Direkte Demokratie – Wolfgang Berger

Entspannt besu­chen Sie ein sehr beson­de­res Restau­rant und gönnen sich ein gutes Essen. Wenn Sie einen Schutz­en­gel haben, bitten Sie ihn zu kommen und Sie an diesem außer­ge­wöhn­li­chen Abend zu beglei­ten.
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Nach­dem Sie das Restau­rant betre­ten haben, hören Sie, wie die Tür hinter Ihnen zufällt. Sie gehen hinein und der Maître d’ begrüßt Sie mit einem liebens­wür­di­gen Lächeln. Er freut sich, Sie wieder­zu­se­hen und reicht Ihnen die Hand. Sie sind über­rascht, dass er sich an Ihren Namen erin­nert. Er führt Sie zu einem vertrau­ten freund­li­chen Gesicht an der Garde­ro­be. Das Mädchen lächelt und sagt: „Darf ich Ihnen Ihre Sorgen und Ihren Kummer abneh­men? Die werden sie hier nicht brau­chen, sie könn­ten Sie daran hindern, Ihr Essen bei uns zu genie­ßen“.
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Sie zögern, Sorgen und Kummer abzu­ge­ben, diese Dinge sind Ihnen so sehr vertraut. Aber das Mädchen sagt, dass sie alles sorg­sam aufbe­wah­ren und behü­ten wird, als Sie es über die Garde­ro­ben­the­ke reichen. Sie lächelt als sie Ihre Sorgen entge­gen­nimmt und gibt Ihnen eine kleine Quit­tungs­mar­ke. „Hier ist Ihre Kummer­quit­tung. Zeigen sie den Zettel hier vor, wenn Sie diese Dinge wieder mitneh­men wollen, nach­dem Sie bei uns gewe­sen sind“. Sie erwi­dern das Lächeln des Mädchens hinter der Theke, fühlen sich nun wohl damit, dass sie Ihre Wert­sa­chen aufbe­wahrt und freuen sich auf die Erfah­rung des Abend­essens.
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Das lächeln­de Gesicht des Maître d’ lädt Sie jetzt ein, ihm zu folgen. Er führt Sie zu Ihrem Lieb­lings­tisch. „Ein gutes Menü beginnt mit einem Lächeln“, sagt er und sein eige­nes wunder­schö­nes Lächeln lässt den Tisch, an dem Sie mit Ihren Freun­den Platz nehmen, in warmem Licht erstrah­len. Die Ener­gie, die er mit seinem Lächeln geschaf­fen hat, ist wie eine verzau­ber­te Wolke, die alles und jeden an ihrem Tisch durch­dringt. Sie begin­nen, sich gegen­sei­tig anzu­lä­cheln und diese Ener­gie bleibt, auch nach­dem der Maître d’ gegan­gen ist.
Bald kommt die Bedie­nung, grüßt Sie, nimmt Ihre Geträn­ke­wün­sche entge­gen und erklärt Ihnen den Stil dieses Essens: „Hier und heute ist ein ganz beson­de­rer Abend für Sie. Wir sind sehr glück­lich, dass Sie hier sind. Wir möch­ten gern Ihre Zeit bei uns zu einer außer­ge­wöhn­li­chen Erfah­rung werden lassen. Unser Küchen­chef wird das Menü ganz nach Ihren Wünschen zusam­men­stel­len und zube­rei­ten. Auch der anspruchs­volls­te Gast wird sehen, dass wir seine Wünsche erfül­len“. Die Ener­gie­wol­ke, die durch den Maître d’ geschaf­fen worden ist, beginnt sich aufzu­lö­sen. Im glei­chen Augen­blick lächelt die Kell­ne­rin und füllt die Ener­gie, die den Tisch einhüllt, wieder auf.
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Die Kell­ne­rin über­reicht jedem eine Karte. „Lassen Sie mich erklä­ren, wie unser Menü arran­giert ist und dann werde ich Ihnen jede Frage beant­wor­ten, die Sie haben. Das Essen besteht aus sieben Gängen. Im ersten Teil der Karte stehen die Appe­ti­zer. Das sind sehr leich­te kleine Schle­cke­rei­en, die Ihren Magen aufwe­cken, so dass Sie die späte­ren Gänge rich­tig genie­ßen können. Jeder der drei nächs­ten Gänge ist zube­rei­tet worden, um den Haupt­gang danach rich­tig zur Geltung zu brin­gen. Die beiden letz­ten Gänge schließ­lich sind leich­te, lecke­re Desserts“.
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Nach diesen Erklä­run­gen begin­nen Sie die Karte zu studie­ren, um zu schau­en, worauf Sie Lust haben. Während Sie sie durch­blät­tern fährt die Kell­ne­rin fort: „Es gibt viele Spezia­li­tä­ten, die nicht in der Karte stehen. Bitte erlau­ben Sie mir, Ihnen davon zu erzäh­len.“
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Der Spie­gel lächelt nie zuerst
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„Wir haben ein beson­de­res Menü, dessen Vorspei­sen Hoff­nun­gen und Träume sind. Diese Vorspei­sen sind leicht, luftig und ange­nehm und machen über­haupt nicht satt. Dabei können Sie jeden belie­bi­gen Traum aus Ihren Phan­ta­si­en wählen. Danach folgen drei Gänge mit Aufga­ben, die Ihnen das Haupt­ge­richt wunder­bar schme­cken lassen. Der zweite Gang beruht auf Angst und bildet so einen groß­ar­ti­gen Kontrast zum letz­ten Gang der Liebe und auch eine Moti­va­ti­on, die ande­ren Gänge nicht zurück­ge­hen zu lassen.
