Ökonomisches Denken nach dem Crash – Christian Mayer

Eine Buch­be­spre­chung… und mehr – - –
Die Lehre der Ökono­mie ist in der Krise. Das möchte man heute kaum noch lesen, so oft stieß man in den letz­ten Jahren über diesen Satz. Kriti­sches zur Main­stream­öko­no­mie füllt mitt­ler­wei­le ganze Regal­rei­hen. So gese­hen hatte die Krise auch etwas Posi­ti­ves. War es Visio­nä­ren und Kriti­kern bis vor ein paar Jahren gar nicht möglich, das System tief­grei­fend auf den Prüf­stand zu stel­len. Wer es als wissen­schaft­li­cher Mitar­bei­ter gewagt hat, die heili­ge Kuh der Ökono­mie – die Neoklas­sik – öffent­lich zu diskre­di­tie­ren, der spiel­te mit seiner wissen­schaft­li­chen Repu­ta­ti­on und nicht zuletzt mit einer ganz lebens­prak­ti­schen Entwick­lung: mit seiner beruf­li­chen Karrie­re.
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Dass das was Studen­ten in den ersten Semes­tern als Denk­struk­tu­ren in ihren Köpfen zemen­tie­ren müssen einer kriti­schen Beschau­ung nicht stand­hal­ten kann, ist mitt­ler­wei­le Allge­mein­gut. Doch wie sieht diese Welt aus, die dort im Elfen­bein­turm konstru­iert wurde und die sich junge Studen­ten der Mutter­milch gleich einver­lei­ben müssen, auf dass sie auf Linie gebracht werden? Oder anders gefragt: Wie sieht diese Welt aus, wenn man sie einmal zwischen all den mathe­ma­ti­schen Formeln heraus­zieht und in verständ­li­cher Prosa präsen­tiert? Oder noch­mal anders gefragt: Wie sehen Neoklas­si­ker die Welt?
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Wunder­bar plas­tisch hat dies der US-ameri­ka­ni­sche Ökonom John Komlos in seinem Werk „Ökono­mi­sches Denken nach dem Crash. Einfüh­rung in eine reali­täts­ba­sier­te Volks­wirt­schafts­leh­re“ formu­liert. Komlos, der bis zu seiner Emeri­tie­rung 2010 das Insti­tut für Wirt­schafts­ge­schich­te an der LMU München gelei­tet hat, schreibt dort:
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„Super-Ratio­na­li­tät herrscht in diesem utopi­schen Reich voll von Konsu­men­ten, die ausrei­chend gebil­det sind, um jedes Detail der Wirt­schaft zu kennen und zu verste­hen, und daher stets nichts weni­ger als das Beste tun, um ihren Nutzen zu maxi­mie­ren. Sie besit­zen ein perfek­tes Verständ­nis von allen Nuan­cen im Klein­ge­druck­ten von Verträ­gen und eine voll­kom­me­ne Voraus­sicht von Anfang bis zum Ende ihres Lebens. Infor­ma­ti­ons­über­flu­tung ist kein Problem für Otto Normal­ver­brau­cher und die Welt ist voll von Infor­ma­tio­nen, die jeder­zeit frei und unmit­tel­bar verfüg­bar und kinder­leicht zu verste­hen sind. Menschen treten als Erwach­se­ne ins Wirt­schafts­le­ben ein, in ihren Vorlie­ben und Geschmä­ckern voll ausge­bil­det, werden aber gleich­zei­tig in ihrer Kind­heit von Unter­neh­men nicht beein­flusst. Es gibt keine Marken­pro­duk­te und Waren haben keine quali­ta­ti­ve Dimen­si­on. Daher ist Einkau­fen ein Kinder­spiel: zwei Schach­teln gene­ri­sches Müsli oder drei? Es gibt keine falschen Verspre­chun­gen, sodass Käufer nicht auf der Hut sein müssen. Es gibt kein Bedau­ern in dieser idyl­li­schen Wirt­schaft, keine Notwen­dig­keit für Ermes­sens­ent­schei­dun­gen oder Intui­ti­on, kein Gefühl, keine wirk­li­che Unsi­cher­heit und daher keine Fehler und keine Notwen­dig­keit, sich um Anwalts­kos­ten oder andere Zwangs­maß­nah­men oder Trans­ak­ti­ons­kos­ten kümmern zu müssen. Tatsäch­lich gibt es keine Gesell­schaft, keine Kinder, kein Geschlecht, keine unsicht­ba­ren Barrie­ren, keine Klas­sen und somit keine Unter­schicht, keine Ungleich­ge­wich­te der Macht und keine rassi­schen, räum­li­chen oder zeit­li­chen Dimen­sio­nen. Die Konsu­men­ten werden nicht durch Werbung oder durch andere Menschen im Konsum beein­flusst.
