Kategorie: Ausgabe 01 – 2014

Roland Geitmann war ein feiner Mensch – Die Redaktion 0

Roland Geitmann war ein feiner Mensch – Die Redaktion

Am 4. 12. 2013 ist Roland Geit­mann gestor­ben.
Er war ein feiner Mensch.

Er war ein feiner Mensch.

Er verkör­per­te den Frie­den, der ihn als
großes Ziel beweg­te. Seine sympa­thi­sche
Art, die sich in respekt­vol­ler
Zuwen­dung zu seinen Mitmen­schen
ebenso ausdrück­te, wie in seiner Liebe
zur Natur und den klei­nen Freu­den des
Lebens, war vorbild­lich. Mit spon­ta­nen
Klavier­stü­cken erfreu­te er in den
Pausen die Gäste unse­rer Veran­stal­tun­gen.
2012, anläss­lich des 150-jähri­gen
Geburts­tags­ju­bi­lä­ums von Silvio
Gesell sprach er in Wupper­tal zu einem
ihm am Herzen liegen­den Thema,
nämlich der Rolle direk­ter Demo­kra­tie
für die Idee der sozia­len Plas­tik im Sinne
von Joseph Beuys. Mit diesem Beitrag
berei­cher­te er die Veran­stal­tung
„Gesell­Schafft­Kunst“ im Mai 2012 in
Wupper­tal.
Sein Wirken für die gute Sache wird
nicht in Verges­sen­heit gera­ten. Wir
empfin­den es als ein Geschenk von
uner­mess­li­chem Wert, dass er sich
gemein­sam mit uns einge­setzt hat.
Seine Kompe­tenz spen­de­te Kraft und
Selbst­ver­trau­en. Sein Mensch­sein
lebt in vielen seiner geis­ti­gen und
persön­li­chen Freun­de weiter. Wir zählen
uns dazu.
Zitat Roland Geit­mann:
„Im zerstö­re­ri­schen Umgang mit Geld
und mit der Erde offen­bart sich das Innen­le­ben,
die geis­tig-seeli­sche Verfas­sung
einer Gesell­schaft. Eine solche
Problem­la­ge lässt sich nicht wie
ein tech­ni­scher Defekt repa­rie­ren.
So drin­gend notwen­dig unsere Geld­und
Boden­re­form­maß­nah­men wären,
so unwahr­schein­lich ist es vorerst,
dass sie ergrif­fen werden. Denn
so tief im Denken, Fühlen und Wollen
der Menschen verwur­zel­te Verhält­nis­se
ändern sich nur gemein­sam mit
den Menschen und durch sie. So mühsam
Demo­kra­tie ist, zeich­net sie doch
aus, dass sich Erneue­rungs­im­pul­se
aus klei­nen Anfän­gen ausbrei­ten können
und letzt­lich auch durch­drin­gen,
wenn ihre Zeit gekom­men ist.“
Zitiert aus „Lob der Viel­falt“ von Roland
Geit­mann erschie­nen in HUMANE WIRTSCHAFT,
Ausga­be 5–2007
Roland Geit­mann
(gebo­ren am 13. April 1941 in Silde­mow
bei Rostock, gestor­ben am 4. Dezem­ber
2013 in Kehl)
Roland Geit­mann war Verwal­tungs­recht­ler.
Er war von 1974 bis 1982 Ober­bür­ger­meis­ter
der Stadt Schram­berg
und von 1983 bis 2006 Profes­sor für
Öffent­li­ches Recht an der Hoch­schu­le
Kehl. 1988 wurde Roland Geit­mann
Vorsit­zen­der der Arbeits­ge­mein­schaft
frei­wirt­schaft­li­cher Chris­ten (AfC).
Seit 1989 führt dieser 1950 gegrün­de­te
Verein den Namen „Chris­ten für gerech­te
Wirt­schafts­ord­nung e. V.“ (CGW). Im
Jahre 2009 gab Roland Geit­mann das
Amt des Vorsit­zen­den weiter. Als Ehren­vor­sit­zen­der
beglei­te­te er die CGW
bis zu seinem Tode.
Auch war er Spre­cher des Kura­to­ri­ums
von Mehr Demo­kra­tie e. V. sowie verant­wort­li­cher
Heraus­ge­ber der Schrif­ten­rei­he
der Arbeits­grup­pe Gerech­te
Wirt­schafts­ord­nung.

Leserbriefe 01/2014 0

Leserbriefe 01/2014

Ihre Meinung ist uns wich­tig! Senden Sie uns Ihre Fragen, Anre­gun­gen oder persön­li­chen Meinun­gen. Wir bemü­hen uns, so viele Leser­brie­fe unter­zu­brin­gen, wie möglich. Wenn wir Leser­brie­fe kürzen, dann so, dass das Anlie­gen der Schrei­ben­den gewahrt bleibt. Leser­brie­fe geben nicht die Meinung der Redak­ti­on wieder.
In dieser Ausga­be:
Raum für Neues – Wirt­schaf­ten und Gesund­heit
„Steu­ern – Dieb­stahl an der Allge­mein­heit“
Zur Kritik am Außen­han­dels­über­schuss Deutsch­lands
Die Poli­tik des Geldes
Das nicht zu verges­sen­de Ereig­nis

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer 0

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer

Wir verbrin­gen einen großen Teil unse­rer Zeit mit Dingen, die uns nicht wirk­lich glück­lich macht: Arbei­ten, Kaufen, Konsu­mie­ren. Die wahren Quel­len des Glücks liegen aber im „inne­ren Selbst“. Warum wir dennoch das Glück im Außen suchen, hängt mit unse­rem moder­nen Geld zusam­men.

Vermut­lich kennen Sie die Anek­do­te zur Senkung der Arbeits­mo­ral von Hein­rich Böll (1963). Darin beschreibt er einen ärmlich geklei­de­ten Fischer, der in einem Hafen an der West­küs­te Euro­pas schläft. Er wird durch das Klicken des Foto­ap­pa­ra­tes eines Touris­ten geweckt. Der Tourist fragt den Fischer, warum er denn nicht fische, wo doch so idea­les Wetter dafür sei. Nach eini­gem Zögern antwor­tet der Fischer, dass er heute schon drau­ßen gewe­sen sei und einen so guten Fang gehabt hätte, dass es für die nächs­ten Tage noch reiche. Nach eini­gem Zögern geht mit dem Touris­ten die Phan­ta­sie durch: Wenn der Fischer heute doch noch drei- oder vier­mal hinaus­fah­ren würde, dann würde er viel verdie­nen. Damit könnte er mittel­fris­tig ein klei­nes Unter­neh­men grün­den und immer weiter wach­sen. Das Unter­neh­men könnte so groß werden, dass er sogar ins Ausland Fische liefern könne. Und, dann – der Tourist kommt zum Ende seiner Phan­ta­sier­ei­se – dann hätte der Fischer genug verdient, um einfach am Hafen sitzen und sich ruhig entspan­nen zu können. Darauf entgeg­net der Fischer gelas­sen, am Hafen sitzen und sich entspan­nen könne er doch jetzt schon. Das mache er ja gerade. Darauf­hin
verschlägt es dem Touris­ten die Spra­che, nach­denk­lich und ein wenig neidisch geht er fort.

Ich denke, an dieser klei­nen Geschich­te werden zwei konträ­re Welt­an­schau­un­gen deut­lich. Der Fischer lebt im „Hier und Jetzt“. Er hat heute genug für seinen Lebens­un­ter­halt getan, ja er hat sogar so viel gefan­gen, dass er an den nächs­ten Tagen nichts tun muss. Frei­lich: Er ist ärmlich geklei­det, er besitzt vermut­lich selbst keinen Foto­ap­pa­rat und er kann sich vermut­lich auch keine teuren Touris­ten­aus­flü­ge leis­ten. Aber ich stelle mir ihn als einen glück­li­chen und zufrie­de­nen Menschen vor: Er verfügt über wenig
mate­ri­el­len Reich­tum, aber er hat einen großen Luxus an frei verfüg­ba­rer Zeit: Er hat so Zeit für ein Schläf­chen am hell­lich­ten Tag. Er hat vermut­lich auch Zeit für seine Freun­dIn­nen, seine Kinder, seine Leiden­schaf­ten; ja Zeit, um mit sich (seinem „inne­ren Selbst“) in gutem Kontakt zu stehen. Der Fischer
steht für die Über­zeu­gung, dass sich das „gute Leben“ einstel­len wird, wenn wir unsere Lebens­zeit für eine
gute Bezie­hung zu unse­rem Selbst und zu unse­ren Mitmen­schen aufbau­en; oder in ande­ren Worten.

Entscheidend ist die Tat – Pat Christ 0

Entscheidend ist die Tat – Pat Christ

Zahl­rei­che Freun­de, Wegge­fähr­ten, Neugie­ri­ge und Inter­es­sier­te kamen vom 31. Okto­ber bis 3. Novem­ber
zur „Jahres­fei­er Humane Wirt­schaft 2013“ des Förder­ver­eins Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung e. V. in die Wupper­ta­ler Silvio-Gesell-Tagungs­stät­te. „Entschei­dend ist die Tat“ laute­te das dies­jäh­ri­ge Motto.

„Theo­ri­en und Philo­so­phi­en sind sicher wich­tig,“ so Chef­re­dak­teur Andre­as Bange­mann zum Auftakt. „Doch von ebenso großer Bedeu­tung ist es, etwas real umzu­set­zen und etwas zu bewe­gen.“ Ein großes Ziel ist allen Human­wirt­schaft­le­rin­nen und Human­wirt­schaft­lern klar. Es heißt: Eine Geld­ord­nung schaf­fen, in der sich das
Geld nicht mehr, wie den derzeit herr­schen­den Spiel­re­geln zufol­ge, selbst vermeh­ren und dadurch die Gesell­schaft immer weiter aufspal­ten kann. Doch der Weg dahin ist noch ziem­lich weit.

Sehr ferne Ziele können demo­ti­vie­ren. Vor allem, wenn es nicht gewiss erscheint, dass sie auch erreicht werden können. Damit die Einsatz­freu­de nicht nach­lässt, sind sinn­vol­le Zwischen­etap­pen und eine Menge
klei­ner, krea­ti­ver Ideen nötig. „Was wir anstre­ben, kann nur dann rich­tig Wirkung entfal­ten, wenn es in sehr vielen Köpfen ist und wenn sich sehr viele Menschen daran betei­li­gen“, beton­te Bange­mann.

