Solidarität definieren – Buchrezension von Dietrich Heißenbüttel

astian Ronge (Hrsg.): „Soli­da­ri­sche Ökono­mie als Lebens­form. – Berli­ner Akteu­re des alter­na­ti­ven Wirt­schaf­tens im Porträt“, tran­script Verlag, Biele­feld 2016, 208 S., gebun­de­ne Ausga­be, € 18,99, ISBN 978−3−8376−3662−8, http://www.transcript-verlag.de/978–3-8376–3662-8/ – - –
Gibt es ein rich­ti­ges Leben im falschen? Wenn die aktu­el­le kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­form zu wach­sen­der Ungleich­heit, globa­len Verwer­fun­gen, Krisen und Umwelt­ka­ta­stro­phen führt, stellt sich die Frage nach Alter­na­ti­ven. Aller­dings nützt die schöns­te Theo­rie wenig, wenn ein Hebel fehlt, einen Wandel in Gang zu setzen. Es bleibt vorerst dabei, dass auch dieje­ni­gen, die nach alter­na­ti­ven Ansät­zen suchen, sich den gesamt­wirt­schaft­li­chen Zusam­men­hän­gen nicht gänz­lich entzie­hen können. Ihnen bleibt nichts ande­res übrig, als sich unter den gege­be­nen Rahmen­be­din­gun­gen eine Nische zu suchen, in der sie eine entge­gen­ge­setz­te Praxis ins Werk setzen können. Kritisch betrach­tet, könnte man sagen, dass dies an den Verhält­nis­sen insge­samt nur wenig ändert. Umge­kehrt hat der Versuch im Klei­nen, wenn er gelingt, den unwi­der­steh­li­chen Charme, den Beweis zu liefern, dass es eben doch anders geht

