Kategorie: Autoren

„Das Geld für die Zinsen fehlt in der Wirtschaft!“ – Helmut Creutz 0

„Das Geld für die Zinsen fehlt in der Wirtschaft!“ – Helmut Creutz

Ähnlich wie das Unge­heu­er von Loch Ness, taucht auch diese Vermu­tung in den Diskus­sio­nen übers Geld immer wieder einmal auf. Begrün­det wird sie meist damit, dass ja die Schuld­ner nur die Kredit­sum­me gelie­hen und damit kein Geld zur Verfü­gung haben, um darüber hinaus auch noch Zinsen zu zahlen. Selbst von…

Neue Schriftenreihe zu Alternativer Ökonomie – Rezension von Günther Moewes 0

Neue Schriftenreihe zu Alternativer Ökonomie – Rezension von Günther Moewes

Schrift über „Piket­tys Krisen­ka­pi­ta­lis­mus“ Unter der Über­schrift „Ökono­mi­sches Alpha­be­ti­sie­rungs­pro­gramm“ hat der rühri­ge kleine pad-Verlag aus Berg­ka­men eine Reihe von bisher 15 Titeln heraus­ge­bracht, in der u. a. auch zwei frühe­re Aufsät­ze aus der „Huma­nen Wirt­schaft“ und ein (stark erwei­ter­ter) aus der „Zeit­schrift für Sozi­al­öko­no­mie“ erschie­nen sind. Ziel der Anfang 2012…

Wertvoller Lebensraum © 2014, Pat Christ
Foto: © Pat Christ
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Die Wachstumszwangsverbrämer – Pat Christ

Ob „wert­ori­en­tiert“, „nach­hal­tig“, „ethisch“ oder „anders“: Wachs­tum bleibt weiter Gebot Volle Konzen­tra­ti­on auf „wert­ori­en­tier­tes Wachs­tum“, das versprach die CeWe Color Holding AG bei der Haupt­ver­samm­lung vor weni­gen Jahren den Aktio­nä­ren. Euro­pas größ­tes Foto­ent­wick­lungs­un­ter­neh­men steht mit diesem Verspre­chen nicht allei­ne. Seit gerau­mer Zeit häufen sich Aussa­gen von Firmen­chefs, man wolle nicht…

Karen Wendt 0

Auf anständige Weise investieren – Pat Christ

Karen Wendt entwi­ckel­te die frei­wil­li­gen Banken­ge­set­ze „Äqua­­tor-Prin­zi­pi­en“ mit. Mitte des 19. Jahr­hun­derts stieg der Finan­zie­rungs­be­darf in den USA rasant an. Gleich­zei­tig wuchs das Risiko für Inves­to­ren. Wie konnte man wissen, in welches Projekt man inves­tie­ren sollte? Dies war die Geburts­stun­de der Finanz­agen­tu­ren. Das ältes­te heute noch exis­tie­ren­de Rating­un­ter­neh­men ist Moody’s,…

Freiberuflichen Hebammen droht das Berufsverbot – Pat Christ 0

Freiberuflichen Hebammen droht das Berufsverbot – Pat Christ

Es geht um mehr als die Haft­pflicht Dilem­ma der Hebam­men verweist auf die Tragik des ökono­mi­sier­ten Medi­zin­sys­tem. Wie fatal es sein kann, wenn es keiner­lei Wett­be­werb gibt, zeigt sich dieser Tage am Beispiel der Hebam­men. Mitglie­der des Bundes frei­be­ruf­li­cher Hebam­men Deutsch­land (BfHD) können nur bei der Nürn­ber­ger Versi­che­rung eine Haft­pflicht­ver­si­che­rung…

Helmut Creutz 2013
Foto: Privat
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Was ist los mit unserem Geld – Helmut Creutz

Was ist los mit unse­rem Geld, dem neutra­len Vermitt­ler, Zahlungs- und Schmier­mit­tel in der Wirt­schaft? Auch wenn es inzwi­schen verschie­de­ne Theo­ri­en gibt, dürfte Geld aus dem Bedürf­nis entstan­den sein, Leis­tun­gen gegen­ein­an­der zu tauschen. Während die anfangs dazu benutz­ten Zwischen­tausch­mit­tel – ob Teezie­gel, Salz­bar­ren, Getrei­de oder Kakao­boh­nen – selbst noch nutz­ba­re…

Piketty – Alter Wein in neuen Schläuchen? – Zitate aus Beiträgen von Günther Moewes 0

Piketty – Alter Wein in neuen Schläuchen? – Zitate aus Beiträgen von Günther Moewes

Die kapi­ta­lis­ti­sche Welt ist tatsäch­lich so unge­recht, wie viele immer vermu­tet haben. Das ist die Erkennt­nis aus dem „Kapi­tal im 21. Jahr­hun­dert“ von Thomas Piket­ty – 1. Privat­ver­mö­gen über­ho­len das Sozi­al­pro­dukt – „Das viel beschwo­re­ne ‚expo­nen­ti­el­le Wirt­schafts­wachs­tum‘ gibt es über­haupt nicht, …zumin­dest nicht in Deutsch­land und den Indus­trie­län­dern. Das reale,…

EZB senkt Leitzinsen und führt erstmals „Strafzinsen“ ein 0

EZB senkt Leitzinsen und führt erstmals „Strafzinsen“ ein

Gerade wird gemel­det, dass die EZB es getan hat. Der Leit­zins wurde auf 0,15% gesenkt. Und für über Nacht gepark­te Gelder von Geschäfts­ban­ken bei der Zentral­bank wird ein Minus­zins von 0,1 % fällig. Das Ganze hat nichts mit grund­sätz­li­chen Einsich­ten zu tun, sondern ist eine Verzweif­lungs­tat. Mit ihr erhofft man…

Der mühsame Weg… – Pat Christ 0

Der mühsame Weg… – Pat Christ

Noch gibt es keinen „Mittel­Fran­ken“. Über Umwege wirbt der Verein Regio-Mark für eine Komple­men­tär­wäh­rung. er nicht mit einem golde­nen Löffel im Mund gebo­ren wurde, wird es kaum schaf­fen, zeit­le­bens einen solchen zu bekom­men. Denn Geld fließt gewöhn­lich zu denen, die Geld haben. Es sei denn, es handelt sich tatsäch­lich um…

Die „Schöne aus Marienhöhe“ darf nicht sterben – Pat Christ 0

Die „Schöne aus Marienhöhe“ darf nicht sterben – Pat Christ

Saat­gut­ak­ti­vis­ten kämp­fen gegen die geplan­te Novel­lie­rung einer EU-Veror­d­­nung – Radies­chen, Mohn und Zitro­nen­ba­si­li­kum, Obsi­di­an, Slim Jim und Wilde Rauke: Dutzen­de Rari­tä­ten und bewähr­te Haus­gar­ten­sor­ten gab es im Febru­ar beim Saat­gut-Festi­val im unter­frän­ki­schen Ipho­fen zu bestau­nen und zu erwer­ben. Star­gast der Veran­stal­tung, die mehre­re hundert Besu­cher von teil­wei­se weit­her anzog, war…

Das transatlantische Freihandelsabkommen – Wolfgang Berger 0

Das transatlantische Freihandelsabkommen – Wolfgang Berger

Finan­zi­el­le Massen­ver­nich­tungs­waf­fen fahren die Ernte ein -
»Le Monde diplo­ma­tique – die fran­zö­si­sche Zeitung für auswär­ti­ge Bezie­hun­gen – bezeich­net das trans­at­lan­ti­sche Feihan­dels­ab­kom­men TAFTA (Trans­at­lan­tic Free Trade and Invest­ment Agree­ment) als „Staats­streich in Zeit­lu­pe“. In gehei­men Verhand­lun­gen wird es von den mäch­tigs­ten Konzer­nen der Welt, die von 600 Indus­trie­ver­bän­den vertre­ten werden, vorbe­rei­tet. Geset­ze benach­tei­li­gen immer dieje­ni­gen, die bei ihrer Verfas­sung nicht dabei sind. Dabei wird der Mensch „wie ein Konsum­gut betrach­tet, das man gebrau­chen und dann wegwer­fen kann“, schreibt Papst Fran­zis­kus im Evan­ge­lii Gaudi­um und fügt hinzu: „Diese Wirt­schaft tötet“. Sie tötet die Würde, die Frei­heit und den Sinn des Lebens der meis­ten Menschen. Viel­leicht hat Benito Musso­li­ni den Begriff Faschis­mus passend defi­niert: „Die Fusion zwischen Groß­kon­zer­nen und Staa­ten“. Wie ist dieser Vernich­tungs­feld­zug geplant worden? Wie wird er durch­ge­führt? Das Killer-Spiel „Live and let die“ (Lebe und lass andere ster­ben) Banken verge­ben Kredi­te gegen Sicher­hei­ten. Jeder Firmen­chef und jeder Haus­ei­gen­tü­mer weiß das. Bei der Kredit­prü­fung wird meist ein Fünf­tel Eigen­ka­pi­tal verlangt. Für die Banken selbst gilt diese Regel nicht. Große Banken arbei­ten mit 95 Prozent Fremd­ka­pi­tal und hebeln so den Ertrag auf ihr eige­nes Kapi­tal. Eine Milli­on Gewinn blei­ben eine Milli­on, wenn das Geschäft mit Eigen­ka­pi­tal finan­ziert wird. Bei fünf Prozent Eigen­ka­pi­tal erhöht sich der auf das Eigen­ka­pi­tal bezo­ge­ne Gewinn dann fast um das zwan­zig­fa­che. Damit recht­fer­ti­gen die Banken die Millio­nen­ga­gen Ihrer Topma­na­ger, die diese Gewin­ne „erwirt­schaf­ten“ – oder sollen wir besser „ergau­nern“ sagen? Die Versu­chung ist groß, dabei Risi­ken einzu­ge­hen, die die Bank selbst nicht auffan­gen kann. Gilt die Bank als system­re­le­vant weil sie „too big to fail“ (zu groß zum Schei­tern) ist, werden ihre Verlus­te auf die Steu­er­zah­ler abge­wälzt. So sind die Staats­schul­den explo­diert und ganze Länder in den Bank­rott getrie­ben worden. In der Krise waren die Staa­ten dann „too week to act“ (zu schwach zum Handeln). Der ersten Test­läu­fe für dieses Spiel sind vor zehn Jahren vorbe­rei­tet worden: Nied­ri­ge Hypo­the­ken­zin­sen und die Erwar­tung stei­gen­der Immo­bi­li­en­prei­se haben auch Subprime-Kredit­neh­mer (das sind solche mit schlech­ter Boni­tät) in den USA zu Haus­ei­gen­tü­mern gemacht. Diese Kredi­te wurden zu „Deri­va­ten“ (abge­lei­te­ten Wert­pa­pie­ren) gebün­delt und mit kurz­fris­ti­gen Rück­kauf­ver­ein­ba­run­gen („Repos“: Sale and Repurcha­se Agree­ments) weiter­ver­kauft. Hank Paul­son – von 1999 bis 2006 CEO (Vorstands­vor­sit­zen­der) der Invest­ment­bank Gold­man Sachs – hat die US-Banken Bear Sterns und Lehman Brothers in Deri­vat­ge­schäf­te in Milli­ar­den­hö­he einge­bun­den. 2006 ist Paul­son US-Finanz­mi­nis­ter gewor­den. Danach haben neue Geset­ze „Deri­va­te“ in „safe havens“ (siche­re Häfen) verwan­delt. Das bedeu­tet: Eine Bank, die Wert­pa­pie­re über Deri­va­te besitzt, kann sie beim Konkurs der Schuld­ner­bank behal­ten. 2008 konn­ten Bear Sterns und Lehman Brothers ihre Verpflich­tun­gen zum Rück­kauf der „Deri­va­te“ gegen­über Gold­man Sachs und dem briti­schen Finanz­un­ter­neh­men Barclays nicht erfül­len; sie brachen zusam­men. Die beiden sieg­rei­chen Banken hatten zwei Konkur­ren­tin­nen „gefres­sen“. Durch EU-Direk­ti­ven haben die Besit­zer von Deri­va­ten auch in Europa bevor­zug­ten Gläu­bi­ger­sta­tus. Während es im regu­lä­ren Insol­venz­recht eine Bevor­zu­gung von Gläu­bi­gern nicht gibt, ist sie bei Deri­va­ten jetzt die Norm. Deri­va­te in Verbin­dung mit Repo- Geschäf­ten schöp­fen Geld ohne Sicher­hei­ten. Die eine Bank nimmt, die andere gibt – und das im Kreis­lauf ad infi­ni­tum. Dieses Killer-Spiel wird in den USA „Live and let die“ (Lebe und lass andere ster­ben) genannt.

