Kategorie: Ausgabe 01 – 2014

Roland Geitmann war ein feiner Mensch – Die Redaktion 0

Roland Geitmann war ein feiner Mensch – Die Redaktion

Am 4. 12. 2013 ist Roland Geit­mann gestor­ben.
Er war ein fei­ner Mensch.

Er war ein fei­ner Mensch.

Er ver­kör­per­te den Frie­den, der ihn als
gro­ßes Ziel beweg­te. Sei­ne sym­pa­thi­sche
Art, die sich in respekt­vol­ler
Zuwen­dung zu sei­nen Mit­men­schen
eben­so aus­drück­te, wie in sei­ner Lie­be
zur Natur und den klei­nen Freu­den des
Lebens, war vor­bild­lich. Mit spon­ta­nen
Kla­vier­stü­cken erfreu­te er in den
Pau­sen die Gäs­te unse­rer Ver­an­stal­tun­gen.
2012, anläss­lich des 150-jäh­ri­gen
Geburts­tags­ju­bi­lä­ums von Sil­vio
Gesell sprach er in Wup­per­tal zu einem
ihm am Her­zen lie­gen­den The­ma,
näm­lich der Rol­le direk­ter Demo­kra­tie
für die Idee der sozia­len Plas­tik im Sin­ne
von Joseph Beuys. Mit die­sem Bei­trag
berei­cher­te er die Ver­an­stal­tung
„Gesell­Schafft­Kunst“ im Mai 2012 in
Wup­per­tal.
Sein Wir­ken für die gute Sache wird
nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Wir
emp­fin­den es als ein Geschenk von
uner­mess­li­chem Wert, dass er sich
gemein­sam mit uns ein­ge­setzt hat.
Sei­ne Kom­pe­tenz spen­de­te Kraft und
Selbst­ver­trau­en. Sein Mensch­sein
lebt in vie­len sei­ner geis­ti­gen und
per­sön­li­chen Freun­de wei­ter. Wir zäh­len
uns dazu.
Zitat Roland Geit­mann:
„Im zer­stö­re­ri­schen Umgang mit Geld
und mit der Erde offen­bart sich das Innen­le­ben,
die geis­tig-see­li­sche Ver­fas­sung
einer Gesell­schaft. Eine sol­che
Pro­blem­la­ge lässt sich nicht wie
ein tech­ni­scher Defekt repa­rie­ren.
So drin­gend not­wen­dig unse­re Geld­und
Boden­re­form­maß­nah­men wären,
so unwahr­schein­lich ist es vor­erst,
dass sie ergrif­fen wer­den. Denn
so tief im Den­ken, Füh­len und Wol­len
der Men­schen ver­wur­zel­te Ver­hält­nis­se
ändern sich nur gemein­sam mit
den Men­schen und durch sie. So müh­sam
Demo­kra­tie ist, zeich­net sie doch
aus, dass sich Erneue­rungs­im­pul­se
aus klei­nen Anfän­gen aus­brei­ten kön­nen
und letzt­lich auch durch­drin­gen,
wenn ihre Zeit gekom­men ist.“
Zitiert aus „Lob der Viel­falt“ von Roland
Geit­mann erschie­nen in HUMANE WIRTSCHAFT,
Aus­ga­be 5–2007
Roland Geit­mann
(gebo­ren am 13. April 1941 in Sil­de­mow
bei Ros­tock, gestor­ben am 4. Dezem­ber
2013 in Kehl)
Roland Geit­mann war Ver­wal­tungs­recht­ler.
Er war von 1974 bis 1982 Ober­bür­ger­meis­ter
der Stadt Schram­berg
und von 1983 bis 2006 Pro­fes­sor für
Öffent­li­ches Recht an der Hoch­schu­le
Kehl. 1988 wur­de Roland Geit­mann
Vor­sit­zen­der der Arbeits­ge­mein­schaft
frei­wirt­schaft­li­cher Chris­ten (AfC).
Seit 1989 führt die­ser 1950 gegrün­de­te
Ver­ein den Namen „Chris­ten für gerech­te
Wirt­schafts­ord­nung e. V.“ (CGW). Im
Jah­re 2009 gab Roland Geit­mann das
Amt des Vor­sit­zen­den wei­ter. Als Ehren­vor­sit­zen­der
beglei­te­te er die CGW
bis zu sei­nem Tode.
Auch war er Spre­cher des Kura­to­ri­ums
von Mehr Demo­kra­tie e. V. sowie ver­ant­wort­li­cher
Her­aus­ge­ber der Schrif­ten­rei­he
der Arbeits­grup­pe Gerech­te
Wirt­schafts­ord­nung.

Leserbriefe 01/2014 0

Leserbriefe 01/2014

Ihre Mei­nung ist uns wich­tig! Sen­den Sie uns Ihre Fra­gen, Anre­gun­gen oder per­sön­li­chen Mei­nun­gen. Wir bemü­hen uns, so vie­le Leser­brie­fe unter­zu­brin­gen, wie mög­lich. Wenn wir Leser­brie­fe kür­zen, dann so, dass das Anlie­gen der Schrei­ben­den gewahrt bleibt. Leser­brie­fe geben nicht die Mei­nung der Redak­ti­on wie­der.
In die­ser Aus­ga­be:
Raum für Neu­es – Wirt­schaf­ten und Gesund­heit
„Steu­ern – Dieb­stahl an der All­ge­mein­heit“
Zur Kri­tik am Außen­han­dels­über­schuss Deutsch­lands
Die Poli­tik des Gel­des
Das nicht zu ver­ges­sen­de Ereig­nis

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer 0

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer

Wir ver­brin­gen einen gro­ßen Teil unse­rer Zeit mit Din­gen, die uns nicht wirk­lich glück­lich macht: Arbei­ten, Kau­fen, Kon­su­mie­ren. Die wah­ren Quel­len des Glücks lie­gen aber im „inne­ren Selbst“. War­um wir den­noch das Glück im Außen suchen, hängt mit unse­rem moder­nen Geld zusam­men.

Ver­mut­lich ken­nen Sie die Anek­do­te zur Sen­kung der Arbeits­mo­ral von Hein­rich Böll (1963). Dar­in beschreibt er einen ärm­lich geklei­de­ten Fischer, der in einem Hafen an der West­küs­te Euro­pas schläft. Er wird durch das Kli­cken des Foto­ap­pa­ra­tes eines Tou­ris­ten geweckt. Der Tou­rist fragt den Fischer, war­um er denn nicht fische, wo doch so idea­les Wet­ter dafür sei. Nach eini­gem Zögern ant­wor­tet der Fischer, dass er heu­te schon drau­ßen gewe­sen sei und einen so guten Fang gehabt hät­te, dass es für die nächs­ten Tage noch rei­che. Nach eini­gem Zögern geht mit dem Tou­ris­ten die Phan­ta­sie durch: Wenn der Fischer heu­te doch noch drei- oder vier­mal hin­aus­fah­ren wür­de, dann wür­de er viel ver­die­nen. Damit könn­te er mit­tel­fris­tig ein klei­nes Unter­neh­men grün­den und immer wei­ter wach­sen. Das Unter­neh­men könn­te so groß wer­den, dass er sogar ins Aus­land Fische lie­fern kön­ne. Und, dann – der Tou­rist kommt zum Ende sei­ner Phan­ta­sier­ei­se – dann hät­te der Fischer genug ver­dient, um ein­fach am Hafen sit­zen und sich ruhig ent­span­nen zu kön­nen. Dar­auf ent­geg­net der Fischer gelas­sen, am Hafen sit­zen und sich ent­span­nen kön­ne er doch jetzt schon. Das mache er ja gera­de. Dar­auf­hin
ver­schlägt es dem Tou­ris­ten die Spra­che, nach­denk­lich und ein wenig nei­disch geht er fort.

Ich den­ke, an die­ser klei­nen Geschich­te wer­den zwei kon­trä­re Welt­an­schau­un­gen deut­lich. Der Fischer lebt im „Hier und Jetzt“. Er hat heu­te genug für sei­nen Lebens­un­ter­halt getan, ja er hat sogar so viel gefan­gen, dass er an den nächs­ten Tagen nichts tun muss. Frei­lich: Er ist ärm­lich geklei­det, er besitzt ver­mut­lich selbst kei­nen Foto­ap­pa­rat und er kann sich ver­mut­lich auch kei­ne teu­ren Tou­ris­ten­aus­flü­ge leis­ten. Aber ich stel­le mir ihn als einen glück­li­chen und zufrie­de­nen Men­schen vor: Er ver­fügt über wenig
mate­ri­el­len Reich­tum, aber er hat einen gro­ßen Luxus an frei ver­füg­ba­rer Zeit: Er hat so Zeit für ein Schläf­chen am hell­lich­ten Tag. Er hat ver­mut­lich auch Zeit für sei­ne Freun­dIn­nen, sei­ne Kin­der, sei­ne Lei­den­schaf­ten; ja Zeit, um mit sich (sei­nem „inne­ren Selbst“) in gutem Kon­takt zu ste­hen. Der Fischer
steht für die Über­zeu­gung, dass sich das „gute Leben“ ein­stel­len wird, wenn wir unse­re Lebens­zeit für eine
gute Bezie­hung zu unse­rem Selbst und zu unse­ren Mit­men­schen auf­bau­en; oder in ande­ren Wor­ten.

Entscheidend ist die Tat – Pat Christ 0

Entscheidend ist die Tat – Pat Christ

Zahl­rei­che Freun­de, Weg­ge­fähr­ten, Neu­gie­ri­ge und Inter­es­sier­te kamen vom 31. Okto­ber bis 3. Novem­ber
zur „Jah­res­fei­er Huma­ne Wirt­schaft 2013“ des För­der­ver­eins Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung e. V. in die Wup­per­ta­ler Sil­vio-Gesell-Tagungs­stät­te. „Ent­schei­dend ist die Tat“ lau­te­te das dies­jäh­ri­ge Mot­to.

„Theo­ri­en und Phi­lo­so­phi­en sind sicher wich­tig,“ so Chef­re­dak­teur Andre­as Ban­ge­mann zum Auf­takt. „Doch von eben­so gro­ßer Bedeu­tung ist es, etwas real umzu­set­zen und etwas zu bewe­gen.“ Ein gro­ßes Ziel ist allen Human­wirt­schaft­le­rin­nen und Human­wirt­schaft­lern klar. Es heißt: Eine Geld­ord­nung schaf­fen, in der sich das
Geld nicht mehr, wie den der­zeit herr­schen­den Spiel­re­geln zufol­ge, selbst ver­meh­ren und dadurch die Gesell­schaft immer wei­ter auf­spal­ten kann. Doch der Weg dahin ist noch ziem­lich weit.

Sehr fer­ne Zie­le kön­nen demo­ti­vie­ren. Vor allem, wenn es nicht gewiss erscheint, dass sie auch erreicht wer­den kön­nen. Damit die Ein­satz­freu­de nicht nach­lässt, sind sinn­vol­le Zwi­schen­etap­pen und eine Men­ge
klei­ner, krea­ti­ver Ide­en nötig. „Was wir anstre­ben, kann nur dann rich­tig Wir­kung ent­fal­ten, wenn es in sehr vie­len Köp­fen ist und wenn sich sehr vie­le Men­schen dar­an betei­li­gen“, beton­te Ban­ge­mann.

