Gerechtes Geld – Dieter Suhr

Im Som­mer 2015 jähr­te sich zum 25. Mal der Tag, an dem Prof. Dr. Die­ter Suhr, Rechts­phi­lo­soph an der Uni­ver­si­tät Augs­burg, töd­lich ver­un­glück­te. Mit sei­nem Auf­satz „Gerech­tes Geld“ möch­ten wir an Die­ter Suhr erin­nern und dan­ken sei­ner Frau Mari­an­ne Suhr für die Erlaub­nis zum Wie­der­ab­druck. Die­ser Auf­satz war die über­ar­bei­te­te Fas­sung eines Vor­trags, den Die­ter Suhr auf dem Kon­gress „Arbeit, Geld­ord­nung, Staats­fi­nan­zen“ gehal­ten hat, ver­an­stal­tet von der „Inter­na­tio­na­len Ver­ei­ni­gung für Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung“ vom 12. – 15. Mai 1983 in Wörgl/Tirol. Er erschien zuerst in: Archiv für Rechts- und Sozi­al­phi­lo­so­phie Nr. 3/1983, S. 322 – 339. Auch erschie­nen in Zeit­schrift für Sozi­al­öko­no­mie (ZfSÖ) 184./185. Fol­ge, April 2015

1 Der rechts­phi­lo­so­phi­sche Ansatz
Ist unser Geld gerecht? – So fragt der Rechts­phi­lo­soph. Er betrach­tet das Geld aus rechts­ethi­scher Sicht und legt dabei nor­ma­ti­ve Maß­stä­be an. Er fragt, wie das Geld sein soll.

Der Öko­nom dage­gen ist in ers­ter Linie Wirk­lich­keits­wis­sen­schaft­ler. Für ihn klingt die Fra­ge nach dem gerech­ten Geld ziem­lich naiv: Möge doch der idea­lis­ti­sche Geld­ver­bes­se­rer, denkt er sich, erst ein­mal zuse­hen, wie kom­plex und schwie­rig zu durch­schau­en die Welt des Gel­des ist, ehe er daher­ge­lau­fen kommt und die­ser mone­tä­ren Welt bei­brin­gen will, wie sie gestal­tet sein sol­le!

Der Öko­nom träumt also kei­nen idea­lis­tisch-nor­ma­ti­ven Traum vom gerech­ten Geld. Er ist Rea­list. Er fin­det das Geld vor. Er ver­folgt die geschicht­li­chen und erforscht die gegen­wär­ti­gen Erschei­nungs­for­men des Gel­des. Er schaut dem Geld die Funk­tio­nen ab, die es in der Volks­wirt­schaft und für die Wirt­schafts­sub­jek­te hat. Auf die­ser empi­ri­schen Grund­la­ge macht er sich sei­ne Gedan­ken über gesetz­mä­ßi­ge Zusam­men­hän­ge und kon­zi­piert sei­ne Theo­ri­en.

Doch auch der Öko­nom bleibt bei der schie­ren Fak­ti­zi­tät sei­nes For­schungs­ge­gen­stan­des nicht ste­hen. Er beschreibt nicht nur die Funk­tio­nen und Wir­kungs­wei­sen des Gel­des, son­dern macht sich auch Gedan­ken dar­über, ob das Geld sei­ne Funk­tio­nen schlecht, gut oder bes­tens („opti­mal“) erfüllt. Er fragt z. B., ob das Geld „neu­tral“ wirkt oder ob es Ver­zer­run­gen in die Preis­ge­fü­ge und Ver­tei­lungs­strö­me der Volks­wirt­schaft bringt. Schließ­lich ver­sucht er auch, Kri­te­ri­en anzu­ge­ben, an denen opti­ma­les Geld gemes­sen wer­den kann.

So kom­men der Rechts­phi­lo­soph und der Öko­nom ein­an­der doch noch näher: Bei­de müs­sen die tat­säch­li­chen Wir­kungs­wei­sen und Funk­ti­ons­zu­sam­men­hän­ge der mone­tä­ren Welt so gut wie irgend mög­lich ken­nen und ihren For­schun­gen zugrun­de­le­gen. Aber bei­de blei­ben nicht hän­gen am Geld, wie es ist, son­dern fra­gen wei­ter danach, wie es beschaf­fen sein soll. Am Ende wird sich sogar zei­gen, dass gerech­tes Geld und opti­ma­les Geld weit­ge­hend auf das­sel­be hin­aus­lau­fen.

