Son­nen-Zukunfts-Werk­stät­ten – Elmar Klink

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Eine notwendige Erinnerung an Robert Jungk (1913-1994)
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„Am Beginn einer Innovation findet man stets kleine Gruppen, eine aktive Minderheit – selbst wenn sie auf Bedürfnisse der Mehrheit Antworten gibt.“ Serge Moscovici, Das Zeitalter der Massen.
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Zum runden Jahresdatum 2013 gab es bei insgesamt eher verhaltenem Echo in einigen einschlägigen großen Zeitungen (TAZ, Der Spiegel, Stern, Die Zeit, Süddeutsche) an die Person und das Wirken des Journalisten, Publizisten und Zukunftswissenschaftlers Robert Jungk öffentlich erinnernde Beiträge.
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Gewürdigt wurde vor allem der Autor und Zukunftsforscher, dem so hellsichtige Atomreportagen wie „Heller als tausend Sonnen“ (1956) oder „Strahlen aus der Asche“ (1959) zu verdanken sind. Schon weniger häufig und ausführlich bedacht wurde seine aufrüttelnde Analyse „Der Atom-Staat. Vom Fortschritt in die Unmenschlichkeit“ (1977). Alle drei Bücher wirkten einst tief in die hierzulande geführte heftige politische Debatte um Atombewaffnung und zivile Atomenergienutzung hinein. Anlässlich des 100. Geburtstags Robert Jungks hat Hans Holzinger ein kleines Büchlein vorgelegt, „Sonne statt Atom“, in welchem die von Jungk wesentlich mit initiierten und zeitlebens beeinflussten Debatten über die Zukunft der Energieversorgung seit den 1950er Jahren bis heute fakten- und kenntnisreich dargestellt und reflektiert werden (JBZ Verlag, 2013). Die Antiatomkraft-, Umwelt- und Friedensbewegung wäre ohne eine Gestalt wie Robert Jungk zweifellos um einen freien Geist, wichtigen Anreger und Wegbereiter ärmer.
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Auch noch auf einem anderen Gebiet verdanken wir diesem trotz aller augenfälligen Apokalyptik „Berufsoptimisten“ Robert Jungk viel und Nachhaltiges. Nämlich dem der Erforschung, Entwicklung und Gestaltung Zukunft weisender sozialer Problemlösungen und einer speziellen Analytik und Methodik hierzu, die er als „Zukunftswerkstätten“ bezeichnete. Diese sollen hier über das Allgemeine hinaus nicht in ihrem eigenen, besonderen Charakter erörtert und dargestellt werden. Dazu gibt es inzwischen eine reichhaltige Literatur und einen aktuellen umfassenden „Info- und Methoden-Pool“, zu finden und nachzulesen im Internet. Erwähnt sei allerdings das Grundbuch dazu: Robert Jungk; Norbert R. Müllert: „Zukunftswerkstätten. Mit Phantasie gegen Routine und Resignation“ (Hamburg 1981). Jedem/jeder Interessierten wärmstens empfohlen, sich daraus über die Grundlagen, Ansätze und Elemente dieses Verfahrens zu informieren (siehe auch Literatur). Jungks „Der Atom-Staat“ und die beiden Atomreportagen Heller als… / Strahlen aus… stehen in einer Reihe mit wichtiger Literatur in der BRD nach 1945 zu diesem Thema, darunter „Die atomare Drohung“ (Anders), „Friede oder Atomkrieg“ (Schweitzer), „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“ (Jaspers), „Die Christen und die Atomwaffen“ (Gollwitzer), „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ (Kipphardt), „Friedlich in die Katastrophe“ (Strohm), Gegen den Atomstaat / Plutonium-Wirtschaft? / Der Atom-Skandal (Traube), „Die Wolke“ (Pausewang), u. a. m.
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Konzept und Arbeitsmethoden der „Zukunftswerkstatt“, im Folgenden mit ZW abgekürzt, ersetzen zwar keine kritische politische Theorie, bieten aber vor allem politischen Gruppen, Basis- und Bürgerinitiativen in Workshops und Seminaren eine Plattform und einen Werkzeugkasten an, die jeweils eigene Kommunikation, Reflektion und Praxis zu ihren eigenen Themen zu gestalten und entwerfen. Nicht nur das, sondern diese Themen auch vorab zu finden und bestimmen. Die ZW ist heute, das kann man klar feststellen, eine in der politischen Bildung durchaus verbreitete Arbeits- und Kommunikationsform für Gruppen, die sich bestimmte politische Ziele stecken und diese Schritt für Schritt umsetzen wollen. Sie wird sogar gleichermaßen in Unternehmens- wie auch Gewerkschaftskreisen eingesetzt. Es bedarf allerdings einer besonderen Kenntnis und pädagogischen Anforderung an jene, die sie als „ModeratorInnen“ und „TrainerInnen“ vermitteln und einüben (umsetzen) wollen. ZW ist neben der älteren Theorie und Praxis der Gewaltfreien Aktion, die auch grundsätzlich Analyse und Methodik sowie Handlungsansätze speziell für Konfliktlagen betreibt und entwickelt, die vielleicht wirksamste Methode für an Aktion orientierte Gruppen und Initiativen. Beide sind zueinander eng verwandt und ergänzen einander. ZW ergänzt auf kongruente Weise auch den Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation, die ein Konzept für die nicht-herrschaftliche, interpersonelle Mensch-zu-Mensch Kommunikation beschreibt und anbietet. Alle drei zusammen sind das geronnene Ergebnis und die Summe dessen, was Soziale und Friedensbewegung an Erfahrung, Erprobung und Erkenntnissen daraus mittlerweile systematisch ausgewertet und aufbereitet heute jeder politischen Praxis, die nach so etwas fragt und sucht, anzubieten und zu geben hat. Ein Ertrag, der von herkömmlichen bürgerlichen Medien leider meist ausgeblendet und übersehen wird. Oder – falls gewusst – nur zu häufig ignoriert wird bei der in schwierigen politischen Szenarien von Kriegen und Konflikten oft arrogant erhobenen Frage „Wo bleibt die Friedensbewegung?“. Sie ist, wenn man sie wahrnehmen, respektieren und als Faktor einbeziehen und nicht nur als Gespenst behandeln und abtun will, präsent und aktiv. Und sie ist es nicht zuletzt dank solch kluger und besonnener Promoter und Förderer wie des hier erinnerten Robert Jungk.