Dafür müs­sen die Men­schen begeis­tert wer­den. Und zwar durch etwas, was kon­kret und „anfass­bar“ ist. Was akti­viert. Statt ledig­lich Dis­kus­sio­nen aus­zu­lö­sen. Ist es doch auf Dau­er äußerst unbe­frie­di­gend, nur immer über die Gier der Rei­chen und die Blind­heit der Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker zu schimp­fen. Sol­che
Debat­ten erschöp­fen sich irgend­wann. Bes­ser ver­su­chen, von unten etwas zu ver­än­dern. Dass die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer der Jah­res­fei­er tat­säch­lich den gro­ßen Wunsch haben, etwas zu bewe­gen, mach­te die „Mur­mel­run­de“ am Eröff­nungs­abend deut­lich. Span­nen­der Tagungs­ein­stieg Was immer einem selbst gera­de kei­ne Ruhe lässt, womit man sich gera­de beschäf­tigt und wie man über­haupt auf das The­ma „Huma­ne Wirt­schaft“ kam, das erzähl­ten sich je zwei Teil­neh­me­rIn­nen bei die­sem unge­wöhn­li­chen Ein­stieg in die Tagung. In sechs Minu­ten mach­ten sich zwei Men­schen, die sich bis dato noch nie gese­hen hat­ten, auf die­se inten­si­ve Wei­se mit­ein­an­der bekannt. Wech­sel­sei­tig stell­ten sie sich spä­ter im Ple­num vor. Her­aus kamen facet­ten­rei­che Per­sön­lich­keits­be­schrei­bun­gen, Infor­ma­tio­nen über inter­es­san­te bio­gra­phi­sche Wege, unge­wöhn­li­che Plä­ne und ers­te kon­kre­te Pro­jek­te.

Am zwei­ten Abend kam bei Andre­as Ban­ge­mann Gold­grä­ber­stim­mung auf: In der Rol­le des Fürch­te­gott Zwei­fel­mann brach­te er gegen­über Stef­fen Unver­zagt ali­as Stef­fen Hen­ke erfreut zum Aus­druck, wie
gran­di­os sich sein Geld ver­mehrt. In den 80er Jah­re habe er eine klei­ne Erb­schaft von sei­nem Groß­va­ter bekom­men, erzähl­te er. Immer­hin 10.000 Mark. Die hat er als flei­ßi­ger schwä­bi­scher Spa­rer gleich ange­legt – und nun ver­dop­pelt sich die­ses Ver­mö­gen alle zwölf Jah­re.

Vom spaltenden Geist zu integraler Politik – Peter Berner 0

Vom spaltenden Geist zu integraler Politik – Peter Berner

Ein beson­ders auf­ge­weck­ter Grund­schü­ler frag­te vor kur­zem mei­ne Frau, die als Mär­chen­er­zäh­le­rin tätig ist: „War­um ist das so, dass im Mär­chen immer die Guten gewin­nen, aber in der Wirk­lich­keit immer die Bösen?“ Die­ser jun­ge Mensch also warf beherzt die Ponerologiefrage[1] auf, die von uns Erwach­se­nen meist tabui­siert wird, obwohl – oder gera­de weil? – deren Beant­wor­tung für gesell­schafts­po­li­ti­sches Han­deln oder Nicht-Han­deln von zen­tra­ler Bedeu­tung sein dürf­te. Ob wir über­haupt die Ein­schät­zung die­ses Jun­gen tei­len und wenn ja, wie wir sei­ne Fra­ge beant­wor­ten, dürf­te einen hohen Ein­fluss dar­auf haben, wie es nicht nur um unser poli­ti­sches Enga­ge­ment, son­dern dar­über hin­aus auch um unse­re inne­re Aus­ge­gli­chen­heit, Gesund­heit und Lebens-Qua­li­tät bestellt ist. Des­we­gen möch­te ich – als Psy­cho­the­ra­peut, dem seit Jahr­zehn­ten immer wie­der auch die Hei­lung unse­res Gemein­we­sens beson­ders am Her­zen liegt – hier mei­ne per­sön­li­che Ant­wort
auf die­se Fra­ge ins Gespräch brin­gen.

Wir Men­schen auf die­ser Erde leben – so wür­de ich es for­mu­lie­ren – seit meh­re­ren Jahr­tau­sen­den
unter der sich zuspit­zen­den Herr­schaft eines dia­bo­li­schen, krie­ge­ri­schen, spal­ten­den Geis­tes, wel­cher sich
in beson­de­rer Wei­se gegen sei­ne eige­ne Auf­klä­rung immu­ni­siert hat – so ähn­lich wie wir es in der Tie­fen­psy­cho­lo­gie als „Wider­stand“ gegen das Erken­nen unbe­wuss­ter selbst­schä­di­gen­der Denk- und Ver­hal­tens­mus­ter ken­nen. „Geist“ ist hier­bei durch­aus in sei­ner dop­pel­ten Bedeu­tung gemeint: Einer­seits als Feld­ef­fekt im kol­lek­ti­ven Bewusst­sein, als weit ver­brei­te­tes Denk- und Inter­pre­ta­ti­ons-Mus­ter – ande­rer­seits als indi­vi­du­el­le Wesen­heit mit Durch­set­zungs­wil­len und Selbst­er­hal­tungs­in­ter­es­se.

Die­se Sicht­wei­se folgt einem trans­per­so­na­len Welt­bild, dem­zu­fol­ge den Erschei­nun­gen der mate­ri­el­len Welt Kräf­te und For­ma­tio­nen auf fein­stoff­li­cher und Bewusst­seins­ebe­ne zugrun­de lie­gen – und sie folgt einem mehr­per­spek­ti­vi­schen, inte­gra­len Ansatz, dem zufol­ge bei­spiels­wei­se auch das abso­lu­te, all­um­fas­sen­de,
allem zugrun­de lie­gen­de Bewusst­sein („Gott“) zugleich so etwas wie eine abs­trak­te Ener­gie und so etwas
wie eine indi­vi­du­el­le Per­sön­lich­keit ist.

[1] „Pone­ro­lo­gie“ ist ein sel­ten gebrauch­ter Aus­druck für „die Leh­re vom Bösen“

Die schönere Welt… – Charles Eisenstein 0

Die schönere Welt… – Charles Eisenstein

„Es ist mög­lich, dass wir erst dann vor unse­rer wirk­li­chen Auf­ga­be ste­hen, wenn wir nicht mehr wis­sen, was zu tun ist. Und viel­leicht haben wir unse­re wirk­li­che Rei­se erst dann begon­nen, wenn wir nicht mehr wis­sen, wel­chen Weg wir ein­schla­gen sol­len. Der Geist, der nicht rat­los ist, ist unter­for­dert. Es ist der in sei­nem Lauf behin­der­te Strom, der singt.“ (Wen­dell Ber­ry)

Als ich die Ein­lei­tung von „Öko­no­mie der Ver­bun­den­heit“ »der schö­ne­ren Welt, von deren Mög­lich­keit
uns unse­re Her­zen erzäh­len« wid­me­te, schrieb ich von einem Wider­stand im Den­ken dage­gen, dass die
Welt ganz anders sein könn­te, als wir sie immer kann­ten. Tat­säch­lich haben wir uns vie­le Jahr­hun­der­te und sogar Jahr­tau­sen­de an eine Welt von gro­ßer und immer wei­ter stei­gen­der Ungleich­heit, von Gewalt, Häss­lich­keit und Kampf gewöhnt.

Manch­mal erin­nert uns ein Aus­flug in die unbe­rühr­te Natur, zu einer tra­di­tio­nel­len Kul­tur oder in die von der ver­arm­ten moder­nen Welt ver­schlei­er­te reich­hal­ti­ge Sin­nen­welt an das, was ver­lo­ren gegan­gen ist. Und die­se Erin­ne­rung schmerzt, streut Salz in die Wun­de der Getrennt­heit. Sol­che Erfah­run­gen zei­gen uns zumin­dest, was mög­lich ist, was gewe­sen ist und was sein kann, aber sie zei­gen uns nicht, wie wir eine sol­che Welt erschaf­fen kön­nen. Ange­sichts der enor­men Kräf­te, die in Stel­lung gebracht wur­den, um den Sta­tus quo bei­zu­be­hal­ten, las­sen wir ver­zagt den Mut sin­ken. Die flüch­ti­gen Bli­cke auf eine schö­ne­re Welt, die wir in der Natur erha­schen, oder bei spe­zi­el­len Begeg­nun­gen, auf Musik­fes­ti­vals, bei Zere­mo­ni­en, in der Lie­be und im Spiel, sind umso ent­mu­ti­gen­der, wenn wir glau­ben, dass sie nie­mals mehr sein kön­nen als kurz­zei­ti­ge Ver­schnauf­pau­sen von der see­len­ver­nich­ten­den, geld­ge­trie­be­nen Welt, an die wir gewöhnt sind.

Ein Haupt­ziel war, die Logik der Ver­nunft mit dem Wis­sen des Her­zens in Ein­klang zu brin­gen: nicht nur deut­lich zu machen, was mög­lich ist, son­dern auch, wie wir dort­hin gelan­gen kön­nen. Wenn ich das Wort „mög­lich“ ver­wen­de, mei­ne ich es nicht im Sinn von „viel­leicht“, wie: „Es könn­te viel­leicht pas­sie­ren, wenn wir nur Glück haben.“ Ich mei­ne mög­lich im Sinn von Selbst­be­stim­mung: eine schö­ne­re Welt als etwas, das wir schaf­fen kön­nen. Ich habe vie­le Bewei­se für die­se Mög­lich­keit gelie­fert: den unaus­weich­li­chen Nie­der­gang eines Geld­sys­tems, das von expo­nen­ti­el­lem Wachs­tum abhän­gig ist, einen Bewusst­seins­wan­del hin
zu einem Selbst in Ver­bun­den­heit in einer kokrea­ti­ven Part­ner­schaft mit der Erde, und ich habe vie­le Bei­spie­le ange­führt, dass die nöti­gen Ein­zel­tei­le einer hei­li­gen Öko­no­mie schon im Ent­ste­hen begrif­fen sind. Das ist etwas, das wir schaf­fen. Wir kön­nen es, und wir tun es. Und kön­nen Sie sich ange­sichts des­sen, dass so viel Schlech­tes und Häss­li­ches in der gegen­wär­ti­gen Welt auf das Geld zurück­ge­führt wer­den
kann, vor­stel­len, wie die Welt sein wird, wenn ein­mal das Geld umge­stal­tet wor­den ist? Ich kann sie mir nicht vor­stel­len, nicht alles davon, obwohl ich manch­mal Visio­nen von ihr habe, die mir den Atem sto­cken las­sen. Viel­leicht stimmt es gar nicht, dass ich sie mir nicht vor­stel­len kann – viel­leicht wage ich es nicht. Eine Visi­on von einer wahr­haft hei­li­gen Welt, einer hei­li­gen Öko­no­mie, macht das Aus­maß unse­res heu­ti­gen Lei­dens umso deut­li­cher. Aber ich will mit Ihnen tei­len, was ich in mei­nen Visio­nen gese­hen habe, selbst die spe­ku­la­tivs­ten, die naivs­ten, unprak­tischs­ten und ver­träum­tes­ten Aspek­te. Ich hof­fe, dass
mei­ne Offen­heit nicht die Glaub­wür­dig­keit (sofern vor­han­den) des­sen infra­ge stellt, was ich hier auf­ge­baut
habe, indem ich die Kon­zep­te einer hei­li­gen Öko­no­mie in einer schlüs­si­gen und logi­schen Wei­se dar­leg­te.

Problemfeld Geld – Fakten und Fehlvorstellungen – Helmut Creutz 0

Problemfeld Geld – Fakten und Fehlvorstellungen – Helmut Creutz

Vor­be­mer­kun­gen

Das The­ma Geld und allem was damit zusam­men­hängt, fin­det in unse­ren Tagen zuneh­men­de Beach­tung. Bedingt
nicht nur durch das stän­dig dis­ku­tier­te und publi­zier­te Kri­sen­ge­sche­hen im Umfeld der Bör­sen und Ban­ken,
son­dern vor allem auch vor dem Hin­ter­grund der Staats-Über­schul­dun­gen und der diver­sen „Ret­tungs­schir­me“
durch Regie­run­gen und Noten­ban­ken.

Inzwi­schen wird sogar, zur Lösung der Pro­ble­me, selbst die Abschaf­fung des Bar­gelds dis­ku­tiert, weil dann die Zen­tral­ban­ken die Mög­lich­keit haben wür­den, die Leit­zin­sen auch auf null zu sen­ken! Ande­re schla­gen sogar vor, die Sicht­gut­ha­ben der Bür­ger mit Straf­zin­sen zu bele­gen, obwohl die dar­auf gepark­te Kauf­kraft zum größ­ten Teil den Ban­ken für zwi­schen­zeit­li­che Kre­dit­ver­ga­ben zu Ver­fü­gung steht. Doch unge­klärt bleibt bei allen Dis­kus­sio­nen zumeist, wen man mit die­sen Straf­an­dro­hun­gen eigent­lich tref­fen will, die Bür­ger oder die Ban­ken?