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Produ­zen­ten wohnen eben­falls in dieser imagi­nä­ren Wirt­schaft; sie wissen eben­falls alles, sowohl über die Konsu­men­ten wie auch über ihre eige­nen Unter­neh­men, und daher können sie ihre Gewin­ne stets leicht maxi­mie­ren. Tatsäch­lich gibt es in dieser Wirt­schaft über­haupt keine Unter­neh­men im Sinne einer moder­nen Akti­en­ge­sell­schaft, nur einfa­che Einhei­ten, die im Einklang agie­ren. Es gibt keine Aktio­nä­re oder Vorstands­vor­sit­zen­de, die ihr eige­nes Einkom­men und nicht die Gewin­ne des Unter­neh­mens maxi­mie­ren könn­ten. Diese Pseudo-Firma muss nicht werben, um die Konsu­men­ten davon zu über­zeu­gen, ihre Produk­te zu kaufen, und hat keinen Anreiz, Kartel­le zu formen, Konsu­men­ten zu täuschen oder das System zu mani­pu­lie­ren. Lobby­is­ten sind eine ausge­stor­be­ne Spezi­es, sodass es keinen poli­ti­schen Prozess gibt, der die Spiel­re­geln zuguns­ten der Wohl­ha­ben­den und Einfluss­rei­chen mani­pu­lie­ren kann. Lösun­gen werden in Form einer einzi­gen Entschei­dung ohne Vorge­schich­te und ohne weite­re Auswir­kun­gen auf Folge­pe­ri­oden präsen­tiert. In der Tat spielt die Zeit in dieser stati­schen Welt keine Rolle: Die Vergan­gen­heit ist passé und die Zukunft ist offen­sicht­lich. Daher gibt es nur den Augen­blick.
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Alle Geset­ze sind bereits in Kraft und so brau­chen wir nicht zu disku­tie­ren, wie sie zustan­de gekom­men sind und welche Vortei­le sie den Mäch­ti­gen bieten, oder inwie­fern sie die Enteig­ne­ten miss­ach­ten. […] Freie Märkte sind effi­zi­ent und stehen daher über der Moral. […] Wohl­be­fin­den wird durch Geld gemes­sen, aber es gibt keine Armen oder Reichen und deshalb gibt es weder Macht noch Hunger. Daher ist das System demo­kra­tisch: ein Dollar – eine Stimme. Die Tatsa­che, dass einige mehr Geld als andere haben, ist ihr Geburts­recht, weshalb es keine Notwen­dig­keit gibt, darüber zu disku­tie­ren, dass sie de facto mehr Stim­men haben.“
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Wer nicht über den Genuss einer ökono­mi­schen Ausbil­dung verfügt, der wird den Kopf schüt­teln ob einer solchen Welt­sicht. Für Studen­ten der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten ist sie das tägli­che Brot. Dabei ist die Reali­täts­fer­ne der Stan­dard­öko­no­mie nichts Neues. Die reine Markt­gläu­big­keit mit ihrer Aura einer alles zum Guten trei­ben­den Effi­zi­enz, vertre­ten heute nur noch engstir­ni­ge Vertre­ter der Zunft. Allein dieser Erkennt­nis willen lohnt sich die Lektü­re des Werkes nicht. Deshalb muss sich der Leser auch etwas durch das erste Kapi­tel mit dem Schwer­punkt auf „den Markt“ ziehen, bietet es doch nicht allzu viel Neues. Gleich­wohl sind die dorti­gen empi­ri­schen Wider­le­gun­gen eines lais­sez-fairen Mark­tes evident wie unter­halt­sam. Neben Bekann­tem erfährt der Leser aber noch mehr aus und über die Welt der Stan­dard­öko­no­mie.