Zeit für etwas Neues – Pat Christ 0

Zeit für etwas Neues – Pat Christ

Zum Jahres­en­de verlässt Vorstands­frau Sylke Schrö­der die Ethik­Bank -
Vergli­chen mit der Deut­schen Bank,
die eine Bilanz­sum­me von 2,2 Billio­nen
Euro auswei­sen kann, ist die
Ethik­Bank klein: Hier liegt die Bilanz­sum­me
bei unter 300 Millio­nen Euro.
Doch inner­halb des alter­na­ti­ven Banken­sek­tors
hat sich die Ethik­Bank einen
Namen gemacht. „Wir kommen in
der Wahr­neh­mung der Menschen heute
direkt hinter der GLS-Bank“, sagt
Sylke Schrö­der. Die Mitbe­grün­de­rin
der Ethik­Bank gehör­te bisher dem
Vorstand an. Zum Jahres­en­de will sie
die Bank verlas­sen.
Was nicht an einer sich womög­lich
geän­der­ten Unter­neh­mens­phi­lo­so­phie
und auch
nicht an Clinch mit Kolle­gen liegt. Sylke
Schrö­der steht heute noch genau­so
wie bei der Grün­dung vor zwölf Jahren
zu „ihrer“ Bank. 2002 wurde sie von
ihr und Klaus Euler als Zweig­nie­der­las­sung
der Volks­bank Eisen­berg eG
gegrün­det.
Die Konstruk­ti­on bietet bis heute eine
beson­de­re Siche­rung der Kunden­gel­der:
Zum gesetz­li­chen Einla­gen­schutz
kommt der Schutz durch die Siche­rungs­ein­rich­tung
des Bundes­ver­ban­des
der Volks­ban­ken und Raiff­ei­sen­ban­ken.
Beson­ders bei der Ethik­Bank
ist aber auch, dass es seit 2005 eigene
Mikro­Kon­ten für Insol­venz­schuld­ner
gibt. Seit 2009 vergibt die Ethik­Bank
eigene ÖkoBau­kre­di­te.
Banken haben einen schlech­ten Ruf,
weil immer wieder aufkommt, wie sie
trick­sen. Sie nutzen jedes Schlupf­loch
im Steu­er­sys­tem aus, locken Anle­ger
in hoch­ris­kan­te Unter­neh­mens­be­tei­li­gun­gen
und verschwei­gen versteck­te
Kosten. Sich in diesem Haifisch­be­cken
zu behaup­ten, ist eine gewal­ti­ge Heraus­for­de­rung.
Sylke Schrö­der hat diese
Heraus­for­de­rung mit ihren Kolle­gen
gemeis­tert. Darum hängt sie an „ihrer“
Bank. „Doch ich bin auch noch jung
genug, um etwas Neues anzu­fan­gen“,
meint die 48-Jähri­ge. Erleich­tert wurde
ihre Entschei­dung, zu gehen, dadurch,
dass sie die Bank bei Klaus Euler und
Thomas Zahn in guten Händen weiß.
Auszeit auf dem Jakobs­weg
Außer­dem verlässt sie die Ethik­Bank
in einer prospe­rie­ren­den Phase. Auch
das macht den Ausstieg einfa­cher. Wie
es nach ihrem Abschied weiter­ge­hen
wird, steht noch nicht fest: „Ich werde
mir erst einmal für drei Monate eine Auszeit
nehmen.“ In dieser Zeit möchte Sylke
Schrö­der den Jakobs­weg entlang von
Frank­reich bis Santia­go de Compos­te­la
wandern. Und sich dabei über­le­gen,
was sie in Zukunft tun möchte. „Es gibt
unter­schied­li­che Optio­nen, die ich derzeit
sondie­re“, sagt sie. Gern würde sie
etwas Krea­ti­ves machen: „Ich habe da
schon lange eine Geschäfts­idee, die es
so noch nicht gibt. Die würde ich gerne
auspro­bie­ren.“

Vision oder Privatvergnügen? – Pat Christ 0

Vision oder Privatvergnügen? – Pat Christ

Leben ohne Geld und möglichst ohne Bedürf­nis­se wird zum neuen Nischen­li­fe­style.

Er wollte nicht länger um das Golde­ne
Kalb tanzen. Darum entschied sich
Rapha­el Fell­mer vor drei Jahren, in
„Geld­streik“ zu treten. Seit­her macht
er damit Furore. Wobei er keines­wegs
der einzi­ge ist, der sich (vorüber­ge­hen­de?)
„Geld­lo­sig­keit“ zum Ideal
erko­ren hat. Heide­ma­rie Schwer­mer
entschied sich bereits 1996, ohne
Geld zu leben. Mark Boyle gab immer­hin
ein Jahr lang den Konsum­ver­wei­ge­rer.
Auch die Vaga­bun­den­blog­ge­rin
Michel­le stieg für ein Jahr aus und lebte
ohne Heller und Pfen­nig.
Einmal aussche­ren – wer wünsch­te
sich das nicht. Dazu hat auch
jeder das Recht. Inter­es­sant sind
die Missio­nen, die hinter dem jewei­li­gen
Ausstieg stecken. So hat Rapha­el
Fell­mer mit seiner Aktion die „Lage
der Welt“ und die ganze Mensch­heit im
Blick. Darun­ter macht er es nicht. „Mein
Geld­streik ist sehr breit ange­legt“,
meint er im Gespräch mit der HUMANEN
WIRTSCHAFT. Er ist gegen den Kapi­ta­lis­mus.
Gegen die Verschwen­dung.
Gegen die Ausbeu­tung von Tieren. Gegen
die Umwelt­ver­schmut­zung. Als ein
„Ausru­fe- und ein Frage­zei­chen“, sagt
er uns, sehe er seinen Streik.
Fell­mer tramp­te länge­re Zeit und kam
dadurch auf den Geschmack der Frei­heit
und zu seiner Lebens­phi­lo­so­phie.
Man lerne die Dinge mehr zu schät­zen,
wenn man sie nicht einfach kaufen kann,
meint er. „Wenn zum Beispiel beim Tram­pen
endlich ein Auto hält, freut man sich
viel mehr, als wenn man einfach in den
nächs­ten Bus steigt und 2,50 Euro zahlt“,
so der 30-Jähri­ge. Das leuch­tet ein.
Und es erin­nert an „On The Road“, die
Bibel der Beat-Genera­ti­on. Auch hier
nehmen sich junge Menschen eine
Frei­heit, die ihnen die Gesell­schaft
frei­wil­lig nicht gibt. Aber dieses Buch
kennt Fell­mer nicht. „Ich bin nicht sehr
bele­sen“, gibt er zu. Und das ist spür­bar.
Über­haupt hat es Fell­mer nicht mit
Theo­ri­en und Philo­so­phi­en.
Einfach gestrick­tes Welt­bild
Sein einfach gestrick­tes Welt­bild weist
ihn denn auch nicht gerade als Fein­geist
aus. Da gibt es die wenig anspruchs­vol­len
Kate­go­ri­en „Ja“ bezie­hungs­wei­se
„gut“ und „Nein“ bezie­hungs­wei­se
„schlecht“. Rapha­el Fell­mer ist gegen
alles, was nicht gut ist: Den millio­nen­fa­chen
Hunger in der Welt, das „Killen“
von Tieren, die Zerstö­rung der Natur.
Und er ist für alles, was gut ist. Die Liebe.
Die Mensch­heit. Und derglei­chen.
Dass er auf alles eine Antwort parat hat,
wirkt ein wenig ober­schlau. Ober­fried­lich
und ober­öko­lo­gisch ist er sowie­so.
Nur mit Details, stets die Krux an jeder
Proble­ma­tik, hält er sich nicht lange
auf. Irgend­wie scheint es für ihn nichts
tiefer zu verste­hen zu geben… Das ist
entwaff­nend. Dafür mögen ihn viele. Ist
doch die Sehn­sucht nach einfa­chen Erklä­run­gen
und einfa­chen Lösun­gen in
unse­rer hoch­kom­ple­xen Welt groß. Und
wer möchte Kämp­fer für das Gute nicht
gern unter­stüt­zen?
Seine Habe musste er vor seinem Frei­heits­sprung
übri­gens nicht in einem Depot
unter­brin­gen. Fell­mer hat ein Dach
überm Kopf. Bis Ende vergan­ge­nen
Jahres lebte er mit seiner Frau und der
zwei­jäh­ri­gen Toch­ter Alma umsonst im
Frie­dens­haus von Berlin. Zu Jahres­be­ginn
zog er um. Eine Fami­lie nahm die
drei auf: „Wir haben dort ein Zimmer in
einer Fünf-Zimmer-Wohnung.“ Zu eng?
Aber Fell­mer ist ja ohne­hin dauernd
unter­wegs. Vor allem seit sein Buch erschie­nen
ist. Daran verdient er im Übri­gen
nicht, betont er uns gegen­über. Als E‑Book sind die Seiten kosten­los herun­ter­zu­la­den.
Von der Aufla­ge wird ein
Drit­tel verschenkt. Der Rest fließt zur
Kosten­de­ckung an den Verlag.
Den Ausschlag für die Entschei­dung,
geld­los zu leben, gab eine Tramp­tour
mit Freun­den nach Mexiko. „Er hatte
kein Geld, kam aber trotz­dem immer
weiter“, schreibt Birgit Baumann über
ihn im „Stan­dard“. „Über den Atlan­tik
nahmen ihn Italie­ner mit dem Segel­boot
mit, in Brasi­li­en saß er hinten auf alten
Last­wa­gen. Er schlief bei der Feuer­wehr
und in Schu­len, von Restau­rants nahm
er sich, was ohne­hin übrig war. Im Gegen­zug
bot er seine Arbeits­kraft an.“
Wer hätte auf solche Sensa­tio­nen in der
großen weiten Welt in jungen Jahren
keine Lust? Die meis­ten jungen Aben­teu­rer
aller­dings lassen es bei einem
einma­li­gen Erleb­nis bewen­den. Nicht
so Rapha­el Fell­mer. Er beschloss nach
seiner Rück­kehr, fortan auch in Berlin
geld­los zu leben.