Dafür müssen die Menschen begeis­tert werden. Und zwar durch etwas, was konkret und „anfass­bar“ ist. Was akti­viert. Statt ledig­lich Diskus­sio­nen auszu­lö­sen. Ist es doch auf Dauer äußerst unbe­frie­di­gend, nur immer über die Gier der Reichen und die Blind­heit der Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker zu schimp­fen. Solche
Debat­ten erschöp­fen sich irgend­wann. Besser versu­chen, von unten etwas zu verän­dern. Dass die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer der Jahres­fei­er tatsäch­lich den großen Wunsch haben, etwas zu bewe­gen, machte die „Murmel­run­de“ am Eröff­nungs­abend deut­lich. Span­nen­der Tagungs­ein­stieg Was immer einem selbst gerade keine Ruhe lässt, womit man sich gerade beschäf­tigt und wie man über­haupt auf das Thema „Humane Wirt­schaft“ kam, das erzähl­ten sich je zwei Teil­neh­me­rIn­nen bei diesem unge­wöhn­li­chen Einstieg in die Tagung. In sechs Minu­ten mach­ten sich zwei Menschen, die sich bis dato noch nie gese­hen hatten, auf diese inten­si­ve Weise mitein­an­der bekannt. Wech­sel­sei­tig stell­ten sie sich später im Plenum vor. Heraus kamen facet­ten­rei­che Persön­lich­keits­be­schrei­bun­gen, Infor­ma­tio­nen über inter­es­san­te biogra­phi­sche Wege, unge­wöhn­li­che Pläne und erste konkre­te Projek­te.

Am zwei­ten Abend kam bei Andre­as Bange­mann Gold­grä­ber­stim­mung auf: In der Rolle des Fürch­te­gott Zwei­fel­mann brach­te er gegen­über Stef­fen Unver­zagt alias Stef­fen Henke erfreut zum Ausdruck, wie
gran­di­os sich sein Geld vermehrt. In den 80er Jahre habe er eine kleine Erbschaft von seinem Groß­va­ter bekom­men, erzähl­te er. Immer­hin 10.000 Mark. Die hat er als flei­ßi­ger schwä­bi­scher Sparer gleich ange­legt – und nun verdop­pelt sich dieses Vermö­gen alle zwölf Jahre.

Vom spaltenden Geist zu integraler Politik – Peter Berner 0

Vom spaltenden Geist zu integraler Politik – Peter Berner

Ein beson­ders aufge­weck­ter Grund­schü­ler fragte vor kurzem meine Frau, die als Märchen­er­zäh­le­rin tätig ist: „Warum ist das so, dass im Märchen immer die Guten gewin­nen, aber in der Wirk­lich­keit immer die Bösen?“ Dieser junge Mensch also warf beherzt die Ponerologiefrage[1] auf, die von uns Erwach­se­nen meist tabui­siert wird, obwohl – oder gerade weil? – deren Beant­wor­tung für gesell­schafts­po­li­ti­sches Handeln oder Nicht-Handeln von zentra­ler Bedeu­tung sein dürfte. Ob wir über­haupt die Einschät­zung dieses Jungen teilen und wenn ja, wie wir seine Frage beant­wor­ten, dürfte einen hohen Einfluss darauf haben, wie es nicht nur um unser poli­ti­sches Enga­ge­ment, sondern darüber hinaus auch um unsere innere Ausge­gli­chen­heit, Gesund­heit und Lebens-Quali­tät bestellt ist. Deswe­gen möchte ich – als Psycho­the­ra­peut, dem seit Jahr­zehn­ten immer wieder auch die Heilung unse­res Gemein­we­sens beson­ders am Herzen liegt – hier meine persön­li­che Antwort
auf diese Frage ins Gespräch brin­gen.

Wir Menschen auf dieser Erde leben – so würde ich es formu­lie­ren – seit mehre­ren Jahr­tau­sen­den
unter der sich zuspit­zen­den Herr­schaft eines diabo­li­schen, krie­ge­ri­schen, spal­ten­den Geis­tes, welcher sich
in beson­de­rer Weise gegen seine eigene Aufklä­rung immu­ni­siert hat – so ähnlich wie wir es in der Tiefen­psy­cho­lo­gie als „Wider­stand“ gegen das Erken­nen unbe­wuss­ter selbst­schä­di­gen­der Denk- und Verhal­tens­mus­ter kennen. „Geist“ ist hier­bei durch­aus in seiner doppel­ten Bedeu­tung gemeint: Einer­seits als Feld­ef­fekt im kollek­ti­ven Bewusst­sein, als weit verbrei­te­tes Denk- und Inter­pre­ta­ti­ons-Muster – ande­rer­seits als indi­vi­du­el­le Wesen­heit mit Durch­set­zungs­wil­len und Selbst­er­hal­tungs­in­ter­es­se.

Diese Sicht­wei­se folgt einem trans­per­so­na­len Welt­bild, demzu­fol­ge den Erschei­nun­gen der mate­ri­el­len Welt Kräfte und Forma­tio­nen auf fein­stoff­li­cher und Bewusst­seins­ebe­ne zugrun­de liegen – und sie folgt einem mehr­per­spek­ti­vi­schen, inte­gra­len Ansatz, dem zufol­ge beispiels­wei­se auch das abso­lu­te, allum­fas­sen­de,
allem zugrun­de liegen­de Bewusst­sein („Gott“) zugleich so etwas wie eine abstrak­te Ener­gie und so etwas
wie eine indi­vi­du­el­le Persön­lich­keit ist.

[1] „Pone­ro­lo­gie“ ist ein selten gebrauch­ter Ausdruck für „die Lehre vom Bösen“

Die schönere Welt… – Charles Eisenstein 0

Die schönere Welt… – Charles Eisenstein

„Es ist möglich, dass wir erst dann vor unse­rer wirk­li­chen Aufga­be stehen, wenn wir nicht mehr wissen, was zu tun ist. Und viel­leicht haben wir unsere wirk­li­che Reise erst dann begon­nen, wenn wir nicht mehr wissen, welchen Weg wir einschla­gen sollen. Der Geist, der nicht ratlos ist, ist unter­for­dert. Es ist der in seinem Lauf behin­der­te Strom, der singt.“ (Wendell Berry)

Als ich die Einlei­tung von „Ökono­mie der Verbun­den­heit“ »der schö­ne­ren Welt, von deren Möglich­keit
uns unsere Herzen erzäh­len« widme­te, schrieb ich von einem Wider­stand im Denken dage­gen, dass die
Welt ganz anders sein könnte, als wir sie immer kann­ten. Tatsäch­lich haben wir uns viele Jahr­hun­der­te und sogar Jahr­tau­sen­de an eine Welt von großer und immer weiter stei­gen­der Ungleich­heit, von Gewalt, Häss­lich­keit und Kampf gewöhnt.

Manch­mal erin­nert uns ein Ausflug in die unbe­rühr­te Natur, zu einer tradi­tio­nel­len Kultur oder in die von der verarm­ten moder­nen Welt verschlei­er­te reich­hal­ti­ge Sinnen­welt an das, was verlo­ren gegan­gen ist. Und diese Erin­ne­rung schmerzt, streut Salz in die Wunde der Getrennt­heit. Solche Erfah­run­gen zeigen uns zumin­dest, was möglich ist, was gewe­sen ist und was sein kann, aber sie zeigen uns nicht, wie wir eine solche Welt erschaf­fen können. Ange­sichts der enor­men Kräfte, die in Stel­lung gebracht wurden, um den Status quo beizu­be­hal­ten, lassen wir verzagt den Mut sinken. Die flüch­ti­gen Blicke auf eine schö­ne­re Welt, die wir in der Natur erha­schen, oder bei spezi­el­len Begeg­nun­gen, auf Musik­fes­ti­vals, bei Zere­mo­ni­en, in der Liebe und im Spiel, sind umso entmu­ti­gen­der, wenn wir glau­ben, dass sie niemals mehr sein können als kurz­zei­ti­ge Verschnauf­pau­sen von der seelen­ver­nich­ten­den, geld­ge­trie­be­nen Welt, an die wir gewöhnt sind.

Ein Haupt­ziel war, die Logik der Vernunft mit dem Wissen des Herzens in Einklang zu brin­gen: nicht nur deut­lich zu machen, was möglich ist, sondern auch, wie wir dort­hin gelan­gen können. Wenn ich das Wort „möglich“ verwen­de, meine ich es nicht im Sinn von „viel­leicht“, wie: „Es könnte viel­leicht passie­ren, wenn wir nur Glück haben.“ Ich meine möglich im Sinn von Selbst­be­stim­mung: eine schö­ne­re Welt als etwas, das wir schaf­fen können. Ich habe viele Bewei­se für diese Möglich­keit gelie­fert: den unaus­weich­li­chen Nieder­gang eines Geld­sys­tems, das von expo­nen­ti­el­lem Wachs­tum abhän­gig ist, einen Bewusst­seins­wan­del hin
zu einem Selbst in Verbun­den­heit in einer kokrea­ti­ven Part­ner­schaft mit der Erde, und ich habe viele Beispie­le ange­führt, dass die nöti­gen Einzel­tei­le einer heili­gen Ökono­mie schon im Entste­hen begrif­fen sind. Das ist etwas, das wir schaf­fen. Wir können es, und wir tun es. Und können Sie sich ange­sichts dessen, dass so viel Schlech­tes und Häss­li­ches in der gegen­wär­ti­gen Welt auf das Geld zurück­ge­führt werden
kann, vorstel­len, wie die Welt sein wird, wenn einmal das Geld umge­stal­tet worden ist? Ich kann sie mir nicht vorstel­len, nicht alles davon, obwohl ich manch­mal Visio­nen von ihr habe, die mir den Atem stocken lassen. Viel­leicht stimmt es gar nicht, dass ich sie mir nicht vorstel­len kann – viel­leicht wage ich es nicht. Eine Vision von einer wahr­haft heili­gen Welt, einer heili­gen Ökono­mie, macht das Ausmaß unse­res heuti­gen Leidens umso deut­li­cher. Aber ich will mit Ihnen teilen, was ich in meinen Visio­nen gese­hen habe, selbst die speku­la­tivs­ten, die naivs­ten, unprak­tischs­ten und verträum­tes­ten Aspek­te. Ich hoffe, dass
meine Offen­heit nicht die Glaub­wür­dig­keit (sofern vorhan­den) dessen infra­ge stellt, was ich hier aufge­baut
habe, indem ich die Konzep­te einer heili­gen Ökono­mie in einer schlüs­si­gen und logi­schen Weise darleg­te.

Problemfeld Geld – Fakten und Fehlvorstellungen – Helmut Creutz 0

Problemfeld Geld – Fakten und Fehlvorstellungen – Helmut Creutz

Vorbe­mer­kun­gen

Das Thema Geld und allem was damit zusam­men­hängt, findet in unse­ren Tagen zuneh­men­de Beach­tung. Bedingt
nicht nur durch das stän­dig disku­tier­te und publi­zier­te Krisen­ge­sche­hen im Umfeld der Börsen und Banken,
sondern vor allem auch vor dem Hinter­grund der Staats-Über­schul­dun­gen und der diver­sen „Rettungs­schir­me“
durch Regie­run­gen und Noten­ban­ken.