Wie wir aus den Medi­en wis­sen, ist inzwi­schen sogar das The­ma „Minus­zin­sen“ kein Tabu mehr, jedoch nicht –
wie in die­ser Zeit­schrift immer wie­der gefor­dert – bezo­gen als Kos­ten auf das umlau­fen­de Bar­geld in den Hän­den der Bür­ger, son­dern statt des­sen bezo­gen auf die Zur­ver­fü­gung­stel­lung des Zen­tral­bank­gel­des an die Ban­ken. Also auf jene Bestän­de, die den Ban­ken nicht nur als Bar­geld­re­ser­ven die­nen, son­dern auch als Basis für die Ver­rech­nun­gen und damit Absi­che­run­gen jener unzäh­li­gen Geld-Gut­ha­ben-Über­tra­gun­gen, die wir als Bank­kun­den über unse­re Sicht­gut­ha­ben täg­lich abwi­ckeln. Man­che Kri­ti­ker und Refor­mer in unse­ren Tagen plä­die­ren sogar dafür – wie z. B. die „Voll­geld-Initia­ti­ve“ – die Sicht­gut­ha­ben­be­stän­de dem Bar­geld gleich­zu­stel­len und die Aus­ga­be des auf die­se Wei­se ver­viel­fach­ten Gel­des direkt an den Staat vor­zu­neh­men. Wobei sie offen­sicht­lich den Tat­be­stand ver­drän­gen, dass die­se Bestän­de auf den Sicht­gut­ha­ben von den Bür­gern durch Ein­zah­lun­gen von Bar­geld auf­ge­baut wor­den sind.

Was ist über­haupt Geld?

Beur­tei­len kann man alle die­se Aus­sa­gen und Ansich­ten zum Geld nur dann, wenn man sich, sowohl bezo­gen auf
die heu­ti­ge Situa­ti­on als auch fast alle Reform­vor­schlä­ge, über die sach­be­zo­ge­nen Grö­ßen, Gege­ben­hei­ten und Ent­wick­lun­gen in Sachen Geld im Kla­ren ist. Aus­ge­hend vor allem von den sta­tis­tisch erfass- und damit nach­weis­ba­ren Grö­ßen und Vor­gän­gen, die von der Deut­schen Bun­des­bank seit Jahr­zehn­ten für unse­ren natio­na­len Wirt­schafts­raum erfasst und aus­ge­wie­sen wor­den sind. Doch geht man die­sen Spu­ren noch wei­ter und ins All­ge­mei­ne nach, dann ist Geld zuerst ein­mal eine ganz tol­le Erfin­dung. Eine Erfin­dung, die den Han­del und Aus­tausch von Gütern ähn­lich erleich­tert hat, wie die Erfin­dung des Rades den Trans­port. Geld
ist wei­ter­hin – im Nor­mal­fall – der Lohn für eine ein­ge­brach­te Leis­tung und der Anspruch auf eine gleich­wer­ti­ge Gegen­leis­tung. Und schließ­lich ist Geld in einem Wirt­schafts­raum zumeist das gesetz­lich ein­ge­führ­te und all­ge­mein akzep­tier­te Zah­lungs­mit­tel. Also jenes Medi­um, das man – orts- wie zeit­ver­setzt
– für belie­bi­ge Zah­lungs­zwe­cke ver­wen­den und damit als ein Bin­de­glied zwi­schen aus­zu­tau­schen­den
Leis­tun­gen sehen kann.

Ähn­lich wie die Maß­stä­be für Län­gen und Gewich­te, ist Geld also ein uni­ver­sa­ler Maß­stab aller Wer­te und damit auch aller Preis­ge­stal­tun­gen. Ein Maß­stab, mit des­sen Hil­fe man in unse­ren Tagen sämt­li­che Güter- und Leis­tun­gen mit­ein­an­der ver­glei­chen und ver­rech­nen kann und der ähn­lich sta­bil sein soll­te, wie die Maß­stä­be für Län­gen oder Gewich­te. Und die­ser Wert­maß­stab Geld ist des­halb als umlau­fen­des offi­zi­el­les Zah­lungs­mit­tel sogar mit einem Annah­me­zwang für alle Wirt­schafts­teil­neh­mer ver­bun­den, die in dem jewei­li­gen Wirt­schafts­raum Leis­tun­gen ein­brin­gen oder Waren zum Ver­kauf anbie­ten.

TAFTA Currencies mit Globus © Martin Bangemann 0

TAFTA – die große Unterwerfung – Lori Wallach

Über­tra­gung aus dem Eng­li­schen von Niels Kadritz­ke

Auf­ge­reg­te Poli­ti­ker von Ber­lin bis Brüs­sel sehen durch den NSA-Skan­dal das Trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­ab­kom­men in Gefahr. Über das, was in dem ange­streb­ten Ver­trag ste­hen soll, reden sie nicht so gern. Ein Blick auf die ers­ten Blau­pau­sen lässt ahnen, was Euro­pas Bür­ger nicht zu früh erfah­ren sol­len.

Bereits vor fünf­zehn Jah­ren ver­such­ten Groß­un­ter­neh­men bei den Ver­hand­lun­gen über das Mul­ti­la­te­ra­le Abkom­men über Inves­ti­tio­nen (MAI) ihre Macht heim­lich still und lei­se in unvor­stell­ba­rem Maße aus­zu­wei­ten. Damals schei­ter­te das Pro­jekt am hart­nä­cki­gen Wider­stand der Öffent­lich­keit und der Par­la­men­te. Damit wur­de unter ande­rem ver­hin­dert, dass sich ein­zel­ne Kon­zer­ne den­sel­ben Rechts­sta­tus wie Natio­nal­staa­ten ver­schaf­fen konn­ten. Das hät­te etwa bedeu­tet, dass Unter­neh­men eine Regie­rung ver­kla­gen kön­nen, „ent­gan­ge­ne Gewin­ne“ aus Steu­er­gel­dern aus­zu­glei­chen.

Jetzt aber kom­men die­se Plä­ne erneut auf den Tisch, und zwar in deut­lich ver­schärf­ter Fas­sung. Der offi­zi­el­le Name des neu­en Pro­jekts lau­tet „Trans-Atlan­tic Tra­de and Invest­ment Part­nership“, abge­kürzt TTIP. Die­ses trans­at­lan­ti­sche Han­dels- und Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men soll, ähn­lich wie frü­her das MAI, die Pri­vi­le­gi­en von Kon­zer­nen und Inves­to­ren absi­chern und sogar noch aus­wei­ten. So wol­len die EU und die USA ihre jewei­li­gen Stan­dards in „nicht han­dels­po­li­ti­schen“ Berei­chen ver­ein­heit­li­chen. Die­se ange­streb­te „Har­mo­ni­sie­rung“ ori­en­tiert sich erwar­tungs­ge­mäß an den Inter­es­sen der Kon­zer­ne und Inves­to­ren. Wer­den deren Stan­dards nicht erfüllt, kön­nen zeit­lich unbe­grenz­te Han­dels­sank­tio­nen ver­hängt wer­den. Oder es wer­den gigan­ti­sche Ent­schä­di­gun­gen für die Unter­neh­men fäl­lig.

Die Ver­hand­lun­gen über die­se Art Staats­streich in Zeit­lu­pe haben im Juli die­ses Jah­res in Washing­ton begon­nen – mit der erklär­ten Absicht, in zwei Jah­ren ein Abkom­men zu unter­zeich­nen, das eine trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­zo­ne „Trans-Atlan­tic Free Tra­de Area“ (TAFTA) begrün­den wird. Das gesam­te TTIP-TAFTA-Pro­jekt
gleicht dem Mons­ter aus einem Hor­ror­film, das durch nichts tot­zu­krie­gen ist. Denn die Vor­tei­le, die eine sol­che „Wirt­schafts-NATO“ den Unter­neh­men bie­ten wür­de, wären bin­dend, dau­er­haft und prak­tisch irrever­si­bel, weil jede ein­zel­ne Bestim­mung
nur mit Zustim­mung sämt­li­cher Unter­zeich­ner­staa­ten geän­dert wer­den kann.

Ist die deutsche Energiewende rentabel? – Wolfgang Berger 0

Ist die deutsche Energiewende rentabel? – Wolfgang Berger

Emnid hat ermit­telt, dass 84 Pro­zent der Deut­schen eine rasche und voll­stän­di­ge Ener­gie­ver­sor­gung mit erneu­er­ba­ren Ener­gi­en wün­schen. Jeder Drit­te wür­de sich an Erneu­er­ba­re-Ener­gi­en-Anla­gen in sei­ner Nähe finan­zi­ell betei­li­gen. Das sind über 20 Mil­lio­nen poten­zi­el­le Inves­to­ren. Ist die­se Prä­fe­renz ratio­nal oder ist es eine emo­tio­na­le Prä­fe­renz jen­seits unter­neh­me­ri­schen Kal­küls?

Die meis­ten Unter­neh­men berech­nen die Ren­ta­bi­li­tät ihrer mög­li­chen oder geplan­ten Inves­ti­tio­nen mit einer ein­fa­chen Rech­nung: Sie ermit­teln die zusätz­li­chen Aus­ga­ben, die bei einer Inves­ti­ti­on Jahr für Jahr not­wen­dig wer­den und die zusätz­li­chen Ein­nah­men, die die­se Inves­ti­ti­on Jahr für Jahr bringt. Die jähr­li­chen Sal­den die­ser Zah­len­rei­he ste­hen für die Ertrags­kraft der Inves­ti­ti­on.

Nun kön­nen wir die­se Sal­den aber nicht ein­fach addie­ren – wir müs­sen sie mit der Zeit gewich­ten. Eine Mil­li­on in die­sem Jahr ist mehr als eine Mil­li­on im nächs­ten Jahr, denn wenn wir es gut anfan­gen, hat sich die eine Mil­li­on in die­sem Jahr bis zum nächs­ten Jahr ver­mehrt. Wol­len wir die Zah­len addie­ren, müs­sen sie zuvor ver­gleich­bar gemacht und auf den heu­ti­gen Tag abzinst wer­den. Die­se „Kapi­tal­wert­me­tho­de“ ist der umge­kehr­te Rechen­vor­gang wie die Zins­be­rech­nung für die Zukunft, nur dass hier die Zah­len nicht grö­ßer, son­dern klei­ner wer­den, je wei­ter das Jahr in der Zukunft liegt, auf das sie sich bezie­hen.

Wenn wir beim Abzin­sen mit zehn Pro­zent rech­nen, sind eine Mil­li­on Euro in einem Jahr heu­te 910.000 Euro wert, denn wenn ich heu­te 910.000 Euro mit zehn Pro­zent anle­ge, habe ich in einem Jahr eine Mil­li­on. Nicht weil die Zin­sen heu­te zehn Pro­zent sind; sie sind nied­ri­ger. Aber Inves­ti­ti­ons­kre­di­te sind trotz­dem teu­er und Über­zie­hungs­zin­sen sind auch bei einem Leit­zins­satz der Zen­tral­bank nahe Null weit über zehn Pro­zent.

Wenn wir mit zehn Pro­zent rech­nen, sind eine Mil­li­on Euro in zwei Jah­ren dann heu­te noch ein­mal zehn Pro­zent weni­ger wert, also 830.000 Euro. Und so kön­nen wir wei­ter rech­nen: Eine Mil­li­on Euro in zehn Jah­ren sind heu­te 390.000 Euro wert. Eine Mil­li­on Euro in 100 Jah­ren sind heu­te 700 Euro wert. Eine Mil­li­on Euro in 200 Jah­ren sind heu­te drei Euro wert und eine Mil­li­on Euro in 250 Jah­ren sind abge­zinst heu­te nur gan­ze vier Cent wert.