Erinnerungen an Margrit Kennedy – Helmut Creutz 0

Erinnerungen an Margrit Kennedy – Helmut Creutz

Erin­ne­run­gen
an meine ersten
Kontak­te mit
den mone­tä­ren
Reali­tä­ten –
und der Rolle
Margrit Kenne­dys
in diesem
Lebens­ab­schnitt.
Der viel zu frühe Tod von Margrit Kenne­dy
hat bei mir viele Erin­ne­run­gen
wach­ge­ru­fen. Vor allem bezo­gen auf
meine ersten Schrit­te in Sachen Zins
und Frei­wirt­schaft und damit jenem
völlig unge­plan­ten Lebens­ab­schnitt,
der für mich, Ende der 1970er Jahre,
durch einen Zufall begann und wenige
Jahre später, durch die Begeg­nung
mit Margrit, äußerst wich­ti­ge Mut machen­de
Impul­se erhal­ten hat.
Wie schon häufi­ger berich­tet,
wurde ich Ende 1977, durch
die Zuschrift eines Lesers meines
Schul­ta­ge­buchs „Haken krümmt
man beizei­ten“, mit diesen geld­be­zo­ge­nen
Begrif­fen und Themen bekannt.
Jenes Buches, das vor allem durch die
Fern­seh-Vorstel­lung in „Titel, Thesen,
Tempe­ra­men­te“ als Buch des Monats
viele Reak­tio­nen in der Öffent­lich­keit
auslös­te, darun­ter auch diese Zuschrift
von Walter Michel aus Berlin, die mein
Leben verän­dern sollte.
Wie sich später heraus­stell­te, handel­te
es sich um einen selbst­stän­di­gen Hand­werks­meis­ter,
der nach dem Krieg in der
DDR annahm, für das Thema Frei­wirt­schaft
und Gesell wieder öffent­lich eintre­ten
zu können. Er hatte sich jedoch
geirrt und wurde wegen seiner Veröf­fent­li­chun­gen
von der damals noch vorherr­schen­den
sowje­ti­schen Besat­zungs­macht
verhaf­tet, erst zum Tode verur­teilt
und dann zu lebens­läng­li­cher Haft in der
berüch­tig­ten Festung Baut­zen „begna­digt“,
einer Strafe, von der er mehr als
zehn Jahre absit­zen musste.
Was Walter Michel mir schrieb, war für
mich anfangs völlig unver­ständ­lich. Weder
den Namen Silvio Gesell noch den
Begriff „Frei­wirt­schaft“ (der mich immer
an eine sommer­li­che Garten­wirt­schaft
erin­ner­te!) hatte ich je gehört. Und das
Glei­che galt auch für das beigeleg­te
kleine Buch eines Hans Kühn, „5000
Jahre Kapi­ta­lis­mus“, dem dann jedoch –
wenn auch stilis­tisch etwas aufge­motzt
– einige konkre­te­re Anga­ben und Zahlen
zu entneh­men waren die mich neugie­rig
mach­ten. Das beson­ders im Hinblick
auf die Auswir­kun­gen expo­nen­ti­ell
wirken­der Abläu­fe, mit denen er den
Zinses­zins-Effekt beschrieb – einer Proble­ma­tik,
die mir dadurch zum ersten
Mal deut­lich wurde und für die ich viel­leicht
auch nur deshalb offen war, weil
sich mir damals, Ende der 1970er Jahre
und ange­sichts der allge­mei­nen Wachs­tums­eu­pho­rie,
schon die Frage aufge­drängt
hatte, wie lange das eigent­lich
noch weiter gehen sollte. Doch diese
von Hans Kühn gemach­ten Ausfüh­run­gen
musste ich jedoch vor einer Antwort
an Walter Michel unbe­dingt über­prü­fen.
Das betraf vor allem die Gegen­sätz­lich­kei­ten
von linea­rem und expo­nen­ti­el­lem
Wachs­tum und deren Verglei­che
mit den natür­li­chen Wachs­tums­ab­läu­fen.
Bei denen die zeit­li­chen Abstän­de
zwischen den Verdopp­lun­gen bekannt­lich
immer größer und schließ­lich „unend­lich“
werden, wie wir aus unse­rer
eige­nen Entwick­lung ab 18-
20 Jahren
wissen. Im Gegen­satz dazu, nahm ein
expo­nen­ti­el­les Wachs­tum, mit gleich
blei­bend langen Verdopp­lungs-Schrit­ten,
stän­dig schnel­ler zu – wie bei den
Geld­an­la­gen durch Zins und Zinses­zins
der Fall. Eine Entwick­lung, die –
das hatte ich nach der Schrift von Hans
Kühn verin­ner­licht – förm­lich zu Explo­sio­nen
führen musste!
Erfah­run­gen zu den Zins­aus­wir­kun­gen
in der Praxis
Zinsen waren mir – damals bereits 55
Jahre alt – bis dahin immer nur als eine
schöne Ange­le­gen­heit bekannt, über
deren Gutschrift auf dem Spar­buch
man sich am Jahres­an­fang immer freute.
Und bezo­gen auf die Hypo­the­ken,
die ich für Bauwer­ke laufend aufneh­men
musste, blieb der Mix von Zinsen
und Tilgung in der Miete als Summe
häufig gleich. „Bewei­se“ für die zins­be­ding­ten
Wachs­tums-Wirkun­gen in unse­rem
norma­len Leben und vor allem
deren Brisanz, entdeck­te ich dann erst
im Zusam­men­hang mit grafi­schen Aufzeich­nun­gen
von Miet­be­rech­nun­gen
und deren Bestand­teil-Verschie­bun­gen
im Laufe der Jahre und Jahr­zehn­te.
Obwohl diese Berech­nun­gen bei den
Wohnungs­bau­fi­nan­zie­run­gen eine
der Voraus­set­zun­gen für die staat­li­chen
zins­güns­ti­gen Zuschüs­se waren
und man sie im Vorhin­ein nach­wei­sen
musste, waren mir diese Wech­sel­wir­kun­gen
nie aufge­fal­len. Und wirk­lich
über­zeu­gend wurden sie für mich erst
dann, als ich sie beispiel­haft neben­ein­an­der
in Grafi­ken umsetz­te. Das
vor allem bezo­gen auf jene Vorgän­ge
im Geld- und Kredit­be­reich, die mir
bislang als problem­los erschie­nen waren:
Wenn man zu viel Geld in der Tasche
hatte und vorerst nicht brauch­te,
zahlte man es eben bei den Banken
ein, die es dann zwischen­zeit­lich weiter
verlie­hen. Und dass man dafür einen
– meist nur rela­tiv gerin­gen – Zins
erhielt, war eine kleine Beloh­nung für
diese Erspar­nis­bil­dung, die dann der
Kredit­neh­mer seiner­seits jeweils an
die Bank zu zahlen hatte.

Auf Raiffeisens Spuren – Bericht von Pat Christ 0

Auf Raiffeisens Spuren – Bericht von Pat Christ

Im deutsch­spra­chi­gen Raum grün­den sich immer mehr Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten

Ob Post­dienst, Dorf­la­den, Arzt­pra­xen,
Kinder­be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen oder
Busver­bin­dun­gen – in länd­li­chen Räumen
dünnt die Infra­struk­tur zum Teil
drama­tisch aus. Hier­auf reagie­ren Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten.
Sie setzen sich
für demenz­kran­ke Menschen ein oder
zielen, in Form von Senio­ren­ge­nos­sen­schaf­ten,
auf ein koope­ra­ti­ves Altern
ab. Der Genos­sen­schafts­ge­dan­ke
wächst stetig. So wurden in den vergan­ge­nen
acht Jahren in Deutsch­land rund
1.300 Genos­sen­schaf­ten gegrün­det.
Eine Sozi­al­ge­nos­sen­schaft ist eine
Versi­che­rung auf Gegen­sei­tig­keit:
Man gibt und hilft sich soli­da­risch.
Dahin­ter steckt die bereits
von Fried­rich Wilhelm Raiff­ei­sen forcier­te
Idee, dass alle gemein­sam viel
mehr auf die Beine zu stel­len vermö­gen
als ein Mensch allei­ne. Das gilt laut
Heike Walk vom Zentrum Tech­nik und
Gesell­schaft (ZTG) der TU Berlin auch
für ein so aktu­el­les Thema wie „Klima­wan­del“.
Als kollek­ti­ve Zusam­men­schlüs­se
haben Genos­sen­schaf­ten
den Analy­sen der Geschäfts­füh­re­rin
des ZTG-Insti­tuts für Protest- und Bewe­gungs­for­schung
zufol­ge viel­fäl­ti­ge
Hand­lungs­mög­lich­kei­ten, um den Klima­schutz
in Städ­ten voran­zu­trei­ben.
Viele Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten treten
als klas­si­sche Non-Profit-Orga­ni­sa­tio­nen
auf. Hier schlie­ßen sich Menschen
auf der Basis von Selbst­hil­fe oder ehren­amt­li­chen
Enga­ge­ment koope­ra­tiv
zu zusam­men. Dane­ben exis­tie­ren aber
auch Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten, die zu
bezah­len­de Leis­tun­gen erbrin­gen, die
zwar gesell­schaft­lich notwen­dig und
zentral für eine nach­hal­ti­ge Entwick­lung
sind, vom Markt aber nicht mehr
zur Verfü­gung gestellt werden.
Von pallia­ti­ver Hilfe
bis zur Nahraum­ver­sor­gung
Die Hand­lungs­fel­der von Sozi­al­ge­nos­sen­schaf­ten
fächern sich demnach
stark auf. Allein im Gesund­heits- und
Pfle­ge­sek­tor exis­tiert heute eine breite
Ange­bots­pa­let­te, die vom Pallia­tiv­be­reich
über das Senio­ren­woh­nen bis
hin zu Kran­ken­haus­netz­wer­ken reicht.
Selbst der Bereit­schafts­dienst von
Ärzten kann sozi­al­ge­nos­sen­schaft­lich
orga­ni­siert werden. Viele Genos­sen­schaf­ten
enga­gie­ren sich vor dem
Hinter­grund des demo­gra­phi­schen
Wandels auch dafür, die sozia­le Infra­struk­tur
vor Ort zu erhal­ten oder sie neu
zu schaf­fen. Dies betrifft die Kinder­be­treu­ung
und die Jugend­hil­fe ebenso wie
die Themen „Alters­ge­rech­tes Wohnen“
und „Nahraum­ver­sor­gung“.
Um die psycho­so­zia­le Gesund­heit von
Kindern und Jugend­li­chen kümmert
sich im italie­ni­schen Bruneck seit vielen
Jahren die Sozi­al­ge­nos­sen­schaft
EOS. Bereits 1995 eröff­ne­te die Orga­ni­sa­ti­on
eine sozi­al­päd­ago­gi­sche WG
für psych­ia­trisch auffäl­li­ge Jugend­li­che.
Vier Jahre später star­te­te sie in Bruneck
ein Projekt für ein Beglei­te­tes Wohnen
von Heran­wach­sen­den mit seeli­schen
Proble­men. Ein zwei­tes Projekt dieser
Art wurde 2001 in Bozen eröff­net. 2005
star­te­te die von der Genos­sen­schaft orga­ni­sier­te
Ambu­lan­te sozi­al­päd­ago­gi­sche
Fami­li­en­ar­beit im Puster­tal. Von
Jahr zu Jahr wuchs die Mitar­bei­ter­zahl.
Heute liegt sie bei um die 80.