2 Unge­rech­tig­kei­ten des unsta­bi­len Gel­des
2.1 Infla­ti­on und Defla­ti­on

Eine uner­war­te­te Infla­ti­on schä­digt Geld­schuld­gläu­bi­ger und begüns­tigt ihre Schuld­ner. Bei erwar­te­ter Infla­ti­on hält sich umge­kehrt der Geld­schuld­gläu­bi­ger auf Kos­ten sei­nes Schuld­ners schad­los durch hohe Zin­sen, die einen Infla­ti­ons­aus­gleich ent­hal­ten. Ähn­lich wirkt die Defla­ti­on. Infla­ti­on und Defla­ti­on schla­gen glei­cher­ma­ßen unge­recht in die kunst­voll aus­ba­lan­cier­ten Rechts­be­zie­hun­gen der Men­schen unter­ein­an­der ein und brin­gen sie aus dem Gleich­ge­wicht. Sie unter­gra­ben zudem die Rechts­si­cher­heit und belas­ten die Men­schen mit hem­men­den Unge­wiss­hei­ten über die Wäh­rung.

Zwi­schen den Aus­wir­kun­gen der Infla­ti­on und denen der Defla­ti­on gibt es – abge­se­hen von unter­schied­li­chen öko­no­mi­schen Fol­gen – einen recht­lich bedeut­sa­men Unter­schied: Wäh­rend die Ent­wer­tung von Geld­for­de­run­gen durch Infla­ti­on typi­scher­wei­se lang­fris­tig ange­leg­te Gel­der betrifft, also mar­gi­na­les Ver­mö­gen, das der Betrof­fe­ne bei Anle­gung übrig hat­te, trifft die Defla­ti­on typi­scher­wei­se den­je­ni­gen, der sich lang­fris­tig Geld hat bor­gen müs­sen, weil er zu wenig hat­te: Also belas­tet die Infla­ti­on eher mar­gi­nal, die Defla­ti­on eher exis­ten­ti­ell, so dass sich im Hin­blick auf die Gerech­tig­keit ein paar Pro­zen­te Defla­ti­on sehr viel schlim­mer auf die von der Ver­än­de­rung der Haupt­schuld Betrof­fe­nen aus­wir­ken als die glei­chen Pro­zen­te Infla­ti­on.

Auch das Geld im Porte­mon­naie oder in der Kas­se ent­wer­tet sich bei Infla­ti­on. Doch die­ser Kas­sen­schwund bleibt weit hin­ter den soeben beschrie­be­nen Unge­rech­tig­kei­ten des Wert­schwun­des bei Geld­for­de­run­gen zurück. Selbst wenn jemand bei 5% Infla­ti­on hohe Beträ­ge für zwei Wochen im Porte­mon­naie mit sich her­um­schleppt, so büßt er, bis er es aus­gibt, nur etwa 2 Pro­mil­le an Kauf­kraft ein. Das sind Ver­lus­te, die einer­seits kaum ins Gewicht fal­len und denen man ande­rer­seits aus­wei­chen kann, wenn man nicht zu viel „Kas­se hält“. Wer aber eine Hypo­the­ken­for­de­rung oder eine Kom­mu­nal­ob­li­ga­ti­on mit einer Lauf­zeit von 10 Jah­ren besitzt, bei dem schlägt die Infla­ti­on im Ver­lau­fe der Zeit ganz erheb­lich zu Buche. Des­halb sind auch die Mög­lich­kei­ten ein­ge­schränkt, der Geld­ent­wer­tung dadurch aus­zu­wei­chen, dass man, statt Geld in der Kas­se bereit­zu­hal­ten, es in Geld­for­de­run­gen ver­wan­delt. Je lang­fris­ti­ger die Rechts­ver­hält­nis­se sind, in denen die Geld­ein­heit bei der Zumes­sung, Zutei­lung, Aus­ein­an­der­set­zung und Ent­schä­di­gung den Maß­stab abgibt, des­to ver­hee­ren­der wirkt sich die Infla­ti­on aus.

Man muss also bei den Gerech­tig­keits­pro­ble­men wie in der Geld­theo­rie einen wich­ti­gen Unter­schied beach­ten:
Das Geld ist einer­seits ein Instru­ment und Mit­tel, das sowohl beim Tausch als auch bei der Schuld­til­gung fak­ti­sche Tauschmacht ver­kör­pert und das man des­halb gern in der Kas­se bereit­hält. Es ist mit­hin Liqui­di­täts-, Schuld­til­gungs- und Tausch­mit­tel.
Die Wäh­rung ist ande­rer­seits die Maß­ein­heit, in der Kauf­kraft­schul­den und Wert­an­tei­le von Ver­mö­gen gemes­sen und berech­net wer­den. Die Wäh­rungs­ein­heit ist Liqui­di­täts-, Tausch­kraft- und Kal­ku­la­ti­ons­maß­stab.