Weil die lang­fris­ti­gen Aus­wir­kun­gen so lächer­lich gering sind, brau­chen wir die Rech­nung nur für gut zehn
Jah­re durch­zu­füh­ren. Was danach geschieht, wirkt sich auf das Ergeb­nis kaum noch aus. Was danach geschieht, beein­flusst die Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen also nicht mehr. In unse­rem gegen­wär­ti­gen destruk­ti­ven Geld­sys­tem erzwingt der Ren­di­te­zwang des­halb die Zer­stö­rung der Umwelt. Der Erhalt der Umwelt wirkt sich erst lang­fris­tig aus und ist des­halb nicht ren­ta­bel. Eine Nach-uns-die-Sint­flut-Men­ta­li­tät erhöht den Bör­sen­wert des Unter­neh­mens (Share­hol­der Value) und ist des­halb die logi­sche Kon­se­quenz.
In Zei­ten nied­ri­ger Zin­sen wach­sen die gro­ßen Ver­mö­gen über Akti­en und die Spe­ku­la­ti­on mit Deri­va­ten.
Nied­ri­ge Zin­sen ver­lei­hen Deri­va­ten eine Hebel­wir­kung, mit der sie fast die gan­ze Welt auf­kau­fen kön­nen.

Bei flie­ßen­dem Geld pen­delt der effek­tiv gezahl­te Markt­zins um Null; zusätz­li­che Ein­nah­men und Aus­ga­ben von Inves­ti­tio­nen wer­den des­halb nicht mehr abge­zinst. Damit wird es ren­ta­bel, die Umwelt zu erhal­ten. In einem sol­chen Geld­sys­tem wer­den die Märk­te des­halb Nach­hal­tig­keit und dau­er­haft halt­ba­re Güter erzwin­gen.

Die Mehrheit in Deutschland profitiert nicht vom Euro – Felix Fuders 0

Die Mehrheit in Deutschland profitiert nicht vom Euro – Felix Fuders

Immer häu­fi­ger ließt man in Kom­men­ta­ren der inter­na­tio­na­len Pres­se, dass Deutsch­land mit sei­nen enor­men Han­dels­bi­lanz­über­schüs­sen, die zuletzt sogar grö­ßer waren als die­je­ni­gen Chi­nas, Schuld sei an der defi­zi­tä­ren Han­dels­bi­lanz der süd­li­chen Län­der Euro­pas. In einem Arti­kel in der New York Times[1] beschwer­te sich Öko­no­mie Nobel­preis­trä­ger Paul Krug­man kürz­lich bei­spiels­wei­se über die sei­ner Mei­nung nach „depres­sing Germans“[2]. Der Tenor des Arti­kels ist, dass Deutsch­land durch eine expan­si­ve Geld- und Fis­kal­po­li­tik eigen­nüt­zig hohe Export­über­schüs­se auf Kos­ten der euro­päi­schen Nach­barn erzie­le und damit sogar auch die Sta­bi­li­tät der Welt­wirt­schaft gefähr­de. Da Export­über­schüs­se eines Lan­des immer eine nega­ti­ve Han­dels­bi­lanz in einem ande­ren Land erzeu­gen müssen[3], sei Deutsch­land mit­ver­ant­wort­lich für
die hohe Arbeits­lo­sig­keit etwa in Spa­ni­en. Deutsch­land sol­le Maß­nah­men tref­fen, den Export­über­schuss zu ver­rin­gern. Tat­säch­lich haben die Han­dels­bi­lanz­un­gleich­ge­wich­te in Euro­pa nur wenig mit der Wirt­schafts- und Außen­han­dels­po­li­tik Deutsch­lands, son­dern viel­mehr mit dem Euro zu tun. Das soll im Fol­gen­den erklärt wer­den. Anschlie­ßend wir dar­auf ein­ge­gan­gen wer­den, dass der Euro im Übri­gen auch nicht gut ist für die Mehr­heit der Deut­schen, da er einen indi­rek­ten Wohl­stands­trans­fer der Haus­hal­te der pro­duk­ti­ve­ren hin zu
den Haus­hal­ten der weni­ger pro­duk­ti­ven Län­dern der Euro­zo­ne dar­stellt.

[1] Paul Krug­man, Tho­se depres­sing Ger­mans, in: Inter­na­tio­nal New York Times, v. 5. 11. 2013
[2[ Es sei ange­merkt, dass Alfred Nobel nie­mals einen Preis im Fach­ge­biet Öko­no­mie vor­ge­schla­gen hat­te, es folg­lich also kei­nen „Nobel­preis für Öko­no­mie“ gibt. Der so genann­te „Nobel­preis für Öko­no­mie“ ist ein von der schwe­di­schen Natio­nal­bank her­aus­ge­ge­be­ner Preis für her­aus­ra­gen­de wis­sen­schaft­li­che Leis­tun­gen im Fach­ge­biet Öko­no­mie, der in Ange­den­ken Alfred Nobels ver­lie­hen wird
[3[ Vgl. etwa Karl- Heinz Moritz, Georg Stadt­mann, Mone­tä­re Außen­wirt­schaft, 2. Aufl. Mün­chen 2011, S. 15

Die vierte Ohnmacht- Jens Brehl im Interview mit dem Autor Dirk C. Fleck 0

Die vierte Ohnmacht- Jens Brehl im Interview mit dem Autor Dirk C. Fleck

Jour­na­lis­ten genie­ßen zuneh­mend einen schlech­ten Ruf, gel­ten gar als kor­rupt und vie­le Men­schen wen­den sich ent­täuscht über den ober­fläch­li­chen Ein­heits­brei von eta­blier­ten Medi­en ab. Zu recht fin­det Dirk C. Fleck. Der heu­te 70jäh­ri­ge „Vater des Öko­thril­lers“ schrieb unter ande­rem für nam­haf­te Blät­ter wie die „Ham­bur­ger Mor­gen­post“, „Die Welt“, „Stern“, „Spie­gel“ und vie­le mehr. Schon lan­ge wür­den Medi­en nicht mehr als Wäch­ter der Demo­kra­tie fun­gie­ren; es zäh­le allein die Höhe der ver­kauf­ten Auf­la­gen und Ein­schalt­quo­ten. Für sein Buch „Die vier­te Macht“ sprach er mit 25 Spit­zen­jour­na­lis­ten über ihre Ver­ant­wor­tung in Kri­sen­zei­ten. Die Zukunft der Medi­en sieht Fleck aller­dings schwarz. 

Jens Brehl: „War­um haben Sie den Beruf des Jour­na­lis­ten ergrif­fen?“

dirk C. Fleck: „Den Berufs­wunsch hat­te ich bereits im Alter von 14 Jah­ren. Im Grun­de war ich kein her­aus­ra­gen­der Schü­ler, bis ich mein Talent für das Schrei­ben ent­deck­te. Plötz­lich erhielt ich zum ers­ten Mal gute Noten für mei­ne Schul­ar­bei­ten. Dadurch hat­te ich end­lich mei­nen Zugang zu den Lehr­in­hal­ten und mei­ner Krea­ti­vi­tät gefun­den.

Mei­ne Eltern hat­ten ‚Die Welt‘ abon­niert. Damals war das noch eine links-libe­ra­le Zei­tung, was man sich heu­te gar nicht mehr vor­stel­len kann. Jeden­falls waren für mich die Jour­na­lis­ten, die für ‚Die Welt‘ schrie­ben, Hel­den, denen ich ger­ne nach­ei­fern woll­te. Als ich dann für mei­ne Schu­le eine Jah­res­ar­beit über die Zei­tung schrieb, konn­te ich die Redak­ti­on besu­chen. Ich bin fast vor Ehr­furcht gestor­ben, als ich die Namens­schil­der mei­ner Hel­den auf den diver­sen Türen gese­hen habe. Mein beruf­li­ches Ziel stand danach
end­gül­tig fest. Nach mei­ner Buch­händ­ler­leh­re und dem Ersatz­dienst stu­dier­te ich an der Deut­schen Jour­na­lis­ten­schu­le in Mün­chen. Da es damals die ein­zi­ge Jour­na­lis­ten­schu­le in Deutsch­land war, gab es einen ent­spre­chend gro­ßen Andrang. Im Vor­feld muss­ten alle 2.000 Bewer­ber eine Repor­ta­ge ein­rei­chen. Ledig­lich 40 Anwär­ter wur­den zur münd­li­chen Prü­fung ein­ge­la­den, doch nur für 20 gab es einen Stu­di­en­platz. Einer davon war dann ich. “

Entlarvte Pseudo-Demokratie – Wilhelm Schmülling 0

Entlarvte Pseudo-Demokratie – Wilhelm Schmülling

Da sage noch einer, mehr Demo­kra­tie sei nicht mög­lich. Jetzt wur­de sogar das Ergeb­nis des müh­sam aus­ge­han­del­ten Koali­ti­ons­ver­trags den SPD-Mit­glie­dern zur Abstim­mung vor­ge­legt. Welch ein Fort­schritt, so scheint es auf den ers­ten Blick. In Wirk­lich­keit war es der Ver­such, eine im Wahl­kampf fest­ge­leg­te Aus­sa­ge zu umge­hen und den Mit­glie­dern die davon abwei­chen­den Ergeb­nis­se der Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen schmack­haft zu machen. Schließ­lich wur­den eini­ge sozi­al­de­mo­kra­ti­sche For­de­run­gen von der CDU über­nom­men, die Bal­sam für die sozia­le See­le bei­der Par­tei­en sind. Rei­chen die Beschlüs­se für eine ange­streb­te umfas­sen­de sozia­le Gerech­tig­keit? Wohl kaum.

War­um die­ser nichts­nut­zi­ge Streit, ob die SPD mit der Mit­glie­der­be­fra­gung zur gro­ßen Koali­ti­on die Ver­fas­sung bricht oder nicht. Auf jeden Fall war es eine Gele­gen­heit mehr Basis­de­mo­kra­tie zu wagen. Wenn man die gerin­ge Anzahl an Ver­samm­lungs­be­su­chern auf Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen der CDU zum Koali­ti­ons­ver­trag sieht, hat die CDU kei­nen Anlass zu über­heb­li­cher Kri­tik.

Das ist eben das Dilem­ma, in einer auf Kapi­tal­er­trag aus­ge­rich­te­ten Wirt­schafts­ord­nung die sys­tem­be­ding­te
Unge­rech­tig­keit pro­du­ziert sozia­le Gerech­tig­keit zu errei­chen. Das bleibt ein nicht zu lösen­des Pro­blem. Denn Kapi­ta­lis­mus und Markt­wirt­schaft ver­tra­gen sich nicht, sind sogar kras­se Gegen­sät­ze. Die stän­di­ge Gleich­set­zung bei­der in den Medi­en ist gewollt. Wer kann schon etwas gegen Markt­wirt­schaft ein­wen­den? Wer es doch tut, will die Plan­wirt­schaft, unter­stellt man. Und so wer­den von den Mei­nungs­bild­nern flugs die „Märk­te“, die Kapi­tal­märk­te genann­te wer­den müss­ten, als Markt­wirt­schaft aus­ge­ge­ben. Und die Bezeich­nung „Finanz­in­dus­trie“ ist eben­falls ein Mogel­wort. Dort wird nichts pro­du­ziert, nur spe­ku­liert.

Auf den Märk­ten der Real­wirt­schaft wer­den Waren und Dienst­leis­tun­gen der arbei­ten­den Men­schen getauscht.
Wür­de auf den Märk­ten die­ser Leis­tungs­trä­ger das Geld aus­schließ­lich als Tausch­mit­tel ein­ge­setzt und nicht
ein Teil an das Kapi­tal abge­zweigt wer­den, gäbe es kein Eigen­tum ohne Arbeit. Denn Eigen­tum kommt von eige­nem Tun. Die deut­sche Spra­che hat vie­le zutref­fen­de Aus­drü­cke, auch für Öko­no­men. Auf den angeb­li­chen
Finanz­märk­ten wer­den ange­eig­ne­te Leis­tun­gen ande­rer Men­schen für mög­lichst hohe Pro­fi­te ein­ge­setzt. Die
heu­te unter­schied­li­chen Ziel­rich­tun­gen der Märk­te, die einen pro­du­zie­ren Waren, die ande­ren Pro­fi­te, sind
das Grund­übel unse­rer Zeit.

