senken! Andere schla­gen sogar vor, die Sicht­gut­ha­ben der Bürger mit Straf­zin­sen zu bele­gen, obwohl die darauf gepark­te Kauf­kraft zum größ­ten Teil den Banken für zwischen­zeit­li­che Kredit­ver­ga­ben zu Verfü­gung steht. Doch unge­klärt bleibt bei allen Diskus­sio­nen zumeist, wen man mit diesen Straf­an­dro­hun­gen eigent­lich tref­fen will, die Bürger oder die Banken?

Wie wir aus den Medien wissen, ist inzwi­schen sogar das Thema „Minus­zin­sen“ kein Tabu mehr, jedoch nicht –
wie in dieser Zeit­schrift immer wieder gefor­dert – bezo­gen als Kosten auf das umlau­fen­de Bargeld in den Händen der Bürger, sondern statt dessen bezo­gen auf die Zurver­fü­gung­stel­lung des Zentral­bank­gel­des an die Banken. Also auf jene Bestän­de, die den Banken nicht nur als Bargeld­re­ser­ven dienen, sondern auch als Basis für die Verrech­nun­gen und damit Absi­che­run­gen jener unzäh­li­gen Geld-Gutha­ben-Über­tra­gun­gen, die wir als Bank­kun­den über unsere Sicht­gut­ha­ben täglich abwi­ckeln. Manche Kriti­ker und Refor­mer in unse­ren Tagen plädie­ren sogar dafür – wie z. B. die „Voll­geld-Initia­ti­ve“ – die Sicht­gut­ha­ben­be­stän­de dem Bargeld gleich­zu­stel­len und die Ausga­be des auf diese Weise verviel­fach­ten Geldes direkt an den Staat vorzu­neh­men. Wobei sie offen­sicht­lich den Tatbe­stand verdrän­gen, dass diese Bestän­de auf den Sicht­gut­ha­ben von den Bürgern durch Einzah­lun­gen von Bargeld aufge­baut worden sind.

Was ist über­haupt Geld?

Beur­tei­len kann man alle diese Aussa­gen und Ansich­ten zum Geld nur dann, wenn man sich, sowohl bezo­gen auf
die heuti­ge Situa­ti­on als auch fast alle Reform­vor­schlä­ge, über die sach­be­zo­ge­nen Größen, Gege­ben­hei­ten und Entwick­lun­gen in Sachen Geld im Klaren ist. Ausge­hend vor allem von den statis­tisch erfass- und damit nach­weis­ba­ren Größen und Vorgän­gen, die von der Deut­schen Bundes­bank seit Jahr­zehn­ten für unse­ren natio­na­len Wirt­schafts­raum erfasst und ausge­wie­sen worden sind. Doch geht man diesen Spuren noch weiter und ins Allge­mei­ne nach, dann ist Geld zuerst einmal eine ganz tolle Erfin­dung. Eine Erfin­dung, die den Handel und Austausch von Gütern ähnlich erleich­tert hat, wie die Erfin­dung des Rades den Trans­port. Geld
ist weiter­hin – im Normal­fall – der Lohn für eine einge­brach­te Leis­tung und der Anspruch auf eine gleich­wer­ti­ge Gegen­leis­tung. Und schließ­lich ist Geld in einem Wirt­schafts­raum zumeist das gesetz­lich einge­führ­te und allge­mein akzep­tier­te Zahlungs­mit­tel. Also jenes Medium, das man – orts- wie zeit­ver­setzt
– für belie­bi­ge Zahlungs­zwe­cke verwen­den und damit als ein Binde­glied zwischen auszu­tau­schen­den
Leis­tun­gen sehen kann.

Ähnlich wie die Maßstä­be für Längen und Gewich­te, ist Geld also ein univer­sa­ler Maßstab aller Werte und damit auch aller Preis­ge­stal­tun­gen. Ein Maßstab, mit dessen Hilfe man in unse­ren Tagen sämt­li­che Güter- und Leis­tun­gen mitein­an­der verglei­chen und verrech­nen kann und der ähnlich stabil sein sollte, wie die Maßstä­be für Längen oder Gewich­te. Und dieser Wert­maß­stab Geld ist deshalb als umlau­fen­des offi­zi­el­les Zahlungs­mit­tel sogar mit einem Annah­me­zwang für alle Wirt­schafts­teil­neh­mer verbun­den, die in dem jewei­li­gen Wirt­schafts­raum Leis­tun­gen einbrin­gen oder Waren zum Verkauf anbie­ten.

TAFTA Currencies mit Globus © Martin Bangemann 0

TAFTA – die große Unterwerfung – Lori Wallach

Über­tra­gung aus dem Engli­schen von Niels Kadritz­ke

Aufge­reg­te Poli­ti­ker von Berlin bis Brüs­sel sehen durch den NSA-Skan­dal das Trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­ab­kom­men in Gefahr. Über das, was in dem ange­streb­ten Vertrag stehen soll, reden sie nicht so gern. Ein Blick auf die ersten Blau­pau­sen lässt ahnen, was Euro­pas Bürger nicht zu früh erfah­ren sollen.

Bereits vor fünf­zehn Jahren versuch­ten Groß­un­ter­neh­men bei den Verhand­lun­gen über das Multi­la­te­ra­le Abkom­men über Inves­ti­tio­nen (MAI) ihre Macht heim­lich still und leise in unvor­stell­ba­rem Maße auszu­wei­ten. Damals schei­ter­te das Projekt am hart­nä­cki­gen Wider­stand der Öffent­lich­keit und der Parla­men­te. Damit wurde unter ande­rem verhin­dert, dass sich einzel­ne Konzer­ne densel­ben Rechts­sta­tus wie Natio­nal­staa­ten verschaf­fen konn­ten. Das hätte etwa bedeu­tet, dass Unter­neh­men eine Regie­rung verkla­gen können, „entgan­ge­ne Gewin­ne“ aus Steu­er­gel­dern auszu­glei­chen.

Jetzt aber kommen diese Pläne erneut auf den Tisch, und zwar in deut­lich verschärf­ter Fassung. Der offi­zi­el­le Name des neuen Projekts lautet „Trans-Atlan­tic Trade and Invest­ment Part­nership“, abge­kürzt TTIP. Dieses trans­at­lan­ti­sche Handels- und Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men soll, ähnlich wie früher das MAI, die Privi­le­gi­en von Konzer­nen und Inves­to­ren absi­chern und sogar noch auswei­ten. So wollen die EU und die USA ihre jewei­li­gen Stan­dards in „nicht handels­po­li­ti­schen“ Berei­chen verein­heit­li­chen. Diese ange­streb­te „Harmo­ni­sie­rung“ orien­tiert sich erwar­tungs­ge­mäß an den Inter­es­sen der Konzer­ne und Inves­to­ren. Werden deren Stan­dards nicht erfüllt, können zeit­lich unbe­grenz­te Handels­sank­tio­nen verhängt werden. Oder es werden gigan­ti­sche Entschä­di­gun­gen für die Unter­neh­men fällig.

Die Verhand­lun­gen über diese Art Staats­streich in Zeit­lu­pe haben im Juli dieses Jahres in Washing­ton begon­nen – mit der erklär­ten Absicht, in zwei Jahren ein Abkom­men zu unter­zeich­nen, das eine trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­zo­ne „Trans-Atlan­tic Free Trade Area“ (TAFTA) begrün­den wird. Das gesam­te TTIP-TAFTA-Projekt
gleicht dem Mons­ter aus einem Horror­film, das durch nichts totzu­krie­gen ist. Denn die Vortei­le, die eine solche „Wirt­schafts-NATO“ den Unter­neh­men bieten würde, wären bindend, dauer­haft und prak­tisch irrever­si­bel, weil jede einzel­ne Bestim­mung
nur mit Zustim­mung sämt­li­cher Unter­zeich­ner­staa­ten geän­dert werden kann.

