Zeit der Gesin­nungs­schnüff­ler – Gero Jen­ner

– - – Es gibt ver­schie­de­ne Arten ein­an­der zu grü­ßen: Man kann beim Kopf begin­nen und mit Argu­men­ten oder sich gegen­sei­tig beschnüf­feln, wie es unter unse­ren vier­bei­ni­gen Freun­den die Regel ist, näm­lich vom Schwan­ze her.
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Dann stellt man, noch bevor man über­haupt wis­sen will, was der ande­re zu sagen hat, erst ein­mal fest, ob er links sei oder rechts, ob reli­gi­ös oder ungläu­big, ob hete­ro oder homo, ob libe­ral oder auto­ri­tär. Hat man die Wit­te­rung auf­ge­nom­men, steht das Urteil schon fest. Man drückt sei­nen Bei­fall durch freu­di­ges Wedeln aus oder lässt dem Beiß­re­flex sei­nen Lauf, denn für den Lin­ken ist der Rech­te der geschwo­re­ne Feind, des­sen Wor­te von vorn­her­ein abwe­gig, skan­da­lös oder ein­fach Maku­la­tur sind, wäh­rend umge­kehrt bei einem Rech­ten alles, was ein Lin­ker zu sagen hat, von vorn­her­ein den Abscheu her­vor­ruft. Für den reli­gi­ös Auf­ge­heiz­ten ist alles, was der Ungläu­bi­ge von sich gibt, im bes­ten Fall lee­res Geschwätz, im schlimms­ten Fall teuf­li­sche Ein­ge­bung – und so in allen feind­li­chen Lagern: Für den Gesin­nungs­schnüff­ler wer­den mensch­li­che Bezie­hun­gen nicht län­ger durch Kopf und Argu­ment her­ge­stellt, son­dern durch einen unter­halb des Gehirns che­misch aus­ge­lös­ten Reflex: Der da steht auf mei­ner Sei­te, also höre ich ihn an, der ande­re dort steht auf der Gegen­sei­te, also hat er mir abso­lut nichts zu sagen. Den Pro­zess der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zer­stö­rung könn­te man auch „Ver­googe­lung“ nen­nen, denn genau das ist es ja, was die­ses Pro­gramm inzwi­schen ganz auto­ma­tisch zustan­de bringt: Es macht uns nur noch mit Inhal­ten bekannt, die „auf unse­rer Linie lie­gen“. Gehen wir dar­auf ein, dann sehen wir nicht län­ger die Viel­falt der Welt, son­dern las­sen es zu, dass sie sich auf unse­ren jewei­li­gen „Stand­punkt“ ver­engt.
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Unse­ren vier­bei­ni­gen Freun­den brau­chen wir die Schnüf­fe­lei nicht übel zu neh­men: Argu­men­te sind ihnen fremd; von Natur aus sind sie auf die Che­mie geprägt. Aber der Mensch? Vor allen ande­ren Lebe­we­sen zeich­net er sich durch eine Denk­fä­hig­keit aus, die es ihm grund­sätz­lich mög­lich macht, selbst noch auf das zu hören, was ihm Leu­te mit radi­kal abwei­chen­der Mei­nung zu sagen haben. Auf die­ser ein­zig­ar­ti­gen Fähig­keit beruht eine Über­le­gen­heit, die es ihm immer wie­der erlaubt, sich aus Sack­gas­sen zu befrei­en, ganz neue Wege zu beschrei­ten, petri­fi­zier­te Gedan­ken­gän­ge und Mei­nun­gen auf­zu­spren­gen und sich selbst neu zu erfin­den: Auch die am bes­ten ver­tei­dig­ten Über­zeu­gun­gen sind ja immer nur so lan­ge gut, wie sie den wohl­be­grün­de­ten Mei­nun­gen ande­rer stand­zu­hal­ten ver­mö­gen.
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Wahr­heit
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Es ist wahr: Die­ser ewig hin und her­wo­gen­de Streit der Argu­men­te und Über­zeu­gun­gen ist weit weni­ger beru­hi­gend als die Gra­bes­stil­le von Dik­ta­tu­ren, wo jede abwei­chen­de Ansicht sofort erstickt wird und meist auch gleich noch der­je­ni­ge dazu, der es wag­te, sie all­zu laut zu ver­tre­ten. Der fort­wäh­ren­de Kampf der Argu­men­te und Wert­hal­tun­gen bringt Ver­un­si­che­rung mit sich; gera­de funk­tio­nie­ren­de Demo­kra­ti­en befin­den sich des­halb in einem Dau­er­zu­stand fort­wäh­ren­der Gärung, doch genau sie lie­fert den Humus auf dem die bes­ten, die kühns­ten, die zukunfts­träch­tigs­ten Gedan­ken gedei­hen.
