Ein Lernort im Wandel – Daniela Saleth

Ein Lern­ort im Wandel

Das große Aben­teu­er beginnt

Danie­la Saleth

In der letz­ten Ausga­be der HUMANEN WIRTSCHAFT wurde er bereits umkreist und vorsich­tig vorge­stellt: Der neue Lern­ort für Wupper­tal. Vage waren die Pläne hinsicht­lich der Möglich­keit ihrer tatsäch­li­chen Reali­sie­rung damals noch und viele Fragen wagten noch nicht gestellt zu werden, z. B.: Sind die Menschen und die Mittel da, die der Lern­ort braucht, um zu gelin­gen? Wie viel Struk­tur und wie viel Frei­heit sind gesund und notwen­dig für seine Perma­nenz und Konti­nui­tät? Oder: Braucht der Lern­ort einen Namen?

Seit­her sind zwei Monate, eine Sonnen­fins­ter­nis und eine Tag-und-Nacht-Glei­che vergan­gen; zwei Monate also des Wandels, der Wunder und des Fort­schrei­tens. In dieser Zeit und von ähnli­chen Ener­gi­en getra­gen, fanden auch die ersten zwei Veran­stal­tun­gen des Lern­or­tes statt, der Info-Abend und das „Open Space“-Wochenende, welche beide zu jeweils span­nen­den und gemein­schaft­li­chen Entwick­lun­gen führ­ten, zu verbin­den­den Krei­sen, frei­heit­li­cher Verspielt­heit und der Metho­de des finan­zi­el­len Tausend­füß­lers. Wir berich­ten für alle, die nicht dabei sein konn­ten.

Mit Mut auf neuen Wegen hin zu spür­ba­rer Verän­de­rung.
Es ist Sams­tag, der 20. März. Vor neun Stun­den verdun­kel­te der Mond über Wupper­tal die Sonne und in sechs Stun­den, also kurz vor Mitter­nacht, wird die Tag-und-Nacht-Glei­che, von einem Neumond beglei­tet, den Früh­ling einläu­ten. Reich­lich nervös zittern sieben Menschen im Raum 13 ½ der Silvio-Gesell-Tagungs­stät­te ihrem großen Auftritt entge­gen, während sich eine Etage tiefer nach und nach der muschel­för­mi­ge und vom Abend­licht durch­flu­te­te Gabrie­le-Fren­king-Saal füllt. Bei den sieben Menschen handelt es sich um das Initia­to­ren-Team des Bildungs­pro­jek­tes für Wupper­tal rund um Andre­as Bange­mann und Holger Kreft. Und ihre Nervo­si­tät rührt daher, dass sie sich für diesen Abend als Auftakt der Veran­stal­tung und gleich­zei­tig für die Initi­al­zün­dung des Projek­tes etwas Beson­de­res haben einfal­len lassen, nämlich ein Bühnen­stück.

„Die Idee, etwas Ande­res als einen Fron­tal­vor­trag für den Info-Abend zu orga­ni­sie­ren, entspricht unse­rer Philo­so­phie“, sagt retro­spek­tiv Holger Kreft. „Aber selbst etwas zu machen, was man noch nie gemacht hat, erfor­dert trotz­dem viel Mut.“ Die Offen­heit gegen­über dem Auspro­bie­ren neuer Metho­den und neuer Gemein­schafts­pro­zes­se ist ein funda­men­ta­ler Ansatz des Lern­or­tes, wie sich auch später noch einmal in aller Deut­lich­keit zeigen wird. Daher war es dem Team ein Anlie­gen, gemein­sam ein selbst erdach­tes Stück zu kreieren und es anschlie­ßend selbst aufzu­füh­ren. „Es war, denke ich, eine wich­ti­ge Erfah­rung für alle im Team, diesen Gemein­schafts­pro­zess gemein­sam zu durch­le­ben“, über­legt Hanna Lint­zen, Psycho­lo­gie­stu­den­tin an der Fern­uni­ver­si­tät Hagen, die später auch eine wich­ti­ge Rolle für das Open Space einneh­men wird. „Es half uns, uns darüber klar zu werden, wohin es eigent­lich gehen soll und weshalb.“ Und Andre­as Bange­mann bestärkt: „Wer neue Formen des Lernens entwi­ckeln will, muss sich zunächst der grund­le­gen­den Fehler des Bestehen­den bewusst werden.“

