Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – Gero Jenner

Immer erneut hat sich die Deutung der Geschich­te von einem naiven Huma­nis­mus verfüh­ren lassen, weil dieser die Stimme des Gewis­sens ohne alles Wenn und Aber vertritt. Die Luft­schlös­ser, die er auf diese Weise erbaut, verkör­pern dann das hehre Ideal gegen­über einer so viel unvoll­kom­me­ne­ren Reali­tät. Wollen wir jedoch die Gegen­wart gerecht und rich­tig beur­tei­len, dann dürfen wir die Vergan­gen­heit nicht idea­li­sie­ren, sondern müssen sie ohne jede Beschö­ni­gung beschrei­ben. Wir haben jetzt einen Punkt erreicht, wo genau dies möglich ist, nämlich ein vorläu­fi­ges Resü­mee, das uns den Vergleich zwischen einer Vergan­gen­heit erlaubt, in der 95 % der Bevöl­ke­rung aufgrund des agra­ri­schen Abhän­gig­keits­ge­set­zes namen­los, ohnmäch­tig und in ihrer physi­schen Exis­tenz regel­mä­ßig gefähr­det waren, und einer fossi­len Gegen­wart, wo dieses Gesetz nach vielen Jahr­tau­sen­den zum ersten Mal außer Kraft geriet.
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Obwohl zahlen­mä­ßig auf ein Viel­fa­ches ange­schwol­len,
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haben die Massen, die früher ausschließ­lich zum Dienst einer Minder­heit taug­ten, sich aus dieser skla­ven­ar­ti­gen Unter­wür­fig­keit befreit. Heute haben sie nur noch ausnahms­wei­se den Hunger­tod zu befürch­ten; viele von ihnen erkämpf­ten sich mit der Zeit Rechte, von denen ihre Vorfah­ren nicht einmal zu träu­men wagten. Die nüch­ter­nen Zahlen dieser Entwick­lung habe ich oben bereits ange­führt. Lebens­er­war­tung, Gesund­heit, Bildungs­zu­gang und allge­mei­ner Lebens­stan­dard haben sich im 19. bis 20. Jahr­hun­dert stetig verbes­sert. Große Hungers­nö­te traten nur noch zu Beginn dieser beiden Jahr­hun­der­te auf (damit ist leider durch­aus nicht gesagt, dass sie in Zukunft nicht wieder auftre­ten können); Mord und Totschlag gingen zurück, und die Zahl der Kriegs­op­fer war – in Antei­len der Gesamt­be­völ­ke­rung gemes­sen – selbst im bluti­gen 20. Jahr­hun­dert weni­ger groß als in vielen soge­nann­ten primi­ti­ven Gesell­schaf­ten.
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Aber warum hört man aus der Vergan­gen­heit so viel weni­ger Klagen
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und in der Gegen­wart so sehr viele mehr? Ich denke, dass der Grund offen­sicht­lich ist. Hätten die unter­drück­ten Massen damals eine Stimme gehabt, dann würde die Welt­ge­schich­te bis heute von ihren Wehkla­gen wider­hal­len. Aber sie hatten keine Stimme; in der ganzen Welt blie­ben die Massen stumm, weil sie weder lesen noch schrei­ben konn­ten. Erfun­den wurde die Schrift über­haupt erst im vier­ten Jahr­tau­send vor unse­rer Zeit­rech­nung, aber selbst im spät­mit­tel­al­ter­li­chen England von 1530 wurden in einer Bevöl­ke­rung von fünf Millio­nen nur etwa 26 000 Knaben in der Kunst des Schrei­bens unter­wie­sen – also gerade einmal ein halbes Prozent (Durant)! Welt­weit war diese Fähig­keit auf die oberen Zehn­tau­send beschränkt – in der Regel nicht mehr als fünf Prozent der Bevöl­ke­rung; die aber nahmen eine geho­be­ne Stel­lung an der Spitze der sozia­len Pyra­mi­de ein und pfleg­ten deshalb eher mit ihrer Lage zufrie­den zu sein. Aus diesem und aus keinem ande­ren Grund ist die Geschichts­schrei­bung der Vergan­gen­heit weit­ge­hend auf Gold­grund gemalt, stammt sie doch beina­he ausschließ­lich von den Profi­teu­ren jenes Systems.
