Obergrenzen ohne Fundament?
REZENSION
Eine Post-Growth-Dissertation über Einkommens- und Vermögensgrenzen – und was sie über Geld und Boden verschweigt
Es ist ein seltener Moment, wenn eine akademische Arbeit gleichzeitig intellektuell ambitioniert und empirisch fundiert ist, wenn sie radikale Ideen vertritt und doch pragmatische Wege zu ihrer Verwirklichung aufzeigt. Martin François’ Doktorarbeit über Einkommens- und Vermögensobergrenzen in Postwachstumsgesellschaften ist ein solcher Fall. Für Leserinnen und Leser der Zeitschrift Humane Wirtschaft bietet sie zahlreiche Anknüpfungspunkte – und offenbart zugleich einen bemerkenswerten blinden Fleck.
Die Diagnose: Akkumulation als Wurzel der Ungleichheit
François setzt dort an, wo Thomas Piketty aufgehört hat. Dessen berühmte Formel r > g – die Kapitalrendite übersteigt das Wirtschaftswachstum – führt laut Piketty langfristig zur Vermögenskonzentration. François akzeptiert diese Diagnose, geht aber einen Schritt weiter: Was, wenn Wachstum selbst keine Option mehr ist? In einer Welt mit schrumpfender oder stagnierender Wirtschaft – sei es aus ökologischen Gründen gewollt oder durch Ressourcenerschöpfung erzwungen – wird die Ungleichheitsfrage existenziell.
Die Arbeit zeigt überzeugend, dass die üblichen Lösungsvorschläge der Postwachstumsliteratur – moderate Vermögenssteuern und eine progressive Einkommensbesteuerung bis zu einem Satz von 50 Prozent – nicht ausreichen, um Ungleichheit in Szenarien ohne Wachstum zu bekämpfen. In makroökonomischen Simulationen, auf die sich François stützt, funktionieren diese Instrumente nur bei positivem Wachstum. Sobald die Wirtschaft stagniert, gewinnen die Vermögenden weiterhin auf Kosten der Arbeitenden – es sei denn, man greift zu radikaleren Mitteln.
François identifiziert die kapitalistische Akkumulationslogik – „accumulate or die“ – als den strukturellen Kern des Problems. Extremer Reichtum sei nicht nur sozial ungerecht, sondern auch ökologisch destruktiv, so seine Argumentation: Die reichsten ein Prozent der Menschen verursachen mehr CO2-Emissionen als die ärmste Hälfte der Menschheit. Zudem blockiert Reichtum politische Transformationen, da Superreiche überproportionalen Einfluss auf demokratische Prozesse nehmen.
Die Lösung: Obergrenzen als „archimedischer Punkt“
Für François sind Einkommens- und Vermögensobergrenzen keine bloßen Steuerverschärfungen, sondern ein Paradigmenwechsel. Er unterscheidet zwei Policy-Paradigmen: Im kapitalistischen Paradigma ist Armut das Problem (nicht Reichtum), Wachstum das Mittel und Umverteilung das Ziel. Im Postwachstums-Paradigma sind Armut und extremer Reichtum dagegen zwei Seiten derselben Medaille – beide müssen adressiert werden, da sie in einer stagnierenden Wirtschaft direkt miteinander verbunden sind. Wird einer reicher, wird ein anderer ärmer.
In der Dissertation wird ein analytischer Rahmen mit sieben Parametern zur Gestaltung von Obergrenzenpolitik entwickelt. Diese sind: Motiv, Geltungsbereich, Höhe der Grenze, Zielgruppe, Instrumente, Verwendung der Einnahmen und eingebettetes Politikpaket. Historische Fallstudien – von der römischen Agrarreform über Huey Longs „Share Our Wealth“-Bewegung bis zu Roosevelts Vorschlag einer 100-prozentigen Steuer auf Einkommen über 25.000 Dollar – zeigen, dass solche Ideen keineswegs utopisch sind, sondern in Krisenzeiten politische Zugkraft entwickeln können.
Die empirische Überraschung: Mehrheitsfähige Radikalität
Der vielleicht wichtigste Beitrag der Arbeit ist empirischer Natur. Frühere Umfragen hatten gezeigt, dass ein Maximaleinkommen in der Bevölkerung auf Ablehnung stößt –in den Niederlanden und Schweden lag die Zustimmung nur bei etwa 25 Prozent. François’ qualitative und quantitative Studien in Belgien (50 Interviews, repräsentative Umfrage mit 1.262 Teilnehmern) zeichnen jedoch ein völlig anderes Bild.
Das Ergebnis: 48 Prozent der Belgier unterstützen die Idee eines Maximaleinkommens, nur 37 Prozent lehnen sie ab. Bei gut gestalteten Vorschlägen, wie einer Grenze von 500.000 Euro Bruttojahreseinkommen mit einem Steuersatz von 90 Prozent, steigt die Zustimmung sogar auf bis zu 65 Prozent.
