Komplementär trifft Krypto – Leander Bindewald

Bericht von der 4. Inter­na­tio­na­len For­schungs­kon­fe­renz zur mone­tä­ren Viel­falt Bar­ce­lo­na, Mai 2017
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Zum vier­ten Mal traf sich die­sen Mai die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft der über Kom­ple­men­tär­wäh­run­gen For­schen­den, dies­mal auf Ein­la­dung der Uni­ver­si­tät Ober­ta de Cata­lun­ya in Bar­ce­lo­na (IV Inter­na­tio­nal Con­fe­rence on Soci­al and Com­ple­men­ta­ry Cur­ren­ci­es). Wäh­rend auf der ver­gan­ge­ne Kon­fe­renz 2015 in Bra­si­li­en die Grup­pe auf­grund der lan­gen Anrei­se etwas klei­ner aus­fiel als die Jah­re zuvor in Lyon und Den Haag, kamen dies­mal wie­der fast 400 Wis­sen­schaft­ler, Prak­ti­ker und Inter­es­sier­te zusam­men, um sich über ihre Ide­en, For­schungs­er­geb­nis­se, Pro­jek­te und Her­aus­for­de­run­gen aus­zu­tau­schen.
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Unter dem Kon­fe­renz­ti­tel „Geld, Bewusst­sein und Wer­te für den Sozia­len Wan­del“ (Money, Con­scious­ness and Values for Soci­al Chan­ge) gab es über 170 Bei­trä­ge, Vor­trä­ge und Work­shops. Das beson­de­re Anlie­gen die­ser Kon­fe­renz­se­rie, Wis­sen­schaft­ler und Prak­ti­ker in direk­ten Aus­tausch zu brin­gen, berei­cher­te auf der einen Sei­te das Pro­gramm. Auf der ande­ren Sei­te fiel jedoch die Qua­li­tät der Bei­trä­ge sehr unter­schied­lich aus. Es wur­den sowohl aka­de­mi­sche For­schungs­be­rich­te als auch neue Pro­jekt­ide­en vor­ge­stellt und nicht alle schie­nen nur um den Infor­ma­ti­ons­aus­tausch bemüht. Mehr­fach wur­de auch direkt zu enge­rer Koope­ra­ti­on und Unter­stüt­zung für die prä­sen­tier­ten Pro­jek­te auf­ge­ru­fen. Zusam­men­fas­sun­gen der Bei­trä­ge, Vide­os und ande­re Doku­men­ta­tio­nen der Kon­fe­renz kön­nen auf der Web­sei­te unter dem Menü­punkt „IV Con­fe­ren­cia Inter­na­cio­nal MSC“ abge­ru­fen wer­den.
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Die meis­ten Teil­neh­mer kamen dabei aus Spa­ni­en, nicht nur wegen der offen­sicht­li­chen Nähe zum Kon­fe­renz­ort, son­dern auch weil die dor­ti­ge Kom­ple­men­tär­wäh­rung­s­ze­ne in den letz­ten Jah­ren gro­ße Fort­schrit­te gemacht hat. Die meis­ten loka­len Initia­ti­ven arbei­ten nach wie vor an Sys­te­men wie Tausch­rin­gen, aber es gab auch eini­ge bahn­bre­chen­de Pro­jek­te mit Betei­li­gung des öffent­li­chen Sek­tors wie z. B. in San­ta Colo­ma de Gra­men­et, nörd­lich von Bar­ce­lo­na. Die Stadt war von 2013 bis 2016 Pro­jekt­part­ner im Digipay4Growth EU-Pro­jekt. Mitt­ler­wei­le ver­gibt die Stadt­ver­wal­tung einen Teil ihrer Sub­ven­tio­nen in Form einer eige­nen Wäh­rung. Die­se kann nur nach einer Rei­he von loka­len Trans­ak­tio­nen zum vol­len Wert wie­der in Euros getauscht wer­den. So erhofft sich die Stadt, Kauf­kraft lokal zu hal­ten und unab­hän­gi­ge Klein­un­ter­neh­mer zu unter­stüt­zen. Zu dem The­ma des Ein­sat­zes und der Unter­stüt­zung von Kom­ple­men­tär­wäh­run­gen im öffent­li­chen Sek­tor gab es dies­mal einen gan­zen Mor­gen mit inter­na­tio­na­len Berich­ten von Stadt­ver­tre­tern aus Bris­tol (Bris­tol Pound, Eng­land), Nan­tes (SoNan­tes, Frank­reich), Lis­sa­bon (Pago­em­li­xo, Por­tu­gal) und San­ta Colo­ma (Gra­ma, Spa­ni­en), sowie aus wei­te­ren Städ­ten Spa­ni­ens, wie Cor­do­ba und Sevil­la.
