In der Bahn – Ein Gedicht von Jill Sorge

Drück’ dich aus, drück’ dich nicht ein!
Seelen schwei­gen, wollen schrei­en
In der Bahn die Menschen sitzen
Seh’ vor Angst die Stir­nen schwit­zen
Sehe ihnen ins Gesicht –
Ohne Freude, ohne Licht

Mit den Augen scharf und wach blickt man in des Menschen Kind
Sehe gleich und möchte wissen, weshalb sie so ferne sind

Will befrei­en das Gegen­über
Durch den Blick das Rad anhal­ten,
Doch man steht ja aber drüber
Soll­ten wir nicht Ruhe walten…
… Lassen?
Da man ja alles hinbe­kommt
Einfach ist es doch zu hassen

Höre auf der Affen Lied
Frag mich, ob noch jemand sieht
Habe Angst zu viel zu rütteln
Könnte wecken, könnte schüt­teln
Doch die Konven­ti­on verlangt
sich raus­zu­hal­ten,
sozu­sa­gen abzu­schal­ten –
Stand­by-Modus für den Drang
Geb’ ich mich halt hin dem Zwang,
Sodass man bangt,
Dass man so unsag­bar bangt, dem zu folgen, was man will
Was man glaubt, das macht uns still
Stumme Wesen wandeln um
Doch warum, sind alle dumm?
Nein! sag ich und
Seh’ gescheit
Es ist nur des Menschen Leid,
Dass ein Bild er sich ersinnt
Und das Wesen, das er ist,
Er unglaub­lich gern vergisst

Verges­sen ist kein Meis­ter­stück
Und wirft immer dich zurück
Wenn du in die Ferne siehst
Und dich deinen seli­gen Genüs­sen
Hinge­ben willst und musst und kannst
Willst du baden in den Flüs­sen
Doch die Moral, so wahr sie sei
Du darfst es nicht! Es ist vorbei!
Halt nicht inne! Sei geschickt!
Wesen um des Wesens willen
Wird hier ungern nur erblickt
Und das, obwohl es außer­or­dent­lich entzückt

Und drum wandeln wir umher
Wollen mehr, unsag­bar mehr.
Keiner jemals lässt
Los…
Hält des Bannes Zügel fest
Bloß
Besser-schnel­ler-weiter-mehr!
Gib mir was, sonst bin ich leer!

Wenn ich sehe, was man tut,
Was man tut, um da zu sein.
Seelen schrei­en nach Gehör.
Schrei­en lauter –
gar nicht mehr.

In den Zügen des Gesichts
Erblickst du Schmer­zen, Leid, Gewicht.
Alle schrei­en, fiebern, wüten,
Doch mit voll­ge­pack­ten Tüten
Wandeln sie den Weg entlang –
Von der Stadt bin hin zur Bahn.

Ihres Lebens über­drüs­sig.
Leben scheint so über­flüs­sig.

Wenn du einst im Bilde warst,
gebil­det bist
und nie vergisst,
Wenn du stän­dig denken kannst
und zur Klage dich ermannst.
Dies scheint als des Menschen Ziel.
Ich will mehr, suche so sehr.
Darum braucht man mäch­tig viel.
Hören kann dich keiner mehr.

Nur den eige­nen Schrei verneh­men,
doch zugleich sooft erwäh­nen,
was du kannst, du willst, du musst.
Wozu hast du wirk­lich Lust?
Wo kannst du dich wieder­se­hen?
Und dann wahr­haft aufrecht gehen?
Was ist deines Wesens Wunsch?

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