Smarte neue Welt – Notizen zu Überwachung und Kunst – Marcus Klug

Der folgende Beitrag ist an einzelne Gedanken von Michel Foucault zur „Ökonomie der Sichtbarkeit“ angelehnt. Im heutigen digitalen Informationszeitalter erlebt diese Art von Ökonomie eine neue Stufe der Perfektion. Man muss nur die Sichtbarkeit durch die Transparenz austauschen und die mechanischen Gesetze der Macht durch die Ordnung der smarten neuen Welt. Ich folge diesen Spuren in meinen Notizen – angelehnt an die Ausstellung „Smart New World”, die noch bis zum 10. August 2014 in Düsseldorf zu sehen ist.

Was heißt es ein Individuum in der heutigen digitalen Informationsgesellschaft zu sein?

Überall hinterlassen wir unsere Spuren, sobald wir den digitalen Raum betreten. Diese Spuren lassen sich nicht mehr einfach so löschen und überschreiben; auch fehlt uns immer mehr die Kontrolle über diese Daten. Spätestens mit dem NSA-Abhörskandal und der Angelegenheit mit Edward Snowden wurde uns wahrscheinlich schlagartig klar, wie eng die heutige Informationsgesellschaft tatsächlich mit der Überwachungsgesellschaft verbunden ist. Und was noch viel unheimlicher an dieser Verbindung ist, ist die Tatsache, dass wir nicht mehr so recht wissen können, wer eigentlich über unsere Daten wacht und welche Dinge mit diesen Daten angestellt werden.

Es kommt so weit, dass man nichts Verbotenes getan haben muss; es reicht, dass man jemandem irgendwann verdächtig vorkommt, selbst wenn es sich dabei um einen Irrtum handelt; Paranoia greift um sich. Das hat beinahe schon eine virtuelle Qualität, die man sich als Künstler zu Eigen machen kann. Es handelt sich also zunächst um eine Bedrohung, die zwar physisch nicht vorhanden ist, aber dennoch eine beträchtliche Wirkung ausübt.

Bei der Ausstellung „Smart New World”, die noch bis zum 10. August 2014 in der Kunsthalle in Düsseldorf zu sehen ist, gibt es einige bemerkenswerte Beispiele für diese Art von Bedrohung, die Künstler in ihren Werken auf ihre je spezifische Weise reflektieren und weiter verarbeiten oder die gar selber plötzlich als verdächtig eingestuft werden. So gibt es beispielsweise von der US-amerikanischen Dokumentarfilmerin Laura Poitras einen Dokumentarfilm mit dem Titel „My Country, My Country“ von 2006, in dem die amerikanische Besetzung Iraks aus der Sicht eines irakischen Arztes geschildert wird. Seit der Veröffentlichung dieses Filmes ist Poitras vom Department of Homeland Security als terrorverdächtig eingestuft worden. Für die Ausstellung „Smart New World“ hat Poitras einen Kurzfilm beigesteuert, der Aufnahmen des amerikanischen NSA Überwachungsgebäudes in Bluffdale, Utah zeigt.

Aber auch andere Künstler in der Ausstellung „Smart New World“ wie u. a. Christoph Faulhaber beschäftigen sich mit der Frage, wie moderne Macht- und Disziplinartechniken über Bildanordnungen in ihren kulturellen und politischen Implikationen sichtbar gemacht werden können. Bei meinen Erkundungen und der vorherigen erneuten Lektüre des Werkes „Überwachen und Strafen“ von Michel Foucault interessierte mich vor allem die Frage, wie die eigentlich verborgenen Mechanismen und Funktionsweisen von Macht, die Arten und Formen, über die sich die Macht jeweils artikuliert, sichtbar gemacht werden können. Ist das überhaupt möglich – die Macht über die Bilder für Momente zu enthüllen? Und wenn ja, wie sehen die Bilder dazu aus bzw. die Techniken und Strategien, die zu diesem Zweck von Künstlern eingesetzt werden?

