Zeitmanagement als Form der Selbstausbeutung – Michael Freuding

Die Kehrseite der Medaille
Zeitmanagement als Form der Selbstausbeutung
Michael Freuding

1. Einleitung –
Die „Große Erzählung“
Wenn heutzutage von „Zeitmanagement“ die Rede ist, löst das eine Fülle von Bildern aus: Man denkt an junge, schöne Menschen, an Apple-Produkte, Nadelstreifenanzüge, graphische Darstellungen von Börsenkursen und andere Symbole des beruflichen Erfolges. Wer wollte nicht Manager sein, sich selbst optimieren, vorwärts kommen, eigene Ziele erreichen? All das klingt verheißungsvoll und weckt Erwartungen, die in der Gegenwart durchweg positiv besetzt sind. Die „Große Erzählung“, nach der wir unser Leben richten, drängt uns zum Glauben an die Allmacht der Märkte und vermittelt uns das Selbstbild einer Produktionseinheit mit eigenem Warenwert. So gesehen sollen Techniken des Zeitmanagements die wirtschaftliche Produktivität des Menschen erhöhen. „Wenn dieses Ziel erreicht ist, wird der Einzelne in einer Gesellschaft des freien Wettbewerbs durch höhere Einkommen für seine Dienstleistungen belohnt, als er sie sonst erzielt hätte.“

Wer solchen Ökonomisierungstendenzen des menschlichen Lebens kritisch gegenübersteht, findet heute kaum noch Fürsprecher. Vielmehr gilt Selbstausbeutung als schick und findet im Alltag reichen Zuspruch. Was früher Zwang und Gewaltanwendung erforderte, erledigt sich nunmehr von alleine: Arbeiter, Angestellte und Beamte fügen sich den Wünschen einer imaginären Marktmacht, weil sie die Optimierung ihrer Produktivität als selbst gesetzte Aufgabe wahrnehmen. Damit sie in der Erfolgskultur bestehen können, besuchen sie auf eigene Kosten Zeitmanagementseminare, lesen Bücher mit „Chaka“-Effekt und hinterfragen stündlich ihren Warenwert. In diesem Klima der Dauerevaluation ist eine Art neoliberale Esoterik entstanden, die Anleitungen gibt, wie man sich im Gefüge des Wettbewerbs behaupten kann. Abhandlungen zum Thema Zeitmanagement sind nur eine Facette dieses Trends.

2. Freizeit
und ihre Rechtfertigung
Der ehemalige amerikanische Präsident Carter soll seinen Mitarbeitern noch einen sorgsamen Umgang mit der Zeit verordnet haben. Er galt als Verfechter des Müßiggangs. Wer über möglichst viel Freizeit verfügte, galt in seinen Augen als nützlicher als ein Mensch, der sich selber ausbeutete. Mit seinen Ansichten stand der Präsident nicht alleine: Schon Bertrand Russel hatte in seinem „Lob des Müßiggangs“ eine Auffassung zum Umgang mit der Zeit vertreten, die im Kontrast zu konservativen Wertvorstellungen stand. Die Moral der Arbeit war für ihn eine Sklavenmoral, die in der neuzeitlichen Welt die Sklaverei ersetzte. Als Russel seine Gedanken niederschrieb, hätte der Begriff „Zeitmanagement“ wahrscheinlich noch Befremden ausgelöst. Heute wundert sich darüber keiner mehr. Das geheimnisvolle Konstrukt der „Märkte“ bestimmt unser Denken und Handeln, und wir sind es gewohnt, auch noch die alltäglichsten Dinge in einen ökonomischen Wortschatz zu kleiden. Wir „investieren“ in Beziehungen , „produzieren“ Nachwuchs und „kalkulieren“ unsere Lebensrisiken. Modernes Zeitmanagement soll uns dabei helfen, mit unserer wertvollsten „Ressource“ – der Zeit – zu „haushalten“.

Damit die durchökonomisierte Welt reibungslos funktioniert, sind bestimmte Glaubenssätze notwendig, um die zunehmende Entmenschlichung der Arbeitswelt zu verschleiern. Der Einzelne als Produktionsfaktor soll glauben, dass ein vernünftiger Umgang mit der Zeit auch noch in der Gegenwart möglich sei. Aus der zunehmenden Zeitnot wird so eine doppelte Tugend, die einerseits das Überleben der Zeitmanagement-Prediger sichert und uns andererseits Zustände hinnehmen lässt, die ansonsten wohl eine Revolte auslösen würden. Wer noch über ein gesichertes Einkommen verfügt, weiß längst, dass immer mehr Arbeit auf immer weniger Köpfe verteilt wird. Zeitmanagement ist in diesem Kontext eine Überlebensfrage. Denn wenn man nicht zu den 20 Prozent der Mitarbeiter zählt, die gemäß dem Pareto-Prinzip 80 Prozent der Leistung erbringen, läuft man schnell Gefahr, aus dem Erwerbsleben auszuscheiden.