Wer sich verkopft, verkör­pert nichts.
Zu diesem Zwecke schlüp­fen die sieben Visio­nä­re des Lern­or­tes nun also vor einem knapp fünf­zig­köp­fi­gen Publi­kum in altbe­kann­te Rollen: Gefrus­te­te sowie hoch­mo­ti­vier­te Schü­ler befin­den sich gemein­sam mit dem system­kon­for­men Lehrer in einer ganz norma­len Mathe­stun­de und die Bühne des Gabrie­le-Fren­king-Saals verwan­delt sich in ein typi­sches deut­sches Klas­sen­zim­mer. Thema: Die Expo­nen­ti­al­funk­ti­on. Beispiel: Der Zins. Und während der Mathe­leh­rer die Schü­ler auf die Wich­tig­keit dieses Themas verweist, wie es sie ihr ganzes Leben lang beglei­ten wird, klin­gelt symbo­lisch die Pausen­glo­cke für das Ende der Schul­zeit. Die Frage einer der Schü­le­rin­nen: „Wie genau soll ein Leben, das von unend­li­chem Wachs­tum geprägt ist, denn ausse­hen?“ hallt noch nach, während die zweite Szene beginnt und die DAX-Kurve domi­nie­rend das Bühnen­bild einnimmt. Vor ihr mühen sich die ehema­li­gen Schü­ler in dem Leben ab, das ihnen ihr Lehrer prognos­ti­ziert hat, eige­nom­men von den Land­schaf­ten der Massen­me­di­en, Massen­tier­hal­tung und Groß­kon­zer­ne: Da ist der abge­stumpf­te LKW-Fahrer, den die Dutzen­de Schwei­ne in seinem Tier­trans­por­ter weni­ger inter­es­sie­ren als der Stau, in dem er steckt. Da ist die schi­cke Perso­nal­lei­te­rin, die mit Kalkül Zahlen und Menschen­schick­sa­len jongliert. Da ist die ketten­rau­chen­de Jour­na­lis­tin, die von einem zum nächs­ten Termin hetzt. Und da ist die mecha­ni­sche Tänze­rin, die wie in ihrem eige­nen Körper gefan­gen scheint.

Jetzt dringt – erst leise wie das Summen eines Bienen­schwarms, dann immer lauter wie das Tosen eines Orkans – Stim­men­ge­wirr in das Gesche­hen. Die anony­me und schril­le sowie gleich­zei­tig dumpfe und unver­ständ­li­che Stimme des globa­len Wirt­schafts­sys­tems gibt nun in Form der Börsen-Geräusch­ku­lis­se den Takt an.
Vergeb­lich versu­chen die Prot­ago­nis­ten mitzu­hal­ten. Immer verzwei­fel­ter hasten sie dem schnel­ler und schnel­ler und lauter und lauter werden­dem Rhyth­mus der Beschleu­ni­gung hinter­her und es kommt, was kommen muss, das Unab­wend­ba­re bei stän­di­gem Wachs­tum: die Krise, der Kollaps, die abso­lu­te Erschöp­fung. Eine geschla­ge­ne Minute herrscht Stille im Raum, während sieben Menschen regungs­los am Boden liegen.
Aber eine Krise ist immer auch Nähr­bo­den für neue Ideen und ein Still­stand die Möglich­keit zur Besin­nung. Und so finden sich am Ende des Stücks sieben Menschen zusam­men, die nicht länger tun wollen, was ihnen als „rich­tig“ und „normal“ indok­tri­niert wurde, sondern die endlich handeln wollen, um zu sein, wer sie sind. An dieser Stelle verschmel­zen Publi­kum und Schau­spie­ler wieder zu einer Einheit und kehren zurück ins Hier und Jetzt, an den entste­hen­den Lern­ort für Wupper­tal und es steht die Frage im Raum: Können wir nicht alle gemein­sam einen Ort erschaf­fen, an dem autar­kes und authen­ti­sches Wirken möglich ist?

