Wertschöpfung durch Wertschätzung – Volker Viehoff

Diesen Leitspruch habe ich vor etwa zehn Jahren für mein Beratungsunternehmen ausgewählt. Er verkörpert für mich meine Erfahrungen, die ich bis dahin und seither in meinem Berufsleben gemacht hatte. Ob als Mitarbeiter, Führungskraft oder später als Berater – mein Erkennen ist in dieser griffig formulierten Weise gut ausgedrückt.

Welches Erkennen?

Dass die Wertschätzung, mit der Menschen sich in einem Wirtschaftskontext begegnen, eben Quelle der wirtschaftlichen Wertschöpfung ist. Das, was als „messbar“ in zählbaren Ergebnissen abgebildet erscheint, hat seinen Ursprung in Vorgängen, die nun mal mit „Zählen, Messen, Wiegen“ nichts zu tun haben. Dem Vorgang der Messung – letztlich in einem Geldwert – geht der Akt der Bewertung voraus. Ein in Geld ausgedrückter „Wert“ geht aber niemals „aus den Dingen“ selber hervor: aus dem Produkt, der Leistung, des Gegenstandes, um den es bei dem Prozess des Wirtschaftens selber geht. Erst die am Akt des Wirtschaftens beteiligten Menschen geben den Dingen einen Wert. Auch den Wert, der sich letztlich im Geldwert ausdrückt. Das scheint in unseren Tagen eine befremdliche Aussage zu sein.

Die modernen Wirtschaftswissenschaften erzählen uns seit über 200 Jahren etwas ganz anderes. Dabei spielt die ideologische Ausrichtung keine Rolle. Die Zielrichtung der wissenschaftlichen Aussagen weist dem Menschen letztlich nur die Rolle als eines „Faktors“ im Geschehnis des quasi als „Naturprozess“ verstandenen Wirtschaftens zu. Der Mensch selber, sein Wesen – nämlich, unvertretbare Person zu sein – sein Geheimnis, was darin verborgen liegt, taucht in der Berechnungswelt der Moderne nicht mehr auf.
Was für ein Irrtum!

Sowohl als „Produzent“ wie auch als „Konsument“ ist jeder einzelne Mensch selber immer der entscheidende „Faktor“ des Geschehens. Menschliche Wirklichkeit ist kein „Naturereignis“, das nach den Regeln der klassischen Naturwissenschaft untersucht und beschrieben werden kann. Wirtschaften ist ein Bereich der Soziologie und diese findet ihren Ursprung in der Ethik – der „Art, wie Menschen miteinander sind“. Und das wiederum hängt entscheidend davon ab, was Sie von der Wirklichkeit verstanden haben. Und hier wird schnell deutlich, wie sehr dieses Selbstverständnis des „Miteinanderseins“ von dem Boden abhängt, woraus die Wurzeln des ethischen Empfindens und Verstehens ihre Kraft beziehen.

Ein fruchtbarer, lebendiger Boden belebt und macht Menschen der Begeisterung fähig. Ein offenes, lebendiges „Klima“ in einer Unternehmung ermöglicht Beteiligung, weckt Bereitschaft, setzt Kräfte frei, lässt Menschen Zugangsmöglichkeit zu ihren höchstpersönlichen schöpferischen Quellen. Ein entscheidendes Moment dabei ist der Umgang miteinander. Wie begegnen sich die Menschen in konkreter Weise? Wie als KollegInnen oder im hierarchischen Verhältnis Führungskraft – MitarbeiterIn, wie im Gefüge der diversen Stakeholderbeziehungen?

Wertschätzung zu erfahren ist für uns Menschen etwas Wundervolles. Es ist Bestätigung unseres Seins. Und dies umso stärker, je mehr sich die gezeigte Wertschätzung auf uns als Person und weniger auf das von uns Vollbrachte bezieht. Nun ist im Prozess der betrieblichen Wertschöpfung moderner Prägung das „Produkt“, das, was „rauskommen“ soll, immer weiter in den Fokus der Betrachtung gerückt: Fast scheint es, als dass der Weg dorthin nur noch als „notwendiges Übel“ erscheint, das Kosten verursacht, Zeitverzögerungen hervorruft, nach Wettbewerbskriterien beurteilt wird, nach Überschuss und Gewinn ausgerichtet ist. Der Mensch wird mittels Rechnung scheinbar notwendig zum Faktor der Produktion (degradiert) – und gleich nach Feierabend als Objekt der Konsumption (manipuliert): was er als Subjekt willig bedient. Wertschätzung, die diesen Namen verdient, ist unzweckmäßig. Sie geschieht um ihrer selbst willen.

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