Inzwi­schen wird sogar, zur Lösung der Proble­me, selbst die Abschaf­fung des Bargelds disku­tiert, weil dann die Zentral­ban­ken die Möglich­keit haben würden, die Leit­zin­sen auch auf null zu senken! Andere schla­gen sogar vor, die Sicht­gut­ha­ben der Bürger mit Straf­zin­sen zu bele­gen, obwohl die darauf gepark­te Kauf­kraft zum größ­ten Teil den Banken für zwischen­zeit­li­che Kredit­ver­ga­ben zu Verfü­gung steht. Doch unge­klärt bleibt bei allen Diskus­sio­nen zumeist, wen man mit diesen Straf­an­dro­hun­gen eigent­lich tref­fen will, die Bürger oder die Banken?

Wie wir aus den Medien wissen, ist inzwi­schen sogar das Thema „Minus­zin­sen“ kein Tabu mehr, jedoch nicht –
wie in dieser Zeit­schrift immer wieder gefor­dert – bezo­gen als Kosten auf das umlau­fen­de Bargeld in den Händen der Bürger, sondern statt dessen bezo­gen auf die Zurver­fü­gung­stel­lung des Zentral­bank­gel­des an die Banken. Also auf jene Bestän­de, die den Banken nicht nur als Bargeld­re­ser­ven dienen, sondern auch als Basis für die Verrech­nun­gen und damit Absi­che­run­gen jener unzäh­li­gen Geld-Gutha­ben-Über­tra­gun­gen, die wir als Bank­kun­den über unsere Sicht­gut­ha­ben täglich abwi­ckeln. Manche Kriti­ker und Refor­mer in unse­ren Tagen plädie­ren sogar dafür – wie z. B. die „Voll­geld-Initia­ti­ve“ – die Sicht­gut­ha­ben­be­stän­de dem Bargeld gleich­zu­stel­len und die Ausga­be des auf diese Weise verviel­fach­ten Geldes direkt an den Staat vorzu­neh­men. Wobei sie offen­sicht­lich den Tatbe­stand verdrän­gen, dass diese Bestän­de auf den Sicht­gut­ha­ben von den Bürgern durch Einzah­lun­gen von Bargeld aufge­baut worden sind.

Was ist über­haupt Geld?

Beur­tei­len kann man alle diese Aussa­gen und Ansich­ten zum Geld nur dann, wenn man sich, sowohl bezo­gen auf
die heuti­ge Situa­ti­on als auch fast alle Reform­vor­schlä­ge, über die sach­be­zo­ge­nen Größen, Gege­ben­hei­ten und Entwick­lun­gen in Sachen Geld im Klaren ist. Ausge­hend vor allem von den statis­tisch erfass- und damit nach­weis­ba­ren Größen und Vorgän­gen, die von der Deut­schen Bundes­bank seit Jahr­zehn­ten für unse­ren natio­na­len Wirt­schafts­raum erfasst und ausge­wie­sen worden sind. Doch geht man diesen Spuren noch weiter und ins Allge­mei­ne nach, dann ist Geld zuerst einmal eine ganz tolle Erfin­dung. Eine Erfin­dung, die den Handel und Austausch von Gütern ähnlich erleich­tert hat, wie die Erfin­dung des Rades den Trans­port. Geld
ist weiter­hin – im Normal­fall – der Lohn für eine einge­brach­te Leis­tung und der Anspruch auf eine gleich­wer­ti­ge Gegen­leis­tung. Und schließ­lich ist Geld in einem Wirt­schafts­raum zumeist das gesetz­lich einge­führ­te und allge­mein akzep­tier­te Zahlungs­mit­tel. Also jenes Medium, das man – orts- wie zeit­ver­setzt
– für belie­bi­ge Zahlungs­zwe­cke verwen­den und damit als ein Binde­glied zwischen auszu­tau­schen­den
Leis­tun­gen sehen kann.

Ähnlich wie die Maßstä­be für Längen und Gewich­te, ist Geld also ein univer­sa­ler Maßstab aller Werte und damit auch aller Preis­ge­stal­tun­gen. Ein Maßstab, mit dessen Hilfe man in unse­ren Tagen sämt­li­che Güter- und Leis­tun­gen mitein­an­der verglei­chen und verrech­nen kann und der ähnlich stabil sein sollte, wie die Maßstä­be für Längen oder Gewich­te. Und dieser Wert­maß­stab Geld ist deshalb als umlau­fen­des offi­zi­el­les Zahlungs­mit­tel sogar mit einem Annah­me­zwang für alle Wirt­schafts­teil­neh­mer verbun­den, die in dem jewei­li­gen Wirt­schafts­raum Leis­tun­gen einbrin­gen oder Waren zum Verkauf anbie­ten.

TAFTA Currencies mit Globus © Martin Bangemann 0

TAFTA – die große Unterwerfung – Lori Wallach

Über­tra­gung aus dem Engli­schen von Niels Kadritz­ke

Aufge­reg­te Poli­ti­ker von Berlin bis Brüs­sel sehen durch den NSA-Skan­dal das Trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­ab­kom­men in Gefahr. Über das, was in dem ange­streb­ten Vertrag stehen soll, reden sie nicht so gern. Ein Blick auf die ersten Blau­pau­sen lässt ahnen, was Euro­pas Bürger nicht zu früh erfah­ren sollen.

Bereits vor fünf­zehn Jahren versuch­ten Groß­un­ter­neh­men bei den Verhand­lun­gen über das Multi­la­te­ra­le Abkom­men über Inves­ti­tio­nen (MAI) ihre Macht heim­lich still und leise in unvor­stell­ba­rem Maße auszu­wei­ten. Damals schei­ter­te das Projekt am hart­nä­cki­gen Wider­stand der Öffent­lich­keit und der Parla­men­te. Damit wurde unter ande­rem verhin­dert, dass sich einzel­ne Konzer­ne densel­ben Rechts­sta­tus wie Natio­nal­staa­ten verschaf­fen konn­ten. Das hätte etwa bedeu­tet, dass Unter­neh­men eine Regie­rung verkla­gen können, „entgan­ge­ne Gewin­ne“ aus Steu­er­gel­dern auszu­glei­chen.

Jetzt aber kommen diese Pläne erneut auf den Tisch, und zwar in deut­lich verschärf­ter Fassung. Der offi­zi­el­le Name des neuen Projekts lautet „Trans-Atlan­tic Trade and Invest­ment Part­nership“, abge­kürzt TTIP. Dieses trans­at­lan­ti­sche Handels- und Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men soll, ähnlich wie früher das MAI, die Privi­le­gi­en von Konzer­nen und Inves­to­ren absi­chern und sogar noch auswei­ten. So wollen die EU und die USA ihre jewei­li­gen Stan­dards in „nicht handels­po­li­ti­schen“ Berei­chen verein­heit­li­chen. Diese ange­streb­te „Harmo­ni­sie­rung“ orien­tiert sich erwar­tungs­ge­mäß an den Inter­es­sen der Konzer­ne und Inves­to­ren. Werden deren Stan­dards nicht erfüllt, können zeit­lich unbe­grenz­te Handels­sank­tio­nen verhängt werden. Oder es werden gigan­ti­sche Entschä­di­gun­gen für die Unter­neh­men fällig.

Die Verhand­lun­gen über diese Art Staats­streich in Zeit­lu­pe haben im Juli dieses Jahres in Washing­ton begon­nen – mit der erklär­ten Absicht, in zwei Jahren ein Abkom­men zu unter­zeich­nen, das eine trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­zo­ne „Trans-Atlan­tic Free Trade Area“ (TAFTA) begrün­den wird. Das gesam­te TTIP-TAFTA-Projekt
gleicht dem Mons­ter aus einem Horror­film, das durch nichts totzu­krie­gen ist. Denn die Vortei­le, die eine solche „Wirt­schafts-NATO“ den Unter­neh­men bieten würde, wären bindend, dauer­haft und prak­tisch irrever­si­bel, weil jede einzel­ne Bestim­mung
nur mit Zustim­mung sämt­li­cher Unter­zeich­ner­staa­ten geän­dert werden kann.

Ist die deutsche Energiewende rentabel? – Wolfgang Berger 0

Ist die deutsche Energiewende rentabel? – Wolfgang Berger

Emnid hat ermit­telt, dass 84 Prozent der Deut­schen eine rasche und voll­stän­di­ge Ener­gie­ver­sor­gung mit erneu­er­ba­ren Ener­gi­en wünschen. Jeder Dritte würde sich an Erneu­er­ba­re-Ener­gi­en-Anla­gen in seiner Nähe finan­zi­ell betei­li­gen. Das sind über 20 Millio­nen poten­zi­el­le Inves­to­ren. Ist diese Präfe­renz ratio­nal oder ist es eine emotio­na­le Präfe­renz jenseits unter­neh­me­ri­schen Kalküls?

Die meis­ten Unter­neh­men berech­nen die Renta­bi­li­tät ihrer mögli­chen oder geplan­ten Inves­ti­tio­nen mit einer einfa­chen Rech­nung: Sie ermit­teln die zusätz­li­chen Ausga­ben, die bei einer Inves­ti­ti­on Jahr für Jahr notwen­dig werden und die zusätz­li­chen Einnah­men, die diese Inves­ti­ti­on Jahr für Jahr bringt. Die jähr­li­chen Salden dieser Zahlen­rei­he stehen für die Ertrags­kraft der Inves­ti­ti­on.

Nun können wir diese Salden aber nicht einfach addie­ren – wir müssen sie mit der Zeit gewich­ten. Eine Milli­on in diesem Jahr ist mehr als eine Milli­on im nächs­ten Jahr, denn wenn wir es gut anfan­gen, hat sich die eine Milli­on in diesem Jahr bis zum nächs­ten Jahr vermehrt. Wollen wir die Zahlen addie­ren, müssen sie zuvor vergleich­bar gemacht und auf den heuti­gen Tag abzinst werden. Diese „Kapi­tal­wert­me­tho­de“ ist der umge­kehr­te Rechen­vor­gang wie die Zins­be­rech­nung für die Zukunft, nur dass hier die Zahlen nicht größer, sondern klei­ner werden, je weiter das Jahr in der Zukunft liegt, auf das sie sich bezie­hen.

Wenn wir beim Abzin­sen mit zehn Prozent rech­nen, sind eine Milli­on Euro in einem Jahr heute 910.000 Euro wert, denn wenn ich heute 910.000 Euro mit zehn Prozent anlege, habe ich in einem Jahr eine Milli­on. Nicht weil die Zinsen heute zehn Prozent sind; sie sind nied­ri­ger. Aber Inves­ti­ti­ons­kre­di­te sind trotz­dem teuer und Über­zie­hungs­zin­sen sind auch bei einem Leit­zins­satz der Zentral­bank nahe Null weit über zehn Prozent.

Wenn wir mit zehn Prozent rech­nen, sind eine Milli­on Euro in zwei Jahren dann heute noch einmal zehn Prozent weni­ger wert, also 830.000 Euro. Und so können wir weiter rech­nen: Eine Milli­on Euro in zehn Jahren sind heute 390.000 Euro wert. Eine Milli­on Euro in 100 Jahren sind heute 700 Euro wert. Eine Milli­on Euro in 200 Jahren sind heute drei Euro wert und eine Milli­on Euro in 250 Jahren sind abge­zinst heute nur ganze vier Cent wert.

