Menschlichkeit braucht Ehrlichkeit im System – Im Gespräch mit Eugen Drewermann

„Leben in Mensch­lich­keit“ hieß der Vortrag, den Eugen Drewer­mann anläss­lich eines Kongres­ses unter der Über­schrift „Burnout und Resi­li­enz“ in Bad Kissin­gen hielt. Ich hatte im Anschluss Gele­gen­heit ihm zwei Fragen zu stel­len.

»Würden wir die wirk­li­chen Folgen unse­res Handelns, rein mone­tär und wirt­schaft­lich in die Preise verrech­nen, die wir heute den Kunden vorschwin­deln, dann wäre das System am Ende.«
(Eugen Drewer­mann)

„Sie haben in Ihrem Vortrag heute mit einer wich­ti­gen Aussa­ge begon­nen. Sie wiesen darauf hin, dass das Umfeld, in dem wir leben maßgeb­lich für die Frei­set­zung von Mensch­lich­keit verant­wort­lich ist. Das gilt im Posi­ti­ven, wie im Nega­ti­ven. Würden Sie diesen Gedan­ken für unsere Leser noch etwas vertie­fen?“

„Adorno hat einmal gesagt, man kann im Verkehr­ten nichts rich­tig machen. Jeder, der versucht ein Stück Mensch­lich­keit in diese Gesell­schaft zu tragen, tritt in Wider­spruch zu ihr, weil die System­be­din­gun­gen selber, in der ökono­mi­sier­ten Welt, in der wir gezwun­gen sind zu leben, die Vernut­zung des Menschen als Human­ka­pi­tal für die Unter­neh­mer­inter­es­sen als Programm erho­ben haben. Da auszu­tre­ten ist so gut wie unmög­lich, weil von irgend­et­was will der Einzel­ne ja leben. Aber an zwei Punk­ten lässt sich viel­leicht verdeut­li­chen, was unsere Gesell­schaft an inhu­ma­nen Zumu­tun­gen notwen­di­ger­wei­se in sich trägt.

Das eine ist der mir immer noch als rich­tig erschei­nen­de Gedan­ke von Karl Marx zur Mehr­wert­theo­rie. Wenn jeder unter kapi­ta­lis­ti­schen Bedin­gun­gen nur antre­ten kann, indem er den poten­ti­el­len oder realen Konkur­ren­ten aus dem Felde schlägt, muss er stär­ker sein als er. Das heißt mehr Kapi­tal als Rohmas­se für seine Inves­ti­tio­nen zur Verfü­gung haben. Das kann er nur, wenn er die Arbei­ter weit unter­halb der Preise bezahlt, die er für die Produk­te auf dem Markt einhan­deln kann. Das ist die Mehr­wert­theo­rie. Der Arbei­ter muss gerade so bezahlt werden, dass er davon leben kann, mitsamt seiner Fami­lie. Aber auch nicht mehr. Die Betriebs­be­din­gun­gen müssen erfüllt werden.

Da stellt sich die Frage, auf welchem Lebens­stan­dard­ni­veau defi­nie­ren wir „über­le­ben“? Es zeigt sich, dass der globa­li­sier­te Kapi­ta­lis­mus die lohn­ab­hän­gi­gen Arbei­ter um den ganzen Erdball herum in Konkur­renz verset­zen kann. Die Gewerk­schaf­ten werden immer stär­ker frak­tio­niert. Sie haben über­haupt keine Flächen­ta­rif­ver­trä­ge mehr – wenn, dann besten­falls für ihr Einzel­un­ter­neh­men. Sie dürfen auch große Einzel­tei­le ihrer Arbei­ter­schaft nicht mehr als Kapi­tal zurück­mel­den und sind fest einge­bun­den – hier in Deutsch­land – in die System­be­din­gun­gen des Kapi­ta­lis­mus. Umso mehr hat sich das Kapi­tal selber inter­na­tio­na­li­siert und globa­li­siert und es treibt sogar schon die Menschen inner­halb der EU, geschwei­ge denn in Konkur­renz zu ostasia­ti­schen Arbeits­ver­hält­nis­sen in eine tödli­che Vernich­tungs­kon­kur­renz gegen­ein­an­der.

