Der Fluch der Globalisierung

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Der Fluch der Globa­li­sie­rung
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Ich lebe in Puch bei Weiz, einem klei­nen Dorf in der Stei­er­mark. Mancher Tourist, der seine Ferien hier verbringt, wird den Ort als verträumt bezeich­nen, obwohl die Menschen hier keines­wegs müßige Träu­mer sind, sondern im Gegen­teil über­aus arbeit­sam. Das macht sich auf ange­neh­me Weise bemerk­bar: Häuser und Gärten sind gepflegt und zeugen von Wohl­stand, die Abwe­sen­heit von äuße­ren Umgren­zun­gen wie Hecken und Mauern lässt auf gute Nach­bar­schaft schlie­ßen. Gerade die einfa­chen Leute pfle­gen hier beson­ders freund­lich und zuvor­kom­mend zu sein. Frem­den gegen­über herrscht Tole­ranz, was mir und meiner Fami­lie zugute kam, als ich mich gegen Ende der Acht­zi­ger­jah­re entschloss, Berlin zu verlas­sen und meinen Wohn­sitz hier aufzu­schla­gen – etwa 40 km von Graz entfernt, der nächs­ten größe­ren Stadt.
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Wohl­stand ist hier keines­falls selbst­ver­ständ­lich.
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Noch bis vor einem Drei­vier­tel­jahr­hun­dert liefen die Kinder barfuß zur Schule. Knech­te und Mägde, die es heute längst nicht mehr gibt, waren allge­gen­wär­tig und führ­ten ein nicht nur ärmli­ches, sondern erbärm­li­ches Leben. Eine heute acht­zig­jäh­ri­ge Nach­ba­rin, deren Bruder im Krieg gefal­len war, hatte als Kind noch den Ochsen zum Pflü­gen auf das Feld führen müssen. Dennoch reich­te die Arbeit auf dem eige­nen Grund gerade aus, um die Menschen nicht verhun­gern zu lassen. Niemand hier würde der „guten alten Zeit“ nach­trau­ern. Denn alles hat sich danach inner­halb weni­ger Jahr­zehn­te grund­le­gend geän­dert: Man möchte sagen, die alte und die neue Zeit haben nichts mehr mitein­an­der gemein.

Wenn ich mir vorstel­le, die ganze Mensch­heit könnte in verträum­ten Dörfern leben, aber mit moder­nem Komfort, dann wäre das ein opti­mis­ti­scher Ausblick. Dann hätten wir Grund, mit unse­rem Leben zufrie­den zu sein, denn hier scheint alles auf Dauer, auf leid­li­che Zufrie­den­heit und selbst auf Schön­heit ange­legt. Niemand käme hier auf den Gedan­ken, die bestehen­de Gesell­schafts­ord­nung zu stür­zen, nach einem neuen Menschen zu rufen oder gar eine bluti­ge Revo­lu­ti­on zu begin­nen. Zwar ist die Mehr­heit mit ihrem Los heute sowe­nig zufrie­den wie sie es in der Vergan­gen­heit war, denn jeder bemisst seinen eige­nen Stand und Vorteil an dem seiner Nach­barn, und da es stets jeman­den gibt, dem es besser geht, sind dem eige­nen Wünschen und Hoffen keine Gren­zen gesetzt. Aber das sind die übli­chen Geschich­ten von Neid und Konkur­renz, die seit Anfang der Welt bestehen und wohl auch nur mit ihrem Ende aufhö­ren werden.
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Dennoch trügt die Idylle.
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Schon vor Jahren hatte Helmut Schmidt mit Stau­nen vermerkt, dass die deut­sche Land­wirt­schaft mit einem Betrag subven­tio­niert wird, der ziem­lich genau ihrer Wert­schöp­fung entspricht – ohne diese staat­li­che Hilfe wäre sie nicht über­le­bens­fä­hig. Anders gesagt, ist es der Indus­trie­staat Deutsch­land, der sich eine Land­wirt­schaft leis­tet, die es nicht mehr geben würde, wenn die Bauern ohne diese Hilfe auskom­men müss­ten. Man muss es in aller Deut­lich­keit sagen, deut­sche und öster­rei­chi­sche Land­wir­te würde es kaum mehr geben, wenn die Indus­trie beider Länder nicht so leis­tungs­stark wäre, dass sie den Bauern durch entspre­chen­de Subven­tio­nen die Konkur­renz auf dem Welt­markt ermög­licht. Dennoch versucht man, die Last zu redu­zie­ren, indem man die klei­nen bäuer­li­chen Betrie­be dazu zwingt, sich zu immer größe­ren zusam­men­schlie­ßen. Die Folge: Felder, die sich bis an den Hori­zont ausdeh­nen, und indus­tria­li­sier­te Massen­tier­hal­tung.