Wie doppelzüngig der Begriff Zeitmanagement von seinen Verfechtern verwendet wird, lässt sich unter anderem bei Eckhard Seidel zeigen. Der Titel seines Ratgebers „Zeitstress – ade!“ lässt vermuten, es ginge dem Autor um eine Entlastung seiner Leserschaft von Alltagsmühen. Schaut man aber genauer hin, merkt man, dass Freiheit von Stress für Seidel keinen Selbstzweck darstellt, sondern dem Credo des Erfolgs verpflichtet ist. Demnach dienen Erholungsphasen als Kraftquelle für Führungskräfte, die etwas bewegen wollen. Erholung ist in diesem Sinne kein legitimes menschliches Bedürfnis, sondern rechtfertigt sich allein aus übergeordneten wirtschaftlichen Zielen. Erholte Manager erreichen diese Ziele offenbar leichter, weshalb die (an sich anrüchige) „Freizeit“ ihren negativen Beigeschmack verliert. Wirkte sich Müßiggang nicht positiv auf die Leistungsfähigkeit aus, verlöre er nach diesem Weltbild seine Rechtfertigung.
3. Verräterische Sprache
Für das, was Zeitmanagement ausmacht, ließen sich verschiedene Bezeichnungen finden. Anstatt von Zeitmanagement könnte man ebenso gut von Zeitgestaltung, Zeitverwaltung oder Zeitplanung sprechen. Was man mit den entsprechenden Begriffen verbindet, hängt davon ab, aus welchem Fachgebiet sie stammen. Wer etwas „managt“, ist auf nutzenorientierte Optimierung aus, wohingegen das „Gestalten“ einen kreativeren Umgang mit der Sache nahelegt. Welche Begrifflichkeit sich durchsetzt, ist eine Machtfrage und sagt viel über den gegenwärtigen Zustand einer Gesellschaft aus. So wäre es heutzutage kaum denkbar, im Zusammenhang mit der Tagesplanung noch von „Zeitverwaltung“ zu sprechen: Verwaltung klingt allzu passiv und beschwört Bilder von bleichen Buchhaltern in verstaubten Büros herauf. Man fühlt sich unvermittelt an Franz Kafkas „Der Prozess“ erinnert und durchleidet mit Josef K. den Gang durch graue Gerichtsinstanzen. Wie viel frischer wirkt es da, von Management zu sprechen, selbst wenn das Wort nicht nur positiv belegt ist?

Fachsprachliche Begriffe aus dem Wirtschaftsleben setzen sich deshalb durch, weil die Ökonomie gegenwärtig die größte Macht auf unser Denken und Handeln ausübt. Macht ist eben nichts, was sich zwischen denen, die sie innehaben und denen, die sie erleiden, aufteilt. Vielmehr spannt sie ein Netz, das die Individuen in vielfältiger Weise miteinander verknüpft. Für Foucault ist der Einzelne nicht Zielscheibe, sondern Überträger der Macht. Das lässt sich anhand der Popularität von Zeitmanagement-Methoden gut aufzeigen: Propagandisten des Kapitalismus von Hayek bis Friedman haben die Wirtschaft von ihrer dienenden Funktion befreit. Gleichzeitig haben sie den Trend umgekehrt und die Menschen zu Dienern der Wirtschaft degradiert. Man weiß zwar nicht mehr genau, wem dieses System nutzt, aber es hat eine Macht geschaffen, die sich im Alltag der Menschen selbst erhält und ausweitet. Der Einzelne betrachtet sich in dieser „Neuen Weltordnung“ als Zahnrad, das seine Daseinsberechtigung aus seinem Mehrwert schöpft und jederzeit ersetzt werden kann. Wer im freien Spiel der Kräfte nicht auf der Strecke bleiben will, muss Schwächen ausmerzen, die seinem Erfolg im Wege stehen. Dazu gehört die Fähigkeit, seine Zeit für die ertragreichsten Tätigkeiten einzusetzen und unnötige, zeitkostende Faktoren auszuschalten. Weil sich das Arbeitspensum des Individuums unter dem Druck des Wettbewerbs stetig erhöht, entsteht ein Bedarf an Ratgebern, die Hilfe bei der Bewältigung des Alltags versprechen. Anleitungen zum „Zeitmanagement“ spielen in diesem Geschäft eine wichtige Rolle. Sofern die erlernten Methoden zu einer Entlastung führen, verbreiten die Selbstmanager ihre Erfahrungen weiter: Zeit lässt sich mit ökonomischen Mitteln beliebig vermehren, lautet die unterschwellige Botschaft. Die Apostel der Zeitplanung fungieren dabei als Überträger der Macht im Sinne Foucaults. Diese Macht führt zur Selbstdisziplinierung und erstickt Zweifel an fragwürdigen Entwicklungen in der Arbeitswelt.