Weil die lang­fris­ti­gen Auswir­kun­gen so lächer­lich gering sind, brau­chen wir die Rech­nung nur für gut zehn
Jahre durch­zu­füh­ren. Was danach geschieht, wirkt sich auf das Ergeb­nis kaum noch aus. Was danach geschieht, beein­flusst die Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen also nicht mehr. In unse­rem gegen­wär­ti­gen destruk­ti­ven Geld­sys­tem erzwingt der Rendi­te­zwang deshalb die Zerstö­rung der Umwelt. Der Erhalt der Umwelt wirkt sich erst lang­fris­tig aus und ist deshalb nicht renta­bel. Eine Nach-uns-die-Sint­flut-Menta­li­tät erhöht den Börsen­wert des Unter­neh­mens (Share­hol­der Value) und ist deshalb die logi­sche Konse­quenz.
In Zeiten nied­ri­ger Zinsen wach­sen die großen Vermö­gen über Aktien und die Speku­la­ti­on mit Deri­va­ten.
Nied­ri­ge Zinsen verlei­hen Deri­va­ten eine Hebel­wir­kung, mit der sie fast die ganze Welt aufkau­fen können.

Bei flie­ßen­dem Geld pendelt der effek­tiv gezahl­te Markt­zins um Null; zusätz­li­che Einnah­men und Ausga­ben von Inves­ti­tio­nen werden deshalb nicht mehr abge­zinst. Damit wird es renta­bel, die Umwelt zu erhal­ten. In einem solchen Geld­sys­tem werden die Märkte deshalb Nach­hal­tig­keit und dauer­haft halt­ba­re Güter erzwin­gen.

Die Mehrheit in Deutschland profitiert nicht vom Euro – Felix Fuders 0

Die Mehrheit in Deutschland profitiert nicht vom Euro – Felix Fuders

Immer häufi­ger ließt man in Kommen­ta­ren der inter­na­tio­na­len Presse, dass Deutsch­land mit seinen enor­men Handels­bi­lanz­über­schüs­sen, die zuletzt sogar größer waren als dieje­ni­gen Chinas, Schuld sei an der defi­zi­tä­ren Handels­bi­lanz der südli­chen Länder Euro­pas. In einem Arti­kel in der New York Times[1] beschwer­te sich Ökono­mie Nobel­preis­trä­ger Paul Krug­man kürz­lich beispiels­wei­se über die seiner Meinung nach „depres­sing Germans“[2]. Der Tenor des Arti­kels ist, dass Deutsch­land durch eine expan­si­ve Geld- und Fiskal­po­li­tik eigen­nüt­zig hohe Export­über­schüs­se auf Kosten der euro­päi­schen Nach­barn erzie­le und damit sogar auch die Stabi­li­tät der Welt­wirt­schaft gefähr­de. Da Export­über­schüs­se eines Landes immer eine nega­ti­ve Handels­bi­lanz in einem ande­ren Land erzeu­gen müssen[3], sei Deutsch­land mitver­ant­wort­lich für
die hohe Arbeits­lo­sig­keit etwa in Spani­en. Deutsch­land solle Maßnah­men tref­fen, den Export­über­schuss zu verrin­gern. Tatsäch­lich haben die Handels­bi­lanz­un­gleich­ge­wich­te in Europa nur wenig mit der Wirt­schafts- und Außen­han­dels­po­li­tik Deutsch­lands, sondern viel­mehr mit dem Euro zu tun. Das soll im Folgen­den erklärt werden. Anschlie­ßend wir darauf einge­gan­gen werden, dass der Euro im Übri­gen auch nicht gut ist für die Mehr­heit der Deut­schen, da er einen indi­rek­ten Wohl­stands­trans­fer der Haus­hal­te der produk­ti­ve­ren hin zu
den Haus­hal­ten der weni­ger produk­ti­ven Ländern der Euro­zo­ne darstellt.

[1] Paul Krug­man, Those depres­sing Germans, in: Inter­na­tio­nal New York Times, v. 5. 11. 2013
[2[ Es sei ange­merkt, dass Alfred Nobel niemals einen Preis im Fach­ge­biet Ökono­mie vorge­schla­gen hatte, es folg­lich also keinen „Nobel­preis für Ökono­mie“ gibt. Der so genann­te „Nobel­preis für Ökono­mie“ ist ein von der schwe­di­schen Natio­nal­bank heraus­ge­ge­be­ner Preis für heraus­ra­gen­de wissen­schaft­li­che Leis­tun­gen im Fach­ge­biet Ökono­mie, der in Ange­den­ken Alfred Nobels verlie­hen wird
[3[ Vgl. etwa Karl- Heinz Moritz, Georg Stadt­mann, Mone­tä­re Außen­wirt­schaft, 2. Aufl. München 2011, S. 15

Die vierte Ohnmacht- Jens Brehl im Interview mit dem Autor Dirk C. Fleck 0

Die vierte Ohnmacht- Jens Brehl im Interview mit dem Autor Dirk C. Fleck

Jour­na­lis­ten genie­ßen zuneh­mend einen schlech­ten Ruf, gelten gar als korrupt und viele Menschen wenden sich enttäuscht über den ober­fläch­li­chen Einheits­brei von etablier­ten Medien ab. Zu recht findet Dirk C. Fleck. Der heute 70jährige „Vater des Ökothril­lers“ schrieb unter ande­rem für namhaf­te Blät­ter wie die „Hambur­ger Morgen­post“, „Die Welt“, „Stern“, „Spie­gel“ und viele mehr. Schon lange würden Medien nicht mehr als Wäch­ter der Demo­kra­tie fungie­ren; es zähle allein die Höhe der verkauf­ten Aufla­gen und Einschalt­quo­ten. Für sein Buch „Die vierte Macht“ sprach er mit 25 Spit­zen­jour­na­lis­ten über ihre Verant­wor­tung in Krisen­zei­ten. Die Zukunft der Medien sieht Fleck aller­dings schwarz.

Jens Brehl: „Warum haben Sie den Beruf des Jour­na­lis­ten ergrif­fen?“

dirk C. Fleck: „Den Berufs­wunsch hatte ich bereits im Alter von 14 Jahren. Im Grunde war ich kein heraus­ra­gen­der Schü­ler, bis ich mein Talent für das Schrei­ben entdeck­te. Plötz­lich erhielt ich zum ersten Mal gute Noten für meine Schul­ar­bei­ten. Dadurch hatte ich endlich meinen Zugang zu den Lehr­in­hal­ten und meiner Krea­ti­vi­tät gefun­den.

Meine Eltern hatten ‚Die Welt‘ abon­niert. Damals war das noch eine links-libe­ra­le Zeitung, was man sich heute gar nicht mehr vorstel­len kann. Jeden­falls waren für mich die Jour­na­lis­ten, die für ‚Die Welt‘ schrie­ben, Helden, denen ich gerne nach­ei­fern wollte. Als ich dann für meine Schule eine Jahres­ar­beit über die Zeitung schrieb, konnte ich die Redak­ti­on besu­chen. Ich bin fast vor Ehrfurcht gestor­ben, als ich die Namens­schil­der meiner Helden auf den diver­sen Türen gese­hen habe. Mein beruf­li­ches Ziel stand danach
endgül­tig fest. Nach meiner Buch­händ­ler­leh­re und dem Ersatz­dienst studier­te ich an der Deut­schen Jour­na­lis­ten­schu­le in München. Da es damals die einzi­ge Jour­na­lis­ten­schu­le in Deutsch­land war, gab es einen entspre­chend großen Andrang. Im Vorfeld muss­ten alle 2.000 Bewer­ber eine Repor­ta­ge einrei­chen. Ledig­lich 40 Anwär­ter wurden zur münd­li­chen Prüfung einge­la­den, doch nur für 20 gab es einen Studi­en­platz. Einer davon war dann ich. “

Entlarvte Pseudo-Demokratie – Wilhelm Schmülling 0

Entlarvte Pseudo-Demokratie – Wilhelm Schmülling

Da sage noch einer, mehr Demo­kra­tie sei nicht möglich. Jetzt wurde sogar das Ergeb­nis des mühsam ausge­han­del­ten Koali­ti­ons­ver­trags den SPD-Mitglie­dern zur Abstim­mung vorge­legt. Welch ein Fort­schritt, so scheint es auf den ersten Blick. In Wirk­lich­keit war es der Versuch, eine im Wahl­kampf fest­ge­leg­te Aussa­ge zu umge­hen und den Mitglie­dern die davon abwei­chen­den Ergeb­nis­se der Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen schmack­haft zu machen. Schließ­lich wurden einige sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Forde­run­gen von der CDU über­nom­men, die Balsam für die sozia­le Seele beider Partei­en sind. Reichen die Beschlüs­se für eine ange­streb­te umfas­sen­de sozia­le Gerech­tig­keit? Wohl kaum.

Warum dieser nichts­nut­zi­ge Streit, ob die SPD mit der Mitglie­der­be­fra­gung zur großen Koali­ti­on die Verfas­sung bricht oder nicht. Auf jeden Fall war es eine Gele­gen­heit mehr Basis­de­mo­kra­tie zu wagen. Wenn man die gerin­ge Anzahl an Versamm­lungs­be­su­chern auf Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen der CDU zum Koali­ti­ons­ver­trag sieht, hat die CDU keinen Anlass zu über­heb­li­cher Kritik.

Das ist eben das Dilem­ma, in einer auf Kapi­tal­ertrag ausge­rich­te­ten Wirt­schafts­ord­nung die system­be­ding­te
Unge­rech­tig­keit produ­ziert sozia­le Gerech­tig­keit zu errei­chen. Das bleibt ein nicht zu lösen­des Problem. Denn Kapi­ta­lis­mus und Markt­wirt­schaft vertra­gen sich nicht, sind sogar krasse Gegen­sät­ze. Die stän­di­ge Gleich­set­zung beider in den Medien ist gewollt. Wer kann schon etwas gegen Markt­wirt­schaft einwen­den? Wer es doch tut, will die Plan­wirt­schaft, unter­stellt man. Und so werden von den Meinungs­bild­nern flugs die „Märkte“, die Kapi­tal­märk­te genann­te werden müss­ten, als Markt­wirt­schaft ausge­ge­ben. Und die Bezeich­nung „Finanz­in­dus­trie“ ist eben­falls ein Mogel­wort. Dort wird nichts produ­ziert, nur speku­liert.

Auf den Märk­ten der Real­wirt­schaft werden Waren und Dienst­leis­tun­gen der arbei­ten­den Menschen getauscht.
Würde auf den Märk­ten dieser Leis­tungs­trä­ger das Geld ausschließ­lich als Tausch­mit­tel einge­setzt und nicht
ein Teil an das Kapi­tal abge­zweigt werden, gäbe es kein Eigen­tum ohne Arbeit. Denn Eigen­tum kommt von eige­nem Tun. Die deut­sche Spra­che hat viele zutref­fen­de Ausdrü­cke, auch für Ökono­men. Auf den angeb­li­chen
Finanz­märk­ten werden ange­eig­ne­te Leis­tun­gen ande­rer Menschen für möglichst hohe Profi­te einge­setzt. Die
heute unter­schied­li­chen Ziel­rich­tun­gen der Märkte, die einen produ­zie­ren Waren, die ande­ren Profi­te, sind
das Grund­übel unse­rer Zeit.

