Brevarium Nr. 279 – Redaktion
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Die Formel für Gerechtigkeit – Andreas Bangemann – Seiten 6 – 13
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C − W = (r − g) · K
Hinter dieser Gleichung verbirgt sich nach Auffassung des Autors eines der folgenreichsten Ergebnisse der zeitgenössischen Wirtschaftstheorie: Die Lücke zwischen dem, was eine Gesellschaft konsumiert, und dem, was Arbeitende verdienen, entspricht exakt der Abweichung des Zinssatzes von der Wachstumsrate. Eine Synthese der Arbeiten von Olah, Huth und Löhr aus der Zeitschrift für Sozialökonomie. Was sich darin offenbart, ist verblüffend: Silvio Gesell und Milton Friedman – Ökonomen aus entgegengesetzten Ecken des Spektrums – treffen an derselben Stelle auf dieselbe Schlussfolgerung. Zwei Instrumente – Haltegebühr auf Geld und Bodenwertsteuer – erweisen sich als mathematische Notwendigkeit für ein Gleichgewicht, in dem Nullwachstum kein Krisenzustand mehr ist. Wer die Formeln überspringen möchte, kann das tun, denn die Sprache zwischen den Formeln trägt. Wer sich auf sie einlässt, findet die ungewöhnlich klare Ableitung dessen, was die Freiwirtschaft seit über hundert Jahren behauptet – und einiges, das darüber hinausweist.
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Der Boden als Privileg und Kapitalgut – Fritz Andres – Seiten 14 – 17
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In Zeiten des Feudalismus gehörte der Boden wenigen Familien – heute ist er breit gestreut. Doch ist damit die Privilegienstruktur überwunden? Fritz Andres’ Analyse zeigt: kaum. Wer nicht zu dem exklusiven Club gehört, muss sich einkaufen oder lebenslänglich Miete zahlen. Anhand zweier Tabellen führt der Verfasser vor, wie die Verzinslichkeit des Kapitals den ewigen Strom der Bodenrente in eine endliche Bestandsgröße verwandelt. Vom Bodenprivileg, so seine zentrale These, gehen zwei Gefahren aus: Krieg um fremdes Privileg und Umweltzerstörung in herrenlosem Gebiet. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung erweisen sich als drei Ziele, die nur gemeinsam erreichbar sind. Fritz Andres (1946–2019) veröffentlichte diesen Text 2004 in der Zeitschrift für Sozialökonomie, hier erscheint er in gekürzter Fassung – als Erinnerung an einen, dessen Denken heute ebenso aktuell ist wie damals.
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Das Rätsel der verstummten Kritik – Pat Christ – Seite 18 – 21
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Warum konnte sich der Neoliberalismus durchsetzen? Wo sind die Gegenstimmen geblieben? Pat Christ besucht den Essener Historiker Tim Schanetzky, der mit Studierenden ein „Glossar der Kapitalismuskritik“ erarbeitet hat – 24 Artikel über Reformer, Rebellen und Sozialdemokraten, von Robert Owen bis heute. Schanetzky ist Wissenschaftler, kein Aktivist. Er positioniert sich nicht, er archiviert. Genau das macht seinen Befund aufschlussreich – und für Freiwirtschaftler zugleich ernüchternd: Silvio Gesell fehlt. Die Kritik am Zinssystem taucht im Glossar nur in antisemitischem Gewand bei Gottfried Feder auf. Vier Erklärungsstränge laufen zusammen: gescheiterte Ideen, ein elitärer Einflussbereich, ein überfrachteter Alltag müder Menschen – und eine Welt voller Bemühungen, die sich nur „im kleinen Stil“ durchsetzen konnten. Bleibt die Hoffnung. Sie scheint, wie der Beitrag schließt, unausrottbar.
