Willkommen in der Plutokratie – Norbert Rost

30 Millionen Dollar Kopfgeld darf Joseph Resch von der Wifka Kapitaldienstleistungen GmbH für denjenigen ausloben, der ihm sagt, wer das malaysische Flugzeug MH17 über der Ukraine abgeschossen hat. Die Geldgeber sind unbekannt. Berichten darf darüber zuerst: Die deutsche Wirtschaftszeitung „Capital“. Nun ja: Bei der Summe ist das nur konsequent.

Verwunderlich ist allerdings: Wo sind wir hingeraten? Kopfgeldjäger! Das erinnert irgendwie an Star Wars oder Wing Commander: Privateer, aber doch nicht an das reale Leben, oder? Man fragt sich unwillkürlich, ob die Staatsgewalt schon so fragil ist, dass keine Polizei mehr in der Lage ist, solch einen kriegsentscheidenden Kriminalfall aufzuklären, ohne Beteiligte zu Millionären zu machen und ihnen eine neue Identität zu verschaffen. Da legt jemand einen so großen Stapel Geld auf den Tisch, der jeden Lebensverdienst eines normal arbeitenden Bürgers um ein Vielfaches übersteigt und will damit die Wahrheit kaufen. In Zeiten des Krieges macht das misstrauisch. Und ein bisschen riecht es nach Mafia, oder?

Aber es liegt im Trend! Gekauft werden kann heutzutage alles, jedenfalls für jene, die nicht zu den 99 % gehören, die zum Trash der Spezies zählen; zu den Nicht-Millionären und Nicht-Milliardären, von denen es – schaut man in die Zeitung – immer weniger zu geben scheint. Das globalisierte 1 % der Jetset-Kaste kauft sich was es haben will. Steve Ballmer für zwei Milliarden Dollar einen Basketball-Club. Statt NBA Live auf seiner X-Box darf Steve jetzt mit seinen hoch bezahlten Leibeigenen im „Echten Leben“ spielen. Glückwunsch!

Berühmt und reich zu sein hilft auch vor Gericht, wo formell ja alle Menschen gleich sind. Der mit Fußprothesen laufende Sportler Oscar Pistorius hat seine Freundin durch eine geschlossene Zimmertür erschossen, das Gericht hält dies für eine fahrlässige Tötung und die südamerikanischen Medien meinen, diese Milde wäre von Kontostand und Bekanntheitsgrad des Weltrekordläufers nicht ganz unabhängig. Vor Deutschlands Justiz ist vergleichbare Milde für 100 Millionen Dollar zu kaufen, zuletzt gezahlt durch Bernie Ecclestone, den Formel-1-Milliardär. Der hat zwar wohl noch niemanden umgebracht, aber offensichtlich hat er einen Bankvorstand bestochen – Gerhard Gribkowsky. Dieser hat nicht so gut verhandelt und sitzt jetzt acht Jahre im Knast.

Geld kauft den „Tod des Fußballs“, so fürchten die Fans von Union Berlin und wollen zur nächsten Partie gegen den Leipziger Retorten-Club „RB Leipzig“ das Stadion in Schwarz hüllen. RB steht für RasenBallsport, aber genau genommen hat sich der österreichische Getränkehersteller Red Bull einen Verein gekauft. 100 Millionen Euro sollen in „das Projekt“ investiert werden, berichtete 2011 DIE ZEIT. Doch trotz der Riesensummen hat der Verein weiterhin nur neun Mitglieder. Auch dem SZ-Journalisten Daniel Klein ist es bislang nicht gelungen, dem Verein eine Mitgliedschaft abzutrotzen – Mitredner sind nicht so recht willkommen. Fördermitglied darf man inzwischen werden und stimmrechtslos Geld in den RB-Topf geben. Kein Wunder, dass das echte Fußballfans verwirrt, aber: Der Fußball, der im Fernsehen läuft hat längst viel mehr mit Geld zu tun als mit Beinen.

Diese kleine Auswahl an Geschichten, in denen Geld die Welt regiert, lässt sich um ein buntes Album von Korruptionsfällen & Co. ergänzen und man könnte sagen: Alles nichts Neues. Neu ist allerdings die Größenordnung: Währungsräume und Finanzsysteme, die um den ganzen Globus reichen, multiplizieren die Macht des Geldes eben mit der globalen Dimension. Die Mengen, die sich anhäufen lassen, waren nie so groß wie heute, der planetare Einfluss, der sich dadurch kaufen lässt, war nie zuvor gegeben. Oligarchen und Milliardäre sind in dieser Größenordnung ein Phänomen der Neuzeit und es bringt Monstrositäten hervor. Nicht nur, dass sie sich Netzwerke, Sportvereine, Presse oder Firmen kaufen, sie kaufen sich auch politischen Einfluss und damit ganze Länder, wie die Besetzung so mancher Regierung zeigt. Neuerdings kaufen sie sich sogar Nachwuchs: Ein japanischer Milliardärssohn soll in Thailand mit dem Ziel „investiert“ haben, 1.000 Babys in die Welt zu setzen. Bilder von den als Gottkönigen verehrten ägyptischen Pharaonen werden wach. Aber: Es ist Ausdruck unserer Zeit, in der alles und jeder kaufbar zu sein scheint und Geld in manchen Milieus keineswegs knapp ist, sondern Mittel zum eigennützigen Zweck.

Die Zukunft? Die wird nicht besser, wenn das System so bleibt, wie es ist. Denn wie uns jederzeit von Altersvorsorge-Vertretern und Geldanlage-Verkäufern werbewirksam erzählt wird: Wer Geld gut anlegt, kriegt mehr davon. Gut für die, die welches haben. Ein fortlaufender Konzentrationsprozess wird die plutokratische Elite immer weiter vom Lebensalltag von uns allen entfernen. Ausgang: ungewiss. Wir alle haben eh zu wenig Zeit, um uns darum zu kümmern. Müssen noch den Job erledigen, die Steuererklärung machen und brauchen den Rest der Zeit, um uns beim Fußball zu entspannen oder dem Zweitjob nachzugehen. Doch wie sagte wohl schon der griechische Schriftsteller Alexandros Papadiamantis (1851-1911):

„Die Plutokratie ist und bleibt der alleinige Herrscher der Welt, der ewige Antichrist. Sie gebiert das Unrecht, sie nährt die Verbrechen, sie verdirbt Körper und Seelen.“

Gewöhnen wir uns dran.

PDF-Datei herunterladen (Dateigröße: 313KB)

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.