Die große Transformation hat gerade erst angefangen – Thomasz Konicz interviewt Fabian Scheidler

Fabian Scheid­ler über die Schran­ken des kapi­ta­lis­ti­schen Welt­sys­tems und den Nieder­gang des mäch­tigs­ten und auch gefähr­lichs­ten Systems, das die Welt­ge­schich­te je erlebt hat.

„Sie verwen­den in ihrem Buch für das gegen­wär­ti­ge kapi­ta­lis­ti­sche Welt­sys­tem das Bild einer riesi­gen, welt­um­span­nen­den Maschi­ne, der titel­ge­ben­den Mega­ma­schi­ne. Können Sie diesen Begriff etwas erläu­tern? Zielt er auf tech­ni­sche Aspek­te ab, oder ist es ein Herr­schafts­be­griff?“

„Mega­ma­schi­ne ist eine Meta­pher für ein ökono­mi­sches, poli­ti­sches, mili­tä­ri­sches und ideo­lo­gi­sches System, das vor etwa 500 Jahren in Europa entstan­den ist und sich seit­her um den ganzen Globus verbrei­tet hat. Wir wach­sen mit dem Mythos auf, dass Europa der Ausgangs­punkt von allem Fort­schritt ist, dass wir der Welt die Wissen­schaft, die Frei­heit, die Demo­kra­tie, den Wohl­stand, die Zivi­li­sa­ti­on und so weiter­ge­bracht hätten. In meinem Buch geht es ein Stück weit darum, diesen Mythos zu demon­tie­ren und zu zeigen, dass die Expan­si­on der Mega­ma­schi­ne von Anfang an mit extre­mer Gewalt, Ungleich­heit und Natur­zer­stö­rung verbun­den war, und dass viele unse­rer heuti­gen globa­len Krisen genau aus dieser Dyna­mik entsprin­gen.

Dieses System ist unter verschie­de­nen Namen bekannt – kapi­ta­lis­ti­sche Welt­wirt­schaft, moder­nes Welt­sys­tem, die ‚Moder­ne‘ usw. Ich benut­ze die Meta­pher einer Maschi­ne, weil dieses System teil­wei­se wie eine Maschi­ne zu funk­tio­nie­ren scheint, wenn man sich etwa die inter­na­tio­na­le Arbeits­tei­lung anschaut, das Finanz­sys­tem, die globa­le Ener­gie­ver­sor­gung, Medien- oder Mili­tär­ap­pa­ra­te, die ja alle eng mitein­an­der verfloch­ten sind.

Der Kern dieses Systems, sein über­ge­ord­ne­tes Gesetz, ist die endlo­se Akku­mu­la­ti­on von Kapi­tal. Das ist sein Haupt­zweck, dem alles andere unter­ge­ord­net wird. Mensch und Natur werden dafür benutzt, aus Geld mehr Geld zu machen, und deswe­gen werden wir tenden­zi­ell zu Maschi­nen­räd­chen in diesem Getrie­be degra­diert.

Natür­lich darf man die Meta­pher nicht zu wört­lich nehmen, denn letzt­lich besteht das System aus Menschen, die sich zwar teil­wei­se wie Maschi­nen­tei­le verhal­ten, aber trotz­dem nicht aufhö­ren, mensch­li­che Wesen zu sein. Die meis­ten Lebens­be­rei­che sind zwar von der Macht der Maschi­ne infi­ziert, aber wir haben auch Frei­hei­ten, ein Leben jenseits der Maschi­ne, und das gilt es zu vertei­di­gen und zu erwei­tern.“

„Sind Sie da nicht etwas zu opti­mis­tisch? Mir scheint es eher, dass die letz­ten nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Nischen, die letz­ten Frei­räu­me gerade in der Krise verschwin­den. Alles scheint der Verwer­tungs­lo­gik unter­wor­fen zu werden, selbst die Subkul­tur. Wo sehen sie noch ein ‚Leben jenseits der Maschi­ne‘?“

„Der Druck, die Kommer­zia­li­sie­rung, die Ausbeu­tung, all das nimmt tatsäch­lich zu. Aber das bleibt auf Dauer nicht ohne Reak­ti­on. Die Geschich­te verläuft nicht linear. Schau­en Sie nach Südeu­ro­pa, da gibt es enor­men Aufruhr, neue Subkul­tu­ren. Auch in den USA übri­gens.

