WEF Davos 2013 – Ungleichheit zerstört alles

Welt­wirt­schafts­fo­rum in Davos vom 23. bis 27. Januar 2013
Also avail­ab­le in English

(Jakob Jorda­ens – „Fest des Bohnen­kö­nigs“ – Wiki­pe­dia)

Wenn sich diese Woche in Davos wie jedes Jahr die mäch­ti­gen Wirt­schafts­len­ker und Poli­ti­ker zum Stell­dich­ein tref­fen, wird einmal mehr resü­miert und nach vorne geblickt.

Wie es anläss­lich des „Bohnen­kö­nig­fest des Pomp und der Plati­tü­den“ (Sunday Times Online 2006: „Bean­fe­ast of pomp and plati­tu­de“) zu einem Schwer­punkt­the­ma, wie der wach­sen­den sozia­len Ungleich­heit kommen kann, darüber kann man treff­lich speku­lie­ren.

Die Vermu­tung, es hande­le sich dabei um eine Form des „Social Washing“ , ist nicht von der Hand zu weisen. Man posi­tio­niert ein die Menschen welt­weit verun­si­chern­des Thema und deutet damit zumin­dest an, dass man sich Gedan­ken macht. Doch welchen Stel­len­wert messen Veran­stal­ter und Gäste der Drama­tik dieser Entwick­lung in Wahr­heit zu?  Das ließe sich zum Beispiel daran able­sen, ob und wie stark die Eliten in Davos das bestehen­de Finanz­sys­tem in Zwei­fel ziehen. Davon ist aber über­haupt nicht die Rede.

Die in der Vorbe­rei­tung für das dies­jäh­ri­ge „World Econo­mic Forum“ (WEF) in Auftrag gege­be­ne Studie zur Bewer­tung globa­ler Risi­ken kommt zu Schlüs­sen, welche von ande­ren Exper­ten schon seit Jahren als Zukunfts­ri­si­ken ausge­macht und zur Diskus­si­on gestellt werden.

OXFAM, die welt­weit arbei­ten­de Hilfs- und Entwick­lungs­or­ga­ni­sa­ti­on, verweist anläss­lich des Welt­wirt­schafts­fo­rums in diesem Jahr darauf, dass die 100 reichs­ten Menschen dieser Erde (wovon in Davos sicher viele anwe­send sein werden  – Anm. der Red.) im vergan­ge­nen Jahr das vier­fa­che der Summe verdient hätten, die nötig wäre, um die welt­wei­te Armut zu über­win­den. Ein globa­ler „New Deal“ sei nötig, um die seit Deka­den wach­sen­de Ungleich­heit umzu­keh­ren.

Auch Joseph E. Stieg­litz pran­ger­te jüngst in der New York Times an, man habe nach vier Jahr­zehn­ten sich vergrö­ßern­der Ungleich­heit noch immer nichts gegen diese Entwick­lung unter­nom­men. Er verweist insbe­son­de­re auf das drama­ti­sche Wegbre­chen der Mittel­schicht zu Guns­ten eines immer größer werden­den Abstan­des zu den abso­lut Reichs­ten, die mit zuneh­men­der Geschwin­dig­keit und atem­be­rau­ben­den Wachs­tums­zah­len ihren Reich­tum vergrö­ßern können.

Paul Krug­man erwi­dert Stiglitz eben­falls in der NYT mit einem Argu­ment, das zu denken gibt: Ob es einem gefal­le oder nicht, Ökono­mie sei kein Ethik­spiel und er – Krug­man – halte Voll­be­schäf­ti­gung für möglich, die auf dem Verkauf von Yach­ten, Luxus­au­tos usw. basie­ren.