Die Unge­rech­tig­keit von unsta­bi­lem Geld hängt also aufs engs­te damit zusam­men, dass man einen Maß­stab braucht, mit dem Kauf­kraft gemes­sen wer­den kann. So wie man beim Wie­gen von Kar­tof­feln das Kilo­gramm und beim Aus­mes­sen von Vor­hang­stoff das Meter ver­wen­det, so wird Kauf­kraft in „Deut­scher Mark“, „Öster­rei­chi­schem Schil­ling“, „Schwei­zer Fran­ken“ oder „US-Dol­lar“ (in „Wäh­rungs­ein­hei­ten“) gemes­sen. Dem ent­spricht es, dass Art. 73 Nr. 4 des Grund­ge­set­zes für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land „Wäh­rung, Maß, Gewicht und Zeit­be­stim­mung (…) in einem Atem­zu­ge nennt“.

„Unsta­bi­le Wäh­rung“ heißt also nichts ande­res als „unzu­ver­läs­si­ges Maß­sys­tem für Kauf­kraft“. Eine Schrump­fung des Maß­sta­bes bei Infla­ti­on wirkt genau so will­kür­lich und unge­recht, wie wenn bei Lie­fe­rung von bestell­tem Stoff nach Jahr und Tag ein kür­ze­rer Maß­stab ver­wen­det wird, als beim Kauf zugrun­de­ge­legt war. Die Ent­wer­tung des Tausch­mit­tels, das sich jeweils nur kurz in mei­ner Kas­se befin­det, wäre durch­aus erträg­lich, könn­te man in Kauf­kraft­schul­den aus­wei­chen, die mit einem sta­bi­len Maß­stab gemes­sen wer­den.

2.2 Der wäh­rungs­recht­li­che „Anschluss- und Benut­zungs­zwang“

Die Fol­gen einer unsta­bi­len Wäh­rung tref­fen beson­ders hart, wenn der Bür­ger (wie bei uns in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land) wäh­rungs­recht­lich dazu gezwun­gen wird,
sowohl die unsta­bi­le Wäh­rung als Maß­stab
als auch das auf die Wäh­rungs­ein­heit lau­ten­de Zah­lungs­mit­tel als Schuld­til­gungs­mit­tel
zu ver­wen­den. Dabei wird der Bür­ger durch eine Art von wäh­rungs­recht­li­chem „Anschluss- und Benut­zungs­zwang“ genö­tigt, sich an das staat­li­che Wäh­rungs- und Zah­lungs­sys­tem auf Gedeih und Ver­derb anzu­schlie­ßen, auch wenn die­ses Sys­tem alles ande­re als sta­bil ist und durch­aus zuver­läs­si­ge­re Maß­stä­be zur Ver­fü­gung ste­hen (näm­lich Kauf­kraft­in­di­zes, wie sie zur Zeit den rela­tiv zuver­läs­si­gen Maß­stab abge­ben, an dem wir die Unzu­ver­läs­sig­keit des gesetz­li­chen Kauf­kraft­maß­sta­bes mes­sen und able­sen kön­nen). Die­se Über­le­gun­gen spre­chen frei­lich nicht gegen den Benut­zungs­zwang über­haupt, son­dern betref­fen nur den Fall, dass er mit unsta­bi­ler Wäh­rung zusam­men­trifft.

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1 Antwort

  1. http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/07/31/banken-krise-italien-finanz-system-ist-an-seine-grenzen-gekommen/
    Denk­an­sät­ze von Anto­ni­no Gal­lo­ni
    Ich suche: Semi­nar mit mathe­ma­ti­schem, geld­tech­ni­schem, juris­ti­schem, psy­cho­lo­gi­schen und sozio­lo­gi­schem Denk- und Aus­füh­rungs­an­satz für Gestal­tung und Umset­zung einer Par­al­lel­wäh­rung und Haupt­wäh­rung mit Zusam­men­fas­sung auf 10 Sei­ten in Stich­wor­ten, Hand­lungs­ab­läu­fen und Aus­füh­rungs­de­tails. Gibt es so etwas?

    Grü­ße

    Wolf­gang Rein­ke

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