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Freiwirtschaft für das 21. Jahrhundert – Markus Henning – Seiten 22 – 24
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Erkennen können wir nur, worauf wir schauen. So beginnt Markus Hennings Rezension von Werner Onkens „Grundrisse einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. 50 Fragen und Antworten“, erschienen 2025 im oekom-Verlag. Onken entwirft die Realutopie egalitärer Herrschaftsfreiheit, eingebettet in soziale und ökologische Kreisläufe. Henning spannt vier Themenkomplexe auf: Teilhabe und Regeneration der natürlichen Lebensgrundlagen, Vernetzung und Ausgleich durch eine grundlegende Geldreform, Arbeit und Sorgetragen mit Drei-Generationen-Vertrag sowie Wandel und Humanität als Antwort auf den heraufziehenden Neofaschismus. Die globalen Ressourcen stehen unter UN-Verwaltung und ihre Erträge werden in gleichen Pro-Kopf-Beträgen rückverteilt. Henning macht deutlich, was an dieser Vision dranhängt. Sein Fazit hat eine eigene Dringlichkeit: „Solange solche Bücher erscheinen, können wir noch an die Zukunft glauben.“
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„Das Ende des Endes der Geschichte“ – Andreas Bangemann – Seiten 25 – 27
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Mit „Das Ende des Endes der Geschichte“ kündigten die Veranstalter der Reihe „Philosophie im Central“ eine Grundsatzdebatte über Kapitalismus und Demokratie an – und Wolfgang Streeck lieferte sie. Der emeritierte Direktor des Kölner Max-Planck-Instituts spannte den Bogen von Fukuyamas „Ende der Geschichte“ über die Feindbildlogiken nach dem 11. September bis zur multipolaren Gegenwart. Seine knappe Definition lautet: Kapitalismus ist „die auf Dauer gestellte Erzeugung von Kapital, mit dem Ziel, es wieder zu investieren, um die auf Dauer gestellte Erzeugung von Kapital fortzusetzen“. Demokratie sei keine Folge wirtschaftlicher Modernisierung, sondern gegen das Kapital erkämpft worden. Andreas Bangemann ergänzt im Anschluss eine Differenzierung, die im Vortrag offenblieb: die Unterscheidung zwischen Gewinn aus produktiver Investition und Rente aus rechtlich gesicherter Knappheit und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für eine Re-Politisierung der Ökonomie. Die Frage, die er Streeck gerne gestellt hätte, hallt nach.
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10 Gebote für die KI – Rainer Monnet – Seiten 28 – 31
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Sprachgewandtheit ist nicht Wahrheit. Rainer Monnet, der lange als Innovationsmanager in der Industrie tätig war, lotet aus, was im „Maschinenraum“ tatsächlich passiert: ein Aufblitzen geistiger Energie, „strahlend kalt“, in dem Worte aus 750 Millionen Optionen kombiniert werden, ohne dass je ein Bewusstsein dabei wäre. Die KI imitiert Denken und Empathie – und wir verwechseln die Imitation mit der Substanz. Die Macht über sie liegt bei wenigen Konzernen. Regulation greift zu kurz, denn jedes Gesetz ist bei seinem Erlass schon überholt. Was tun? Monnets Vorschlag ist so kühn wie pragmatisch: menschliche Werte unauslöschlich im Code verankern – eine „Ethische KI“ mit zehn Geboten als DNA. Unantastbare Menschheitswerte, Vorrang menschlicher Belange, Wahrhaftigkeit, Transparenz, faire Teilhabe an der Wertschöpfung. Ob das technisch gelingt, müssen die Entwickler entscheiden. Der Impuls ist gesetzt – möge er fruchten.