Ist die deutsche Energiewende rentabel? – Wolfgang Berger 0

Ist die deutsche Energiewende rentabel? – Wolfgang Berger

Emnid hat ermit­telt, dass 84 Prozent der Deut­schen eine rasche und voll­stän­di­ge Ener­gie­ver­sor­gung mit erneu­er­ba­ren Ener­gi­en wünschen. Jeder Dritte würde sich an Erneu­er­ba­re-Ener­gi­en-Anla­gen in seiner Nähe finan­zi­ell betei­li­gen. Das sind über 20 Millio­nen poten­zi­el­le Inves­to­ren. Ist diese Präfe­renz ratio­nal oder ist es eine emotio­na­le Präfe­renz jenseits unter­neh­me­ri­schen Kalküls?

Die meis­ten Unter­neh­men berech­nen die Renta­bi­li­tät ihrer mögli­chen oder geplan­ten Inves­ti­tio­nen mit einer einfa­chen Rech­nung: Sie ermit­teln die zusätz­li­chen Ausga­ben, die bei einer Inves­ti­ti­on Jahr für Jahr notwen­dig werden und die zusätz­li­chen Einnah­men, die diese Inves­ti­ti­on Jahr für Jahr bringt. Die jähr­li­chen Salden dieser Zahlen­rei­he stehen für die Ertrags­kraft der Inves­ti­ti­on.

Nun können wir diese Salden aber nicht einfach addie­ren – wir müssen sie mit der Zeit gewich­ten. Eine Milli­on in diesem Jahr ist mehr als eine Milli­on im nächs­ten Jahr, denn wenn wir es gut anfan­gen, hat sich die eine Milli­on in diesem Jahr bis zum nächs­ten Jahr vermehrt. Wollen wir die Zahlen addie­ren, müssen sie zuvor vergleich­bar gemacht und auf den heuti­gen Tag abzinst werden. Diese „Kapi­tal­wert­me­tho­de“ ist der umge­kehr­te Rechen­vor­gang wie die Zins­be­rech­nung für die Zukunft, nur dass hier die Zahlen nicht größer, sondern klei­ner werden, je weiter das Jahr in der Zukunft liegt, auf das sie sich bezie­hen.

Wenn wir beim Abzin­sen mit zehn Prozent rech­nen, sind eine Milli­on Euro in einem Jahr heute 910.000 Euro wert, denn wenn ich heute 910.000 Euro mit zehn Prozent anlege, habe ich in einem Jahr eine Milli­on. Nicht weil die Zinsen heute zehn Prozent sind; sie sind nied­ri­ger. Aber Inves­ti­ti­ons­kre­di­te sind trotz­dem teuer und Über­zie­hungs­zin­sen sind auch bei einem Leit­zins­satz der Zentral­bank nahe Null weit über zehn Prozent.

Wenn wir mit zehn Prozent rech­nen, sind eine Milli­on Euro in zwei Jahren dann heute noch einmal zehn Prozent weni­ger wert, also 830.000 Euro. Und so können wir weiter rech­nen: Eine Milli­on Euro in zehn Jahren sind heute 390.000 Euro wert. Eine Milli­on Euro in 100 Jahren sind heute 700 Euro wert. Eine Milli­on Euro in 200 Jahren sind heute drei Euro wert und eine Milli­on Euro in 250 Jahren sind abge­zinst heute nur ganze vier Cent wert.

Weil die lang­fris­ti­gen Auswir­kun­gen so lächer­lich gering sind, brau­chen wir die Rech­nung nur für gut zehn
Jahre durch­zu­füh­ren. Was danach geschieht, wirkt sich auf das Ergeb­nis kaum noch aus. Was danach geschieht, beein­flusst die Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen also nicht mehr. In unse­rem gegen­wär­ti­gen destruk­ti­ven Geld­sys­tem erzwingt der Rendi­te­zwang deshalb die Zerstö­rung der Umwelt. Der Erhalt der Umwelt wirkt sich erst lang­fris­tig aus und ist deshalb nicht renta­bel. Eine Nach-uns-die-Sint­flut-Menta­li­tät erhöht den Börsen­wert des Unter­neh­mens (Share­hol­der Value) und ist deshalb die logi­sche Konse­quenz.
In Zeiten nied­ri­ger Zinsen wach­sen die großen Vermö­gen über Aktien und die Speku­la­ti­on mit Deri­va­ten.
Nied­ri­ge Zinsen verlei­hen Deri­va­ten eine Hebel­wir­kung, mit der sie fast die ganze Welt aufkau­fen können.

Bei flie­ßen­dem Geld pendelt der effek­tiv gezahl­te Markt­zins um Null; zusätz­li­che Einnah­men und Ausga­ben von Inves­ti­tio­nen werden deshalb nicht mehr abge­zinst. Damit wird es renta­bel, die Umwelt zu erhal­ten. In einem solchen Geld­sys­tem werden die Märkte deshalb Nach­hal­tig­keit und dauer­haft halt­ba­re Güter erzwin­gen.

Die Mehrheit in Deutschland profitiert nicht vom Euro – Felix Fuders 0

Die Mehrheit in Deutschland profitiert nicht vom Euro – Felix Fuders

Immer häufi­ger ließt man in Kommen­ta­ren der inter­na­tio­na­len Presse, dass Deutsch­land mit seinen enor­men Handels­bi­lanz­über­schüs­sen, die zuletzt sogar größer waren als dieje­ni­gen Chinas, Schuld sei an der defi­zi­tä­ren Handels­bi­lanz der südli­chen Länder Euro­pas. In einem Arti­kel in der New York Times[1] beschwer­te sich Ökono­mie Nobel­preis­trä­ger Paul Krug­man kürz­lich beispiels­wei­se über die seiner Meinung nach „depres­sing Germans“[2]. Der Tenor des Arti­kels ist, dass Deutsch­land durch eine expan­si­ve Geld- und Fiskal­po­li­tik eigen­nüt­zig hohe Export­über­schüs­se auf Kosten der euro­päi­schen Nach­barn erzie­le und damit sogar auch die Stabi­li­tät der Welt­wirt­schaft gefähr­de. Da Export­über­schüs­se eines Landes immer eine nega­ti­ve Handels­bi­lanz in einem ande­ren Land erzeu­gen müssen[3], sei Deutsch­land mitver­ant­wort­lich für
die hohe Arbeits­lo­sig­keit etwa in Spani­en. Deutsch­land solle Maßnah­men tref­fen, den Export­über­schuss zu verrin­gern. Tatsäch­lich haben die Handels­bi­lanz­un­gleich­ge­wich­te in Europa nur wenig mit der Wirt­schafts- und Außen­han­dels­po­li­tik Deutsch­lands, sondern viel­mehr mit dem Euro zu tun. Das soll im Folgen­den erklärt werden. Anschlie­ßend wir darauf einge­gan­gen werden, dass der Euro im Übri­gen auch nicht gut ist für die Mehr­heit der Deut­schen, da er einen indi­rek­ten Wohl­stands­trans­fer der Haus­hal­te der produk­ti­ve­ren hin zu
den Haus­hal­ten der weni­ger produk­ti­ven Ländern der Euro­zo­ne darstellt.

