Wachstum ohne Wenn und Aber – Pat Christ

Der Leistungswahn macht vor dem Milchkuhstall noch lange nicht Halt --
Knapp 4.860 Kilogramm Rohmilch produzierte eine deutsche Kuh vor 20 Jahren jährlich. Vor 15 Jahren waren es schon über 6.120 Kilo. Heute liegt der Ertrag bei rund 7.350 Kilogramm. Damit steigerte sich die Produktion um fast 70 Prozent. Auch Kühe unterliegen dem Wachstumszwang. „In den letzten 100 Jahren wurde ihre Milchleistung um das Zehnfache gesteigert“, bestätigt Tierärztin Dr. Christiane Baumgartl-Simons vom Verein „Menschen für Tierrechte – Bundesverband der Tierversuchsgegner“

Das mag den Laien verwundern. Wie ist es möglich, Kühe zu einer solchen Turboleistung anzuspornen? „Durch einseitige Zucht auf Milchmenge und eine ausgeklügelte Fütterung mit Kraftfutter wird etwa eine Kuh der Rasse Holstein-Friesian heute dazu gezwungen, jährlich bis zu 11.000 Liter Milch zu produzieren“, erläutert Baumgartl-Simons. Die Glanzstücke im Hochleistungsstall bringen es auf bis zu 14.000 Liter pro Jahr, so die stellvertretende Vereinsvorsitzende gegenüber unserer Zeitschrift. Bei einer Menge von bis zu 50 Litern pro Tag vollbringe ihr Organismus damit die Stoffwechselleistungen eines Dauermarathons.

Und zwar das ganze, kurze Kuhleben lang. Das klingt pervers. Und ist der Tierärztin zufolge auch völlig widernatürlich: „Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Kalb täglich nur rund acht Liter trinkt.“ Die enorme Milchleistung bringt den Organismus der Kuh in Grenzbereiche. Nach nur zwei bis drei Laktationsperioden ist das Tier „fertig“. Baumgartl-Simons: „Im Durchschnitt landen Milchkühe mit vier bis fünf Jahren und nach nur zwei bis drei Trächtigkeiten auf dem Schlachthof.“

Fruchtbarkeitsstörungen, Leberinsuffizienz, Abwehrschwäche, Gebärmutter- und Euterentzündungen, Labmagenverlagerungen sowie eine Entgleisung des Stoffwechsels sind der Preis für die erzwungenen Bravourleistungen in Sachen Milchproduktion. „Die Hochleistungskuh läuft Gefahr, ihr eigenes Körperfett abzubauen, um die Milchleistung erbringen zu können“, führt die Tierrechtlerin aus. Sie erkranke an Ketose und Leberverfettung: „Übersteht sie diese Laktation, so hat sie mit großer Wahrscheinlichkeit Probleme, erneut tragend zu werden, ohne gynäkologische Probleme abzukalben und gesund in eine neue Laktation zu gehen.“

In jungen Jahren zum Alteisen
Die „Berufskrankheiten“ der Milchkühe treten insbesondere in den ersten 100 Tagen der Laktation auf: „Also in der Zeit, in der die größte Milchmenge produziert wird.“ Etwa 40 Prozent der Milchkühe scheiden bereits nach zwei bis drei Laktationen aus und gehen in jugendlichem Alter von nur vier oder fünf Jahren gen Schlachthof. In der Natur können Rinder ein Alter von etwa 25 Jahren erreichen.

„Die Nutzungsdauer der Kuh halbierte sich in den vergangenen 40 Jahren“, bestätigt Gerald Wehde vom Verein „Bioland“: „Und das kann nicht gut sein.“ Der ökologische Anbauverband hebt bei der Zucht auf Lebensleistung und Gesundheit der Kühe ab. Das kommt indirekt auch dem Verbraucher zu Gute. Denn Biomilch ist, weil die Kühe viel mehr Grün- statt Kraftfutter erhalten, gesünder: „Sie enthält Untersuchungen zufolge höhere Konzentrationen an Omega-3-Fettsäuren.“

Inzwischen hat das Thema der Turbokühe auch das Interesse von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt geweckt. Ende März stellte der CSU-Politiker ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik vor. Auch diesem Beirat zufolge führte die starke Konzentration auf Milchleistung zu Gesundheits- und Verhaltensproblemen der Kühe. Mit Zahlen allerdings kann dies nicht belegt werden. Ausreichende Datensammlung liegen nicht vor, meint Tierärztin Dr. Christiane Baumgartl-Simons: „Viele Erhebungen sind zudem nicht öffentlich einsehbar.“