Wo beides nur schwer möglich ist, wie in der Berg­re­gi­on, wo ich lebe, erobert sich der Wald weite Gebie­te zurück, die einst bewirt­schaf­tet wurden. Post­äm­ter schlie­ßen, Gemein­den und Poli­zei­sta­tio­nen werden zusam­men­ge­legt, öffent­li­che Verkehrs­mit­tel stel­len die Fahr­ten ein. Neuer­dings verschwin­den auch die Gast­häu­ser, die für das kommu­na­le Leben noch bis vor kurzem von großer Bedeu­tung waren. In den klei­ne­ren Ortschaf­ten bietet sich ein Anblick der Trost­lo­sig­keit, da die Geschäf­te reihen­wei­se veröden. Die Menschen wandern in die größe­ren Städte ab. Das Land ist zwar nach wie vor schön, es macht immer noch den Eindruck bürger­li­cher Wohl­ha­ben­heit, aber seit etwa zwei Jahr­zehn­ten trat hier die Wende ein: Die Idylle befin­det sich in einem gar nicht mehr so schlei­chen­den Prozess der Entvöl­ke­rung.
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Das Selbst­ver­trau­en der hiesi­gen Menschen
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beruh­te auf dem durch­aus realen Gefühl, Herren ihres eige­nen Schick­sals zu sein. Dank ihres Flei­ßes haben fast alle (einschließ­lich der ehema­li­gen Knech­te und Mägde) ihr eige­nes Dach über dem Kopf und führen ein nicht nur gesi­cher­tes, sondern ein Leben, das im Vergleich zur Vergan­gen­heit gera­de­zu opulent anmu­tet. Dieses elemen­ta­re Selbst­ver­trau­en in den Erfolg der eige­nen Leis­tung und Kraft ist heute nur noch in Teilen Euro­pas und auch im reichen Norden nur noch in begüns­tig­ten Schich­ten der Bevöl­ke­rung zu finden. Das Selbst­ver­trau­en ist abge­wan­dert, es wurde ausge­la­gert in die aufstre­ben­den Staa­ten Asiens, vor allem nach China und Indien. Dort erle­ben die Menschen gegen­wär­tig, was bei uns nicht nur abge­schlos­sen, sondern in Teilen Euro­pas sogar rück­läu­fig ist, nämlich die Erlö­sung der Bevöl­ke­rungs­mehr­heit aus Jahr­tau­sen­den von Armut und Abhän­gig­keit.

Warum ist den Menschen im Westen der Opti­mis­mus abhan­den­ge­kom­men?

Weil nicht nur die Land­wirt­schaft uns eine verblas­sen­de Idylle vor Augen hält, sondern – viel gefähr­li­cher für die Zukunft – auch die Indus­trie, die doch die Basis unse­res Aufstiegs und Reich­tums ist. Die größ­ten im Dax regis­trier­ten Konzer­ne Deutsch­lands sind längst nicht mehr Eigen­tum der eins­ti­gen Deutsch­land AG (also der führen­den deut­schen Banken), inzwi­schen gehö­ren sie zu mehr als der Hälfte einer Inter­na­tio­na­le der Gläu­bi­ger. Die kann ihren Akti­en­be­sitz jeder­zeit absto­ßen und dadurch entwer­ten, wenn der Stand­ort Deutsch­land (oder Öster­reich) nicht den verlang­ten Profit beschert. Dieser Fall ist jeden­falls dann gege­ben, wenn Arbei­ter und Ange­stell­te zu hohe Löhne fordern oder der Staat eine in ihren Augen zu teure Wohlfahrts‑, Bildungs- oder Gesund­heits­po­li­tik betreibt. Indus­tri­en wandern dann nicht nur in den Osten Euro­pas ab, sondern oft verlas­sen sie den Alten Konti­nent über­haupt. Der Staat steht solchen Entschei­dun­gen ohnmäch­tig gegen­über, weil börsen­no­tier­te Unter­neh­men das Privat­ei­gen­tum ihrer Share­hol­der sind.

