Das Greta-Phänomen – Editorial 0319

Wenn die Schü­le­rin­nen und Schü­ler am „Friday for future“ der Schule fern­blei­ben, bekom­men sie für diesen Akt des Unge­hor­sams zuneh­mend Rücken­de­ckung aus der Bevöl­ke­rung. Das Problem, das sie auf die Straße bringt, ist der bedroh­li­che Klima­kol­laps. Er stehe bevor, falls die Mensch­heit weiter­macht, wie die letz­ten Jahr­zehn­te. Die Angst nimmt zu, dass die Erde eines Tages kein wirt­li­cher Lebens­raum mehr sein könnte. Dieser Sach­ver­halt allei­ne würde nicht zu groß­an­ge­leg­ten gemein­sa­men Protest­ak­tio­nen bewe­gen, denn es käme einem india­ni­schen Regen­tanz gleich, bei dem man die Götter um Beistand bittet. Als das wesent­li­che Problem hat man ein ande­res ausge­macht: das Versa­gen und die Untä­tig­keit der Eliten von Poli­tik und Wirt­schaft. Gegen ihr vermeint­li­ches Unver­mö­gen rich­tet sich der Protest. Man erwar­tet von ihnen konkre­te Umset­zun­gen. Letzt­end­lich sitzen sie an den Schalt­he­beln und ein radi­ka­ler Kurs­wech­sel braucht einen hand­lungs­fä­hi­gen Staat. Die euro­pa­weit zuneh­men­de Masse an Protes­tie­ren­den erzeugt Druck auf Entschei­der und Poli­tik. Während Skan­da­le, wie der Diesel­ab­gas­be­trug der Auto­in­dus­trie, das Vertrau­en in Demo­kra­tie und Konzer­ne erschüt­tern, findet die Forschung immer über­zeu­gen­de­re Indi­zi­en dafür, was die Klima­er­wär­mung für das Leben auf der Erde bedeu­tet. Nichts Gutes. Es gibt wissen­schaft­li­che Einschät­zun­gen, die zu rela­ti­vie­ren­den Ergeb­nis­sen kommen, wobei die dahin­ter­ste­hen­den Inter­es­sen zu Zwei­feln Anlass geben. Der Gerech­tig­keit wegen muss erwähnt werden, dass die Neutra­li­tät von Studi­en und Gutach­ten – egal, wer sie erstellt – wohl nie unan­fecht­bar bleibt.
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In einem Punkt scheint man sich einig zu sein: Die komple­xe Problem­la­ge lässt sich auf einzel­ne Aspek­te redu­zie­ren. Jeder kann im Allein­gang etwas tun, ohne auf „Entschei­dun­gen von oben“ zu warten. Bewuss­tes Einkau­fen und Konsu­mie­ren, weni­ger Ener­gie verbrau­chen, auf Kunst­stoff­ver­pa­ckun­gen und Flug­rei­sen verzich­ten, mit dem Fahr­rad oder dem öffent­li­chen Nahver­kehr, statt dem Auto mit Verbren­nungs­mo­tor fahren. Kurz „der ökolo­gi­sche Fußab­druck“ jedes Menschen kann durch persön­li­che Maßnah­men verklei­nert werden und so zu einer Verlang­sa­mung des Klima­wan­dels beitra­gen.
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Diese Problem­re­duk­ti­on erscheint zweck­mä­ßig, bildet aber eine Art logi­schen Pfer­de­fuß. Komplex mitein­an­der in Bezie­hun­gen stehen­de Einzel­as­pek­te erfor­dern, dass man Problem­la­gen ganz­heit­lich unter­sucht. Unter­lässt man das, dann gelangt man zu einem posi­ti­ven Urteil, wenn Leute eine Flug­rei­se machen und als Kompen­sa­ti­on für den Umwelt­scha­den, den sie erzeu­gen, die Paten­schaft für 3 qm Regen­wald am Amazo­nas über­neh­men. Oder eine Eiche im Stadt­park pflan­zen.