[1] Paul Krug­man, Those depres­sing Germans, in: Inter­na­tio­nal New York Times, v. 5. 11. 2013
[2[ Es sei ange­merkt, dass Alfred Nobel niemals einen Preis im Fach­ge­biet Ökono­mie vorge­schla­gen hatte, es folg­lich also keinen „Nobel­preis für Ökono­mie“ gibt. Der so genann­te „Nobel­preis für Ökono­mie“ ist ein von der schwe­di­schen Natio­nal­bank heraus­ge­ge­be­ner Preis für heraus­ra­gen­de wissen­schaft­li­che Leis­tun­gen im Fach­ge­biet Ökono­mie, der in Ange­den­ken Alfred Nobels verlie­hen wird
[3[ Vgl. etwa Karl- Heinz Moritz, Georg Stadt­mann, Mone­tä­re Außen­wirt­schaft, 2. Aufl. München 2011, S. 15

Die vierte Ohnmacht- Jens Brehl im Interview mit dem Autor Dirk C. Fleck 0

Die vierte Ohnmacht- Jens Brehl im Interview mit dem Autor Dirk C. Fleck

Jour­na­lis­ten genie­ßen zuneh­mend einen schlech­ten Ruf, gelten gar als korrupt und viele Menschen wenden sich enttäuscht über den ober­fläch­li­chen Einheits­brei von etablier­ten Medien ab. Zu recht findet Dirk C. Fleck. Der heute 70jährige „Vater des Ökothril­lers“ schrieb unter ande­rem für namhaf­te Blät­ter wie die „Hambur­ger Morgen­post“, „Die Welt“, „Stern“, „Spie­gel“ und viele mehr. Schon lange würden Medien nicht mehr als Wäch­ter der Demo­kra­tie fungie­ren; es zähle allein die Höhe der verkauf­ten Aufla­gen und Einschalt­quo­ten. Für sein Buch „Die vierte Macht“ sprach er mit 25 Spit­zen­jour­na­lis­ten über ihre Verant­wor­tung in Krisen­zei­ten. Die Zukunft der Medien sieht Fleck aller­dings schwarz.

Jens Brehl: „Warum haben Sie den Beruf des Jour­na­lis­ten ergrif­fen?“

dirk C. Fleck: „Den Berufs­wunsch hatte ich bereits im Alter von 14 Jahren. Im Grunde war ich kein heraus­ra­gen­der Schü­ler, bis ich mein Talent für das Schrei­ben entdeck­te. Plötz­lich erhielt ich zum ersten Mal gute Noten für meine Schul­ar­bei­ten. Dadurch hatte ich endlich meinen Zugang zu den Lehr­in­hal­ten und meiner Krea­ti­vi­tät gefun­den.

Meine Eltern hatten ‚Die Welt‘ abon­niert. Damals war das noch eine links-libe­ra­le Zeitung, was man sich heute gar nicht mehr vorstel­len kann. Jeden­falls waren für mich die Jour­na­lis­ten, die für ‚Die Welt‘ schrie­ben, Helden, denen ich gerne nach­ei­fern wollte. Als ich dann für meine Schule eine Jahres­ar­beit über die Zeitung schrieb, konnte ich die Redak­ti­on besu­chen. Ich bin fast vor Ehrfurcht gestor­ben, als ich die Namens­schil­der meiner Helden auf den diver­sen Türen gese­hen habe. Mein beruf­li­ches Ziel stand danach
endgül­tig fest. Nach meiner Buch­händ­ler­leh­re und dem Ersatz­dienst studier­te ich an der Deut­schen Jour­na­lis­ten­schu­le in München. Da es damals die einzi­ge Jour­na­lis­ten­schu­le in Deutsch­land war, gab es einen entspre­chend großen Andrang. Im Vorfeld muss­ten alle 2.000 Bewer­ber eine Repor­ta­ge einrei­chen. Ledig­lich 40 Anwär­ter wurden zur münd­li­chen Prüfung einge­la­den, doch nur für 20 gab es einen Studi­en­platz. Einer davon war dann ich. “

Entlarvte Pseudo-Demokratie – Wilhelm Schmülling 0

Entlarvte Pseudo-Demokratie – Wilhelm Schmülling

Da sage noch einer, mehr Demo­kra­tie sei nicht möglich. Jetzt wurde sogar das Ergeb­nis des mühsam ausge­han­del­ten Koali­ti­ons­ver­trags den SPD-Mitglie­dern zur Abstim­mung vorge­legt. Welch ein Fort­schritt, so scheint es auf den ersten Blick. In Wirk­lich­keit war es der Versuch, eine im Wahl­kampf fest­ge­leg­te Aussa­ge zu umge­hen und den Mitglie­dern die davon abwei­chen­den Ergeb­nis­se der Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen schmack­haft zu machen. Schließ­lich wurden einige sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Forde­run­gen von der CDU über­nom­men, die Balsam für die sozia­le Seele beider Partei­en sind. Reichen die Beschlüs­se für eine ange­streb­te umfas­sen­de sozia­le Gerech­tig­keit? Wohl kaum.

Warum dieser nichts­nut­zi­ge Streit, ob die SPD mit der Mitglie­der­be­fra­gung zur großen Koali­ti­on die Verfas­sung bricht oder nicht. Auf jeden Fall war es eine Gele­gen­heit mehr Basis­de­mo­kra­tie zu wagen. Wenn man die gerin­ge Anzahl an Versamm­lungs­be­su­chern auf Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen der CDU zum Koali­ti­ons­ver­trag sieht, hat die CDU keinen Anlass zu über­heb­li­cher Kritik.

Das ist eben das Dilem­ma, in einer auf Kapi­tal­ertrag ausge­rich­te­ten Wirt­schafts­ord­nung die system­be­ding­te
Unge­rech­tig­keit produ­ziert sozia­le Gerech­tig­keit zu errei­chen. Das bleibt ein nicht zu lösen­des Problem. Denn Kapi­ta­lis­mus und Markt­wirt­schaft vertra­gen sich nicht, sind sogar krasse Gegen­sät­ze. Die stän­di­ge Gleich­set­zung beider in den Medien ist gewollt. Wer kann schon etwas gegen Markt­wirt­schaft einwen­den? Wer es doch tut, will die Plan­wirt­schaft, unter­stellt man. Und so werden von den Meinungs­bild­nern flugs die „Märkte“, die Kapi­tal­märk­te genann­te werden müss­ten, als Markt­wirt­schaft ausge­ge­ben. Und die Bezeich­nung „Finanz­in­dus­trie“ ist eben­falls ein Mogel­wort. Dort wird nichts produ­ziert, nur speku­liert.

Auf den Märk­ten der Real­wirt­schaft werden Waren und Dienst­leis­tun­gen der arbei­ten­den Menschen getauscht.
Würde auf den Märk­ten dieser Leis­tungs­trä­ger das Geld ausschließ­lich als Tausch­mit­tel einge­setzt und nicht
ein Teil an das Kapi­tal abge­zweigt werden, gäbe es kein Eigen­tum ohne Arbeit. Denn Eigen­tum kommt von eige­nem Tun. Die deut­sche Spra­che hat viele zutref­fen­de Ausdrü­cke, auch für Ökono­men. Auf den angeb­li­chen
Finanz­märk­ten werden ange­eig­ne­te Leis­tun­gen ande­rer Menschen für möglichst hohe Profi­te einge­setzt. Die
heute unter­schied­li­chen Ziel­rich­tun­gen der Märkte, die einen produ­zie­ren Waren, die ande­ren Profi­te, sind
das Grund­übel unse­rer Zeit.