„Erheblicher
wirtschaftlicher Druck“
Das Problem der auf abnorme Hochleistung getrimmten Kühe ist keines einzelner Landwirtinnen und Landwirte. Es geht die gesamte Gemeinschaft der Menschen an. Denn die Bauern verlangen nicht aus Bösartigkeit derart Extremes von ihren Kühen ab. „Sie stehen unter einem erheblichen wirtschaftlichen Druck“, sagt Christiane Baumgartl-Simons. Für ein Kilo Milch gebe es ungefähr 30 Cent: „Damit können die Kosten nicht gedeckt werden.“

Wie in vielen anderen Branchen setzen auch im Landwirtschaftsbereich angesichts der Billigpreise viele Überlebenskonzepte auf den Faktor „Masse“. Überleben können Baumgartl-Simons zufolge nur Betriebe, die große Milchmengen produzieren: „Der Zwang zur hohen Milchleistung überfordert also nicht nur die Kühe, das System beutet auch den Milchbauern aus.“ Was Ute Zöllner von der Göttinger „Milcherzeugergemeinschaft Milch Board“ bestätigt: „Die Milchauszahlungspreise sind seit Jahren bis auf wenige regionale Ausnahmen nicht kostendeckend, worunter viele Milchviehbetriebe massiv leiden.“

Zöllner verweist auf eine von der MEG Milch Board in Auftrag gegebene Studie zur wirtschaftlichen Situation der Milchviehbetriebe, die dies mit Zahlen belegt. Ein kleiner Milchviehbetrieb aus Rheinland-Pfalz mit durchschnittlich 20 Kühen und höchstens 1,3 Familienarbeitskräften erzielte demnach 1991 noch ein Betriebseinkommen von 16.600 Euro. Im Jahr 2009 lag das Einkommen desselben Betriebs bei nicht einmal mehr 9.200 Euro.

Verschuldete Betriebe
Aber auch größeren Betrieben geht es der 35-seitigen Untersuchung zufolge nicht gut. Viele mittlere und größere Milchviehbetriebe häufen Schuldenberge an, so ein Fazit der Analyse, die auf Daten des „InformationsNetzes Landwirtschaftlicher Buchführungen“ basiert. Gerade bei den Wachstumsbetrieben baue sich die Verschuldung trotz weiterer Ausdehnung der Milchmenge nicht mehr ab. „Von der landwirtschaftlichen Markttätigkeit allein könnten viele Betriebe nicht existieren. Sie sind letztlich auf die Direktzahlungen der EU angewiesen“, erklären die Autoren vom Büro für Agrarsoziologie und Landwirtschaft.

Das klingt verhängnisvoll und ausweglos, ist es aber nicht. Nach Ansicht von Veterinärin Baumgartl-Simons könnten sich die Landwirte gegen das System wehren, indem sie auf biologische Erzeugung umstellen, die auf Qualität statt auf Quantität setzt und vom Verbraucher honoriert wird. Dies sei umso wichtiger, da die Milchquotenregelung am 1. April auslief: „Der Konkurrenzkampf wird sich jetzt noch verschärfen.“

Der Verband „Menschen für Tierrechte – Bundesverband der Tierversuchsgegner“ setzt sich im Übrigen für eine vegane Ernährung ein. Er würde es darum begrüßen, wenn sich mehr Landwirte aus der Milchproduktion verabschieden und auf bio-vegane Landwirtschaft umstellen würden: „Denn nur diese Form der Landnutzung funktioniert ohne die Ausbeutung von Tieren und bietet das größte Umweltschutzpotential.“ Schließlich brauche der Mensch keine tierische Milch, um sich gesund und kulinarisch zu ernähren: „Mit dieser wissenschaftlichen Tatsache erscheinen die Leiden der Milchkühe umso schlimmer.“

Weidefutter, Auslauf, Platz
Dass Kühe aus ökologischer Milchviehhaltung weniger extreme Leistungen vollbringen müssen als konventionelle Kühe, bestätigt Joyce Moewius vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft gegenüber der HUMANEN WIRTSCHAFT. Dies liege unter anderem daran, dass andere Rassen eingesetzt werden und die Tiere hauptsächlich Weidefutter erhalten, Auslauf und mehr Platz im Stall haben. Moewius: „Ziel ist hier die Gesunderhaltung der Tiere durch tiergerechte Haltung und damit die längere Nutzungsdauer.“

Konkret erhalten Öko-Kühe Gras, Klee, Mais und Ganzpflanzensilage als Grundfutter, das mit Biokraftfutter in Form von Getreide, Lupinen, Erbsen, Ackerbohnen, Sojabohnen, Ölkuchen sowie Mineralstoffen ergänzt wird. Die Kälber werden in den ersten zwölf Wochen mit Milch, ergänzend auch mit Heu, Gras und Kraftfutter versorgt. „Die artgerechte Haltung stärkt maßgeblich das Immunsystem des Tieres und fördert die Gesunderhaltung“, so Moewius.