Arbeit zwischen Verherrlichung und Entwertung – Günther Moewes 0

Arbeit zwischen Verherrlichung und Entwertung – Günther Moewes

„In Deutsch­land waren noch nie so viele Menschen in Arbeit wie 2013“ tönt es aus den Medien. Und seit 1960 regel­mä­ßig von allen Kanz­lern: „Die Wende auf dem Arbeits­markt steht unmit­tel­bar bevor.“ Es wird der Eindruck erweckt, die Arbeit nähme wieder zu. Die Reali­tät sieht anders aus. Tatsäch­lich hat die Zahl der durch­schnitt­lich geleis­te­ten Jahres­ar­beits­stun­den in Deutsch­land von 1960 bis 2012 um 35,4 auf 64,6 % abge­nom­men, d.h. um mehr als ein Drit­tel. Wenn sich die Zahl der Beschäf­tig­ten trotz­dem erhöht hat, dann nur, weil diese Verrin­ge­rung des tatsäch­lich erbrach­ten Arbeits­vo­lu­mens in Form von unbe­zahl­ter Arbeits­zeit­ver­kür­zung auf drei Millio­nen Teil­zeit­be­schäf­tig­te abge­la­den wurde. Deren Zahl ist inzwi­schen höher als die der 2,95 Mio. Arbeits­lo­sen. Diese 64,6 % der 1960 erbrach­ten Arbeits­stun­den geben jedoch noch nicht den tatsäch­li­chen Rück­gang des Arbeits­vo­lu­mens wieder. Denn in ihr ist ja noch nicht die enorm gestie­ge­ne Arbeits­lo­sig­keit enthal­ten. 2012 betrug die Arbeits­lo­sig­keit in Deutsch­land 6,8 % (= 2,95 Mio.), 1960 ganze 1,3 % (0,27 Mio.). Würde man die 2012 insge­samt tatsäch­lich geleis­te­ten Jahres­ar­beits­stun­den mit auf die Arbeits­lo­sen vertei­len,
hätte jeder Erwerbs­fä­hi­ge pro Jahr 142 Std. weni­ger arbei­ten müssen. Das so ermit­tel­te heute erbrach­te Arbeits­vo­lu­men pro Erwerbs­fä­hi­gen beträgt dann nur noch 59 % dessen von 1960, also über 40% weni­ger.

Entscheidend ist die Tat – Pat Christ 0

Entscheidend ist die Tat – Pat Christ

Zahl­rei­che Freun­de, Wegge­fähr­ten, Neugie­ri­ge und Inter­es­sier­te kamen vom 31. Okto­ber bis 3. Novem­ber
zur „Jahres­fei­er Humane Wirt­schaft 2013“ des Förder­ver­eins Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung e. V. in die Wupper­ta­ler Silvio-Gesell-Tagungs­stät­te. „Entschei­dend ist die Tat“ laute­te das dies­jäh­ri­ge Motto.

„Theo­ri­en und Philo­so­phi­en sind sicher wich­tig,“ so Chef­re­dak­teur Andre­as Bange­mann zum Auftakt. „Doch von ebenso großer Bedeu­tung ist es, etwas real umzu­set­zen und etwas zu bewe­gen.“ Ein großes Ziel ist allen Human­wirt­schaft­le­rin­nen und Human­wirt­schaft­lern klar. Es heißt: Eine Geld­ord­nung schaf­fen, in der sich das
Geld nicht mehr, wie den derzeit herr­schen­den Spiel­re­geln zufol­ge, selbst vermeh­ren und dadurch die Gesell­schaft immer weiter aufspal­ten kann. Doch der Weg dahin ist noch ziem­lich weit.

Sehr ferne Ziele können demo­ti­vie­ren. Vor allem, wenn es nicht gewiss erscheint, dass sie auch erreicht werden können. Damit die Einsatz­freu­de nicht nach­lässt, sind sinn­vol­le Zwischen­etap­pen und eine Menge
klei­ner, krea­ti­ver Ideen nötig. „Was wir anstre­ben, kann nur dann rich­tig Wirkung entfal­ten, wenn es in sehr vielen Köpfen ist und wenn sich sehr viele Menschen daran betei­li­gen“, beton­te Bange­mann.

Dafür müssen die Menschen begeis­tert werden. Und zwar durch etwas, was konkret und „anfass­bar“ ist. Was akti­viert. Statt ledig­lich Diskus­sio­nen auszu­lö­sen. Ist es doch auf Dauer äußerst unbe­frie­di­gend, nur immer über die Gier der Reichen und die Blind­heit der Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker zu schimp­fen. Solche
Debat­ten erschöp­fen sich irgend­wann. Besser versu­chen, von unten etwas zu verän­dern. Dass die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer der Jahres­fei­er tatsäch­lich den großen Wunsch haben, etwas zu bewe­gen, machte die „Murmel­run­de“ am Eröff­nungs­abend deut­lich. Span­nen­der Tagungs­ein­stieg Was immer einem selbst gerade keine Ruhe lässt, womit man sich gerade beschäf­tigt und wie man über­haupt auf das Thema „Humane Wirt­schaft“ kam, das erzähl­ten sich je zwei Teil­neh­me­rIn­nen bei diesem unge­wöhn­li­chen Einstieg in die Tagung. In sechs Minu­ten mach­ten sich zwei Menschen, die sich bis dato noch nie gese­hen hatten, auf diese inten­si­ve Weise mitein­an­der bekannt. Wech­sel­sei­tig stell­ten sie sich später im Plenum vor. Heraus kamen facet­ten­rei­che Persön­lich­keits­be­schrei­bun­gen, Infor­ma­tio­nen über inter­es­san­te biogra­phi­sche Wege, unge­wöhn­li­che Pläne und erste konkre­te Projek­te.

Am zwei­ten Abend kam bei Andre­as Bange­mann Gold­grä­ber­stim­mung auf: In der Rolle des Fürch­te­gott Zwei­fel­mann brach­te er gegen­über Stef­fen Unver­zagt alias Stef­fen Henke erfreut zum Ausdruck, wie
gran­di­os sich sein Geld vermehrt. In den 80er Jahre habe er eine kleine Erbschaft von seinem Groß­va­ter bekom­men, erzähl­te er. Immer­hin 10.000 Mark. Die hat er als flei­ßi­ger schwä­bi­scher Sparer gleich ange­legt – und nun verdop­pelt sich dieses Vermö­gen alle zwölf Jahre.

Ist die deutsche Energiewende rentabel? – Wolfgang Berger 0

Ist die deutsche Energiewende rentabel? – Wolfgang Berger

Emnid hat ermit­telt, dass 84 Prozent der Deut­schen eine rasche und voll­stän­di­ge Ener­gie­ver­sor­gung mit erneu­er­ba­ren Ener­gi­en wünschen. Jeder Dritte würde sich an Erneu­er­ba­re-Ener­gi­en-Anla­gen in seiner Nähe finan­zi­ell betei­li­gen. Das sind über 20 Millio­nen poten­zi­el­le Inves­to­ren. Ist diese Präfe­renz ratio­nal oder ist es eine emotio­na­le Präfe­renz jenseits unter­neh­me­ri­schen Kalküls?

Die meis­ten Unter­neh­men berech­nen die Renta­bi­li­tät ihrer mögli­chen oder geplan­ten Inves­ti­tio­nen mit einer einfa­chen Rech­nung: Sie ermit­teln die zusätz­li­chen Ausga­ben, die bei einer Inves­ti­ti­on Jahr für Jahr notwen­dig werden und die zusätz­li­chen Einnah­men, die diese Inves­ti­ti­on Jahr für Jahr bringt. Die jähr­li­chen Salden dieser Zahlen­rei­he stehen für die Ertrags­kraft der Inves­ti­ti­on.

Nun können wir diese Salden aber nicht einfach addie­ren – wir müssen sie mit der Zeit gewich­ten. Eine Milli­on in diesem Jahr ist mehr als eine Milli­on im nächs­ten Jahr, denn wenn wir es gut anfan­gen, hat sich die eine Milli­on in diesem Jahr bis zum nächs­ten Jahr vermehrt. Wollen wir die Zahlen addie­ren, müssen sie zuvor vergleich­bar gemacht und auf den heuti­gen Tag abzinst werden. Diese „Kapi­tal­wert­me­tho­de“ ist der umge­kehr­te Rechen­vor­gang wie die Zins­be­rech­nung für die Zukunft, nur dass hier die Zahlen nicht größer, sondern klei­ner werden, je weiter das Jahr in der Zukunft liegt, auf das sie sich bezie­hen.

Wenn wir beim Abzin­sen mit zehn Prozent rech­nen, sind eine Milli­on Euro in einem Jahr heute 910.000 Euro wert, denn wenn ich heute 910.000 Euro mit zehn Prozent anlege, habe ich in einem Jahr eine Milli­on. Nicht weil die Zinsen heute zehn Prozent sind; sie sind nied­ri­ger. Aber Inves­ti­ti­ons­kre­di­te sind trotz­dem teuer und Über­zie­hungs­zin­sen sind auch bei einem Leit­zins­satz der Zentral­bank nahe Null weit über zehn Prozent.