Wisst Ihr denn, wohin Ihr wollt? – Siegfried Wendt 0

Wisst Ihr denn, wohin Ihr wollt? – Siegfried Wendt

1. Der Wunsch der Eltern

Meine Erin­ne­rung reicht zurück bis in die letz­ten Jahre des Zwei­ten Welt­kriegs. Da kannte ich viele Leute, die sagten: „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir.“ Sie hatten tatsäch­lich allen
Grund, dies zu wünschen in Anbe­tracht ihrer gefal­le­nen Verwand­ten und Freun­de, der zerbomb­ten Städte und der Versor­gungs­pro­ble­me hinsicht­lich der elemen­ta­ren Bedürf­nis­se – Nahrung, Klei­dung, Wohnung. Sie wünsch­ten sich eine radi­ka­le Ände­rung der Lebens­ver­hält­nis­se in Deutsch­land. Die anzu­stre­ben­de
Ziel­si­tua­ti­on sollte derart sein, dass möglichst niemand mehr Anlass haben sollte zu dem Wunsch: „Unsere
Kinder sollen es einmal besser haben als wir.“ Wenn man die Leute damals gebe­ten hätte, die gewünsch­te Ziel­si­tua­ti­on ein wenig zu konkre­ti­sie­ren, wäre sehr schnell deut­lich gewor­den, dass der Wunsch zwei klar unter­scheid­ba­re Ziele umfass­te. Das eine Ziel fand von Anfang an seinen Ausdruck in der bekann­ten
Forde­rung „Nie wieder Krieg!“, woge­gen das andere Ziel erst etwas später von Ludwig Ehrhard in die grif­fi­ge Formel „Wohl­stand für alle!“ gepackt wurde. Ich gehöre zu den glück­li­chen Kindern, für
die beide Teile des dama­li­gen Wunsches ihrer Eltern tatsäch­lich in Erfül­lung gegan­gen sind. Seit dem Zwei­ten Welt­krieg hat es in Deutsch­land keinen Krieg mehr gege­ben, und es sieht auch nicht so aus,
als ob ich in der mir verblei­ben­den Lebens­zeit noch mit einem solchen Krieg rech­nen müsste. Auch was den Wohl­stand angeht, ist der Wunsch für mich selbst und viele meiner Verwand­ten und Freun­de in Erfül­lung gegan­gen. Ich meine aber, dass wir das Ziel „Wohl­stand für alle“ nicht nur nicht erreicht haben, sondern
aktu­ell dabei sind, uns wieder weiter von diesem Ziel zu entfer­nen.

2. Die Frage nach dem Ziel­zu­stand

Zustän­de, in denen ein System ewig verblei­ben könnte, obwohl noch dyna­mi­sche Vorgän­ge statt­fin­den, werden
statio­nä­re Zustän­de genannt. Schon in der Bibel (1. Mose 8, Vers 22) wird – obwohl dort natür­lich die Bezeich­nung „statio­nä­rer Zustand“ nicht vorkommt – ein solcher Zustand beschrie­ben: „Solan­ge die Erde steht, soll nicht aufhö­ren Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Ohne Zwei­fel befin­det sich unser Wirt­schafts­sys­tem zur Zeit nicht in einem statio­nä­ren Zustand. Vermut­lich war
die Geschwin­dig­keit der Ände­run­gen im Wirt­schafts­sys­tem noch nie so hoch wie jetzt. Es wird auch von Poli­ti­kern und Wirt­schafts­fach­leu­ten immer wieder betont, dass das beson­ders Posi­ti­ve am aktu­el­len Zustand darin bestehe, dass er in hohem Maße dyna­misch sei. Zur Bestä­ti­gung ihres Urteils verwei­sen sie manch­mal auf das Sprich­wort „Wer rastet, der rostet.“ Und sie meinen, um dem Rosten zu entge­hen, müsse man immer schnel­ler rennen. Ich bin dage­gen über­zeugt, dass wir uns fragen soll­ten, wohin die Reise gehen soll, d. h. ob wir nicht doch einen statio­nä­ren Ziel­zu­stand charak­te­ri­sie­ren können, den fast alle Mitbür­ger posi­tiv beur­tei­len würden. Selbst­ver­ständ­lich kann dieser Ziel­zu­stand kein endgül­ti­ger sein, denn jede „revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­idee“ würde zwangs­läu­fig zum Verlas­sen dieses Zustands führen. Beispie­le für revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­ide­en sind die Erfin­dung des Buch­drucks oder der Dampf­ma­schi­ne, und in neue­rer Zeit die viel­fäl­ti­gen Ideen zur Nutzung der natur­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se in der Physik und der Chemie. Ohne diese Erkennt­nis­se gäbe es keine Autos, kein elek­tri­sches Licht, keine Roll­trep­pen, keine Compu­ter, kein Inter­net und keine draht­lo­se Kommu­ni­ka­ti­on. Aus der Tatsa­che, dass in den letz­ten zwei­hun­dert Jahren in immer kürze­ren Abstän­den revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­ide­en gebo­ren wurden, glau­ben manche Wirt­schafts­pro­phe­ten schlie­ßen zu dürfen, dass sich die zeit­li­chen Abstän­de zwischen solchen Ereig­nis­sen auch weiter­hin verkür­zen werden. Da revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­ide­en aber häufig ihren Ursprung
in über­ra­schen­den natur­wis­sen­schaft­li­chen Entde­ckun­gen haben, sehe ich eine Analo­gie zwischen dem Feld dieser Ideen und einem Erdöl­feld: Lange bleibt es unent­deckt, dann wird es immer schnel­ler ausge­beu­tet und
schließ­lich ist es leer gepumpt. Deshalb halte ich es durch­aus für sinn­voll, darüber nach­zu­den­ken, welchen Zustand unse­res Wirt­schafts­sys­tems wir uns denn wünschen soll­ten unter der Annah­me, dass in den kommen­den
Jahr­zehn­ten keine revo­lu­tio­nä­ren Inno­va­ti­ons­ide­en mehr vom Himmel fallen.

Hamburger Gedanken – Stefan Pinkert 0

Hamburger Gedanken – Stefan Pinkert

Eine ganz persön­li­che Buch­be­spre­chung.

Der ICE ist fast pünkt­lich, dies­mal, auf meiner Reise von Frank­furt nach Hamburg. Im Abteil neben mir ein junger Mann, Student offen­sicht­lich, nicht unfreund­lich. Hat die ganze Fahrt über seinen Laptop in Betrieb, stun­den­lang mit Compu­ter­spie­len. Scheint sich ablen­ken zu müssen; von was eigent­lich, würde ich ihn am liebs­ten fragen.

Gedan­ken kommen und gehen: wach sein, hier sein, unsere Reali­tät sehen, sehen was wirk­lich um uns herum ist… scheint nicht mehr in Mode zu sein bei vielen jungen Leuten. Wie anders war es doch noch in meiner Genera­ti­on, der 68er.

Ich begin­ne mit meiner Reis­e­lek­tü­re: „Profit­wahn“ – Warum sich eine menschen­ge­rech­te Wirt­schaft lohnt-, von Chris­ti­an Kreiß, einem Wirt­schafts­pro­fes­sor mitt­le­ren Alters. Im Bild auf dem Klap­pen­text mit wachen Augen, die etwas verwun­dert drein schau­en. Hätten wir doch alle tatsäch­lich Grund uns sehr zu wundern, denke ich.

Wie ist es möglich, fragt der Autor, dass wir offen­sicht­lich in einer Art kollek­ti­ver Trance die falschen Grund­an­nah­men unse­rer gängi­gen Wirt­schafts­theo­ri­en nicht wahr­neh­men? Wie war es möglich, denke ich, schon beim Lesen der ersten Seiten, dass damals im drit­ten Reich ein ganzes Volk dem Rassen­wahn verfiel mit den dann schier unglaub­li­chen Folgen? Kreiß versucht immer wieder im Zusam­men­hang mit der neoli­be­ra­len Wirt­schafts­dok­trin eine Antwort auf diese Kern­fra­ge zu geben. Er ist Fach­mann, Insi­der, hoch­kom­pe­tent, scheint mir, und er hat Mut. Braucht es Mut aus kollek­ti­ven Tran­cen aufzu­wa­chen? Ja, und – man muss es wollen.

Der Autor hat profun­de Geschichts­kennt­nis­se, verknüpft aktu­el­le Zusam­men­hän­ge damit, er versucht ein
ganz­heit­li­ches Bild unse­rer derzei­ti­gen Wirt­schafts­kri­se zu vermit­teln. Plötz­lich erge­ben die Zusam­men­hän­ge ein verblüf­fend einleuch­ten­des und logisch stim­mi­ges Bild: nur eine gerech­te Wirt­schaft, so Kreiß, kann auf Dauer bestehen. Das lehrt eindrück­lich die jünge­re Geschich­te!

Mir gegen­über im Zug sitzt eine junge Dame mit einem frischen, offe­nen Gesicht, auch sie stun­den­lang am Laptop. Ich erfah­re später, sie schrei­be ihre Master­ar­beit nach elf Semes­tern Psycho­lo­gie­stu­di­um. Man merkt, sie ist ganz absor­biert davon, wohl auch genervt vom vielen kompli­zier­ten Denken. Ihr Enga­ge­ment, ande­ren Menschen zu helfen, nehme ich ihr sofort ab, sie wirkt sehr sympa­thisch.

Ein Satz fällt mir ein, von einem indi­schen
Weisen: Es sei kein Zeichen
geis­ti­ger Gesund­heit sich (und andere)
an eine kranke Gesell­schaft anzu­pas­sen.
Kann ich der jungen Psycho­lo­gie­stu­den­tin
so etwas sagen?

Aus der Logik des Verdrängungswettbewerbs heraushalten – Michael Beleites 0

Aus der Logik des Verdrängungswettbewerbs heraushalten – Michael Beleites

Die bäuer­li­che Lebens­form besteht aus einem Zusam­men­hang von Erwerbs­ar­beit, Eigen­ar­beit, gemein­nüt­zi­ger Arbeit und Erho­lung in einem selbst gestalt­ba­ren Lebens­um­feld. Mit diesem bäuer­li­chen Prin­zip wird der Zusam­men­hang von Wohn- und Arbeits­ort, die Verein­bar­keit von Fami­lie und Beruf, der Zusam­men­halt der Genera­tio­nen, ein hohes Selbst­ver­sor­gungs-Poten­zi­al sowie eine zeit­lich und räum­lich über den Hofall­tag hinaus­rei­chen­de Verant­wor­tung gewähr­leis­tet. Es ist ein Lebens- und Arbeits­mo­dell, das indi­vi­du­el­le
Frei­heit mit einer Begren­zung und Einord­nung in die Natur­zu­sam­men­hän­ge einer endli­chen Welt orga­nisch
verbin­det.