Ulrike Herr­mann,
ein Shoo­ting­star in der mode­an­fäl­li­gen Wirt­schafts­pu­bli­zis­tik

hat dazu andere Vorstel­lun­gen. Sie demons­triert mit ihren Thesen, dass es nicht nur popu­lis­ti­sche Poli­tik, sondern auch eine popu­lis­ti­sche Wissen­schaft gibt – jeden­falls in der immer schon für alle mögli­chen Ideo­lo­gi­en anfäl­li­gen ökono­mi­schen Theo­rie. Sie fordert eine Poli­tik höhe­rer Löhne wie andere höhere Renten, kürze­re Arbeits­zeit oder länge­ren Urlaub. Bravo! Die Botschaft ist einfach und leuch­tet ein. Schließ­lich wird kein vernünf­ti­ger Mensch daran zwei­feln, dass eine höhere Entloh­nung vor allem des am schlech­tes­ten gestell­ten Bevöl­ke­rungs­teils oder dessen aktive Unter­stüt­zung, sofern er von Armut bedroht ist, das Haupt­an­lie­gen einer auf sozia­len Ausgleich bedach­ten Poli­tik sein sollte. Eine Viel­falt von Unter­su­chun­gen belegt, dass eine in Arm und Reich zerfal­len­de Gesell­schaft der Nähr­bo­den für extre­me Ideo­lo­gi­en bis hin zum sozia­len Aufruhr ist. Ein Popu­list kann gewiss sein, mit solchen Forde­run­gen ein brei­tes Publi­kum anzu­spre­chen, weil die wenigs­ten danach fragen, ob ihre Verwirk­li­chung unter den herr­schen­den Bedin­gun­gen über­haupt möglich ist. Die derzei­ti­ge italie­ni­sche Regie­rung aus Polita­ma­teu­ren ist gerade im Begriff, ein Lehr­stück in Sachen Reali­täts­blind­heit zu zele­brie­ren. Während man das fehlen­de Geld zusam­men­kratzt, um ein bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men und eine Flat Tax zu finan­zie­ren, erhö­hen die inter­na­tio­na­len Anle­ger, in deren Händen sich die enor­men Staats­schul­den des Landes konzen­trie­ren, den Risi­ko­auf­schlag, sprich die Zinsen. Dieser Aufschlag droht in kurzer Zeit so hoch zu werden, dass er ein Loch in das Budget reißt, das größer sein wird als die projek­tier­ten Wohl­ta­ten an die Armen des Landes.

Deutsch­land und Öster­reich

liegen aufgrund ihres Erfin­dungs­reich­tums und ihrer Inge­nieurs­kom­pe­tenz weit vor Itali­en, aber in wesent­li­cher Hinsicht glei­chen sie dem südli­chen Nach­barn. Die Inter­na­tio­na­le der Gläu­bi­ger bestimmt auch in ihrem Fall, wie weit die Wohl­ta­ten des Staa­tes und die der Unter­neh­men (Löhne) gehen dürfen. Die Natio­nen Euro­pas sind durch­aus frei, wenn es darum geht, in die Extre­me von Rechts oder Links abzu­drif­ten. Anti­se­mi­tis­mus und Frem­den­hass oder umge­kehrt Tole­ranz und demo­kra­ti­sche Umgangs­for­men – die Gamme der Möglich­kei­ten zwischen Orban und Merkel wird hier nach wie vor auf natio­na­ler Ebene bestimmt. Aber gerade dort, wo es um die mate­ri­el­le Wohl­fahrt der Bevöl­ke­rung geht, ist jedes euro­päi­sche Land zum bloßen Stand­ort herab­ge­kom­men, dessen Schick­sal nicht mehr dem eige­nen demo­kra­ti­schen Wollen gehorcht, sondern von außen bestimmt wird. Ulrike Herr­mann hat recht, wenn sie nach einem stär­ke­ren Staat ruft, der die Belan­ge der Globa­li­sie­rungs­ver­lie­rer vertritt. Das Problem ist nur, dass in Deutsch­land wie Öster­reich beide Volks­par­tei­en der wirt­schaft­li­chen Fremd­be­stim­mung taten­los zuge­se­hen haben und die neoli­be­ra­le Kommis­si­on an der Spitze Euro­pas sie bis heute aktiv beför­dert.