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Jungk und Gollwitzer
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Er hatte nicht nur einen feinen Geist und vermittelte im persönlichen Umgang eine überaus herzliche Wärme und Vertrautheit. Jungk verfügte auch im wahren Sinn des Wortes über geduldiges Sitzfleisch, als er in den 1980er Jahren, selbst schon in die Jahre gekommen, als Redner an den Massen-Demonstrationen gegen Atomwaffen (Bonner Hofgarten) und vor Atomraketenbasen (Mutlangen) aktiv an Sitzblockaden teilnahm, auch wenn er sich lieber auf einen mitgeführten Klappstuhl setzte als auf eine isolierende Styroporunterlage. Jungk war fast parallel ein Zeitgenosse des bekannten Theologen Helmut Gollwitzer, beide kannten und schätzten einander, trotz teilweise ganz verschiedener Prägungen, begegneten sich immer wieder bei Veranstaltungen der Alternativ- und Friedensbewegung. So gingen sie beide bei der ersten großen Friedensdemonstration 1981 beim Kirchentag in Hamburg vorneweg und gehörten auch schon 1963 beim 50. Jubiläumstreffen der Jugendbewegung auf dem Hohen Meißner östlich von Kassel zu den Hauptrednern. Der in Berlin geborene und in Salzburg verstorbene Robert Jungk stammte aus einer Künstler-Familie und war schon früh in der antibürgerlichen Jugendbewegung und im Sozialistischen Schülerbund aktiv, der der Kommunistischen Partei-Opposition nahestand. 1932 begann er in Berlin ein Philosophiestudium. Im Februar 1933 (Reichstagsrand) wurde er verhaftet, kam aber mit prominenter Freundeshilfe (Sohn des NS-Politikers Hjalmar Schacht) wieder frei. Noch vor der Reichstagswahl im März betrieb er seine Ausreise nach Tirol in Österreich und gelangte von dort über Zürich im Mai desselben Jahres nach Paris, wo er an der Sorbonne erneut studierte. Die bewegte Zeit ließ ihn nicht ruhen. Nach kurzer Rückkehr 1936 nach Berlin dann die Flucht zusammen mit den Eltern nach Prag, wo er sich mit dem Autor Peter Weiss anfreundete und zur emigrierten psychoanalytischen Freudschen Linken um Otto Fenichel Kontakte knüpfte. 1938 wich Jungk aufgrund des drohenden Annexionszugriffs von Hitler auf die Tschechoslowakei erneut nach Zürich aus. Ein dort gefasster Plan, in Anlehnung an Wilhelm Reichs Schrift „Massenpsychologie des Faschismus“ (1932), der selbst deutlich von Freuds Standpunkt abwich und damals eine dialektisch-materialistische Psychoanalyse vertrat, in einer Doktorarbeit die „seelischen Ursachen des Zusammenbruchs großer Reiche“ zu untersuchen, schlug fehl, weil er vom Doktorvater nicht akzeptiert wurde.
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Während der weiteren Schweizer Exilzeit pilgerte Jungk zusammen mit Peter Weiss auch zu Hermann Hesse in dessen Tessiner Rückzugsort Montagnola hoch über dem Luganer See, mit dem ihn geistig-ideell der gemeinsame Bezug zur Jugend- und Lebensreformbewegung verband. Fortan immer wieder für Zeitungen publizistisch tätig, ging Jungk nach Kriegsende 1945 als Korrespondent für die Schweizer Weltwoche in die USA. Dort konzentrierte er sich mit Recherchen für sein Buch „Heller als tausend Sonnen“ bald auf jene Orte wie Los Alamos im Südwesten des riesigen Landes, Oak Ridge in Tennessee und Hanford (Washington), wo zuvor im Krieg ein Heer von Forschern und Technikern im Manhattan-Projekt industriell arbeitsteilig mit der Entwicklung und Erprobung der ersten Atombombe befasst war. Jungks Aufmerksamkeit für das „Schicksal der Atomforscher“ folgte alsbald die für die Opfer und furchtbar Leidenden unter der neuartigen Massenvernichtungswaffe im amerikanisch-japanischen Pazifikkrieg. Ihnen galt die dritte Reportagestudie jener Zeit „Strahlen aus der Asche“. ...

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