Wisst Ihr denn, wohin Ihr wollt? – Siegfried Wendt 0

Wisst Ihr denn, wohin Ihr wollt? – Siegfried Wendt

1. Der Wunsch der Eltern

Meine Erin­ne­rung reicht zurück bis in die letz­ten Jahre des Zwei­ten Welt­kriegs. Da kannte ich viele Leute, die sagten: „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir.“ Sie hatten tatsäch­lich allen
Grund, dies zu wünschen in Anbe­tracht ihrer gefal­le­nen Verwand­ten und Freun­de, der zerbomb­ten Städte und der Versor­gungs­pro­ble­me hinsicht­lich der elemen­ta­ren Bedürf­nis­se – Nahrung, Klei­dung, Wohnung. Sie wünsch­ten sich eine radi­ka­le Ände­rung der Lebens­ver­hält­nis­se in Deutsch­land. Die anzu­stre­ben­de
Ziel­si­tua­ti­on sollte derart sein, dass möglichst niemand mehr Anlass haben sollte zu dem Wunsch: „Unsere
Kinder sollen es einmal besser haben als wir.“ Wenn man die Leute damals gebe­ten hätte, die gewünsch­te Ziel­si­tua­ti­on ein wenig zu konkre­ti­sie­ren, wäre sehr schnell deut­lich gewor­den, dass der Wunsch zwei klar unter­scheid­ba­re Ziele umfass­te. Das eine Ziel fand von Anfang an seinen Ausdruck in der bekann­ten
Forde­rung „Nie wieder Krieg!“, woge­gen das andere Ziel erst etwas später von Ludwig Ehrhard in die grif­fi­ge Formel „Wohl­stand für alle!“ gepackt wurde. Ich gehöre zu den glück­li­chen Kindern, für
die beide Teile des dama­li­gen Wunsches ihrer Eltern tatsäch­lich in Erfül­lung gegan­gen sind. Seit dem Zwei­ten Welt­krieg hat es in Deutsch­land keinen Krieg mehr gege­ben, und es sieht auch nicht so aus,
als ob ich in der mir verblei­ben­den Lebens­zeit noch mit einem solchen Krieg rech­nen müsste. Auch was den Wohl­stand angeht, ist der Wunsch für mich selbst und viele meiner Verwand­ten und Freun­de in Erfül­lung gegan­gen. Ich meine aber, dass wir das Ziel „Wohl­stand für alle“ nicht nur nicht erreicht haben, sondern
aktu­ell dabei sind, uns wieder weiter von diesem Ziel zu entfer­nen.

2. Die Frage nach dem Ziel­zu­stand

Zustän­de, in denen ein System ewig verblei­ben könnte, obwohl noch dyna­mi­sche Vorgän­ge statt­fin­den, werden
statio­nä­re Zustän­de genannt. Schon in der Bibel (1. Mose 8, Vers 22) wird – obwohl dort natür­lich die Bezeich­nung „statio­nä­rer Zustand“ nicht vorkommt – ein solcher Zustand beschrie­ben: „Solan­ge die Erde steht, soll nicht aufhö­ren Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Ohne Zwei­fel befin­det sich unser Wirt­schafts­sys­tem zur Zeit nicht in einem statio­nä­ren Zustand. Vermut­lich war
die Geschwin­dig­keit der Ände­run­gen im Wirt­schafts­sys­tem noch nie so hoch wie jetzt. Es wird auch von Poli­ti­kern und Wirt­schafts­fach­leu­ten immer wieder betont, dass das beson­ders Posi­ti­ve am aktu­el­len Zustand darin bestehe, dass er in hohem Maße dyna­misch sei. Zur Bestä­ti­gung ihres Urteils verwei­sen sie manch­mal auf das Sprich­wort „Wer rastet, der rostet.“ Und sie meinen, um dem Rosten zu entge­hen, müsse man immer schnel­ler rennen. Ich bin dage­gen über­zeugt, dass wir uns fragen soll­ten, wohin die Reise gehen soll, d. h. ob wir nicht doch einen statio­nä­ren Ziel­zu­stand charak­te­ri­sie­ren können, den fast alle Mitbür­ger posi­tiv beur­tei­len würden. Selbst­ver­ständ­lich kann dieser Ziel­zu­stand kein endgül­ti­ger sein, denn jede „revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­idee“ würde zwangs­läu­fig zum Verlas­sen dieses Zustands führen. Beispie­le für revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­ide­en sind die Erfin­dung des Buch­drucks oder der Dampf­ma­schi­ne, und in neue­rer Zeit die viel­fäl­ti­gen Ideen zur Nutzung der natur­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se in der Physik und der Chemie. Ohne diese Erkennt­nis­se gäbe es keine Autos, kein elek­tri­sches Licht, keine Roll­trep­pen, keine Compu­ter, kein Inter­net und keine draht­lo­se Kommu­ni­ka­ti­on. Aus der Tatsa­che, dass in den letz­ten zwei­hun­dert Jahren in immer kürze­ren Abstän­den revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­ide­en gebo­ren wurden, glau­ben manche Wirt­schafts­pro­phe­ten schlie­ßen zu dürfen, dass sich die zeit­li­chen Abstän­de zwischen solchen Ereig­nis­sen auch weiter­hin verkür­zen werden. Da revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­ide­en aber häufig ihren Ursprung
in über­ra­schen­den natur­wis­sen­schaft­li­chen Entde­ckun­gen haben, sehe ich eine Analo­gie zwischen dem Feld dieser Ideen und einem Erdöl­feld: Lange bleibt es unent­deckt, dann wird es immer schnel­ler ausge­beu­tet und
schließ­lich ist es leer gepumpt. Deshalb halte ich es durch­aus für sinn­voll, darüber nach­zu­den­ken, welchen Zustand unse­res Wirt­schafts­sys­tems wir uns denn wünschen soll­ten unter der Annah­me, dass in den kommen­den
Jahr­zehn­ten keine revo­lu­tio­nä­ren Inno­va­ti­ons­ide­en mehr vom Himmel fallen.

Hamburger Gedanken – Stefan Pinkert 0

Hamburger Gedanken – Stefan Pinkert

Eine ganz persön­li­che Buch­be­spre­chung.

Der ICE ist fast pünkt­lich, dies­mal, auf meiner Reise von Frank­furt nach Hamburg. Im Abteil neben mir ein junger Mann, Student offen­sicht­lich, nicht unfreund­lich. Hat die ganze Fahrt über seinen Laptop in Betrieb, stun­den­lang mit Compu­ter­spie­len. Scheint sich ablen­ken zu müssen; von was eigent­lich, würde ich ihn am liebs­ten fragen.

Gedan­ken kommen und gehen: wach sein, hier sein, unsere Reali­tät sehen, sehen was wirk­lich um uns herum ist… scheint nicht mehr in Mode zu sein bei vielen jungen Leuten. Wie anders war es doch noch in meiner Genera­ti­on, der 68er.

Ich begin­ne mit meiner Reis­e­lek­tü­re: „Profit­wahn“ – Warum sich eine menschen­ge­rech­te Wirt­schaft lohnt‑, von Chris­ti­an Kreiß, einem Wirt­schafts­pro­fes­sor mitt­le­ren Alters. Im Bild auf dem Klap­pen­text mit wachen Augen, die etwas verwun­dert drein schau­en. Hätten wir doch alle tatsäch­lich Grund uns sehr zu wundern, denke ich.

Wie ist es möglich, fragt der Autor, dass wir offen­sicht­lich in einer Art kollek­ti­ver Trance die falschen Grund­an­nah­men unse­rer gängi­gen Wirt­schafts­theo­ri­en nicht wahr­neh­men? Wie war es möglich, denke ich, schon beim Lesen der ersten Seiten, dass damals im drit­ten Reich ein ganzes Volk dem Rassen­wahn verfiel mit den dann schier unglaub­li­chen Folgen? Kreiß versucht immer wieder im Zusam­men­hang mit der neoli­be­ra­len Wirt­schafts­dok­trin eine Antwort auf diese Kern­fra­ge zu geben. Er ist Fach­mann, Insi­der, hoch­kom­pe­tent, scheint mir, und er hat Mut. Braucht es Mut aus kollek­ti­ven Tran­cen aufzu­wa­chen? Ja, und – man muss es wollen.