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Ausge­wähl­te Punkte
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Komlos beschrei­tet bei seinen Analy­sen zwei Wege. Auf dem einen bleibt er seinem Métier treu und argu­men­tiert ökono­misch. Dabei geht er viel­schich­ti­ger vor als seine Kolle­gen aus der Neoklas­sik. Der US-ameri­ka­ni­sche Ökonom glaubt nicht an den singu­lä­ren Markt. So macht es bereits einen Unter­schied, ob man sich über das Gesund­heits-, das Schul­we­sen oder Benzin unter­hält. Diese Märkte sind so spezi­fisch, dass eine Verein­heit­li­chung unter „dem Markt“ als gefähr­li­che Simpli­fi­zie­rung gese­hen werden darf. Auf dem ande­ren Weg verlässt Komlos die Welt der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten und holt andere Diszi­pli­nen an den Tisch. Was in vielen Sozi­al­wis­sen­schaf­ten heute gang und gäbe ist, wird von der Stan­dard­leh­re der Ökono­mie bis heute verteu­felt. Dabei bergen psycho­lo­gi­sche und sozio­lo­gi­sche Ansät­ze ein unglaub­li­ches Poten­zi­al in sich, will man den wirt­schaf­ten­den Menschen verste­hen, – wer hätte das gedacht!? Erst durch die Hinzu­nah­me von nicht-wirt­schaft­li­chen Fakul­tä­ten lässt sich das Thema Konsum facet­ten­reich bespre­chen. Mit dieser Multi­per­spek­ti­vi­tät hält Komlos ein Instru­ment in Händen, mittels dem er die neoklas­si­sche Schein­welt zerbricht, indem er sie über­zeu­gend als „vorfreu­dia­nisch“ und „vorpaw­lo­wisch“ entlarvt. (In Anleh­nung an den Psycho­lo­gen Sigmund Freud und den Medi­zi­ner und Psycho­lo­gen Iwan Petro­witsch Pawlow). Und gerade weil die Stan­dard­lehr­bü­cher bis heute Aspek­te ande­rer Facul­tas igno­rie­ren, gehen sie noch immer davon aus, jeder Mensch würde seinen persön­li­chen Nutzen in Bezug auf sich selbst maxi­mie­ren. Dabei geschieht dies viel­mehr in Orien­tie­rung an einem exter­nen Refe­renz­ni­veau. Was konsu­mie­ren meine Freun­de? Meine Nach­barn? Meine Vorbil­der? Der Mensch strebt eben bis zu einem gewis­sen Grad auch nach Geltung. Konsum ist einge­bet­tet in ein sozia­les Gefüge.
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Anstatt also nur von abstrak­ten Einhei­ten wie dem Markt, dem Gut oder dem Nutzen zu spre­chen, muss man sich den Menschen genau anse­hen. So zeigt beispiels­wei­se der Framing-Effekt, dass sich Menschen bei glei­cher Fakten­la­ge ganz unter­schied­lich verhal­ten. Ausschlag­ge­bend ist die Art und Weise wie die Fakten präsen­tiert werden. So spielt es eine immense Rolle, ob man hört, dass von 100 verun­glück­ten Menschen 90 über­lebt haben, oder eben, ob von 100 verun­glück­ten Menschen 10 gestor­ben sind. Die Spra­che hat einen erheb­li­chen Einfluss auf das Denken. Auch werden die Regeln der Logik und der Wahr­schein­lich­keit allzu häufig von der Intui­ti­on und den persön­li­chen Heuris­ti­ken außer Kraft gesetzt. So wurde Proban­den in einer Unter­su­chung zwei Lebens­ver­si­che­rungs­mo­del­le für Reisen ange­bo­ten. Das erste deckte Terror­an­schlä­ge nament­lich ab. Das zweite versi­cher­te gegen jegli­che Todes­ur­sa­che. Auch wenn das zweite Ange­bot ja Terror­an­schlä­ge mit einschließt, woll­ten die meis­ten Proban­den die erste Versi­che­rung. Beim Wort Terror setzte offen­bar der Verstand aus. Nicht nur ist dies ein schö­nes Beispiel für den Framing-Effekt, es wider­legt zugleich die neoklas­si­sche Annah­me, Menschen würden immer und über­all ratio­nal entschei­den. Um diesen Einwand zu bekräf­ti­gen, bespricht Komlos auch die Rolle der Pros­pect-Theo­rie und präsen­tiert Ergeb­nis­se der Verhal­tens­öko­no­mie. Summa summa­rum kriti­siert Komlos, dass die Stan­dard­öko­no­mie dort beginnt, wo eine Sozia­li­sa­ti­on bereits statt­ge­fun­den hat. Die ganzen Kapi­tel der psychi­schen und sozio­lo­gi­schen Entwick­lung werden von Stan­dard­öko­no­men ausge­blen­det und es bleibt deren Lehre nichts ande­res übrig, als den Menschen im Abstrak­ten – in „dem Konsu­men­ten“ – verschwin­den zu lassen. …

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