Obergrenzen ohne Fundament?

REZENSION

Eine Post-Growth-Disser­ta­ti­on über Einkom­mens- und Vermö­gens­gren­zen – und was sie über Geld und Boden verschweigt

Martin Fran­çois: Addres­sing Inequa­li­ty in Post-growth Socie­ties. A Prag­ma­tist Inquiry into the Reali­sa­ti­on of Income and Wealth Limits. Disser­ta­ti­on, Univer­si­tät Lüttich, 2025, 280 Seiten.

Es ist ein selte­ner Moment, wenn eine akade­mi­sche Arbeit gleich­zei­tig intel­lek­tu­ell ambi­tio­niert und empi­risch fundiert ist, wenn sie radi­ka­le Ideen vertritt und doch prag­ma­ti­sche Wege zu ihrer Verwirk­li­chung aufzeigt. Martin Fran­çois’ Doktor­ar­beit über Einkom­mens- und Vermö­gens­ober­gren­zen in Post­wachs­tums­ge­sell­schaf­ten ist ein solcher Fall. Für Lese­rin­nen und Leser der Zeit­schrift Humane Wirt­schaft bietet sie zahl­rei­che Anknüp­fungs­punk­te – und offen­bart zugleich einen bemer­kens­wer­ten blin­den Fleck.

Engli­sche Version

Die Diagnose: Akkumulation als Wurzel der Ungleichheit

Fran­çois setzt dort an, wo Thomas Piket­ty aufge­hört hat. Dessen berühm­te Formel r > g – die Kapi­tal­ren­di­te über­steigt das Wirt­schafts­wachs­tum – führt laut Piket­ty lang­fris­tig zur Vermö­gens­kon­zen­tra­ti­on. Fran­çois akzep­tiert diese Diagno­se, geht aber einen Schritt weiter: Was, wenn Wachs­tum selbst keine Option mehr ist? In einer Welt mit schrump­fen­der oder stagnie­ren­der Wirt­schaft – sei es aus ökolo­gi­schen Grün­den gewollt oder durch Ressour­cen­er­schöp­fung erzwun­gen – wird die Ungleich­heits­fra­ge existenziell.

Die Arbeit zeigt über­zeu­gend, dass die übli­chen Lösungs­vor­schlä­ge der Post­wachs­tums­li­te­ra­tur – mode­ra­te Vermö­gens­steu­ern und eine progres­si­ve Einkom­mens­be­steue­rung bis zu einem Satz von 50 Prozent – nicht ausrei­chen, um Ungleich­heit in Szena­ri­en ohne Wachs­tum zu bekämp­fen. In makro­öko­no­mi­schen Simu­la­tio­nen, auf die sich Fran­çois stützt, funk­tio­nie­ren diese Instru­men­te nur bei posi­ti­vem Wachs­tum. Sobald die Wirt­schaft stagniert, gewin­nen die Vermö­gen­den weiter­hin auf Kosten der Arbei­ten­den – es sei denn, man greift zu radi­ka­le­ren Mitteln.

Fran­çois iden­ti­fi­ziert die kapi­ta­lis­ti­sche Akku­mu­la­ti­ons­lo­gik – „accu­mu­la­te or die“ – als den struk­tu­rel­len Kern des Problems. Extre­mer Reich­tum sei nicht nur sozial unge­recht, sondern auch ökolo­gisch destruk­tiv, so seine Argu­men­ta­ti­on: Die reichs­ten ein Prozent der Menschen verur­sa­chen mehr CO2-Emis­sio­nen als die ärmste Hälfte der Mensch­heit. Zudem blockiert Reich­tum poli­ti­sche Trans­for­ma­tio­nen, da Super­rei­che über­pro­por­tio­na­len Einfluss auf demo­kra­ti­sche Prozes­se nehmen.

Die Lösung: Obergrenzen als „archimedischer Punkt“

Für Fran­çois sind Einkom­mens- und Vermö­gens­ober­gren­zen keine bloßen Steu­er­ver­schär­fun­gen, sondern ein Para­dig­men­wech­sel. Er unter­schei­det zwei Policy-Para­dig­men: Im kapi­ta­lis­ti­schen Para­dig­ma ist Armut das Problem (nicht Reich­tum), Wachs­tum das Mittel und Umver­tei­lung das Ziel. Im Post­wachs­tums-Para­dig­ma sind Armut und extre­mer Reich­tum dage­gen zwei Seiten dersel­ben Medail­le – beide müssen adres­siert werden, da sie in einer stagnie­ren­den Wirt­schaft direkt mitein­an­der verbun­den sind. Wird einer reicher, wird ein ande­rer ärmer.