Wisst Ihr denn, wohin Ihr wollt? – Siegfried Wendt 0

Wisst Ihr denn, wohin Ihr wollt? – Siegfried Wendt

1. Der Wunsch der Eltern

Mei­ne Erin­ne­rung reicht zurück bis in die letz­ten Jah­re des Zwei­ten Welt­kriegs. Da kann­te ich vie­le Leu­te, die sag­ten: „Unse­re Kin­der sol­len es ein­mal bes­ser haben als wir.“ Sie hat­ten tat­säch­lich allen
Grund, dies zu wün­schen in Anbe­tracht ihrer gefal­le­nen Ver­wand­ten und Freun­de, der zer­bomb­ten Städ­te und der Ver­sor­gungs­pro­ble­me hin­sicht­lich der ele­men­ta­ren Bedürf­nis­se – Nah­rung, Klei­dung, Woh­nung. Sie wünsch­ten sich eine radi­ka­le Ände­rung der Lebens­ver­hält­nis­se in Deutsch­land. Die anzu­stre­ben­de
Ziel­si­tua­ti­on soll­te der­art sein, dass mög­lichst nie­mand mehr Anlass haben soll­te zu dem Wunsch: „Unse­re
Kin­der sol­len es ein­mal bes­ser haben als wir.“ Wenn man die Leu­te damals gebe­ten hät­te, die gewünsch­te Ziel­si­tua­ti­on ein wenig zu kon­kre­ti­sie­ren, wäre sehr schnell deut­lich gewor­den, dass der Wunsch zwei klar unter­scheid­ba­re Zie­le umfass­te. Das eine Ziel fand von Anfang an sei­nen Aus­druck in der bekann­ten
For­de­rung „Nie wie­der Krieg!“, woge­gen das ande­re Ziel erst etwas spä­ter von Lud­wig Ehr­hard in die grif­fi­ge For­mel „Wohl­stand für alle!“ gepackt wur­de. Ich gehö­re zu den glück­li­chen Kin­dern, für
die bei­de Tei­le des dama­li­gen Wun­sches ihrer Eltern tat­säch­lich in Erfül­lung gegan­gen sind. Seit dem Zwei­ten Welt­krieg hat es in Deutsch­land kei­nen Krieg mehr gege­ben, und es sieht auch nicht so aus,
als ob ich in der mir ver­blei­ben­den Lebens­zeit noch mit einem sol­chen Krieg rech­nen müss­te. Auch was den Wohl­stand angeht, ist der Wunsch für mich selbst und vie­le mei­ner Ver­wand­ten und Freun­de in Erfül­lung gegan­gen. Ich mei­ne aber, dass wir das Ziel „Wohl­stand für alle“ nicht nur nicht erreicht haben, son­dern
aktu­ell dabei sind, uns wie­der wei­ter von die­sem Ziel zu ent­fer­nen.

2. Die Fra­ge nach dem Ziel­zu­stand

Zustän­de, in denen ein Sys­tem ewig ver­blei­ben könn­te, obwohl noch dyna­mi­sche Vor­gän­ge statt­fin­den, wer­den
sta­tio­nä­re Zustän­de genannt. Schon in der Bibel (1. Mose 8, Vers 22) wird – obwohl dort natür­lich die Bezeich­nung „sta­tio­nä­rer Zustand“ nicht vor­kommt – ein sol­cher Zustand beschrie­ben: „Solan­ge die Erde steht, soll nicht auf­hö­ren Saat und Ern­te, Frost und Hit­ze, Som­mer und Win­ter, Tag und Nacht.“ Ohne Zwei­fel befin­det sich unser Wirt­schafts­sys­tem zur Zeit nicht in einem sta­tio­nä­ren Zustand. Ver­mut­lich war
die Geschwin­dig­keit der Ände­run­gen im Wirt­schafts­sys­tem noch nie so hoch wie jetzt. Es wird auch von Poli­ti­kern und Wirt­schafts­fach­leu­ten immer wie­der betont, dass das beson­ders Posi­ti­ve am aktu­el­len Zustand dar­in bestehe, dass er in hohem Maße dyna­misch sei. Zur Bestä­ti­gung ihres Urteils ver­wei­sen sie manch­mal auf das Sprich­wort „Wer ras­tet, der ros­tet.“ Und sie mei­nen, um dem Ros­ten zu ent­ge­hen, müs­se man immer schnel­ler ren­nen. Ich bin dage­gen über­zeugt, dass wir uns fra­gen soll­ten, wohin die Rei­se gehen soll, d. h. ob wir nicht doch einen sta­tio­nä­ren Ziel­zu­stand cha­rak­te­ri­sie­ren kön­nen, den fast alle Mit­bür­ger posi­tiv beur­tei­len wür­den. Selbst­ver­ständ­lich kann die­ser Ziel­zu­stand kein end­gül­ti­ger sein, denn jede „revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­idee“ wür­de zwangs­läu­fig zum Ver­las­sen die­ses Zustands füh­ren. Bei­spie­le für revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­ide­en sind die Erfin­dung des Buch­drucks oder der Dampf­ma­schi­ne, und in neue­rer Zeit die viel­fäl­ti­gen Ide­en zur Nut­zung der natur­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se in der Phy­sik und der Che­mie. Ohne die­se Erkennt­nis­se gäbe es kei­ne Autos, kein elek­tri­sches Licht, kei­ne Roll­trep­pen, kei­ne Com­pu­ter, kein Inter­net und kei­ne draht­lo­se Kom­mu­ni­ka­ti­on. Aus der Tat­sa­che, dass in den letz­ten zwei­hun­dert Jah­ren in immer kür­ze­ren Abstän­den revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­ide­en gebo­ren wur­den, glau­ben man­che Wirt­schafts­pro­phe­ten schlie­ßen zu dür­fen, dass sich die zeit­li­chen Abstän­de zwi­schen sol­chen Ereig­nis­sen auch wei­ter­hin ver­kür­zen wer­den. Da revo­lu­tio­nä­re Inno­va­ti­ons­ide­en aber häu­fig ihren Ursprung
in über­ra­schen­den natur­wis­sen­schaft­li­chen Ent­de­ckun­gen haben, sehe ich eine Ana­lo­gie zwi­schen dem Feld die­ser Ide­en und einem Erd­öl­feld: Lan­ge bleibt es unent­deckt, dann wird es immer schnel­ler aus­ge­beu­tet und
schließ­lich ist es leer gepumpt. Des­halb hal­te ich es durch­aus für sinn­voll, dar­über nach­zu­den­ken, wel­chen Zustand unse­res Wirt­schafts­sys­tems wir uns denn wün­schen soll­ten unter der Annah­me, dass in den kom­men­den
Jahr­zehn­ten kei­ne revo­lu­tio­nä­ren Inno­va­ti­ons­ide­en mehr vom Him­mel fal­len.

Hamburger Gedanken – Stefan Pinkert 0

Hamburger Gedanken – Stefan Pinkert

Eine ganz per­sön­li­che Buch­be­spre­chung.

Der ICE ist fast pünkt­lich, dies­mal, auf mei­ner Rei­se von Frank­furt nach Ham­burg. Im Abteil neben mir ein jun­ger Mann, Stu­dent offen­sicht­lich, nicht unfreund­lich. Hat die gan­ze Fahrt über sei­nen Lap­top in Betrieb, stun­den­lang mit Com­pu­ter­spie­len. Scheint sich ablen­ken zu müs­sen; von was eigent­lich, wür­de ich ihn am liebs­ten fra­gen.

Gedan­ken kom­men und gehen: wach sein, hier sein, unse­re Rea­li­tät sehen, sehen was wirk­lich um uns her­um ist… scheint nicht mehr in Mode zu sein bei vie­len jun­gen Leu­ten. Wie anders war es doch noch in mei­ner Gene­ra­ti­on, der 68er.

Ich begin­ne mit mei­ner Rei­s­e­lek­tü­re: „Pro­fit­wahn“ – War­um sich eine men­schen­ge­rech­te Wirt­schaft lohnt-, von Chris­ti­an Kreiß, einem Wirt­schafts­pro­fes­sor mitt­le­ren Alters. Im Bild auf dem Klap­pen­text mit wachen Augen, die etwas ver­wun­dert drein schau­en. Hät­ten wir doch alle tat­säch­lich Grund uns sehr zu wun­dern, den­ke ich.

Wie ist es mög­lich, fragt der Autor, dass wir offen­sicht­lich in einer Art kol­lek­ti­ver Tran­ce die fal­schen Grund­an­nah­men unse­rer gän­gi­gen Wirt­schafts­theo­ri­en nicht wahr­neh­men? Wie war es mög­lich, den­ke ich, schon beim Lesen der ers­ten Sei­ten, dass damals im drit­ten Reich ein gan­zes Volk dem Ras­sen­wahn ver­fiel mit den dann schier unglaub­li­chen Fol­gen? Kreiß ver­sucht immer wie­der im Zusam­men­hang mit der neo­li­be­ra­len Wirt­schafts­dok­trin eine Ant­wort auf die­se Kern­fra­ge zu geben. Er ist Fach­mann, Insi­der, hoch­kom­pe­tent, scheint mir, und er hat Mut. Braucht es Mut aus kol­lek­ti­ven Tran­cen auf­zu­wa­chen? Ja, und – man muss es wol­len.

Der Autor hat pro­fun­de Geschichts­kennt­nis­se, ver­knüpft aktu­el­le Zusam­men­hän­ge damit, er ver­sucht ein
ganz­heit­li­ches Bild unse­rer der­zei­ti­gen Wirt­schafts­kri­se zu ver­mit­teln. Plötz­lich erge­ben die Zusam­men­hän­ge ein ver­blüf­fend ein­leuch­ten­des und logisch stim­mi­ges Bild: nur eine gerech­te Wirt­schaft, so Kreiß, kann auf Dau­er bestehen. Das lehrt ein­drück­lich die jün­ge­re Geschich­te!

Mir gegen­über im Zug sitzt eine jun­ge Dame mit einem fri­schen, offe­nen Gesicht, auch sie stun­den­lang am Lap­top. Ich erfah­re spä­ter, sie schrei­be ihre Mas­ter­ar­beit nach elf Semes­tern Psy­cho­lo­gie­stu­di­um. Man merkt, sie ist ganz absor­biert davon, wohl auch genervt vom vie­len kom­pli­zier­ten Den­ken. Ihr Enga­ge­ment, ande­ren Men­schen zu hel­fen, neh­me ich ihr sofort ab, sie wirkt sehr sym­pa­thisch.

Ein Satz fällt mir ein, von einem indi­schen
Wei­sen: Es sei kein Zei­chen
geis­ti­ger Gesund­heit sich (und ande­re)
an eine kran­ke Gesell­schaft anzu­pas­sen.
Kann ich der jun­gen Psy­cho­lo­gie­stu­den­tin
so etwas sagen?

Aus der Logik des Verdrängungswettbewerbs heraushalten – Michael Beleites 0

Aus der Logik des Verdrängungswettbewerbs heraushalten – Michael Beleites

Die bäu­er­li­che Lebens­form besteht aus einem Zusam­men­hang von Erwerbs­ar­beit, Eigen­ar­beit, gemein­nüt­zi­ger Arbeit und Erho­lung in einem selbst gestalt­ba­ren Lebens­um­feld. Mit die­sem bäu­er­li­chen Prin­zip wird der Zusam­men­hang von Wohn- und Arbeits­ort, die Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf, der Zusam­men­halt der Gene­ra­tio­nen, ein hohes Selbst­ver­sor­gungs-Poten­zi­al sowie eine zeit­lich und räum­lich über den Hof­all­tag hin­aus­rei­chen­de Ver­ant­wor­tung gewähr­leis­tet. Es ist ein Lebens- und Arbeits­mo­dell, das indi­vi­du­el­le
Frei­heit mit einer Begren­zung und Ein­ord­nung in die Natur­zu­sam­men­hän­ge einer end­li­chen Welt orga­nisch
ver­bin­det.

