Macht Macht blind? – Pat Christ

Main­zer Publi­zist Chris­ti­an Nürn­ber­ger analy­siert den „Verkauf“ der Demo­kra­tie —
Gewalt­frei, krea­tiv, künst­le­risch – so stell­te sich Chris­ti­an Nürn­ber­ger vor zehn Jahren die „Revo­lu­ti­on“ vor, die er für das Jahr 2008 kommen sah. Doch der Aufstand für eine humane Wirt­schaft und Gesell­schaft blieb bekannt­lich aus. „Er fiel ins Wasser, weil wir die 68er-Revo­lu­ti­on gefei­ert haben“, meint der Main­zer Publi­zist im Gespräch mit unse­rer Zeitung lako­nisch: „Vor lauter Feier­lich­kei­ten verga­ßen wir, eine neue Revo­lu­ti­on zu machen.“

So ging also alles in der Weise weiter, wie der Publi­zist es schon vor zehn Jahren aufge­zeigt hat. Keine Frage. Das ist frus­trie­rend: „Ich war zwischen­durch auch versucht, ein Buch zu schrei­ben mit dem Titel: ‚Mein letz­tes Buch‘.“ Der erste Satz hätte lauten sollen: „Schrei­ben ist sinn­los.“

So aber­sin­nig erschien es Nürn­ber­ger eine Zeit lang, neuer­lich darauf aufmerk­sam zu machen, dass die Finanz­märk­te zu einer immer größe­ren Bedro­hung werden, die Total­über­wa­chung bald Reali­tät ist und die eins­ti­ge west­li­che Werte­ge­mein­schaft, wie er es bereits früher formu­liert hat, zuneh­mend in eine „Wert­pa­pier­sell­schaft“ mutiert.

Letzt­lich ließ er sich nicht entmu­ti­gen. Im März erschien sein jüngs­tes Buch „Die verkauf­te Demo­kra­tie“. Darin stellt er mit deut­li­chen Worten fest, dass von der von Lobby­is­ten mani­pu­lier­ten Poli­tik nicht viel zu erwar­ten ist. Was frei­lich keine neue Erkennt­nis des gewerk­schaft­lich und kirch­lich enga­gier­ten Autors ist. Schon vor zehn Jahren kam Nürn­ber­ger zu der Einsicht, „dass es inzwi­schen völlig egal ist, wer in Deutsch­land oder einem ande­ren Land regiert“. Und doch wollte er sich 2013 für die SPD in Bayern als Bundes­tags­kan­di­dat nomi­nie­ren lassen.

„Man muss doch etwas tun“
„Igend­et­was muss man tun“, begrün­det er seinen Versuch, quasi wider besse­ren Wissens in der großen Poli­tik mitzu­spie­len und Einfluss zu nehmen. Nichts schlim­mer, als zu resi­gnie­ren. Wobei eine Bundes­tags­kan­di­da­tur eigent­lich nie in Nürn­ber­gers Lebens­plan vorge­se­hen war: „Sie ist mir zuge­fal­len wie der Jung­frau das Kind.“ Man fragte ihn, ob er sich dies vorstel­len könnte: „Und zwar zu einem Zeit­punkt, als ich mich wahn­sin­nig über die Wutbür­ger aufge­regt habe, die maulend abseits stehen und selbst nichts tun.“

Nürn­ber­ger, der sah, in welchem Maße die Demo­kra­tie am Zusam­men­bre­chen ist, wollte seinen Beitrag dazu leis­ten, sie neu zu errich­ten. Er wollte der viel beklag­ten, teils bloß vermeint­li­chen, teils tatsäch­li­chen „Unfä­hig­keit“ von „Real­po­li­ti­kern“ etwas entge­gen­set­zen. Er wollte ein mora­lisch agie­ren­der Abge­ord­ne­ter werden, der nicht mit verlo­ge­nen, geist­lo­sen Phra­sen, der nicht mit faden, abge­schmack­ten Reden einer angeb­lich alter­na­tiv­lo­sen Poli­tik das Wort redet. Er wollte den Beweis antre­ten, dass es nach wie vor möglich ist, Mandats­trä­ger zu sein, ohne korrupt zu werden.