In der Disser­ta­ti­on wird ein analy­ti­scher Rahmen mit sieben Para­me­tern zur Gestal­tung von Ober­gren­zen­po­li­tik entwi­ckelt. Diese sind: Motiv, Geltungs­be­reich, Höhe der Grenze, Ziel­grup­pe, Instru­men­te, Verwen­dung der Einnah­men und einge­bet­te­tes Poli­tik­pa­ket. Histo­ri­sche Fall­stu­di­en – von der römi­schen Agrar­re­form über Huey Longs „Share Our Wealth“-Bewegung bis zu Roose­velts Vorschlag einer 100-prozen­ti­gen Steuer auf Einkom­men über 25.000 Dollar – zeigen, dass solche Ideen keines­wegs utopisch sind, sondern in Krisen­zei­ten poli­ti­sche Zugkraft entwi­ckeln können.

Die empirische Überraschung: Mehrheitsfähige Radikalität

Der viel­leicht wich­tigs­te Beitrag der Arbeit ist empi­ri­scher Natur. Frühe­re Umfra­gen hatten gezeigt, dass ein Maxi­mal­ein­kom­men in der Bevöl­ke­rung auf Ableh­nung stößt –in den Nieder­lan­den und Schwe­den lag die Zustim­mung nur bei etwa 25 Prozent. Fran­çois’ quali­ta­ti­ve und quan­ti­ta­ti­ve Studi­en in Belgi­en (50 Inter­views, reprä­sen­ta­ti­ve Umfra­ge mit 1.262 Teil­neh­mern) zeich­nen jedoch ein völlig ande­res Bild.

Das Ergeb­nis: 48 Prozent der Belgi­er unter­stüt­zen die Idee eines Maxi­mal­ein­kom­mens, nur 37 Prozent lehnen sie ab. Bei gut gestal­te­ten Vorschlä­gen, wie einer Grenze von 500.000 Euro Brut­to­jah­res­ein­kom­men mit einem Steu­er­satz von 90 Prozent, steigt die Zustim­mung sogar auf bis zu 65 Prozent.

Fran­çois’ Schluss­fol­ge­rung ist bedeut­sam: Die schein­ba­re Unpo­pu­la­ri­tät solcher Maßnah­men liegt nicht in der Idee selbst begrün­det, sondern resul­tiert aus schlech­tem Policy-Design und mangeln­dem Verständ­nis. Erhält man eine detail­lier­te Beschrei­bung, verdop­pelt sich die Zustim­mung. Dies hat Impli­ka­tio­nen, die weit über das Maxi­mal­ein­kom­men hinaus­ge­hen. Viel­leicht sind auch andere „radi­ka­le“ Ideen wie indi­vi­du­el­le Flug­kon­tin­gen­te, Fleisch­steu­ern oder eben Geld- und Boden­re­for­men popu­lä­rer als gedacht – man muss sie nur rich­tig erklären.

Der blinde Fleck: Wo sind Geld und Boden?

Hier beginnt die kriti­sche Würdi­gung für unsere Leser­schaft. Fran­çois iden­ti­fi­ziert r > g als Problem, stellt jedoch nicht die Frage: Warum ist r struk­tu­rell größer als g? Die Frei­wirt­schaft hat darauf seit über einem Jahr­hun­dert eine Antwort: Die Liqui­di­täts­prä­mie des Geldes (der Zins als Preis für Liqui­di­täts­ver­zicht) und die Boden­ren­te (ein leis­tungs­lo­ses Einkom­men aus Land­be­sitz) sind die insti­tu­tio­nel­len Wurzeln der Akkumulation.

In der 280-seiti­gen Disser­ta­ti­on wird keines der folgen­den Themen erwähnt: Geld­schöp­fung durch Geschäfts­ban­ken, Modern Mone­ta­ry Theory, Silvio Gesell, Frei­geld, Umlauf­si­che­rung, Boden­wert­steu­er, Henry George, Geor­gis­mus oder den Unter­schied zwischen „earned“ und „unear­ned income“. Das Wort „Zins“ kommt zwar 68-mal vor, aber nicht als ökono­mi­sche Kategorie.

Diese Leer­stel­le ist sympto­ma­tisch für den gesam­ten Post­wachs­tums­dis­kurs, in dem mone­tä­re Insti­tu­tio­nen syste­ma­tisch ausge­blen­det werden. Fran­çois behan­delt „Vermö­gen“ als homo­ge­ne Masse, ohne zwischen produk­ti­vem Kapi­tal, Finanz­an­la­gen und Boden­be­sitz zu unter­schei­den. Doch gerade diese Unter­schei­dung ist wesent­lich: Ein Unter­neh­mer, der durch Inno­va­ti­on reich wird, steht in einer ande­ren ethi­schen und ökono­mi­schen Kate­go­rie als ein Grund­be­sit­zer, der von stei­gen­den Boden­prei­sen profi­tiert, ohne etwas geleis­tet zu haben.