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Der Zustand des Plane­ten und die unter­stell­te Unfä­hig­keit von Eliten sind Ergeb­nis eines jahr­zehn­te­lan­gen Prozes­ses. Wissen­schaft­lich Analy­sen, die zu tiefer­lie­gen­den Ursa­chen vorsto­ßen, beispiels­wei­se den wirt­schaft­li­chen Rahmen­be­din­gun­gen, sind Mangel­wa­re. Für Einzel­ne unkom­pli­zier­ter ist es da, ande­ren eine Karbo­ni­sie­rungs­as­ke­se abzu­ver­lan­gen. Vermeint­li­ches Fehl­ver­hal­ten wird mit Hilfe der „Sozia­len Medien“ (wie para­dox in diesem Zusam­men­hang) öffent­lich ange­pran­gert. „Shit­s­torms“ beglei­ten den Klima­wan­del; die moder­ne Form trivia­len Getö­ses, bei dem man sich gegen­sei­tig anschreit und zum umwelt­scho­nen­den Leise­tre­ten nötigt.
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Früher sah man keine Veran­las­sung und heute bleibt uns die Zeit nicht mehr für Ideen, die vorschla­gen, den Problem­raum zu erwei­tern und ziel­füh­ren­de Umwege zu nehmen. Dabei ist es niemals zu spät für die Betrach­tung des gesam­ten ökono­mi­schen Ordnungs­rah­mens, der maßgeb­lich mensch­li­ches Handeln anregt. Alle seine Impli­ka­tio­nen und unhin­ter­frag­ten Forde­run­gen, seine Eigen­tums­rech­te, die Kapi­tal­ren­di­te, Zinsen, Divi­den­den, Gewin­ne, Paten­te, Urhe­ber­rech­te und vieles mehr, bergen Erklä­run­gen für unser Vorge­hen. Um recht­li­che Rahmen­be­din­gun­gen zu ändern, braucht es eine bestimm­te Vorge­hens­wei­se. Die Hüter der Geset­ze zu Verän­de­run­gen zu bewe­gen, ist ein lang­wie­ri­ger Prozess. Außer allen Entschei­dern inner­halb der Gewal­ten­tei­lung haben die Eliten aus Wirt­schaft und Wissen­schaft ausschlag­ge­ben­den Einfluss. Para­dig­men­wech­sel entste­hen aus diesen Krei­sen heraus eher selten. Konser­va­ti­ve Besitz­stands­wah­rung und Schutz von Pfrün­den, findet man in allen Regie­rungs- und Oppo­si­ti­ons­par­tei­en als eine Art unge­schrie­be­nes Gesetz. Deshalb wäre hilf­reich, wenn sich Protest von außen mit Erkennt­nis­sen vereint, die den Verän­de­rungs­wil­len mit der Kraft eines Para­dig­men­wech­sels speist, der grund­le­gen­de System­än­de­run­gen vorsieht. Radi­ka­le Umstür­ze, Revo­lu­tio­nen – das beweist die Geschich­te zuhauf – ebnen den Weg für andere Macht­ha­ber, erschaf­fen Verlie­rer und verän­dern Gewin­ner, nur nicht zum Guten.
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Ich begrü­ße das poli­ti­sche Erwa­chen der Jugend. Ich würde mir wünschen, dass es mit Ideen aufge­la­den wird, die das reich­hal­ti­ge Mitein­an­der von Menschen und Natur, grund­le­gend verän­dert. Unsere selbst­er­las­se­nen Geset­ze und die dadurch ausge­lös­ten Hand­lun­gen hindern uns am Eins­sein mit dem fantas­ti­schen univer­sa­len Gefüge. Wir legen uns selbst Ketten an. Es ist Zeit, sie zu spren­gen. Unver­krampft.
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