Entscheidend ist ja gerade bei den Beobachtungen von dem französischen Philosophen Michel Foucault zu der Beziehung von Überwachen und Strafen, dass sich die Kontroll- und Disziplinartechniken im Übergang zum 18. Jahrhundert grundlegend verändert haben. Foucault spricht in diesem Zusammenhang von der „Ökonomie der Sichtbarkeit“. Wie können wir uns eine solche Ökonomie heutzutage vorstellen? Ein Versuch:

„Ökonomie der Sichtbarkeit“ bedeutet heute, dass diejenigen, die bestraft werden, im öffentlichen Raum mit Sanktionen zu rechnen haben, die anderen als Warnung dienen. Aber so wie dieser Raum für alle Menschen offen steht und so wie prinzipiell alle an der Demonstration der Macht über die Sichtbarkeit beteiligt sind, so können prinzipiell auch alle Personen in diesem Raum gleichsam ins Visier dieser Macht fallen.

Das ist die eigentliche moderne Bedrohung dabei.

Der Begriff der Sichtbarkeit, so wie ihn Foucault in „Überwachen und Strafen“ verwendet, muss heute nur durch den der Transparenz ersetzt werden und das Gefängnis oder vielmehr der Ort der Bestrafung hat sich eben auf jene Zonen erweitert, die nicht mehr unbedingt als ein solcher Ort der Bestrafung gekennzeichnet werden müssen. Und wenn wir den realen Raum gar durch den Raum der Daten ersetzen, dann zerfließen die Grenzen noch weiter; die prinzipielle Möglichkeit zur Sanktion im Raum fällt dann nämlich mit jenen Netzen in den Datenräumen zusammen, in denen die Überwachung und mögliche Bestrafung mit anderen Mitteln fortgesetzt werden können.

Für Künstler ist das Prinzip der Umkehrung in der Bloßstellung der Macht von wesentlicher Bedeutung. Für gewöhnlich gilt heutzutage zunächst folgender Satz: Je sichtbarer die Verhältnisse, desto unsichtbarer die Macht. Künstler wie Christoph Faulhaber kehren dieses Prinzip um, in dem Sie die Macht über die Zone des Verbots wieder zurück an die Bildoberfläche befördern (bzw. diesen Versuch unternehmen), wenn man dabei die politische und gesellschaftliche Tragweite von Bildern berücksichtigt. Sein Film „Jedes Bild ist ein leeres Bild“ ist Teil der Ausstellung „Smart New World“.

Es ist eine scharfsinnige, zum Teil auch ironisch zugespitzte Verdichtung von realen und virtuellen Momenten, die in dem Filmbeitrag von Faulhaber zu beobachten ist. Real da, wo einzelne künstlerische Interventionen von Faulhaber im öffentlichen Raum zu sehen sind, virtuell dagegen an jenen Stellen, wo sein Avatar Nico Bellic als sein Alter Ego firmiert, erstellt mit dem Editor des weltweit vertriebenen Videospiels „Grand Theft Auto“. Faulhaber beschäftigt sich in seinem Film u. a. mit der Frage, wie durch Provokation und Intervention im öffentlichen Raum einzelne Praktiken der Macht sichtbar gemacht werden können, die ansonsten verborgen geblieben wären. So hat Faulhaber beispielsweise einen fiktiven Sicherheitsdienst gegründet und sich als solcher vor Gebäuden postiert, die an sich nicht fotografiert werden dürfen – obwohl sich diese Gebäude mitten im öffentlichen Raum befinden. „Ich bin hier um die Sicherheit des öffentlichen Raumes zu überwachen“, sagt Faulhaber etwa in einer bemerkenswerten Szene seines Filmes „Jedes Bild ist ein leeres Bild“, bevor er von der Polizei zurechtgewiesen wird (siehe dazu auch das Bild unten Seite 16).

In den folgenden Passagen geht es zunächst um einzelne Gedanken von Foucault zur Beziehung von Transparenz und Macht, bevor ich auf die Ausstellung „Smart New World“ zurückkomme und u. a. noch weiter auf den Film von Faulhaber eingehen werde.

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