Diese für die Bauern­fa­mi­li­en wie für die Gesell­schaft glei­cher­ma­ßen nütz­li­che und förder­li­che Lebens- und Arbeits­form wird heute erstickt: Wo außer Geld keine ande­ren Werte zählen, wird allein der Sektor der Erwerbs­ar­beit hono­riert – und in den Wett­be­werb gestellt. Das Wett­be­werbs- System führt zwangs­läu­fig dazu, dass dieje­ni­gen gewin­nen, bei denen der Bereich der Erwerbs­ar­beit nahezu 100 % ausmacht, also die ande­ren
Arbeits- und Lebens­be­rei­che weit­ge­hend erdrückt. Je mehr ein Betrieb den Aspekt der Erwerbs­ar­beit zurück­fährt, um den ande­ren Berei­chen Raum zu geben, desto eher wird er zum Verlie­rer in diesem System. Wer mit viel Fläche und weni­gen Arbeits­kräf­ten wirt­schaf­tet, wer viele Tiere auf engem Raum hält, wer auf Kosten der Natur, des Grund­was­sers und der Quali­tät seiner Produk­te die Erträ­ge stei­gert, wer wegen der Flächen­sub­ven­tio­nen die Neuein­rich­tung klei­ner Betrie­be blockiert – verhält sich system­kon­form, ist
aber nicht Urhe­ber dieser Verhält­nis­se.

In den oppo­si­tio­nel­len Grup­pen in der DDR der 80er Jahre habe ich gelernt, dass es nichts bringt, dieje­ni­gen zu kriti­sie­ren, die sich system­kon­form verhal­ten – wenn man nicht das System selber zur Debat­te stellt. Nun ist die heuti­ge Situa­ti­on eine andere als damals. Aber auch heute müssen wir damit rech­nen, dass sich viele Menschen so oder so verhal­ten, weil sie Teil eines gesell­schaft­li­chen Systems sind – und nicht, weil sie sich das in völli­ger Entschei­dungs­frei­heit selbst ausge­dacht haben. Mit dem heuti­gen System meine ich nicht allein die derzei­ti­ge Agrar­po­li­tik, die nur ein Teil davon ist. Ich meine insbe­son­de­re die aus einer falsch verstan­de­nen Biolo­gie (Selek­ti­ons­leh­re) in die Ökono­mie über­tra­ge­ne
und von dort aus in alle Gesell­schafts­be­rei­che einge­drun­ge­ne Wett­be­werbs- Logik. Im Ideal­fall ist eine Gesell­schaft nämlich wie ein Orga­nis­mus verfasst, dessen „Organe“ zum gegen­sei­ti­gen Vorteil und zum Wohle des Ganzen zusam­men­ar­bei­ten – und nicht danach trach­ten, sich gegen­sei­tig zu verdrän­gen.

Wohlstand ohne Zinsen – Bernhard von Sydow 1

Wohlstand ohne Zinsen – Bernhard von Sydow

Auf der Univer­si­tät wird gelehrt, dass die Zinsen eine Beloh­nung für den Konsum­ver­zicht eines Menschen sind. Diese Begrün­dung ist auf den ersten Blick abso­lut verständ­lich und plau­si­bel. Dass dage­gen das Chris­ten­tum in seiner ursprüng­li­chen Lehre – wie andere große Reli­gio­nen auch – es ablehnt, dass die Menschen Zinsen für ihr verlie­he­nes Geld nehmen, wird von den meis­ten verdrängt, sofern dieses Gebot ihnen über­haupt bekannt ist. Zudem leben wir schon seit Jahr­hun­der­ten mit der Vorstel­lung, für unser Geld Zinsen zu bekom­men. Daher können wir uns eine opti­ma­le Volks­wirt­schaft ohne Zinsen über­haupt nicht mehr vorstel­len. Darüber hinaus wird die Metho­de, eine Gebühr für aufbe­wahr­tes Geld (Liege­ge­bühr) zu erhe­ben, ohne­hin für völlig absurd gehal­ten.

Doch die Reali­tät sieht anders aus. Bernard A. Lieta­er beschreibt in seinem Buch „Myste­ri­um Geld“ zwei Epochen, in denen eine Markt­wirt­schaft ohne Zinsen und mit einer Anti-Hortungs­ge­bühr zu einem „außer­ge­wöhn­li­chen Wohl­stand“ der gesam­ten Bevöl­ke­rung geführt hat, nicht nur einer bestimm­ten Schicht: Einmal eine Epoche im alten Ägyp­ten und dann die Zeit des Hoch­mit­tel­al­ters, also etwa vom 10. bis 13. Jahr­hun­dert.

Zwar unter­schie­den sich die Moda­li­tä­ten, unter denen die Gebüh­ren auf das Geld erho­ben wurden, in den beiden Zeit­al­tern. In Ägyp­ten war das System der Liege­ge­büh­ren auf gepark­tes Geld „höher entwi­ckelt als das mittel­al­ter­li­che“. Doch trotz der unter­schied­li­chen Mittel fielen die Resul­ta­te in Ägyp­ten und im Hoch­mit­tel­al­ter „uner­war­tet ähnlich“ aus. Das Geld war zwangs­läu­fig „nur“ Tausch­mit­tel und kein
Wert­ge­gen­stand, der dazu anreizt, es zu horten. Es war wesent­lich sinn­vol­ler, Erspar­nis­se in Form von Produk­ti­ons­gü­tern anzu­le­gen, die lange Bestand hatten, als in Form von Geld. Es gab keine Speku­lan­ten, die auf Kosten einer verarm­ten Bevöl­ke­rung immer reicher wurden. Das Geld blieb dort, wo es gebraucht wurde. Die Umlauf­ge­schwin­dig­keit des Geldes blieb also hoch. Das Geld wurde nicht zuneh­mend knap­per.

Im alten Ägyp­ten dauer­te diese Epoche einer intak­ten Volks­wirt­schaft wesent­lich länger als dieje­ni­ge im Mittel­al­ter. Man schätzt diese Zeit auf immer­hin 1.500 Jahre. Das alte Ägyp­ten mit seinen hohen Getrei­de­er­trä­gen wird ja bekannt­lich als die „Korn­kam­mer der Antike“ bezeich­net. Diese Zeit des Wohl­stan­des und des Reich­tums endete allmäh­lich durch den grie­chi­schen Einfluss, der sich dort ausbrei­te­te. Später ersetz­ten die Römer das dorti­ge Währungs­sys­tem „durch ihr eige­nes mone­tä­res System“, das sich eben­falls nega­tiv auf die Volks­wirt­schaft auswirk­te.

Im Hoch­mit­tel­al­ter war die Phase wirt­schaft­li­cher Expan­si­on von einer star­ken Zunah­me der Bevöl­ke­rung beglei­tet. Zwischen etwa den Jahren 1.000 und 1.300 verdop­pel­te sie sich im euro­päi­schen Raum von ca. fünf auf zehn Millio­nen Menschen. Die Boden­er­trä­ge stie­gen. Im Gewer­be kam es zu einer weite­ren Spezia­li­sie­rung und Arbeits­tei­lung. Es bilde­te sich ein Markt für agra­ri­sche und gewerb­li­che Produk­te.

In dieser Zeit entstan­den auch die meis­ten der berühm­ten und präch­ti­gen Kathe­dra­len. Sie gehör­ten – auch
das ist wenig bekannt – weder der Kirche noch den Fürs­ten, sondern dem einfa­chen Volk, meist den Bürgern der Stadt, in der sie erbaut worden waren. Sie wurden auch von diesen finan­ziert. Die Kirche besaß selbst­ver­ständ­lich ihre „privi­le­gier­ten Zeiten“, in denen die Gottes­diens­te statt­fan­den, sowie ihren „privi­le­gier­ten Raum“ (den Chor um den Altar).

B. A. Lieta­er verdeut­licht in folgen­der Schil­de­rung aus dem norma­len Leben die dama­li­ge Situa­ti­on sehr anschau­lich:

„Natür­lich gibt es für die dama­li­ge Zeit keine ‚Statis­tik‘ in unse­rem heuti­gen Sinne… Dennoch besit­zen wir aussa­ge­kräf­ti­ge Quel­len. So berich­tet beispiels­wei­se Johann Butz­bach in seiner Chro­nik: ‚Die gemei­nen Leute hatten selten weni­ger als vier Gänge bei der Mittags­und Abend­mahl­zeit. Sie aßen Getrei­de und Fleisch, Eier, Käse und Milch zum Früh­stück, und um 10 Uhr morgens und noch einmal um vier Uhr nach­mit­tags
eine leich­te Mahl­zeit.‘ Der Histo­ri­ker Fritz Schwartz brach­te die Verhält­nis­se auf den Punkt: ‚Kein Unter­schied zwischen Bauern­haus und Schloß.‘

Für die Gesel­len war der soge­nann­te blaue Montag frei. Während der Sonn­tag als der ‚Tag des Herrn‘ galt, an dem man sich um öffent­li­che Ange­le­gen­hei­ten kümmer­te, war der Montag der Tag, an dem die Menschen Zeit für ihre Privat­an­ge­le­gen­hei­ten hatten, Zusätz­lich gab es mindes­tens 90 offi­zi­el­le Feier­ta­ge im Jahr! Daher arbei­te­te ein Gesel­le im Durch­schnitt nicht mehr als vier Tage in der Woche. Außer­dem war auch die Zahl der Arbeits­stun­den pro Tag begrenzt. Als die Herzö­ge von Sach­sen die Arbeits­stun­den von sechs auf acht
Stun­den am Tag ausdeh­nen woll­ten, revol­tier­te das Volk. Die Herzö­ge muss­ten ihre Unter­ta­nen zudem ermah­nen, dass ‚Arbei­ter nur vier Gänge bei jeder Mahl­zeit‘ erhal­ten soll­ten.