4. Auswirkungen des
Hamsterrads
Dennoch sind die Klagen über das (zu) hohe Tempo unserer Gesellschaft so alt wie die Kritik an der Moderne. Warum wir uns immer weiter beschleunigen, erklärt sich aus dem Zeitmanagement selbst. Denn wo neue Freiräume entstehen, müssen diese nach der Marktlogik gewinnbringend genutzt werden. Gelingt es also dem Angestellten Schmidt, seine Zeiteffizienz durch Selbstkontrolle zu steigern, so fühlt er sich gezwungen, die gewonnene Freizeit sogleich wieder zu investieren. Für jene, die noch im Erwerbsleben stehen, beschleunigt sich dadurch die Taktfrequenz, während die Zentrifugalkräfte des Marktes alle Schwächeren ins Abseits katapultieren. So wird das „Nonstop!“ im „Turbo-Kapitalismus“ „zum Imperativ jeglicher Modernisierung. Mit dem Effekt, dass wir reich sind an Gütern, aber arm an Zeit.“

Michael Ende muss diesen Wahnsinn schon früh geahnt haben. In seinem Roman „Momo“ beschreibt er, wie sich eine italienische Kleinstadt in eine sterile Gefühlswüste verwandelt, nachdem dubiose graue Herren mit den Bewohner Zeitsparverträge geschlossen haben. Die Kleinstädter mutieren im Nu zu kalten Selbstoptimierern, während ihre Vertragspartner die gesparte Zeit als Zigarrenrauch inhalieren. Obwohl der Roman „Momo“ als Kinderbuch gilt, beinhaltet er viele Weisheiten, die man auch als Warnung an die Erwachsenenwelt verstehen könnte. Endes graue Herren verkörpern gleich zwei Aspekte der neoliberalen Wirklichkeit. Sie sind einerseits Profiteure, andererseits Opfer des Systems; denn ohne Rauch können sie nicht überleben, und wenn alle Zeit gespart ist, lösen sie sich in Luft auf. Demnach sollte man sehr vorsichtig sein, wenn einem Männer in Nadelstreifenanzügen Bücher wie „Zeitstress – ade!“ anpreisen. Ihre Seminare kosten Geld und sie können das endliche Gut Zeit nicht vermehren. Vielmehr beschleunigen ihre Methoden unseren Rhythmus und lenken uns von den wahren Problemen ab. Das kann zu einer verkürzten Lebenserwartung (Zeitverlust) oder zu einer verminderten Lebensqualität (Burnout) führen.

