Prof. Dr. Hubers Vollgeldtheorie – Auf Sand gebaut? – Gero Jenner

Eine tiefer gehen­de Buch­be­spre­chung – - –
Wissen­schaft­li­che Arbei­ten lassen eine Beur­tei­lung nach verschie­de­nen Krite­ri­en zu, von denen ich die folgen­den für wesent­lich halte:
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1. Sprach­li­che Kompe­tenz – - –
2. Sach­li­che Kompe­tenz im Hinblick auf vorhan­de­nes Wissen – - –
3. Pädago­gi­sche Kompe­tenz bei der Vermitt­lung des eige­nen Stand­punk­tes – - –
4. Sach­li­che Kompe­tenz im Hinblick auf den Wahr­heits­ge­halt der Theo­rie – - –
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Ich möchte meine Bespre­chung des wissen­schaft­li­chen Haupt­werks von Prof. Huber von vorn­her­ein so anle­gen, dass ich sie mit dem wissen­schaft­li­chen Haupt­werk von Helmut Creutz verglei­che, der über dassel­be Thema, die Geld­theo­rie, sein bekann­tes Werk „Das Geld­syn­drom“ verfass­te. Dieser Vergleich scheint mir in mehr­fa­cher Hinsicht erhel­lend.
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Zunächst ist anzu­mer­ken, dass die vier oben genann­ten Krite­ri­en in verschie­de­nen Wissens­ge­bie­ten nicht die glei­che Bedeu­tung aufwei­sen. Für einen Mathe­ma­ti­ker ist es möglich, auf sprach­li­che Kompe­tenz weit­ge­hend oder auch ganz zu verzich­ten. Wenn es ihm gelingt, die rich­ti­ge Lösung für ein komple­xes Problem zu finden, dann braucht er dafür nicht mehr als eine abstrak­te Formel. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob er sich in seinen Erklä­run­gen der deut­schen, der chine­si­schen oder der engli­schen Spra­che bedient – so verhält es sich mit den Arbei­ten der Physik und gene­rell mit dem ganzen Bereich der Natur­wis­sen­schaf­ten.
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Sofern die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, und hier insbe­son­de­re die Geld­theo­rie, aufgrund von logi­schen Sach­zwän­gen eher zu den exak­ten als zu den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten zählen, spielt sprach­li­che Kompe­tenz hier eben­falls eine unter­ge­ord­ne­te Rolle. Aller­dings ist pädago­gi­sche Kompe­tenz umso mehr gefor­dert, weil sich andern­falls außer einer Hand­voll Exper­ten niemand mit einer so sprö­den Mate­rie befas­sen würde. Sprach­li­che Kompe­tenz muss auf diesem Gebiet daher als wich­ti­ger Faktor gelten.
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1. Sprach­li­che Kompe­tenz
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„Mone­tä­re Moder­ni­sie­rung“ ist in einem flüs­si­gen, geschmei­di­gen, in der Wort­wahl und Wort­bil­dung phan­ta­sie­vol­len Deutsch geschrie­ben – eher eine Selten­heit unter Wissen­schaft­lern, die auf diesem Gebiet tätig sind. Die übli­chen Sach­be­grif­fe des Gebiets beherrscht Herr Huber souve­rän und hat keine Mühe, sie auch durch eigene Wort­schöp­fun­gen zu ergän­zen. Der Leser gewinnt zunächst einmal den Eindruck, dass der Autor immer ganz genau weiß, wovon er spricht. Zu diesem Eindruck trägt zusätz­lich die Tatsa­che bei, dass sich der Verdacht fach­li­cher Verne­be­lung durch schwer verständ­li­che Begrif­fe oder deren unkla­re Verwen­dung eher selten einstellt. Die wesent­li­chen mone­tä­ren Kate­go­ri­en werden gleich zu Beginn der Arbeit auf eine gemein­ver­ständ­li­che Art vorge­stellt und defi­niert. Dabei wird der Fach­mann ebenso ange­spro­chen wie der Laie, was von vorn­her­ein für den Autor einnimmt. Offen­sicht­lich ist sich dieser durch­aus nicht zu gut dafür, auch Letz­te­rem das schwer zugäng­li­che Feld der Geld­theo­rie auf begriff­lich durch­sich­ti­ge Art zu erschlie­ßen.
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Wenn ich auf der Noten­ska­la zwischen eins und sechs einen Wert zu verge­ben hätte, so würde ich weiten Parti­en der Huber­schen Arbeit die zweit­bes­te Note, also eine Zwei, zuer­ken­nen. Ich bin mir aller­dings bewusst, dass manche ihm im Vergleich mit der sprach­li­chen Kompe­tenz von Helmut Creutz wohl eher eine Eins zubil­li­gen würden – im Gegen­satz zum Stil des Letz­te­ren gilt nämlich für die Spra­che von Joseph Huber im eminen­ten Sinne das Prädi­kat „wissen­schaft­lich“.
