Luxus – Siegfried Reusch

Die philo­so­phi­sche Frage nach Luxus ist keine aus Über­druss gebo­re­ne Erfin­dung unse­rer moder­nen Über­fluss­ge­sell­schaft. Schon in der Antike setzte Dioge­nes von Sinope mit seinem aske­ti­schen Lebens­wan­del ein großes Frage­zei­chen hinter den Genuss des nicht unmit­tel­bar zum Über­le­ben Notwen­di­gen: Hauste der bedürf­nis­lo­se Philo­soph doch fast nackt in einem Fass auf dem Markt­platz von Athen und pfleg­te, um sein Essge­schirr zu sparen, seinen erbet­tel­ten Linsen­brei aus einem aufge­bro­che­nen Brot zu essen. Dem entge­gen steht die These, dass es gerade das Stre­ben nach Luxus und Annehm­lich­kei­ten sei, das die Menschen zu ihren zivi­li­sa­to­ri­schen Anstren­gun­gen moti­vie­re und vom Müßig­gang abhal­te. In der Tat steht außer Frage, dass die dem Luxus frönen­den Athe­ner dem kultu­rel­len Erbe der Mensch­heit Bedeu­ten­de­res hinzu­ge­fügt haben als die aske­tisch leben­den Spar­ta­ner. Auch wenn Prunk­bau­ten wie die Akro­po­lis, der Peters­dom, das Taj Mahal oder die Blaue Moschee vorder­grün­dig nicht dem puren Über­le­ben dienen, dürf­ten sich jedoch kaum Mehr­hei­ten finden lassen, die ernst­lich für deren Abriss plädie­ren würden. Glei­ches gilt für ein Verbot nicht über­le­bens­not­wen­di­ger Künste wie Musik, Bild­haue­rei oder Philo­so­phie. Entspre­chend stellt sich die Frage, ob der Genuss des über das Notwen­di­ge Hinaus­ge­hen­den, der Konsum des solcher­ma­ßen als Luxus Ausge­zeich­ne­ten gar kein über­flüs­si­ger oder gar schäd­li­cher, sondern viel­mehr ein wesent­li­cher Teil des Menschen ist und mithin Bedin­gung jegli­cher Zivi­li­sa­ti­on.

Jean-Jacques Rous­se­au würde dies entschie­den vernei­nen. Weil Wissen und Künste immer neue Schlei­er über das einst­mals so reine Leben in würdi­ger Einfalt legen, plädiert der Wegbe­rei­ter der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on für die Vorzü­ge eines einfa­chen und ehrli­chen länd­li­chen Lebens. Der elegan­te Lebens­stil und die intri­gan­te Streit­kul­tur der Pari­ser Salons seiner Zeit waren ihm fremd. Auf dem Land gäbe es keine Maske­ra­den und Verstel­lun­gen. Die Menschen würden sich viel­mehr mit offe­nen Herzen in Freude und fühlen­dem Einver­neh­men begeg­nen. Die elabo­rier­ten groß­städ­ti­schen Umgangs­for­men und das elegan­te Trei­ben der im Reich­tum Schwel­gen­den sind ihm Synonym einer inhalts­lee­ren, im Verfall begrif­fe­nen Zivi­li­sa­ti­on. Reich­tü­mer, so Rous­se­au, verlei­ten die Eigen­tü­mer zu Lastern, die der Frei­heit des Einzel­nen scha­den und immer­zu neue Begehr­lich­kei­ten wecken. Damit formu­liert er das Grund­prin­zip des moder­nen Konsum-Kapi­ta­lis­mus, in dem Ange­bot und Bedarf in keinem rech­ten Verhält­nis mehr stehen. Wenn Konsum kein schlech­tes Gewis­sen mehr kennt und Verbrauch solcher­ma­ßen zum Selbst­zweck gewor­den ist, wird reflek­tie­ren­des Denken durch Einkau­fen ersetzt. Sind die Grund­be­dürf­nis­se gedeckt, kann die Indus­trie nur noch Wünsche verkau­fen. Konzer­ne mutie­ren derart zu Philo­so­phen­schu­len, die uns mit ihren quasi­re­li­gi­ös aufge­la­de­nen Produk­ten vorgau­keln, das gute Leben zu lehren. Bezahlt wird für Ware, gekauft wird ein gutes Gefühl. Aber wie lange kann ein solches System des Konsu­mis­mus funk­tio­nie­ren? Werden dabei doch zwei wich­ti­ge Fragen unbe­ant­wor­tet gelas­sen: Hilft Luxus über­haupt bei der Suche nach dem guten, dem gelin­gen­den Leben? Und, da sich Luxus für die meis­ten Menschen nicht in geis­ti­gen Werten oder in selbst­be­stimm­ter Zeit bemisst, sondern viel­mehr eine begrenz­te, mate­ri­el­le Form von Luxus weit­hin als domi­nan­ter Maßstab gilt: Wie gerecht ist der Luxus verteilt? Wird man doch nur dadurch reich, dass man andere für sich arbei­ten lässt.