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Der dritte Gang ist eine schöne Porti­on Bezie­hun­gen, einge­legt in einer Kommu­ni­ka­ti­ons-Soße. Der vierte Gang sind Stachel­bee­ren des Beur­tei­lens, bedeckt mit Blät­tern aus freiem Willen. Das Haupt­ge­richt ist eine gut gewürz­te üppige Platte mit Leiden­schaft, die wir auf der Grund­la­ge von Tatkraft gewürzt mit Drama servie­ren. Die beiden letz­ten Gänge sind Zufrie­den­heit und – zum Abschluss – von Tira­mi­su, diesem köst­li­chen Dessert aus Vene­ti­en bedeck­te Liebe. Zwischen den Gängen servie­ren wir – um den Magen zu reini­gen – jeweils eine kleine Kugel von leich­tem, über­sinn­li­chem Eis“.
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Nach­dem Sie nun wissen, welche Art von Gerich­ten es in diesem Restau­rant gibt, studie­ren Sie die Karte sorg­fäl­ti­ger. Wenn Sie an die große Auswahl und die vielen Möglich­kei­ten denken, bekom­men Sie rich­tig Appe­tit.
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Kurz darauf wählen Sie Ihre Spei­se­fol­ge aus und die Bedie­nung verschwin­det in der Küche. Wann immer ein Gang aufge­tischt wird, wird Ihnen etwas klar: Wenn Sie nicht ausdrück­lich etwas Bestimm­tes bestel­len, wird Ihnen das serviert, was der Küchen­chef in diesem Augen­blick gerade zur Hand hat. Was Sie dann bekom­men, ist nicht so gut wie die Gänge à la carte. Schließ­lich weiß jeder, dass Eifer­sucht und Vertrau­en niemals zusam­men serviert werden. Sie müssen immer nur selbst auswäh­len und es der Bedie­nung sagen. Trotz­dem sind viele Leute im Restau­rant und einige sogar an Ihrem Tisch, die – weil sie nichts von dem bestel­len, was auf der Karte steht – bekom­men, was gerade übrig ist. Eini­gen fällt es schwer sich zu entschei­den und sie nehmen einfach das, was gebracht wird.
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Am Ende der Mahl­zeit kommen die Kell­ne­rin und der Maître d’ zurück zu Ihrem Tisch. Während dieses für Sie sehr beson­de­ren Menüs sind beide gele­gent­lich an Ihrem Tisch gewe­sen und haben die Ener­gie­wol­ke mit ihrem Lächeln wieder aufge­füllt. Nun ist die Mahl­zeit vorüber und beide stehen an Ihrem Tisch und danken Ihnen, dass Sie zum Essen hier gewe­sen sind. Sie grei­fen in Ihre Tasche, um die Kummer-Quit­tung heraus­zu­ho­len, die Sie beim Herein­kom­men erhal­ten haben. Für einen Augen­blick schau­en Sie erstaunt auf den Zettel, dann knül­len Sie ihn in Ihrer Hand zusam­men und lassen ihn auf den Tisch fallen. Sie haben sich entschie­den, Ihre Sorgen und Nöte nicht wieder mitzu­neh­men, weil sie jetzt für Sie keine Bedeu­tung mehr haben. Ein Essen wie dieses hat Ihre Schwin­gung verän­dert. Den Kummer, mit dem Sie herein­ge­kom­men sind, brau­chen Sie jetzt nicht mehr.
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Sie wollen schon nach drau­ßen gehen und werfen noch einen kurzen letz­ten Blick zurück in das Restau­rant. Dort sehen Sie eine andere Gruppe von Gästen an einem Tisch sitzen und auch den Maître De, wie er dabei ist, ihnen das wunder­ba­re Menü zu erklä­ren. Einer am Tisch fragt etwas, was Sie zufäl­lig mitbe­kom­men: „Und was ist, wenn mir ein Gang, den ich bestellt habe, nicht schmeckt?“ Er lächelt breit und sagt: „Wir sind hier, um Sie zu bedie­nen und wir möch­ten jedem von Ihnen das nach seinem Geschmack Beste brin­gen. Deshalb denken Sie bitte immer daran: Wenn Sie nicht mögen, was Sie auf dem Teller haben, suchen Sie einfach etwas anders aus“.
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Damit verlas­sen Sie das Restau­rant und gehen zurück zum Ausgangs­punkt dieses Ausflugs. Sie spüren ein Lächeln auf Ihrem Gesicht und Zufrie­den­heit in Ihrem Herzen – wie wenn Sie gerade von einem wunder­ba­ren Essen kommen. Und so ist es auch…
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