Die menschliche Lust am Zeitmanagement bringt indes noch andere Probleme mit sich. Nach unserer Erwartung muss alles jederzeit und überall sofort verfügbar sein. Mensch und Natur entwickeln sich daher immer weiter auseinander. Diese gegenläufige Rhythmik bewirkt, dass die Natur vergewaltigt werden muss, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Geflügelfabriken, Genmaiskulturen und Importäpfel aus Argentinien sind Symptome derselben Krankheit. Immer geht es darum, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu produzieren – oder Produkte entgegen dem natürlichen Rhythmus verfügbar zu halten. „Wir verbrauchen Ressourcen weitaus schneller als sich diese in der Natur regenerieren können“, schreibt Manuel Schneider. Hier schließt sich der Kreis zum Thema: Denn Menschen gehorchen denselben Gesetzen wie Hühner und Äpfel, während Zeitgurus das Gegenteil verkünden. Der Lebensrhythmus verschließt sich Management-Methoden, weil die persönliche Leistungsfähigkeit schwankt. Anders gesagt: Dieselbe Aufgabe kann am Montag kaum Mühe kosten, am Dienstag dagegen eine immense Herausforderung darstellen. Weil dem so ist und sich Zeit kaum planen lässt, empfiehlt Michael Baeriswyl, sich an das Motto von Elias Canetti zu halten: „Man kann nur leben, indem man oft genug nicht macht, was man sich vornimmt.“
5. Das Phänomen
Lothar Seiwert
Baeriswyl bezieht sich ausdrücklich auf Lothar Seiwert, der im deutschen Zeitmanagement-Business eine herausragende Rolle spielt. Was Seiwert tut, lässt sich nur schwer einordnen. Im Gegensatz zu anderen Vertretern seines Metiers, gesteht er dem Müßiggang einen eigenen Wert zu. Außerdem kritisiert er die allgemeine Rastlosigkeit und Hetze unserer Gesellschaft. Umso seltsamer wirken seine Ratschläge, die den Zeitstress eher erhöhen als vermindern dürften. Gerne zitiert wird seine sogenannte ALPEN-Methode. Dabei steht das A für Aufgaben zusammenstellen, das L für Länge der Aktivitäten einschätzen, das P für Pufferzeiten einplanen, das E für Entscheidungen treffen und das N für Nachkontrolle. Die Methode mag bei Tätigkeiten funktionieren, die keinen lebendigen Einflüssen unterliegen. Kommt allerdings der Faktor Mensch hinzu, stößt man damit schnell an seine Grenzen. Das gilt insbesondere dann, wenn unser menschliches Gegenüber Lothar Seiwert verinnerlicht hat:
„Das Wesentliche – was ist das überhaupt? Das »Wesentliche« – hinter diesem Wort verbirgt sich der Begriff »Wesen«. Jedes Wesen, jeder Mensch ist einmalig, einzigartig. Jeder Mensch ist anders, und so ist auch das Wesentliche für jeden von uns etwas sehr Individuelles. Etwas, das unserem innersten Wesen entspricht. Deshalb geht es bei Noch mehr Zeit für das Wesentliche auch nicht in erster Linie um Zeitmanagement, um Prioritätenlisten oder Wochenpläne. Im Mittelpunkt dieses Buches stehen Sie. Sie ganz persönlich und Ihr Umgang mit der Zeit.“

Kurzum: Der Einzelne sollte den Umgang mit seiner Zeit nach eigenen Interessen richten. Was geschähe wohl, wenn sich jeder daran hielte? Der Blick aufs Wesentliche würde jeden Konsens im Keim ersticken und das Zeitmanagement ad absurdum führen. Jedenfalls dann, wenn die geplanten Aufgaben von einem menschlichen Miteinander abhingen. Schließlich kann Niemand erwarten, dass sich seine Wünsche mit denen seiner Mitmenschen überschneiden. Termine würden in der Seiwertschen Welt allenfalls dann eingehalten, wenn die Interessen der Partner zu hundert Prozent übereinstimmten. Sie wünschen am Donnerstag ein Gespräch mit mir? Tut mir Leid, aber an diesem Tag habe ich Wesentlicheres geplant! Bezogen auf die ALPEN-Methode, könnte man diesen Effekt als L-Paradoxon bezeichnen: Je mehr jeder Einzelne bei seiner Zeitplanung auf sich selber achtet, umso unberechenbarer wird die Länge der Aktivitäten für den Zeitplaner. Denn ob ich von Herrn Müller rechtzeitig bekomme, was ich mir wünsche, hängt von dessen Gutdünken – von dessen Wesen – ab. Vielleicht liegt darin der wahre Grund für die zunehmende Hektik unserer Gesellschaft. Wir achten bloß noch auf unsere eigenen Interessen und vernachlässigen diejenigen der Anderen. Das bringt den Fluss des Handelns ins Stocken und führt zu einem Mehr an Stress.

Nüchtern betrachtet lautet Seiwerts Maxime, dass ein gehöriges Maß an Ich-Bezogenheit der rechte Weg zum Glück sei. Kurzum: Wenn alle an sich selbst denken, ist an jeden genug gedacht. Deshalb erinnern die Botschaften von Deutschlands höchstem Zeitmanager an jene Milton Friedmans: Der Markt der Wesentlichkeiten wird es schon irgendwie richten und alle haben am Ende genügend Zeit für sich. Lothar Seiwert muss sich jedenfalls kaum verbiegen, um seiner Linie treu zu bleiben: Er bezeichnet sich selbst als „Top-Referenten“ und verlangt aktuell für seine Seminare 890 Euro pro Termin und Teilnehmer. In Anbetracht der Anziehungskraft des „Zeitpapsts“ nehmen sich Peer Steinbrücks Redehonorare dagegen geradezu kärglich aus. Immerhin weiß der Seminarteilnehmer genau, wieviel Zeit er für Herrn Seiwert einplanen muss: Die Schulungen dauern wahlweise von 08:08 bis 18:08 Uhr („Mehr Zeit für das Wesentliche“) oder von 08:18 – 16:16 Uhr („Wenn du es eilig hast, gehe langsam“). Wohl dem, der dazu Zeit hat.
6. Zeitmanagement als
Form der Selbstausbeutung
In der Ausgabe 06/2008 erschien in der Zeitschrift HUMANE WIRTSCHAFT unter dem Titel „Wer den Markt moralisch fassen will, fasst immer nur sich selbst“ ein Artikel von Alexander Preisinger. Der Text schildert in aller Kürze, wie sich die Identität des Durchschnittsbürgers in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Der Mensch begreift sich demnach mehr und mehr als funktionelle Einheit, die einem höheren Zweck – dem Zweck des Marktes – dient. „An die Stelle gesellschaftlicher Interessenskonflikte tritt nur noch der als individueller Kampf wahrnehmbare Wettbewerb aller gegen alle.“ In so einem Klima empfinden die Beschäftigten sowohl die Ausdehnung der Arbeitszeiten als auch die Ausdehnung der Arbeitsbelastung als normal. Immerhin haben sie noch Arbeit und möchten weiterhin am Wettbewerb teilnehmen. Das ändert allerdings nichts an einem vermehrten Bedürfnis nach Zeit, das Männer wie Lothar Seiwert für sich nutzen.

