Vom Hochzins bis zum Null- und Negativzins – Helmut Creutz

Vom Hoch­zins bis zum Null- und Nega­tiv­zins
Ursa­chen und Fol­gen der Zins­satz-Ver­än­de­run­gen sowie deren Aus­wir­kun­gen in der Wirt­schaft

Hel­mut Creutz

Das The­ma Zin­sen und des­sen Ver­än­de­run­gen hat in den letz­ten Mona­ten die Gemü­ter mehr beschäf­tigt, als in den gan­zen vor­aus­ge­hen­den Jahr­zehn­ten. Das vor allem bedingt durch die unge­wohn­te Vor­stel­lung eines ins Minus gehen­den Zins­sat­zes und der damit ver­bun­de­nen Wir­kun­gen. – Um deren Bedeu­tung zu beur­tei­len, ist es sinn­voll, sich noch ein­mal mit den Zins-beding­ten Ent­wick­lun­gen und deren Fol­gen in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten zu befas­sen – und nicht zuletzt mit den Zin­sen sel­ber.

Was sind Zin­sen?

Zin­sen, die man bei Geld-Aus­lei­hun­gen erhält, sind gewis­ser­ma­ßen eine Ent­schä­di­gung für den Ver­zicht auf des­sen Liqui­di­täts­vor­tei­le. – In der Regel läuft die­ser Ver­zicht über Erspar­nis-Bil­dun­gen der Bür­ger bei den Ban­ken ab, die dann, die im Geld gebun­de­ne Kauf­kraft, über Kre­dit­ver­ga­ben, wie­der in den Wirt­schafts-Kreis­lauf zurück­füh­ren. – Ein unver­zicht­ba­rer Vor­gang, wenn der Markt wei­ter funk­tio­nie­ren soll.

Auf die den Spa­rern gezahl­ten Gut­ha­ben-Zin­sen schla­gen die Ban­ken dann beim Wei­ter­ver­lei­hen noch die so genann­te Bank­mar­ge auf, unter­schied­lich nach Kos­ten, Lauf­zeit und Risi­ko. Die vom Kre­dit­neh­mer gezahl­ten Zin­sen kann man also als eine Art „Leih­preis des Gel­des“ sehen, des­sen Höhe letzt­lich von Ange­bot und Nach­fra­ge bestimmt wird. – Auch wenn die Ban­ken dabei einen Gewinn erwirt­schaf­ten, ist der Nut­zen für die Gesamt­ge­sell­schaft ent­schei­dend. Das gilt beson­ders auch für den Spa­rer, des­sen Über­leis­tung am Markt – aus der sei­ne Erspar­nis resul­tiert! – auf die­se Wei­se über­haupt erst von einem Drit­ten nach­ge­fragt wer­den kann.
Die Ergeb­nis­se die­ser Ban­ken-Tätig­kei­ten wer­den von der Bun­des­bank lau­fend ermit­telt und jeweils im Sep­tem­ber-Monats­be­richt für das Vor­jahr zusam­men­ge­fasst. Dem­nach waren z. B. im Jahr 2013 die Zins­er­trä­ge der Ban­ken, mit 221 Mrd. €, der größ­te Ein­nah­me- und die Zins­aus­zah­lun­gen, mit 134 Mrd. €, der größ­te Aus­ga­be­pos­ten. Aus dem bei den Ban­ken ver­blei­ben­den Zins­über­schuss in Höhe von 87 Mrd. €, gin­gen dann als größ­ter Anteil, mit 34 Mrd. €, die Kos­ten für das Per­so­nal ab und der Jah­res­über­schuss nach Steu­ern lag am Ende der Ket­te bei 14,3 Mrd. €.

