In Gemeinschaft für den Wandel – Leonie Sontheimer

In den Sieb­zi­ger Jahren verfass­te Micha­el Ende seinen berühm­ten Roman über die kleine Heldin Momo. Hinter einer Märchen-Fassa­de birgt die Geschich­te eine tiefe Beschäf­ti­gung mit dem Finanz­sys­tem und seinem Einfluss auf mensch­li­ches Verhal­ten. In diesen Mona­ten berei­ten fünf Menschen einen Doku­men­tar­film vor, der Micha­el Endes Kritik an einer wachs­tums­be­ses­se­nen Gesell­schaft aufgreift und die Notwen­dig­keit für einen Wandel unse­res Geld­sys­tems verdeut­li­chen soll. Zu diesem Wandel gehört auch die Erpro­bung neuer Formen der Zusam­men­ar­beit. Mit den Metho­den der Gemein­schafts­bil­dung und des Dragon Drea­ming geht das Film­team erste Schrit­te in eine Post­wachs­tums­ge­sell­schaft.

Die meis­ten Filme entste­hen so: Ein Autor geht mit einer Dreh­buch-Idee auf die Suche nach einem Produ­zen­ten. Hält ein Produ­zent die Idee für viel­ver­spre­chend, über­nimmt dieser das Steuer, enga­giert einen Regis­seur, ein Team und alles, was bis zum fertig produ­zier­ten Film gebraucht wird. Dazu sind große Mengen Geld nötig. Acht­stel­li­ge Dollar­zah­len sind in Holly­wood nicht unge­wöhn­lich. Dabei hält oft das Geld die vielen Mitwir­ken­den zusam­men. Was aber macht nun ein Film­team, das den lebens­schä­di­gen­den Umgang mit Geld zum Thema seines Films ernannt hat? Es blen­det das Geld zunächst aus und versucht etwas ande­res zu finden, das die Mitwir­ken­den verbin­det. Für diese Suche nahmen sich Hanni Welter, Masayo Oda, Floria­na Wörndle, Oliver Sachs und Pius Neumai­er im vergan­gen Herbst viel Zeit. Zurück­ge­zo­gen, in einer Gemein­schaft am Boden­see, verbrach­ten sie acht Tage mit inten­si­ver Gemein­schafts­bil­dung und gemein­sa­mer Projekt­ge­stal­tung. Dabei spra­chen sie bewusst lange Zeit nicht konkret über den Doku­men­tar­film, für dessen Schaf­fung sie zusam­men­ge­kom­men sind.

„Erst eine Gruppe, in der authen­ti­sche Gemein­schaft entstan­den ist, ist eine arbeits­fä­hi­ge Gruppe.“ (Morgan Scott Peck)

Eine Ursa­che dafür, dass viele Menschen sich heut­zu­ta­ge nicht mit persön­li­chen Konflik­ten in ihren Arbeits­ver­hält­nis­sen beschäf­ti­gen, sieht Oliver Sachs in der mangeln­den Zeit: „Im Arbeits­all­tag gibt es viele Konflik­te, aber man hat keine Möglich­keit, sie zu lösen, weil man unter Zeit­druck Ergeb­nis­se produ­zie­ren muss.“ Das fünf­köp­fi­ge Film­team weiß: Wenn persön­li­che Konflik­te unge­klärt sind, dann verla­gern sich Ausein­an­der­set­zun­gen oft auf die Sach­ebe­ne und erzeu­gen große Reibungs­ver­lus­te oder sogar Blocka­den. „Die meis­ten der heuti­gen Arbeits­ver­hält­nis­se werden vor allem durch Geld zusam­men­ge­hal­ten“, sagt Oliver Sachs. „Geld moti­viert die Mitar­bei­ter, auch wenn Konflik­te an den Kräf­ten zehren, oder der Inhalt der Arbeit nicht mehr dem eige­nen Anlie­gen entspricht. Da wir uns von Geld oft exis­ten­ti­ell abhän­gig fühlen, unter­drü­cken wir den emotio­na­len Teil unse­rer Kommu­ni­ka­ti­on.“ Fehle aber das Geld als struk­tu­rie­ren­des Medium, dann kämen unter­drück­te Konflik­te an die Ober­flä­che. Um daran nicht zu zerbre­chen, bräuch­ten ehren­amt­lich arbei­ten­de Grup­pen Metho­den, mit denen sie solchen Konflik­ten begeg­nen können.

Eines der Werk­zeu­ge des Momo-Doku­men­tar­film-Teams ist der Gemein­schafts­bil­dungs­pro­zess nach dem ameri­ka­ni­schen Psycho­lo­gen Morgan Scott Peck. In diesem Prozess können Konflik­te einer Gruppe offen gelegt werden, sodass sie später, im Arbeits­pro­zess keine Reibungs­ver­lus­te erzeu­gen. „Natür­lich ist so ein Prozess sehr anstren­gend“, erzählt Hanni Welter. „Man MUSS sich öffnen und bei sich selbst hinschau­en, sonst bleibt der Prozess ergeb­nis­los.“ Dadurch lerne man sich selbst und die ande­ren sehr tief kennen. „So eine Basis hatte ich noch nie in einem ande­ren Arbeits­ver­hält­nis, auch wenn ich mit manchen Kolle­gen viele Jahre zusam­men­ge­ar­bei­tet habe.“

Zentral für die Gemein­schafts­bil­dung ist es, sich bewusst zuzu­hö­ren, und hier besteht eine beson­de­re Verbin­dung zwischen der Entste­hungs­wei­se des Doku­men­tar­films und seiner lite­ra­ri­schen Vorla­ge. Denn diese Fähig­keit des Zuhö­rens ist es, welche die kleine Momo zur Heldin machte und mit der sie die grauen Herren besie­gen konnte. Momo konnte Menschen durch ihre beson­de­re Art zuzu­hö­ren heilen und ihnen helfen, das Wesent­li­che in ihrem Leben zu erken­nen.