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Das vorlie­gen­de Buch, das auf einem Semi­nar an der Humboldt-Univer­si­tät beruht, unter­sucht fünf Akteu­re des alter­na­ti­ven Wirt­schaf­tens in Berlin, einer Stadt, die mit ihren vielen Künst­lern, gegen­kul­tu­rel­len Tradi­tio­nen und der bunten Viel­falt von Menschen aus West, Ost und Süd immer wieder neue Formen des Zusam­men­le­bens hervor­bringt. Orga­ni­siert sind diese Akteu­re als offe­nes Netz­werk, als Kollek­tiv mit einem weite­ren Kreis freier Mitar­bei­ter, als Verein, GmbH oder schlicht als offe­nes Ange­bot. Bei gerade mal 140 Seiten bietet das Bänd­chen eine sehr dichte Beschrei­bung der Proble­ma­tik. Die Semi­nar­teil­neh­mer hatten die Aufga­be, ihren jewei­li­gen Fall nicht nur zu beschrei­ben, sondern auch mit theo­re­ti­schen Ansät­zen in Verbin­dung zu setzen, deren es viele gibt, denn was soli­da­ri­sche Ökono­mie sei, auf diese Frage gibt es mehr als eine Antwort. Sebas­ti­an Ronge destil­liert daraus auf nicht mehr als 18 Seiten einen theo­re­ti­schen Rahmen, um in diesem viel­ge­stal­ti­gen und wandel­ba­ren Feld einen Über­blick zu gewin­nen.
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Soli­da­ri­sche Ökono­mie: schon im Titel arti­ku­liert sich ein Wider­spruch. Seit Adam Smith gilt das Gewinn­stre­ben des Einzel­nen als eigent­li­cher Antrieb aller Wirt­schafts­tä­tig­keit. Smiths Hoff­nung war, dass dieser Eigen­nutz zugleich dem Gemein­wohl nützen möge, eine Annah­me, die heute auf der einen Seite wie ein Natur­ge­setz ange­se­hen wird, auf der ande­ren eigent­lich als wider­legt gelten kann. Soli­da­ri­tät zielt dage­gen auf den Grup­pen­zu­sam­men­halt, auf den Schul­ter­schluss mit ande­ren, auch länder­über­grei­fen­den Soli­dar­ge­mein­schaf­ten und auf ethi­sche Prin­zi­pi­en. Der Begriff der Soli­da­ri­tät verbin­det sich zunächst mit der Arbei­ter­be­we­gung, der es um die Durch­set­zung von Rech­ten inner­halb eines Lohn­sys­tems ging. Soli­da­ri­sche Ökono­mie setzt sich dage­gen entwe­der dem Prin­zip des Gewinn­stre­bens entge­gen oder versucht es mit ande­ren, ethi­schen Krite­ri­en in Einklang zu brin­gen. Dies ist kein Wider­spruch zum Begriff der Ökono­mie an sich, der ursprüng­lich nichts ande­res als das Haus­hal­ten mit den vorhan­de­nen Ressour­cen bezeich­net. Es setzt aber einen höhe­ren Aufwand an Diskus­sio­nen voraus als das simple Prin­zip des Gewinn­stre­bens. Dies zeigt sich an allen fünf Fall­bei­spie­len.
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Frei­funk
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Frei­funk-Netz­wer­ke gibt es mitt­ler­wei­le in vielen Städ­ten. Sich über W-LAN-Router mitein­an­der zu vernet­zen, ist, wie Julia­ne Rett­schlag fest­stellt, ein Weg des Empower­ments. „Das world wide web wird Frei­funk sicher­lich kaum je erset­zen“, schreibt sie, aller­dings „stel­len Frei­funk-Netze ein Gegen­ge­wicht zum Massen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel des Inter­net dar.“ Indem sie kosten­lo­sen Zugang bieten, unter­lau­fen sie die Tendenz, die Offen­heit der Wissens­ge­sell­schaft in einen gewinn­ba­sier­ten kogni­ti­ven Kapi­ta­lis­mus zu verwan­deln. Frei­funk ist ein Medium der „E-demo­cra­cy“, der Vernet­zung von unten. Die Autorin hat selbst da-ran mitge­wirkt, den Geflüch­te­ten in einer Unter­kunft, die nicht ans Inter­net ange­schlos­sen war, durch Frei­funk-Zugang beim Kontakt mit Fami­lie und Freun­den und beim Sprach­er­werb zu helfen. Das Prin­zip des Frei­funks besteht darin, dass niemand damit Geld verdient. Dennoch gehört Frei­funk in den Bereich der soli­da­ri­schen Ökono­mie, die auf Austausch, Gerech­tig­keit und kosten­lo­sem Zugang basiert.
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://about blank
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Der zweite Beitrag beschäf­tigt sich mit der Frage, wie sich bei einem erfolg­rei­chen Betrieb soli­da­ri­sche Ökono­mie mit Wachs­tum verbin­den lässt. Der Club „://about blank“ am S-Bahn­hof Ostkreuz ist nach Auskunft der Autorin­nen Lea-Riccar­da Prix und Johan­na Müller einer der größ­ten Kollek­tiv­be­trie­be Berlins. Von elf Perso­nen 2010 gegrün­det, ist die ange­sag­te Loca­ti­on inzwi­schen bei einem Kreis von 120 Mitar­bei­tern ange­kom­men, die frei­lich nicht alle in Voll­zeit arbei­ten. Dies bedingt ein Arbeit­ge­ber-Arbeit­neh­mer-Verhält­nis, das wieder­um zwin­gend erfor­dert, sich darüber Gedan­ken zu machen, wie die Soli­da­ri­tät beschaf­fen sein kann. Dass alle Betei­lig­ten gemein­sam Entschei­dun­gen tref­fen, ist bei über 100 Perso­nen weder möglich noch von allen gewünscht. Der elfköp­fi­ge Kern geneh­migt sich aller­dings keine Privi­le­gi­en: Grund­sätz­lich verdie­nen alle gleich viel. Jeder kann seine Arbeits­zeit selbst fest­le­gen und sich über regel­mä­ßig statt­fin­den­de Versamm­lun­gen einbrin­gen. Zudem versucht der Club, durch die Wahl der Liefe­ran­ten und mode­ra­te Preise auch nach außen soli­da­risch zu handeln.
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Fair­Bin­dung
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Der Verein Fair­Bin­dung geht noch einen Schritt weiter, indem er nach globa­ler Soli­da­ri­tät und Gerech­tig­keit fragt. Hervor­ge­gan­gen aus einer studen­ti­schen Initia­ti­ve und einem Austausch mit einer Schule in Guate­ma­la, bleibt Bildungs­ar­beit neben Kaffee­im­port einer der Pfei­ler der Arbeit. Formell ein Verein, versteht sich die sech­zehn­köp­fi­ge Gruppe auch gemäß ihren Statu­ten als gleich­be­rech­tig­tes Kollek­tiv. Die Mitglie­der sind aber häufig auch ander­wei­tig aktiv und in unter­schied­li­chem Maß ange­stellt oder ehren­amt­lich tätig. Ein voll­kom­men gleich­be­rech­tig­tes Verhält­nis mit Akteu­ren in Guate­ma­la ist nach ihren Beob­ach­tun­gen nicht möglich. Aber das Verhält­nis von Geben und Nehmen ist nicht einsei­tig bestimmt, da der Verein auf die reichen Erfah­run­gen auf dem Gebiet der soli­da­ri­schen Ökono­mie in Latein­ame­ri­ka zurück­grei­fen kann. Kaffee­im­port und Bildungs­ar­beit stehen in einem Verhält­nis von Praxis und Theo­rie, die prak­ti­sche Arbeit dient auch dazu, Erfah­run­gen zu gewin­nen. Drei Prin­zi­pi­en arbei­tet Jonas Harney heraus: persön­li­che Begeg­nung, umfas­sen­de Parti­zi­pa­ti­on, die über ein Dele­gie­ren hinaus­geht, und Selbst­be­stim­mung. Auf die Frage nach einem mögli­chen Wachs­tum lautet seine Antwort: Eine im Sinne des Vereins arbei­ten­de Gruppe muss über­schau­bar blei­ben, kann aber durch Bildungs­ar­beit und Vernet­zung daran arbei­ten, das Prin­zip weiter zu verbrei­ten.