Spät­rö­mi­sche Deka­denz
Die Frage nach der Gerech­tig­keit hat der dama­li­ge Außen­mi­nis­ter Guido Wester­wel­le im Rahmen einer Diskus­si­on um eine margi­na­le Erhö­hung der Hartz-IV-Sätze mit dem unüber­biet­ba­ren Zynis­mus eines Staats­die­ners mit Pensi­ons­an­spruch beant­wor­tet: Er geißel­te die Forde­rung als „spät­rö­mi­sche Deka­denz“. Leis­tung müsse sich lohnen, wer keine Arbeit habe, solle sich halt anstren­gen. Eine bezahl­te Arbeit zu haben, ist ange­sichts Millio­nen Erwerbs­lo­ser zwischen­zeit­lich jedoch schon selbst zum Luxus gewor­den. Entspre­chend gelten alle Recht­fer­ti­gungs­ver­su­che des Luxus vielen nurmehr als plumpe Vertei­di­gungs­ma­nö­ver gegen berech­tig­te Umver­tei­lungs­an­sprü­che.
Im Bewusst­sein der Gefah­ren, die Luxus für Wenige auf Kosten der Vielen für ein Gemein­we­sen mit sich bringt, hatten schon die römi­schen Kaiser Geset­ze gegen über­bor­den­den Luxus erlas­sen. Von seinen Beam­ten auf die zur Gewohn­heit gewor­de­ne Über­tre­tung dieser Geset­ze hinge­wie­sen, kam Kaiser Tibe­ri­us jedoch zu dem Schluss: „Uns möge Ehrge­fühl, die Armen Not, die Reichen Über­sät­ti­gung zum Besse­ren lenken.“ Auch wenn Reich­tum und Prunk heute nicht mehr so öffent­lich zur Schau gestellt werden wie noch zu Zeiten des Feuda­lis­mus, scheint es offen­sicht­lich, dass allein die Hoff­nung auf Einsicht, Ehrge­fühl und Über­sät­ti­gung der Armut nicht entge­gen­wir­ken kann. Nach wie vor sind alle Gesell­schaf­ten in Arm und Reich gespal­ten, wenige Promil­le der Bevöl­ke­rung verfü­gen über einen Groß­teil des vorhan­de­nen Vermö­gens. Von Gerech­tig­keit im Sinne der Verfü­gungs­ge­walt über die glei­che Menge an Ressour­cen sind die real exis­tie­ren­den Gesell­schaf­ten weiter entfernt denn je.

Weit davon entfernt, den Luxus zu verbie­ten, sind auch Denker wie Bernard de Mande­ville, der die Laster gar als Quelle des Wohl­stands einer Nation erach­tet, sowie Baron de Montes­quieu, demzu­fol­ge die Armen verhun­gern, wenn die Reichen nicht pras­sen.

Auch ein Blick auf die Viel­fäl­tig­keit der Natur liefert kaum Argu­men­te für frei­wil­li­ge Askese. Mehr als durch ein stren­ges Régime der Not, das allent­hal­ben Spar­sam­keit und bestän­di­ge Anpas­sung erfor­dert, ist sie bestimmt durch über­schie­ßen­de Produk­ti­vi­tät und eine jenseits aller Nütz­lich­keit stehen­de Gestal­tungs­freu­de. Die vieler­orts durch eine opulen­te Fülle von Gestal­ten, mannig­fa­che Formen und über­bor­den­de Farben charak­te­ri­sier­ten Bildun­gen der leben­di­gen Natur verlie­ren jedoch schnell ihren Wert und ihren Reiz, wenn man sie nur durch die Brille von Zweck­mä­ßig­keit oder biolo­gi­scher Notwen­dig­keit betrach­tet.

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