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Das gilt zumin­dest so lan­ge, wie die Gesin­nungs­schnüf­fe­lei sich noch nicht durch­zu­set­zen ver­mag, denn sobald die­se sich der Köp­fe bemäch­tigt hat, ist es mit dem Dia­log zwi­schen den strei­ten­den Lagern vor­bei. Jeder hat einen Gesin­nungs­aus­weis bei sich zu tra­gen, am bes­ten trägt er ihn weit sicht­bar auf der Brust wie eine Pla­ket­te– so wie ja schon jetzt man­cher sein Lebens­pro­gramm auf einem slog­an­be­druck­ten Hemd mit sich führt: Schaut, ich bin ein Rech­ter; schaut, ich bin links; schaut, ich bin bra­ver Katho­lik; schaut, ich bin schwul – und so wei­ter.
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Gesin­nungs­pla­ket­ten sind wie die Duft­mar­ken der Hun­de: Damit wer­den Revie­re mar­kiert, zu denen nur noch Gleich­ge­sinn­te Zutritt erhal­ten. Aus dem Inter­net duf­tet und stinkt es einem von der­ar­ti­gen Revier­mar­kie­run­gen schon von wei­tem ent­ge­gen. Es ist ein bedroh­li­cher Duft mit unter­schwel­lig tota­li­tä­rem Aro­ma. Es ist, als wäre es immer mehr Leu­ten ein dring­li­ches Bedürf­nis, das eige­ne Den­ken auf­zu­ge­ben und dafür die Sicher­heit eines ideo­lo­gi­schen Maul­korbs ein­zu­tau­schen, am bes­ten von star­ker Hand auf­er­legt.
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Duft­mar­ken soll­te man, bit­te schön, nicht mit Über­zeu­gun­gen ver­wech­seln, die die­sen Namen ver­die­nen. Ech­te Über­zeu­gun­gen sind das Ergeb­nis welt­of­fe­ner Erfah­rung und einem Den­ken, das sich stets an der Aus­ein­an­der­set­zung mit ande­ren übt – selbst und gera­de, wenn man die­se ande­ren als Geg­ner betrach­tet, denn von Geg­nern ist in der Regel weit mehr zu ler­nen als von jenen, die sich im gegen­sei­ti­gen Nach-dem-Mund-reden üben. Revier­mar­kie­run­gen sind etwas grund­sätz­lich ande­res als die ech­te Über­zeu­gung. Sie ent­ste­hen aus der Abschot­tung gegen den Wider­spruch, den Zwei­fel und alle Anfech­tung, wel­che jeder Dia­log mit sich bringt. Über­zeu­gun­gen haben ihren Ursprung in unse­rem Gehirn; ideo­lo­gi­sche Duft­mar­ken in jenen bio­che­mi­schen Pro­zes­sen, die wir von unse­ren tie­ri­schen Ahnen auf den nie­de­ren Stu­fen der Evo­lu­ti­on mit uns tra­gen.
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Und sie soll­ten ein Warn­zei­chen sein: Wo immer die eng­stir­ni­ge Gesin­nungs­schnüf­fe­lei um sich greift, zeigt das sozia­le Baro­me­ter den roten Bereich: Der Zer­fall einer Gesell­schaft berei­tet sich vor, die Men­schen sind nicht län­ger wil­lens und vie­le auch nicht mehr fähig, mit­ein­an­der zu reden: Unver­ein­ba­re ideo­lo­gi­sche Revie­re und Posi­tio­nen ste­hen neben- und gegen­ein­an­der. Das ist dann der Zustand, in dem selbst ver­nünf­ti­ge Leu­te mit unglaub­li­cher Leicht­fer­tig­keit davon schwät­zen, dass nur noch eine Revo­lu­ti­on, nur noch der gewalt­sa­me Umsturz hilft. Das Argu­ment weicht der Fas­zi­na­ti­on durch die Gewalt – Gesin­nungs­schnüf­fe­lei hat den Sieg errun­gen, indem sie unver­söhn­ba­re Gegen­sät­ze erzeugt.
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Man hebt nicht län­ger den Kopf, man hebt das Bein.

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