Die­se für die Bau­ern­fa­mi­li­en wie für die Gesell­schaft glei­cher­ma­ßen nütz­li­che und för­der­li­che Lebens- und Arbeits­form wird heu­te erstickt: Wo außer Geld kei­ne ande­ren Wer­te zäh­len, wird allein der Sek­tor der Erwerbs­ar­beit hono­riert – und in den Wett­be­werb gestellt. Das Wett­be­werbs- Sys­tem führt zwangs­läu­fig dazu, dass die­je­ni­gen gewin­nen, bei denen der Bereich der Erwerbs­ar­beit nahe­zu 100 % aus­macht, also die ande­ren
Arbeits- und Lebens­be­rei­che weit­ge­hend erdrückt. Je mehr ein Betrieb den Aspekt der Erwerbs­ar­beit zurück­fährt, um den ande­ren Berei­chen Raum zu geben, des­to eher wird er zum Ver­lie­rer in die­sem Sys­tem. Wer mit viel Flä­che und weni­gen Arbeits­kräf­ten wirt­schaf­tet, wer vie­le Tie­re auf engem Raum hält, wer auf Kos­ten der Natur, des Grund­was­sers und der Qua­li­tät sei­ner Pro­duk­te die Erträ­ge stei­gert, wer wegen der Flä­chen­sub­ven­tio­nen die Neu­ein­rich­tung klei­ner Betrie­be blo­ckiert – ver­hält sich sys­tem­kon­form, ist
aber nicht Urhe­ber die­ser Ver­hält­nis­se.

In den oppo­si­tio­nel­len Grup­pen in der DDR der 80er Jah­re habe ich gelernt, dass es nichts bringt, die­je­ni­gen zu kri­ti­sie­ren, die sich sys­tem­kon­form ver­hal­ten – wenn man nicht das Sys­tem sel­ber zur Debat­te stellt. Nun ist die heu­ti­ge Situa­ti­on eine ande­re als damals. Aber auch heu­te müs­sen wir damit rech­nen, dass sich vie­le Men­schen so oder so ver­hal­ten, weil sie Teil eines gesell­schaft­li­chen Sys­tems sind – und nicht, weil sie sich das in völ­li­ger Ent­schei­dungs­frei­heit selbst aus­ge­dacht haben. Mit dem heu­ti­gen Sys­tem mei­ne ich nicht allein die der­zei­ti­ge Agrar­po­li­tik, die nur ein Teil davon ist. Ich mei­ne ins­be­son­de­re die aus einer falsch ver­stan­de­nen Bio­lo­gie (Selek­ti­ons­leh­re) in die Öko­no­mie über­tra­ge­ne
und von dort aus in alle Gesell­schafts­be­rei­che ein­ge­drun­ge­ne Wett­be­werbs- Logik. Im Ide­al­fall ist eine Gesell­schaft näm­lich wie ein Orga­nis­mus ver­fasst, des­sen „Orga­ne“ zum gegen­sei­ti­gen Vor­teil und zum Woh­le des Gan­zen zusam­men­ar­bei­ten – und nicht danach trach­ten, sich gegen­sei­tig zu ver­drän­gen.

Wohlstand ohne Zinsen – Bernhard von Sydow 1

Wohlstand ohne Zinsen – Bernhard von Sydow

Auf der Uni­ver­si­tät wird gelehrt, dass die Zin­sen eine Beloh­nung für den Kon­sum­ver­zicht eines Men­schen sind. Die­se Begrün­dung ist auf den ers­ten Blick abso­lut ver­ständ­lich und plau­si­bel. Dass dage­gen das Chris­ten­tum in sei­ner ursprüng­li­chen Leh­re – wie ande­re gro­ße Reli­gio­nen auch – es ablehnt, dass die Men­schen Zin­sen für ihr ver­lie­he­nes Geld neh­men, wird von den meis­ten ver­drängt, sofern die­ses Gebot ihnen über­haupt bekannt ist. Zudem leben wir schon seit Jahr­hun­der­ten mit der Vor­stel­lung, für unser Geld Zin­sen zu bekom­men. Daher kön­nen wir uns eine opti­ma­le Volks­wirt­schaft ohne Zin­sen über­haupt nicht mehr vor­stel­len. Dar­über hin­aus wird die Metho­de, eine Gebühr für auf­be­wahr­tes Geld (Lie­ge­ge­bühr) zu erhe­ben, ohne­hin für völ­lig absurd gehal­ten.

Doch die Rea­li­tät sieht anders aus. Ber­nard A. Lie­ta­er beschreibt in sei­nem Buch „Mys­te­ri­um Geld“ zwei Epo­chen, in denen eine Markt­wirt­schaft ohne Zin­sen und mit einer Anti-Hor­tungs­ge­bühr zu einem „außer­ge­wöhn­li­chen Wohl­stand“ der gesam­ten Bevöl­ke­rung geführt hat, nicht nur einer bestimm­ten Schicht: Ein­mal eine Epo­che im alten Ägyp­ten und dann die Zeit des Hoch­mit­tel­al­ters, also etwa vom 10. bis 13. Jahr­hun­dert.

Zwar unter­schie­den sich die Moda­li­tä­ten, unter denen die Gebüh­ren auf das Geld erho­ben wur­den, in den bei­den Zeit­al­tern. In Ägyp­ten war das Sys­tem der Lie­ge­ge­büh­ren auf gepark­tes Geld „höher ent­wi­ckelt als das mit­tel­al­ter­li­che“. Doch trotz der unter­schied­li­chen Mit­tel fie­len die Resul­ta­te in Ägyp­ten und im Hoch­mit­tel­al­ter „uner­war­tet ähn­lich“ aus. Das Geld war zwangs­läu­fig „nur“ Tausch­mit­tel und kein
Wert­ge­gen­stand, der dazu anreizt, es zu hor­ten. Es war wesent­lich sinn­vol­ler, Erspar­nis­se in Form von Pro­duk­ti­ons­gü­tern anzu­le­gen, die lan­ge Bestand hat­ten, als in Form von Geld. Es gab kei­ne Spe­ku­lan­ten, die auf Kos­ten einer ver­arm­ten Bevöl­ke­rung immer rei­cher wur­den. Das Geld blieb dort, wo es gebraucht wur­de. Die Umlauf­ge­schwin­dig­keit des Gel­des blieb also hoch. Das Geld wur­de nicht zuneh­mend knap­per.

Im alten Ägyp­ten dau­er­te die­se Epo­che einer intak­ten Volks­wirt­schaft wesent­lich län­ger als die­je­ni­ge im Mit­tel­al­ter. Man schätzt die­se Zeit auf immer­hin 1.500 Jah­re. Das alte Ägyp­ten mit sei­nen hohen Getrei­de­er­trä­gen wird ja bekannt­lich als die „Korn­kam­mer der Anti­ke“ bezeich­net. Die­se Zeit des Wohl­stan­des und des Reich­tums ende­te all­mäh­lich durch den grie­chi­schen Ein­fluss, der sich dort aus­brei­te­te. Spä­ter ersetz­ten die Römer das dor­ti­ge Wäh­rungs­sys­tem „durch ihr eige­nes mone­tä­res Sys­tem“, das sich eben­falls nega­tiv auf die Volks­wirt­schaft aus­wirk­te.

Im Hoch­mit­tel­al­ter war die Pha­se wirt­schaft­li­cher Expan­si­on von einer star­ken Zunah­me der Bevöl­ke­rung beglei­tet. Zwi­schen etwa den Jah­ren 1.000 und 1.300 ver­dop­pel­te sie sich im euro­päi­schen Raum von ca. fünf auf zehn Mil­lio­nen Men­schen. Die Boden­er­trä­ge stie­gen. Im Gewer­be kam es zu einer wei­te­ren Spe­zia­li­sie­rung und Arbeits­tei­lung. Es bil­de­te sich ein Markt für agra­ri­sche und gewerb­li­che Pro­duk­te.

In die­ser Zeit ent­stan­den auch die meis­ten der berühm­ten und präch­ti­gen Kathe­dra­len. Sie gehör­ten – auch
das ist wenig bekannt – weder der Kir­che noch den Fürs­ten, son­dern dem ein­fa­chen Volk, meist den Bür­gern der Stadt, in der sie erbaut wor­den waren. Sie wur­den auch von die­sen finan­ziert. Die Kir­che besaß selbst­ver­ständ­lich ihre „pri­vi­le­gier­ten Zei­ten“, in denen die Got­tes­diens­te statt­fan­den, sowie ihren „pri­vi­le­gier­ten Raum“ (den Chor um den Altar).

B. A. Lie­ta­er ver­deut­licht in fol­gen­der Schil­de­rung aus dem nor­ma­len Leben die dama­li­ge Situa­ti­on sehr anschau­lich:

„Natür­lich gibt es für die dama­li­ge Zeit kei­ne ‚Sta­tis­tik‘ in unse­rem heu­ti­gen Sin­ne… Den­noch besit­zen wir aus­sa­ge­kräf­ti­ge Quel­len. So berich­tet bei­spiels­wei­se Johann Butz­bach in sei­ner Chro­nik: ‚Die gemei­nen Leu­te hat­ten sel­ten weni­ger als vier Gän­ge bei der Mit­tagsund Abend­mahl­zeit. Sie aßen Getrei­de und Fleisch, Eier, Käse und Milch zum Früh­stück, und um 10 Uhr mor­gens und noch ein­mal um vier Uhr nach­mit­tags
eine leich­te Mahl­zeit.‘ Der His­to­ri­ker Fritz Schwartz brach­te die Ver­hält­nis­se auf den Punkt: ‚Kein Unter­schied zwi­schen Bau­ern­haus und Schloß.‘

Für die Gesel­len war der soge­nann­te blaue Mon­tag frei. Wäh­rend der Sonn­tag als der ‚Tag des Herrn‘ galt, an dem man sich um öffent­li­che Ange­le­gen­hei­ten küm­mer­te, war der Mon­tag der Tag, an dem die Men­schen Zeit für ihre Pri­vat­an­ge­le­gen­hei­ten hat­ten, Zusätz­lich gab es min­des­tens 90 offi­zi­el­le Fei­er­ta­ge im Jahr! Daher arbei­te­te ein Gesel­le im Durch­schnitt nicht mehr als vier Tage in der Woche. Außer­dem war auch die Zahl der Arbeits­stun­den pro Tag begrenzt. Als die Her­zö­ge von Sach­sen die Arbeits­stun­den von sechs auf acht
Stun­den am Tag aus­deh­nen woll­ten, revol­tier­te das Volk. Die Her­zö­ge muss­ten ihre Unter­ta­nen zudem ermah­nen, dass ‚Arbei­ter nur vier Gän­ge bei jeder Mahl­zeit‘ erhal­ten soll­ten.