François’ Schlussfolgerung ist bedeutsam: Die scheinbare Unpopularität solcher Maßnahmen liegt nicht in der Idee selbst begründet, sondern resultiert aus schlechtem Policy-Design und mangelndem Verständnis. Erhält man eine detaillierte Beschreibung, verdoppelt sich die Zustimmung. Dies hat Implikationen, die weit über das Maximaleinkommen hinausgehen. Vielleicht sind auch andere „radikale“ Ideen wie individuelle Flugkontingente, Fleischsteuern oder eben Geld- und Bodenreformen populärer als gedacht – man muss sie nur richtig erklären.
Der blinde Fleck: Wo sind Geld und Boden?
Hier beginnt die kritische Würdigung für unsere Leserschaft. François identifiziert r > g als Problem, stellt jedoch nicht die Frage: Warum ist r strukturell größer als g? Die Freiwirtschaft hat darauf seit über einem Jahrhundert eine Antwort: Die Liquiditätsprämie des Geldes (der Zins als Preis für Liquiditätsverzicht) und die Bodenrente (ein leistungsloses Einkommen aus Landbesitz) sind die institutionellen Wurzeln der Akkumulation.
In der 280-seitigen Dissertation wird keines der folgenden Themen erwähnt: Geldschöpfung durch Geschäftsbanken, Modern Monetary Theory, Silvio Gesell, Freigeld, Umlaufsicherung, Bodenwertsteuer, Henry George, Georgismus oder den Unterschied zwischen „earned“ und „unearned income“. Das Wort „Zins“ kommt zwar 68-mal vor, aber nicht als ökonomische Kategorie.
Diese Leerstelle ist symptomatisch für den gesamten Postwachstumsdiskurs, in dem monetäre Institutionen systematisch ausgeblendet werden. François behandelt „Vermögen“ als homogene Masse, ohne zwischen produktivem Kapital, Finanzanlagen und Bodenbesitz zu unterscheiden. Doch gerade diese Unterscheidung ist wesentlich: Ein Unternehmer, der durch Innovation reich wird, steht in einer anderen ethischen und ökonomischen Kategorie als ein Grundbesitzer, der von steigenden Bodenpreisen profitiert, ohne etwas geleistet zu haben.
Symptom oder Ursache?
Man könnte François’ Ansatz mit dem eines Arztes vergleichen, der das Fieber behandelt, aber die zugrunde liegende Infektion nicht untersucht. Einkommens- und Vermögensobergrenzen sind Umverteilungsinstrumente, die nachträglich korrigieren, was in der Primärverteilung schiefgelaufen ist. Geld- und Bodenreformen sind dagegen Prädistributionsinstrumente, die die Bedingungen, unter denen Einkommen und Vermögen entstehen, so verändern, dass extreme Ungleichheit gar nicht erst entsteht.
Konkret:
Eine Bodenwertsteuer würde die leistungslose Bodenrente abschöpfen, die historisch ein Haupttreiber der Vermögenskonzentration war. François erwähnt zwar die Begriffe „real estate“ und „housing“, jedoch nur deskriptiv und nie als eigenständige Problemkategorie.
Eine Umlaufsicherung (Demurrage/Freigeld) würde die Liquiditätsprämie des Geldes beseitigen und somit den Zins als Mechanismus der Umverteilung von Arbeit zu Kapital verringern. Dies würde sich direkt auf die Variable r in Pikettys Formel auswirken.
Durch beide Reformen würde sich die Primärverteilung so verändern, dass Einkommensobergrenzen entweder weniger drastisch ausfallen müssten oder sogar überflüssig würden. Sie würden die Akkumulationslogik nicht begrenzen, sondern transformieren.
Warum dieser blinde Fleck?
François’ Auslassung ist keine individuelle Schwäche, sondern spiegelt eine breitere Tendenz wider. Die ökologische Ökonomie, in der er sich verortet, hatte historisch wenig Kontakt zur heterodoxen Geldtheorie. Selbst Piketty, auf den sich François intensiv stützt, behandelt das Geldsystem als gegebene Institution und nicht als Reformobjekt. Und die Postwachstumsbewegung fokussiert sich auf reale Größen (Ressourcenverbrauch, CO₂) statt auf monetäre Mechanismen.
Das ist zwar verständlich, aber dennoch unbefriedigend. Denn gerade François’ eigene theoretische Referenz, Herman Dalys Steady-State-Ökonomie – hatte historische Verbindungen zur Freiwirtschaft. Daly zitierte Gesell positiv und plädierte für institutionelle Obergrenzen, die sowohl Einkommen als auch Vermögen betreffen. Diese Traditionslinie ist in der modernen Postwachstumsliteratur weitgehend abgerissen.