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Die­ses Jahr war auch ein Gegen­satz beson­ders wahr­nehm­bar, der sich schon seit meh­re­ren Jah­ren in der Kom­ple­men­tär­wäh­rungs­sze­ne able­sen ließ: Auf der einen Sei­te die bekann­ten Model­le und Ansät­ze zu loka­len Wäh­run­gen und auf der ande­ren die Fas­zi­na­ti­on und tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten der soge­nann­ten Kryp­towäh­run­gen. Vie­len kam dies wie eine qua­si-baby­lo­ni­sche Sprach­ver­wir­rung vor. Denn nicht nur wenn es um die tech­ni­schen Begrif­fe und Pro­to­kol­le geht, denen die neu­es­te Gene­ra­ti­on von kom­ple­men­tä­ren Wäh­run­gen zu Grun­de lie­gen, son­dern auch was Ziel­set­zung, Pro­blem­stel­lun­gen und Lösungs­an­sät­ze her­kömm­li­cher Model­le angeht, schei­nen Rea­li­tät und hoff­nungs­vol­le Wer­be­bot­schaf­ten aus­ein­an­der zu lau­fen. „To a ham­mer ever­y­thing is a nail“ sag­te einer der Teil­neh­mer und lach­te. Denn für die vie­len Advo­ka­ten und Jung­un­ter­neh­mer der hoch­tech­ni­sier­ten und inves­ti­ti­ons­rei­chen Kryp­towäh­rungs- und Fin­Tech-Sze­ne, sind anschei­nend (oder eben schein­bar) alle Pro­ble­me, die die Umset­zung oder Ver­brei­tung von Kom­ple­men­tär­wäh­run­gen in Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart hat­ten oder haben, mit den neu­en Daten­bank­tech­no­lo­gi­en und Han­dy­ap­pli­ka­tio­nen lös­bar.
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Immer­hin ließ sich aber auf die­ser Kon­fe­renz und einem anschlie­ßen­den Hacka­thon auch eine neue Gat­tung von Ansät­zen erle­ben: Die Kreu­zung von sozi­al­ori­en­tier­ten und tech­no­lo­gie­ge­trie­be­nen Ide­en und Pro­jek­ten. Ob die­sen die Zukunft der kom­ple­men­tä­ren Geld­sys­te­me all­ge­mein gehört, oder doch nur die Spar­te in der es, ganz im Sin­ne der alt­be­kann­ten neo­li­be­ra­len Denk­wei­se, um Effi­zi­enz und Pro­fit geht, wird sich in den kom­men­den Jah­ren zei­gen müs­sen.
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Dies war auch die ers­te Kon­fe­renz, die offi­zi­ell unter dem Logo der 2015 gegrün­de­ten For­schungs­ver­ei­ni­gung RAMICS orga­ni­siert wur­de. Die­se jun­ge Insti­tu­ti­on hat es sich zur Auf­ga­be gemacht, die Erfor­schung von kom­ple­men­tä­ren Geld­sys­te­men und ande­ren mone­tä­ren Inno­va­tio­nen zu reprä­sen­tie­ren und ihre aka­de­mi­schen Stel­lung zu stär­ken. Die Kon­fe­ren­zen, die die Grün­dungs­mit­glie­der schon in den Jah­ren vor dem Bestehen von RAMICS orga­ni­sier­ten, sind ein wich­ti­ger Grund­pfei­ler für die­ses Anlie­gen. Die ers­ten zwei Jah­re der Ver­ei­ni­gung waren vor allem durch admi­nis­tra­ti­ve und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tä­tig­kei­ten geprägt. In Bar­ce­lo­na wur­de nun auch die ers­te Mit­glie­der­ver­samm­lung abge­hal­ten. Das Direk­to­ri­um wur­de für die nächs­ten zwei Jah­re um August Cor­rons, der die dies­jäh­ri­ge Kon­fe­renz feder­füh­rend orga­ni­sierst hat­te, und Ricar­do Orzi aus Bue­nos Aires erwei­tert.
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Nun rich­ten sich vie­le Augen erwar­tungs­voll in den Fer­nen Osten, denn RAMICS Direk­to­ri­ums­mit­glied Maka­to Nis­hi­be hat am letz­ten Tag in Bar­ce­lo­na ange­kün­digt die Orga­ni­sa­ti­on der 5. Kon­fe­renz zu mone­tä­ren Viel­falt 2019 in Japan aus­zu­rich­ten. Wie vie­le und vor allem wel­che Ide­en und Pro­jek­te, die die­ses Jahr vor­ge­stellt wur­den, sind bis dahin wohl schon umge­setzt?
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