Diese Wirtschaft tötet – Christoph Rinneberg

Rede zur Haupt­ver­samm­lung der Deut­schen Bank in Frankfurt/M, 22.05.2014

Sehr geehr­te Gast­ge­ber, sehr geehr­te Gäs­te die­ser Haupt­ver­samm­lung,

Sie sind heu­te Mor­gen, sofern Sie über den Haupt­ein­gang in die­se Fest­hal­len-Ver­samm­lung gelangt sind, über Pla­ka­te mit einer har­ten Bot­schaft begrüßt wor­den: „Die­se Wirt­schaft tötet.“

Dies hat kein Gerin­ge­rer gesagt als Papst Fran­zis­kus, in sei­nem ers­ten Apos­to­li­schen Schrei­ben vom 24. Novem­ber 2013. Ich spre­che hier für die „Initia­ti­ve Ordens­leu­te für den Frie­den“ (IOF), die seit fast einem Vier­tel­jahr­hun­dert all­mo­nat­lich vor der Zen­tra­le der Deut­schen Bank Mahn­wa­che gegen das herr­schen­de Wirt­schafts- und Finanz­sys­tem hält. Viel­leicht erin­nern sich eini­ge von Ihnen an unse­re rund 20 Jah­re alte Aus­sa­ge: „Unser Wirt­schafts­sys­tem geht über Lei­chen.“ Fran­zis­kus bringt es deut­li­cher auf den Punkt: Es ist die Wirt­schaft, die tötet. Wer Glück gehabt hat, den IOF-Fly­er zu bekom­men und Mut, ihn mit­zu­neh­men, fin­det dar­in wei­te­re Aus­sa­gen über uns und unse­re Akti­vi­tä­ten und kann die­se – wie auch immer – ver­fol­gen.

War die Deut­sche Bank für die IOF zuvor „nur“ ein Sym­bol des vom Kapi­tal beherrsch­ten Wirt­schafts­sys­tems, so sind wir längst zu der Über­zeu­gung gekom­men, dass sie als eine der welt­weit stärks­ten Groß­ban­ken Teil des Kop­fes die­ses Sys­tems ist: „Kapi­tal“ kommt bekannt­lich aus dem Latei­ni­schen und heißt Kopf. Was die­ser „Kopf“ fer­tig­bringt, ist zynisch für die, die dar­un­ter lei­den und soll­te erschüt­ternd sein für die, die noch glau­ben, auf der rich­ti­gen Sei­te zu ste­hen:

Zynisch ist es, „dass es kein Auf­se­hen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwun­gen ist, auf der Stra­ße zu leben, erfriert, wäh­rend eine Baisse um zwei Punk­te an der Bör­se Schlag­zei­len macht“, wie es Fran­zis­kus am Bei­spiel eines ein­zel­nen Men­schen gesagt hat, der für rund 100.000 Men­schen die­ser Welt steht, die täg­lich Hun­gers ster­ben. Alle 5 Sek. ver­hun­gert ein Kind in die­ser Welt, nein, es wird ermor­det, wie Jean Zieg­ler es beim Namen nennt. Denn es gäbe in die­ser Welt genü­gend Nah­rung für alle, wenn das Geld nicht bei ganz weni­gen hoch­kon­zen­triert wäre.

Erschüt­tern muss doch wohl jeden Demo­kra­ten die Tat­sa­che, dass die Macht der Kon­zer­ne seit lan­gem dabei ist, der Poli­tik und damit uns Demo­kra­ten die Macht aus den Hän­den zu neh­men. Deut­lich wird das u. a. an den ver­zwei­fel­ten Ver­su­chen der EU-Poli­ti­ker, durch wirk­sa­me Regu­lie­rung gewis­ser­ma­ßen die Hun­de wie­der an die Ket­te zu legen, die sie frei­lich zuvor dere­gu­lie­rend los­ge­las­sen haben. Die Poli­tik hat also, getrie­ben durch die Groß­ban­ken – die stärks­te Lob­by­grup­pe – die Macht der Kon­zer­ne auf Kos­ten der Bür­ger gestärkt, wie bei der Ban­ken­ret­tung.