Prin­zes­sin­nen­gar­ten

Das bekann­tes­te der vorge­stell­ten Projek­te, das auch auf dem Titel­blatt erscheint, ist wohl der Prin­zes­sin­nen­gar­ten. Im Stil eines Märchens leitet Alice Watan­a­be in die Beschrei­bung ein, die auf der Theo­rie des Handelns in Hannah Arendts „Vita activa“ aufbaut. Auf der fußball­feld­gro­ßen Brache in Berlin-Kreuz­berg kann sich Jede und Jeder einbrin­gen nach dem Motto: „Lass es die Leute machen und mach es nicht selbst.“ Arendts Prin­zip der Plura­li­tät, das Gleich­heit und Verschie­den­heit einschließt, zeigt sich etwa im Mitein­an­der der Genera­tio­nen, ein öffent­li­cher Raum, an dem sich Menschen als Freie und Glei­che begeg­nen können, im Mitglie­der­tref­fen. Die admi­nis­tra­ti­ve Struk­tur ist die einer gemein­nüt­zi­gen GmbH, die aus einem Café und der Anlage weite­rer Gärten je 30 Prozent ihrer Einnah­men erwirt­schaf­tet, während die verblei­ben­den 40 Prozent sich aus unter­schied­lichs­ten Quel­len zusam­men­set­zen. Watan­a­be betont, von Arendt ausge­hend, den selbst­zweck­haf­ten Charak­ter des Unter­neh­mens. Wiewohl Garten­bau per se eines der ältes­ten Gebie­te ökono­mi­schen Handelns ist, reicht das Handeln hier weit über den enge­ren ökono­mi­schen Bereich hinaus. Den eigent­li­chen Gewinn sieht der Geschäfts­füh­rer Robert Shaw im „Ausmaß der gesell­schaft­li­chen Zusam­men­ar­beit.“
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Leila und Ula
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Der Leih­la­den Leila und der Umsonst­la­den Ula stel­len das Prin­zip des Gewinn­stre­bens gera­de­zu auf den Kopf. Beide verste­hen sich als prak­ti­sche Antwort auf das Problem der Über­fluss- und Wegwerf­ge­sell­schaft. Von Jeremy Rifkins Erör­te­run­gen zum „Verschwin­den des Eigen­tums“ und „Die Gabe“ von Marcel Mauss ausge­hend, beschreibt Frie­de­ri­ke Heiny die unter­schied­li­chen Konzep­te. Leila ist ein Verein, man muss Mitglied werden und einen klei­nen Beitrag zahlen. Im Ula, in einem von der TU bereit gestell­ten Raum, kann Jeder vorbei­brin­gen, was er nicht mehr benö­tigt, und abho­len was er braucht. Die Schwel­le ist nied­ri­ger, die Soli­dar­ge­mein­schaft der Geben­den und Nehmen­den bleibt abstrakt und anonym und zudem auf ehren­amt­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­ar­beit ange­wie­sen. Demge­gen­über sind die Mitglie­der des Leila durch ein gemein­sa­mes Bewusst­sein, aktive Teil­nah­me und persön­li­che Begeg­nung stär­ker mitein­an­der verbun­den. Treten sie als Akteu­re eines soli­da­ri­schen Konsums so deut­li­cher hervor, so bietet ande­rer­seits der Ula Wohl­ha­ben­den und Bedürf­ti­gen die Chance eines Austauschs ohne ernied­ri­gen­des Gegen­über­tre­ten.
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Die fünf Fälle sind weit davon entfernt, einen Über­blick über die Formen und Poten­zia­le soli­da­ri­schen Wirt­schaf­tens bieten zu können. Sie zeigen jedoch auf exem­pla­ri­sche Weise, dass sich hinter dem Begriff eine große Viel­falt an Moti­va­tio­nen und Orga­ni­sa­ti­ons­for­men verbirgt, und bieten, über den Einzel­fall hinaus, eine Fülle von Anre­gun­gen, mit welchen theo­re­ti­schen Ansät­zen sich die Frage­stel­lung weiter einkrei­sen ließe. Die Einlei­tung von Basti­an Ronge vertieft diese Diskus­si­on und gibt damit einen Hinweis, wie sich das weite Feld dessen, was, schein­bar einleuch­tend und doch nicht ganz einfach zu fassen, mit dem Begriff soli­da­ri­sche Ökono­mie gemeint sein kann. Ein wich­ti­ger Beitrag, wenn diese, wie Chris­toph Köhler in einem frühe­ren Beitrag in HUMANE WIRTSCHAFT 01/2017 schreibt, „die Hoff­nung für die Zukunft“ ist.

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