Der Autor hat profun­de Geschichts­kennt­nis­se, verknüpft aktu­el­le Zusam­men­hän­ge damit, er versucht ein
ganz­heit­li­ches Bild unse­rer derzei­ti­gen Wirt­schafts­kri­se zu vermit­teln. Plötz­lich erge­ben die Zusam­men­hän­ge ein verblüf­fend einleuch­ten­des und logisch stim­mi­ges Bild: nur eine gerech­te Wirt­schaft, so Kreiß, kann auf Dauer bestehen. Das lehrt eindrück­lich die jünge­re Geschich­te!

Mir gegen­über im Zug sitzt eine junge Dame mit einem frischen, offe­nen Gesicht, auch sie stun­den­lang am Laptop. Ich erfah­re später, sie schrei­be ihre Master­ar­beit nach elf Semes­tern Psycho­lo­gie­stu­di­um. Man merkt, sie ist ganz absor­biert davon, wohl auch genervt vom vielen kompli­zier­ten Denken. Ihr Enga­ge­ment, ande­ren Menschen zu helfen, nehme ich ihr sofort ab, sie wirkt sehr sympa­thisch.

Ein Satz fällt mir ein, von einem indi­schen
Weisen: Es sei kein Zeichen
geis­ti­ger Gesund­heit sich (und andere)
an eine kranke Gesell­schaft anzu­pas­sen.
Kann ich der jungen Psycho­lo­gie­stu­den­tin
so etwas sagen?

Aus der Logik des Verdrängungswettbewerbs heraushalten – Michael Beleites 0

Aus der Logik des Verdrängungswettbewerbs heraushalten – Michael Beleites

Die bäuer­li­che Lebens­form besteht aus einem Zusam­men­hang von Erwerbs­ar­beit, Eigen­ar­beit, gemein­nüt­zi­ger Arbeit und Erho­lung in einem selbst gestalt­ba­ren Lebens­um­feld. Mit diesem bäuer­li­chen Prin­zip wird der Zusam­men­hang von Wohn- und Arbeits­ort, die Verein­bar­keit von Fami­lie und Beruf, der Zusam­men­halt der Genera­tio­nen, ein hohes Selbst­ver­sor­gungs-Poten­zi­al sowie eine zeit­lich und räum­lich über den Hofall­tag hinaus­rei­chen­de Verant­wor­tung gewähr­leis­tet. Es ist ein Lebens- und Arbeits­mo­dell, das indi­vi­du­el­le
Frei­heit mit einer Begren­zung und Einord­nung in die Natur­zu­sam­men­hän­ge einer endli­chen Welt orga­nisch
verbin­det.

Diese für die Bauern­fa­mi­li­en wie für die Gesell­schaft glei­cher­ma­ßen nütz­li­che und förder­li­che Lebens- und Arbeits­form wird heute erstickt: Wo außer Geld keine ande­ren Werte zählen, wird allein der Sektor der Erwerbs­ar­beit hono­riert – und in den Wett­be­werb gestellt. Das Wett­be­werbs- System führt zwangs­läu­fig dazu, dass dieje­ni­gen gewin­nen, bei denen der Bereich der Erwerbs­ar­beit nahezu 100 % ausmacht, also die ande­ren
Arbeits- und Lebens­be­rei­che weit­ge­hend erdrückt. Je mehr ein Betrieb den Aspekt der Erwerbs­ar­beit zurück­fährt, um den ande­ren Berei­chen Raum zu geben, desto eher wird er zum Verlie­rer in diesem System. Wer mit viel Fläche und weni­gen Arbeits­kräf­ten wirt­schaf­tet, wer viele Tiere auf engem Raum hält, wer auf Kosten der Natur, des Grund­was­sers und der Quali­tät seiner Produk­te die Erträ­ge stei­gert, wer wegen der Flächen­sub­ven­tio­nen die Neuein­rich­tung klei­ner Betrie­be blockiert – verhält sich system­kon­form, ist
aber nicht Urhe­ber dieser Verhält­nis­se.

In den oppo­si­tio­nel­len Grup­pen in der DDR der 80er Jahre habe ich gelernt, dass es nichts bringt, dieje­ni­gen zu kriti­sie­ren, die sich system­kon­form verhal­ten – wenn man nicht das System selber zur Debat­te stellt. Nun ist die heuti­ge Situa­ti­on eine andere als damals. Aber auch heute müssen wir damit rech­nen, dass sich viele Menschen so oder so verhal­ten, weil sie Teil eines gesell­schaft­li­chen Systems sind – und nicht, weil sie sich das in völli­ger Entschei­dungs­frei­heit selbst ausge­dacht haben. Mit dem heuti­gen System meine ich nicht allein die derzei­ti­ge Agrar­po­li­tik, die nur ein Teil davon ist. Ich meine insbe­son­de­re die aus einer falsch verstan­de­nen Biolo­gie (Selek­ti­ons­leh­re) in die Ökono­mie über­tra­ge­ne
und von dort aus in alle Gesell­schafts­be­rei­che einge­drun­ge­ne Wett­be­werbs- Logik. Im Ideal­fall ist eine Gesell­schaft nämlich wie ein Orga­nis­mus verfasst, dessen „Organe“ zum gegen­sei­ti­gen Vorteil und zum Wohle des Ganzen zusam­men­ar­bei­ten – und nicht danach trach­ten, sich gegen­sei­tig zu verdrän­gen.

Wohlstand ohne Zinsen – Bernhard von Sydow 1

Wohlstand ohne Zinsen – Bernhard von Sydow

Auf der Univer­si­tät wird gelehrt, dass die Zinsen eine Beloh­nung für den Konsum­ver­zicht eines Menschen sind. Diese Begrün­dung ist auf den ersten Blick abso­lut verständ­lich und plau­si­bel. Dass dage­gen das Chris­ten­tum in seiner ursprüng­li­chen Lehre – wie andere große Reli­gio­nen auch – es ablehnt, dass die Menschen Zinsen für ihr verlie­he­nes Geld nehmen, wird von den meis­ten verdrängt, sofern dieses Gebot ihnen über­haupt bekannt ist. Zudem leben wir schon seit Jahr­hun­der­ten mit der Vorstel­lung, für unser Geld Zinsen zu bekom­men. Daher können wir uns eine opti­ma­le Volks­wirt­schaft ohne Zinsen über­haupt nicht mehr vorstel­len. Darüber hinaus wird die Metho­de, eine Gebühr für aufbe­wahr­tes Geld (Liege­ge­bühr) zu erhe­ben, ohne­hin für völlig absurd gehal­ten.

Doch die Reali­tät sieht anders aus. Bernard A. Lieta­er beschreibt in seinem Buch „Myste­ri­um Geld“ zwei Epochen, in denen eine Markt­wirt­schaft ohne Zinsen und mit einer Anti-Hortungs­ge­bühr zu einem „außer­ge­wöhn­li­chen Wohl­stand“ der gesam­ten Bevöl­ke­rung geführt hat, nicht nur einer bestimm­ten Schicht: Einmal eine Epoche im alten Ägyp­ten und dann die Zeit des Hoch­mit­tel­al­ters, also etwa vom 10. bis 13. Jahr­hun­dert.