Die Wir­kun­gen der Zin­sen

Der Spa­rer emp­fin­det Zin­sen als Gewinn, der Kre­dit­neh­mer als Last, die er ent­we­der selbst bezahlt oder, wie durch­weg üblich, über sei­ne Prei­se an die End­ver­brau­cher wei­ter­gibt! – So sehr sich also der Spa­rer auch über sei­ne Zins­gut­schrif­ten freut, soll­te ihm immer bewusst sein, dass die­se weit­ge­hend aus sei­ner eige­nen Tasche stam­men! Denn Zin­sen sind für jeden Unter­neh­mer Kos­ten für das Kapi­tal, die er – was oft über­se­hen wird! – genau­so wie die für Mate­ri­al und Per­so­nal – über die End­ver­brau­cher-Prei­se wei­ter gibt.….und wei­ter geben muss, wenn er über­le­ben will! Das heißt, auch die Bür­ger, die kei­ner­lei Schul­den haben und sich am Jah­res­en­de über ihre Zins­gut­schrif­ten freu­en, müs­sen davon aus­ge­hen, dass sie dabei selbst als Zah­ler betei­ligt sind! Und die Höhe die­ses Zins­last-Anteils wie­der­um hängt von den Mate­ri­al-, Per­so­nal- und sons­ti­gen Pro­duk­ti­ons­kos­ten ab, die sich – neben den kal­ku­la­to­ri­schen Gewin­nen – im End­preis addie­ren.

Zur Höhe die­ses Zins­an­teils in den Prei­sen, fiel mir kürz­lich noch ein­mal eine kom­mu­na­le Unter­la­ge aus den 1980er Jah­ren in die Hand, in der die Zusam­men­set­zun­gen öffent­li­cher Kos­ten aus­ge­wie­sen wur­den. Danach lagen z. B. die Zins­an­tei­le in den Müll­ab­fuhr­ge­büh­ren damals erst bei 12 % – wahr­schein­lich weil fast der gesam­te Abfall noch ein­fach auf Depo­ni­en ent­sorgt wer­den konn­te. Die Zins­an­tei­le in den Trink­was­ser­ge­büh­ren hat­ten jedoch auch damals bereits 38 % und in den Kanal­be­nut­zungs-Gebüh­ren sogar 47 % erreicht! Und in dem durch güns­ti­ge Kre­di­te geför­der­ten Mie­ten im „Sozia­len Woh­nungs­bau“ wur­den die Zin­sen bereits in den 1950er Jah­ren auf 60 % ein­ge­grenzt und durch zins­güns­ti­ge „öffent­li­che Mit­tel“ ermög­licht. – Doch die­ser kal­ku­la­to­ri­sche Kos­ten­an­teil läuft auch nach Til­gung der Kre­di­te wei­ter, nur ver­la­gert in das mit den Til­gun­gen gewach­se­ne Eigen­ka­pi­tal!

Und die Ent­wick­lung der Zins­an­tei­le?

Bedingt durch das An- und Über­wach­sen der Geld- und Sach­ver­mö­gens­wer­te in einer Volks­wirt­schaft, die sich vor allem wie­der­um als Fol­ge des expo­nen­ti­ell wir­ken­den Zin­ses­zins-Effekts bei allen Geld­an­la­gen erge­ben, neh­men die Zins­an­tei­le in der Gesamt­heit aller Prei­se stän­dig zu! Das geht auch aus der Dar­stel­lung 1 her­vor, in der den optisch gleich blei­bend groß dar­ge­stell­ten Haus­halts-Ein­kom­men, die rech­ne­risch auf jeden Haus­halt ent­fal­len­den Gesamt­ver­schul­dun­gen in der Wirt­schaft gegen­über gestellt sind, einschl. der sich dar­aus erge­ben­den Zins­las­ten. Hier­aus ist also zu ent­neh­men, in wel­chem Über­maß sich die­se Schul­den und Zins­las­ten gegen­über den Ein­kom­men der Haus­hal­te ver­än­dert haben, bezo­gen auf die Jah­re 1950, 1980 und 2010 und jeweils umge­rech­net in Euro.
Aus die­sen Zah­len geht zwar – in nomi­nel­len Grö­ßen – eine Zunah­me der Haus­halts­ein­kom­men in den sechs Jahr­zehn­ten auf das 24-fache her­vor. Die mit den Aus­ga­ben gezahl­ten Zins­an­tei­le stie­gen jedoch in der glei­chen Zeit – im Gleich­schritt mit der Schul­den­mas­se – auf das 112-fache an und damit fast fünf Mal schnel­ler als die Haus­halts-Ein­kom­men! – In der letz­ten Schul­den­säu­le, also im Jahr 2010, wird außer­dem die Ver­tei­lung der Schul­den auf Unter­neh­men, Staat und Pri­vat­haus­hal­te ange­deu­tet.