Wenn wir mit zehn Prozent rech­nen, sind eine Milli­on Euro in zwei Jahren dann heute noch einmal zehn Prozent weni­ger wert, also 830.000 Euro. Und so können wir weiter rech­nen: Eine Milli­on Euro in zehn Jahren sind heute 390.000 Euro wert. Eine Milli­on Euro in 100 Jahren sind heute 700 Euro wert. Eine Milli­on Euro in 200 Jahren sind heute drei Euro wert und eine Milli­on Euro in 250 Jahren sind abge­zinst heute nur ganze vier Cent wert.

Weil die lang­fris­ti­gen Auswir­kun­gen so lächer­lich gering sind, brau­chen wir die Rech­nung nur für gut zehn
Jahre durch­zu­füh­ren. Was danach geschieht, wirkt sich auf das Ergeb­nis kaum noch aus. Was danach geschieht, beein­flusst die Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen also nicht mehr. In unse­rem gegen­wär­ti­gen destruk­ti­ven Geld­sys­tem erzwingt der Rendi­te­zwang deshalb die Zerstö­rung der Umwelt. Der Erhalt der Umwelt wirkt sich erst lang­fris­tig aus und ist deshalb nicht renta­bel. Eine Nach-uns-die-Sint­flut-Menta­li­tät erhöht den Börsen­wert des Unter­neh­mens (Share­hol­der Value) und ist deshalb die logi­sche Konse­quenz.
In Zeiten nied­ri­ger Zinsen wach­sen die großen Vermö­gen über Aktien und die Speku­la­ti­on mit Deri­va­ten.
Nied­ri­ge Zinsen verlei­hen Deri­va­ten eine Hebel­wir­kung, mit der sie fast die ganze Welt aufkau­fen können.

Bei flie­ßen­dem Geld pendelt der effek­tiv gezahl­te Markt­zins um Null; zusätz­li­che Einnah­men und Ausga­ben von Inves­ti­tio­nen werden deshalb nicht mehr abge­zinst. Damit wird es renta­bel, die Umwelt zu erhal­ten. In einem solchen Geld­sys­tem werden die Märkte deshalb Nach­hal­tig­keit und dauer­haft halt­ba­re Güter erzwin­gen.

Finanzwelt auf der Bühne – Eine schwierige Annäherung – Pat Christ 0

Finanzwelt auf der Bühne – Eine schwierige Annäherung – Pat Christ

Das Thea­ter kann das Thema „Geld“ (noch) nicht so rich­tig packen

Sie joggen zwei­mal in der Woche, ernäh­ren sich gesund – und haben ansons­ten nur eines im Sinn: Umsatz zu machen. Dafür nehmen die drei Finanz­be­ra­ter in Robert Woel­fls Stück „Wir verkau­fen immer“ alle nur denk­ba­ren Konse­quen­zen in Kauf: Bruch mit der eige­nen Fami­lie, Bezie­hungs­ab­sti­nenz, Einsam­keit. Beacht­lich, dass es ein Stück über die Finanz­welt auf die Thea­ter­büh­ne geschafft hat. Nur leider bleibt es – und nicht nur dieses Stück – inhalt­lich weit hinter den Erwar­tun­gen an ein solches Thema zurück.

Sie sind weder noncha­lant noch fies oder ausge­bufft, die beiden Finanz­be­ra­ter und die Finanz­be­ra­te­rin, die Regis­seur Stephan Susch­ke bei der Urauf­füh­rung des Stücks im Septem­ber im Würz­bur­ger Stadt­thea­ter zum Tria­log antre­ten lässt. Unsi­cher sind sie. Und geknickt. Vor allem Martin, in Würz­burg von Robin Bohn darge­stellt, ist ganz betrübt darüber, dass seine Eltern ihn der Falsch­be­ra­tung bezich­ti­gen – haben sie doch dank seiner Einflüs­te­run­gen all ihr Geld in Aktien inves­tiert, deren Kurs dann massiv gefal­len ist. Seit­dem reden sie nicht mehr mit ihrem Sohn. Zu groß ist (noch) der Schock darüber, dass all ihr Vermö­gen vernich­tet ist.

Die drei von Woelfl kreierten Finanz­be­ra­ter müssen sich unge­mein abschuf­ten. Tja. Hätten Sie bloß was Vernünf­ti­ges gelernt… Das Leben genie­ßen, nein, das können Julia, Martin und Ricar­do nicht. Denn da ist ja die perma­nen­te Hatz nach dem Geld. Immer hinken sie hinter ihren eige­nen Erwar­tun­gen her. Immer ist da die Angst vor dem Absturz. Und immer stehen sie mit dem Rücken an der Wand. Gefun­den haben sie sich für den Moment des Tria­logs auch nicht aus alter Freund­schaft. Eher zum Schlag­ab­tausch. Ähnlich Mitglie­dern einer Sekte feuern sie sich gegen­sei­tig an, das zu glau­ben, was als Glaube in ihnen längst am Bröckeln ist. Woelfl präsen­tiert seine Figu­ren verhed­dert in einem Job, der abso­lut nicht zum Glück­lich­ma­chen taugt.

Zu bloßen „Kunden“ degra­diert Wie sie mit ande­ren umge­hen, treibt ihnen beim Erzäh­len keines­wegs die Röte ins Gesicht. Sie schei­nen nicht zu checken, in welchem unmensch­li­chen Maß sie ihre Mitmen­schen zu bloßen „Kunden“ degra­die­ren. Was frei­lich schon etwas mit der Reali­tät zu tun hat. Unbe­strit­ten gehört die Angst davor, zu wenige Kunden zu haben oder bereits gewon­ne­ne Kunden zu verlie­ren, zur Reali­tät von Finanz­be­ra­tern. Realen Schil­de­run­gen zufol­ge gera­ten nicht wenige Finanz­be­ra­ter gar so stark ins Trudeln, dass sie in die Privat­in­sol­venz
hinein­schlid­dern. Denn neue Kunden zu finden, ist schwer. Auch für Woel­fls farb­lo­se Figu­ren bedeu­tet dies eine chro­nisch stres­sen­de Heraus­for­de­rung. Dabei versu­chen sie auf Teufel komm raus, zu neuen Geschäfts­kon­tak­ten zu kommen. Und weil sie es so sehr versu­chen, passie­ren Pannen. Werden andere geschä­digt. Um exis­ten­zi­ell notwen­di­ges Geld gebracht. Wie Martins Eltern…

Helmut Creutz 2013
Foto: Privat
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Problemfeld Inflation – Helmut Creutz

„Infla­ti­on ist nicht nur Betrug am Sparer, nicht nur die unso­zi­als­te Form der Umver­tei­lung, sondern auch die Erwerbs­lo­sig­keit von morgen. Längst ist wider­legt, dass fünf Prozent Infla­ti­on leich­ter zu ertra­gen seien als fünf Prozent Arbeits­lo­sig­keit; viel­mehr sind null Prozent Infla­ti­on die vorzüg­lichs­te Voraus­set­zung für null Prozent Erwerbs­lo­se. Der Glaube, Voll­be­schäf­ti­gung lasse sich mit ‚ein biss­chen Preis­stei­ge­rung‘ erkau­fen, musste welt­weit teuer bezahlt werden.“ Peter Gillies, 1987

Das schrieb Peter Gillies, Chef­re­dak­teur der deut­schen Tages­zei­tung DIE WELT, im Jahre 1987, als die Infla­ti­on – zum drit­ten Mal in der Nach­kriegs­zeit – wieder zu einem stei­len Anstieg ansetz­te. Und zwar bezo­gen auf eine Aussa­ge des dama­li­gen Bundes­kanz­lers Helmut Schmidt, der bereits in den 1970er Jahren einmal die Ansicht vertre­ten hatte, dass „fünf Prozent Infla­ti­on besser sind als fünf Prozent Arbeits­lo­sig­keit!“ –

Wie frag­wür­dig diese Auffas­sung jedoch war, geht aus der Darstel­lung 1 hervor, die jenen Zeit­raum zwischen 1965 und 2005 erfasst, in dem die Infla­ti­ons­sät­ze drei Mal Höchst­stän­de erreich­ten. Erkenn­bar werden daraus auch die jewei­li­gen Folgen: Anstie­ge der Zins­sät­ze und – mit etwa zwei­jäh­ri­ger Verzö­ge­rung – die der Arbeits­lo­sig­keit sowie der zusätz­lich einge­tra­ge­nen Firmen­plei­ten.

Diese Auswir­kun­gen in der Real­wirt­schaft werden noch deut­li­cher, wenn man – wie in der Grafik gesche­hen – die Infla­ti­ons- und Zins­kur­ven einmal um zwei Jahre nach rechts verschiebt und damit die zeit­li­chen Verzö­ge­run­gen zwischen
beiden Vorgän­gen neutra­li­siert. Nun mag die Infla­ti­on in unse­ren Tagen und ange­sichts der heuti­gen Raten von inzwi­schen etwa zwei Prozent, gar kein großes Thema mehr sein. Aber denkt man an die Massen von Bargeld, die heute in der Welt vorhan­den aber nicht im Umlauf sind, kann sich das sehr schnell verän­dern! Deshalb ist es auch in unse­ren Tagen sinn­voll, sich nicht nur an jene Hyper­in­fla­ti­on der Zwan­zi­ger Jahre zu erin­nern, sondern sich auch mit jenen Entwick­lun­gen aus unse­rer Wirt­schafts­epo­che zu befas­sen, die – bezo­gen auf die letz­ten Jahr­zehn­te – aus der Darstel­lung 1 hervor­ge­hen.

Infla­tio­nen als Ursa­chen der Konjunk­tur­schwan­kun­gen Wie diese Darstel­lung vermit­telt, war die Ursa­che des stän­di­gen Auf und Ab in unse­rer jüngs­ten Vergan­gen­heit im ersten Schritt die Schwan­kun­gen der Infla­ti­ons­sät­ze, denen dann im Gleich­schritt jeweils die der Gutha­ben- und Kredit­zin­sen folg­ten. Aufge­schla­gen wird bei diesen Kredit­zin­sen dann noch
jene Marge, mit der die Banken ihre eige­nen Kosten absi­chern, vor allem für Perso­nal und Risiko. Und natür­lich – wie bei jedem Unter­neh­men – auch noch der betriebs­not­wen­di­ge Gewinn, der allei­ne schon zur Bedie­nung des Eigen­ka­pi­tals erfor­der­lich ist. Aus der Darstel­lung 1 geht vor allem aber auch der lang­fris­ti­ge Anstieg des Arbeits­lo­sen­so­ckels
hervor, auf den sich die infla­ti­ons­be­ding­ten aktu­el­len Schübe jeweils aufsat­teln. Wieder­ge­ge­ben ist diese Arbeits­lo­sig­keit jeweils in Prozen­ten der Erwerbs­tä­ti­gen, als so genann­te „Arbeits­lo­sen­quo­te“, deren Sockel – wie
ersicht­lich – von etwa einem Prozent Anfang der 1970er Jahre bis 2005 auf fast zehn Prozent ange­stie­gen ist. Die über der Arbeits­lo­sen­quo­te einge­tra­ge­ne zusätz­li­che Kurve der Insol­ven­zen, also der Firmen­schlie­ßun­gen, folgt – wie ersicht­lich – mit ihren Schwan­kun­gen eben­falls den Entwick­lun­gen von Infla­ti­on und Zinsen, verstärkt sogar ab 1990.