Zwar unter­schie­den sich die Moda­li­tä­ten, unter denen die Gebüh­ren auf das Geld erho­ben wurden, in den beiden Zeit­al­tern. In Ägyp­ten war das System der Liege­ge­büh­ren auf gepark­tes Geld „höher entwi­ckelt als das mittel­al­ter­li­che“. Doch trotz der unter­schied­li­chen Mittel fielen die Resul­ta­te in Ägyp­ten und im Hoch­mit­tel­al­ter „uner­war­tet ähnlich“ aus. Das Geld war zwangs­läu­fig „nur“ Tausch­mit­tel und kein
Wert­ge­gen­stand, der dazu anreizt, es zu horten. Es war wesent­lich sinn­vol­ler, Erspar­nis­se in Form von Produk­ti­ons­gü­tern anzu­le­gen, die lange Bestand hatten, als in Form von Geld. Es gab keine Speku­lan­ten, die auf Kosten einer verarm­ten Bevöl­ke­rung immer reicher wurden. Das Geld blieb dort, wo es gebraucht wurde. Die Umlauf­ge­schwin­dig­keit des Geldes blieb also hoch. Das Geld wurde nicht zuneh­mend knap­per.

Im alten Ägyp­ten dauer­te diese Epoche einer intak­ten Volks­wirt­schaft wesent­lich länger als dieje­ni­ge im Mittel­al­ter. Man schätzt diese Zeit auf immer­hin 1.500 Jahre. Das alte Ägyp­ten mit seinen hohen Getrei­de­er­trä­gen wird ja bekannt­lich als die „Korn­kam­mer der Antike“ bezeich­net. Diese Zeit des Wohl­stan­des und des Reich­tums endete allmäh­lich durch den grie­chi­schen Einfluss, der sich dort ausbrei­te­te. Später ersetz­ten die Römer das dorti­ge Währungs­sys­tem „durch ihr eige­nes mone­tä­res System“, das sich eben­falls nega­tiv auf die Volks­wirt­schaft auswirk­te.

Im Hoch­mit­tel­al­ter war die Phase wirt­schaft­li­cher Expan­si­on von einer star­ken Zunah­me der Bevöl­ke­rung beglei­tet. Zwischen etwa den Jahren 1.000 und 1.300 verdop­pel­te sie sich im euro­päi­schen Raum von ca. fünf auf zehn Millio­nen Menschen. Die Boden­er­trä­ge stie­gen. Im Gewer­be kam es zu einer weite­ren Spezia­li­sie­rung und Arbeits­tei­lung. Es bilde­te sich ein Markt für agra­ri­sche und gewerb­li­che Produk­te.

In dieser Zeit entstan­den auch die meis­ten der berühm­ten und präch­ti­gen Kathe­dra­len. Sie gehör­ten – auch
das ist wenig bekannt – weder der Kirche noch den Fürs­ten, sondern dem einfa­chen Volk, meist den Bürgern der Stadt, in der sie erbaut worden waren. Sie wurden auch von diesen finan­ziert. Die Kirche besaß selbst­ver­ständ­lich ihre „privi­le­gier­ten Zeiten“, in denen die Gottes­diens­te statt­fan­den, sowie ihren „privi­le­gier­ten Raum“ (den Chor um den Altar).

B. A. Lieta­er verdeut­licht in folgen­der Schil­de­rung aus dem norma­len Leben die dama­li­ge Situa­ti­on sehr anschau­lich:

„Natür­lich gibt es für die dama­li­ge Zeit keine ‚Statis­tik‘ in unse­rem heuti­gen Sinne… Dennoch besit­zen wir aussa­ge­kräf­ti­ge Quel­len. So berich­tet beispiels­wei­se Johann Butz­bach in seiner Chro­nik: ‚Die gemei­nen Leute hatten selten weni­ger als vier Gänge bei der Mittags­und Abend­mahl­zeit. Sie aßen Getrei­de und Fleisch, Eier, Käse und Milch zum Früh­stück, und um 10 Uhr morgens und noch einmal um vier Uhr nach­mit­tags
eine leich­te Mahl­zeit.‘ Der Histo­ri­ker Fritz Schwartz brach­te die Verhält­nis­se auf den Punkt: ‚Kein Unter­schied zwischen Bauern­haus und Schloß.‘

Für die Gesel­len war der soge­nann­te blaue Montag frei. Während der Sonn­tag als der ‚Tag des Herrn‘ galt, an dem man sich um öffent­li­che Ange­le­gen­hei­ten kümmer­te, war der Montag der Tag, an dem die Menschen Zeit für ihre Privat­an­ge­le­gen­hei­ten hatten, Zusätz­lich gab es mindes­tens 90 offi­zi­el­le Feier­ta­ge im Jahr! Daher arbei­te­te ein Gesel­le im Durch­schnitt nicht mehr als vier Tage in der Woche. Außer­dem war auch die Zahl der Arbeits­stun­den pro Tag begrenzt. Als die Herzö­ge von Sach­sen die Arbeits­stun­den von sechs auf acht
Stun­den am Tag ausdeh­nen woll­ten, revol­tier­te das Volk. Die Herzö­ge muss­ten ihre Unter­ta­nen zudem ermah­nen, dass ‚Arbei­ter nur vier Gänge bei jeder Mahl­zeit‘ erhal­ten soll­ten.

Die Bauern, die als nied­rigs­ter Stand galten ‚trugen Silber­knöp­fe an Weste und Mantel, meist in Doppel­rei­hen, und verwen­de­ten silber­ne Schnal­len und Verzie­run­gen für ihre Schuhe‘. Sozia­le
Unter­schie­de zwischen hohem und nied­ri­gem Stand, Adel und Bauern, waren deut­lich geschrumpft.“

Die ganze Welt ist ein Theater – Andreas Bangemann 0

Die ganze Welt ist ein Theater – Andreas Bangemann

Gleich­zei­tig Zuschau­er sein und Teil des Gesche­hens. Im Thea­ter ist das seit Jahr­hun­der­ten erleb­bar.
Die ganze Welt ist Bühne
und alle Frauen und Männer bloße Spie­ler.
Sie treten auf und gehen wieder ab,
sein Leben lang spielt einer manche Rollen,
durch sieben Akte hin.
(William Shake­speare, Wie es euch gefällt, II/7, 140–144)

Thea­ter spie­len wurde in London als eine Art „Wunder­waf­fe“ erkannt, weil sich durch diese Kunst­form Poli­tik machen ließ. Köni­gin Elisa­beth I. (sie regier­te von 1558–1603) wusste das für ihre Zwecke zu nutzen und trug mit dazu bei, dass das engli­sche Volk ins Schau­spiel­haus ström­te und in England Thea­ter von Welt­rang gemacht wurde. Einer, der wie kein ande­rer Stücke auf die Bühne zu zaubern verstand, war zwei­fel­los William Shake­speare. Doch ausge­rech­net ihm wird auch nach­ge­sagt, dass er gar nicht der Urhe­ber der ihm zuge­schrie­be­nen Bühnen­wer­ke war. Als wahrer Autor wird am häufigs­ten Sir Fran­cis Bacon, der angeb­li­che, erst­ge­bo­re­ne aber nicht aner­kann­te Sohn Elisa­beths I. genannt. Welche Ironie des Schau­spiels! Von Haus aus Wissen­schaft­ler konnte Bacon die Intel­lek­tu­el­len auf der Verstan­des­ebe­ne über­zeu­gen. Eines seiner weite­ren Talen­te bestand demnach im Verfas­sen von Thea­ter­stü­cken, mit Hilfe derer auch die mensch­li­che Gefühls­ebe­ne ange­spro­chen wurde. Und eine solche Gabe lässt sich bis zum heuti­gen Tage nutzen, um Geschich­ten zu erzäh­len, welche Menschen hören wollen. Geschich­ten, mit denen man die Alltags­sor­gen, die klei­nen wie die großen, hinter sich lassen kann.

