Inclusive Capitalism – Wie sich der Finanzsektor die Welt unterwirft – Wolfgang Berger

1914 am Vor­abend des 1. Welt­kriegs ent­sprach die Ver­tei­lung der Geld­ver­mö­gen unge­fähr der von 2014: 10 % der Bevöl­ke­rung war im Besitz von 90 % der Geld­ver­mö­gen. Ins­ge­samt waren sie sie­ben mal so hoch, wie die Wirt­schafts­leis­tung eines Jah­res. 2010 lag die­ser Fak­tor bei 5,5 %, Ten­denz wei­ter anstei­gend. [ermit­tel­te Tho­mas Piket­ty in sei­nem Buch „Kapi­tal des 21. Jahr­hun­derts“]

Roger Mar­tin du Gard, Autor des Wer­kes „Die Thi­baults“ lässt sei­nen Hel­den zum 1. Welt­krieg sagen: „Nie zuvor ist die Mensch­heit so tief ernied­rigt, ihre Intel­li­genz so rück­sichts­los unter­drückt wor­den“.

Der Schwei­zer Pro­fes­sor Marc Ches­ney zeigt auf, wie das Demo­kra­tie­ver­sa­gen nach dem 1. Welt­krieg zu einer Herr­schaft der Finanza­ris­to­kra­tie über die Wirt­schafts­po­li­tik führ­te. [Marc Ches­ney: „Vom Gro­ßen Krieg zur per­ma­nen­ten Kri­se – Der Auf­stieg der Finanza­ris­to­kra­tie und das Ver­sa­gen der Demo­kra­tie“; Ver­sus-Ver­lag Zürich] Die Akteu­re die­ser Finanz­welt befin­den sich in einer Art gemein­schaft­li­chen Rau­sches, des­sen gesell­schaft­li­che Fol­gen nur in Aus­nah­me­fäl­len von ihnen selbst wahr­ge­nom­men wer­den. Sam Polk, Tra­der eines spe­ku­la­ti­ven Fonds bringt es auf den Punkt: „Ich woll­te mehr Geld und zwar aus dem glei­chen Grund, wie ein Alko­ho­li­ker noch ein Glas braucht. Ich war süch­tig.“ Und wei­ter: „Nicht nur, dass ich nicht dabei half, Lösun­gen für die Pro­ble­me der Welt zu fin­den, ich pro­fi­tier­te auch noch davon.“ [ebd.]

Wo genau die Schnitt­stel­len zwi­schen Geld­macht und poli­ti­scher Macht inein­an­der­flie­ßen mag kei­ner genau beur­tei­len kön­nen. Indi­zi­en dafür, dass den „Süch­ti­gen“ der Zugang zu ihrer „Dro­ge“ von mäch­ti­gen Bera­tern aus der Finanz­welt geeb­net wur­de und immer noch wird, gibt es zuhauf. Ein frei­er, von poli­ti­schem Ein­fluss weit­ge­hend ver­schon­ter Finanz­markt wur­de zum wün­schens­wer­ten Ziel nahe­zu aller Eli­ten der west­li­chen Welt.

Rolf Breu­er, Vor­stands­spre­cher der Deut­schen Bank, sprach es in einem lesens­wer­ten Auf­satz im Jahr 2000 so aus: „Wenn man so will, haben die Finanz­märk­te qua­si als ‚fünf­te Gewalt‘ neben den Medi­en eine wich­ti­ge Wäch­ter­rol­le über­nom­men. Wenn die Poli­tik im 21. Jahr­hun­dert in die­sem Sinn im Schlepp­tau der Finanz­märk­te stün­de, wäre dies viel­leicht so schlecht nicht.“ [„Die fünf­te Gewalt“ aus DIE ZEIT Nº 18/2000 vom 27. April 2000: http://www.zeit.de/2000/18/200018.5._gewalt_.xml (Ein­ge­se­hen am 21. 10. 2014)]

250 glo­ba­le Finanz­ma­na­ger tref­fen sich in Lon­don

Unter dem The­ma „Inclu­si­ve Capi­ta­lism – Anstoß zum Umbruch“ hat Lady Eve­lyn de Roth­schild, Gat­tin von Robert de Roth­schild im Früh­som­mer nach Lon­don ein­ge­la­den, zu einem Tref­fen ins Man­si­on Hou­se, die Resi­denz des Lord Mayor der City of Lon­don.