Die aufwändige Versorgung der Kühe macht verständlich, warum Öko-Milch mehr kostet: „Über die gesamte Produktionskette wird eine hohe Qualität aufrechterhalten, was Bio-Futter, flächengebundene Tierhaltung und das Platzangebot anbelangt.“ Bei konventioneller Produktion würden diese Kosten „outgesourct“: „Verschmutzungen des Grundwassers etwa durch zu viel Gülle oder Pestizidverschmutzungen beim Futteranbau, werden der Allgemeinheit aufgebürdet.“ Die Kosten fließen unter anderem in den Wasserpreis ein.

Forderung
nach Stickstoffabgabe
Hier fordert der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft dringend Veränderungen. Moewius: „Geeignete Instrumente wären zum Beispiel Pestizid- oder Stickstoffabgaben.“ Zudem dürften Investitionsbeihilfen für Stallbauten nur noch dann vergeben werden, wenn diese tiergerecht sind. An der Ladentheke sei wünschenswert, dass die Kunden den Wert des Lebensmittels erkennen und honorieren.

Dass es genau daran hapert, findet auch Björn Börgermann vom Milchindustrie-Verband: „Im Durchschnitt geben wir in Deutschland nur noch rund elf Prozent unseres Einkommens für Lebensmittel aus. Jede Preissenkung im Lebensmitteleinzelhandel wird gerne mitgenommen.“ Mit dem Bewusstsein, was Lebensmittel eigentlich wert sind, gehe auch das Bewusstsein, was Landwirtschaft ist, danieder: „Der durchschnittlich gebildete Verbraucher hat kein wirkliches Wissen über und keine Erfahrung mit Landwirtschaft.“

Börgermann betont, dass es den Tieren heute in den Landwirtschaftsbetrieben vielfach besser gehe als in der Vergangenheit: „Die Agrarwissenschaften der letzten 100 Jahre haben das Wissen um die Landwirtschaft und auch die Tierhaltung enorm nach vorne gebracht. Wir wissen einfach heute viel besser und genauer, wie, womit, wann, wo und in welcher Form wir die Tiere richtig ernähren können, damit sie überhaupt in der Lage sind, hohe Leistungen zu geben.“

„Enorme Weiterentwicklung“
Die Tierzucht verteidigt Börgermann als ein Jahrhunderte altes Instrument zur Leistungsverbesserung: „Die Menschen haben immer schon Tiere weitergezüchtet, die das Überleben gesichert haben, indem sie Leistung erbrachten.“ Die Haltungsverfahren an sich hätten sich ebenfalls enorm weiterentwickelt: „Gerade im Bereich der Milchviehhaltung ist die Laufstallhaltung heute das Mittel der Wahl, wo die Tiere frei ihren Aufenthaltsort wählen können.“

Dass der Milchindustrie-Verband unsere Fragen beantwortete, ist ihm, zum Schluss gesagt, hoch anzurechnen. Die Skepsis gegenüber unseren Recherchen war groß. Wieder einmal, so die Sorge, würde tendenziös berichtet, wieder mal würden diffuse Sorgen geschürt.

Doch der Redaktion geht es nicht darum, die Milchindustrie an den Pranger zu stellen. Die Art und Weise der Milchproduktion, die wir mit diesem Beitrag dargestellt haben, ist eines von sehr vielen Beispielen dafür, dass das Geldkapital zum Wachsen verdammt. Das gilt für die Industrie. Die Landwirtschaft. Die einzelne Bäuerin. Und die Kuh.
Viel zu viel Milch
Bleibt am Schluss die Frage, ob wir denn diese Unmengen an Milch überhaupt brauchen. Die klare Antwort lautet: Nein. Hervor geht sie aus einer unverfänglichen Quelle, nämlich der Zentralen Milchmarkt Berichterstattung. Die meldete im Herbst vergangenen Jahres, dass sich für das letzte Milchquotenjahr 2014/15 eine Rekord-Überlieferung abzeichnet.

Im Quotenjahr 2013/14 waren für die deutschen Milcherzeuger bereits so hohe Strafzahlungen fällig geworden wie nie zuvor. Dennoch setzte sich das starke Wachstum der Milchanlieferung fort. Gerechnet wurde mit deutlich mehr als einer Million Tonnen zu viel produzierter Milch.

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