Leser­briefe 06/2014

Zu Hel­mut Creutz’ Bei­trag:
„Das Geld für die Zin­sen fehlt in der Wirt­schaft“
HUMANE WIRTSCHAFT 05/2014

Es ist gut, dass sich Hel­mut Creutz die­ses The­mas ange­nom­men hat, da es doch ein wich­ti­ges Kapi­tel von Wachs­tums­zwang und Zins­wir­kung dar­stellt.

Das Bei­spiel mit den Metall­stü­cken auf einer Insel ist natür­lich sehr platt und betrifft vor­der­grün­dig nur Bar­geld. Die­ses Bar­geld wur­de aber – und das ist der ent­schei­den­de Punkt – gegen eine Schuld­ver­schrei­bung an die Bewoh­ner aus­ge­ge­ben. Der „Frem­de“ wird jedoch kei­nes­falls am Ende des Jah­res alles Geld ein­zie­hen und den­je­ni­gen, der die tat­säch­lich feh­len­den Zin­sen nicht zurück­zah­len kann, in den Schul­den­turm wer­fen las­sen, nein: Er wird selbst­ver­ständ­lich die­sem einen neu­en Kre­dit geben, mit dem er a) sei­ne Schuld (das feh­len­de Zins-Geld) zurück­zah­len kann und b) wei­ter­hin und in noch höhe­rem Mas­se ver­pflich­tet wird, sei­ne Leis­tung zu stei­gern – zuguns­ten des Kapi­tal­ge­bers natür­lich. Außer­dem wer­den auch alle ande­ren wie­der einen Kre­dit erhal­ten, da sie a) den vori­gen zurück­zah­len konn­ten, also gute Schuld­ner sind und b) wei­ter­hin Geld für ihr Wirt­schaf­ten brau­chen. Es geschieht also das glei­che auf der fik­ti­ven Insel, wie in Rea­li­tät: Die Kre­di­te wer­den aus­ge­wei­tet, die Geld­men­ge steigt an! Natür­lich ist auch in die­ser zwei­ten Run­de das Geld für die Zins­kos­ten nicht aus­ge­ge­ben wor­den. Da die Kre­dit­hö­he gestie­gen ist, ist auch der Fehl­be­trag nun höher. Die­ser ist als zusätz­li­cher Kre­dit nun ins Sys­tem geschleust wor­den. Ich will dies ein­mal als Zins-Kre­dit bezeich­nen, ein Phä­no­men, das weit­läu­fig bekannt ist bei Ent­wick­lungs­län­dern, jedoch immer als indi­vi­du­el­les Pro­blem ver­stan­den wird, statt als sys­te­mi­sches Phä­no­men, dass zwangs­läu­fig da sein muss.

Dass dies mit einer Leis­tungs­stei­ge­rung aus­ge­gli­chen wer­den kann ist aber lei­der nicht ganz rich­tig. Die Leis­tungs­stei­ge­rung ist nur dafür maß­ge­bend, wer das knap­pe Geld erhält und wer den schwar­zen Peter. Wenn alle ihre Leis­tung stei­gern, müss­ten die Prei­se fal­len, da alle um das glei­che Geld kon­kur­rie­ren müs­sen. Es gibt nun drei Wege wie die­se Fehl­kon­struk­ti­on kor­ri­giert wer­den kann:

Der von Hel­mut Creutz genann­te: Der Zins zwingt alle Volks­wirt­schaf­ten zum Wachs­tum, wenn sozia­le Span­nun­gen nicht uner­träg­lich wer­den sol­len. Die Kre­dit­aus­wei­tung ermög­licht den alten Schuld­nern das zusätz­li­che Geld für die Zins­zah­lun­gen von den neu­en Schuld­nern zu erhal­ten. Die Höhe der Zins-Kre­di­te wird so aber immer wei­ter anstei­gen, expo­nen­ti­ell gegen die „Real-Kre­di­te“, wenn nicht ande­re Fak­to­ren noch kor­ri­gie­rend ein­grei­fen.
Durch Bank­rott und Schul­den­er­lass wer­den die­se fal­schen Schul­den peri­odisch aus dem Sys­tem ent­fernt. Da die Kre­dit­ge­ber ja durch Zins­zah­lun­gen zumeist schon ein mehr­fa­ches an Kapi­tal aus­ge­zahlt erhal­ten haben, ist der volks­wirt­schaft­li­che Effekt ent­ge­gen der land­läu­fi­gen Mei­nung meist posi­tiv.
Durch die zusätz­li­che Schaf­fung des not­wen­di­gen Zins-Gel­des, das dann durch einen „Schen­kungs­vor­gang“ in die Wirt­schaft ein­ge­schleust wird, z. B. als Grund­ein­kom­mens-Anteil oder als direk­te Staats­aus­ga­ben. Dies setzt die Zins­funk­ti­on nicht außer Kraft, kom­pen­siert aber bei rich­ti­ger „Dosie­rung“ deren Effekt und wei­tet aber die Geld­men­ge genau gleich aus. Die Zins-Schuld­ner sind nun nicht mehr nötig.