Die dort ansäs­si­gen Finanz­fir­men haben Alder­man Fio­na Woolf als 686. Lord Mayor zur Lei­te­rin der City of Lon­don Cor­po­ra­ti­on gewählt – die zwei­te Frau in die­sem Amt seit 1189. Zuvor war sie Part­ne­rin bei CMS Came­ron McKen­na, einer Kanz­lei mit 3.000 Anwäl­ten, die Finanz­fir­men bei Rechts­strei­tig­kei­ten mit Staa­ten ver­tritt.
Der Prince of Wales hielt den Eröff­nungs­vor­trag. Lady de Roth­schild mar­kier­te den Roten Faden der Kon­fe­renz: Die tie­fe Sor­ge, dass die eige­ne PR nicht effi­zi­ent genug sei. Popu­lis­ti­sche Regie­run­gen könn­ten den Finanz­sek­tor über­neh­men und gar sei der Aus­bruch einer Revo­lu­ti­on nicht aus­ge­schlos­sen: „Es ist wirk­lich gefähr­lich, wenn Busi­ness als eines der gesell­schaft­li­chen Pro­ble­me gese­hen wird.“ 61 Pro­zent der Bri­ten wol­len eine Par­tei wäh­len, „die am här­tes­ten mit Big Busi­ness umspringt”.

Bill Clin­ton erin­ner­te an die Depres­si­on zu Beginn sei­ner Regie­rungs­zeit. Sei­ne Lösung war die Dere­gu­lie­rung des Finanz­sek­tors durch den Gramm-Leach-Bli­lay Act, mit der Fol­ge der größ­ten Ungleich­ver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen in den USA. „Das Ver­trau­en wie­der­zu­ge­win­nen und Wer­te zu bil­den“ sei des­halb die aktu­el­le Her­aus­for­de­rung. Mark Car­ney, Gou­ver­neur der Bank of Eng­land, deu­te­te an, wie das gehen könn­te: Um Regie­rungs­ein­grif­fe in den Finanz­sek­tor zu ver­mei­den, sei ein Umbruch in Manage­ment, Auf­sicht und Ethik erfor­der­lich.

Chris­ti­ne Lagar­de, Che­fin des Inter­na­tio­nal Wäh­rungs­fonds, wies dar­auf hin, dass der Anteil des pri­va­ten Ein­kom­mens am Brut­to­in­lands­pro­dukt in Euro­pa heu­te ähn­lich hoch ist wie vor Beginn des 1. Welt­kriegs. Seit 1980 habe das reichs­te Pro­zent der US-Bür­ger sei­nen Anteil am Natio­nal­pro­dukt mehr als ver­dop­pelt. Die Ver­hält­nis­se sei­en jetzt wie am Vor­abend der gro­ßen Depres­si­on 1929. Die 85 reichs­ten Men­schen der Welt pas­sen in einen Lon­do­ner Dop­pel­de­cker­bus und haben so viel Ver­mö­gen wie die hal­be Mensch­heit.

Die Deut­sche Wel­le kom­men­tier­te: „Die Zeit wird zei­gen, ob die Inclu­si­ve Capi­ta­lism Intia­ti­ve mehr ist als ein Tref­fen extrem wohl­ha­ben­der Leu­te, die in ihren Pri­vat­jets anrei­sen, um ein paar ange­neh­me Stun­den mit­ein­an­der zu ver­brin­gen und sich gegen­sei­tig zu ver­si­chern, dass sie das Bes­te für die Gesell­schaft tun.“ Die 250 glo­ba­len Finanz­ma­na­ger, die hier zusam­men­ge­kom­men sind, kon­trol­lie­ren ein Ver­mö­gen von 30 Bil­lio­nen US-Dol­lar. John Paul­son, James Simons und Ste­ven Cohen wur­den in 2013 mit jeweils zwei bis zwei­ein­halb Mil­li­ar­den Dol­lar dafür ver­gü­tet, David Tep­pers Ein­kom­men im letz­ten Jahr betrug 3,5 Mil­li­ar­den Dol­lar – ca. 10 Mil­lio­nen kalen­der­täg­lich.

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