Fast kommt es einem vor, als würde die Geschich­te vom „guten Kapi­ta­lis­mus“ bereits Jahr­hun­der­te lang erzählt. Und selbst in seiner milli­ons­ten Varia­ti­on strö­men die Massen noch immer in das Thea­ter der Exper­ten, um bei diesem uralten Stück dabei zu sein.

Das Thea­ter von heute sind die unend­lich vielen Fern­seh­sen­der. Mich macht es zuneh­mend sprach­los, wenn ich erlebe, wie sich in den Talk­show­ses­seln vermeint­li­che Auto­ri­tä­ten mit Worten äußern, deren Sinn eigent­lich dazu geeig­net wäre, die „alte Geschich­te“ in Frage zu stel­len und die Forde­rung nach einer neuen damit zu verbin­den. Jedoch, erkenn­bar gefähr­li­che Entwick­lun­gen werden indi­vi­du­el­len Fehl­leis­tun­gen zuge­schrie­ben, und als eine mensch­li­che Entglei­sung darge­stellt, die nicht den Wahr­heits­ge­halt der alten Geschich­te gefähr­det. Diese wird munter weiter­erzählt. Von allen, gleich welchen poli­ti­schen Lagern sie ange­hö­ren. Niemand stellt grund­sätz­lich in Frage, sondern erzählt nur eine weite­re Varia­ti­on der alten Geschich­te. Mir scheint, als seien wir vermit­tels Spra­che
kaum noch in der Lage, das Gesche­hen­de wieder­zu­ge­ben. Offen­bar müssen wir erle­ben, um wahr­zu­neh­men. Wie kann dieses Erle­ben ausse­hen, damit es uns wach­rüt­telt? Gibt es da etwas ande­res als Bege­ben­hei­ten, die wir uns besser nicht ausma­len wollen? Dinge wie Nahrungs­mit­tel­knapp­heit, Gewalt, Kriege usw.

Zu allen Zeiten spiel­ten ökono­mi­sche Belan­ge und Inter­es­sen die Haupt­rol­le. Selbst die seich­tes­ten Stücke des tägli­chen Thea­ters haben mit Geld zu tun. Wirt­schaf­ten bedeu­tet in Bezie­hung stehen. Weil wir Menschen nur in Gemein­schaft fort­be­stehen können, ist die Art, wie wir mitein­an­der umge­hen eine der wesent­lichs­ten Voraus­set­zun­gen für das Über­le­ben unse­rer Spezi­es. Als solche sind wir Teil allen Lebens auf der Erde und auch Teil des unend­li­chen Univer­sums. Mitt­ler­wei­le spüren die aller­meis­ten, wie stark sich jegli­ches Handeln der „alten Geschich­te“ des kapi­ta­lis­ti­schen Denkens anpasst. Die Beschaf­fen­heit des Geld­we­sens bestimmt unsere Denk­wei­se. Es wird Zeit, das zu erken­nen.

Wir sind Akteu­re und Zuschau­er zugleich. Wir sind Teil eines Ganzen, dessen Schick­sal auch unser Schick­sal ist. Nichts, was wir tun – aber auch nichts, was wir nicht tun – bleibt ohne Folgen für uns selbst.

Als Leser der HUMANEN WIRTSCHAFT sind Sie Teil des Wider­stands. Aber auch die Verkör­pe­rung des Neuen. Im „Thea­ter des Lebens“ sind wir die Stören­frie­de. Im Bemü­hen um eine klare Spra­che hinsicht­lich aller Fragen zum Geld und seinen Wirkun­gen hat sich kaum einer so verdient gemacht, wie unser Autor Helmut Creutz.

Im Bemü­hen um die Einbet­tung des Wirt­schafts­sys­tems in den großen Zusam­men­hang allen Seins schickt sich derzeit Charles Eisen­stein aus den USA an, die Augen zu öffnen. Es macht Freude, ihm zuzu­hö­ren, denn einer, wie er hat uns noch gefehlt. Einer der die Verstan­des­welt ratio­na­ler Fakten in ein Gesamt­bild über­führt, das auch „gefühlt“ werden kann. Vieles von dem, worüber er philo­so­phiert lässt sich mit jener nüch­ter­nen Logik errei­chen, die unsere Reform­vor­schlä­ge zur Geld- und Boden­ord­nung prägen. Logik und Gefühl – wir sind nicht umsonst mit beidem von der Natur ausge­stat­tet worden.

Lassen Sie uns gemein­sam mit allen unse­ren vortreff­li­chen Autoren – in dieser und in allen ande­ren Ausga­ben – versu­chen, den letz­ten Akt dieses Schau­spiels im „Thea­ter des Scheins“ in den ersten Akt einer neuen Geschich­te zu über­füh­ren. Wir haben das Zeug dazu.

Herz­lich grüßt Ihr Andre­as Bange­mann

Leserbriefe 06/2013 0

Leserbriefe 06/2013

Fünf Seiten von Lesern für Leser. Die Leser­brie­fe dieser Ausga­be. Ihre Meinung ist uns wich­tig! Senden Sie uns Ihre Fragen, Anre­gun­gen oder persön­li­chen Meinun­gen. Wir bemü­hen uns, so viele
Leser­brie­fe unter­zu­brin­gen, wie möglich. Wenn wir Leser­brie­fe kürzen, dann so, dass das Anlie­gen der Schrei­ben­den gewahrt bleibt. Leser­brie­fe geben nicht die Meinung der Redak­ti­on wieder.

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In Wuppertal steinreich werden – Andreas Bangemann

Die Frei­licht­büh­ne an der Silvio-Gesell-Tagungs­stät­te wird mehr als 80 Jahre nach ihrer Entste­hung wieder mit Leben erfüllt.

Jona­than Ries als „Baulei­ter“ und die Fami­lie Bange­mann achten dabei darauf, dem „Geist“ des Gelän­des und der herr­li­chen Natur Rech­nung zu tragen. Der Frei­wirt­schaft­li­che Jugend­ver­band Deutsch­land e. V. als Träger und Eigen­tü­mer des Gelän­des sucht auf beson­de­re Weise Unter­stüt­zer. Mit der Über­nah­me einer „Stein­pa­ten­schaft“ kann das Projekt, das 2015 voll­endet werden soll, unter­stützt werden.

Gedan­ken, die zur Entschei­dung für Steine geführt haben

Die Terras­sie­rung des Sitz­be­rei­ches, die später einmal die Stufen des Zuschau­er­rau­mes bilden wird, soll aus massi­ven Stein­blö­cken gestal­tet werden. Die Model­lie­rung des Erdreichs, seine Verdich­tung und der Unter­grund für die „Sitz­stei­ne“ stel­len dabei eine Heraus­for­de­rung dar.

Die Frei­licht­büh­ne in Form einer unver­wüst­li­chen Wahr­heit, als Spagat zwischen mani­fes­ter Masse und geis­ti­gem Leben. Dem Stein und seiner alles mensch­li­che Leben über­dau­ern­den Stärke, soll in Form der Nutzung der Bühne die Leich­tig­keit des Gedan­ken­spiels in allen künst­le­ri­schen Facet­ten begeg­nen. Der Stein als das Symbol der Zeit­lo­sig­keit trifft in der zukünf­ti­gen Bühne auf die leben­di­ge Krea­ti­vi­tät von Mensch und Natur.

