Pikettymanie r > g – Andreas Bangemann

Wirtschaftsprofessor wird zum gefeierten „Pop-Star“ -

Thomas Piketty lehrt an der Pariser School of Economics und der „École des Hautes Études en Sciences Sociales“. Er brachte, zunächst in französischer, vor kurzem auch in englischer Sprache ein Buch heraus, das für beträchtlichen Wirbel sorgt:
„Das Kapital im 21. Jahrhundert“ [Ursprünglich sah der für die Übersetzung zuständige Verlag vor, erst Anfang 2015 die deutsche Fassung herauszubringen. Doch aufgrund des immensen Erfolges von mittlerweile weltweit mehr als 300.000 verkauften Exemplaren will man sich jetzt beeilen und das Werk ab Oktober 2014 an den Buchhandel ausliefern.]

Was versetzt Kommentatoren weltweit, aber vor allem die Ökonomen-Kollegen Pikettys an den Universitäten in eine Art Hochgefühl? Es lässt sich im Wesentlichen auf eine Erkenntnis zurückführen, die der Autor mit Hilfe aufwändig recherchierten Zahlenmaterials beweist:

Weil über einen längeren Zeitraum r > g ist, also die Einkommen aus Kapital (r) größer sind als das Wirtschaftswachstum (g), verschärft sich die Ungleichheit in der Gesellschaft zunehmend. Sowohl Reichtum bei Wenigen als auch Armut bei Vielen nimmt zu. Die Ungleichheit nimmt auf eine Weise zu, dass die Gesellschaft zu zerbrechen droht und die Demokratie gefährdet ist. Dabei überrascht am meisten die außergewöhnliche Anerkennung der Wissenschaftswelt gegenüber dieser im Grunde „einfachen“ Erkenntnis. Auf den Titelseiten der Wirtschaftspresse findet man Superlative, die man sonst nur aus der Welt des Showbusiness kennt. Piketty scheint einen „Nerv“ getroffen zu haben. Offenbar wurde eine Art aufgestauter Verzweiflung gelöst. Ein blinder Fleck in der Wirtschaftswissenschaft ist beleuchtet. Die Ökonomie hat die Erklärung für ein Phänomen gefunden, das es nach Maßgabe der etablierten Modelle im Grunde genommen nicht geben darf: Trotz zunehmendem materiellen Reichtum insgesamt und jahrzehntelangen
hohen Wachstumsraten „produziert“ die Wirtschaft eine dramatisch ansteigende Armut.

Doch welche Folgen zeitigt dieses neue Wissen? Kann sich der Kapitalismus aus sich selbst heraus erneuern und damit retten? Brauchen wir völlig neue Modelle? Die aktuelle „Pikettymanie“ ist ein untrügliches Indiz für die hermetisch von den realen Entwicklungen abgekoppelte Welt der Wirtschaftswissenschaften. Seit Jahrzehnten sind die „bahnbrechenden“ Erkenntnisse aus dem „Kapitel des 21. Jahrhunderts“ Gegenstand vieler Bücher. In „Expertenkreisen“ und den damit vernetzten politischen Einrichtungen nahm man sie nicht zur Kenntnis, weil die Autoren „interdisziplinär“ arbeiten und Quereinsteiger eher als „Querulanten“ denn als konstruktiv Beitragende wahrgenommen werden. So hat beispielsweise Prof. Günther Moewes in seinem 2004 erschienen Buch „Geld oder Leben“ mit eindrücklichen Worten und auf Basis nachvollziehbarer Daten auf die Entwicklung der Ungleichverteilung hingewiesen.[s. Seite 6 in dieser Ausgabe, Beitrag Günther Moewes]

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