Verbin­den­de Kreise um frei­heit­li­ches Lernen sind in ihrem Behar­ren Kunst.
Jill Sorge, Studen­tin der Philo­so­phie und Mitwir­ken­de des Lern­or­tes, denkt laut in der Vorstel­lungs­run­de nach dem Schau­spiel nach: „Es ist nicht allein das Bildungs­sys­tem, welches in seinen Mecha­nis­men an vielen Stel­len frag­wür­dig ist“, sagt sie und findet damit Anklang im Publi­kum. „Meiner Ansicht nach sind es ethi­sche Werte, die gesam­te Gesell­schafts­struk­tur und einge­fah­re­ne Verhal­tens­mus­ter des Kollek­tivs, die mitein­be­zo­gen werden müssen. Wir brau­chen mehr offene Geis­tes­hal­tun­gen, müssen einan­der zuhö­ren, respek­tie­ren, an uns selbst arbei­ten und viele, viele Perspek­ti­ven einneh­men können, um zu wirk­lich holis­ti­schen Verän­de­run­gen zu kommen.“ Und Jona­than Ries, der an der Silvio-Gesell-Tagungs­stät­te den Wieder­auf­bau der Wupper­ta­ler Frei­licht­büh­ne als Teil des Bildungs­pro­jek­tes betreut, ergänzt: „Alle Bildungs­an­ge­bo­te mitein­an­der in Einklang zu brin­gen ist nicht einfach. Diese Schwie­rig­kei­ten stel­len aller­dings auch die größ­ten Chan­cen dar, denn wenn dieser Balan­ce­akt gelingt, braucht sich keine Bildungs­ein­rich­tung, egal welcher Couleur benach­tei­ligt fühlen, sondern man tritt ein in das große gemein­sa­me Lernen.“

Wie aber können diese holis­ti­schen Ände­run­gen bewirkt werden und wie kann dieses frei­heit­li­che Lernen ausse­hen? Um einen Eindruck bereits bestehen­der selbst­or­ga­ni­sier­ter Bildungs­pro­jek­te zu vermit­teln, stellt im nächs­ten Programm­punkt des Abends Ivo Degn das Modell der „Know­mads“ aus Amster­dam vor. Ivo ist ein sympa­thi­scher junger Mann, leger geklei­det, der über die bemer­kens­wer­te Eigen­schaft verfügt, mit den Händen in den Hosen­ta­schen vortra­gen zu können ohne dabei stock­steif zu wirken. „Die Know­mads sind eine Busi­ness School, bei denen dir ein Jahr lang niemand sagt, was du tun sollst“, erzählt er. „Du kommst da also hin mit circa zehn bis drei­ßig ande­ren Leuten, hast 5.500 € gezahlt, wartest vergeb­lich darauf, dass es los geht und kriegst am Ende nicht einmal einen zerti­fi­zier­ten Abschluss. Das ist für manch einen ganz schön frus­trie­rend!“ Ziel dieser Proze­dur ist es, jenen Still­stand zu erzeu­gen, der Zeit für die Fragen lässt: Wer bin ich? Was kann ich? Und: Wie kann ich mich mit meinem Können am besten in der Gesell­schaft einbrin­gen? Weiß ein Know­mad aller­dings erst einmal, was er lernen möchte und wofür, dann sind dem krea­ti­ven Schaf­fen keine Gren­zen mehr gesetzt. „Die größte Ressour­ce bei den Know­mads ist defi­ni­tiv das enorme Netz­werk, das Grün­der Pieter Spin­der zur Verfü­gung stellt. Egal, was du lernen möch­test, der rich­ti­ge Lehrer oder die beste Metho­de der Wissens­ver­mitt­lung und die Mate­ria­li­en stehen dir sofort zur Verfü­gung.“
Die Anwe­sen­den lauschen ange­strengt und versu­chen zu verste­hen. „Ist das denn nicht teil­wei­se sehr chao­tisch?“, fragt eine Dame aus den hinte­ren Reihen. „Doch“, antwor­tet Ivo lachend, „sehr! Das wird auch eine Heraus­for­de­rung für Euch sein.“
Holger Kreft ist sich darüber im Klaren: „Die Balan­ce zwischen Struk­tur und Frei­heit, zwischen schö­nen Idea­len und vermeint­li­chen Notwen­dig­kei­ten und zwischen Breite des Ansat­zes und Spitze des Profils auszu­ta­rie­ren, kann nur mit großer Acht­sam­keit gelin­gen.“

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