- – - Der deut­sche Kanz­ler Gerhard Schrö­der

hatte diese Fremd­be­stim­mung viel klarer als die blau­äu­gi­gen Popu­lis­ten erkannt und daraus die Konse­quenz gezo­gen. Bevor er die Agenda 2010 durch­setz­te, galt Deutsch­land als Pati­ent, genau­er als „kran­ker Mann Euro­pas“. Schrö­der entschloss sich zu einer Schrumpf­kur für den Sozi­al­staat, d.h. er verbil­lig­te ihn. Die Inter­na­tio­na­le der Gläu­bi­ger (welche über den größ­ten Teil der Staats- wie der Unter­neh­mens­schul­den verfügt) dankte es ihm. Danach ging es mit der deut­schen Wirt­schaft wieder berg­auf. Unter den herr­schen­den Bedin­gun­gen der Abhän­gig­keit tat Schrö­der zwei­fel­los das Rich­ti­ge im rech­ten Moment. Er war nur leider der falsche Mann von der falschen Partei. Bis heute haben ihm die Sozi­al­de­mo­kra­ten nicht verzie­hen, dass es ein Kanz­ler des linken Lagers war, der den ersten Schritt zur Demon­ta­ge der größ­ten linken Errun­gen­schaft, des Sozi­al­staats, voll­zog. Schrö­der hat der deut­schen Wirt­schaft gehol­fen, aber der Sozi­al­de­mo­kra­tie ein Vermächt­nis hinter­las­sen, das sehr wohl ein Todes­kuss gewe­sen sein könnte.

Popu­lis­mus besteht in der Unter­drü­ckung von Fakten, wenn diese dem Wunsch­den­ken wider­spre­chen. Selbst Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler wie Heiner Flass­beck und in seinem Gefol­ge Ulrike Herr­mann haben sich bis zum heuti­gen Tag nicht zu einer offen­sicht­li­chen Erkennt­nis durch­rin­gen können: Durch ihre Abhän­gig­keit von der Inter­na­tio­na­le der Gläu­bi­ger haben sich die Staa­ten des Westens in eine Falle bege­ben, aus der bloßes Wunsch­den­ken sie nicht hinaus­zu­füh­ren vermag. Nicht einmal Forde­run­gen von so elemen­ta­rer Art wie eine höhere Besteue­rung inter­na­tio­na­ler Unter­neh­men vermag der Einzel­staat durch­zu­set­zen.

- – - Die Abhän­gig­keit war von langer Hand vorbe­rei­tet

Gerade die erfolg­rei­chen Indus­trie­staa­ten haben auf immer mehr auslän­di­sche Ressour­cen zuge­grif­fen. Öl und Gas werden weiter­hin in wach­sen­den Mengen in die west­li­che Welt geschleust (nur die Verei­nig­ten Staa­ten sind aufgrund heimi­scher Schie­fer­gas­för­de­rung inzwi­schen in einer besse­ren Posi­ti­on). Bald genüg­te die eigene indus­tri­el­le Produk­ti­on nicht mehr, um die Forde­run­gen der Öl- und Gasför­der­län­der zu beglei­chen, viel­mehr war man gezwun­gen, ihnen immer größe­re Antei­le an der eige­nen Wirt­schaft (den Aktien der führen­den Unter­neh­men) einzu­räu­men – mit ande­ren Worten, ein immer größe­res Mitspra­che­recht. Ich habe in frühe­ren Schrif­ten für eine Befrei­ung von dieser Abhän­gig­keit plädiert („Ener­gie­wen­de“, Popy­lä­en). Ein solar­ver­sorg­tes Europa könnte sich wieder zum Souve­rän der eige­nen Wirt­schaft machen. Doch das ist kein einfa­cher Schritt, denn er läuft den Inter­es­sen der Indus­trie zuwi­der, weil er ihrem Expan­si­ons­drang Gren­zen setzt. Über solche Vorschlä­ge wird daher bis heute nur milde gelä­chelt. Ich habe deshalb gleich­falls voraus­ge­sagt, dass an eine Eindäm­mung der Globa­li­sie­rung nicht zu denken wäre, solan­ge die USA, bis vor kurzem deren trei­ben­de Kraft, sich einer solchen Entwick­lung entge­gen­stem­men.
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Inzwi­schen ist genau diese Kehrt­wen­de einge­tre­ten: die USA werden protek­tio­nis­tisch

