Frag­wür­dig, falsch, mani­pu­liert – Pat Christ

Kapi­ta­lis­ti­sche Prin­zi­pi­en unter­gra­ben das Vertrau­en in wissen­schaft­li­che Studi­en

Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker sind nicht gerade zu benei­den. Haben sie doch dauernd über Proble­me zu entschei­den, die meist so komplex sind, dass ein Laie schwer durch­bli­cken kann, wo denn nun die „Wahr­heit“ liegt. In Podi­ums­dis­kus­sio­nen haben sie eine Meinung zu eben jenem komple­xen Thema zu vertre­ten. Worauf sich beru­fen? Am besten auf eine Studie! Denn was irgend­wo eine Wissen­schaft­le­rin oder ein Wissen­schaft­ler zu Papier gebracht hat, daran ist nicht zu rütteln.

Die Quali­tät der Studie, auf die man sich so gern stützt, kann in der Regel aller­dings ebenso wenig bewer­tet werden wie das komple­xe Thema, zu dem man sich mit Verweis auf die Studie posi­tio­niert. Dabei ist längst nicht jede Studie genau und glaub­wür­dig. Längst nicht jede bildet wahre Effek­te ab. Weshalb inzwi­schen vor allem in Bezug auf klini­sche Studi­en Instru­men­te zur Quali­täts­be­wer­tung entwi­ckelt wurden. Eine „perfek­te“ Studie, so das wissen­schaft­li­che Insti­tut der TK für Nutzen und Effi­zi­enz im Gesund­heits­we­sen, gebe es im Übri­gen sowie­so nicht.

Studi­en schie­ßen vor allem dann aus dem Boden, wenn eine neue Rege­lung bevor­steht. So war es auch vor der Einfüh­rung des Mindest­lohns. Eine Mitte 2015 veröf­fent­lich­te Unter­su­chung des Kieler Insti­tuts für Welt­wirt­schaft zufol­ge ist der Mindest­lohn verant­wort­lich für einen dras­ti­schen Rück­gang an Mini­jobs. „Wir gehen davon aus, dass der Wegfall von Mini­jobs über­wie­gend gleich­be­deu­tend ist mit einem Wegfall von Arbeits­plät­zen“, verkün­de­te Domi­nik Groll, Wissen­schaft­li­cher Mitar­bei­ter im Progno­se­zen­trum des IfW.

Dieser Studie zufol­ge brach­te der Mindest­lohn also unterm Strich nega­ti­ve Arbeits­markt­ef­fek­te. Was die Hans-Böck­ler-Stif­tung (WSI) in ihrer Ende 2015 veröf­fent­lich­ten „Zwischen­bi­lanz“ aller­dings bestrei­tet. Das Gegen­teil sei der Fall. So habe die Zahl der sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäf­tig­ten im Gast­ge­wer­be im Septem­ber 2015 um 6,5 Prozent höher gele­gen als im Jahr davor. Zurück­ge­gan­gen sei ledig­lich die Zahl sehr nied­rig bezahl­ter Mini­jobs. „Die Warnun­gen, der Mindest­lohn gefähr­de massen­haft Arbeits­plät­ze, waren falsch“, so Mindest­lohn­ex­per­te Thors­ten Schul­ten des Wirt­schafts- und Sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tuts (WSI) der Stif­tung.

Zwei­fel­haf­te Impf­stu­di­en

Bei vielen Studi­en ist es äußerst schwie­rig, einzu­schät­zen, ob sie beleg­ba­ren Tatsa­chen entspre­chen. So auch beim Thema „Grip­pe­imp­fung“. Etli­che wissen­schaft­li­che Unter­su­chun­gen unter­mau­ern die öffent­li­chen Impf­emp­feh­lun­gen. Teil­wei­se wird dabei gar nicht klar zwischen einer echten Grippe und einer grip­pear­ti­gen Erkran­kung unter­schie­den. Vor diesem Hinter­grund übte der briti­sche Epide­mio­lo­ge Tom Jeffer­son, Koor­di­na­tor für den Impf­be­reich bei der inter­na­tio­na­len Coch­ra­ne-Verei­ni­gung in Rom, massi­ve Kritik an der Grip­pe­impf­po­li­tik vieler west­li­cher Länder.

Als Ursa­che dafür, dass so viele unglaub­wür­di­ge Studi­en zirku­lie­ren, sieht er „Inter­es­sens­kon­flik­te“. Schließ­lich ist gerade bei der Grip­pe­imp­fung der Druck der Indus­trie auf öffent­li­che Empfeh­lun­gen groß. Wer auf der Basis einer posi­ti­ven Unter­su­chung „Ja“ sagt zum Nutzen der Impfung, muss jedes Jahr impfen. Das stei­gert Umsatz und Gewin­ne. Allein die Basler Novar­tos Inter­na­tio­nal AG machte im ersten Halb­jahr 2015 einen Umsatz von 56 Millio­nen US-Dollar mit ihren Grip­pe­impf­stof­fen.

