In Wuppertal entsteht ein Lernort – Andreas Bangemann

Anna lebt in Wupper­tal und nahm 2014 am Sommer­camp teil, das auf dem Gelän­de der Silvio-Gesell-Tagungs­stät­te rund um die dorti­ge Frei­licht­büh­ne statt­fand. Das Programm und die außer­ge­wöhn­li­che Konzep­ti­on der Veran­stal­tung lock­ten Gäste aus vielen Ländern an. Ein Film­team des WDR kam einen Tag zu Dreh­auf­nah­men für einen Kurz­be­richt im regio­na­len Fern­se­hen. Neben körper­li­chem Einsatz bei den Arbei­ten am Wieder­auf­bau des Amphi­thea­ters gab es Ange­bo­te zu Work­shops, um persön­li­che künst­le­ri­sche Fähig­kei­ten zu entde­cken. Man zelte­te, orga­ni­sier­te das Kochen selbst und genoss die gemein­sa­men Stun­den. Wissens­ver­mitt­lung und gesel­li­ge Abende verhal­fen dem Camp am Ende zum Erfolg. Auch Anna empfand das so und sorgte durch eine spon­ta­ne Antwort während eines Work­shops für den Rahmen zum Sommer­camp 2015.

Holger Kreft, Mitar­bei­ter der Kern­grup­pe und Mitin­itia­tor der konzi­pier­ten Bildungs­ein­rich­tung, fragte im Work­shop, bei dem er die Idee des zukünf­ti­gen Lern­orts vorstell­te, die anwe­sen­den Teil­neh­mer, wie das Ange­bot einer Bildungs­stät­te ausse­hen müsste, um Bildung mit krea­ti­ver Zukunfts­ge­stal­tung zu verknüp­fen. Wie macht man ein Bildungs­an­ge­bot attrak­tiv?

Anna gab zur Antwort: „Sommer­camp das ganze Jahr“.

So kam es, dass das für den Zeit­raum von 13. bis 26. Juli 2015 geplan­te zweite Sommer­camp zu einem beispiel­haf­ten „Kurz­se­mes­ter“ des künf­ti­gen Jahres­an­ge­bots werden wird.

Kolleg, Künst­ler­werk­statt, Freier Lern­ort, Denk­fa­brik, Gärraum für Exis­tenz­grün­dun­gen und Lebens­ort. Das soll nach Maßga­be der Mitwir­ken­den des derzei­ti­gen Kern­teams die neue Einrich­tung umschrei­ben. „Prozess­ori­en­tier­tes Lernen ist die direk­te Verbin­dung von Lernen und prak­ti­scher Anwen­dung. Wir lernen nicht mehr für ein späte­res Leben, sondern wir leben, was wir lernen.“

Ein projekt­be­zo­ge­nes Lern­um­feld, in dem Raum bleibt, die hinzu­zie­hen­de Kompe­tenz in selbst­or­ga­ni­sie­ren­den Prozes­sen zu ermög­li­chen. Die Kompo­si­ti­on der Lern­in­hal­te soll nach den Vorstel­lun­gen des Planungs­teams die Einzig­ar­tig­keit des Lern­orts ausma­chen.

Denk­wei­sen sind etabliert, wonach dem Teilen (Sharing) in der Wirt­schaft eine Zukunfts­per­spek­ti­ve gege­ben wird. Erkenn­bar ist jedoch, dass die sich durch­set­zen­den und erfolg­rei­chen Projek­te doch wieder dem domi­nie­ren­den Gesamt­sys­tem dien­lich sind, das man im Grunde genom­men verän­dern will. So landen koope­ra­ti­ve Model­le am Ende wieder im vernich­ten­den Konkur­renz­kampf des auf Knapp­heit ausge­rich­te­ten Kapi­ta­lis­mus­den­kens.

