Warum die Preise nicht mit den Zinsen sinken – Helmut Creutz

„Wenn im Durchschnitt aller Preise ein Drittel Zinsen stecken, warum sinken diese denn jetzt nicht?“ - Helmut Creutz -
Angesichts der deutlich abgesenkten und – in Sonderfällen – sogar ins Minus gehenden Leitzinsen der Zentralbanken, ist diese Frage durchaus nahe liegend! – Doch während es sich bei diesen Leitzinsen nur um jene relativ geringen Größen geht, die bei der Versorgung der Wirtschaft mit Zentralbankgeld anfallen, geht es bei den Zinsen in der Wirtschaft – und damit zwischen Publikum und Banken – um die Bedienung jener vielmals größeren und laufend zunehmenden Guthaben-Bestände, die sich aus den ständig wiederholbaren Nutzungen dieses Geldes für Ersparnisbildungen und Kreditgewährungen ergeben. – Kurz:

Es geht um jene Beträge, die zwar als Belohnung für den Liquiditäts-Verzicht an die Sparer fließen, letztlich aber, als Kosten für das Kapital genau so in alle Preise eingehen, wie die Kosten für Personal und Material.

Kein Wunder, dass viele Bürger nun erwarten, dass sich die jetzt eingeleiteten Senkungen dieser Zinskosten in den Preisen als Vorteil abzeichnen! So wie z. B., beim deutschen Staat, der zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten einen ausgeglichenen Haushalt ausweist, also ohne neue Schulden „Schwarze Zahlen“ schreiben kann. – Ein Tatbestand, auf den Minister Schäuble – obwohl nicht sein Verdienst! – bekanntlich sehr stolz ist! Doch zu einer breiten Senkung der gesamten Zinskosten in der Wirtschaft kann es nur kommen, wenn nicht nur die Zunahmen der Verschuldungen, sondern vor allem die der Geldvermögen reduziert würden, was sich mit den sinkenden Zinsen automatisch ergibt. Denn umsetzen lassen sich diese niedrigeren Sätze nur bei neuen Kreditaufnahmen, während das Gros der bestehenden, oft noch über viele Jahre hinweg, an ihre Konditionen gebunden bleibt. – Und das macht deutlich, dass sich das gesamte Zinsniveau, selbst bei bei Leitzinsen um Null, nur nach und nach verringern kann!
Die langfristigen
Entwicklungen dieser Größen
Wie sich die mit laufend positiven Zinsen verbundenen Bankeinlagen in der Vergangenheit entwickelt haben, geht – wiedergegeben in Prozenten der nominellen Wirtschaftsleistung – aus der Darstellung hervor. – Dabei sind zum Vergleich die Größen in Euro in der Tabelle zusätzlich wiedergegeben.

Wie aus der Grafik hervorgeht, wurde der entscheidende Teil der Zentralbankgeldes, die Bargeldmenge – in der Grafik ganz unten ersichtlich -, weitgehend im Gleichschritt mit der Wirtschaftsleistung vermehrt und damit die Kaufkraft relativ abgesichert.

Diese enge Beziehung galt sogar – zumindest bis Mitte der 1980er Jahre – weitgehend auch für die Sichteinlagen der Bankkunden und damit für die so genannte „Geldmenge M1“, die erst ab 1985, zu Lasten der Spar- und Termineinlagen, stärker ausgeweitet wurde! – Die so genannte „Geldmenge M3“, in der man das Bargeld mit den Sicht-, Spar- und Termineinlagen zusammen fasst, stieg dagegen – abgesehen von dem Vereinigungs- bedingten Einbruch um 1991 – von 1950 bis 2012 relativ gleichmäßig an, während die gesamten Bankeinlagen – und damit die Gesamtrahmen für Kreditvergaben – von rund 45 % auf gut 270 % des BIP fast explosiv zunahmen!

Aufschlussreich ist auch die zusätzlich eingetragene Entwicklung der Nettolöhne, die in den 62 Jahren – trotz zunehmender Beschäftigtenzahlen! – von 40 % auf weniger als 30 % des BIP einbrachen. Nicht zuletzt eine Folge der überproportional zunehmenden Ansprüche des Kapitals an die Wirtschaftsleistung!
Doch zurück zu den Zinsen

Dass sowohl die Guthaben als auch die Kredite ständigen Schwankungen unterliegen, ist allgemein bekannt. Und dass die starken Absenkungen der Leitzinsen – und in deren Folgen auch der Bankzinssätze – die Guthaben-Besitzer durchweg bedauern, ist ebenso verständlich wie die Freude der Kreditnehmer. Doch diese Kostenveränderungen können an die Endverbraucher – vor allem auf Grund der meist mittel- und längerfristigen Kreditlaufzeiten – nur mit Verzögerung und bei Neuvergaben nach und nach umgesetzt werden.

Dass sich die radikalen Leitzins-Absenkungen der Zentralbanken bisher nicht deutlicher in der Realität abzeichnen, erklärt sich also vor allem mit den festen Laufzeit-Vereinbarungen zwischen Banken und Kreditkunden, die Veränderungen der Kredit-Konditionen erst nach Vertragsablauf möglich machen. – Kurz: Jenes „Drittel, das als Zinsbelastungs-Durchschnitt in allen Preisen steckt“, sinkt zwar bei Neu-Kreditaufnahmen deutlich ab – nicht zuletzt auch Dank der gesunkenen Inflationssätze! – lässt sich jedoch bei den vielmals größeren und Laufzeit-gebundenen Gesamtkrediten nur nach und nach reduzieren. Außerdem haben die Leitzinsen inzwischen bereits einen so niedrigen Stand erreicht, dass erste Deflations-Befürchtungen aufleben.
Die Auswirkungen
bei den Sparern

Beurteilen kann man als einzelner Bürger die Lage nur dann, wenn man die am Jahresende erhaltenen Zinsen mit jenen vergleicht, die man im Laufe des Jahres gezahlt hat. Also mit jenen Zinsen, die – genau wie die für Löhne und Material – als Kosten in allen Preisen stecken, uns aber nicht genauer bekannt sind. – Ob man bei den eingeleiteten Zinssenkungen nun Gewinner oder Verlierer ist, wird also letztendlich von dem Verhältnis zwischen den persönlichen Zinseinnahmen und jenen Zinskosten bestimmt, die wir mit allen Ausgaben bezahlen! Und dabei ist immer zu beachten, dass sowohl die Zinseinkommen als auch die Zinslasten langfristig – im Gleichschritt mit den gesamten Geldvermögen und Schulden – in den vergangenen Jahrzehnten etwa sieben Mal schneller angestiegen sind als die Wirtschaftsleistung, das BIP.

Das heißt, am Anfang unserer Wirtschaftsepoche waren die mit den Geldvermögenszinsen verbundenen Umverteilungen noch erträglich. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zunehmend aber hat sich – vor allem als Folge der ständig wachsenden Zins-bedingten Umverteilungen – das Gros der Geldvermögen und damit der Zinseinnahmen zunehmend bei dem reichsten Zehntel der Haushalte konzentriert. Und dies in einem Maße, dass sich inzwischen selbst innerhalb dieses reichsten Zehntels das Gros dieser Vermögen in den Händen der Multimillionäre und Milliardäre und damit in immer weniger Händen konzentriert, wie man zunehmend häufiger den Medien entnehmen kann.

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