Soziale Gerechtigkeit – Armin Schachameier

Soziale Gerechtigkeit: blinde Flecken der sozialarbeitswissenschaftlichen Theorieentwicklung - - -

Soziale Gerechtigkeit kann nach den Definitionen der nationalen und internationalen Dachverbände als grundlegendes Ziel der Sozialen Arbeit verstanden werden. Die ökonomisch-gesellschaftlichen Strukturanalysen verschiedener theoretischer Ansätze versuchen, die Zusammenhänge und Ursachen für soziale Notlagen zu identifizieren. Jedoch werden monetäre, geld- und währungssystembedingte Auswirkungen weitgehend ausgeblendet.
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Einleitung:
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Stellen Sie sich vor, sie wären derzeit Sozialarbeiter in Griechenland. Der dem Land auferlegte Sparkurs hat zu drastischen Einsparungen im Bereich der Sozialausgaben geführt. Dadurch sind vermehrt soziale Problemlagen aufgetreten und der Bedarf an Sozialer Arbeit ist gestiegen. Gleichzeitig können aber die benötigten Stellen nicht finanziert und besetzt werden (vgl. Menke 2016).
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Das Land hat eine Arbeitslosenquote von bis zu 27 % (vgl. Kalliga 2013), mehr als ein Viertel der Bevölkerung lebt in Armut oder ist stark von Armut bedroht, teilweise können kranke Menschen ihre Medikamente nicht mehr bezahlen (vgl. ebd.).
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Es ist nicht auszuschließen, dass weiteren EU-Ländern in naher Zukunft ein ähnliches Schicksal mit Verschuldungsdynamiken droht, die zu Kürzungen der Sozialausgaben und zu einer verstärkten Nachfrage nach sozialer Hilfe führt.
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Des Weiteren macht dieses aktuelle Beispiel deutlich, wie sehr ökonomische Einflussfaktoren und Zusammenhänge die Notwendigkeit Sozialer Arbeit begründen.
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So kann auch die historische Identitätsentwicklung der Sozialen Arbeit als eine systembedingte Folge (z. B. Thiersch 2012, Böhnisch 2012), als ein „Symptom der Moderne“ (Kleve 1999) verstanden werden.
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Die Beschreibung des Gegenstandsbereichs der Sozialen Arbeit erfolgt somit durch eine phänomenologisch-hermeneutische Betrachtung gesellschaftlich-ökonomischer Strukturen. Gleichzeitig werden nach der IFSW, dem DBSH und der ESSAW Ziele und Aufgabebereiche definiert, insbesondere sollen die soziale Gerechtigkeit und die Steigerung des Wohlbefindens möglichst vieler Menschen angestrebt werden.
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Nur wie wollen Sozialarbeiter diese Ziele in Ländern wie Griechenland, aber auch in vielen anderen Staaten, die unter Austeritätsprogrammen leiden, verwirklichen? Es ist doch offensichtlich, dass es die Folgen der Sparmaßnahmen nur begrenzt oder sogar unmöglich machen, den betroffenen Menschen mit Angeboten der Sozialen Arbeit, sei es in institutioneller oder ambulanter Form, durch einzel-, gruppen- oder gemeinwesenorientierte Interventionen zu helfen.
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Ist es nicht auch zwingend notwendig, die systembedingten ökonomisch-gesellschaftlichen Ursachen zu identifizieren, daraus Lösungsstrategien abzuleiten und sich für deren Umsetzung einzusetzen?
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Ich vertrete in diesem Artikel die These, dass nur eine Auseinandersetzung mit den ökonomischen Strukturen, genauer gesagt mit den Dynamiken unseres Geldsystems, zu einem Verständnis und zu Lösungsansätzen für die aktuellen problematischen Entwicklungen in vielen Ländern führen kann.
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Nur, wenn die Vertreter der Sozialen Arbeit nicht nur die Folgen unseres Wirtschaftssystems beschreiben, sondern auch deren tiefere Zusammenhänge durchdringen, können sie ihre definierten Ziel umsetzen und an nachhaltigen, sozial gerechten, lösungsorientierten Entwicklungen mitarbeiten und sich dementsprechend gegenüber der Politik und Wirtschaft positionieren.
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So sehen auch neuere, internationale Ansätze der Sozialen Arbeit die Interdependenz von globalen, ökonomisch bedingten Veränderungen und deren Auswirkungen auf Menschenrechte und soziale Entwicklungen (Cox/Pawar 2016).
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Deswegen möchte ich zunächst beispielhaft auf einige theoretische Ansätze namhafter Vertreter der Sozialen Arbeit im Hinblick auf ihre Analyse ökonomisch-gesellschaftlicher Strukturen eingehen und diese kritisch beleuchten. Im Folgenden soll gezeigt werden, warum ein tieferes Verständnis unseres Geldsystems notwendig ist, um soziale Ungleichheiten erklären zu können. In einem weiteren Schritt werden Lösungsansätze auf der Basis eines gerechteren Geld- und Finanzsystems dargestellt, von welchem die Mehrheit der Menschen profitieren würde. Damit wäre eine Grundlage geschaffen, um die in den Definitionen der Dachverbände formulierten Ziele tatsächlich verwirklichen zu können.

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