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Aller­dings nicht etwa deshalb, weil die Wirt­schafts­theo­re­ti­ker eine neue Theo­rie aufge­stellt hätten. Kapi­tal sollte dort ange­legt werden, wo es die besten Resul­ta­te erzielt – diese Text­buch­wahr­heit wird heute so wenig ange­zwei­felt wie in der Vergan­gen­heit, zumal ihr die Wirk­lich­keit ja weit­ge­hend recht gibt. Auf diese Weise sind erst die Tiger­staa­ten und inzwi­schen auch die beiden Milli­ar­den­rei­che Indien und China, vor allem Letz­te­res, zu einem verblüf­fen­den Aufschwung gelangt. Was die staat­lich betrie­be­ne Entwick­lungs­hil­fe niemals schaff­te, das hat der priva­te Kapi­ta­lis­mus gleich­sam über Nacht bewirkt, indem er Tech­no­lo­gi­en und Inves­ti­tio­nen in Strö­men dort­hin flie­ßen ließ, wo Menschen die Bereit­schaft aufbrach­ten, unter härtes­ten Bedin­gun­gen und zu nied­rigs­ten Löhnen zu ihrem eige­nen Vorteil und für den ihres Landes zu arbei­ten.

In einer idea­len Welt könnte dies eine Win-Win-Situa­ti­on für alle Betei­lig­ten sein, in der Welt, wie sie ist, liegen Vorteil und Verlust weit ausein­an­der. Wirt­schafts­theo­re­ti­ker pfle­gen Komple­xi­tät auszu­blen­den, wenn sie in Wider­spruch zu den schö­nen Formeln gera­ten. Die Ameri­ka­ner haben einen Groß­teil ihrer produ­zie­ren­den Indus­tri­en ausge­la­gert – und mit ihnen die Tech­no­lo­gi­en, denen das Land seinen Vorsprung und seinen Reich­tum verdankt. Inzwi­schen ist ihnen bewusst, dass es allen­falls zwei, drei Jahr­zehn­te dauern wird, bis sie auf sämt­li­chen Gebie­ten (selbst dem mili­tä­ri­schen) ihre globa­le Vormacht­stel­lung verlie­ren, wenn die Entwick­lung weiter­hin so verläuft wie in den vergan­ge­nen Jahren. In China schie­ßen neue Indus­tri­en in unauf­hör­li­cher Folge aus dem Boden; China erwei­tert seine mili­tä­ri­sche Präsenz zu Land, auf dem Wasser und in der Luft, inzwi­schen ist es zu einer Welt­raum­macht gewor­den und zur Werk­bank der ganzen Welt. Der atem­be­rau­ben­de Aufstieg dieses Landes steht in grel­lem Kontrast zu den Verei­nig­ten Staa­ten, wo die einst führen­den Indus­tri­en als trau­ri­ge Rost­gür­tel den Ameri­ka­nern das mittel­al­ter­li­che Gespenst des „Memen­to mori“ vor Augen führen. Wie jeder­mann wissen sollte, hat sich China noch bis vor kurzem mit hohen Zoll­bar­rie­ren gegen auslän­di­sche Indus­trie­im­por­te geschützt – es war das protek­tio­nis­ti­sche Land -, während in führen­den ameri­ka­ni­schen Super­markt­ket­ten wie Walm­art ganze 90 Prozent des Ange­bots aus dem fernen Osten stam­men. In Europa könnte es bald ähnlich sein, denn dort­hin expor­tiert China inzwi­schen mehr Waren als in die USA.
Der eigent­li­che Unter­schied zwischen den beiden Ländern besteht aber darin, dass das auto­kra­ti­sche bis dikta­to­ri­sche China die große Masse der Armen aus ihrer Misere erlös­te; deswe­gen revol­tie­ren sie nicht gegen die Gänge­lung von oben, sondern sind mit dem Régime weiter­hin einver­stan­den. Die US-ameri­ka­ni­sche Élite hat es dage­gen fertig­ge­bracht, die Stel­lung der Mittel­schicht zu erschüt­tern, sodass viele fürch­ten, in die Armut abzu­drif­ten. Deshalb sind die demo­kra­ti­schen Verei­nig­ten Staa­ten heute von inne­rem Zerfall bedroht.

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Donald Trump ist in vieler Hinsicht ein Unglück für sein Land

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und könnte es für die übrige Welt gleich­falls werden, aber eines hat er schär­fer erkannt als die meis­ten seiner Riva­len: den Nieder­gang seines Landes. Seine Forde­rung „Ameri­ca first“ soll dazu dienen, diesem Miss­stand abzu­hel­fen. Die Poli­tik des Protek­tio­nis­mus stößt bei einer Mehr­zahl von Ameri­ka­nern auf Zustim­mung – auch im oppo­si­tio­nel­len Lager. „Viele Demo­kra­ten tendie­ren zum Protek­tio­nis­mus, auch wenn sie das nicht so offen sagen… Bernie Sanders, wäre er Präsi­dent, würde,“ so der Harvard Profes­sor Kenneth Rogoff, „nicht anders handeln.“

