Lebensbedrohende Überentwicklung – Helmut Creutz im Interview

Hel­mut Creutz:

„Von Über­ent­wick­lung spricht man, wenn sich etwas rascher ent­wi­ckelt als nor­mal. Wenn z. B. bei einem her­an­wach­sen­den Men­schen die Leber oder die Glied­ma­ßen rascher wach­sen als der gesam­te Orga­nis­mus. Oder wenn bei einem aus­ge­wach­se­nen Men­schen ein­zel­ne Kör­per­tei­le allei­ne wei­ter­wach­sen. Ent­spre­chend kann man von einer Über­ent­wick­lung der Schul­den spre­chen, wenn die­se rascher anwach­sen als der gesam­te Wirt­schafts­or­ga­nis­mus, also rascher als das Sozi­al­pro­dukt.“ Zitat aus „Das Geld-Syn­drom: Wege zu einer kri­sen­freie­ren Wirt­schafts­ord­nung“ —-

—-„Wie kaum ein ande­rer hast Du Fak­ten zusam­men­ge­tra­gen, die für sich spre­chen.
—-
—-Wel­che Dei­ner vie­len Recher­chen, bzw. des­sen Ergeb­nis hat Dich selbst am meis­ten über­rascht?“
—-
„Vor allem die Erkennt­nis, dass die Zins- und Zin­ses­zins­Ef­fek­te immer zu einer expo­nen­ti­ell zuneh­men­den Ent­wick­lungs­be­schleu­ni­gung füh­ren! – Kon­kret: Dass sich die Geld­ver­mö­gen und in deren Fol­ge die Ver­schul­dun­gen, in immer kür­ze­ren Zeit­ab­stän­den zu immer grö­ße­ren Bestands­grö­ßen auf­ad­die­ren – und dass zu deren Zins-Bedie­nung die Wirt­schaft stän­dig wach­sen muss! – Aus der Umwelt- und Frie­dens­be­we­gung kom­mend, kann­te ich bis­lang Zin­sen nur vom Spar­buch und leb­te in der Annah­me, dass die­se Zin­sen – in ähn­li­cher Höhe – auch als Kos­ten in allen Prei­sen ste­cken. Dass sie dar­in um ein Viel­fa­ches höher waren und sind, konn­te ich dann den Berech­nun­gen öffent­li­cher Prei­se ent­neh­men. So z. B. der Stadt Aachen, nach denen für Was­ser, Müll­ab­fuhr usw. Preis-Antei­le von 30, 40 oder mehr Pro­zent aus­ge­wie­sen wur­den. Und nach den Unter­la­gen des in den ers­ten Nach­kriegs-Jahr­zehn­ten täti­gen Bun­des­am­tes für Woh­nungs­bau, lagen die Zins­an­tei­le in den Mie­ten sogar bei 70 oder mehr Pro­zent. Die­se hohen Belas­tun­gen des Woh­nens ver­such­te man dann durch ver­bil­lig­te Bau-Dar­le­hen in die Nähe von 60 Pro­zent zu drü­cken. Den ent­schei­den­den Denk­an­stoß zur Befas­sung mit die­sem The­ma Geld und Zins erhielt ich dann durch einen Leser mei­nes ‚Schul­ta­ge­bu­ches‘, einem Anhän­ger der mir bis dahin unbe­kann­ten und von Sil­vio Gesell aus­ge­hen­den Geld­re­form-Bewe­gung. Erkennt­nis­se, die mir dann, vor allen über das Sam­meln ent­spre­chen­der sta­tis­ti­scher Daten und deren gra­fi­schen Umset­zun­gen, immer deut­li­cher wur­den. So z. B. durch Ver­glei­che der Sche­ren­öff­nun­gen zwi­schen Leis­tung und Geld­ver­mö­gen, der Arbeits­lo­sig­keit bzw. Fir­men­plei­ten mit den Zins­satz-Ver­än­de­run­gen, oder der unter­schied­li­chen Zins­an­tei­le in den Prei­sen und deren Aus­wir­kun­gen usw. – Zusam­men­hän­ge, die mir dann, durch gra­fi­sche Umset­zun­gen, beson­ders deut­lich wur­den.“
—-
„Sind die nega­ti­ven Zin­sen, die der­zeit die Dis­kus­sio­nen um die EZB-Poli­tik heiß lau­fen las­sen, die Fol­ge einer bewusst gewoll­ten Geld­po­li­tik?“
—-
„Das ist zwei­fel­los der Fall! Aller­dings geht es bei die­sen Maß­nah­men nur um die rela­tiv klei­nen Pos­ten von Zen­tral­bank­geld, die von den Ban­ken bei der ZB gehal­ten wer­den. Und dabei wie­der­um vor allem um den Ver­such, die Leit­zin­sen wie­der an jenes ‚unter-aber-nahe-zwei-Prozent‘-Ziel der EZB her­an­zu­füh­ren, um sich von der gefähr­li­chen Defla­ti­ons­gren­ze deut­li­cher abzu­gren­zen.“
—-
„Wie beur­teilst Du die deut­li­che Zunah­me der wert­schät­zen­den Erwäh­nung von Sil­vio Gesells Lösungs­vor­schlag einer Gebühr auf Bar­geld durch aner­kann­te Exper­ten?“
„Die­se erfreu­li­chen Erin­ne­run­gen an Gesell dürf­ten vor allem als Fol­ge der inzwi­schen bei der EZB auf­ge­tauch­ten ‚Null-Zins-Grö­ßen‘ aus­ge­löst wor­den sein. Man kann nur hof­fen, dass die­ses The­ma – wie ja bei über­gro­ßen täg­lich künd­ba­ren Bank­ein­la­gen in Ein­zel­fäl­len schon der Fall – wei­te­re Krei­se zieht. Das vor allem im Hin­blick auf das Bar­geld, dem Schlüs­sel zu allen Bank­ein­la­gen. Ob die­ser Schritt wei­te­re Kon­se­quen­zen nach sich zieht, so z. B. im Hin­blick auf die Umlauf­si­che­rung des Gel­des und deren Umset­zung durch Geld­hal­te­kos­ten, bleibt abzu­war­ten. Erin­nern soll­te man sich dabei auch der Aus­sa­gen, die John May­nard Keynes bereits zwi­schen den bei­den Welt­krie­gen des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts dazu gemacht hat.“
—-
„Par­al­lel zu den sich wei­ter akku­mu­lie­ren­den Geld­ver­mö­gen in den Hän­den weni­ger, ent­wi­ckeln sich welt­weit beängs­ti­gen­de Brand­her­de, die eine zuneh­men­de Kriegs­ge­fahr auch bei uns ber­gen. Gibt es einen Zusam­men­hang zwi­schen Krieg und Wirt­schaft? Dro­hen gar sich anbah­nen­de, wün­schens­wer­te Erneue­run­gen in einem leid­vol­len Krieg unter­zu­ge­hen?“
—-
„Die­se Gefahr trifft lei­der zu. Das vor allem vor dem Hin­ter­grund der sich aus dem Geld­be­reich erge­ben­den poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und sozia­len Pro­blem-Ent­wick­lun­gen. Außer­dem bie­ten Rüs­tungs­aus­wei­tun­gen oder gar Krie­ge und vor allem auch der anschlie­ßen­de Wie­der­auf­bau, Chan­cen für ein erneu­tes bzw. zusätz­li­ches Wirt­schafts­wachs­tum und damit einer Wie­der­ho­lung der heu­ti­gen Ver­mö­gens-Kon­zen­tra­tio­nen.“
—-

PDF-Datei her­un­ter­la­den (Datei­grö­ße: 285KB)

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.