Und was sind die Ursa­chen der Infla­ti­on?

ans Ruder © 2013 Pat Christ
Foto: © Pat Christ
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Vorgegaukelte Demokratie – Pat Christ

Hambur­ger Poli­tik­wis­sen­schaft­ler unter­su­chen Entwick­lung hin zur Post­de­mo­kra­tie

Wohin steu­ert unsere Poli­tik? Nach Ansicht vieler Poli­tik­wis­sen­schaft­ler mitten hinein in die Post­de­mo­kra­tie. Erkenn­bar, sagen sie, ist dies vor allem daran, wie Poli­tik heute begrün­det wird. Dem demo­kra­ti­schen Ideal zufol­ge ist Poli­tik prin­zi­pi­ell verhan­del­bar. Doch de facto wird heute immer weni­ger debat­tiert, ver- und ausge­han­delt. Was angeb­lich zwin­gend imple­men­tiert werden muss, steht von vorne­her­ein fest.

Die Globa­li­sie­rung ist nur eine Entwick­lung von vielen, die so, wie sie sich voll­zieht, als schick­sals­haft und alter­na­tiv­los darge­stellt wird. Poli­ti­sche Gegen­ar­gu­men­te sind rar. Aber auch in ande­ren Feldern wird poli­ti­sches Handeln zuneh­mend als „alter­na­tiv­los“ darge­stellt. Wirt­schaft­li­che Sach­zwän­ge und Zwänge des Mark­tes, Effi­zi­enz- und Kosten­ar­gu­men­te dienen immer häufi­ger als Begrün­dung für Entschei­dun­gen. Für den Bürger ist dies nicht unbe­dingt zu verspü­ren – handelt es sich doch um einen schlei­chen­den Prozess. Bürge­rin­nen und Bürger, die sich wünschen, in einer Welt zu leben, die noch halb­wegs in Ordnung ist, behar­ren darauf: Wir haben eine Demo­kra­tie! Inwie­weit wir tatsäch­lich längst im Post­de­mo­kra­ti­schen gelan­det sind, das unter­sucht Matthi­as Lemke an der Helmut-Schmidt-Univer­si­tät in Hamburg. Über 3,5 Millio­nen Zeitungs­ar­ti­kel aus der Frank­fur­ter Allge­mei­nen Zeitung, der ZEIT, der Süddeut­schen Zeitung und der taz, die seit 1949 erschie­nen, werden seit einem Jahr von ihm und seinen Kolle­gen ausge­wer­tet. Das Projekt dauert noch zwei Jahre. Viel häufi­ger „unver­zicht­bar“ Nach wie vor werden Wahlen durch­ge­führt und Regie­run­gen wech­seln. Doch das hat mit Demo­kra­tie immer weni­ger zu tun, erga­ben laut Lemke die bishe­ri­gen Ergeb­nis­se. „Wir unter­su­chen unter ande­rem die Häufig­keit von Wörtern im Zeit­ver­lauf“, erklärt er gegen­über der HUMANEN WIRTSCHAFT: „Dazu etablier­ten wir ein Wörter­buch mit Begrif­fen, die Alter­na­tiv­lo­sig­keit ausdrü­cken.“

Statt stich­hal­ti­ge Argu­men­te zu liefern, operie­ren Anhän­ger der Alter­na­tiv­lo­sig­keits­rhe­to­rik zum Beispiel gern mit den Worten „unver­zicht­bar“, „unab­ding­bar“ oder „Sach­zwang“. Lemke: „Solche Wörter haben zuge­nom­men.“ Im nächs­ten Schritt werden die Begrif­fe analy­siert, die sich in der Nach­bar­schaft dieser Wörter befin­den. So kann fest­ge­stellt werden, in welchem Kontext etwa in einem Zeitungs­be­richt vom „Sach­zwang“ die Rede ist. Mit diesem Wort könnte ja auch davor gewarnt werden, die Demo­kra­tie auszu­höh­len. Dann wäre das Wort „Sach­zwang“ als nega­ti­ver Begriff in einem Arti­kel aufge­taucht. „Derzeit wissen wir einfach noch nicht, ob die Nach­bar­wör­ter jeweils posi­tiv oder nega­tiv sind“, sagt Lemke. Klar sei auf alle Fälle, dass gerade im Kontext der poli­ti­schen – weni­ger der wirt­schaft­li­chen – Bericht­erstat­tung heute Wörter, die der Alter­na­tiv­lo­sig­keits­rhe­to­rik entstam­men, wesent­lich häufi­ger auftre­ten als früher. Am stärks­ten ist der Zuwachs beim Wort „alter­na­tiv­los“. Aber auch „unver­zicht­bar“ wird von Polit­kern heute häufi­ger verwen­det als in der Nach­kriegs­ära.

Finanzzirkus 0

Der Krieg gegen die arbeitende Bevölkerung – Wolfgang Berger

Im Jahre 1870 bildet die Londo­ner Manège-Schule erst­mals Zirkus­di­rek­to­ren aus. Die Abschluss­qua­li­fi­ka­ti­on für die erfolg­rei­chen Absol­ven­ten ist eine Berufs­be­zeich­nung, die hundert Jahre später auch woan­ders in Mode kommt: Mana­ger. Der Begriff leitet sich vom latei­ni­schen „manum agere“ ab: jemand an der Hand führen.

Im Zirkus hat es ange­fan­gen. Kennen Sie das? Zirkus­tie­re werden an der Leine geführt, mit Tricks und Gewalt dres­siert und zu Kunst­stü­cken gezwun­gen, die sie von sich aus nie tun würden. So wie Zirkus­tie­re gegen ihre Natur auf ein nicht artge­rech­tes Verhal­ten gedrillt werden, dril­len Unter­neh­men viele Menschen gegen ihre Natur auf ein nicht artge­rech­tes Verhal­ten.

„Angst und Geld sind das einzi­ge, was Mitar­bei­ter moti­viert“, meinte Jeffrey Skil­ling, Chef der Enron Corpo­ra­ti­on – einem Ener­gie­kon­zern aus Texas – bis zur spek­ta­ku­lä­ren Pleite in 2001. Der Harvard Absol­vent hatte seine Karrie­re bei der Unter­neh­mens­be­ra­tung McKin­sey begon­nen und dann den größ­ten Wirt­schafts­kri­mi des 20. Jahr­hun­derts insze­niert. Nach jahre­lan­gen Anfech­tungs­kla­gen hat im Sommer 2013 ein Bezirks­rich­ter in Hous­ton, Texas, seine Gefäng­nis­stra­fe von 24 auf 14 Jahre redu­ziert – gegen Zahlung von 40 Millio­nen Dollar.
Die Share­hol­der-Value-Doktrin zerbricht die Menschen

Die Enron-Pleite hat 22.000 Menschen arbeits­los gemacht und zugleich ihre Alters­ver­sor­gun­gen vernich­tet. In den letz­ten fünf Jahren vor dem Zusam­men­bruch hat Enron seinen Gewinn jähr­lich um 65 Prozent stei­gern können. Der nach der Börsen­ka­pi­ta­li­sie­rung gemes­se­ne Wert des Unter­neh­mens war welt­weit an sechs­ter Stelle. Namhaf­te Exper­ten haben im Jahre 2000 den Enron-Verwal­tungs­rat (Board) als einen der fünf besten der USA bewer­tet.

In weni­gen Tagen ist dann das Karten­haus aus Gier, Skru­pel­lo­sig­keit und Größen­wahn zusam­men­ge­fal­len. Auslö­ser für eine Unter­neh­mens­stra­te­gie, die zunächst von der Fach­welt bewun­dert und anschlie­ßend von einem Tsuna­mi regel­recht über­rollt wird, ist ein US-ameri­ka­ni­sches Gerichts­ur­teil. Weil alle großen Firmen eine Nieder­las­sung in den USA haben und dort mit astro­no­mi­schen Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen verklagt werden können, hinter­lässt es eine Spur auf der ganzen Welt:

1932 grün­den Joseph und Charles Revson die Kosme­tik­fir­ma Revlon. Zu Beginn der 1980er Jahre inter­es­siert sich die Leitung der Firma für die Gewin­ne der Eigen­tü­mer, aber außer­dem auch noch für Belan­ge von Beleg­schaft, Kunden und Liefe­ran­ten. Da wird sie verklagt. 1985 verur­teilt der Dela­ware Supre­me Court (das höchs­te Gericht des Bundes­staa­tes) die Führung des Unter­neh­mens. Nach dem Urteil des Gerichts muss die Leitung eines Unter­neh­mens der Eigen­tums­meh­rung der Aktio­nä­re alles – wirk­lich alles andere unter­ord­nen. Mit diesem Urteil gelingt es Ronald Pere­man, die Akti­en­ge­sell­schaft „feind­lich“ zu über­neh­men. Und das heißt: Gegen den erbit­ter­ten Wider­stand der Beleg­schaft und der Unter­neh­mens­lei­tung.

Das Urteil zwingt die Unter­neh­men der Welt zu einer Stra­te­gie, die „Share­hol­der-Value-Doktrin“ genannt wird. „Share­hol­der Value“ ist der Betrag, den das gesam­te Unter­neh­men zum gegen­wär­ti­gen Börsen­kurs wert ist. Das Manage­ment muss mit allen lega­len Mitteln den Unter­neh­mens­wert stei­gern und dadurch den Reich­tum der Aktio­nä­re mehren. Andere Ziele dürfen nur verfolgt werden, wenn es nicht zu Lasten dieses höchs­ten Gebots geht.

Wo die Doktrin nicht befolgt wird, sinkt der Akti­en­kurs – und damit droht eine feind­li­che Über­nah­me des Unter­neh­mens. Fonds, die solche Spiele radi­kal betrei­ben, finan­zie­ren Über­nah­men mit Kredi­ten großer Finanz­in­sti­tu­te, vornehm­lich in der „City of London.“ Die Rück­zah­lung der Kredi­te wird dem erober­ten Unter­neh­men aufge­bür­det. Wenn es den Wert des Unter­neh­mens erhöht, muss die Unter­neh­mens­lei­tung Perso­nal entlas­sen. Naomi Klein beschreibt diese Machen­schaf­ten und ihre Hinter­grün­de auf 763 Seiten detail­liert und fakten­reich: »Die Schock-Stra­te­gie – Der Aufstieg des Kata­stro­phen-Kapi­ta­lis­mus«.