Carsha­ring, Inter­net-Taxi­an­ge­bo­te auf priva­ter Basis wie „Uber“, zeit­lich begrenz­tes Wohnen (z. B. AirBnB); alles Ange­bo­te, die am Ende kaum das zu Über­win­den­de verrin­gern, sondern viel­mehr zusätz­li­che Kauf­an­ge­bo­te sorgen und dadurch dem ressour­cen­ver­brau­chen­den Wirt­schaf­ten weite­re Wachs­tums­schü­be verschaf­fen. Um eine solche Entwick­lung zu stop­pen und zu einer nach­hal­ti­gen, an orga­ni­schem Leben Beispiel nehmen­den zu gelan­gen, braucht es Bildungs­ein­rich­tun­gen, die Lebens­mo­del­le mit Verän­de­rungs­po­ten­tia­len hinsicht­lich des prägen­den Gesamt­sys­tems verknüp­fen. Das Konkre­te tun und damit das zur Zeit Bestim­men­de bewusst verän­dern.

Dieses Ansin­nen lässt sich bewerk­stel­li­gen, wenn man das Geld­sys­tem und seinen Einfluss auf alles Wirt­schaf­ten im Blick behält. Genau das soll bei den Projek­ten des geplan­ten Lern­orts eine entschei­den­de Maßga­be sein.

Mitin­itia­tor Holger Kreft ergänzt:

Und dabei ist auch zu fragen, welche unse­rer ganz persön­li­chen Denk- und Hand­lungs­mus­ter denn diese oft extrem ressour­cen­zeh­ren­den und menschen­un­freund­li­chen Wirt­schafts- und Gesell­schafts­struk­tu­ren tragen oder gar beför­dern. Welche unse­rer indi­vi­du­el­len Routi­nen sind nicht lebens-, gemein­schafts- und zukunfts­dien­lich? Wie können wir statt­des­sen neue ange­mes­se­ne­re Verhal­tens­mus­ter entwi­ckeln, auspro­bie­ren, verbes­sern und einüben, die dann auch andere Struk­tu­ren hervor­brin­gen? Welche Anrei­ze sind falsch gesetzt? „Trans­for­ma­ti­on beginnt mit persön­li­cher Verän­de­rung. Die Verbin­dung mit sich selbst ermög­licht erst die Verbin­dung mit ande­ren Menschen und der Welt“ (in Anleh­nung an Pieter Spin­der, Know­mads Busi­ness School Amster­dam). Die Lernen­den sollen die Möglich­keit bekom­men, sich selbst besser kennen­zu­ler­nen und sich zu stär­ken, um den künf­ti­gen Heraus­for­de­run­gen mit Lust, Enga­ge­ment, Krea­ti­vi­tät und Kompe­tenz begeg­nen zu können.

Die Schlag­wor­te, die das zukünf­ti­ge Spek­trum der Bildungs­ar­beit prägen, heißen dementspre­chend:

• Geld, Zeit und Wirt­schaft • Erschaf­fen von Werten • Verant­wor­tungs­vol­ler Umgang mit Ressour­cen • Nach­hal­tig­keit und Wachs­tum • Persön­lich­keits­ent­fal­tung • Bewusst­sein • Kunst und Kultur • Körper­li­che Bewe­gung • Ernäh­rung • Neue Metho­den für Bildung und Gemein­schafts­pro­zes­se • Team­bil­dung
• Entwick­lung resi­li­en­ter Gelin­gens­mo­del­le

Es ist geplant, dauer­haf­te Studi­en­gän­ge eng an konkre­te Projek­te zu knüp­fen, die am Ende zu Gelin­gens­mo­del­len führen, statt zu Geschäfts­mo­del­len im herkömm­li­chen Sinn. Die dazu­ge­hö­ren­den Prozes­se beglei­ten und gestal­ten die Lernen­den. Das macht sie auf beson­de­re Weise fähig, Erfah­run­gen in andere Berei­che hinein­zu­tra­gen, gibt ihnen aber auch die Chance, die entwi­ckel­ten Model­le in ihrer Umset­zungs­pha­se im Weite­ren mitzu­tra­gen. Natür­lich wach­sen­de Über­gän­ge aus Lern­pha­sen hin zu wirt­schaft­li­chen Verbin­dun­gen „nach drau­ßen“ sind die großen Ziele der Einrich­tung. Das ganze gepaart mit dem Willen und dem Wissen, wie dadurch auch die Bedin­gun­gen des Wirt­schaf­tens insge­samt verän­dert werden können, macht den Anspruch ehrgei­zig und einzig­ar­tig.