Zeitmanagement verspricht den Selbstoptimierern einen Rest an menschlicher Würde. Dabei übersehen viele, dass sie zunächst einmal Zeit (und Geld!) investieren müssen, um an die versprochenen Früchte zu gelangen. Das verdeutlicht zum einen die pseudoreligiöse Dimension der vermittelten Heilsbotschaften, zum anderen deren Funktion in einer zunehmend durchökonomisierten Gegenwart: Zeitmanagement-Gurus wie Seidel und Seiwert erhalten den Glauben an die Machbarkeit des Menschlichen unter dem herrschaftlichen Einfluss der „Märkte“. Das führt zu einer Selbstdisziplinierung ihrer Zuhörerschaft, die im Sinne der „Neuen Sozialen Marktwirtschaft“ durchaus funktional ist: Die Marktelemente beuten sich willfährig aus und glauben an die Mär individueller Freiheit.

7. Ausblick
Die Situation erinnert stark an das, was sich auf dem Internet-Video „Anleitung zur Versklavung – Die Jones Plantage“ abspielt: Nachdem die Sklaven auf einer Nachbarplantage in ihrer Arbeitsleistung nachgelassen haben und eine Revolte droht, engagiert Mister Jones Mr. Smith. Dieser soll verhindern, dass auf der Jones-Plantage eine ähnliche Situation wie bei der Konkurrenz eintritt. Smith schreitet zur Tat und erklärt die Sklaven der Jones-Plantage für frei. Gleichzeitig sorgt er mit einer subtilen Rhetorik dafür, dass sich an den wahren Verhältnissen nichts ändert: Jones bleibt Plantagenverwalter, weil er der einzige ist, der weiß, wie man eine Plantage führt. Die ehemaligen Sklaven dagegen schuften in gewohnter Manier weiter. Sie tun das, weil Smith sie vor den anderen Plantagenbesitzern gewarnt hat: Diese achten angeblich weniger auf das Wohl ihrer „Mitarbeiter“ und versklaven diejenigen, die von der Jones-Plantage fliehen. Als einer der „Befreiten“ in der Gegenwart von Mr. Smith die „neuen alten“ Zustände anprangert, wird er unter dem Jubel seiner Kameraden erschlagen.

Lothar Seiwert und seine „grauen Männer“ machen im Grunde dasselbe wie Mr. Smith: Sie behaupten, mit ihren Methoden sei es möglich, dem Hamsterrad zu entrinnen und sorgen im selben Atemzug dafür, dass sich dieses Rad immer schneller dreht. Dabei schämt sich Seiwert noch nicht einmal, seine wahren Absichten zuzugeben: Seit 2011 inszeniert er unter dem Motto „Ausgetickt“ die Abkehr vom Zeitmanagement und räumt ein, wozu seine alten Methoden gedient haben. Der Fokus sei auf die Frage gerichtet gewesen „Wie kriege ich noch mehr in noch kürzerer Zeit geregelt?“ Er sei schon immer davon überzeugt gewesen, dass man mit Zeitmanagement allein keine Zeitprobleme lösen könne. Seine Zielgruppe sei allerdings für diese Erkenntnis „noch nicht reif“ gewesen. Der Zeit-Guru will neuerdings offenbar etwas mehr Tiefe in sein Programm bringen. Unter dem Stichwort Work-Life-Balance legt er nunmehr größten Wert darauf, den Menschen nicht mehr als bloßen Produktionsfaktor zu begreifen. Das macht Mut – selbst wenn einen Seiwerts Wanderpredigermentalität irritieren mag.

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