Es ist eben doch so, dass wir auf einer Insel leben, ein­fach auf einer rie­si­gen, mit einem Geld­sys­tem, das alle die­se Effek­te ele­gant ver­wischt und ver­schlei­ert.

Jens Mar­ti­gno­ni, Zürich (Schweiz)

Direk­te Ant­wort auf die­sen Leser­brief:

„Da weit­ge­hend glei­cher Auf­fas­sung, hat mich der Leser­brief von Jens Mar­ti­gno­ni gefreut! – Das ‚feh­len­de Insel­geld für die Zin­sen‘ wird heu­te – da Zin­sen in alle Prei­se ein­ge­hen – bei den Ver­brau­chern abkas­siert und schließt über die Kre­dit­ver­ga­ben der Ban­ken wie­der die Lücke im Geld­kreis­lauf. Aller­dings muss man zwi­schen den Kreis­läu­fen Ban­ken-Zen­tral­bank und Ban­ken-Publi­kum strikt unter­schei­den, wie schon in mei­nem Arti­kel dar­ge­legt: Nur bei dem erst­ge­nann­ten Kreis­lauf han­delt es sich um Geld, bei dem zwei­ten nur um Kre­dit­ver­ga­ben aus den Erspar­nis­sen mit Geld, die sich bekannt­lich schon seit Jahr­zehn­ten vor allem durch die Zins­zah­lun­gen ver­meh­ren.
Wenn Jens Mar­ti­gno­ni schreibt, ‚dass wir auf einer Insel leben… mit einem Geld­sys­tem dass alle die­se Effek­te ele­gant ver­wischt und ver­schlei­ert‘, ist er jedoch viel­leicht etwas zu opti­mis­tisch. Denn wohin uns die­se Effek­te füh­ren, zei­gen nicht nur die immer rascher wach­sen­den welt­wei­ten Dis­kre­pan­zen zwi­schen Arm und Reich, son­dern eben­so die zuneh­men­den Kri­sen in Ban­ken und Volks­wirt­schaf­ten… nicht zuletzt bis hin zu jenen sich der­zeit sogar wie­der ein­mal auf schau­keln­den Kriegs­ge­fah­ren.“
Hel­mut Creutz, Aachen

Zum Edi­to­ri­al, HUMANE WIRTSCHAFT 05/2014

Durch Ihr (gutes) Edi­to­ri­al, Zitat: „Das als die­nen­des Tausch­mit­tel gedach­te Geld…“, ist mir die Geld­de­fi­ni­ti­on von Götz Wer­ner in den Sinn gekom­men:
„Für vie­le Zeit­ge­nos­sen ist noch zu wenig deut­lich, wor­um es sich beim Geld eigent­lich han­delt: um eine Welt­buch­hal­tung von Leis­tungs- und wei­te­ren sozia­len Bezie­hun­gen der Men­schen. Sie hilft, Pro­ble­me zu sehen und zu lösen. Die Haupt­auf­ga­be des Gel­des liegt in der Abrech­nung von Güter- und Dienst­leis­tungs­strö­men (kurz: Leis­tungs­strö­men) und macht uns bewusst, wel­che Men­schen in wel­cher Wei­se an dem Für­ein­an­der der Leis­tungs­er­stel­lung betei­ligt sind. Sekun­där­funk­tio­nen wie Wert­auf­be­wah­rung oder Wert­mes­sung kann das Geld nur erfül­len, wenn es zuvor die­se Pri­mär­auf­ga­be erfüllt.“
Aus DIE ZEIT online:
http://www.zeit.de/online/2007/38/besser-wirtschaften
Rob Maris

Wider dem Natur­recht

Auch in Aus­ga­be 5–2014 sind Edi­to­ri­al und Kom­men­tar wie­der hilf­reich, um die Mise­ren die­ser Welt zu ver­ste­hen.
Das Edi­to­ri­al weist, neben dem Sicher­heit geben­den natür­li­chen Über­fluss, auch auf das im Über­fluss vor­han­de­ne Geld hin, das aber im kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem das Gegen­teil der Sicher­heit bewirkt, weil es sich leis­tungs­los aus sich selbst ver­mehrt und so Rei­che rei­cher und Arme zahl­rei­cher macht.
Schon Aris­to­te­les mein­te: „Das Geld ist für den Tausch ent­stan­den, der Zins aber weist ihm die Bestim­mung an, sich durch sich selbst zu ver­meh­ren. Daher wider­strei­tet die­se Erwerbs­wei­se unter allen am wei­tes­ten dem Natur­recht.“
Und weil die Ver­meh­rung des Gel­des nicht vom Him­mel fällt, zah­len es haupt­säch­lich die Net­to­zah­ler des Sys­tems über Prei­se und Steu­ern, wie es schon bei Bert Brecht heißt: „Armer Mann und rei­cher Mann, stan­den da und sah’n sich an. Und der Arme sag­te bleich: wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“
Dazu kommt noch, dass die zu Gesells Zeit prak­ti­zier­te Geld­hor­tung im Tre­sor, (um fal­len­de Zin­sen durch Ver­knap­pung wie­der hoch­zu­trei­ben), der um vie­les lukra­ti­ve­ren Spe­ku­la­ti­on gewi­chen ist. So brach­te die Glo­ba­li­sie­rung Friedman’scher Prä­gung die Dere­gu­lie­rung (Rea­gan und That­cher) samt der Zulas­sung toxi­scher Papie­re, was den Sie­ges­zug der Hab­gier ein­lei­te­te – und so den Nie­der­gang des men­schen­ge­rech­ten Wirt­schaf­tens. Der unauf­halt­sa­me Kol­laps, der die Gesell­sche War­nung jetzt wahr zu machen droht: „Unser Geld bedingt den Kapi­ta­lis­mus, den Zins, die Mas­sen­ar­mut, die Revol­te und schließ­lich den Bür­ger­krieg, der zur Bar­ba­rei zurück­führt.“