Die Bauern, die als nied­rigs­ter Stand galten ‚trugen Silber­knöp­fe an Weste und Mantel, meist in Doppel­rei­hen, und verwen­de­ten silber­ne Schnal­len und Verzie­run­gen für ihre Schuhe‘. Sozia­le
Unter­schie­de zwischen hohem und nied­ri­gem Stand, Adel und Bauern, waren deut­lich geschrumpft.“

Die ganze Welt ist ein Theater – Andreas Bangemann 0

Die ganze Welt ist ein Theater – Andreas Bangemann

Gleich­zei­tig Zuschau­er sein und Teil des Gesche­hens. Im Thea­ter ist das seit Jahr­hun­der­ten erleb­bar.
Die ganze Welt ist Bühne
und alle Frauen und Männer bloße Spie­ler.
Sie treten auf und gehen wieder ab,
sein Leben lang spielt einer manche Rollen,
durch sieben Akte hin.
(William Shake­speare, Wie es euch gefällt, II/7, 140–144)

Thea­ter spie­len wurde in London als eine Art „Wunder­waf­fe“ erkannt, weil sich durch diese Kunst­form Poli­tik machen ließ. Köni­gin Elisa­beth I. (sie regier­te von 1558–1603) wusste das für ihre Zwecke zu nutzen und trug mit dazu bei, dass das engli­sche Volk ins Schau­spiel­haus ström­te und in England Thea­ter von Welt­rang gemacht wurde. Einer, der wie kein ande­rer Stücke auf die Bühne zu zaubern verstand, war zwei­fel­los William Shake­speare. Doch ausge­rech­net ihm wird auch nach­ge­sagt, dass er gar nicht der Urhe­ber der ihm zuge­schrie­be­nen Bühnen­wer­ke war. Als wahrer Autor wird am häufigs­ten Sir Fran­cis Bacon, der angeb­li­che, erst­ge­bo­re­ne aber nicht aner­kann­te Sohn Elisa­beths I. genannt. Welche Ironie des Schau­spiels! Von Haus aus Wissen­schaft­ler konnte Bacon die Intel­lek­tu­el­len auf der Verstan­des­ebe­ne über­zeu­gen. Eines seiner weite­ren Talen­te bestand demnach im Verfas­sen von Thea­ter­stü­cken, mit Hilfe derer auch die mensch­li­che Gefühls­ebe­ne ange­spro­chen wurde. Und eine solche Gabe lässt sich bis zum heuti­gen Tage nutzen, um Geschich­ten zu erzäh­len, welche Menschen hören wollen. Geschich­ten, mit denen man die Alltags­sor­gen, die klei­nen wie die großen, hinter sich lassen kann.

Fast kommt es einem vor, als würde die Geschich­te vom „guten Kapi­ta­lis­mus“ bereits Jahr­hun­der­te lang erzählt. Und selbst in seiner milli­ons­ten Varia­ti­on strö­men die Massen noch immer in das Thea­ter der Exper­ten, um bei diesem uralten Stück dabei zu sein.

Das Thea­ter von heute sind die unend­lich vielen Fern­seh­sen­der. Mich macht es zuneh­mend sprach­los, wenn ich erlebe, wie sich in den Talk­show­ses­seln vermeint­li­che Auto­ri­tä­ten mit Worten äußern, deren Sinn eigent­lich dazu geeig­net wäre, die „alte Geschich­te“ in Frage zu stel­len und die Forde­rung nach einer neuen damit zu verbin­den. Jedoch, erkenn­bar gefähr­li­che Entwick­lun­gen werden indi­vi­du­el­len Fehl­leis­tun­gen zuge­schrie­ben, und als eine mensch­li­che Entglei­sung darge­stellt, die nicht den Wahr­heits­ge­halt der alten Geschich­te gefähr­det. Diese wird munter weiter­erzählt. Von allen, gleich welchen poli­ti­schen Lagern sie ange­hö­ren. Niemand stellt grund­sätz­lich in Frage, sondern erzählt nur eine weite­re Varia­ti­on der alten Geschich­te. Mir scheint, als seien wir vermit­tels Spra­che
kaum noch in der Lage, das Gesche­hen­de wieder­zu­ge­ben. Offen­bar müssen wir erle­ben, um wahr­zu­neh­men. Wie kann dieses Erle­ben ausse­hen, damit es uns wach­rüt­telt? Gibt es da etwas ande­res als Bege­ben­hei­ten, die wir uns besser nicht ausma­len wollen? Dinge wie Nahrungs­mit­tel­knapp­heit, Gewalt, Kriege usw.

Zu allen Zeiten spiel­ten ökono­mi­sche Belan­ge und Inter­es­sen die Haupt­rol­le. Selbst die seich­tes­ten Stücke des tägli­chen Thea­ters haben mit Geld zu tun. Wirt­schaf­ten bedeu­tet in Bezie­hung stehen. Weil wir Menschen nur in Gemein­schaft fort­be­stehen können, ist die Art, wie wir mitein­an­der umge­hen eine der wesent­lichs­ten Voraus­set­zun­gen für das Über­le­ben unse­rer Spezi­es. Als solche sind wir Teil allen Lebens auf der Erde und auch Teil des unend­li­chen Univer­sums. Mitt­ler­wei­le spüren die aller­meis­ten, wie stark sich jegli­ches Handeln der „alten Geschich­te“ des kapi­ta­lis­ti­schen Denkens anpasst. Die Beschaf­fen­heit des Geld­we­sens bestimmt unsere Denk­wei­se. Es wird Zeit, das zu erken­nen.

Wir sind Akteu­re und Zuschau­er zugleich. Wir sind Teil eines Ganzen, dessen Schick­sal auch unser Schick­sal ist. Nichts, was wir tun – aber auch nichts, was wir nicht tun – bleibt ohne Folgen für uns selbst.

Als Leser der HUMANEN WIRTSCHAFT sind Sie Teil des Wider­stands. Aber auch die Verkör­pe­rung des Neuen. Im „Thea­ter des Lebens“ sind wir die Stören­frie­de. Im Bemü­hen um eine klare Spra­che hinsicht­lich aller Fragen zum Geld und seinen Wirkun­gen hat sich kaum einer so verdient gemacht, wie unser Autor Helmut Creutz.

Im Bemü­hen um die Einbet­tung des Wirt­schafts­sys­tems in den großen Zusam­men­hang allen Seins schickt sich derzeit Charles Eisen­stein aus den USA an, die Augen zu öffnen. Es macht Freude, ihm zuzu­hö­ren, denn einer, wie er hat uns noch gefehlt. Einer der die Verstan­des­welt ratio­na­ler Fakten in ein Gesamt­bild über­führt, das auch „gefühlt“ werden kann. Vieles von dem, worüber er philo­so­phiert lässt sich mit jener nüch­ter­nen Logik errei­chen, die unsere Reform­vor­schlä­ge zur Geld- und Boden­ord­nung prägen. Logik und Gefühl – wir sind nicht umsonst mit beidem von der Natur ausge­stat­tet worden.

Lassen Sie uns gemein­sam mit allen unse­ren vortreff­li­chen Autoren – in dieser und in allen ande­ren Ausga­ben – versu­chen, den letz­ten Akt dieses Schau­spiels im „Thea­ter des Scheins“ in den ersten Akt einer neuen Geschich­te zu über­füh­ren. Wir haben das Zeug dazu.

Herz­lich grüßt Ihr Andre­as Bange­mann

Termine 01/2014 0

Termine 01/2014

Termin­über­sicht 01/2014 mit vielen hervor­ra­gen­den Veran­stal­tun­gen ab Januar 2014 und Termi­nen bis in den Septem­ber, die Sie sich unbe­dingt vormer­ken soll­ten.

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer 0

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer

Wir verbrin­gen einen großen Teil unse­rer Zeit mit Dingen, die uns nicht wirk­lich glück­lich macht: Arbei­ten, Kaufen, Konsu­mie­ren. Die wahren Quel­len des Glücks liegen aber im „inne­ren Selbst“. Warum wir dennoch das Glück im Außen suchen, hängt mit unse­rem moder­nen Geld zusam­men.

Vermut­lich kennen Sie die Anek­do­te zur Senkung der Arbeits­mo­ral von Hein­rich Böll (1963). Darin beschreibt er einen ärmlich geklei­de­ten Fischer, der in einem Hafen an der West­küs­te Euro­pas schläft. Er
wird durch das Klicken des Foto­ap­pa­ra­tes eines Touris­ten geweckt. Der Tourist fragt den Fischer, warum er denn nicht fische, wo doch so idea­les Wetter dafür sei. Nach eini­gem Zögern antwor­tet der Fischer, dass er heute schon drau­ßen gewe­sen sei und einen so guten Fang gehabt hätte, dass es für die nächs­ten Tage noch reiche. Nach eini­gem Zögern geht mit dem Touris­ten die Phan­ta­sie durch: Wenn der Fischer heute doch noch drei- oder vier­mal hinaus­fah­ren würde, dann würde er viel verdie­nen. Damit könnte er mittel­fris­tig ein klei­nes Unter­neh­men grün­den und immer weiter wach­sen. Das Unter­neh­men könnte so groß werden, dass er sogar ins Ausland Fische liefern könne. Und, dann – der Tourist kommt zum Ende seiner Phan­ta­sier­ei­se – dann hätte der Fischer genug verdient, um einfach am Hafen sitzen und sich ruhig entspan­nen zu können. Darauf entgeg­net der Fischer gelas­sen, am Hafen sitzen und sich entspan­nen könne er doch jetzt schon. Das mache er ja gerade. Darauf­hin verschlägt es dem Touris­ten die Spra­che, nach­denk­lich und ein wenig neidisch geht er fort.

Ich denke, an dieser klei­nen Geschich­te werden zwei konträ­re Welt­an­schau­un­gen deut­lich. Der Fischer lebt im „Hier und Jetzt“. Er hat heute genug für seinen Lebens­un­ter­halt getan, ja er hat sogar so viel gefan­gen, dass er an den nächs­ten Tagen nichts tun muss. Frei­lich: Er ist ärmlich geklei­det, er besitzt vermut­lich selbst keinen Foto­ap­pa­rat und er kann sich vermut­lich auch keine teuren Touris­ten­aus­flü­ge leis­ten. Aber ich stelle mir ihn als einen glück­li­chen und zufrie­de­nen Menschen vor: Er verfügt über wenig mate­ri­el­len Reich­tum, aber er hat einen großen Luxus an frei verfüg­ba­rer
Zeit: Er hat so Zeit für ein Schläf­chen am hell­lich­ten Tag. Er hat vermut­lich auch Zeit für seine Freun­dIn­nen, seine Kinder, seine Leiden­schaf­ten; ja Zeit, um mit sich (seinem „inne­ren Selbst“) in gutem Kontakt zu stehen. Der Fischer steht für die Über­zeu­gung, dass sich das „gute Leben“ einstel­len wird, wenn wir unsere Lebens­zeit für eine gute Bezie­hung zu unse­rem Selbst und zu unse­ren Mitmen­schen aufbau­en; oder in ande­ren Worten.