Das viel­leicht kras­ses­te Beispiel ist der Nieder­gang des deut­schen Stein­koh­le­berg­baus. Vorge­scho­ben werden heute umwelt- und klima­be­ding­te Notwen­dig­kei­ten, die ich selbst­ver­ständ­lich aner­ken­ne. Aber das wirk­li­che Problem ist, dass um Stahl zu erzeu­gen, wir immer noch Koks brau­chen. Und den könn­ten wir natür­lich in begrenz­ter Menge auf dem höchs­ten Stan­dard von Berg­bau­si­cher­heit, den wir nach 100 Jahren Arbeits­kampf je erreicht haben, erzeu­gen und sogar als Export­mo­dell anbie­ten. Genau das soll nicht sein. Aus China, der Türkei, Südafri­ka, Russ­land oder woher auch immer, lässt sich über drei Welt­mee­re die Kohle im Hafen besser anlan­den und billi­ger als sie in Deutsch­land herstell­bar wäre, mit der Folge von Unglü­cken, wie wir sie in Soma hatten und im Durch­lauf von etwa 6.000 chine­si­schen Kumpels, die jedes Jahr ihr Leben lassen. Das nehmen wir in Kauf. Das ist normal. So ist Kapi­ta­lis­mus. So ist er unmensch­lich. Das ist nur die erste Stufe der Analy­se. Die zweite führe ich gerne im Inter­es­se der Leser der HUMANEN WIRTSCHAFT auf den Namen Silvio Gesell zurück.

Um im Kapi­ta­lis­mus inves­tie­ren zu können, müssen Sie als erstes Kapi­tal aufneh­men. Das haben Sie natür­lich nicht, also brau­chen Sie Kredi­te. Und nun kann jeder unse­rer Leser sehen, was passie­ren wird. Er muss ein Giro­kon­to haben, sonst kann er über­haupt nicht gesell­schaft­lich aktiv blei­ben. Aber sobald er 1.000,-€ in roten Zahlen hat werden ihm 12 % oder 15 % Diskont drauf­ge­schla­gen. Hätte er 10.000,- Plus, bekäme er nicht einen Cent dafür, aber die Bank könnte damit speku­lie­ren. Und so geht das immer. Wir haben im Durch­schnitt heute bei jedem Zehn­ten 30.000 Euro Schul­den. Wie soll man damit leben? Und einen stän­dig stei­gen­den Zins­druck. Das ist eine Pres­sur, die die Menschen zwingt, immer eili­ger hinter den unbe­zahl­ba­ren Schul­den herzu­lau­fen. Darin liegt die eigent­li­che Dyna­mik des Kapi­ta­lis­mus. Nicht einmal in der Konkur­renz oder im Lohn­dum­ping unter Ausbeu­tung der Arbei­ter und deren Tota­l­ent­frem­dung. Auch nicht im Zugriff auf die Rohstof­fe und damit der mili­ta­ri­sier­ten Außen­po­li­tik in der Instal­lie­rung von Regimes, die unse­ren Inter­es­sen feind­lich, der dorti­gen Bevöl­ke­rung aber unin­ter­es­siert gegen­über stehen. Wir haben über die Zins­spi­ra­le die Innen­dy­na­mik des Kapi­ta­lis­mus. Sie können nur wirt­schaf­ten durch Aufnah­me von Kredi­ten und Sie müssen den Kredi­ten hinter­her laufen. Wenn Sie das nicht können, verdie­nen die Banken durch leis­tungs­lo­ses Einkom­men und zwar in geome­tri­schem Anstieg. Darin liegt die unglaub­li­che Verschul­dung aller Staa­ten der EU begrün­det. Unbe­zahl­bar für den Bürger. 30.000,- € sind Privat­schul­den bei jedem Zehn­ten. Dazu kommt die Akku­mu­la­ti­on des Kapi­tals hinzu. Die letz­ten 30 Jahre hat sich das Volks­ver­mö­gen schät­zungs­wei­se verdrei­facht. Und jetzt zum ersten Mal haben wir wirk­li­che Armut millio­nen­fach in Deutsch­land. Die eigent­li­che Vermö­gens­stei­ge­rung , die natür­lich nur bei den 10% Reichs­ten ankommt, auf Kosten derer, die da unten sind. Der Zins ist eine endlo­se Maschi­ne­rie der Umver­tei­lung von unten nach oben. Die da oben sagen ‚Das Kapi­tal arbei­tet – Das Geld arbei­tet‘, dabei ist die Wahr­heit: es muss von den Habe­nicht­sen gear­bei­tet werden. Von denen, die kein Geld haben.“

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