Im Gemein­schafts­bil­dungs­pro­zess
entsteht kollek­ti­ve Kraft

In dem mehr­tä­gi­gen Prozess gibt es kein vorge­ge­be­nes Thema und keinen Lehrer oder Leiter, jedoch einige Kommu­ni­ka­ti­ons­emp­feh­lun­gen zur Orien­tie­rung wie „Schlie­ße ein, vermei­de, jeman­den auszu­schlie­ßen.“, „Dozie­re nicht, bleibe bei dir.“ oder „Erken­ne den Wert von Stille in Gemein­schaft.”, welche das Film­team bereits verin­ner­licht hat. Die Metho­de eignet sich, um die persön­li­chen Bezie­hun­gen inner­halb einer Gruppe zu klären und sich auf einer tiefe­ren Ebene zu begeg­nen. Während Hanni, Masayo, Floria­na und Oliver die vier Phasen des Wir-Prozes­ses schil­dern, ist zu spüren, dass sie einen solchen gerade durch­ge­macht haben. Sie ergän­zen sich harmo­nisch und lachen immer wieder herz­lich mitein­an­der.

In dem Prozess durch­lau­fen die Teil­neh­mer vier Phasen. Die erste Phase ist die Pseudo­har­mo­nie, eine Art Verliebt­heits­pha­se, in der sich eine Gruppe vor allem über ihre Inhal­te verbun­den fühlt. Alle haben Großes vor und freuen sich, über das gemein­sa­me Ziel. Es gibt eine starke Tendenz, dieses Gefühl zu bewah­ren und Konflik­te zu vermei­den, die es gefähr­den könn­ten. Nach einer Weile wird diese Phase aller­dings lang­wei­lig und geht ins Chaos über. Diese zweite Phase beschreibt das Team als sehr anstren­gend. „Wir schau­en wie mit einer Lupe auf Themen, für die wir im Alltag keine Zeit haben“, erzählt Oliver. Jetzt zählt der Mut, auszu­drü­cken, was einen an der Situa­ti­on oder auch an einem ande­ren Teil­neh­mer stört. Im Alltag sind wir gewohnt solche Konflik­te zu über­ge­hen oder durch Diskus­sio­nen und Mehr­heits­ent­schei­dun­gen wieder in die Pseudo­har­mo­nie zurück­zu­keh­ren. Beson­ders im Chaos benö­ti­gen uner­fah­re­ne Grup­pen daher eine Beglei­tung, die den Prozess beob­ach­tet, an die Empfeh­lun­gen erin­nert und der Gruppe den Über­gang in die nächs­te Phase erleich­tert.

Die Leere ist die Phase, in der wir unsere Konzep­te loslas­sen und die Erwar­tung, dass die ande­ren sich ändern müssen, damit es uns selbst besser geht. Das fühle sich oftmals an, als würde die Gruppe ausein­an­der­bre­chen. „In der Leere macht man viel mit sich selbst aus oder denkt gar nicht“, erzählt Hanni. „Ich selbst fühle mich oft wie gelähmt im Kopf.“

Doch auch diese Phase geht in eine nächs­te über: die Authen­ti­zi­tät. Oft beginnt sie mit der Erzäh­lung eines Teil­neh­mers aus seinem Inners­ten. Er ebnet den Weg dafür, dass auch andere Teil­neh­men­de sich öffnen können. Die Gruppe bekommt eine Chance, sich selbst zu erken­nen. „Da zeige ich meinen tiefen Schmerz. Das ist das Inten­sivs­te, was ich tun kann, meine Schwä­chen zu zeigen“, erin­nert sich Hanni. Diese Phase erin­nert Oliver an eine Schlüs­sel­sze­ne in Micha­el Endes Geschich­te. Der graue Herr versucht Momo mit ratio­na­len Argu­men­ten davon zu über­zeu­gen, dass sie ihren Freun­den scha­det, weil sie deren Zeit verschwen­det. Momo enttarnt ihn indem sie ihn fragt, ob ihn denn keiner lieb habe. „So erlebe ich den Über­gang in die Authen­ti­zi­tät, in der es den Teil­neh­mern möglich wird, sich auf einer ganz neuen Ebene zu begeg­nen“, sagt Oliver. „Das Gefühl in der Gruppe ist dann fast mit einem Rausch zu verglei­chen, mit dem Unter­schied aller­dings, dass jegli­che Lust auf Konsum verschwin­det und alle Herr ihrer Sinne blei­ben.“ Er vermu­tet, dass wir Menschen eigent­lich für eine solche Form von Verbin­dung geschaf­fen sind, diese aber in unse­rem konkur­renz­ba­sier­ten Wirt­schafts­sys­tem nicht möglich ist. „Wenn wir auf dieser Ebene jedoch nicht erfüllt sind“, sagt er, „dann suchen wir nach Ersatz­be­frie­di­gun­gen, meist in Form von Konsum und bestä­ti­gen damit wieder­um das System.“

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