Die Zins­be­ding­te Umver­tei­lung der Ein­kom­men, bezo­gen auf zehn gleich­gro­ße Haus­halts­grup­pen

Die­se etwas kom­pli­zier­te Umver­tei­lungs-Berech­nung in der Dar­stel­lung 2, wur­de von mir in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten mehr­fach vor­ge­nom­men, zum ers­ten Mal anfangs der 1980er Jah­re und zuletzt – wie abge­bil­det – bezo­gen auf das Jahr 2007. Dabei gehen die Ergeb­nis­se die­ser Berech­nung sowohl aus der Gra­fik optisch her­vor, als auch aus der am unte­ren Rand der Gra­fik ange­füg­ten Tabel­le.

Wie dar­aus ersicht­lich, muss­ten die ers­ten acht Haus­halts-Grup­pen im Lau­fe des Jah­res 2007 mehr Zin­sen zah­len, als sie als Zins-Ein­künf­te zurück erhiel­ten. Dabei war es – nach letz­ten Ver­gleichs­rech­nun­gen – in Wirk­lich­keit sogar so, dass sich auch die Sal­den bei der 9. Haus­halts-Grup­pe damals bereits um Null beweg­ten. Das heißt, nur das reichs­te Zehn­tel war allei­ni­ger Gewin­ner und das weit­ge­hend in der Höhe, in der alle ande­ren Haus­hal­te Ver­lus­te zu tra­gen hat­ten! Und die­se Umver­tei­lung, von der Mehr­heit zur Min­der­heit, hat sich im Zuge der Kri­se und deren Fol­gen sogar so erhöht, dass inzwi­schen nur noch ein Teil des reichs­ten Zehn­tels Zuge­win­ne ver­bu­chen kann. Und das in Grö­ßen­ord­nun­gen, die wie­der­um zu Ver­dopp­lun­gen die­ser Zuge­win­ne in weni­gen Jah­ren füh­ren. Trotz aller Zins­satz-Absen­kun­gen, denen sich die Super­rei­chen meist noch zu ent­zie­hen wis­sen – bis hin zu den Ver­la­ge­run­gen ihrer Ver­mö­gen in Sach­wer­te, ande­re Wäh­run­gen oder jenen Steu­er­oa­sen, die bis­lang von der Poli­tik mehr oder weni­ger gedul­det oder gar geför­dert wur­den, wie das Bei­spiel Luxem­burg zeigt.
Die im Hin­ter­grund der Dar­stel­lung 2 jeweils ein­ge­tra­ge­nen wei­ßen Säu­len geben das Ergeb­nis einer ein­mal ange­nom­me­nen Hal­bie­rung der Zins­sät­ze wie­der. Ein Ergeb­nis, wie es sich im Jahr 2014, auf­grund der radi­ka­len Zins­satz­sen­kun­gen der Bun­des­bank bzw. der EZB, in etwa erge­ben haben könn­te. Auch wenn dies bis­her nur Schät­zun­gen sind und vie­le Ein­la­gen und Kre­di­te noch jah­re­lang auf ihren alten ver­trag­lich fest­ge­leg­ten Zins­hö­hen ver­blie­ben, zeigt die­se Alter­na­ti­ve mit hal­bier­ten Zins­sät­zen den­noch, zu wel­chen Erleich­te­run­gen sol­che Zins­satz-Absen­kun­gen füh­ren kön­nen. Und das nicht nur für den Bun­des-Finanz­mi­nis­ter (der bekannt­lich zum ers­ten Mal seit vie­len Jahr­zehn­ten „Schwar­ze Zah­len“ bei der Staats­fi­nan­zie­rung erhofft!), son­dern auch für die Ent­las­tung aller Bür­ger! – Eine Ent­las­tung, die sich in etwa glei­cher Höhe auch als Ein­kom­mens­ver­lust bei dem reichs­ten Zehn­tel der Haus­hal­te aus­wir­ken müss­te – wenn es nicht so vie­le Aus­weich- und Umge­hungs­mög­lich­kei­ten geben wür­de!

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