Brücken bauen: Komplementarität statt Konkurrenz
Die Kritik sollte nicht missverstanden werden. François’ Arbeit ist kein Irrweg, sondern eine unvollständige Karte. Seine Diagnose der kapitalistischen Akkumulationslogik ist mit freiwirtschaftlichen Analysen voll kompatibel. Seine Forderung nach einem Paradigmenwechsel – weg vom „Fieber behandeln“, hin zum „Infektion heilen“ – ebnet den Weg für tiefgreifende strukturelle Reformen. Und seine empirischen Methoden bieten ein Vorbild für die Erforschung der öffentlichen Akzeptanz von Geld- und Bodenreformen.
Die zentrale Frage lautet: Wie lassen sich die verschiedenen Ansätze miteinander verbinden?
Ein möglicher Ansatz ist François’ Policy-Matrix (Seite 239), die konkrete Handlungsfelder für Zivilgesellschaft, Unternehmen und Staat auflistet. Da Geld- und Bodenreform hier vollständig fehlen, könnten sie als vorgelagerte Maßnahmen ergänzt werden, die Einkommensobergrenzen erst wirksam machen oder ersetzen.
Ein anderer Ansatz: François zeigt, dass gut erklärte radikale Ideen mehrheitsfähig sein können. Seine explorative Mixed-Methods-Forschung, die qualitative Interviews und quantitative Vignetten-Experimente umfasst, ließe sich direkt auf die Bodenwertsteuer oder Geldreform übertragen. Wie hoch wäre die Akzeptanz einer Bodenwertsteuer bei detaillierter Erklärung? Wie würde die Zustimmung variieren, je nachdem, ob man von „Grundsteuer“, „Bodenrente“ oder „leistungslosem Einkommen“ spricht?
Einladung zum Dialog
François beschreibt sich selbst als „radical bricoleur“ – jemand, der tiefgreifenden Wandel will, aber pragmatisch mit bestehenden Institutionen arbeitet. Er positioniert seine Arbeit explizit in der „Dekonstruktionsphase“ eines Paradigmenwechsels. Es gehe darum, „intellektuelle Munition“ für die Kritik des bestehenden Systems zu entwickeln.
In diesem Sinne möchte ich einen Dialog vorschlagen. Die Geld- und Bodenreform-Bewegung könnte der Postwachstumsdebatte zeigen, dass ihre Diagnose – die Akkumulation als Problem – tiefer reicht, als sie selbst erkennt. Sie könnte nachweisen, dass monetäre Mechanismen und Bodenrente die Transmissionsriemen sind, über die r > g wirkt. Zudem könnte sie argumentieren, dass Einkommensobergrenzen ohne Geld- und Bodenreform ein Sisyphus-Kampf bleiben. Man schöpft ab, was sich immer wieder neu bildet.
Umgekehrt kann die Geld- und Bodenreform-Bewegung von François lernen: von seinen empirischen Methoden zur Akzeptanzforschung, seinem Fokus auf Policy-Design und seinen strategischen Überlegungen zur schrittweisen Implementierung. Vielleicht wäre eine Bodenwertsteuer populärer, wenn man mit hohen Freibeträgen beginnen würde? Lässt sich Umlaufsicherung besser vermitteln, wenn man sie als „Geldkreislauf-Gebühr“ oder „Fließimpuls“ statt als „Negativzins“ definiert?
Fazit: Eine notwendige Arbeit, die jedoch noch ergänzt werden müsste
Martin François hat mit seiner Dissertation eindrucksvoll aufgezeigt, wie Einkommens- und Vermögensobergrenzen aus dem Bereich der Utopie in den Bereich des politisch Möglichen rückt. Seine Arbeit ist theoretisch fundiert, empirisch innovativ und strategisch durchdacht. Für die Postwachstumsbewegung ist sie ein Meilenstein.
Für Leserinnen und Leser der Humane Wirtschaft ist sie zugleich eine Einladung und eine Herausforderung. Die Einladung: Hier ist eine akademische Arbeit, die strukturelles Denken und radikale Reformideen mit empirischer Forschung verbindet und somit als Vorbild für die eigene Arbeit dienen kann. Die Herausforderung: Warum sind unsere Ideen der Postwachstumsbewegung nicht bekannt? Wie können wir Brücken bauen?
François schließt seine Arbeit mit einem Zitat von Victor Hugo: „On résiste à l’invasion des armées; on ne résiste pas à l’invasion des idées“ – Man widersteht der Invasion von Armeen, aber nicht der Invasion von Ideen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass die Ideen von Gesell und George wieder in die akademische Debatte einfließen. François’ Dissertation zeigt: Die Türen stehen offen.



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