„Jeder hat die Möglich­keit, die Poli­tik dadurch zu verbes­sern, dass er sich einer Partei anschließt und auf diese Weise dafür sorgt, dass ein besse­res Perso­nal zur Auswahl kommt“, sagt das SPD-Mitglied. Es seien jedoch lediglch zwei Prozent aller Wahl­be­rich­tig­ten auch Mitglied einer Partei. Dürfe es dann wundern, dass nichts Geschei­tes auf die Wahl­lis­ten kommt?

Der Einzel­ne ist macht­los
Aller­dings nützt es herz­lich wenig, wenn sich die eine oder der andere entschließt, in eine Partei einzu­tre­ten: „Das müsste massen­haft gesche­hen, ganze Grup­pen müss­ten sich zusam­men­tun und etwa einen Orts­ver­ein über­neh­men. Als einzel­ner schei­tert man.“ Allei­ne dem partei­po­li­ti­schen Main­stream etwas entge­gen­zu­set­zen, scheint unmög­lich. Nürn­ber­ger erfuhr dies am eige­nen Leib. Er wurde am Ende nicht als Kandi­dat für die Bundes­tags­wahl nomi­niert.

Das bewog ihn aller­dings keines­wegs dazu, sich aus der Poli­tik zurück­zu­zie­hen. Nürn­ber­ger ist weiter­hin in der SPD aktiv. Dort kämpft er gegen Intrans­pa­renz und die Art und Weise, wie Wahl­kampf­kan­di­da­ten partei­in­tern ausge­wählt werden: „Das führte inzwi­schen auch zu Diskus­sio­nen in der Partei.“
Seine Haupt­waf­fe bleibt jedoch das geschrie­be­ne Wort. Auch wenn er noch immer keine finale Antwort auf die Frage hat, ob es tatsäch­lich sinn­voll ist oder nicht, zu schrei­ben – gegen Miss­stän­de anzu­schrei­ben, schrei­bend neue Wege aufzu­zei­gen: „Oft denkt man, dass es sinn­los ist, weil man keine Wirkung erkennt. Doch wenn man in die Geschich­te zurück­blickt, stellt man fest, dass schon öfter Menschen etwas geschrie­ben haben, was auf keiner­lei Reso­nanz stieß, jedoch 20 Jahre später etwas auslös­te.“

Wider die einsa­men Inseln
Doch was könnte Nürn­ber­gers neues Buch auslö­sen? Ein wich­ti­ger Impuls lautet: Noch viel mehr müsste zusam­men­ge­hen, noch viel mehr Verein­ze­lung aufge­bro­chen werden zu etwas Gemein­sa­men, das nicht mehr so einfach wegzu­wi­schen ist. Es müss­ten sich also die Tier- und Natur­schüt­zer mit jenen verbin­den, die sich für Flücht­lin­ge oder den Welt­frie­den enga­gie­ren. Die wieder­um müss­ten mit Daten­schüt­zern, mit Menschen, die sich für Senio­ren einset­zen, und mit Lebens­mit­tel­ret­tern zusam­men­ar­bei­ten. Noch kämpft jeder auf seiner klei­nen Insel. Noch findet Enga­ge­ment reich­lich unko­or­di­niert statt.

Aller­dings schaf­fen es jene, die sich in einem dieser Felder enga­gie­ren, schon jetzt meist kaum zu einer vernünf­ti­gen Work-Life-Ehren­amts-Balan­ce. Was auch Nürn­ber­ger so sieht: „Es gibt einen unglei­chen Kampf zwischen denen, die dem tägli­chen Brot­er­werb nach­ge­hen müssen und nur in ihrer Frei­zeit poli­tisch arbei­ten können, und den ande­ren, die den ganzen Tag nichts Ande­res zu tun haben, als Poli­tik oder Busi­ness zu machen und dafür bezahlt werden. Letz­te­re sind am länge­ren Hebel.“

Dennoch gebe es, zeigt ein weite­rer Blick in die Histo­rie, Erfol­ge von Grup­pen, die ganz klein begon­nen haben: „Und zwar dann, wenn die Wider­sprü­che zu groß wurden.“ So entstan­den aus winzi­gen, „spin­ner­ten“ Umwelt­schutz­be­we­gun­gen allmäh­lich die Grünen. Nürn­ber­ger setzt darauf, dass auch jetzt wieder aus neuen Bürger­ak­ti­vi­tä­ten neue Partei­en hervor­ge­hen, die etwas bewe­gen wollen.

Pat Christ

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