Was dieser Mann, der die Wahr­heit nach Belie­ben verfälscht, wann immer sie ihm nicht passt, geflis­sent­lich unter­schlägt, ist frei­lich die Tatsa­che, dass die Deindus­tria­li­sie­rung der Verei­nig­ten Staa­ten nicht das Werk feind­se­li­ger auswär­ti­ger Kräfte ist, sondern von der wirt­schaft­lich-poli­ti­schen Élite des Landes zum eige­nen Vorteil betrie­ben wurde. 1991 wurde sie von Robert Reich in „The Work of Nati­ons“ erst theo­re­tisch abge­seg­net, bevor der „Washing­ton Consen­sus“ dann etwa zur glei­chen Zeit eine offi­zi­ell gebil­lig­te Heils­leh­re daraus machte. Ameri­ka­ni­sche Unter­neh­men und ihre Gläu­bi­ger hatten entdeckt, dass sie außer­or­dent­lich viel mehr Profit machen konn­ten, wenn sie Produk­te nicht mehr im eige­nen Hoch­lohn­land herstel­len ließen, sondern sie in Billig­lohn­län­der herstel­len ließen. Auch für Europa hatte das ernste Konse­quen­zen. Nach­dem die Ameri­ka­ner mit dieser Poli­tik begon­nen hatten, sah man sich hier gleich­falls zur Ausla­ge­rung gezwun­gen, um auf dem Welt­markt konkur­renz­fä­hig zu blei­ben.

Die Wirkung war diesel­be wie in den USA: Ameri­ka­ni­sche und euro­päi­sche Arbei­ter verlo­ren ihre Posten an die Arbei­ter in Fern­ost, die ihre Arbeit viel billi­ger verkauf­ten. In den Staa­ten des Westens hat sich die Schere von Arm und Reich seit­dem immer weiter geöff­net.

Ulrike Herr­mann
hält eine einfa­che
popu­lis­ti­sche Lösung parat

ähnlich derje­ni­gen, wie sie derzeit von Itali­ens Polita­ma­teu­ren unter Triumph­ge­heul prak­ti­ziert wird: Lasst uns mehr Geld ausge­ben! Lasst uns die Inter­na­tio­na­le der Gläu­bi­ger schlicht igno­rie­ren! Ich pflich­te Frau Herr­mann bei, dass es einer grund­le­gen­den Wende bedarf, und zwar auch in Deutsch­land, das im Augen­blick noch so erfolg­reich ist. Die deut­sche Auto­in­dus­trie, die mit ihren groß­ar­ti­gen Inge­nieurs­leis­tun­gen in den letz­ten Jahr­zehn­ten so viel für den Reich­tum des Landes tat, steht heute an einem Schei­de­weg. Benzin und Diesel­au­tos darf es in spätes­tens zehn bis zwan­zig Jahren nicht mehr geben. Der Klima­wan­del lässt den fossi­len Potlatsch nicht länger zu. Aber Elek­tro­au­tos sind tech­no­lo­gisch vergleichs­wei­se primi­tiv, das können andere Länder genau­so gut wie die Deut­schen. Da diese die Forschung an Batte­ri­en, wo sie einst führend waren, inzwi­schen so gut wie aufge­ge­ben haben, können andere es vermut­lich sogar besser.

Das sind
Dooms­day-Refle­xio­nen

Höhere Löhne für die benach­tei­lig­ten Schich­ten wären das Gebot der Stunde, ebenso eine größe­re Hand­lungs­frei­heit des Staa­tes, die dazu die Voraus­set­zung bildet. Doch dazu müss­ten wir auf euro­päi­scher Ebene unsere Abhän­gig­keit von auslän­di­schen Rohstof­fen (aus dem Nahen Osten und aus Russ­land) zunächst einmal dras­tisch redu­zie­ren. Anders gesagt, ist keine ernst­haf­te Wende zu erwar­ten oder auch nur möglich, solan­ge Europa nicht in möglichst kurzer Zeit den Über­gang von fossi­ler zu sola­rer Ener­gie betreibt. Die bishe­ri­gen Schrit­te auf diesem Weg sind, wie jeder wissen sollte, ganz und gar unge­nü­gend.

So bleibt mir nichts ande­res übrig, als die schöne Fassa­de einer Idylle zu genie­ßen, die heute immer noch besteht und uns eine beina­he heile Welt vorgau­kelt. – - -
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