Verstehen als Notwendigkeit – Editorial 0419

Ich denke, also bin ich. Du bist, also denkst Du. Hier das Ei, dort die Henne. Es erscheint unmög­lich, dass nicht eins vor dem ande­ren da war! Wie formte das Weich­tier die harte Schale? Auch wenn es dem Denken schwer­fällt, muss in Betracht gezo­gen werden, dass alles sich wech­sel­sei­tig voraus­setzt.
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Das Leben zwingt uns, Entschei­dun­gen zu tref­fen. Wie frei sind wir dabei? Wie mutig sind wir, heute so und morgen ganz anders zu handeln? Wie ausge­prägt sind die äuße­ren Einflüs­se und wie zweck­dien­lich sind Urtei­le, die wir fällen und die unser Tun fest­schrei­ben?
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Wenn ich die Entwick­lun­gen der Zeit betrach­te, die bedroh­li­che Klima­ver­än­de­rung, die beängs­ti­gen­de Natur­zer­stö­rung, die exis­tenz­ge­fähr­den­de sozia­le Spal­tung, die hass­erfüll­te Spra­che der Ängst­li­chen, ihre Verzweif­lungs­ta­ten, das eiskalt wirken­de der Kriegs­trei­ber, die terro­ri­sie­ren­den und morden­den Barba­ren der Neuzeit, über­kommt mich Hilf­lo­sig­keit. Wenn es mir gelingt, diese Bedrü­ckun­gen auszu­blen­den, wozu ich Talent habe, kann ich wie Alex­an­der Gerst, der deut­sche Astro­naut der inter­na­tio­na­len Raum­sta­ti­on ISS empfin­den und faszi­niert von der Schön­heit der Welt und der phäno­me­na­len Kraft sein, die das Leben uns schenk­te. Je routi­nier­ter es gelän­ge – so stelle ich mir vor –, den Blick­win­kel auf alles Wahr­nehm­ba­re von klit­ze­klein zu unend­lich gigan­tisch zu wech­seln, als besäße man ein opti­sches Hilfs­mit­tel, mit dem man die Gala­xi­en des Welt­rau­mes sähe und sich im nächs­ten Moment in der Zelle eines Orga­nis­mus verlö­re, umso demü­ti­ger würde man gegen­über der wahr­ge­nom­me­nen Phäno­me­ne werden. Im Klit­ze­klei­nen findet man das Univer­sum und im Kosmos das mikro­sko­pisch Winzi­ge.
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Ein Problem, das bliebe, ist das unzu­läng­li­che Verste­hen von Prozes­sen. Um klarer zu sehen, müsste man lange beob­ach­ten können und Entschei­dun­gen tref­fen. Entschei­dun­gen darüber, was die Entde­ckun­gen zu bedeu­ten haben und welches die Hand­lun­gen sind, die sich für uns daraus erge­ben.
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In jedem von uns steckt ein Rebell. Ob bei Klein­kram oder Welt­pro­ble­men: Der Hang, sich gegen das Etablier­te, gegen­wär­tig Herr­schen­de zu stel­len, ist ein mensch­li­cher Auto­ma­tis­mus. Inwie­weit einen diese Haltung vom Regen in die Traufe führt, spielt keine Rolle, weil es dabei um uns als Person, um Frei­heit, um das Gefühl geht, wir seien Herr unse­rer Entschei­dun­gen. Entwick­lungs­strän­ge, die sich aus zeit­li­chen Prozes­sen erge­ben, werden in der Regel nur auf eine Weise unter­sucht, die sich mit dem Urteil verbin­den lässt, das man fällen will. Das Urteil war meist vor dem Wahr­ge­nom­me­nen da. Wenn heute als »Rechte« einge­stuf­te unver­hoh­len gegen das Fremde spre­chen, dann, weil sie Angst haben und sich selbst­si­cher genug fühlen, mit dem Gesag­ten nicht isoliert dazu­ste­hen.
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Für das Beob­ach­ten von Phäno­me­nen leis­tet der Verstand ausge­zeich­ne­te Diens­te. Beim Wahr­neh­men von Prozes­sen wird es schwie­ri­ger. Wir können messen, dass der CO2-Gehalt in der Erdat­mo­sphä­re zunimmt. Wir wissen, dass das nichts Gutes für das sensi­ble Ökosys­tem Erde bedeu­tet, vor allem nicht für das darauf befind­li­che orga­ni­sche Leben. Wir wissen auch, dass die Zunah­me von CO2 in der Atmo­sphä­re daher rührt, dass wir bisher in der Erdkrus­te gebun­de­nen Kohlen­stoff in Form von Kohle, Öl, Gas u. v. m. entneh­men und verbren­nen. Meere und Wälder sind in der Lage ein Maß an Vermeh­rung zu „verdau­en“, aber der Mensch hat dieses Maß über­schrit­ten und will mehr. Die schein­ba­re Zügel­lo­sig­keit lässt sich ratio­nal nicht erklä­ren, solan­ge man darauf fokus­siert, welche Folgen das „auf lange Sicht“ für alles Leben­di­ge hat. Wir speku­lie­ren über das Ende der Mensch­heit und des Plane­ten und klam­mern beharr­lich die Frage nach dem „Warum?“ aus!
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Das geis­ti­ge Erschlie­ßen von Bezie­hun­gen und wech­sel­sei­ti­gen Abhän­gig­kei­ten ist keine Stärke des mensch­li­chen Intel­lekts, was den Schluss zulie­ße, demü­ti­ger zu werden. Zwei­fel­los ist der Mensch Teil der Natur. Mit all seinen Neigun­gen, Trie­ben und Unvoll­kom­men­hei­ten. Wir tendie­ren dazu, die Menschen ändern zu wollen. Ziel­füh­ren­der wäre, sich mit dem Künst­li­chen zu beschäf­ti­gen, das der Mensch Kraft seines Verstan­des der Welt hinzu­ge­fügt hat. Wir könn­ten über­le­gen, welche bereits erfolg­ten mensch­li­chen Eingrif­fe in das orga­ni­sche Ökosys­tem nach­tei­lig sind. Ein Sand­korn im Getrie­be scheint das Wirt­schaf­ten zu sein, das – auf Wachs­tum program­miert – zur Trieb­kraft von Ausbeu­tung wurde. Alle ökolo­gi­schen und ethi­schen Delik­te haben eine ökono­mi­sche Wurzel. Wir erzeu­gen eine verbrauch­te Welt mit dem Gebrauch von Geld. Warum es nicht umge­kehrt versu­chen und ein sich verbrau­chen­des Geld für den scho­nen­den Gebrauch welt­li­cher Ressour­cen ausar­bei­ten? Gier ist natür­lich, Geld ein Konstrukt des Menschen. Was wenn das Zuviel an Gier in der Welt, welches zerstö­re­risch und zerset­zend wirkt, die Folge eines selbst­ge­schaf­fe­nen, fehler­haf­ten Wirt­schafts­sys­tems ist? Wäre es da nicht sinn­vol­ler, am Leben ausge­rich­te­te Ordnun­gen zu ersin­nen, anstatt sich an Leben­den abzu­ar­bei­ten?
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