Erschüt­tern muss wohl die meis­ten der hier Anwe­sen­den auch unse­res Bun­des­prä­si­den­ten Aus­sa­ge in der „heu­te-show“ vom 14.04.2014: „Es ist gut, dass die Men­schen das Bank- und Geld­sys­tem nicht ver­ste­hen, sonst hät­ten wir eine Revo­lu­ti­on noch mor­gen früh.“

Unver­ständ­nis wird bei Ihnen vor­herr­schen, den Inha­bern der Bank: 2013 ist der Bonu­s­pool mit rund 3 Mrd. ¤ rund drei­mal so hoch wie der Net­to­ge­winn gewe­sen, der Ihnen gera­de mal
75 ¢/Aktie gönnt. Etwas land­wirt­schaft­lich­der­be aus­ge­drückt: „Man soll dem Och­sen, der da drischt, nicht das Maul ver­bin­den.“ Aber der soll doch nicht das Aller­meis­te selbst fres­sen! Trotz­dem wol­len Sie, Herr Jain und Herr Fit­schen, die EU-Gren­ze für die Boni aus­he­beln und glatt ver­dop­peln: Das gin­ge nur mit Ihnen, sehr geehr­te Anteils­eig­ner der Deut­schen Bank!

Ich möch­te das mit der kras­sen Schief­la­ge des Salärs noch etwas deut­li­cher machen: Sie, Herr Jain und Sie, Herr Fit­schen, haben im ver­gan­ge­nen Jahr jeweils rund 7,5 Mio. ¤ erhal­ten. Rech­net man das behut­sam auf den Stun­den­lohn um, dann kommt man auf rund 4.250 ¤. Das ist das rund 500-fache des­sen, wor­um seit Jah­ren rund 500 Par­la­men­ta­ri­er rin­gen, näm­lich um einen Min­dest­lohn von 8,50 ¤/Stunde. Kann sich bei die­ser Rela­ti­on Arbeit und Leis­tung noch loh­nen?

Aus der eins­ti­gen, sozi­al gezähm­ten Markt­wirt­schaft ist längst eine Macht­wirt­schaft gewor­den. Weil die Deut­sche Bank aller bis­he­ri­gen Erfah­rung nach nicht der Getrie­be­ne ist, son­dern zu den stärks­ten Trei­bern gehört, könn­ten Ihren Kul­tur­wan­del even­tu­ell fol­gen­de Ori­en­tie­run­gen beflü­geln:

Klaus Schwa­be zufol­ge, dem Grün­der des Welt­wirt­schafts­fo­rums in Davos, passt das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem nicht mehr in die­se Welt.

Max Weber, der viel­leicht letz­te Uni­ver­sal­ge­lehr­te, hat schon vor rund 100 Jah­ren gewusst: Wirt­schaft braucht Moral, schran­ken­lo­se Erwerbs­gier ist nicht iden­tisch mit Kapi­ta­lis­mus.

Sah­ra Wagen­knecht sagt in ihrer Wür­di­gung des Erhardt’schen Markt­ver­ständ­nis­ses: Je stei­ler das Wohl­stands­ge­fäl­le, des­to bedroh­ter ist die mora­li­sche Grund­la­ge des Kapi­ta­lis­mus.