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Weshalb nicht alle Künstler sind – Pat Christ – Seiten 32 – 35
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Ein Aufkleber stellt eine schlichte Frage: „Wenn alle sein könnten, was sie wollen, gäbe es mehr Diktatoren oder mehr Künstler?“ Pat Christ trägt die Frage weiter – zu einem Philosophen, zu einem Kreativtherapeuten, der mit traumatisierten Jugendlichen arbeitet, und zum Friedensforscher Daniele Ganser. Eine knappe Mehrheit der schwer kranken jungen Patientinnen und Patienten hält den Menschen für „eher schlecht“ – sie haben es erlebt. Ganser rechnet dagegen vor: Acht Milliarden Menschen, kaum 80 Millionen Soldaten weltweit; weniger als ein Prozent, würden töten. Wenn der gute Kern wirklich da ist, warum gelangen dann so oft die Falschen an die Spitze? Die Antwort, so die Autorin, liege nicht im Menschen, sondern in den Bedingungen, die ihn umgeben. „Wir müssen die Strukturen ändern, damit der gute Kern des Menschen neu zur Geltung kommt.“
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Fünf vor Zwölf – Siegfried Wendt – Seiten 36 – 38
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Fünfzig Jahre liegen zwischen den „Grenzen des Wachstums“ von 1972 und dem Survival Guide „Earth for All“ von 2022. Genug Zeit, um zu handeln. Geschehen ist wenig. Siegfried Wendt, seit 2013 mit 19 Aufsätzen in der HUMANEN WIRTSCHAFT vertreten, gibt sich nicht mehr mit dem österlichen „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ zufrieden. Die Regierenden, so seine Diagnose, wissen sehr wohl, was sie tun – und versündigen sich in unvorstellbarem Maße an ihren Wählerinnen und Wählern. Das Bild der Titanic auf Eisbergkurs steht stellvertretend für die Gegenwart. Hoffnung legt der Autor in die Heranwachsenden. Er wünscht ihnen eine Welt ohne die Begriffe Werbung und Rendite, in der industrielle Arbeitsplätze schwinden und Pflege, Bildung und Reparatur wieder gefragt sind. „Ich wäre schon zufrieden, wenn die Leser wenigstens die Hälfte meiner Aussagen ernst nähme.“
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Rechtspopulismus. Warum? – Rezension von Werner Onken – Seiten 38 – 42
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Aus Finanzkrisen profitieren vor allem die rechten Parteien, wie Trebesch, Funke und Schularick zeigen. Diesem Befund stellt Helge Peukert eine „links-grüne Streitschrift mit Postwachstums-Alternative“ entgegen. Werner Onken nimmt das Buch mit Wohlwollen und Stirnrunzeln zugleich auseinander. Bemerkenswert: Peukert benennt die leistungslosen Einkommen aus Bodenrenten und unterstützt die Bodenwertsteuer Henry Georges und Dirk Löhrs. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass er auf die Evolutionsbiologie, das Frosch-Phänomen und Alfred Adlers Individualpsychologie zurückgreift, um die Allgegenwart der Verdrängung zu erklären. Im Schlusskapitel klafft jedoch eine Leerstelle, die Onken schmerzt. Das „Gesell-Geld“, also die Umlaufsicherung, bleibt auch im pluralen Mainstream das „Schmuddelkind, mit dem man lieber nicht spielt“. Onken arbeitet heraus, warum das Vollgeld allein nicht reicht. Eine Rezension, die mehr ist als eine Buchbesprechung: ein Plädoyer für die übersehene Hälfte der Reform.
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Anarchie, Lebensreform und Freiwirtschaft – Rezension von Markus Henning – Seiten 44 – 46
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In der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 wurde Erich Mühsam im KZ Oranienburg zu Tode geprügelt. 90 Jahre später kamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebendort zusammen, um an den Anarchisten, Dichter und Räterevolutionär zu erinnern. Markus Henning bespricht den Tagungsband „Sich fügen heißt lügen“ – und der Bogen, den er dabei spannt, ist weit: vom NS-Terror und dem Schicksal Zenzl Mühsams im Stalinismus über Gustav Landauers herrschaftsfreie Gemeinschaftsexperimente bis zur Aussteigerkolonie Monte Verità und zur Obstbau-Genossenschaft Eden. Im Zentrum steht Siegbert Wolfs Vortrag über Silvio Gesell, der über Georg Blumenthal und Max Stirner in die anarchistische Tradition hineingewachsen war und der 1919 in München als Volksbeauftragter für Finanzen wirkte. Hier sind die Gefährten, mit denen man unbedingt sprechen sollte.
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Architektur der Entwurzelung – A. Bangemann – Seiten 48 – 53
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Ein Paar steigt aus seinem Geländewagen, der für zwei Personen eigentlich zu groß ist. Wir kennen die Szene. Andreas Bangemann nimmt sie zum Anlass, den kanadischen Psychologen Bruce K. Alexander vorzustellen – jenen Forscher, dessen „Rat Park“-Experiment in den 1970er Jahren das Paradigma der Suchtforschung hätte erschüttern müssen: Nicht die Droge macht süchtig, sondern die Umgebung. Die Sucht unserer Zeit – nach Konsum, Ablenkung, immer mehr – wäre demnach kein Krankheitsbild, sondern ein Symptom: die Antwort auf eine Welt, die Menschen systematisch entwurzelt. Alexander selbst fragt jedoch nicht weiter: Warum muss diese Wirtschaft expandieren? Bangemann schlägt die Brücke zwischen Strukturreform und psychosozialer Heilung. „Die Einladung steht.“ – - -
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