Die Vorstän­de müssen mitspie­len und ihre Verant­wor­tung für das Ganze zurück­stel­len. Die Voraus­set­zun­gen dafür schuf Mitte der 1970er Jahre die Unter­neh­mens­be­ra­tung »McKin­sey & Compa­ny Inc.« Bis dahin waren Mana­ger Arbeit­neh­mer, ebenso wie die ihnen unter­stell­ten Mitar­bei­ter – und stan­den damit in natür­li­chem Inter­es­sen­ge­gen­satz zu den Kapi­tal­eig­nern. Mit „Stock Opti­ons“ (Akti­en­op­tio­nen) wurden die ange­stell­ten Unter­neh­mens­füh­rer von der Seite der Beleg­schaft auf die Seite des Kapi­tals gezo­gen.

Akti­en­op­tio­nen werden als Erfolgs­bo­nus – als Beloh­nung – zusätz­lich zum Gehalt ausge­ge­ben, wenn der Akti­en­kurs eine bestimm­te Höhe erklimmt. Wer solche Optio­nen besitzt, kann sie gegen Aktien des von ihm gelei­te­ten Unter­neh­mens eintau­schen und diese Aktien später auch verkau­fen.

Unab­hän­gig von den Zwän­gen der Recht­spre­chung hat der Inha­ber von Optio­nen ein persön­li­ches Inter­es­se an einem hohen Akti­en­kurs. Die Versu­chung ist groß, diesem Inter­es­se andere Themen unter­zu­ord­nen: die Belan­ge der Beleg­schaft und die lang­fris­ti­ge Zukunft des Unter­neh­mens; gewach­se­ne Kunden- und Liefe­ran­ten­be­zie­hun­gen; Fair­ness gegen­über Wett­be­wer­bern; Loya­li­tät gegen­über Produk­ti­ons­stand­or­ten, die die Infra­struk­tur bereit­stel­len und deren Bevöl­ke­rung von Entlas­sungs­wel­len betrof­fen ist; sowie Rück­sicht auf den Staat, auf dessen Infra­struk­tur alle Unter­neh­men ange­wie­sen sind.

Akti­en­op­tio­nen haben den Kapi­ta­lis­mus von Grund auf verän­dert. Die Führung von börsen­ge­han­del­ten Akti­en­ge­sell­schaf­ten ist seit­dem weni­ger bestrebt, Produk­te oder Dienst­leis­tun­gen anzu­bie­ten, Stand­or­te und Arbeits­plät­ze zu erhal­ten. Sie bemüht sich vor allem darum, den Akti­en­kurs nach oben zu trei­ben. Die übri­gen Arbeit­neh­mer – bis dahin in einer Inter­es­sen­ge­mein­schaft mit der Unter­neh­mens­spit­ze – blei­ben zurück und profi­tie­ren nicht mehr von dem Produk­ti­vi­täts­zu­wachs, den sie erar­bei­ten.
Auch das Land, in dem die Akti­en­ge­sell­schaft ihren Sitz hat, bleibt zurück. Die Mehr­heit der Aktien der 30 größ­ten und umsatz­stärks­ten deut­schen Unter­neh­men, die an der Frank­fur­ter Börse gehan­delt werden – die deut­schen „DAX-Konzer­ne“ – gehört nach Auskunft der Wirt­schafts­prü­fer Ernst & Young auslän­di­schen Inves­to­ren. In ande­ren Ländern ist es kaum anders. Viele dieser Konzer­ne weisen Bilanz­sum­men aus, die das Brut­to­in­lands­pro­dukt der meis­ten Staa­ten dieser Welt über­stei­gen.

Die Fonds haben ihren Sitz über­wie­gend auf exoti­schen Inseln, die ihnen als „tax haven“ (Steu­er­flucht­stät­te) dienen. Diese „Offshore“-Finanzplätze“ liegen jenseits der eige­nen Küste (off shore). Aber die Fonds werden in der „City of London“ verwal­tet. Ähnlich wie der Vati­kan kein Teil Itali­ens ist, gehört der Finanz­di­strikt „City of London“ nicht zu Groß­bri­tan­ni­en. Er ist eine eigen­stän­di­ge poli­ti­sche Einheit. Die dort gülti­gen Geset­ze werden von den ca. 250 global täti­gen Finanz­in­sti­tu­ten gestal­tet, die dort nieder­ge­las­sen sind und keine natio­na­le Iden­ti­tät haben.

Samuel J. Palmisa­no, Aufsichts­rats­vor­sit­zen­der der Compu­ter­fir­ma IBM, drückt die Aufla­gen des Finanz­sek­tors in seiner „Road­map to 2015“ (Ziel­pla­nung für 2015) knackig aus: „Earnings to double“ (Den Gewinn verdop­peln). Unter der Leitung der CEO (Präsi­den­tin) Virgi­nia M. „Ginni“ Romet­ty sollen die welt­weit über 430.000 Mitar­bei­ter die Rendi­ten der Aktien in weni­gen Jahren um 100 Prozent erhö­hen. Dieser Druck wird an die gesam­te Beleg­schaft weiter­ge­ge­ben.

Die Konse­quen­zen zeigen sich in den Verei­nig­ten Staa­ten – dem Ausgangs­punkt der verän­der­ten Recht­spre­chung – am drama­tischs­ten: 1970 verdien­te ein Unter­neh­mens­chef in den USA das 25fache des Durch­schnitts­ein­kom­mens seiner Mitar­bei­ter, heute ist es das 500fache. Im Rest der Welt drif­ten die Einkom­men zwischen der Unter­neh­mens­spit­ze und der Beleg­schaft ähnlich stark ausein­an­der.

Tipps aus dem Reparatur-Café – Pat Christ 0

Tipps aus dem Reparatur-Café – Pat Christ

Drei Fragen an den Olden­bur­ger Post­wachs­tums­öko­no­men Niko Paech

So, wie Menschen heute nach Geld, Konsum und immer mehr Wohl­stand jagen, das kann nicht gut sein und wird nicht gut gehen, warnt Niko Paech seit langem. Der Post­wachs­tums­öko­nom plädiert für ein neues Bewusst­sein von gutem Leben, das einen ande­ren Konsum­stil hervor­bringt. Inak­zep­ta­bel ist für den Wachs­tums­kri­ti­ker, dass Waren auf Verschleiß herge­stellt werden. Gegen­über Pat Christ berich­tet er, was jeder einzel­ne gegen geplan­te Obso­le­s­zenz tun kann.

Herr Paech, in welchem Umfang produ­zie­ren gerade Elek­tro­kon­zer­ne Ihren Erkennt­nis­sen zufol­ge auf vorzei­ti­gen Verschleiß?

Minia­tu­ri­sie­rung, Digi­ta­li­sie­rung und die Halb­lei­ter­tech­no­lo­gie bilden perfek­te Voraus­set­zun­gen für das Design von Objek­ten, die nicht repa­ra­bel sind und deren Verschleiß sich unbe­merkt, zuwei­len auch schwer beweis­bar, regel­recht einpro­gram­mie­ren lässt. Das ist die Schat­ten­sei­te vermeint­li­cher Fort­schrit­te in der Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie: Wo sich alles steu­ern und program­mie­ren lässt, kann eben auch die Zerstö­rung auto­ma­ti­siert werden, ohne den Nutzern die Chance zu lassen, selbst­tä­tig für Instand­hal­tung zu sorgen oder Objek­te zu repa­rie­ren. Digi­ta­li­sie­rung als Spät­sta­di­um einer durch und
durch indus­tri­el­len Fremd­ver­sor­gung führt nicht nur zur Verküm­me­rung eige­ner Fähig­kei­ten, sondern auch zur Entmün­di­gung. Einer­seits machen wir uns zuse­hends abhän­gig von den heiß gelieb­ten
Elek­tro­nik­spiel­zeu­gen, ande­rer­seits können wir deren Hard­ware in keins­ter Weise gestal­ten oder beherr­schen. Hinzu kommt, dass die Komple­xi­tät des Designs der Produk­te dazu führt, dass wir die Quali­tät nicht mehr eigen­hän­dig prüfen können. Ein Fahr­rad, ein Hemd, eine mecha­ni­sche Näh- oder Schreib­ma­schi­ne, eine Rohr­zan­ge, ein Möbel­stück etc. kann ich mir genau anschau­en. Unter
Nutzung meiner Sinnes­or­ga­ne bin ich wenigs­tens teil­wei­se in der Lage, das Mate­ri­al, die Robust­heit, die Verar­bei­tung zu prüfen. Ein Smart­pho­ne ist vergli­chen damit eine Mischung aus Wunder­tü­te und Roulet­te.

Nur haltbar ist nachhaltig – Pat Christ 0

Nur haltbar ist nachhaltig – Pat Christ

Stefan Schrid­de wehrt sich mit „Murks? Nein danke!“ gegen program­mier­ten Verschleiß

Gesell­schafts­kri­tik ist für Stefan Schrid­de an dieser Stelle fehl am Platz: Nicht die „geizi­gen“ Konsu­men­ten, sondern die Konzer­ne tragen nach seiner Meinung die volle Verant­wor­tung dafür, dass immer mehr Produk­te auf Verschleiß produ­ziert werden. Mit seinem Verein „Murks? Nein danke!“ setzt er sich dafür ein, dass halt­ba­rer produ­ziert wird. „Halt­bar­keit ist der größe­re Hebel als Nach­hal­tig­keit“, betont der Stadt- und Regio­nal­ent­wick­ler.
Dass Produk­te bewusst auf Verschleiß produ­ziert werden, sei längst keine Verschwö­rungs­theo­rie mehr, sagt er. An vielen Beispie­len konn­ten Schrid­de und seine Mitstrei­ter dies aufzei­gen. „Es werden zum Beispiel Konden­sa­to­ren für Geräte ausge­wählt, die eindeu­tig unter­di­men­sio­niert sind“, so der Anti-Murks-Akti­vist.
Dabei koste­ten elek­tro­ni­sche Bautei­le, die zehn Jahre länger halten würden, gar nicht mehr: „Im Falle der Konden­sa­to­ren müsste man um die drei Cent zusätz­lich ausge­ben.“ Auch könn­ten Plati­nen kosten­neu­tral so geplant werden, dass sie es 30 Jahre länger machen: „Das haben mir Inge­nieu­re, mit denen ich gespro­chen habe, bestä­tigt.“
Was bei einer Jacke schlecht möglich ist, funk­tio­niert bei allen tech­ni­schen Gerä­ten: Ein einge­bau­ter Zähler begrenzt bewusst die Nutzung. Aufge­flo­gen ist diese Verschleiß­me­tho­de inzwi­schen unter
ande­rem bei Toner­kar­tu­schen, Kaffee­ma­schi­nen und Akkus. Schrid­de: „Bei Kartu­schen wird zum Beispiel auf 15.000 Seiten runter­ge­zählt.“ Ist diese Zahl erreicht, erfolgt die Meldung, dass die Kartu­sche leer ist. Wer so clever ist und den Chip auf Null stellt, kann jedoch mit dieser angeb­lich leeren Kartu­sche munter weiter­dru­cken: „Manche Kartu­schen drucken insge­samt 50.000 Seiten.“ Also drei­mal so viel.