Der Wider­stand, der Wille zur Frei­heit beginnt ja im Kopf. Und wir können beob­ach­ten, wie der Glaube an das System lang­sam bröckelt, ja teil­wei­se in sich zusam­men­bricht. Der Lack ist ab, die Leute sehen zuneh­mend die Gewalt und auch die Sinn­lo­sig­keit dahin­ter. Damit schwin­det ein Stück weit die ideo­lo­gi­sche Macht, die ja ein wich­ti­ger Teil der Herr­schaft ist. Wo das hingeht, ist voll­kom­men unge­wiss, aber die Risse im System werden immer deut­li­cher.“

Verzah­nung von Mili­tär­staat
und Geld­ver­wer­tungs­lo­gik
„Ich fand den lang­fris­ti­gen Ansatz ihres Buches inter­es­sant. Sie versu­chen, die Genese des gegen­wär­ti­gen Systems über einen langen histo­ri­schen Zeit­raum zurück­zu­ver­fol­gen. Wie weit reichen Ihrer Ansicht nach die ‚Ursprün­ge‘ der ‚Mega­ma­schi­ne‘?“

„Die Ursprün­ge der kapi­ta­lis­ti­schen Welt­wirt­schaft reichen bis ins Spät­mit­tel­al­ter zurück. Eine der Keim­zel­len waren die hoch mili­ta­ri­sier­ten Stadt­staa­ten Genua und Vene­dig, die sich damals zu Handels­im­pe­ri­en entwi­ckel­ten, die von Spani­en bis zur Krim reich­ten. Einen erheb­li­chen Teil ihres Reich­tums ging auf Raub­zü­ge zurück. Genua und Vene­dig etwa finan­zier­ten viele der Kreuz­zü­ge, einschließ­lich ihrer Massa­ker, und beka­men dafür als Rendi­te einen Teil der Beute, Mono­po­le und Mili­tär­stütz­punk­te. Die Handels­häu­ser grün­de­ten dann Banken, die etwas von diesem erbeu­te­ten Reich­tum verlie­hen, nicht nur an andere Händ­ler sondern auch an Staa­ten.

Es gibt ja den hart­nä­cki­gen Mythos, dass Staat und Markt Gegen­spie­ler seien, dass sich der Kapi­ta­lis­mus aus dem Pionier­geist freier und fried­li­cher Händ­ler entwi­ckelt hätte, jenseits staat­li­cher Despo­tie. Aber Kapi­tal und moder­ner Staat waren von Anfang an eng verfloch­ten, sie haben sich gemein­sam, ko-evolu­tio­när entwi­ckelt und konn­ten niemals ohne einan­der auskom­men. Die Kapi­tal­be­sit­zer brauch­ten die physi­sche Macht des Staa­tes für ihre gewalt­sa­me Expan­si­on und auch für das Nieder­schla­gen von Wider­stand in der Bevöl­ke­rung gegen die zuneh­men­de Ausbeu­tung, der von Anfang an massiv war. Und die Staa­ten brauch­ten das Handels- und Finanz­ka­pi­tal, um ihre Söld­ner­ar­me­en zu finan­zie­ren.

Der moder­ne Staat war ja vor allem ein Mili­tär- und Repres­si­ons­ap­pa­rat, und es brauch­te enorm viel Geld, um die neuen Armeen mit Hundert­tau­sen­den von Solda­ten und großen Kano­nen aufzu­bau­en, mit denen man die Welt erobern konnte. Diese Verzah­nung von Mili­tär­staat und Geld­ver­wer­tungs­lo­gik hat dann die unge­heu­re Aggres­si­vi­tät des Systems hervor­ge­bracht, die sich durch die gesam­te Geschich­te der letz­ten 500 Jahre zieht.

