Eine Wirtschaft, in der wir einander tragen – Editorial
Mit jedem Editorial, das ich einer neuen Ausgabe voranstelle, lade ich Sie ein, sich ein wenig in meinem Gedankenhaus umzuschauen. Nehmen Sie Platz am Tisch meiner Überlegungen und lassen Sie sich darauf ein, dass etwas geschieht, das Sie in Resonanz bringt. Vielleicht ein Mitschwingen, vielleicht auch ein abwehrendes Stirnrunzeln. Mein Leben lang bin ich Gastgeber – sowohl im praktischen Sinn als auch im übertragenen. Stets strebe ich danach, einen Raum zu schaffen, in dem es sich gut leben lässt.
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Doch das Abenteuerliche sollte nicht zu kurz kommen. Das gilt im physischen Sinn und mit zunehmendem Alter umso mehr im geistigen. Ich möchte dazu beitragen, dass unsere Leserinnen und Leser die Mühen und Plagen des Alltags mit all den damit zusammenhängenden Konsequenzen auf das Leben für einen Moment eintauschen können gegen etwas, das ihnen zeigt: Das Leben ist abwechslungsreich, und wir sollten Labore für unsere inneren Sehnsüchte schaffen, damit sich durch Revolten, Innovationen und Experimente das Neue entwickeln kann. Manchmal genügt dafür einfach nur Stille. Ein leerer Raum.
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Die Unterdrückung innerer Idealbilder zugunsten gesellschaftlich geschaffener Muster ist gefährlich für uns. Diese Ideale mögen eine etablierte Ordnung oder eine künstliche Konventionalität stören, aber sie können uns vor dem Tod im Leben retten, vor einem Roboterleben, vor Langeweile, vor dem Verlust des Selbst, vor Versklavung. Wenn wir ein Muster vollständig akzeptieren, das nicht von uns geschaffen wurde und das wir nicht wirklich als unser eigenes empfinden, dann verdorren wir und sterben. Die konventionelle Struktur der Menschen ist oft nur eine Fassade. Darunter verbirgt sich meist ein Mensch mit originellen Gedanken oder erfinderischer Fantasie, die aus Angst vor Spott und Ausgrenzung nicht gezeigt werden.
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Schriftsteller und Künstler beispielsweise sind bereit, das für uns zu tun. Sie sind Wegweiser und Kartografen zu größerer Aufrichtigkeit. Sie sind nützlich, ja sogar unverzichtbar für die Gemeinschaft. Sie halten uns die Vielfalt vor Augen, die den Menschen so faszinierend macht. Ich will Beuys Ansicht nicht überstrapazieren, aber seine Einschätzung, wonach jeder Mensch ein Künstler sei, zeigt, dass wir selbst maßgeblich zu unserer Heilung beitragen können. Mein nunmehr 20-jähriges Wirken für diese Zeitschrift war stets von Selbstzweifeln begleitet. Theoretisieren wir nicht zu viel und handeln zu wenig? Warum beschäftige ich mich mit Reformideen, die unzählige geistige Koryphäen vor mir auf brillante Weise dargebracht haben, von denen jedoch bis heute kaum etwas in die Realität umgesetzt wurde? Weshalb verbringe ich so viel meiner Lebenszeit mit dem Nachdenken darüber, wie etwas in die Praxis überführt wird, das noch nie jemand ausprobieren konnte? Ist die Wirtschaft nicht zu komplex und vor allem zu groß, als dass es sich lohnen würde, als Einzelner zu glauben, man könne Impulse für radikale Änderungen geben?
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Solche Fragen können einen lähmen. Sie können aber auch leise werden, wenn etwas dazwischenkommt, mit dem man nicht gerechnet hat.
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In meinem Fall war es vor nicht allzu langer Zeit eine Mail. Norbert Olah, Physiker und langjähriger Begleiter freiwirtschaftlicher Diskurse, hatte einen Beitrag von mir gelesen und machte mich auf vier Aufsätze aufmerksam, die er gemeinsam mit Thomas Huth und Dirk Löhr in den vergangenen Jahren in der Zeitschrift für Sozialökonomie veröffentlicht hatte. Die Mail war kurz; das, was sie auslöste, ist es nicht. Aus ihr ist die Synthese geworden, die diese Ausgabe trägt.
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Bevor ich erzähle, was diese Synthese leistet, möchte ich eine Erinnerung mit Ihnen teilen, die ich mit Norbert Olah verbinde. Wir waren 2012 gemeinsam auf einer Wahlkampfveranstaltung in Düsseldorf — im Grunde eine politische Pflichtübung, deren konkrete Inhalte mir längst aus dem Gedächtnis gefallen sind. Im Foyer des Hotels stand ein Flügel. Norbert setzte sich spontan daran und spielte ein klassisches Stück so virtuos, dass Menschen, die durch die Räume eilten, stehen blieben. Sie hörten zu. Von der Veranstaltung selbst ist mir wenig geblieben. Von diesem Moment alles.
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Es gibt eine alte Verbindung zwischen Mathematik und Musik, die mindestens bis zu Pythagoras zurückreicht. Wer beide Disziplinen pflegt — und Norbert tut das auf besondere Weise —, weiß um eine Eigenart der Welt: dass sie auf Verhältnissen gebaut ist, deren Stimmigkeit man nicht beweisen muss, sondern hört. Eine Oktave ist ein Verhältnis. Ein Akkord ist ein Verhältnis. Auch die sogenannte „Goldene Regel“ r = g – der Kern der erwähnten Synthese – ist ein Verhältnis — eines, in dem Zins und Wachstum, die sonst gegeneinander streben, miteinander in einen Gleichklang treten könnten.
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