Mög­li­cher­wei­se haben die­se drei Aus­sa­gen Sie, Herr Fit­schen, zu der erstaun­li­chen, im Han­dels­blatt 32/2014 doku­men­tier­ten Ein­sicht gebracht: „Wir haben’s extrem über­trie­ben“ – indem Ihre Bank die Ren­di­te­zie­le über alles gestellt hat. Wider bes­se­res Wis­sen, wie Tho­mas Piket­ty belegt hat: Wenn die Kapi­tal­ren­di­te die Wachs­tums­ra­te über­steigt, frisst das Kapi­tal die Zukunft auf. Ihr bis­he­ri­ges Wir­ken, Herr Fit­schen, lässt mich da nicht gera­de hof­fen:

In Shang­hai ist kürz­lich eine Frei­han­dels­zo­ne geschaf­fen wor­den, die zur Nut­zung stark gelo­cker­ter Rege­lun­gen reizt. Ihre heu­ti­gen Invest­ment­ban­ker mit Ver­ant­wor­tung sind doch i. W. die­sel­ben, die einst im Sin­ne Ihrer Bank in frag­wür­digs­ten Trans­ak­tio­nen der Kri­se den Irr­weg geeb­net haben. Nun schei­nen sich in Shang­hai die­se Mög­lich­kei­ten wie­der zu bie­ten – soll das Spiel wie­der von vor­ne begin­nen? „Zocken hat Zukunft“, so die ZEIT im Janu­ar die­ses Jah­res.

Die Deut­sche Bank hat in der nun 7-jäh­ri­gen Kri­se gelernt, wie man aus der Kri­se mit Gewinn her­aus­kom­men kann: Durch die mehr­fach begrün­de­te Erwar­tung, dass die Staa­ten bei einer neu­en Finanz­kri­se wie­der ret­tend ein­sprin­gen, strah­len die Groß­ban­ken gera­de­zu vor Selbst­si­cher­heit und Boni­tät, bekom­men güns­ti­ge­re Kon­di­tio­nen bei der Kapi­tal­be­schaf­fung und gelan­gen so impli­zit zu Sub­ven­tio­nen. Eine für das EU-Par­la­ment erstell­te Stu­die bezif­fert die­se Gewin­ne für die Kri­sen­jah­re 2008 bis 2012 auf 1,33 Bil­lio­nen ¤! Eine natür­lich über­fäl­li­ge Struk­tur­re­form, ent­wor­fen im soge­nann­ten „Lika­nen-Bericht“, wur­de durch eini­ge Mit­glied­staa­ten, vor allem durch inten­sivs­te Arbeit der Ban­ken-Lob­by ver­wäs­sert. Wie konn­te das gelin­gen? Ein Bild mag hel­fen:

Die Groß­ban­ken – frei­lich mit der Deut­schen Bank vor­ne­weg – stel­len ein Archi­pel mit vie­len klei­nen Inseln dar, die unter der Ober­flä­che mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Daher haben bis­her die Ban­ken gewon­nen und die Regu­lie­rer ver­lo­ren. Das ist die schö­ne Fas­sa­de der Deut­schen Bank – im Innern muss es ganz anders aus­se­hen, wenn man einen Blick auf die Skan­dal-Chro­nik wirft: Über 2 Mrd. ¤ haben Sie für gericht­lich ange­ord­ne­te Stra­fen und außer­ge­richt­li­che Ver­glei­che aus­ge­ge­ben, über 2 Mrd. ¤ haben Sie in die Rück­la­ge für zu erwar­ten­de Schä­den gestellt. Mit wel­cher Iden­ti­fi­ka­ti­on wer­den da Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter mor­gens in Ihre Bank kom­men, mit wel­chem Gefühl wer­den sie sich abends wie­der daheim bli­cken las­sen?

Der Vater von Dro­ge­rie-Deich­mann mag mei­nen Rede­bei­trag been­den: „Das Unter­neh­men muss einen tie­fe­ren Sinn haben. Es darf nicht nur finan­zi­el­len Zwe­cken die­nen.“

Viel­leicht ist es die noch nicht ganz beant­wor­te­te Sinn­fra­ge, der sich Ihre Bank stel­len soll­te.

Könn­te da der Jai­nis­mus, Herr Jain, Ihre jeg­li­che Gewalt ableh­nen­de Reli­gi­on, hilf­reich sein?

www.facebook.com/Ordensleute

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