Symptom oder Ursache?

Man könnte Fran­çois’ Ansatz mit dem eines Arztes verglei­chen, der das Fieber behan­delt, aber die zugrun­de liegen­de Infek­ti­on nicht unter­sucht. Einkom­mens- und Vermö­gens­ober­gren­zen sind Umver­tei­lungs­in­stru­men­te, die nach­träg­lich korri­gie­ren, was in der Primär­ver­tei­lung schief­ge­lau­fen ist. Geld- und Boden­re­for­men sind dage­gen Prädis­tri­bu­ti­ons­in­stru­men­te, die die Bedin­gun­gen, unter denen Einkom­men und Vermö­gen entste­hen, so verän­dern, dass extre­me Ungleich­heit gar nicht erst entsteht.

Konkret:

Eine Boden­wert­steu­er würde die leis­tungs­lo­se Boden­ren­te abschöp­fen, die histo­risch ein Haupt­trei­ber der Vermö­gens­kon­zen­tra­ti­on war. Fran­çois erwähnt zwar die Begrif­fe „real estate“ und „housing“, jedoch nur deskrip­tiv und nie als eigen­stän­di­ge Problemkategorie.

Eine Umlauf­si­che­rung (Demurrage/Freigeld) würde die Liqui­di­täts­prä­mie des Geldes besei­ti­gen und somit den Zins als Mecha­nis­mus der Umver­tei­lung von Arbeit zu Kapi­tal verrin­gern. Dies würde sich direkt auf die Varia­ble r in Piket­tys Formel auswirken.

Durch beide Refor­men würde sich die Primär­ver­tei­lung so verän­dern, dass Einkom­mens­ober­gren­zen entwe­der weni­ger dras­tisch ausfal­len müss­ten oder sogar über­flüs­sig würden. Sie würden die Akku­mu­la­ti­ons­lo­gik nicht begren­zen, sondern trans­for­mie­ren.

Warum dieser blinde Fleck?

Fran­çois’ Auslas­sung ist keine indi­vi­du­el­le Schwä­che, sondern spie­gelt eine brei­te­re Tendenz wider. Die ökolo­gi­sche Ökono­mie, in der er sich veror­tet, hatte histo­risch wenig Kontakt zur hete­ro­do­xen Geld­theo­rie. Selbst Piket­ty, auf den sich Fran­çois inten­siv stützt, behan­delt das Geld­sys­tem als gege­be­ne Insti­tu­ti­on und nicht als Reform­ob­jekt. Und die Post­wachs­tums­be­we­gung fokus­siert sich auf reale Größen (Ressour­cen­ver­brauch, CO₂) statt auf mone­tä­re Mechanismen.

Das ist zwar verständ­lich, aber dennoch unbe­frie­di­gend. Denn gerade Fran­çois’ eigene theo­re­ti­sche Refe­renz,  Herman Dalys Steady-State-Ökono­mie – hatte histo­ri­sche Verbin­dun­gen zur Frei­wirt­schaft. Daly zitier­te Gesell posi­tiv und plädier­te für insti­tu­tio­nel­le Ober­gren­zen, die sowohl Einkom­men als auch Vermö­gen betref­fen. Diese Tradi­ti­ons­li­nie ist in der moder­nen Post­wachs­tums­li­te­ra­tur weit­ge­hend abgerissen.

Brücken bauen: Komplementarität statt Konkurrenz

Die Kritik sollte nicht miss­ver­stan­den werden. Fran­çois’ Arbeit ist kein Irrweg, sondern eine unvoll­stän­di­ge Karte. Seine Diagno­se der kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­lo­gik ist mit frei­wirt­schaft­li­chen Analy­sen voll kompa­ti­bel. Seine Forde­rung nach einem Para­dig­men­wech­sel – weg vom „Fieber behan­deln“, hin zum „Infek­ti­on heilen“ – ebnet den Weg für tief­grei­fen­de struk­tu­rel­le Refor­men. Und seine empi­ri­schen Metho­den bieten ein Vorbild für die Erfor­schung der öffent­li­chen Akzep­tanz von Geld- und Bodenreformen.

Die zentra­le Frage lautet: Wie lassen sich die verschie­de­nen Ansät­ze mitein­an­der verbinden?

Ein mögli­cher Ansatz ist Fran­çois’ Policy-Matrix (Seite 239), die konkre­te Hand­lungs­fel­der für Zivil­ge­sell­schaft, Unter­neh­men und Staat auflis­tet. Da Geld- und Boden­re­form hier voll­stän­dig fehlen, könn­ten sie als vorge­la­ger­te Maßnah­men ergänzt werden, die Einkom­mens­ober­gren­zen erst wirk­sam machen oder ersetzen.