Die Bau­ern, die als nied­rigs­ter Stand gal­ten ‚tru­gen Sil­ber­knöp­fe an Wes­te und Man­tel, meist in Dop­pel­rei­hen, und ver­wen­de­ten sil­ber­ne Schnal­len und Ver­zie­run­gen für ihre Schu­he‘. Sozia­le
Unter­schie­de zwi­schen hohem und nied­ri­gem Stand, Adel und Bau­ern, waren deut­lich geschrumpft.“

Die ganze Welt ist ein Theater</a> - Andreas Bangemann 0

Die ganze Welt ist ein Theater - Andreas Bangemann

Gleich­zei­tig Zuschau­er sein und Teil des Gesche­hens. Im Thea­ter ist das seit Jahr­hun­der­ten erleb­bar.
Die gan­ze Welt ist Büh­ne
und alle Frau­en und Män­ner blo­ße Spie­ler.
Sie tre­ten auf und gehen wie­der ab,
sein Leben lang spielt einer man­che Rol­len,
durch sie­ben Akte hin.
(Wil­liam Shake­speare, Wie es euch gefällt, II/7, 140–144)

Thea­ter spie­len wur­de in Lon­don als eine Art „Wun­der­waf­fe“ erkannt, weil sich durch die­se Kunst­form Poli­tik machen ließ. Köni­gin Eli­sa­beth I. (sie regier­te von 1558–1603) wuss­te das für ihre Zwe­cke zu nut­zen und trug mit dazu bei, dass das eng­li­sche Volk ins Schau­spiel­haus ström­te und in Eng­land Thea­ter von Welt­rang gemacht wur­de. Einer, der wie kein ande­rer Stü­cke auf die Büh­ne zu zau­bern ver­stand, war zwei­fel­los Wil­liam Shake­speare. Doch aus­ge­rech­net ihm wird auch nach­ge­sagt, dass er gar nicht der Urhe­ber der ihm zuge­schrie­be­nen Büh­nen­wer­ke war. Als wah­rer Autor wird am häu­figs­ten Sir Fran­cis Bacon, der angeb­li­che, erst­ge­bo­re­ne aber nicht aner­kann­te Sohn Eli­sa­beths I. genannt. Wel­che Iro­nie des Schau­spiels! Von Haus aus Wis­sen­schaft­ler konn­te Bacon die Intel­lek­tu­el­len auf der Ver­stan­des­ebe­ne über­zeu­gen. Eines sei­ner wei­te­ren Talen­te bestand dem­nach im Ver­fas­sen von Thea­ter­stü­cken, mit Hil­fe derer auch die mensch­li­che Gefühls­ebe­ne ange­spro­chen wur­de. Und eine sol­che Gabe lässt sich bis zum heu­ti­gen Tage nut­zen, um Geschich­ten zu erzäh­len, wel­che Men­schen hören wol­len. Geschich­ten, mit denen man die All­tags­sor­gen, die klei­nen wie die gro­ßen, hin­ter sich las­sen kann.

Fast kommt es einem vor, als wür­de die Geschich­te vom „guten Kapi­ta­lis­mus“ bereits Jahr­hun­der­te lang erzählt. Und selbst in sei­ner mil­li­ons­ten Varia­ti­on strö­men die Mas­sen noch immer in das Thea­ter der Exper­ten, um bei die­sem uralten Stück dabei zu sein.

Das Thea­ter von heu­te sind die unend­lich vie­len Fern­seh­sen­der. Mich macht es zuneh­mend sprach­los, wenn ich erle­be, wie sich in den Talk­show­ses­seln ver­meint­li­che Auto­ri­tä­ten mit Wor­ten äußern, deren Sinn eigent­lich dazu geeig­net wäre, die „alte Geschich­te“ in Fra­ge zu stel­len und die For­de­rung nach einer neu­en damit zu ver­bin­den. Jedoch, erkenn­bar gefähr­li­che Ent­wick­lun­gen wer­den indi­vi­du­el­len Fehl­leis­tun­gen zuge­schrie­ben, und als eine mensch­li­che Ent­glei­sung dar­ge­stellt, die nicht den Wahr­heits­ge­halt der alten Geschich­te gefähr­det. Die­se wird mun­ter wei­ter­erzählt. Von allen, gleich wel­chen poli­ti­schen Lagern sie ange­hö­ren. Nie­mand stellt grund­sätz­lich in Fra­ge, son­dern erzählt nur eine wei­te­re Varia­ti­on der alten Geschich­te. Mir scheint, als sei­en wir ver­mit­tels Spra­che
kaum noch in der Lage, das Gesche­hen­de wie­der­zu­ge­ben. Offen­bar müs­sen wir erle­ben, um wahr­zu­neh­men. Wie kann die­ses Erle­ben aus­se­hen, damit es uns wach­rüt­telt? Gibt es da etwas ande­res als Bege­ben­hei­ten, die wir uns bes­ser nicht aus­ma­len wol­len? Din­ge wie Nah­rungs­mit­tel­knapp­heit, Gewalt, Krie­ge usw.

Zu allen Zei­ten spiel­ten öko­no­mi­sche Belan­ge und Inter­es­sen die Haupt­rol­le. Selbst die seich­tes­ten Stü­cke des täg­li­chen Thea­ters haben mit Geld zu tun. Wirt­schaf­ten bedeu­tet in Bezie­hung ste­hen. Weil wir Men­schen nur in Gemein­schaft fort­be­stehen kön­nen, ist die Art, wie wir mit­ein­an­der umge­hen eine der wesent­lichs­ten Vor­aus­set­zun­gen für das Über­le­ben unse­rer Spe­zi­es. Als sol­che sind wir Teil allen Lebens auf der Erde und auch Teil des unend­li­chen Uni­ver­sums. Mitt­ler­wei­le spü­ren die aller­meis­ten, wie stark sich jeg­li­ches Han­deln der „alten Geschich­te“ des kapi­ta­lis­ti­schen Den­kens anpasst. Die Beschaf­fen­heit des Geld­we­sens bestimmt unse­re Denk­wei­se. Es wird Zeit, das zu erken­nen.

Wir sind Akteu­re und Zuschau­er zugleich. Wir sind Teil eines Gan­zen, des­sen Schick­sal auch unser Schick­sal ist. Nichts, was wir tun – aber auch nichts, was wir nicht tun – bleibt ohne Fol­gen für uns selbst.

Als Leser der HUMANEN WIRTSCHAFT sind Sie Teil des Wider­stands. Aber auch die Ver­kör­pe­rung des Neu­en. Im „Thea­ter des Lebens“ sind wir die Stö­ren­frie­de. Im Bemü­hen um eine kla­re Spra­che hin­sicht­lich aller Fra­gen zum Geld und sei­nen Wir­kun­gen hat sich kaum einer so ver­dient gemacht, wie unser Autor Hel­mut Creutz.

Im Bemü­hen um die Ein­bet­tung des Wirt­schafts­sys­tems in den gro­ßen Zusam­men­hang allen Seins schickt sich der­zeit Charles Eisen­stein aus den USA an, die Augen zu öff­nen. Es macht Freu­de, ihm zuzu­hö­ren, denn einer, wie er hat uns noch gefehlt. Einer der die Ver­stan­des­welt ratio­na­ler Fak­ten in ein Gesamt­bild über­führt, das auch „gefühlt“ wer­den kann. Vie­les von dem, wor­über er phi­lo­so­phiert lässt sich mit jener nüch­ter­nen Logik errei­chen, die unse­re Reform­vor­schlä­ge zur Geld- und Boden­ord­nung prä­gen. Logik und Gefühl – wir sind nicht umsonst mit bei­dem von der Natur aus­ge­stat­tet wor­den.

Las­sen Sie uns gemein­sam mit allen unse­ren vor­treff­li­chen Auto­ren – in die­ser und in allen ande­ren Aus­ga­ben – ver­su­chen, den letz­ten Akt die­ses Schau­spiels im „Thea­ter des Scheins“ in den ers­ten Akt einer neu­en Geschich­te zu über­füh­ren. Wir haben das Zeug dazu.

Herz­lich grüßt Ihr Andre­as Ban­ge­mann

Termine 01/2014 0

Termine 01/2014

Ter­min­über­sicht 01/2014 mit vie­len her­vor­ra­gen­den Ver­an­stal­tun­gen ab Janu­ar 2014 und Ter­mi­nen bis in den Sep­tem­ber, die Sie sich unbe­dingt vor­mer­ken soll­ten.

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer 0

Im Bannkreis des Geldes – Markus Pühringer

Wir ver­brin­gen einen gro­ßen Teil unse­rer Zeit mit Din­gen, die uns nicht wirk­lich glück­lich macht: Arbei­ten, Kau­fen, Kon­su­mie­ren. Die wah­ren Quel­len des Glücks lie­gen aber im „inne­ren Selbst“. War­um wir den­noch das Glück im Außen suchen, hängt mit unse­rem moder­nen Geld zusam­men.

Ver­mut­lich ken­nen Sie die Anek­do­te zur Sen­kung der Arbeits­mo­ral von Hein­rich Böll (1963). Dar­in beschreibt er einen ärm­lich geklei­de­ten Fischer, der in einem Hafen an der West­küs­te Euro­pas schläft. Er
wird durch das Kli­cken des Foto­ap­pa­ra­tes eines Tou­ris­ten geweckt. Der Tou­rist fragt den Fischer, war­um er denn nicht fische, wo doch so idea­les Wet­ter dafür sei. Nach eini­gem Zögern ant­wor­tet der Fischer, dass er heu­te schon drau­ßen gewe­sen sei und einen so guten Fang gehabt hät­te, dass es für die nächs­ten Tage noch rei­che. Nach eini­gem Zögern geht mit dem Tou­ris­ten die Phan­ta­sie durch: Wenn der Fischer heu­te doch noch drei- oder vier­mal hin­aus­fah­ren wür­de, dann wür­de er viel ver­die­nen. Damit könn­te er mit­tel­fris­tig ein klei­nes Unter­neh­men grün­den und immer wei­ter wach­sen. Das Unter­neh­men könn­te so groß wer­den, dass er sogar ins Aus­land Fische lie­fern kön­ne. Und, dann – der Tou­rist kommt zum Ende sei­ner Phan­ta­sier­ei­se – dann hät­te der Fischer genug ver­dient, um ein­fach am Hafen sit­zen und sich ruhig ent­span­nen zu kön­nen. Dar­auf ent­geg­net der Fischer gelas­sen, am Hafen sit­zen und sich ent­span­nen kön­ne er doch jetzt schon. Das mache er ja gera­de. Dar­auf­hin ver­schlägt es dem Tou­ris­ten die Spra­che, nach­denk­lich und ein wenig nei­disch geht er fort.

Ich den­ke, an die­ser klei­nen Geschich­te wer­den zwei kon­trä­re Welt­an­schau­un­gen deut­lich. Der Fischer lebt im „Hier und Jetzt“. Er hat heu­te genug für sei­nen Lebens­un­ter­halt getan, ja er hat sogar so viel gefan­gen, dass er an den nächs­ten Tagen nichts tun muss. Frei­lich: Er ist ärm­lich geklei­det, er besitzt ver­mut­lich selbst kei­nen Foto­ap­pa­rat und er kann sich ver­mut­lich auch kei­ne teu­ren Tou­ris­ten­aus­flü­ge leis­ten. Aber ich stel­le mir ihn als einen glück­li­chen und zufrie­de­nen Men­schen vor: Er ver­fügt über wenig mate­ri­el­len Reich­tum, aber er hat einen gro­ßen Luxus an frei ver­füg­ba­rer
Zeit: Er hat so Zeit für ein Schläf­chen am hell­lich­ten Tag. Er hat ver­mut­lich auch Zeit für sei­ne Freun­dIn­nen, sei­ne Kin­der, sei­ne Lei­den­schaf­ten; ja Zeit, um mit sich (sei­nem „inne­ren Selbst“) in gutem Kon­takt zu ste­hen. Der Fischer steht für die Über­zeu­gung, dass sich das „gute Leben“ ein­stel­len wird, wenn wir unse­re Lebens­zeit für eine gute Bezie­hung zu unse­rem Selbst und zu unse­ren Mit­men­schen auf­bau­en; oder in ande­ren Wor­ten.

