Gentrifizierung im Zahlungsverkehr

Das Bünd­nis von Finan­zen und Tech­no­lo­gie gentri­fi­ziert das Geld­we­sen und stärkt die Kontroll­mög­lich­kei­ten von Unter­neh­men. Das geht zu Lasten infor­mel­ler Vertraut­heit und führt zum Ausschluss von Menschen, die sowie­so am Rande der Gesell­schaft stehen.
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Engli­scher Origi­nal­text von Brett Scott, Ins Deut­sche über­setzt von Andre­as Bange­mann
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Ein sich lang­sam entwi­ckeln­des Phäno­men mit schwer­wie­gen­den Folgen brei­tet sich welt­weit aus: digi­ta­les Bezah­len. Nur wenige Menschen sind sich dessen bewusst, viel­leicht weil sie es für etwas schein­bar Bana­les und Gutar­ti­ges halten. Dieses Phäno­men tritt nicht nur in den Groß­städ­ten der wirt­schaft­lich fort­ge­schrit­te­nen Natio­nen auf, sondern auch in ärme­ren Ländern, oft über Program­me inter­na­tio­na­ler Entwick­lungs­or­ga­ni­sa­tio­nen geför­dert, als Hilfe zur „finan­zi­el­len Einglie­de­rung“ in die Part­ner­schaf­ten mit großen Finanz­in­sti­tu­tio­nen.
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Der Aufstieg digi­ta­ler Zahlungs­mit­tel (manch­mal als „E‑Geld“, „Plas­tik­geld“ oder „Handy­geld“ bezeich­net) und die damit verbun­de­ne schritt­wei­se Abschaf­fung von physi­schem Bargeld, gibt Finanz­in­sti­tu­ten und Regie­run­gen neue Möglich­kei­ten beispiel­lo­sen Ausma­ßes zur Finanz­über­wa­chung und ‑kontrol­le an die Hand. Wie ich zeigen werde, kann man dies als Gentri­fi­zie­rung des Zahlungs­ver­kehrs anse­hen.
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Der Begriff „Gentri­fi­zie­rung“ beschreibt eigent­lich Entwick­lun­gen in Wohn­quar­tie­ren, in denen das Milieu einer margi­na­li­sier­ten Gemein­schaft – oft gekenn­zeich­net durch infor­mel­le Wirt­schafts­netz­wer­ke, Stra­ßen­märk­te und eine rau und kantig anmu­ten­de Atmo­sphä­re – allmäh­lich durch den Zustrom wohl­ha­ben­de­rer Neuan­kömm­lin­ge verwäs­sert wird. Mit Hilfe höhe­rer Preise verdrän­gen sie bisher Ansäs­si­ge und nutzen die Quar­tie­re zur Etablie­rung neuer, lukra­ti­ve­rer Märkte.
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Der Prozess setzt eine „Berei­ni­gung“ der zwang­lo­sen Infor­ma­li­tät in Gang, bei der die Neuan­kömm­lin­ge, die sich von bestimm­ten wünschens­wer­ten Erschei­nun­gen der Gemein­schaft ange­zo­gen fühlen (wie der Musik oder der locke­ren Atmo­sphä­re), die bedroh­li­chen Elemen­te besei­ti­gen, die mit der ursprüng­lich proble­ma­ti­schen sozia­len Situa­ti­on einher­ge­hen (Banden, Drogen­dea­ler, Bauern­märk­te).
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Der Prozess der Gentri­fi­zie­rung von Nach­bar­schaft gipfelt in einer Aushöh­lung der ursprüng­li­chen Gemein­schaft, der Neutra­li­sie­rung von Risi­ken für wohl­ha­ben­de­re Menschen und dem Aufstieg eines nicht mehr bedroh­lich wirken­den Schein­bilds dieser Gemein­schaft, getra­gen von elitä­ren Geschäfts­leu­ten und großen Insti­tu­tio­nen.
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Es kann mit ange­sag­ten Beklei­dungs­bou­ti­quen begin­nen, die die klei­nen Stoff­händ­ler erset­zen, aber es wird zwangs­läu­fig mit dem Erschei­nen von Ketten­lä­den großer Unter­neh­men ergänzt, die alles erset­zen – von fami­li­en­geführ­ten Deli­ka­tes­sen-Läden bis hin zu reli­giö­sen Gemein­schafts­zen­tren.
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Wenn wir uns jedoch zurück­hal­ten und verall­ge­mei­nern, erscheint „Gentri­fi­zie­rung“ einfach als der Prozess, in dem infor­mel­le und unvor­her­seh­ba­re Commu­ni­ty-Netz­wer­ke, die poten­zi­ell die Main­stream-Geschäfts­in­ter­es­sen gefähr­den, durch forma­le, stan­dar­di­sier­te und vorher­seh­ba­re staat­li­che Unter­neh­mens­struk­tu­ren ersetzt werden, beglei­tet von ober­fläch­li­chen Erschei­nun­gen, von „Nütz­lich­keit“, „Cool­ness“ und Bequem­lich­keit. Das Abbild des „Konsu­men­ten“, der ein „Kauf­erleb­nis“ in einem Einkaufs­zen­trum sucht, ersetzt das Gemein­schafts­mit­glied, das die Zuge­hö­rig­keit zu Netz­wer­ken von Freun­den, Fami­lie und Mitar­bei­tern sucht.
In welchem Verhält­nis steht das zum Zahlungs­ver­kehr? Bargeld ist eine Form der Bezah­lung, die lange Zeit verbun­den war mit Leuten auf den unte­ren Stufen post­ko­lo­nia­ler, infor­mel­ler Wirt­schafts­wei­se – auf dem Fisch­markt in Maputo, wie beim Hinter­hoff­ri­seur in Mumbai oder dem Hand­wer­ker in den Anden –, zwar von Staa­ten ausge­ge­ben, aber von den Nutzern leicht vor Beob­ach­tung und direk­ter Kontrol­le abschirm­bar. Der digi­ta­le Zahlungs­ver­kehr ist jedoch die Domäne großer globa­li­sier­ter Finanz­un­ter­neh­men und kann nicht von ihnen getrennt oder ihrer Beob­ach­tung entzo­gen werden. Digi­ta­le Zahlun­gen zu nutzen – oder gezwun­gen zu sein – bedeu­tet, in deren Einfluss- und Macht­be­reich zu gelan­gen.
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