Bleib Mensch – bleib gesund! – Stefan Nold

Diese Arti­kel ist Michail Sost­schen­ko [Sost­schen­ko, Michail (1970). Bleib Mensch Genos­se. Samm­lung und Über­tra­gung aus dem Russi­schen von Grete Willin­sky. Langen Müller: München und Wien.] gewid­met, der mit skur­ri­lem Humor und Sinn für liebens­wer­te und weni­ger liebens­wer­te mensch­li­che Schwächen
die Welt auch in dunk­len Tagen etwas heller gemacht hat.

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In Zeiten von Corona hört man zum Abschied immer öfter: „Blei­ben Sie gesund!“ Es ist eine nette Geste, ein Zeichen von Besorg­nis und Anteil­nah­me. Aber irgend­wann verkommt sie zu einer Flos­kel. Auch nach einem „Wie geht es dir?“ erwar­tet man keine Antwort. Mark Twain behaup­te­te einmal, dass in der New Yorker Gesell­schaft keiner dem ande­ren zuhöre: Er wette­te mit einem Freund und versprach, auf der nächs­ten Party den Beweis anzu­tre­ten. Zu besag­ter Party kam Twain eine halbe Stunde zu spät und begrüß­te die Haus­her­rin im Kreise der Erwar­tungs­vol­len: „Entschul­di­gen Sie bitte meine Unpünkt­lich­keit! Ich musste noch meine alte Tante erwür­gen, und es dauer­te ein wenig länger, als ich vermu­te­te.“ – „Wie reizend von Ihnen“ erwi­der­te die Gnädi­ge, „dass sie trotz­dem gekom­men sind.“ [2]

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Gleich­gül­tig­keit gegen­über seinem Nächs­ten frisst den Menschen von innen auf. Empa­thie liegt in seiner Natur wie der Drang zu Über­le­ben. Krank­haf­te Ichbe­zo­gen­heit ist ihm über viele Genera­tio­nen hinweg antrai­niert worden. Diese will stän­dig befrie­digt werden, etwa durch Ange­ben und Schaum­schlä­ge­rei. In Krisen­zei­ten ist das beson­ders gut zu beob­ach­ten. Es sind ideale Bedin­gun­gen, um die Gunst Ande­rer zu balzen und sich wich­tig zu machen. Auch die Wissen­schaft hat ein eminen­tes Eigen­in­ter­es­se: Wer heute als Exper­te punk­tet, hat morgen beim Ratten­ren­nen um Förder­gel­der die Nase vorn.
Pausie­ren und Sinnieren 

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Wenn man von einer Sache keine Ahnung hat, muss man sich infor­mie­ren. Diskus­sio­nen und Beiträ­ge von Exper­ten sind ein guter Einstieg. Aber irgend­wann muss man anfan­gen selbst nach­zu­den­ken. Nach­den­ken ist mühsam, kostet viel Zeit. Das ist ärger­lich, denn wir alle wollen eine schnel­le Antwort. Exper­ten, die nur in eine Rich­tung denken, sind gerne bereit uns diese „silver bullet“, die silber­ne Kugel zu geben. So über­se­hen wir oft das Wesent­li­che. Der bekann­te Soft­ware-Entwick­ler Tom de Marco erzählt folgen­de Episo­de: „In meiner Zeit bei den Bell Labo­ra­to­ri­en haben wir in Zwei­mann­bü­ros gear­bei­tet. Sie waren groß, ruhig, und man konnte die Tele­fo­ne umlei­ten. Ich arbei­te­te in einem Raum zusam­men mit Wendl Thomis, der später sein Impe­ri­um als Herstel­ler von elek­tro­ni­schem Spiel­zeug aufbau­te. Damals arbei­te­te er an einem Fehler­ka­ta­log für elek­tro­ni­sche Swit­ching-Syste­me. Dieser Kata­log basier­te auf der Idee von Abwei­chun­gen im n‑dimensionalen Raum; die Erar­bei­tung dieses Konzepts war selbst für Wendls Konzen­tra­ti­ons­fä­hig­keit eine Heraus­for­de­rung. An einem Nach­mit­tag saß ich über ein Programm­lis­ting gebeugt da, während Wendl in die Luft starr­te und die Füße auf dem Schreib­tisch liegen hatte. Unser Chef kam zur Tür herein und fragte: ‚Wendl, was machst du da?‘ Wendl antwor­te­te: ‚Ich denke‘. Darauf der Chef: ‚Kannst du das nicht zu Hause machen?‘“ [3]