Die gegen­tei­li­ge Welt­an­schau­ung ver­kör­pert der Tou­rist: Das gute Leben ist dem­nach nicht im Inne­ren, son­dern aus­schließ­lich im Außen zu fin­den. In der Phan­ta­sie des Tou­ris­ten wird sich das gute Leben für den Fischer dann ein­stel­len, wenn er viel arbei­tet, die Gewin­ne gut anlegt und ein immer grö­ße­res Unter­neh­men auf­baut. Anders aus­ge­drückt: Er wür­de sei­ne Lebens­zeit für die Pro­duk­ti­on von immer mehr Tausch­wer­ten ver­wen­den und – weil er das Erar­bei­te­te nicht aus­gibt – von der Funk­ti­ons­lo­gik des Kapi­ta­lis­mus pro­fi­tie­ren: Wenn der Fischer Geld spa­ren kann und die­ses im eige­nen Unter­neh­men inves­tiert, so muss das inves­tier­te Kapi­tal jeden­falls eine Ren­di­te abwer­fen, die so hoch ist wie eine alter­na­ti­ve Ver­an­la­gungs­mög­lich­keit. Aus dem Fischer-Unter­neh­mer ist längst da schon ein Kapi­ta­list gewor­den. Mit stei­gen­dem Reich­tum erhält er immer höhe­re Reich­tums­prä­mi­en. Und dann – irgend­wann ein­mal – könn­te es den Punkt geben, wo der Fischer so reich gewor­den ist, dass sein Geld so sehr für ihn arbei­tet, dass er selbst nicht mehr arbei­ten müs­se und zufrie­den in der Son­ne lie­gen kön­ne. Frei­lich hat die­se Vor­stel­lung einen Pfer­de­fuß: Denn wenn der rei­che Fischer – selbst bei gro­ßem Reich­tum – auf Müßig­gang ver­zich­tet und mehr arbei­tet, kann er sei­nen mate­ri­el­len Luxus wei­ter stei­gern. Das heißt: Es wird den Punkt, wo er sich wirk­lich aus­ruht, kaum ein­mal geben. Denn er steht bestän­dig unter der Anrei­zwir­kung des moder­nen Gel­des. Die­se besagt: Wer im „Hier und Jetzt“ Tausch­wer­te pro­du­ziert und spart, wird in der Zukunft eine Prä­mie erhal­ten. Was wir bei der Betrach­tung die­ser Lebens­wei­se meist ver­ges­sen: Trotz Reich­tums ver­zich­tet unser Unter­neh­mer-Fischer auf sehr viel: auf Zeit für sich, für sei­ne Freun­dIn­nen, für sei­ne Selbst­ent­fal­tung, für sei­ne
Kin­der. Er mag mate­ri­ell reich sein, aber arm an Bezie­hun­gen, Lei­den­schaf­ten und schö­nen Augen­bli­cken.

Die Logik des moder­nen Gel­des schafft einen per­ma­nen­ten mate­ri­el­len Anreiz das Glück im Außen zu suchen: Reich­tum, Leis­tung und Arbeit wur­den im Kapi­ta­lis­mus zur ver­meint­li­chen Quel­le des Glücks. Oder mit den Wor­ten des eng­li­schen Phi­lo­so­phen Tho­mas Hob­bes (1588–1679): Das Glück des Erden­le­bens bestehe nun nicht mehr in der „unge­stör­ten See­len­ru­he“, wie es unser Fischer ver­kör­pert, son­dern „im Fort­gang von einem Wunsch zum ande­ren, wobei die Errei­chung des ers­te­ren immer dem fol­gen­den den Weg bah­nen muss.“

TAFTA – die große Unterwerfung – Lori Wallach 0

TAFTA – die große Unterwerfung – Lori Wallach

Auf­ge­reg­te Poli­ti­ker von Ber­lin bis Brüs­sel sehen durch den NSA-Skan­dal das Trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­ab­kom­men in Gefahr. Über das, was in dem ange­streb­ten Ver­trag ste­hen soll, reden sie nicht so gern. Ein Blick auf die ers­ten Blau­pau­sen lässt ahnen, was Euro­pas Bür­ger nicht zu früh erfah­ren sol­len.

Bereits vor fünf­zehn Jah­ren ver­such­ten Groß­un­ter­neh­men bei den Ver­hand­lun­gen über das Mul­ti­la­te­ra­le Abkom­men über Inves­ti­tio­nen (MAI) ihre Macht heim­lich still und lei­se in unvor­stell­ba­rem Maße aus­zu­wei­ten. Damals schei­ter­te das Pro­jekt am hart­nä­cki­gen Wider­stand der Öffent­lich­keit und der Par­la­men­te. Damit wur­de unter ande­rem ver­hin­dert, dass sich ein­zel­ne Kon­zer­ne den­sel­ben Rechts­sta­tus wie Natio­nal­staa­ten ver­schaf­fen konn­ten. Das hät­te etwa bedeu­tet, dass Unter­neh­men eine Regie­rung ver­kla­gen kön­nen, „ent­gan­ge­ne Gewin­ne“ aus Steu­er­gel­dern aus­zu­glei­chen.

Jetzt aber kom­men die­se Plä­ne erneut auf den Tisch, und zwar in deut­lich ver­schärf­ter Fas­sung. Der offi­zi­el­le Name des neu­en Pro­jekts lau­tet „Trans-Atlan­tic Tra­de and Invest­ment Part­nership“, abge­kürzt TTIP. Die­ses trans­at­lan­ti­sche Han­dels- und Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men soll, ähn­lich wie frü­her das MAI, die Pri­vi­le­gi­en von Kon­zer­nen und Inves­to­ren absi­chern und sogar noch aus­wei­ten. So wol­len die EU und die USA ihre jewei­li­gen Stan­dards in „nicht han­dels­po­li­ti­schen“ Berei­chen ver­ein­heit­li­chen. Die­se ange­streb­te „Har­mo­ni­sie­rung“ ori­en­tiert sich erwar­tungs­ge­mäß an den Inter­es­sen der Kon­zer­ne und Inves­to­ren.
Wer­den deren Stan­dards nicht erfüllt, kön­nen zeit­lich unbe­grenz­te Han­dels­sank­tio­nen ver­hängt wer­den. Oder es wer­den gigan­ti­sche Ent­schä­di­gun­gen für die Unter­neh­men fäl­lig.

Die Ver­hand­lun­gen über die­se Art Staats­streich in Zeit­lu­pe haben im Juli die­ses Jah­res in Washing­ton begon­nen – mit der erklär­ten Absicht, in zwei Jah­ren ein Abkom­men zu unter­zeich­nen, das eine trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­zo­ne „Trans-Atlan­tic Free Tra­de Area“ (TAFTA) begrün­den wird. Das gesam­te TTIP-TAFTA-Pro­jekt gleicht dem Mons­ter aus einem Hor­ror­film, das durch nichts tot­zu­krie­gen ist. Denn die Vor­tei­le, die eine sol­che „Wirt­schafts-NATO“ den Unter­neh­men bie­ten wür­de, wären bin­dend, dau­er­haft und prak­tisch irrever­si­bel, weil jede ein­zel­ne Bestim­mung nur mit Zustim­mung sämt­li­cher Unter­zeich­ner­staa­ten geän­dert wer­den kann.

Wer stirbt? Wer bleibt übrig? – Wolfgang Berger 0

Wer stirbt? Wer bleibt übrig? – Wolfgang Berger

Finan­zi­el­le Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen fah­ren die Ern­te ein. 

Nied­ri­ge Hypo­the­ken­zin­sen und die Erwar­tung stei­gen­der Immo­bi­li­en­prei­se haben auch „Subprime“-Kreditnehmer (mit schlech­ter Boni­tät) zu Haus­ei­gen­tü­mern gemacht. Die­se Kre­di­te wur­den zu „Deri­va­ten“ gebün­delt und mit kurz­fris­ti­gen Rück­kauf­ver­ein­ba­run­gen („Repos“ = Sale and Repurcha­se Agree­ment) wei­ter­ver­kauft. So kam erst ein­mal Geld in die Kas­se. Bear Sterns und Leh­man Bro­ther (USA) bra­chen 2008 zusam­men, als sie Rück­kauf­ver­pflich­tun­gen nicht erfül­len konn­ten. Das aber waren nur Test­läu­fe.

Frü­her wur­den Kre­di­te gegen Sicher­hei­ten ver­ge­ben. Jeder Haus­ei­gen­tü­mer weiß das. Deri­va­te in Ver­bin­dung mit Repo-Geschäf­ten schöp­fen Geld ohne Sicher­hei­ten. Die eine Bank nimmt, die ande­re gibt – und das im Kreis­lauf ad infi­ni­tum. Das Geld kommt nicht in die Real­wirt­schaft, die dem Finanz­sek­tor gleich­gül­tig ist. Des­halb löst es kei­ne Infla­ti­on aus. Der Kreis­lauf hat sich zum Kil­ler-Spiel ent­wi­ckelt: Live and let die (Lebe und las­se ster­ben). Als Bear Sterns zusam­men­brach war JP Mor­gan Cha­se der Sie­ger. Von Leh­man Bro­thers Unter­gang haben die bri­ti­sche Bar­clays und Gold­man Sachs pro­fi­tiert.

Der Test hat funk­tio­niert. Gold­man Sachs hat mit Hank Paul­son als USFi­nanz­mi­nis­ter meh­re­re Geset­ze durch­brin­gen las­sen, die Deri­va­te in safe havens (siche­ren Häfen) ver­wan­delt haben. Das bedeu­tet: Eine Bank, die Wert­pa­pie­re über Deri­va­te besitzt, kann die­se beim Kon­kurs der Schuld­ner­bank behal­ten. Durch zwei EU-Direk­ti­ven haben Deri­va­te-Besit­zer auch in Euro­pa bevor­zug­ten Gläu­bi­ger­sta­tus. Wäh­rend es im regu­lä­ren Insol­venz­recht eine Bevor­zu­gung von Gläu­bi­gern nicht gibt, ist sie bei Deri­va­ten jetzt die Norm.

Nun konn­te der nächs­te Test­bal­lon stei­gen: Mit MF Glo­bal war in 2010 eine US-Bank das Opfer, die Ein­la­gen von 38.000 Kun­den ver­wal­te­te und Far­mern mit Waren­ter­min­ge­schäf­ten die Ein­nah­men nach der Ern­te absi­cher­te. Ins­ge­samt 1,2 Mil­li­ar­den Dol­lar sind ver­schwun­den; tau­sen­de Far­mer haben ihr gesam­tes Ver­mö­gen ver­lo­ren. Bran­chen­ken­ner ver­mu­ten, dass die 1,2 Mil­li­ar­den über Deri­va­te bei JP Mor­gan gelan­det sind. Nie­mand ist ver­haf­tet wor­den; es ist alles nach Recht und Gesetz abge­wi­ckelt wor­den.

Die EU-Ban­ken-Regu­lie­rung soll uns beru­hi­gen. Die bel­gisch-fran­zö­si­sche Dexia, die Dar­le­hen an Kom­mu­nen ver­ge­ben hat, ist im „Stress-Test“ der Euro­päi­schen Ban­ken­auf­sicht mit der Best­no­te bewer­tet wor­den und kurz dar­auf in Schwie­rig­kei­ten gera­ten. Bel­gi­en, Frank­reich und Luxem­burg muss­ten in 2011 Staats­ga­ran­ti­en in Höhe von 90 Mil­li­ar­den Euro geben. Gewin­ner waren dies­mal Ban­ken in Cana­da, Hong­kong und das Emi­rat Katar. Ihnen allen geht es dar­um, sys­tem­re­le­vant zu wer­den: so groß, dass sie bei einem Schei­tern geret­tet wer­den müs­sen („too big to fail“) – Voll­kas­ko für Raub­über­fäl­le auf Kos­ten der Steu­er­zah­ler.

Hedge-Fonds betrei­ben das Deri­va­te­ge­schäft unter der Tisch­kan­te der regu­lier­ten Ban­ken in einer atem­be­rau­ben­den Grö­ßen­ord­nung wei­ter. Die offi­zi­el­len Bank­bi­lan­zen sehen sau­ber aus; die Risi­ken wer­den ver­schlei­ert. Die mäch­tigs­te Bank der Welt, die Base­ler Bank für Inter­na­tio­na­len Zah­lungs­aus­gleich (BIZ) hat dem ihren Segen erteilt. Ist es ein Plan, ver­wund­ba­re Ban­ken oder schwa­che Natio­nen aus­zu­rau­ben? Was jetzt noch fehlt ist ein Crash-Ereig­nis, das die gro­ßen Spie­ler brau­chen, um Wett­be­wer­ber abzu­schie­ßen. Nie­mand wird bei der Ent­eig­nung ein Gesetz ver­let­zen oder bestraft wer­den. Es ist alles gut vor­be­rei­tet. Es wird vie­le Ver­lie­rer geben und weni­ge strah­len­de Sie­ger. Dann ist „too big to fail“ pas­sé; für Regie­run­gen gilt dann „too week to act“ (zu schwach zum Han­deln): sie sind den gro­ßen Spie­lern unter­tan.