Die gegen­tei­li­ge Welt­an­schau­ung verkör­pert der Tourist: Das gute Leben ist demnach nicht im Inne­ren, sondern ausschließ­lich im Außen zu finden. In der Phan­ta­sie des Touris­ten wird sich das gute Leben für den Fischer dann einstel­len, wenn er viel arbei­tet, die Gewin­ne gut anlegt und ein immer größe­res Unter­neh­men aufbaut. Anders ausge­drückt: Er würde seine Lebens­zeit für die Produk­ti­on von immer mehr Tausch­wer­ten verwen­den und – weil er das Erar­bei­te­te nicht ausgibt – von der Funk­ti­ons­lo­gik des Kapi­ta­lis­mus profi­tie­ren: Wenn der Fischer Geld sparen kann und dieses im eige­nen Unter­neh­men inves­tiert, so muss das inves­tier­te Kapi­tal jeden­falls eine Rendi­te abwer­fen, die so hoch ist wie eine alter­na­ti­ve Veran­la­gungs­mög­lich­keit. Aus dem Fischer-Unter­neh­mer ist längst da schon ein Kapi­ta­list gewor­den. Mit stei­gen­dem Reich­tum erhält er immer höhere Reich­tums­prä­mi­en. Und dann – irgend­wann einmal – könnte es den Punkt geben, wo der Fischer so reich gewor­den ist, dass sein Geld so sehr für ihn arbei­tet, dass er selbst nicht mehr arbei­ten müsse und zufrie­den in der Sonne liegen könne. Frei­lich hat diese Vorstel­lung einen Pfer­de­fuß: Denn wenn der reiche Fischer – selbst bei großem Reich­tum – auf Müßig­gang verzich­tet und mehr arbei­tet, kann er seinen mate­ri­el­len Luxus weiter stei­gern. Das heißt: Es wird den Punkt, wo er sich wirk­lich ausruht, kaum einmal geben. Denn er steht bestän­dig unter der Anrei­zwir­kung des moder­nen Geldes. Diese besagt: Wer im „Hier und Jetzt“ Tausch­wer­te produ­ziert und spart, wird in der Zukunft eine Prämie erhal­ten. Was wir bei der Betrach­tung dieser Lebens­wei­se meist verges­sen: Trotz Reich­tums verzich­tet unser Unter­neh­mer-Fischer auf sehr viel: auf Zeit für sich, für seine Freun­dIn­nen, für seine Selbst­ent­fal­tung, für seine
Kinder. Er mag mate­ri­ell reich sein, aber arm an Bezie­hun­gen, Leiden­schaf­ten und schö­nen Augen­bli­cken.

Die Logik des moder­nen Geldes schafft einen perma­nen­ten mate­ri­el­len Anreiz das Glück im Außen zu suchen: Reich­tum, Leis­tung und Arbeit wurden im Kapi­ta­lis­mus zur vermeint­li­chen Quelle des Glücks. Oder mit den Worten des engli­schen Philo­so­phen Thomas Hobbes (1588−1679): Das Glück des Erden­le­bens bestehe nun nicht mehr in der „unge­stör­ten Seelen­ru­he“, wie es unser Fischer verkör­pert, sondern „im Fort­gang von einem Wunsch zum ande­ren, wobei die Errei­chung des erste­ren immer dem folgen­den den Weg bahnen muss.“

TAFTA – die große Unterwerfung – Lori Wallach 0

TAFTA – die große Unterwerfung – Lori Wallach

Aufge­reg­te Poli­ti­ker von Berlin bis Brüs­sel sehen durch den NSA-Skan­dal das Trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­ab­kom­men in Gefahr. Über das, was in dem ange­streb­ten Vertrag stehen soll, reden sie nicht so gern. Ein Blick auf die ersten Blau­pau­sen lässt ahnen, was Euro­pas Bürger nicht zu früh erfah­ren sollen.

Bereits vor fünf­zehn Jahren versuch­ten Groß­un­ter­neh­men bei den Verhand­lun­gen über das Multi­la­te­ra­le Abkom­men über Inves­ti­tio­nen (MAI) ihre Macht heim­lich still und leise in unvor­stell­ba­rem Maße auszu­wei­ten. Damals schei­ter­te das Projekt am hart­nä­cki­gen Wider­stand der Öffent­lich­keit und der Parla­men­te. Damit wurde unter ande­rem verhin­dert, dass sich einzel­ne Konzer­ne densel­ben Rechts­sta­tus wie Natio­nal­staa­ten verschaf­fen konn­ten. Das hätte etwa bedeu­tet, dass Unter­neh­men eine Regie­rung verkla­gen können, „entgan­ge­ne Gewin­ne“ aus Steu­er­gel­dern auszu­glei­chen.

Jetzt aber kommen diese Pläne erneut auf den Tisch, und zwar in deut­lich verschärf­ter Fassung. Der offi­zi­el­le Name des neuen Projekts lautet „Trans-Atlan­tic Trade and Invest­ment Part­nership“, abge­kürzt TTIP. Dieses trans­at­lan­ti­sche Handels- und Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men soll, ähnlich wie früher das MAI, die Privi­le­gi­en von Konzer­nen und Inves­to­ren absi­chern und sogar noch auswei­ten. So wollen die EU und die USA ihre jewei­li­gen Stan­dards in „nicht handels­po­li­ti­schen“ Berei­chen verein­heit­li­chen. Diese ange­streb­te „Harmo­ni­sie­rung“ orien­tiert sich erwar­tungs­ge­mäß an den Inter­es­sen der Konzer­ne und Inves­to­ren.
Werden deren Stan­dards nicht erfüllt, können zeit­lich unbe­grenz­te Handels­sank­tio­nen verhängt werden. Oder es werden gigan­ti­sche Entschä­di­gun­gen für die Unter­neh­men fällig.

Die Verhand­lun­gen über diese Art Staats­streich in Zeit­lu­pe haben im Juli dieses Jahres in Washing­ton begon­nen – mit der erklär­ten Absicht, in zwei Jahren ein Abkom­men zu unter­zeich­nen, das eine trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­zo­ne „Trans-Atlan­tic Free Trade Area“ (TAFTA) begrün­den wird. Das gesam­te TTIP-TAFTA-Projekt gleicht dem Mons­ter aus einem Horror­film, das durch nichts totzu­krie­gen ist. Denn die Vortei­le, die eine solche „Wirt­schafts-NATO“ den Unter­neh­men bieten würde, wären bindend, dauer­haft und prak­tisch irrever­si­bel, weil jede einzel­ne Bestim­mung nur mit Zustim­mung sämt­li­cher Unter­zeich­ner­staa­ten geän­dert werden kann.

Wer stirbt? Wer bleibt übrig? – Wolfgang Berger 0

Wer stirbt? Wer bleibt übrig? – Wolfgang Berger

Finan­zi­el­le Massen­ver­nich­tungs­waf­fen fahren die Ernte ein.

Nied­ri­ge Hypo­the­ken­zin­sen und die Erwar­tung stei­gen­der Immo­bi­li­en­prei­se haben auch „Subprime“-Kreditnehmer (mit schlech­ter Boni­tät) zu Haus­ei­gen­tü­mern gemacht. Diese Kredi­te wurden zu „Deri­va­ten“ gebün­delt und mit kurz­fris­ti­gen Rück­kauf­ver­ein­ba­run­gen („Repos“ = Sale and Repurcha­se Agree­ment) weiter­ver­kauft. So kam erst einmal Geld in die Kasse. Bear Sterns und Lehman Brother (USA) brachen 2008 zusam­men, als sie Rück­kauf­ver­pflich­tun­gen nicht erfül­len konn­ten. Das aber waren nur Test­läu­fe.

Früher wurden Kredi­te gegen Sicher­hei­ten verge­ben. Jeder Haus­ei­gen­tü­mer weiß das. Deri­va­te in Verbin­dung mit Repo-Geschäf­ten schöp­fen Geld ohne Sicher­hei­ten. Die eine Bank nimmt, die andere gibt – und das im Kreis­lauf ad infi­ni­tum. Das Geld kommt nicht in die Real­wirt­schaft, die dem Finanz­sek­tor gleich­gül­tig ist. Deshalb löst es keine Infla­ti­on aus. Der Kreis­lauf hat sich zum Killer-Spiel entwi­ckelt: Live and let die (Lebe und lasse ster­ben). Als Bear Sterns zusam­men­brach war JP Morgan Chase der Sieger. Von Lehman Brothers Unter­gang haben die briti­sche Barclays und Gold­man Sachs profi­tiert.

Der Test hat funk­tio­niert. Gold­man Sachs hat mit Hank Paul­son als USFi­nanz­mi­nis­ter mehre­re Geset­ze durch­brin­gen lassen, die Deri­va­te in safe havens (siche­ren Häfen) verwan­delt haben. Das bedeu­tet: Eine Bank, die Wert­pa­pie­re über Deri­va­te besitzt, kann diese beim Konkurs der Schuld­ner­bank behal­ten. Durch zwei EU-Direk­ti­ven haben Deri­va­te-Besit­zer auch in Europa bevor­zug­ten Gläu­bi­ger­sta­tus. Während es im regu­lä­ren Insol­venz­recht eine Bevor­zu­gung von Gläu­bi­gern nicht gibt, ist sie bei Deri­va­ten jetzt die Norm.

Nun konnte der nächs­te Test­bal­lon stei­gen: Mit MF Global war in 2010 eine US-Bank das Opfer, die Einla­gen von 38.000 Kunden verwal­te­te und Farmern mit Waren­ter­min­ge­schäf­ten die Einnah­men nach der Ernte absi­cher­te. Insge­samt 1,2 Milli­ar­den Dollar sind verschwun­den; tausen­de Farmer haben ihr gesam­tes Vermö­gen verlo­ren. Bran­chen­ken­ner vermu­ten, dass die 1,2 Milli­ar­den über Deri­va­te bei JP Morgan gelan­det sind. Niemand ist verhaf­tet worden; es ist alles nach Recht und Gesetz abge­wi­ckelt worden.

Die EU-Banken-Regu­lie­rung soll uns beru­hi­gen. Die belgisch-fran­zö­si­sche Dexia, die Darle­hen an Kommu­nen verge­ben hat, ist im „Stress-Test“ der Euro­päi­schen Banken­auf­sicht mit der Best­no­te bewer­tet worden und kurz darauf in Schwie­rig­kei­ten gera­ten. Belgi­en, Frank­reich und Luxem­burg muss­ten in 2011 Staats­ga­ran­ti­en in Höhe von 90 Milli­ar­den Euro geben. Gewin­ner waren dies­mal Banken in Canada, Hong­kong und das Emirat Katar. Ihnen allen geht es darum, system­re­le­vant zu werden: so groß, dass sie bei einem Schei­tern geret­tet werden müssen („too big to fail“) – Voll­kas­ko für Raub­über­fäl­le auf Kosten der Steu­er­zah­ler.

Hedge-Fonds betrei­ben das Deri­va­te­ge­schäft unter der Tisch­kan­te der regu­lier­ten Banken in einer atem­be­rau­ben­den Größen­ord­nung weiter. Die offi­zi­el­len Bank­bi­lan­zen sehen sauber aus; die Risi­ken werden verschlei­ert. Die mäch­tigs­te Bank der Welt, die Base­ler Bank für Inter­na­tio­na­len Zahlungs­aus­gleich (BIZ) hat dem ihren Segen erteilt. Ist es ein Plan, verwund­ba­re Banken oder schwa­che Natio­nen auszu­rau­ben? Was jetzt noch fehlt ist ein Crash-Ereig­nis, das die großen Spie­ler brau­chen, um Wett­be­wer­ber abzu­schie­ßen. Niemand wird bei der Enteig­nung ein Gesetz verlet­zen oder bestraft werden. Es ist alles gut vorbe­rei­tet. Es wird viele Verlie­rer geben und wenige strah­len­de Sieger. Dann ist „too big to fail“ passé; für Regie­run­gen gilt dann „too week to act“ (zu schwach zum Handeln): sie sind den großen Spie­lern unter­tan.