Renan Demirkan – Foto: © Pat Christ
Foto: © Pat Christ
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Eine Schauspielerin begehrt auf – Pat Christ

Im Allge­mei­nen ist der Begriff nicht umstrit­ten: „Tole­ranz“ wird viel und gern verwen­det. Da gibt es den „Verein für Tole­ranz & Zivil­cou­ra­ge“ in Neumüns­ter. Die „Tole­ranz Fabrik“ in Würz­burg. Oder das „Bünd­nis für Demo­kra­tie und Tole­ranz“ der Bundes­re­gie­rung. Für die aus der Türkei stam­men­de Schau­spie­le­rin Renan Demir­kan aller­dings ist Tole­ranz eine „Herr­schafts­ges­te“. Ange­sichts des sich ausbrei­ten­den Rechts­ra­di­ka­lis­mus warnt sie in ihrem Buch „Respekt“ vor den Folgen „tole­ran­ter“ Respekt­lo­sig­kei­ten. In tole­ran­ten Gesten verrät sich für Demir­kan oft ekla­tan­te Respekt­lo­sig­keit. „Die viel beschwo­re­ne ‚Tole­ranz‘ besteht auf dem Abstand zu Allem“, sagt sie. Wer sein Gegen­über tole­riert, lässt es zwar leben. Aber er nimmt sie oder ihn noch lange nicht an. Ist noch lange nicht bereit, den Schritt vom „Ich“ zum „Wir“ zu voll­zie­hen. Tole­ranz passt genau zur indi­vi­dua­li­sier­ten Kultur des Westens, findet Renan Demir­kan: „Denn dessen Ideal­bild ist der getrenn­te Mensch.“ Den man auf Abstand duldet. Ohne sich weiter mit ihm zu soli­da­ri­sie­ren. Tole­riert wird damit nicht nur das Indi­vi­du­um. Sondern zum Beispiel auch wach­sen­de Armut und Unge­rech­tig­keit im eige­nen Land.

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Über Kapitalfluten und Hochwasserschutz – Günther Moewes

In den Medien erhebt sich derzeit der ganz große Aufschrei: Der Nied­rig­zins bringe unsere gesam­te Alters­ver­sor­gung zum Einsturz. Es drohe Alters­ar­mut. „Und sie wird nicht nur die ohne­hin schon Armen erwi­schen, sondern jene Mittel­schicht, die bisher immer glaub­te, alles rich­tig zu machen.“ Nicht nur den Armge­mach­ten drohe Alters­ar­mut – auch die bisher als privi­le­giert gelten­den „Archi­tek­ten, Rechts­an­wäl­te und Ärzte müssen um ihre Renten­an­sprü­che bangen“. Und so ganz neben­bei auch viele Zins­geg­ner, die ja meist nicht gerade zur Unter­schicht zählen. „Die nied­ri­gen Zinsen sind allen­falls gut für Haus­käu­fer, die Banken und vor allem für Regie­run­gen“ schreibt DER SPIEGEL.[1] Und für Miethaie. [1 Alle Zitate aus DER SPIEGEL 192013, Titel­ge­schich­te, S. 63, 68.]

Halten wir erst einmal fest: am bishe­ri­gen Beute­sche­ma hat sich wenig geän­dert. Verlie­rer sind nach wie vor die Wert­schöp­fen­den, Arbei­ten­den, Arbeits­lo­sen, Armge­mach­ten, Allein­er­zie­hen­den,
Rent­ner und Schuld­ner. Und Gewin­ner sind nach wie vor die Besit­zen­den, Groß­gläu­bi­ger, Speku­lan­ten, Inves­to­ren, Haus­käu­fer und Miethaie. Nur etwas hat sich geän­dert: Die Regie­run­gen haben entdeckt, wie sie sich auf Kosten der Millio­nen Klein­gläu­bi­ger einen blan­ken Fuß machen können, wie sie am elegan­tes­ten ihre gewal­ti­gen Staats­schul­den auf die Bevöl­ke­run­gen abwäl­zen können. Nach
der Masche mit Rettungs­schir­men und Spar­zwang nun die mit Null­zins­po­li­tik, Infla­ti­on und priva­ter Alters­vor­sor­ge. Auch diese Masche ist uralt. Schon immer haben Staa­ten sich so ihrer Kriegs- und Krisen­schul­den entle­digt. Und deshalb ist das alles auch seit eh und je früh­zei­tig voraus­ge­sagt worden, meist von der kriti­schen Wissen­schaft und manch­mal von den jewei­li­gen Oppo­si­tio­nen der jewei­li­gen Regie­run­gen.

Grafik Nr. 30 - Helmut Creutz 0

Minuszinsen – eine Lösung unserer Probleme? – Helmut Creutz

Worum geht es? Dass die entschei­den­den Voraus­set­zun­gen für eine dauer­haf­te Absen­kung der Zinsen nur über die Zentral­ban­ken und deren Leit­zin­sen erreich­bar sind, dürfte weit­ge­hend Zustim­mung finden. Dabei geht es vor allem um jenen Haupt­re­fi­nan­zie­rungs­satz, zu dem die Banken bei der Zentral­bank Geld auslei­hen können, was in norma­len Zeiten über­wie­gend nur jeweils für eine Woche der Fall ist. Der darüber liegen­de „Spit­zen­re­fi­nan­zie­rungs­satz“ bietet den Banken die Möglich­keit, bei Bedarf noch zusätz­li­ches Geld zu erhal­ten, während der untere Einla­ge­satz den Banken ermög­licht, übri­ges Geld bei der Zentral­bank zu nied­ri­ge­ren Zinsen zu parken, was meist nur über Nacht geschieht.

Wie aus der Darstel­lung hervor­geht, wurden die beiden letzt­ge­nann­ten Zins­sät­ze, trotz aller Auf- und Abstie­ge, in der Vergan­gen­heit immer mit einem Prozent­punkt Abstand zum Haupt­re­fi­nan­zie­rungs­satz fest­ge­setzt. Im Zuge der mehr­fa­chen Abstie­ge des Haupt­sat­zes 200809, redu­zier­te man jedoch diesen Abstand, „Leit­zins­kor­ri­dor“ genannt, auf drei­vier­tel Prozent, wahr­schein­lich um bei dem unte­ren Einla­ge­satz nicht mit der Null­li­nie in Berüh­rung zu kommen! Doch als man im Juli 2012 den Leit­zins­kor­ri­dor sogar auf ein halbes Prozent absenk­te, war dieses Tabu gebro­chen: Es gab zum ersten Mal bei der Bundes­bank, bzw. der EZB, einen Null-Zins­satz! Doch bei der nach­fol­gen­den Haupt­satz-Absen­kung im Mai 2013 auf ein halbes Prozent, vermied man den nun eigent­lich anste­hen­den Durch­bruch in den Minus­be­reich erneut durch eine Redu­zie­rung der Zins­satz-Abstän­de, dies­mal auf ein halbes Prozent! – Das heißt, der Vorteil, der den Banken beim „Parken“ von Über­schüs­sen einge­räumt wird und ursprüng­lich bei einem Prozent lag, ist über drei Vier­tel nun auf ein halbes Prozent­ge­schmol­zen! – Dass mit solchen nied­ri­gen Zins­sät­zen und vor allem Zins­satz-Abstän­den auch die Steue­rungs­mög­lich­kei­ten der Zentral­ban­ken schwin­den, dürfte einleuch­ten. Deshalb wären, zumin­dest bei den Einla­ge­sät­zen, Zins­sät­ze unter Null längst über­fäl­lig.

Niko Paech bei der Jubiläumsfeier
Foto: © Pat Christ
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„Wir haben es in der Hand!“ – 10 Jahre CHIEMGAUER – Pat Christ

Gemein­sam für eine lebens­wer­te Zukunft:
3.500 Menschen enga­gie­ren sich inzwi­schen für den CHIEMGAUER. Sie wissen, so CHIEM­GAU­ER-Grün­der Chris­ti­an Gelle­ri: „Wir haben es in der Hand, ob wir etwas ändern!“ Zehn Jahre ist die in den Land­krei­sen Chiem­gau und Rosen­heim gülti­ge Regio­nal­wäh­rung inzwi­schen alt. Grund genug, einmal inne zu halten und über Chan­cen und Gren­zen von Komple­men­tär­wäh­run­gen zu disku­tie­ren. Dies taten 300 Teil­neh­mer beim 5. Regio­nal­wäh­rungs­kon­gress in Traun­stein.
Unter­neh­men, die auf nichts ande­res als auf Gewinn­ma­xi­mie­rung schau­en, werden mit dem Chiem­gau­er wenig anfan­gen können. Denn je nach­dem, was ein Betrieb produ­ziert, kostet dieses Geld mitun­ter mehr als es der Firma bringt. Was Domi­nik Sennes von der St. Leon­hards Vertriebs GmbH bei einer Podi­ums­dis­kus­si­on zum Auftakt des Kongres­ses bestä­tig­te. „Wir müssen 90 Prozent der CHIEMGAUER zurück­tau­schen“, so der Gemein­wohl­öko­nom, der bei St. Leon­hard für nach­hal­ti­ge Entwick­lung zustän­dig ist. Der Rück­tausch kostet. Dennoch sieht es die Firma als sinn­voll an, sich beim Chiem­gau­er zu betei­li­gen: „Wir wollen ein Bewusst­sein für das Geld­we­sen schaf­fen.“ …

Zum 90. Geburtstag von Helmut Creutz – versch. Gratulanten 0

Zum 90. Geburtstag von Helmut Creutz – versch. Gratulanten

Für Helmut Creutz ans andere Ende der Welt

Um Helmut kennen­zu­ler­nen, musste ich einen ziem­li­chen Umweg in Kauf nehmen. 17.717 Kilo­me­ter, um genau zu sein. Von meinem Studi­en­ort Leip­zig aus hatte es mich im Jahr 2000 nach Neusee­land verschla­gen. Dort wollte ich während eines Urlaubs­se­mes­ters mein Englisch verbes­sern. Und ich war auf der Suche nach neuen Ideen…

Helmut Creutz 2013
Foto: Privat
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Helmut Creutz – Die andere Sicht auf die Dinge

„Was ist das über­haupt für eine Wissen­schaft, in der man – abge­se­hen von weni­gen Ausnah­men – die entschei­den­den Ursa­chen unse­rer wesent­li­chen Mise­ren und Zwänge nicht wahr­nimmt und uns damit ohne gang­ba­re Auswe­ge in die Zukunft entlässt?“ Offen­bar muss man außer­halb des Wissen­schafts­be­trie­bes der Schul­öko­no­mie stehen, um seinen Blick für Zusam­men­hän­ge…