Kalender 1913 von Erich Mühsam

Bild wiki­pe­dia: Mühsam während seiner Lehr- und Wander­jah­re, um 1906

 

Januar:

Der Reiche klappt den Pelz empor,
und mollig glüht das Ofen­rohr.
Der Arme klebt, daß er nicht frier,
sein Fens­ter zu mit Pack­pa­pier.

Febru­ar:

Im Fasching schaut der reiche Mann
sich gern ein armes Mädchen an.
Wie zärt­lich oft die Liebe war,
wird im Novem­ber offen­bar.

März:

Im Jahre acht­und­vier­zig schien
die neue Zeit hinauf­zu­ziehn.
Ihr, meine Zeit­ge­nos­sen wißt,
daß heut noch nicht mal Vormärz ist.

April:

Wer Diplo­ma­te werden will,
nehm sich ein Muster am April.
Aus heiterm Blau bricht der Orkan,
und niemand hat‚s nach­her getan.

Mai:

Der Revo­luz­zer fühlt sich stark.
Der Reichen Vorschrift ist ihm Quark.
Er feiert stolz den ersten Mai.
(Doch fragt er erst die Poli­zei.)

Juni:

Mit Weib und Kind in die Natur
zur Heilungs-, Stär­kungs-, Bade­kur.
Doch wer da wandert bettel­arm,
Den fleppt der würdi­ge Gendarm.

Juli:

Wie so ein Schwimm­bad doch erfrischt,
wenn‚s glühend heiß vom Himmel zischt!
Dem Vater­land dient der Soldat,
kloppt Griffe noch bei drei­ßig Grad.

August:

Wie arg es zugeht auf der Welt,
wird auf Kongres­sen fest­ge­stellt.
Man trinkt, man tanzt, man redet froh,
und alles bleibt beim status quo.

Septem­ber:

Vorüber ist die Feri­en­zeit.
Der Lehrer hält den Stock bereit.
Ein Kind sah Berg und Wasser­fall,
das andre nur den Schwei­ne­stall.

Okto­ber:

Zum Herbst­ma­nö­ver rücken an
der Land­wehr- und Reser­ve­mann.
Es drückt der Helm, es schmerzt das Bein.
O welche Lust, Soldat zu sein!

Novem­ber:

Der Tag wird kurz. Die Kälte droht.
Da tun die warmen Klei­der not.
Ach, wärmte doch der Pfand­schein so
wie der versetz­te Pale­tot!

Dezem­ber:

Nun teilt der gute Niko­laus
die schö­nen Weih­nachts­ga­ben aus.
Das arme Kind hat sie gemacht,
dem Reichen werden sie gebracht.

Erich Mühsam, 1878–1934

 

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1 Antwort

  1. Veronika Hauenstein sagt:

    Meinen Weg sehe ich jetzt klar vor mir.

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