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Der Kaba­ret­tist Jess Jochim­sen berich­tet in seinem brül­lend komi­schen Buch „Das Dosen­milch­t­rau­ma“ über seine Jugend bei seinen Eltern aus der 68-er Genera­ti­on folgen­de Episo­de: Bei einer Klas­sen­fahrt seines Sozi­al­leis­tungs­kur­ses nach Berlin traf er Helmut Kohl „auf offe­ner Straße, ganz ohne Body­guards.“ Kohl nahm die Truppe samt Lehre­rin mit in sein Büro. Und dann durfte ein Schü­ler aus dem Kurs eine Frage stel­len. Schwie­rig. Am Ende brach­te einer heraus: „Macht es Spaß Bundes­kanz­ler zu sein?“ Jochim­sen schreibt: „Helmut Kohl verzog keine Miene, sah uns sehr ernst an und antwor­te­te: Wisst ihr, nachts, wenn die Nation schläft, sitze ich hier allein in diesem Büro. Ich schaue die Gold­fi­sche in meinem Aqua­ri­um an und denke an Deutsch­land.“ [4] Wer jetzt lacht, lacht zu früh. Das Ganze spiel­te sich ab im Mai 1989 und ist in Form eines Grup­pen­fo­tos in einer Lokal­zei­tung doku­men­tiert. Jochim­sen schwört: „Das hat er genau so gesagt“. Ein halbes Jahr später fiel die Mauer und Kohl nutzte die Gunst der Stunde. Viel­leicht haben wir die Wieder­ver­ei­ni­gung, oder besser gesagt, den Anschluss der DDR an die Bundes­re­pu­blik, den Gold­fi­schen in Kohls Büro zu verdanken.

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Björn Engholm, der ehema­li­ge Minis­ter­prä­si­dent von Schles­wig-Holstein, schreibt in seinem Buch „Vom öffent­li­chen Gebrauch der Vernunft“: „Poli­ti­ker in einer reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie meinen, sie müss­ten sich stän­dig in Szene setzen, dürf­ten niemals Ratlo­sig­keit zeigen.“ In dem Abschnitt „Vom poli­ti­schen Alltag“ gibt er einen klei­nen Kalen­der­rück­blick: Diens­tag 11:00 Kabi­nett­sit­zung, 14:00 Frak­ti­ons­sit­zung 15:00 Inter­view zum Schles­wig-Holstein Musik­fes­ti­val 16:00 Sitzung des Verwal­tungs­rats der Landes­bank. Ende 21:00. Am Ende des Abschnitts fragt Engholm: „Was bleibt? Manch­mal nach langen Tagen voller Reden, nervi­ger Diskus­si­on, langen Akten­stu­di­ums und Töpfen voller Kaffee … frage ich mich, was einem am Ende bleibt. Was bleibt uns, die wir in der 81. Wochen­ar­beits­stun­de glän­zen­den Auges vor akti­ven Gewerk­schafts­ver­tre­tern das hohe Lied der 35 Stun­den Woche singen, die wir, über­for­dert von Menschen, die glau­ben, Poli­ti­ker seien allmäch­tig, gute Miene zum schon verlo­re­nen Spiel machen; die wir in Frak­ti­ons- Partei oder Spezia­lis­ten­sit­zun­gen einen endlo­sen Kampf um Kompro­mis­se ausfech­ten, uns mit Fragen beschäf­ti­gen, die zwar die Anwe­sen­den, kaum aber die Bevöl­ke­rung inter­es­sie­ren; die wir auf dem geis­ti­gen Stand der Zeit, besser noch ihm voraus sein soll­ten, obwohl wir unsere letz­ten wissen­schaft­li­chen Semi­na­re vor 20 Jahren besucht haben; die wir immer lächeln sollen, Zuver­sicht zeigen, Opti­mis­mus ausstrah­len, obwohl auch uns gele­gent­lich hunde­elend und zum Kotzen ist.“ [5]
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