Ein ande­rer Ansatz: Fran­çois zeigt, dass gut erklär­te radi­ka­le Ideen mehr­heits­fä­hig sein können. Seine explo­ra­ti­ve Mixed-Methods-Forschung, die quali­ta­ti­ve Inter­views und quan­ti­ta­ti­ve Vignet­ten-Expe­ri­men­te umfasst, ließe sich direkt auf die Boden­wert­steu­er oder Geld­re­form über­tra­gen. Wie hoch wäre die Akzep­tanz einer Boden­wert­steu­er bei detail­lier­ter Erklä­rung? Wie würde die Zustim­mung vari­ie­ren, je nach­dem, ob man von „Grund­steu­er“, „Boden­ren­te“ oder „leis­tungs­lo­sem Einkom­men“ spricht?

Einladung zum Dialog

Fran­çois beschreibt sich selbst als „radi­cal bricoleur“ – jemand, der tief­grei­fen­den Wandel will, aber prag­ma­tisch mit bestehen­den Insti­tu­tio­nen arbei­tet. Er posi­tio­niert seine Arbeit expli­zit in der „Dekon­struk­ti­ons­pha­se“ eines Para­dig­men­wech­sels. Es gehe darum, „intel­lek­tu­el­le Muni­ti­on“ für die Kritik des bestehen­den Systems zu entwickeln.

In diesem Sinne möchte ich einen Dialog vorschla­gen. Die Geld- und Boden­re­form-Bewe­gung könnte der Post­wachs­tums­de­bat­te zeigen, dass ihre Diagno­se – die Akku­mu­la­ti­on als Problem – tiefer reicht, als sie selbst erkennt. Sie könnte nach­wei­sen, dass mone­tä­re Mecha­nis­men und Boden­ren­te die Trans­mis­si­ons­rie­men sind, über die r > g wirkt. Zudem könnte sie argu­men­tie­ren, dass Einkom­mens­ober­gren­zen ohne Geld- und Boden­re­form ein Sisy­phus-Kampf blei­ben. Man schöpft ab, was sich immer wieder neu bildet.

Umge­kehrt kann die Geld- und Boden­re­form-Bewe­gung von Fran­çois lernen: von seinen empi­ri­schen Metho­den zur Akzep­tanz­for­schung, seinem Fokus auf Policy-Design und seinen stra­te­gi­schen Über­le­gun­gen zur schritt­wei­sen Imple­men­tie­rung. Viel­leicht wäre eine Boden­wert­steu­er popu­lä­rer, wenn man mit hohen Frei­be­trä­gen begin­nen würde? Lässt sich Umlauf­si­che­rung besser vermit­teln, wenn man sie als „Geld­kreis­lauf-Gebühr“ oder „Fließ­im­puls“ statt als „Nega­tiv­zins“ definiert?

Fazit: Eine notwendige Arbeit, die jedoch noch ergänzt werden müsste

Martin Fran­çois hat mit seiner Disser­ta­ti­on eindrucks­voll aufge­zeigt, wie Einkom­mens- und Vermö­gens­ober­gren­zen aus dem Bereich der Utopie in den Bereich des poli­tisch Mögli­chen rückt. Seine Arbeit ist theo­re­tisch fundiert, empi­risch inno­va­tiv und stra­te­gisch durch­dacht. Für die Post­wachs­tums­be­we­gung ist sie ein Meilenstein.

Für Lese­rin­nen und Leser der Humane Wirt­schaft ist sie zugleich eine Einla­dung und eine Heraus­for­de­rung. Die Einla­dung: Hier ist eine akade­mi­sche Arbeit, die struk­tu­rel­les Denken und radi­ka­le Reform­ideen mit empi­ri­scher Forschung verbin­det und somit als Vorbild für die eigene Arbeit dienen kann. Die Heraus­for­de­rung: Warum sind unsere Ideen der Post­wachs­tums­be­we­gung nicht bekannt? Wie können wir Brücken bauen?

Fran­çois schließt seine Arbeit mit einem Zitat von Victor Hugo: „On résis­te à l’in­va­si­on des armées; on ne résis­te pas à l’in­va­si­on des idées“ – Man wider­steht der Inva­si­on von Armeen, aber nicht der Inva­si­on von Ideen. Viel­leicht ist es an der Zeit, dass die Ideen von Gesell und George wieder in die akade­mi­sche Debat­te einflie­ßen. Fran­çois’ Disser­ta­ti­on zeigt: Die Türen stehen offen.

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