Bleibt die Fra­ge: Was kann der „Drit­te Weg“ noch bewir­ken?
Edgar Betz

Sehr geehr­ter Herr Ban­ge­mann,
Sie haben in Ihrem Vor­wort den damals rea­len Sowjet­kom­mu­nis­mus mit dem Mar­xis­mus gleich­ge­setzt, was, soweit ich Marx ver­stan­den habe, in die­ser Form nicht stimmt. Denn Marx ging es in ers­ter Linie um das Gesamt­wohl des Men­schen und nicht um Stra­te­gi­en, wie einen Mas­sen­kon­sum, der rei­ne mate­ri­el­le Bedürf­nis­se der Men­schen erfüllt. Er woll­te in ers­ter Linie die Ver­wirk­li­chung eines huma­nen Mensch­seins, dass nicht von Äußer­lich­kei­ten ent­wer­tet wer­den kann.
Das Buch von Erich Fromm: Das Men­schen­bild bei Marx ist dafür ein guter Beweis.
Karin Koeh­ler

Knapp­heit

Ihre Zeit­schrift begeis­tert mich von Arti­kel zu Arti­kel immer mehr.
Als gelern­te DDR Bür­ge­rin hat­ten wir oft aus der Knapp­heit eine Tugend zu machen. Wir aber auch begrif­fen, dass man sich nicht alle Tage Neu­es anschaf­fen kann und des­halb wur­den hoch­wer­ti­ge Kon­sum­gü­ter so pro­du­ziert, dass sie eine lan­ge Halt­bar­keits­dau­er hat­ten. (Kei­ne wesent­li­chen Schwach­stel­len, um den Absatz zu for­cie­ren). Wir hat­ten kei­ne Fül­le unter­schied­li­cher Schul­sys­te­me, aber alle Kin­der erhiel­ten eine soli­de und ordent­li­che Aus­bil­dung. Und für Krie­ge jed­we­der Art setz­te sich weder die Regie­rung noch das Volk ein. Ich den­ke, wir wuss­ten schon damals, dass es kei­ne Ersatz­er­de gibt, auf die wir flüch­ten kön­nen.
Doch das ist alles schon 25 Jah­re Geschich­te. Man redet von Nach­hal­tig­keit bei den Bäu­men, zum Fäl­len braucht man eine hal­be Stun­de, zum Wach­sen brau­chen sie 100 Jah­re. Wo ist da die Nach­hal­tig­keit?
In die­sen ver­gan­ge­nen 25 Jah­ren wur­de die Erde (die es nur ein ein­zi­ges Mal gibt) pri­va­ti­siert, wur­den auf die grü­ne Wie­se Super­märk­te gebaut und wur­de durch den inten­si­ven Mais­an­bau der Boden für Jah­re unfrucht­bar – nach­hal­tig!
Zum Abschluss noch ein Brecht Zitat aus dem Jah­re 1952 – wie aktu­ell!

„Das Gedächt­nis der Mensch­heit für erdul­de­te Lei­den ist erstaun­lich kurz. Ihre Vor­stel­lungs­kraft für kom­men­de Lei­den ist fast noch gerin­ger. Die welt­wei­ten Schre­cken der Vier­zi­ger­jah­re schei­nen ver­ges­sen. Der Regen von ges­tern macht uns nicht nass, sagen vie­le. Die­se Abge­stumpft­heit ist es, die wir zu bekämp­fen haben, ihr äußers­ter Grad ist der Tod. All­zu vie­le kom­men uns schon heu­te vor wie Tote, wie Leu­te, die schon hin­ter sich haben, was sie vor sich haben, so wenig tun sie dage­gen. Lasst uns die War­nun­gen erneu­ern, und wenn Sie schon wie Asche in unse­rem Mun­de sind! Denn der Mensch­heit dro­hen Krie­ge, gegen wel­che die vor­an­ge­gan­ge­nen wie arm­se­li­ge Ver­su­che sind. Sie wer­den kom­men ohne jeden Zwei­fel, wenn denen, die sie in aller Öffent­lich­keit vor­be­rei­ten, nicht die Hän­de zer­schla­gen wer­den.“

Gise­la Unglau­be, Frank­furt an der Oder

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