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Das sollte sich aller­dings schlag­ar­tig ändern,
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als die fossi­le Revo­lu­ti­on zum ersten Mal in der Geschich­te das Wunder voll­brach­te, die unte­ren 95 % aus ihrer dienen­den Stel­lung und ihrem Analpha­be­tis­mus zu befrei­en. In großem Maßstab wurden nun Bildungs­in­sti­tu­tio­nen geschaf­fen, welche in kurzer Zeit nahezu sämt­li­chen Menschen das Lesen und Schrei­ben ermög­lich­ten. Und so kam, was von vorn­her­ein zu erwar­ten war: Kaum, dass die Menschen ihre Situa­ti­on zu kommu­ni­zie­ren vermoch­ten, ließ sich ein Chor der Wehkla­gen verneh­men, erst in Europa selbst, wo die fossi­le Revo­lu­ti­on begann, und schließ­lich in der gesam­ten globa­li­sier­ten Welt, wohin die euro­päi­sche Aufklä­rung reich­te.
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Denn bis dahin hatten die unter­drück­ten Massen ja auch deswe­gen still­ge­hal­ten, weil Pries­ter wie Fürs­ten ihnen mit Erfolg einzu­re­den vermoch­ten, dass Gott oder eine gött­li­che Ordnung ihnen das Dasein von Knech­ten verord­net und umge­kehrt ihren Herren die Gnade der Herr­schaft zuge­teilt hatte. Nun gelang es den Aufklä­rern, allen voran Voltaire, eben diese gött­li­che Ordnung in Frage zu stel­len. Die sozia­le Hier­ar­chie von oben und unten sei, so ihre Botschaft, nur menschen­ge­macht und beruhe daher auf Will­kür, der sich niemand mehr fügen solle und brau­che. Die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on sprach allen Menschen die glei­chen Rechte zu, und der engli­sche Sozi­al­phi­lo­soph Jeremy Bent­ham sogar das glei­che Anrecht auf Glück.
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Eine Lawine von Ressen­ti­ment
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Die Wirkung dieser Botschaft war explo­siv: sie äußer­te sich in einem gestei­ger­ten Bewusst­sein für persön­li­ches Unglück. Jeder, der von da an in seinem Leben nicht dieje­ni­ge Stel­lung oder jenes Ausmaß von Glück erreich­te, auf das er einen Anspruch zu haben glaub­te, konnte sich nun nicht mehr damit trös­ten, dass der Herr­gott selbst es so und nicht anders gewollt, sondern es waren jetzt die ande­ren Menschen – oft ganz konkre­te Perso­nen –, die seinem Glück im Wege stan­den. Die Befrei­ung des Menschen aus jahr­tau­sen­de­al­ter Unmün­dig­keit erhöh­te nicht etwa die allge­mei­ne Summe des Wohl­be­fin­dens, sondern setzte eine Lawine von Neid und Ressen­ti­ment in Bewe­gung. Das war vorher beina­he undenk­bar gewe­sen. Der Neid eines einfa­chen Bauern auf einen Fürs­ten wäre nicht nur lächer­lich gewe­sen, sondern man hätte darin sogar einen Frevel gese­hen, solan­ge eben jeder­mann glaub­te, dass dem einen wie dem ande­ren sein jewei­li­ger Platz aufgrund gött­li­chen Ratschlus­ses zuge­teilt sei. Doch Neid und Ressen­ti­ment waren nun an der Tages­ord­nung. Jeder intel­li­gen­te, aufstre­ben­de Mensch der unte­ren Schich­ten, der in der neuen Gesell­schaft den Zugang zur Bildung erhal­ten hatte, quälte sich und seine Mitmen­schen nun mit der Frage, warum andere, oft nur aufgrund von Erbschaft oder Glück, ihm den Weg nach oben versperr­ten?
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