„Wis­sen und Gewis­sen – Kom­men­tar von Tris­tan Abrom­eit

„Wis­sen und Gewis­sen – Im Schat­ten­reich der Über­wa­chung“

Ein Kom­men­tar von Tris­tan Abrom­eit ange­regt durch die Rede von Ili­ja Tro­ja­now in HUMANE WIRTSCHAFT 05/2014 —
Wir geben uns leicht der Illu­si­on hin, wonach wir in einer Demo­kra­tie vor den Mecha­nis­men der Unter­drü­ckung, wie sie in Dik­ta­tu­ren prak­ti­ziert wur­den und wer­den, geschützt sind. Wenigs­tens seit den Ent­hül­lun­gen des ehe­ma­li­gen Agen­ten Edward Snow­den, der für den US-Ame­ri­ka­ni­schen Geheim­dienst CIA, NSA und DIA gear­bei­tet hat, soll­ten wir wach gewor­den sein. Aber wir Deut­schen soll­ten nicht nur mit dem Zei­ge­fin­ger in Rich­tung Wes­ten zei­gen, son­dern uns sel­ber an die Nase fas­sen. Als die Mau­er noch stand, reg­ten wir uns dar­über auf, dass die Spit­zel der DDR jeden Brief, der aus der BRD kam inhalt­lich kon­trol­lier­ten. Neu­lich las ich, dass es umge­kehrt genau­so gewe­sen ist. Es ist wich­tig hier wach­sam zu sein, auch in Bezug auf den Daten­klau und den Ein­bruch in die Pri­vat­sphä­re im Netz durch Hacker. Ich will hier aber auf eine ande­re Gefahr und Pra­xis der Gefähr­dung der indi­vi­du­el­len Frei­heit und Selbst­be­stim­mung hin­wei­sen, die in der prak­ti­zier­ten lega­len Poli­tik liegt und gege­ben ist. Es ist eine Poli­tik, die im Sin­ne einer Gesell­schaft der Frei­en kei­ne Legi­ti­mi­tät hat.

Kürz­lich kam mir ein Bei­trag von Karl Wal­ker mit dem Titel „Kyber­ne­tik in der Sozi­al­ord­nung“ vor Augen. Der Bei­trag erschien 1965 in der fünf­ten Fol­ge der Zeit­schrift für Sozi­al­öko­no­mie. Dar­in wird deut­lich, je mehr Ele­men­te der Selbst­steue­rung in eine Gesell­schaft ein­ge­baut sind, umso mehr indi­vi­du­el­le Frei­heit ist mög­lich und umso klei­ner kann der Staats­ap­pa­rat sein. Und anders for­mu­liert: Je mehr kyber­ne­ti­sche Steue­rung in die Wirt­schaft und Gesell­schaft implan­tiert wird, des­to rei­ner kann das frei­heit­li­che, sozia­le, markt­wirt­schaft­li­che Modell ent­wi­ckelt wer­den. Umge­kehrt: Je mehr ver­sucht wird, die vor­han­de­nen Pro­ble­me mit staat­li­chen Sub­ven­tio­nen und dem Berech­ti­gungs­we­sen zu lösen, umso mehr Frei­heit ver­lie­ren wir, umso mehr müs­sen wir über­wacht wer­den und umso mehr nähern wir uns der Zen­tral­ver­wal­tungs­wirt­schaft.

Wenn wir mehr vom Staat ver­lan­gen, als dass er die Stör­quel­len der Öko­no­mie besei­tigt, ist er gezwun­gen uns über das unver­meid­ba­re Maß an Steu­ern aus­zu­beu­ten. Je mehr der Staat sich in die Rol­le des Raub­rit­ters ver­tieft, des­to stär­ker ver­su­chen die Bür­ger ihm aus­zu­wei­chen. Das zieht natür­lich einen Rat­ten­schwanz von Über­wa­chungs­maß­nah­men nach sich. Bei Berich­ten im Fern­se­hen über Ein­sät­ze der Bun­des­po­li­zei zur Auf­de­ckung von Schwarz­ar­beit, asso­zi­ie­re ich das mit der Vor­stel­lung von Roll­ko­man­dos im SED- und Nazi-Staat. Aber das Berech­ti­gungs­we­sen, beson­ders wenn es um Sub­ven­tio­nen und Steu­er­erleich­te­run­gen geht, för­dert nicht nur den büro­kra­ti­schen Was­ser­kopf von Deutsch­land und der EU, son­dern zwingt auch die Antrag­stel­ler, sich öko­no­misch und auf Daten bezo­gen nackt aus­zu­zie­hen. Von der Geburt bis zum Gra­be muss der heu­ti­ge Mensch so oft sei­ne Daten offen­ba­ren und wird so oft über­prüft und die Über­prü­fungs­er­geb­nis­se an so viel Stel­len gespei­chert, dass von einer Daten­au­to­no­mie der Bür­ger zu spre­chen, sich logi­scher­wei­se ver­bie­tet.

Schlim­mer ist noch, dass bei einer sol­chen Sach­la­ge immer mehr Men­schen dazu nei­gen, die als unge­recht emp­fun­de­nen Geset­zes­nor­men zu umge­hen und sich den Vor­aus­set­zun­gen, als Berech­tig­ter zu gel­ten, anzu­pas­sen. Der Aus­bau des Sicher­heits- und Über­prü­fungs­ap­pa­rats und die Flut der Ver­fah­ren bei den Gerich­ten spre­chen für die Rich­tig­keit die­ser Annah­me. Den Regie­run­gen und Par­la­men­ten fällt nichts Bes­se­res ein, als mit noch mehr Geset­zen, die­ser Fehl­ent­wick­lung ent­ge­gen­zu­wir­ken. Schon Pes­ta­loz­zi hat gegen eine sol­che Poli­tik argu­men­tiert. Bru­no Schlie­pha­cke schreibt ins sei­nem Buch „Pes­ta­loz­zi der Rebell“ (Rudolf Zitz­mann Ver­lag, 1960): „Statt immer nur neue Geset­zes­pa­ra­gra­phen zu schaf­fen, mit denen man die ‚Staats­män­ner­schlecht­heit‘ oft nur ver­de­cken wol­le, for­dert er die Schaf­fung wirk­lich men­schen­wür­di­ger Lebens­ver­hält­nis­se; denn, ‚der Mensch ist gut und will das Gute, er will aber zu aller­erst auch Wohl­sein‘“. (S. 39)

Aber vor­her ist zu lesen, dass Pes­ta­loz­zi die Poli­tik der Ent­mün­di­gung durch den Staat nicht woll­te: „Pes­ta­loz­zi aber woll­te nie von außen her durch Wohl­tä­tig­keits­me­tho­den der Not der Mas­sen steu­ern. Er woll­te den wer­den­den Men­schen zur Selb­stän­dig­keit nicht nur im Den­ken, son­dern auch im Han­deln erzie­hen. Der Mensch ist ihm Objekt und Sub­jekt der Erzie­hung, wenn er lehrt: ‚Die gan­ze Natur und die gan­ze Geschich­te ruft dem Men­schen­ge­schlech­te zu, es sol­le ein jeder sich selbst ver­sor­gen, und das Bes­te, was man dem Men­schen tun kön­ne, sei, dass man ihn leh­re, es sel­ber tun.‘“ (S. 24)

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