Diese Ambi­va­lenz bezieht ihre Über­ra­schungs­mo­men­te aus den immensen zeit­li­chen Versatz­stü­cken von Entwick­lun­gen. Hier das ewig Gelten­de, Verstei­ner­te, dort das Flüch­ti­ge, die dem mensch­li­chen Geist entsprin­gen­de Moment­auf­nah­me. Hier das Behä­bi­ge, Unbe­weg­li­che und dort das Flie­ßen­de und auf ganz beson­de­re Weise Verän­de­rung Herbei­füh­ren­de.

Der Stein ist Stein und bleibt es ewig. Der Mensch vergeht in kürzes­ter Zeit und nährt sich von den Früch­ten der Natur und des Geis­tes. Leben vergeht und entsteht in unend­li­chem Kreis­lauf. Ein Kunst­werk, das auf einer Bühne aufge­führt wird, ist Vergäng­lich­keit im Stun­den­takt.

Doch diese Frei­licht­büh­ne wird mit ihrem Ensem­ble aus Kunst, Archi­tek­tur und Krea­ti­vi­tät für unge­ahn­te Refle­xio­nen und blei­ben­de Eindrü­cke sorgen. Bäume, Sträu­cher, Pflan­zen und die Tiere des Waldes und der angren­zen­den Felder, berei­chern die Kulis­se, welche der Mensch mit seiner Krea­ti­vi­tät erfüllt.

Reden aller Art, Klein­kunst, Akro­ba­tik, Bewe­gungs­kunst, Thea­ter, Tanz, Musik, kind­li­che Entde­ckungs­rei­sen, Semi­nar­ver­an­stal­tun­gen und, und, und …

Der zukünf­ti­gen Nutzung als Spiel- und Ausdrucks­raum für viel­fäl­ti­ge Zwecke sind kaum Gren­zen gesetzt.

Die gewal­ti­ge, zeit­lo­se, mit Ewig­keits­an­spruch verse­he­ne Form der gesam­ten Anlage bietet einen Raum, der den Menschen täglich aufs Neue die Frei­heit bietet, sie mit Künst­le­ri­schem und Krea­ti­vem auszu­fül­len. Dem unauf­hör­li­chen Werden und Verge­hen wird ein einzig­ar­ti­ger Rahmen gege­ben. Dem Entste­hen der Verän­de­rung wird Raum gege­ben.

Stein­pa­ten­schaf­ten

Viele hundert Steine werden nötig sein,
bis die zukünf­ti­gen Sitz­ge­le­gen­hei­ten
geschaf­fen sind. Ein einzel­ner dieser Muschel­kalk­stei­ne
wird etwa 45 cm x 45 cm
im Quer­schnitt messen, ca. 80 bis 100 cm
lang sein und rund 500 kg wiegen.

Tragen Sie mit einer Stein­pa­ten­schaft
zum Gelin­gen dieses außer­ge­wöhn­li­chen
Bauwerks bei. Es werden Paten­schaf­ten
mit 50,- € (ein Sitz­platz),
100,- € (zwei Sitz­plät­ze) oder 150,- €
(drei Sitz­plät­ze, entspricht einem ganzen
Stein) aufge­legt. Das wird mit einer
Urkun­de doku­men­tiert und durch eine
Gravur auf den Stei­nen für alle Zeiten
sicht­bar gemacht.

Über­wei­sun­gen bitten mit dem Hinweis
„Stein­pa­ten­schaf­ten“ verse­hen
und gut leser­lich Vor- und Zuna­men für
die Gravur eintra­gen.

Kontakt im Zusam­men­hang mit dem Projekt:
Jona­than Ries, Silvio-Gesell-Tagungs­stät­te, Schan­zen­weg 86, 42111 Wupper­tal
Email: jonathanries82@hotmail.com
Mobil: 0163–1461604 oder: 02053–423766
Projekt­web­site: http://www.wflb.de

Spen­den­kon­to des gemein­nüt­zi­gen Träger­ver­eins der Tagungs­stät­te und des Frei­licht­büh­nen-Projek­tes:
Konto­in­ha­ber: Frei­wirt­schaft­li­cher Jugend­ver­band
Deutsch­land e. V. (kurz FJvD e. V.)
Konto­num­mer: 26357251
Bank­leit­zahl: 334 500 00
Spar­kas­se Hilden-Ratin­gen-Velbert

Wir alle haben Talent – Andreas Bangemann 0

Wir alle haben Talent – Andreas Bangemann

Vor 20 Jahren hat eine Initia­ti­ve starke Impul­se ausge­sen­det, die in der Folge eine Tausch­ring- und Regio­nal­geld­wel­le auslös­te: Das Schwei­zer „Talent­ex­pe­ri­ment“

Es geschah in einer Zeit weit entfernt von echten ökono­mi­schen Krisen. Ein Land, das durch seine Neutra­li­tät Jahr­hun­der­te lang weit­ge­hend im Frie­den leben konnte und die vermeint­lich stärks­te Währung der Welt aufbau­te, wurde zur Heimat einer selbst­ge­mach­ten, loka­len und zins­frei­en Zweit­wäh­rung. In der Schweiz konnte man in bestimm­ten Regio­nen ab 1993 mit seinen „Talen­ten“ bezah­len.
Im Früh­jahr 1993 haben Mitglie­der der INWO Schweiz (Initia­ti­ve für Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung) und weite­re Inter­es­sier­te den Start­schuss für eine Bewe­gung gege­ben, die sich über ganz Europa
ausbrei­te­te. Das Talent­ex­pe­ri­ment wurde zur Blau­pau­se vieler nach­fol­gen­der Initia­ti­ven und Projek­te.

Auf einer Tagung im Novem­ber 1992 wurde ein inhalt­li­cher Grund­stein gelegt. Aus dem dama­li­gen Tagungs­pro­spekt: Eine gerech­te Wirt­schaft ist nur mit einem gerech­ten Geld­sys­tem möglich, das echte Produk­ti­vi­tät fördert und die versteck­te Einkom­men­sum­ver­tei­lung durch den Zins elimi­niert. Ein Geld­we­sen auf Zins­ba­sis ist nicht nur eine sozia­le ökolo­gi­sche Zeit­bom­be, sondern desta­bi­li­siert sich selber durch das expo­nen­ti­el­le Schul­den­wachs­tum. Je unsi­che­rer das inter­na­tio­na­le Währungs- und Finanz­sys­tem wird, desto wich­ti­ger werden lokale, zins­freie Austausch­sys­te­me. Wenn auch für viele die Krise erst 2008 ausbrach, so gab es in alter­na­ti­ven Krei­sen dennoch Weit­bli­cken­de, die sehr genau erkann­ten, wohin eine Wirt­schaft treibt, wenn alles der Kapi­tal­ren­di­te unter­ord­net wird.
„Ein zins­frei­es Tausch­mit­tel, das sich nach den Bedürf­nis­sen der Menschen rich­tet und nicht dem Profit­hun­ger der Finanz­märk­te dient.“ Die Illu­si­on des ewig jungen Geldes stellt mensch­li­che Wert­vor­stel­lun­gen auf den Kopf.

Mit Talen­ten bezah­len konnte man ausschließ­lich bargeld­los. „Wer Talent hat, hat Kredit“, laute­te das Credo. Die Hürden zum Mitma­chen wurden nied­rig ange­setzt. Trans­pa­renz war ein weite­rer wich­ti­ger Punkt in der Konzep­ti­on der Paral­lel­wäh­rung. Thomas Ester­mann schrieb 1994 dazu in der „Zeit­schrift für Sozi­al­öko­no­mie“ unter dem Titel „Das Talent-Expe­ri­ment der INWO Schweiz“: Trans­pa­renz als Schutz vor Macht­miss­brauch…