Sissyphos – Stefan Nold

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Sissyphos. Seine Eltern waren Athene und ihr siebter Ehemann, Antonio. Die beiden betrieben eine Gastwirtschaft mit Namen „Hellas“ im Osten von Wanne-Eickel. Das „Hellas“ lief schlecht. Wie alle seine Vorgänger kümmerte sich auch Antonio nicht um seine Wirtschaft, sondern fuhr in seinem Auto umher und traf sich mit reichen Freunden, die er umsonst in seinem Restaurant bewirtete. Wenn er kein Geld mehr hatte – was ziemlich häufig vorkam, rief er Athenes Tante Angela in Berlin und ihren einflussreichen Onkel Jean-Claude in Brüssel an. Die gaben ihm stets bereitwillig Kredit, um eine Küche zu finanzieren. Aber Antonio kaufte sich von dem geborgten Geld einen neuen Mercedes und kümmerte sich ansonsten nicht um Tante Angela und Onkel Jean-Claude.

Eines Tages fand die Verwandtschaft, so könne es nun wirklich nicht weitergehen. Sie engagierten Theodor Troika, einen mürrischen und schweigsamen Buchhalter, den außer Zahlen nichts interessierte. Theodor Troika sollte mit einem neuen Kredit die Wirtschaft „Hellas“ wieder in Schwung bringen. Gleichzeitig bat man ihn, Antonio auf die Finger zu sehen, damit er das Geld nicht verschwende. Theodor Troika wurde ein regelmäßiger Gast im „Hellas“. Dem kleinen Sissyphos strich er das Taschengeld und schickte ihn los, um die Küchengeräte des Restaurants zu verkaufen. Mehr als ein paar Messer und Löffel bräuchte man in der Küche nicht. Außerdem kündigte er die Krankenversicherung der Familie. Schließlich sollten sie arbeiten und nicht krank feiern. Nur Antonio blieb weitgehend ungeschoren: Er bewirtete nach wie vor kostenlos seine reichen Freunde, die in seiner Wirtschaft in Saus und Braus lebten, während der kleine Sissyphos und seine Mutter Athene hungerten. Der mürrische Herr Troika sah dem Treiben tatenlos zu. Nur wenn der kleine Sissyphos oder seine Mutter einen Wunsch hatten, brüllte er sie an: Tante Angela und Onkel Jean-Claude hätten ihnen soviel Geld gegeben – und das wäre nun der Dank. Sie müssten erst einmal arbeiten, um das geliehene Geld zurückzuzahlen. Die beiden wurden immer unglücklicher und wussten keinen Ausweg. Da lernte Athene eines Tages einen jungen Mann namens Alexis kennen. Alexis sah gut aus und sagte, er würde sich um Athene und Sissyphos kümmern, wenn Athene sich von Antonio trennen würde.

Gesagt getan. Athene setzte Antonio vor die Tür und heiratete Alexis. Wenige Tage nach der Hochzeit warf Alexis Theodor Troika aus dem Restaurant und sagte Antonios reichen Freunden, ab jetzt hätten sie in seinem Restaurant zu bezahlen, wie alle anderen Gäste auch. Und Sissyphos und Athene bekämen jetzt endlich wieder etwas zu essen und zum Arzt könnten sie ab sofort auch wieder gehen. Das gefiel Antonios reichen Freunden gar nicht. Sie riefen in Berlin bei Tante Angela und in Brüssel bei Onkel Jean-Claude an: Alexis wäre ein Verschwender und Tante Angela wäre ihr Geld los, wenn Alexis so weiter machte. Tante Angela führte ein Unternehmen mit vielen Angestellten. Ihnen erzählte sie, dass ihre Nichte Athene wieder einen Taugenichts von einem Ehemann geheiratet hätte. Es täte ihr leid, dass ihre Angestellten so schlecht verdienten, aber das ganze Geld, was sie mit ihrem florierenden Unternehmen verdiente, bräuchte sie für den nichtsnutzigen neuen Ehemann ihrer Nichte Athene. Da wurden ihre Angestellten sauer auf Alexis, schwangen die Fäuste und schworen, nie wieder ihren Fuß über die Schwelle des Restaurants „Hellas“ zu setzen. Tante Angela stellte Alexis ein Ultimatum: Wenn Alexis, Athene und ihr Sohn nicht sofort zu Wasser und Brot zurückkehrten, wolle sie ihr Geld zurück. Und zwar sofort. Alexis erwiderte, Angela solle nicht vergessen, auch ihre Großväter Konrad und Ludwig hätten damals ihr Unternehmen nur dank eines großzügigen Kredits von Vetter Harry aus Amerika aufbauen können, nachdem es von Urgroßvater Adolf bis auf die Grundmauern niedergebrannt worden war. So schlimm sei es bei ihnen nicht, die Speiseräume wären noch gut erhalten mit vielen Säulen und Amphoren, er brauche nur eine neue Küche. Die Familie beriet sich. Onkel Jean-Claude glaubte nicht, dass man durch ehrliche Arbeit reich werden könne. Sein Wohlstand beruhte darauf, seinen Lieferanten immer nur einen Teil ihrer Rechnung zu bezahlen. Tante Angela war misstrauisch. Ihre Nichte Athene hatte immer Pech mit Männern gehabt. Warum sollte das jetzt anders sein? Außerdem gefiel ihr Alexis Speisekarte nicht. „Mir gäbet nix“ raunzte Wolfgang, Angelas Ehemann. Aber dann sagte jemand: „Es ist doch egal ob die Katze weiß oder schwarz ist – Hauptsache sie bringt uns unsere Mäuse wieder.“ Im Restaurant „Hellas“ schaute Athene mit zunehmender Bewunderung auf ihren neuen Mann. Sollte sie diesmal wirklich einmal Glück mit ihrem Mann gehabt haben? Würde er wirklich so gut kochen können, wie er versprach? Würde die Familie wirklich Kredit geben? Wie die Geschichte weitergegangen ist und was aus Athene, Alexis und dem kleinen Sissyphos geworden ist erzähle ich euch im nächsten Jahr.

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