Dass perma­nent und über­all Vertrau­en unter­gra­ben wird, gehört zu den gravie­rends­ten Neben­wir­kun­gen des Kapi­ta­lis­mus. Wer kann sich heute schon sicher sein, dass eine ärzt­li­che Verord­nung auf dem Wohl­mei­nen der Ärztin gegen­über dem Pati­en­ten basiert. Oder ob ganz andere Inter­es­sen im Spiel sind. So ist es auch mit wissen­schaft­li­chen Studi­en. Dabei ist es nicht einmal nur so, dass die Studi­en­ergeb­nis­se sehr häufig anzu­zwei­feln sind. Viele stim­men. Aller­dings werden nicht selten nur jene Ergeb­nis­se publi­ziert, die passen. Dass es auch andere, nega­ti­ve Ergeb­nis­se gibt, wird unter­drückt.

Wenn der Arzt zum Forscher wird

Im Übri­gen sind es nicht immer nur Wissen­schaft­le­rin­nen, die an Studi­en mitar­bei­ten. Oft wirken nieder­ge­las­se­ne Ärzte und ihre Pati­en­tin­nen mit – und zwar ohne dass Letz­te­re Bescheid wissen. „Anwen­dungs­be­ob­ach­tung“ nennt sich diese Art des Wissens­ge­winns. Der Arzt gibt der Phar­ma­fir­ma dabei Infor­ma­tio­nen über seine Erfah­run­gen mit einem bestimm­ten Medi­ka­ment und bekommt dafür ein Hono­rar. Auf diese Weise werden teure Arznei­mit­tel in den Markt gebracht. „Die Versor­gung der Versi­cher­ten wird aber dadurch nicht verbes­sert“, sagt Flori­an Lanz vom BKK Bundes­ver­band.

Ziel klini­scher Studi­en ist es, heraus­zu­fin­den, ob ein neues Medi­ka­ment unbe­denk­lich und wirk­sam ist. Anwen­dungs­be­ob­ach­tun­gen unter­lie­gen laut Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal aller­dings nicht den wissen­schaft­li­chen und ethi­schen Regeln, die der Gesetz­ge­ber entspre­chend inter­na­tio­na­ler Stan­dards für notwen­dig erach­tet, „um klini­sche oder phar­ma­ko­lo­gi­sche Wirkun­gen von Arznei­mit­teln zu erfor­schen“. Es hande­le sich viel­mehr um finan­zi­el­len Zuwen­dun­gen folgen­de, ärzt­li­che Behand­lungs­ent­schei­dung im Inter­es­se der Zuwen­dungs­ge­ber, die mit einer wissen­schaft­lich weder aussa­ge­fä­hi­gen noch verwert­ba­ren ärzt­li­chen Doku­men­ta­ti­on begrün­det werde.

Ein Arzt kann laut Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal bis zu 2.500 Euro pro Pati­en­tin bekom­men. Die Hono­rie­rung führt in der Regel zu einem medi­zi­nisch nicht begrün­de­ten Wech­sel der Medi­ka­men­ten­ver­ord­nung von einem erprob­ten auf ein oft uner­prob­tes Arznei­mit­tel und damit, in der Regel ohne hinrei­chen­de Aufklä­rung des Pati­en­ten, zu zusätz­li­chen Risi­ken für die Gesund­heit der Betrof­fe­nen durch das neue Produkt, stell­te die Orga­ni­sa­ti­on 2010 fest. Sie fordert das Verbot dieser Art von Sche­in­for­schung, die mit der 14. Novel­le des Arznei­mit­tel­ge­set­zes (AMG) seit dem 6. Septem­ber 2005 „mit einer aus ärzt­li­cher und wissen­schaft­li­cher Sicht unsin­ni­gen Sonder­re­ge­lung“ erlaubt ist.

Unter Publi­ka­ti­ons­zwang

Auf Basis wissen­schaft­li­cher Daten wird auch Methyl­phen­i­dat für Kinder mit ADHS verschrie­ben. Wie riskant dies ist, geht aus den Studi­en nicht hervor, so eine Coch­ra­ne-Review. Auch in diesem Fall stie­ßen die Wissen­schaft­ler auf Frag­wür­dig­kei­ten, was die bisher veröf­fent­lich­ten Unter­su­chun­gen anbe­langt. Unterm Strich sei die Quali­tät der Evidenz zu nied­rig. Unter ande­rem liege dies an der unvoll­stän­di­gen Bericht­erstat­tung der Ergeb­nis­se vieler Studi­en.

Durch ihre welt­wei­te Vernet­zung bietet die Wissen­schaft Forsche­rin­nen die Chance, sich auszu­tau­schen und gemein­sam im Erkennt­nis­pro­zess voran­zu­schrei­ten. Soweit die Theo­rie. Wich­ti­ger als der globa­le kolle­gia­le Diskurs, für den es heute immer weni­ger Zeit gibt, ist mit Blick auf die indi­vi­du­el­le Karrie­re und Repu­ta­ti­on die Zahl der Publi­ka­tio­nen. Auch diesem Publi­ka­ti­ons­zwang ist die oft unsäg­li­che Quali­tät von Veröf­fent­li­chun­gen geschul­det.

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