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Helmut Creutz schreibt eine Spra­che von großer Bild­haf­tig­keit. Manche dieser Bilder blei­ben unaus­lösch­bar im Gedächt­nis haften, so, wenn er davon spricht, dass die Geld­men­gen­re­gu­lie­rung der Noten­bank nicht funk­tio­nie­ren kann, weil sie dabei so verfährt wie ein Auto­fah­rer, der statt seine Geschwin­dig­keit (die Menge des Geldes) durch den Blick auf den Tacho (den tatsäch­li­chen Geld­um­lauf) zu regu­lie­ren, statt­des­sen den Treib­stoff im Tank beschränkt (also die Geld­aus­ga­be). Oder wenn er die Unsin­nig­keit des Zins­sys­tems mit dem Bild des Park­sün­ders illus­triert, wenn man diesen durch Beloh­nun­gen (im Geld­we­sen durch Posi­tiv­zin­sen) von seinem sozial schäd­li­chen Tun (dem Horten von Geld) abhal­ten würde, statt, wie es tatsäch­lich geschieht, dieses Ziel durch Bestra­fung (im Hinblick auf das Geld: durch Nega­tiv­zin­sen) zu errei­chen. Immer wieder gelingt es Creutz ein packen­des Bild zu finden, das genau auf den Sach­ver­halt passt. Seine Spra­che ist einfach und eindrucks­voll; gera­de­zu als Meis­ter zeigt er sich in der Kunst, auch komple­xe Zusam­men­hän­ge auf einfa­che Art darzu­le­gen. In diesem Sinne kann ich seiner Spra­che auf der „Richter“-Skala von eins bis sechs nur eine Eins zutei­len.
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Aus der Sicht des durch­schnitt­li­chen Wissen­schaft­lers ist diese Bild­haf­tig­keit wohl eher ein Nach­teil. In der meist völlig bild­los-abstrak­ten Theo­re­ti­ker-Spra­che wird ein solcher Stil scheel ange­se­hen und von manchen sogar als naiv abge­lehnt. Bei aller logi­schen Präzi­si­on und Bril­lanz haftet der Spra­che von Creutz eine gewis­se Kind­lich­keit an, die sie zugleich liebens­wür­dig und ihren Autor sympa­thisch macht, aber in den Augen zweit­ran­gi­ger Wissen­schaft­ler wohl eher verdäch­tig erschei­nen lässt – wer den Eindruck unan­fecht­ba­rer Serio­si­tät erwe­cken möchte, schreibt anders. Denn wo bleibt die Tiefe, wenn einer das Komple­xe so über­sicht­lich und einfach vor Augen stellt, dass der Laie die Sache am Ende gleich gut versteht? Creutz hat sich nie um den wissen­schaft­li­chen Jargon bemüht, das hat seiner Rezep­ti­on zwei­fel­los gescha­det.
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2. Sach­li­che Kompe­tenz im Hinblick auf vorhan­de­nes theo­re­ti­sches Wissen
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Was Creutz aber am meis­ten scha­den musste, war die souve­rä­ne Miss­ach­tung vorhan­de­ner Lite­ra­tur, der er sich nur dann zuwand­te, wenn es sich abso­lut nicht vermei­den ließ und er sich daher notge­drun­gen mit wider­spre­chen­den Ansich­ten ausein­an­der­zu­set­zen hatte. Helmut Creutz, dieser außer­or­dent­li­che Auto­di­dakt, hat wirk­lich immer nur nach der Sache selbst gefragt, das Geld inter­es­sier­te ihn; nicht, was Leute von A – Z darüber dach­ten, moch­ten es auch die größ­ten Kapa­zi­tä­ten der Wissen­schaft sein. Wirk­lich beein­flusst hat ihn nur Silvio Gesell.
Das Vorge­hen, die Dinge sozu­sa­gen mit den Augen eines Kindes zu sehen und alle Fragen von neuem zu stel­len, ist ebenso viel­ver­spre­chend wie riskant. Die meis­ten würden bei solchem Vorge­hen wohl nur das Rad zum zwei­ten Mal erfin­den. Nicht so Creutz, ihm sind viele neue Einsich­ten zu danken, aber das macht seine Leis­tung nicht akzep­ta­bler für all dieje­ni­gen, die Wissen­schaft so verste­hen, dass man zunächst einmal sämt­li­che vorhan­de­nen Theo­ri­en aus dem Effeff kennen muss, bevor man es wagen darf, die Welt mit haus­ge­mach­ten Ansich­ten zu behel­li­gen.
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So entge­gen­kom­mend Helmut Creutz im persön­li­chen Umgang ist, auf dem Gebiet der Geld­theo­rie trat er wie der heili­ge Georg auf, der einsam und ganz allein den Drachen in Gestalt einer irre gelei­te­ten Wissen­schaft nieder­kämpft. Diese souve­rä­ne Miss­ach­tung der wissen­schaft­li­chen Szene musste zwangs­läu­fig dazu führen, dass diese ihn ihrer­seits weit­ge­hend mit Nicht­be­ach­tung bestraf­te. Seit Joseph Huber mit seiner Theo­rie Anklang fand, ist daraus bei vielen gera­de­zu Nicht­ach­tung gewor­den. Ganz unver­ständ­lich ist das frei­lich nicht. Es bleibt ja wahr, dass in 95 Prozent aller Fälle kompe­ten­te Aussa­gen zu einem Fach­ge­biet am ehes­ten von jenen stam­men, welche die vorhan­de­ne Lite­ra­tur erst einmal gründ­lich beherr­schen. Helmut Creutz ist ein Meis­ter, der ohne Ankün­di­gung und Lehr­jahr vom Himmel fiel – so etwas kommt selten vor.
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Auf der „Richter“-Skala von eins bis sechs wird man ihm im Hinblick auf das zweite Krite­ri­um daher nur eine Fünf zuspre­chen – eine Sechs nur deshalb nicht, weil er ja ande­rer­seits durch­aus fähig war, sich mit vorhan­de­nen Lehr­mei­nun­gen zu befas­sen. Aber er tat es, wie schon gesagt, immer nur dann, wenn er sich heraus­ge­for­dert fühlte und eine solche Reak­ti­on deshalb unaus­weich­lich war. …

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