Die Conquis­ta, die gewalt­sa­me Erobe­rung Mittel- und Südame­ri­kas, etwa wurde von den Banken in Genua, Augs­burg und Antwer­pen finan­ziert. Ihr ‚return on invest­ment‘ waren die unge­heu­ren Gold- und Silber­men­gen, die dort erbeu­tet wurden und wieder­um die euro­päi­sche Geldöko­no­mie antrie­ben. Für die Indi­ge­nen Ameri­kas war das Ergeb­nis der größte Völker­mord, den die mensch­li­che Geschich­te bis dahin erlebt hatte. Oft waren staat­li­che und ökono­mi­sche Gewalt in densel­ben Händen konzen­triert, zum Beispiel in den frühen Akti­en­ge­sell­schaf­ten, die über eigene Armeen, ja eine Art eige­nen Staats­ap­pa­rat verfüg­ten und auf den Trüm­mern der von ihnen erober­ten Regio­nen die moder­nen Kolo­ni­al­rei­che aufbau­ten.“

„Sie gehen ja mitun­ter noch weiter zurück, bis in das frühe Alter­tum, um die Entste­hung von Macht und Herr­schaft darzu­stel­len. Worin besteht den Ihrer Ansicht nach der funda­men­ta­le, quali­ta­ti­ve Bruch zwischen dem Kapi­ta­lis­mus und den vorhe­ri­gen Gesell­schafts­for­ma­tio­nen, dem Alter­tum oder dem Mittel­al­ter?“

„Es gab in der Antike auch schon Markt­sys­te­me, die eng mit dem mili­ta­ri­sier­ten Staat zusam­men­hin­gen. Eine wich­ti­ge Rolle hat dabei die Erfin­dung des Münz­gel­des gespielt, das erst­mals dauer­haf­te, große Söld­ner­hee­re ermög­lich­te und zu einer enor­men Kommer­zia­li­sie­rung des Mittel­meer­raums geführt hat. Ohne diese Erfin­dung wäre zum Beispiel das Römi­sche Reich mit seinen riesi­gen Armeen nicht denk­bar gewe­sen.

Trotz­dem unter­schei­det sich das moder­ne Welt­sys­tem in eini­gen wesent­li­chen Punk­ten davon. In der Mega­ma­schi­ne hat sich die Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on verselb­stän­digt, auto­ma­ti­siert, sie ist zur Insti­tu­ti­on mit einer Eigen­lo­gik gewor­den. In Rom gab es zwar auch eine enorme Anhäu­fung von Reich­tum in den Händen Weni­ger, aber es gab so etwas wie einen stabi­len Endpunkt, eine maxi­ma­le Ausdeh­nung sowohl des Reichs als auch des Reich­tums. Die Stabi­li­tät dieses Zustands war obers­te poli­ti­sche Prio­ri­tät. Die Mega­ma­schi­ne aber verlangt nach endlo­ser Expan­si­on, endlo­sem Wachs­tum.

Einer der Gründe dafür ist, dass das Verhält­nis von Staat und priva­tem Kapi­tal anders ist. Verein­facht ausge­drückt konnte der Staat in Rom die Ökono­mie auto­ri­tär kontrol­lie­ren, während in der Moder­ne die inter­na­tio­nal orga­ni­sier­ten Kapi­tal­be­sit­zer von Anfang an die einzel­nen Natio­nal­staa­ten vor sich her getrie­ben haben, in eine irrsin­ni­ge Stand­ort­kon­kur­renz und auch mili­tä­ri­sche Konkur­renz, was wieder­um die Akku­mu­la­ti­on enorm ange­heizt hat.

Eine Beson­der­heit der Mega­ma­schi­ne ist auch, dass sie irgend­wann begon­nen hat, ganz neue Ener­gie­quel­len zu erschlie­ßen, nämlich Kohle und später Öl. Das hat ihr über­haupt die tech­ni­schen Mittel gege­ben, den ganzen Plane­ten zu beherr­schen – und uns das Klima­de­sas­ter zu besche­ren.

Warum aber ausge­rech­net in England ab dem 18. Jahr­hun­dert plötz­lich Stein­koh­le verbrannt wurde, die ja seit der Antike bekannt war, kann man nur aus der Eigen­dy­na­mik des Systems verste­hen. Die Produk­ti­on, insbe­son­de­re die Metall- und Rüstungs­pro­duk­ti­on, stieß damals an ener­ge­ti­sche Gren­zen, die Holz­koh­le wurde knapp und teuer, und deshalb wurde fieber­haft nach neuen Ener­gie­quel­len gesucht, um weiter akku­mu­lie­ren und neue Kano­nen bauen zu können. Die Kohle war dafür die Lösung.“

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