„So am I saying that you can have full employ­ment based on purcha­ses of yachts, luxury cars, and the services of perso­nal trai­ners and cele­bri­ty chefs? Well, yes. You don’t have to like it, but econo­mics is not a mora­li­ty play, and I’ve yet to see a macro­eco­no­mic argu­ment about why it isn’t possi­ble.“

Diese hoch­de­ko­rier­ten Exper­ten deuten im Grunde an, warum die Eliten bis heute nicht erken­nen (wollen?), was die eigent­li­chen Ursa­chen der Ungleich­heit sind. Würden die aufge­häuf­ten Geld­ver­mö­gen stets in Yach­ten und Luxus­au­tos umge­setzt, hätten wir womög­lich eine klei­ne­res Ungleich­heits­pro­blem. Doch die immens wach­sen­den Geld­ver­mö­gen  bei den „1%“ werden nicht durch Konsu­mie­ren mehr, sondern durch Anle­gen. Wachs­tum bei Geld­an­la­gen ist aber nur durch Wachs­tum von Verschul­dung auf der ande­ren Seite möglich. Und die andere Seite, das sind jene 99%, die direkt und indi­rekt die Geld­ver­mö­gen alimen­tie­ren.

Es wird stets so getan, als stün­den die Einkom­men der Reichs­ten in irgend­ei­ner Bezie­hung zu einer konkre­ten Leis­tung, welche die Vermö­gen­den erbrin­gen würden. Die Einkom­men aus Vermö­gen sind jedoch das Ergeb­nis einer Alimen­tie­rung aller – wirk­lich aller, auch der ärms­ten – Menschen, für die die Halter der Geld­ver­mö­gen abso­lut keine Leis­tung erbrin­gen. Das bestehen­de Finanz­sys­tem, genau­er gesagt das Geld­sys­tem, schützt diese Alimen­tie­rung der 1%, und ist in dieser Bezie­hung auch nicht refor­mier­bar. Das Geld­sys­tem müsste durch ein völlig neues, auf die Belan­ge von Mensch und Natur ausge­rich­te­tes, ersetzt werden.

Es ist deshalb auch nur folge­rich­tig, wenn das Finanz­sys­tem in Davos nicht zur Dispo­si­ti­on steht. Man würde ja ansons­ten die „Geschäfts­grund­la­ge“ nahezu aller Anwe­sen­den in Frage stel­len.

Wich­tig ist das Signal an die verängs­tig­ten Menschen in der Welt, dass die Eliten sich der wach­sen­den Ungleich­heit bewusst sind und die Sorgen der Menschen vor weite­rem sozia­len Abstieg ernst nehmen. Das muss genü­gen.

Man würde sich wünschen, dass es Mäch­ti­ge und Reiche in Davos gäbe, die einmal den Mut hätten, dieses sie nähren­de System in Frage zu stel­len. Doch derlei Reden gibt es wohl nur in Holly­wood-Filmen. Dabei könnte es die Rettung wenigs­tens eines Teiles des vorhan­de­nen Reich­tums bedeu­ten, denn eines ist klar: Die wach­sen­de Ungleich­heit führt am Ende zur Zerstö­rung von allem.

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2 Antworten

  1. Der weise India­ner spricht:

    „Erst wenn ihr die letzte Bank beraubt, den letz­ten Kredit ergau­nert, den letz­ten Juppie vertrie­ben habt, werdet ihr fest­stel­len, dass man ohne Geld nichts essen kann.“

    (Sitting Stein­brück, 2008)

    http://www.traumpoet.blogspot.de

  2. Anselm Rapp sagt:

    Das eigent­lich Depri­mie­ren­de finde ich nicht, dass „die Eliten bis heute nicht erken­nen (wollen?), was die eigent­li­chen Ursa­chen der Ungleich­heit sind“, sondern dass die 99% sich bei ihrer Kritik des Ungleich­ge­wichts über­wie­gend auf Stamm­tisch­pa­ro­len beschrän­ken und sogar jene, welche die eigent­li­chen Ursa­chen und Abhil­fe­vor­schlä­ge nennen, als Kommu­nis­ten oder Utopis­ten beschimp­fen und im „Kann man doch nichts machen“ verhar­ren. Jenen sind die Leser der HUMANEN WIRTSCHAFT schon meilen­weit voraus.

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