Konkre­te Beispie­le für Lern-Projek­te sind bereits vorge­se­hen:
Der Wieder­auf­bau und die künst­le­ri­sche Nutzung einer Frei­licht­büh­ne
Die Entwick­lung eines Modells zur Einfüh­rung einer Leit­tech­nik für Gebäu­de, die opti­ma­le Ener­gie­nut­zung und weit­ge­hen­de Unab­hän­gig­keit von Mono­po­len jegli­cher Art zum Ziel hat. Der inspi­rie­ren­de Gedan­ke von „Open Source“ soll dabei alle Entwick­lun­gen für Hard- oder Soft­ware tragen.
Entwick­lung und Konzep­ti­on dezen­tra­ler Zahlungs­sys­te­me für Handel und Gewer­be, die dem Sicher­heits­den­ken und dem Anspruch der Wahrung von Anony­mi­tät der Wirt­schafts­teil­neh­mer gerecht wird.
Entwick­lung mono­pol­frei­er Online-Buchungs­sys­te­me für Hotel­über­nach­tun­gen mit opti­ma­len Nutzen­ef­fek­ten für alle Betei­lig­ten
Entwick­lung von Bera­tungs­leis­tun­gen zur Selbst­hil­fe für den Aufbau unab­hän­gi­ger Lern­or­te.

Lern­or­te entste­hen derzeit an vielen Stel­len. Das macht Hoff­nung für eine Zukunft, deren Inter­es­se an den Aben­teu­ern neuer Ideen stetig wächst. Das Wupper­ta­ler Projekt passt da hinein:
Lernen ist Leben

Lern­pro­zes­se werden häufig als vorbe­rei­ten­de Maßnah­men für ein späte­res Leben wahr­ge­nom­men. Mit zerti­fi­zier­ten Abschlüs­sen empfin­det man sich dann reif für das Leben nach dem Lernen und die Welt außer­halb des Lernap­pa­ra­tes, gerade so als gäbe es zwei Leben: eines in der Lern­pha­se und eines danach. Das liegt zum einen an den entspre­chend ausge­rich­te­ten Lehr­plä­nen und zum ande­ren an der Erwar­tungs­hal­tung von Lernen­den.

Sollte Lernen und wirk­li­ches Leben nicht eins sein?

Raum für Ideale

Wenn Lernen auto­ma­ti­siert wird, weil Knapp­heit und Zeit­man­gel die bestim­men­den Fakto­ren werden, dann blei­ben Ideale auf der Stre­cke. Zusam­men­hang­lo­ses Lehr­buch­wis­sen, in Lehr­fa­bri­ken zerti­fi­ziert, verdrängt Weis­heit in eine ferne Zukunft.

Der neue Lern­ort in Wupper­tal schafft Raum für Ideale, in dem wir Lernen und Leben verei­nen. Lehren­de und Lernen­de setzen Projek­te um, die ökono­mi­sches Gelin­gen mit nach­hal­ti­gen Gesell­schafts­pro­zes­sen verbin­den. So können wir gemein­sam auf viel­fäl­ti­ge Weise krea­tiv mit Kopf und Herz, Bauch und Hand die Zukunft gestal­ten.
Das Projekt ist in seiner jetzi­gen Phase offen für Menschen, die sich von dem Konzept ange­spro­chen fühlen. Es ist geplant struk­tu­rell alle Vorkeh­run­gen zu tref­fen, damit der Lern­ort, einem leben­den Orga­nis­mus gleich, Raum für Entwick­lung und Verän­de­rung gibt.

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